Indessen starb der Fürst weder im Traum noch in der Wirklichkeit. Es ist
möglich, daß er in dieser Zeit schlecht schlief und schlechte Träume
hatte. Doch am Tage und unter Menschen war er immer freundlich und
schien sogar zufrieden zu sein. Nur bisweilen war er ganz in Gedanken
versunken, doch geschah das gewöhnlich nur dann, wenn er allein in
seinem Zimmer saß. Die Vorbereitungen zur Hochzeit, die etwa eine Woche
nach dem Besuch Jewgenij Pawlowitschs stattfinden sollte, wurden eifrig
und eilig betrieben. Angesichts dieser Eile aber mußten wohl selbst die
besten Freunde des Fürsten, falls es solche überhaupt noch gab, ihre
Bemühungen, den unglücklichen Sonderling zu »retten«, aufgeben. Es ging
das Gerücht, daß Jewgenij Pawlowitsch zum Teil auch vom General Iwan
Fedorowitsch und dessen Gattin Lisaweta Prokofjewna zu diesem Besuch
beim Fürsten veranlaßt worden war. Aber selbst wenn diese beiden in
ihrer großen Herzensgüte den »armen Jungen« von jenem Abgrunde hätten
zurückhalten wollen, in den er sich hinabzustürzen im Begriff war, so
mußten sie sich doch mit diesem einen schwachen Versuch begnügen: die
Rücksicht auf ihre Stellung würde ihnen schwerlich ernstliche Bemühungen
erlaubt haben, auch wenn ihr verwundetes Elternherz die Kränkung ganz
hätte vergessen können, was wohl ausgeschlossen war. Wie bereits
erwähnt, hatte sich sogar Wjera Lebedewa von dem Fürsten abgewandt, wenn
auch nicht so sehr aus Ärger, als aus Kummer über ihn, was sich freilich
nur darin ausdrückte, daß sie, wenn sie allein war, still über ihn
weinte und seltener in seiner Wohnung erschien. Koljä verlor in dieser
Zeit seinen Vater: der alte General starb an einem zweiten Schlaganfall,
acht Tage nach dem ersten. Der Fürst nahm großen Anteil an dem Leide,
das Nina Alexandrowna betroffen hatte. In den ersten Tagen verbrachte er
mehrere Stunden bei ihr und wohnte sowohl dem Begräbnis wie der
Totenmesse bei. Es fiel allgemein auf, daß das Publikum in der Kirche
beim Eintritt des Fürsten unwillig flüsterte, und ebenso, als er die
Kirche verließ. Dasselbe geschah jetzt auch auf der Straße, im Park, und
wo er sich nur zeigte: wenn er vorüberging oder -fuhr, steckte man
sofort die Köpfe zusammen, um zu tuscheln und mit dem Finger nach ihm zu
weisen. Man nannte dann seinen Namen, sowie den Nastassja Filippownas.
In der Kirche suchte man sie übrigens in seiner Nähe, doch war sie nicht
erschienen. Desgleichen schaute man vergeblich nach der Kapitanscha aus,
der Freundin des Verstorbenen, doch Lebedeff hatte sie noch rechtzeitig
zurückdrängen und ihr einen »anderen Standpunkt« klarmachen können. Die
Totenmesse machte auf den Fürsten einen ergreifenden, aber krankhaften
Eindruck. Auf Lebedeffs leise geflüsterte Frage antwortete er ebenso
leise, daß er zum erstenmal einer russischen Totenmesse beiwohne; in der
Kindheit sei er wohl einmal bei der Feier zugegen gewesen, und zwar in
einer Dorfkirche, doch entsinne er sich ihrer kaum noch.
»Ja, das ist schon so ... und wenn man bedenkt, daß das da im Sarge
derselbe Mensch ist, den wir noch vor kurzem unter uns gehabt haben --
wissen Sie noch, damals an Ihrem Geburtstage?« flüsterte Lebedeff dem
Fürsten weiter zu. »Doch -- wen suchen Sie?«
»N--ein, nichts, es schien mir nur so ...«
»Rogoshin vielleicht?«
»Ist er hier?«
»Jawohl, in der Kirche.«
»Deshalb ... es war mir, als hätte ich seine Augen gesehen,« murmelte
der Fürst verwirrt. »Aber wie ... wie kommt er hierher? Hat man ihn
eingeladen?«
»Nicht gedacht daran! Er ist doch kein Bekannter der Familie. Hier sind
aber alle möglichen Leute, eben Publikum. Weshalb wundert Sie das? Ich
begegne ihm jetzt sehr oft: in der letzten Woche habe ich ihn etwa
viermal hier in Pawlowsk gesehen.«
»Ich habe ihn noch kein einziges Mal gesehen ... seit jenem Tage,«
murmelte der Fürst.
Auch Nastassja Filippowna hatte ihm noch kein einziges Mal gesagt, daß
sie Rogoshin nach »jenem Tage« gesehen hätte. Der Fürst schloß daraus,
daß Rogoshin sich ihnen absichtlich nicht zeigen wollte. Von dem Tag und
Augenblick an, da er Rogoshin gesehen, war der Fürst in Gedanken
versunken. Nastassja Filippowna war dagegen von diesem Tage und Abend an
ausnehmend lustig. --
Koljä, der sich mit dem Fürsten schon vor dem Tode seines Vaters wieder
ausgesöhnt hatte, war es gewesen, der diesem -- zumal die Sache so eilig
war -- Keller und Burdowskij als Trauzeugen vorgeschlagen hatte. Er
bürgte für Keller, daß dieser sich »anständig aufführen« würde:
eventuell »käme er sogar zustatten«. Burdowskij aber sei ein stiller,
bescheidener Mensch, der seine Aufgabe auch gut erledigen würde. Nina
Alexandrowna und Lebedeff machten zwar den Fürsten darauf aufmerksam --
da nun die Hochzeit einmal beschlossen und auch der Tag bereits
festgesetzt war --, daß es schließlich nicht notwendig sei, sich gerade
in Pawlowsk und noch mitten im Sommer und so öffentlich trauen zu
lassen. Und sie warfen die Frage auf, ob da nicht Petersburg vorzuziehen
sei -- und vielleicht sogar eine Trauung im Hause? Der Fürst erriet
natürlich ihre Befürchtungen, antwortete jedoch nur kurz und einfach,
daß es der ausdrückliche Wunsch Nastassja Filippownas sei, in Pawlowsk
und öffentlich getraut zu werden.
Am Tage darauf erschien Keller beim Fürsten. Er war bereits davon
benachrichtigt, daß der Fürst ihn zum Trauzeugen gewählt hatte. Bevor er
jedoch eintrat, blieb er stramm auf der Türschwelle stehen. Als er dann
den Fürsten erblickte, erhob er die rechte Hand, drei Finger aufrecht,
wie zum Schwur, und sagte, als leiste er einen Eid:
»Keinen Tropfen!«
Darauf trat er militärisch auf den Fürsten zu, drückte und schüttelte
ihm kraftvoll beide Hände und erklärte, daß er zuerst, als er von dieser
Heirat erfahren, ihr natürlich feindlich gegenübergestanden, was er auch
beim Billardspiel offen erklärt habe, beides aber aus keinem anderen
Grund als dem einen, daß er als aufrichtiger Freund den Fürsten täglich
mit keiner anderen verlobt zu sehen gewünscht habe, als mit einer
Prinzessin; jetzt aber sehe er ein, daß der Fürst zum allermindesten
zwölfmal edler denke, als er und die übrigen »allesamt«! Denn er, der
Fürst, bedürfe nicht des Glanzes und Reichtums und nicht einmal der
Ehren, sondern einzig -- der Wahrheit! Die Gründe der Sympathien
Hochgestellter seien nur zu bekannt, der Fürst aber stehe allein schon
infolge seiner Bildung höher als alle Hochgestellten, im allgemeinen
gesprochen. »Doch der Pöbel urteilt anders!« fuhr er fort. In ganz
Pawlowsk sei von nichts anderem die Rede, als von dieser bevorstehenden
Hochzeit. Ja, man wolle sogar in der ersten Nacht eine Katzenmusik unter
seinen Fenstern machen usw. usw. Und wenn der Fürst der Pistole eines
Verteidigers bedürfe, so sei er, Keller, sofort bereit, ein halbes
Dutzend Kugeln in die Menge zu feuern, oder ebenso vielen seine Brust zu
bieten. Ferner habe er Lebedeff den Rat erteilt, auf dem Hofe seiner
Datsche eine Feuerspritze in Bereitschaft zu halten, um bei der Rückkehr
aus der Kirche die Volksmenge in Respekt zu halten, doch Lebedeff habe
sich dem widersetzt. »Gott soll mich davor bewahren,« habe er gesagt,
»dann bliebe von meinem ganzen Hause kein Splitter mehr übrig.«
»Aber dieser Lebedeff intrigiert gegen Sie, bei Gott, Fürst!« beteuerte
Keller. »Er will Sie unter Vormundschaft stellen -- können Sie sich das
vorstellen? -- und nicht nur Sie allein, sondern auch Ihren freien
Willen und Ihr Geld -- also Sie mitsamt den zwei wichtigsten Dingen, die
einen jeden von uns von den Vierfüßlern unterscheiden! Ich weiß es ganz
genau! Wahrhaftig! Es ist so!«
Der Fürst entsann sich, auch selbst schon etwas Ähnliches gehört zu
haben, doch hatte er es natürlich nicht weiter beachtet. Auch über
Kellers Mitteilung lachte er nur und vergaß sie sogleich wieder.
Lebedeff hatte sich eine Zeitlang tatsächlich mit diesem Gedanken
getragen. Die Pläne dieses Menschen entstanden immer irgendwie auf
höhere Eingebung -- »aus reinster Begeisterung«, wie er selbst
behauptete --, doch sein Übereifer verkomplizierte sie sogleich, worauf
sie sich dann immer mehr verzweigten und von dem Ausgangspunkt in alle
nur möglichen Richtungen sich entfernten. Deshalb gelang ihm auch selten
etwas Größeres im Leben. Als er dann später, am Tage vor der Hochzeit,
zum Fürsten kam -- er hatte die Angewohnheit, stets zu denjenigen
gleichsam zur Beichte zu gehen, gegen die er intrigiert hatte,
namentlich wenn ihm die Intrige mißlungen war --, erklärte er ihm, daß
er zweifellos zu einem Talleyrand geboren sei, selbst sich aber nicht zu
erklären vermöge, warum er bloß ein Lebedeff geblieben sei. Darauf
deckte er ihm seine ganze Intrige auf, die den Fürsten natürlich sehr
interessierte. Nach seinen Worten hatte er damit begonnen, daß er sich
die Protektion hochgestellter Personen zu sichern gesucht, auf die er
sich im Notfall hätte stützen können. So war er zuerst zum General
Jepantschin gegangen. Dieser sei sehr verwundert gewesen, habe dem
»jungen Manne« alles Gute gewünscht, jedoch kategorisch erklärt, daß er,
»so sehr er ihn auch zu retten wünschte«, sich ein Einmischen in die
Angelegenheiten des Fürsten »aus wohl recht begreiflichen Gründen« nicht
erlauben könne. Lisaweta Prokofjewna aber habe ihn weder anhören noch
sehen wollen, und Jewgenij Pawlowitsch wie auch Fürst Sch. hätten nur
mit den Händen abgewinkt. Dessenungeachtet habe er, Lebedeff, den Mut
jedoch nicht sinken lassen und sich zu einem Juristen _comme il faut_
und ehrenwerten Greise -- seinem großen Freunde und fast sogar Wohltäter
-- begeben, um sich mit diesem zu beraten. Dieser habe die Sache »für
durchaus durchführbar« erklärt, wofern er kompetente Zeugen für die
geistige Unzurechnungsfähigkeit des Fürsten oder dessen Wahnsinn
aufstellen könne -- doch die Hauptsache bliebe nichtsdestoweniger die
höhere Protektion. Lebedeff hatte hierauf einen Arzt -- einen bejahrten
Herrn mit dem Annenorden auf der Brust, der gleichfalls in Pawlowsk
seine Datsche besaß -- »einzig zu dem Zweck, um vorläufig, ganz harmlos
und freundschaftlich, einmal zu sondieren«, zum Fürsten gebracht, mit
der Bitte, ihm nachher unter vier Augen sein ärztliches Urteil zu sagen.
Der Fürst entsann sich noch sehr gut dieses Besuchs: Lebedeff hatte ihm
am Abend vorher hoch und heilig versichert, daß er krank sei und eine
Arznei einnehmen müsse, doch der Fürst war dazu nicht zu bewegen
gewesen. Da war Lebedeff am nächsten Morgen mit besagtem Arzt beim
Fürsten erschienen, unter dem Vorwande, daß der Herr Doktor, mit dem er
soeben bei Hippolyt Terentjeff gewesen, dem Fürsten über den Zustand des
Kranken einiges mitteilen wolle. Der Fürst hatte Lebedeff seinen Dank
ausgesprochen und den Arzt sehr freundlich empfangen. Der Arzt hatte ihn
gebeten, ihm jenen Selbstmordversuch Hippolyts ausführlicher zu
schildern, und der Fürst hatte ihn durch seine Wiedergabe ungemein zu
interessieren gewußt. Darauf war das Gespräch auf das Petersburger Klima
übergegangen, dann hatten sie von der Krankheit des Fürsten gesprochen,
über die Schweiz und den Professor Schneider. Der Fürst hatte ihm
Schneiders Heilmethode erklärt und das Interesse des Arztes in solchem
Maße gefesselt, daß dieser ganze zwei Stunden bei ihm geblieben war. Bei
der Gelegenheit hatte er die wundervollen Zigarren geraucht, die ihm der
Fürst angeboten, und den vorzüglichen Likör getrunken, den Wjera
Lebedewa gebracht hatte, wofür er ihr, obgleich er ein älterer
verheirateter Mann und Familienvater war, ganz besondere Komplimente
gesagt, so daß Wjera tief empört hinausgegangen war. Vom Fürsten hatte
er sich in der freundschaftlichsten Weise verabschiedet, um darauf
Lebedeff unter vier Augen zu fragen, wen man denn zu Vormündern wählen
sollte, wenn man solche Leute, wie den Fürsten, unter Vormundschaft
stellen wollte. Auf Lebedeffs geradezu tragische Darstellung des
Bevorstehenden, hatte der Arzt nur lächelnd gemeint, daß noch ganz
andere Damen geheiratet würden, daß Nastassja Filippowna, wenigstens
soviel er gehört habe, eine berückende Schönheit sei, was allein schon
als Erklärung genügen würde: außerdem besitze sie aber auch noch Geld
von Tozkij und Rogoshin, besitze Perlen und Brillanten, kostbare Möbel
und Teppiche und Kunstwerke ... deshalb beweise diese Wahl des Fürsten
nicht etwa Dummheit oder Wahnsinn, sondern sogar einen sehr praktischen
Sinn und offenen Kopf, weshalb er, der Arzt, das gewünschte Attest nicht
ausstellen könne ... Und damit war er weggegangen. Lebedeff aber war
ganz verdutzt zurückgeblieben, bis er sich dann gesammelt und mit dem
Finger vor die Stirn getippt hatte -- »denn das war ein Gedanke,«
erzählte er dem Fürsten, »jetzt aber,« fuhr er fort, »jetzt aber werden
Sie außer innigster Ergebenheit und aufrichtigster Bereitwilligkeit zu
jedem Opfer nichts anderes von mir erfahren, dessen versichere ich Sie
-- sintemal es der Zweck meines Besuchs war, Sie dessen zu versichern.«
Auch Hippolyt hatte den Fürsten in diesen letzten Tagen durch seine
häufigen Aufforderungen, ihn zu besuchen, vom einsamen Grübeln
abgelenkt. Die Kapitanscha hatte mit ihren übrigen drei Kindern
gleichfalls Petersburg verlassen und in Pawlowsk ein kleines Häuschen
gemietet, wo sie nun wieder alle zusammen lebten. Hippolyts kleine
Geschwister flüchteten vor dem tyrannischen Bruder in den Garten, und so
konnte er ihnen nichts anhaben; dafür aber war die arme Kapitanscha ihm
vollkommen preisgegeben und wurde natürlich sehr durch seine Launen
gequält. Der Fürst mußte ewig den Friedensrichter spielen, wofür ihn
Hippolyt seine »Kinderfrau« nannte, was ein Ausdruck seiner dankbaren
Anerkennung sein sollte; doch gleichzeitig schien er es vor sich selbst
nicht zu wagen, ihn wegen dieser Rolle des Friedensstifters -- nun,
sagen wir, nicht zu verachten. Über Koljä war er einfach empört, weil
dieser sich fast gar nicht bei ihm zeigte. Auf die Einwendungen des
Fürsten, daß es doch nur natürlich sei, wenn er bei seinem sterbenden
Vater, und nach dessen Tode bei seiner verwitweten Mutter bliebe,
entgegnete Hippolyt nichts, doch sah man es ihm an, daß er diese
Erklärungen nicht gelten lassen wollte. Endlich wählte der Kranke zur
Zielscheibe seines Spottes die bevorstehende Hochzeit des Fürsten und
verletzte und beleidigte ihn so lange, bis dieser schließlich seine
Geduld verlor und bei sich beschloß, ihn nicht mehr zu besuchen. Doch
schon am zweiten Tage erschien die Kapitanscha in Tränen aufgelöst beim
Fürsten und bat ihn flehentlich, doch wieder hinzukommen, da ihr Sohn
sie sonst noch umbringen würde. Sie fügte hinzu, daß er ihm ein großes
Geheimnis mitzuteilen habe. Der Fürst ging. Hippolyt wünschte, sich mit
ihm zu versöhnen und vergoß Tränen, nach den Tränen aber ärgerte er sich
sogleich wieder über den Fürsten, nur wagte er diesmal nicht, seinen
Ärger offen zu zeigen. Sein Zustand war sehr schlecht: alle Symptome
deuteten darauf hin, daß er jetzt bald sterben würde. Ein »großes
Geheimnis« hatte er nicht mitzuteilen: alles, was er zu sagen hatte,
waren vor Aufregung -- einer vielleicht künstlich vorgetäuschten
Aufregung -- geradezu atemlose, stürmische, drängende Bitten, sich »vor
Rogoshin in acht zu nehmen«.
»Dieser Mensch ist nicht so einer, der sich das Seinige nehmen läßt! Der
ist nicht von unserer Sorte, Fürst! Wenn der etwas will, dann wird er
vor nichts mehr zurückschrecken!« usw. usw.
Der Fürst bat ihn um nähere Erklärungen, bat um Beweise, Anhaltspunkte,
doch Hippolyt konnte ihm hierauf nichts anderes sagen, als daß es seine
persönlichen Empfindungen und Eindrücke wären. Zu seiner großen
Genugtuung gelang es ihm zum Schluß, den Fürsten unsäglich zu
erschrecken. Zuerst hatte der Fürst auf einzelne seiner Fragen nicht
antworten wollen und über den Rat, so schnell wie möglich ins Ausland zu
fliehen und sich dort irgendwo von einem russischen Geistlichen trauen
zu lassen, nur gelächelt. Darüber hatte sich Hippolyt dann geärgert.
»Ich fürchte ja doch nur für Aglaja Iwanowna!« hatte er gesagt.
»Rogoshin weiß ganz genau, wie sehr Sie sie lieben. Also Liebe gegen
Liebe: Sie haben ihm Nastassja Filippowna genommen -- dafür wird er
Aglaja Iwanowna ermorden, denn wenn sie jetzt auch nicht Ihnen gehört,
so wäre es für Sie doch ein schwerer Schlag, nicht wahr?«
Und damit hatte er endlich sein Ziel erreicht: der Fürst war wie halb
wahnsinnig von ihm fortgegangen.
Das war am Abend vor der Hochzeit gewesen. Der Fürst begab sich zu
Nastassja Filippowna, doch auch sie war nicht imstande, ihn zu beruhigen
-- im Gegenteil: in der letzten Zeit hatte sie seine innere Unruhe nur
vergrößert. Früher, d. h. zu Anfang ihrer Brautschaft und noch vor ein
paar Tagen, hatte sie, wenn er bei ihr war, sich geradezu krampfhaft
angestrengt, ihn mit allem möglichen zu erheitern, da die Traurigkeit in
seinen Augen sie entsetzlich quälte. Sie hatte sogar versucht, ihm
Lieder vorzusingen, um ihn zu zerstreuen -- doch am häufigsten erzählte
sie ihm heitere Geschichten und alles, was ihr nur Spaßiges einfiel. Der
Fürst tat dann immer, als lache er aufrichtig, bisweilen aber mußte er
auch wirklich lachen über ihre amüsante Art zu erzählen, wenn sie sich
hinreißen ließ -- und sie ließ sich oft hinreißen. -- Dann freute er
sich über ihre Beobachtungsgabe und ihren guten und geistreichen Humor.
Wenn sie ihn dann lachen sah und merkte, daß ihre Erzählung ihm gefallen
hatte, war sie immer ganz begeistert und ganz stolz. Doch je näher dann
der Hochzeitstag heranrückte, um so nachdenklicher und düsterer wurde
ihr Gesicht, das dem Fürsten fast mit jeder Stunde trauriger erschien.
Wenn er nicht seine bestimmte Meinung über sie gehabt hätte, wäre ihm
jetzt wohl alles an ihr rätselhaft und unheimlich erschienen, doch so
glaubte er unerschütterlich daran, daß sie noch »auferstehen« könne. Er
hatte Jewgenij Pawlowitsch die Wahrheit gesagt: daß er sie aufrichtig
liebe. Doch seine Liebe zu ihr war wie die Liebe zu einem armen kranken
Kinde, das man unmöglich ganz verlassen kann. Er erklärte niemandem die
Gefühle, die er für sie empfand, auch ihr nicht. Überhaupt sprachen sie
beide nie von »Gefühlen«, ganz als hätten sie sich gegenseitig
geschworen, über diesen Punkt zu schweigen. An ihrer gewöhnlichen
Unterhaltung, die heiter und lebhaft war, konnte ein jeder teilnehmen.
Wie Darja Alexejewna später erzählte, hatte sie ihre wahre Freude an
ihnen gehabt und sich nicht sattsehen können an ihnen.
Die Auffassung, die der Fürst von Nastassja Filippownas seelischem und
geistigem Zustande hatte, bewahrte ihn zum Teil auch vor vielen sonst
sehr leicht möglichen Mißverständnissen. Er sah jetzt ein ganz anderes
Weib vor sich, als jenes, das er vor drei Monaten gekannt hatte. Deshalb
dachte er jetzt auch nicht mehr darüber nach, weshalb sie damals kurz
vor der Trauung mit ihm, nach Tränen, Verwünschungen und Vorwürfen,
davongelaufen war. »Also fürchtet sie jetzt nicht mehr, daß ich durch
diese Heirat unglücklich werden könnte,« dachte der Fürst. Ein so
plötzlicher Glaube an sich konnte aber seiner Meinung nach nicht
natürlich bei ihr sein. Und einzig auf ihren Haß gegen Aglaja konnte er
diesen Glauben doch auch nicht zurückführen: Nastassja Filippownas
Gefühle waren tiefer, das wußte er. Und auch nicht auf die Angst vor
Rogoshin? Nein! Unmöglich! Alle diese Gründe konnten möglicherweise
einiges dazu beitragen, doch war es ihm vollkommen klar, daß hier gerade
das vor sich ging, was er schon lange geahnt und was ihre arme kranke
Seele nicht ertragen hatte. Diese Erkenntnis aber konnte ihm, wenn sie
ihn auch vor Mißverständnissen bewahrte, keine Ruhe gewähren ... nicht
einmal aufatmen konnte er. Oft schien er sich zu bemühen, an nichts zu
denken. Die Ehe betrachtete er offenbar nur als irgendeine unwichtige
Formalität; sein eigenes Schicksal aber schätzte er gar zu gering, um
darüber nachzudenken. Was jedoch seine Antworten auf direkte Fragen, zum
Beispiel sein Gespräch mit Jewgenij Pawlowitsch betraf, so fühlte er
sich in diesen Fragen vollkommen unkompetent, und deshalb vermied er
auch alle ähnlichen Gespräche.
Er hatte übrigens bemerkt, daß Nastassja Filippowna sehr gut begriff,
was Aglaja für ihn war. Sie sprach nur nicht davon, aber er erriet es
aus ihrem Blick, wenn sie sah, daß er aufbrach, um wieder zu
Jepantschins zu gehen. Als diese dann Pawlowsk verließen, atmete sie
geradezu wie erlöst auf. Wie harmlos der Fürst aber auch sonst sein
mochte, in diesem Fall hatte ihn doch der Gedanke beunruhigt, Nastassja
Filippowna könnte sich zu irgendeinem Skandal entschließen, um Aglaja
einen weiteren Aufenthalt in Pawlowsk unmöglich zu machen. Wurde doch
das Gerede über die bevorstehende Hochzeit zum Teil von Nastassja
Filippowna mit Absicht geschürt, um ihre Rivalin zu reizen und zu
kränken. Da nun Jepantschins nach dem Ereignis weder im Park noch
sonstwo anzutreffen waren, hatte Nastassja Filippowna beschlossen,
einmal, wenn sie mit dem Fürsten spazierenfuhr, an der Villa Jepantschin
vorüberzufahren. Der Fürst bemerkte es, wie gewöhnlich, erst dann, als
es nicht mehr zu ändern war und der Wagen die Villa bereits erreicht
hatte. Er erschrak und erbleichte: er sagte kein Wort, war aber dann
zwei Tage krank. Seitdem wiederholte Nastassja Filippowna so etwas nicht
mehr. In den letzten Tagen vor der Hochzeit fiel es ihm auf, daß sie oft
wie in Gedanken versunken dasaß, wenn sie sich auch immer wieder
zusammennahm, die Trübsal verscheuchte und wieder heiter wurde; aber
diese Heiterkeit war dann doch stiller, gedämpfter, sie war nicht so
glückselig heiter, wie früher -- vor noch so kurzer Zeit. Da verdoppelte
der Fürst seine Aufmerksamkeit. Es wunderte ihn, daß sie niemals von
Rogoshin sprach. Nur ein einziges Mal, etwa fünf Tage vor der Hochzeit,
war plötzlich von Darja Alexejewna ein Bote bei ihm erschienen, mit der
Bitte, sogleich hinzukommen, da es mit Nastassja Filippowna sehr
schlecht stünde. Der Fürst fand sie auch wirklich in einem so
beängstigenden Zustande vor, daß er schon glaubte, sie sei jetzt
wirklich und vollkommen wahnsinnig geworden: sie schrie, zitterte und
beteuerte, Rogoshin sei im Garten oder habe sich im Hause versteckt --
und er werde sie in der Nacht umbringen ... ermorden! Den ganzen Tag
konnte sie sich nicht beruhigen. Doch zum Glück erfuhr der Fürst am
Abend, als er auf einen Augenblick bei Hippolyt versprach, von der
Kapitanscha, die gerade aus Petersburg zurückgekommen war, daß Rogoshin
bei ihr in ihrer Stadtwohnung gewesen sei und sich nach den Ereignissen
in Pawlowsk erkundigt habe. Auf die Frage des Fürsten, wann sie mit ihm
gesprochen, nannte die Kapitanscha fast dieselbe Stunde, in der
Nastassja Filippowna ihn im Garten zu sehen gemeint hatte. Es war also
nur eine Halluzination gewesen. Nastassja Filippowna ging sogleich,
nachdem sie das erfahren hatte, selbst zur Kapitanscha, um sich von ihr
noch alles Nähere mitteilen zu lassen, und war dann ganz beruhigt.
Am Abend vor der Hochzeit verließ der Fürst sie in bester Stimmung: aus
Petersburg waren von der Modistin die Toiletten angelangt, das
Brautkleid, der Kopfschmuck usw. usw. Der Fürst hatte es eigentlich
nicht erwartet, daß die Toiletten sie in einem solchen Maße
interessieren würden. Er selbst lobte alles, was sie ihm zeigte, und
sein Lob machte sie noch glücklicher. Da verriet sie ihm plötzlich, daß
sie über die Empörung der Pawlowsker vollkommen unterrichtet war, ja sie
wußte sogar -- sagte sie -- daß einzelne Galgenstricke eine Katzenmusik,
Spottlieder und was nicht noch alles vorbereiteten und die übrige
Gesellschaft es fast guthieß. Nun, und da wollte sie denn jetzt den Kopf
noch höher erheben, wollte sie alle blenden durch die Schönheit ihres
Gewandes, ihren Geschmack und ihr Auftreten -- »mögen sie dann doch
schreien und pfeifen, wenn sie es noch wagen!« Und ihre Augen blitzten
bei diesen Worten. Im geheimen dachte sie aber noch an etwas anderes:
sie dachte, Aglaja würde vielleicht irgend jemand hinschicken, um,
ungesehen von ihr, sie beobachten zu lassen, und Nastassja Filippowna
bereitete sich für den Fall vor. Noch ganz mit diesen Gedanken
beschäftigt, trennte sie sich gegen elf Uhr vom Fürsten, den sie am
nächsten Tage nach altem russischen Brauch nicht früher als in der
Kirche wiedersehen sollte. Doch noch hatte es nicht Mitternacht
geschlagen, als wieder jemand von Darja Alexejewna zu ihm gelaufen kam:
er solle schnell hinkommen, es stehe sehr schlecht. Er fand seine Braut
im Schlafzimmer, in Tränen aufgelöst, verzweifelt, rasend. Es verging
eine ganze Weile, bis sie überhaupt vernahm, was man hinter der
verschlossenen Tür zu ihr sprach; doch dann kam sie zur Tür, ließ nur
den Fürsten zu sich ins Zimmer, verschloß sogleich wieder die Tür und
warf sich ihm zu Füßen. Wenigstens erzählte so Darja Alexejewna, die
einiges gesehen und gehört hatte.
»Was tue ich! Was tue ich! Was bin ich im Begriff, mit dir zu tun!«
stieß sie verzweifelt hervor, indem sie krampfhaft seine Füße
umklammerte.
Der Fürst verbrachte eine ganze Stunde bei ihr; was sie sprachen, wissen
wir nicht. Darja Alexejewna wußte nur zu sagen, daß sie sich nach einer
Stunde versöhnt und glücklich getrennt hatten. Der Fürst schickte in
dieser Nacht noch einmal zu Darja Alexejewna, um sich nach Nastassja
Filippownas Befinden zu erkundigen, und erhielt die Nachricht, daß sie
beruhigt eingeschlafen sei. Am Morgen, noch bevor sie aufgewacht war,
erschienen wieder zwei Abgesandte vom Fürsten, doch erst der dritte
konnte ihm mitteilen, daß sie von einem ganzen Schwarm Menschen umgeben
sei: da seien Schneiderinnen, Zofen und Friseure, von der gestrigen
Stimmung aber wäre keine Spur mehr vorhanden, die Toilette nehme sie
ganz in Anspruch, wie es bei einer solchen Schönheit anders ja auch gar
nicht möglich und zu erwarten sei, und augenblicklich fände gerade eine
große Beratung statt wegen des Schmucks, welche Brillanten oder Perlen
sie wählen sollte. Da war der Fürst denn vollkommen beruhigt.
Die Trauung sollte um acht Uhr abends stattfinden. Nastassja Filippowna
war bereits um sieben mit ihrer Brauttoilette fertig. Schon um sechs Uhr
begannen sich allmählich Neugierige vor der Villa Lebedeffs und vor dem
Hause Darja Alexejewnas anzusammeln und nach sieben begann sich auch die
Kirche zu füllen. Wjera Lebedewa und Koljä war um den Fürsten
entsetzlich bange, sie hatten aber wenig Zeit, daran zu denken, denn es
gab für sie im Hause viel zu tun: in der Villa des Fürsten sollte
nämlich nach der Trauung das Diner eingenommen werden. Teilnehmer
sollten daran außer den Trauzeugen nur noch Ptizyns, Ganjä, der Arzt mit
dem Annenorden und Darja Alexejewna sein. Als der Fürst Lebedeff
verwundert fragte, weshalb er denn den Arzt eingeladen hatte, antwortete
dieser selbstzufrieden:
»'n Orden! 'n ehrenwerter alter Mann! So 'was macht einen guten
Eindruck!« Da mußte der Fürst lächeln.
Keller und Burdowskij sahen in Frack und weißen Handschuhen sehr
anständig aus. Nur flößte Keller dem Fürsten wie den anderen doch einige
Besorgnis ein durch seine offenkundige Neigung zum Faustkampf, denn die
Blicke, die er auf diese »elenden Maulaffen« warf, verrieten nichts
weniger als friedliche Gesinnung. Um halb acht begab sich der Fürst in
einer geschlossenen Equipage zur Kirche. Es sei hier erwähnt, daß es
sein ausdrücklicher Wunsch gewesen war, daß alle üblichen Formalitäten
genau beobachtet werden sollten: alles sollte öffentlich, nach altem
Brauch »wie es sich gehört«, geschehen. In der Kirche empfing ihn die
Menge mit lebhaftem Geflüster und Gemurmel, das sich wie ein Lauffeuer
von Mund zu Mund fortsetzte. Unter Kellers Führung, der nach links und
rechts wieder drohende Blicke warf und ihm am Portal nur mit Mühe einen
Weg hatte bahnen können, begab sich der Fürst zum Altarraum, der ihn den
Blicken der Neugierigen entzog. Keller fuhr hierauf zu Darja Alexejewna,
um die Braut abzuholen. Dort fand er vor dem Hause eine noch weit
lebhaftere Menge. Als er die Treppe emporstieg, vernahm er solche
Ausrufe und Bemerkungen, daß er sich bereits zornig ans Publikum wandte,
um eine entsprechende Rede zu halten, doch zum Glück gelang es noch
Burdowskij und Darja Alexejewna, ihn ins Haus hineinzuziehen. Keller war
maßlos gereizt und drängte zur Eile. Nastassja Filippowna erhob sich,
warf noch einen Blick in den Spiegel, bemerkte mit »verzogenem« Lächeln,
wie Keller sich später ausdrückte, daß sie »bleich wie eine Leiche« sei,
verbeugte sich dann ehrfurchtsvoll vor dem Heiligenbilde und trat
hinaus.
Lautes Stimmengewirr begrüßte ihr Erscheinen auf der Treppe. Im ersten
Augenblick hörte man Gelächter. Einer klatschte in die Hände. Es wurde
sogar gezischt und gepfiffen. Doch dann erschollen auch schon andere
Stimmen:
»Satan, ist sie schön!« rief jemand in der Menge.
»Schön wohl, aber ...«
»Der Brautkranz deckt alles zu, Esel!«
»Da such' mir einer noch eine zweite solche! Teufel noch eins! Hurra!«
»Göttin! für eine solche Fürstin würd' ich meine Seele auch verkaufen!«
schrie ein begeisterter Kanzlist. »>Preis meines Lebens -- die Liebe
dein!< ...«
Nastassja Filippowna trat allerdings bleich wie eine Leiche auf die
Treppe; doch in ihren großen schwarzen Augen glühte ein unheimliches
Feuer, und diesem Blick hielt die Menge nicht stand: in einer Sekunde
schlug der Hohn in Begeisterung um. Keller riß den Wagenschlag auf und
wandte sich bereits zu ihr, um ihr die Hand zu reichen und beim
Einsteigen behilflich zu sein, doch da -- schrie sie plötzlich auf und
stürzte sich hinein in die gaffende Volksmenge. Keller erstarrte vor
Schreck, das Volk wich fast entsetzt zurück vor ihr ... plötzlich, keine
sechs Schritt von der Treppe, stand Rogoshin. Nastassja Filippowna hatte
seinen Blick gefühlt und gefunden und wie eine Wahnsinnige war sie auf
ihn zugestürzt und hatte seine Hände umklammert.
»Rette mich! Bring' mich fort! Wohin du willst, nur schnell!«
Rogoshin griff sie auf, fast trug er sie, und ehe man sich's versah,
hatte er sie in die Equipage gehoben. Und schon im nächsten Augenblick
hielt er dem Kutscher eine Hundertrubelnote hin.
»Zum Bahnhof, erreichst du den nächsten Zug nach Petersburg, dann noch
hundert!«
Und schon saß er in der Equipage und zog den Wagenschlag zu. Der
Kutscher zögerte keinen Augenblick: er hieb einmal mit der Peitsche und
die Pferde bäumten sich und rasten davon. Keller schob später alle
Schuld auf die »Plötzlichkeit«, die »vollkommene Überraschung«: »Noch
eine Sekunde -- und ich hätte mich besonnen, hätte es nicht zugelassen!«
versicherte er jedesmal, wenn er das Ereignis schilderte. Er und
Burdowskij sprangen zwar sogleich in die nächste Equipage, die vor dem
Hause hielt, und jagten ihnen nach, doch noch unterwegs bedachte sich
Keller eines anderen und meinte: »Wir kommen trotzdem zu spät! Und mit
Gewalt können wir sie doch nicht zurückbringen!«
»Und der Fürst wird es auch nicht wollen!« hatte der ganz erschütterte
Burdowskij dazu gemeint.
Rogoshin und Nastassja Filippowna waren in der Tat rechtzeitig auf dem
Bahnhof angelangt. Hier hatte Rogoshin beim Verlassen der Equipage
gerade noch Zeit gehabt, ein vorübergehendes Mädchen in einem alten
dunklen Mantel und einem Seidentüchelchen um den Kopf aufzuhalten.
»Da! fünfzig Rubel für Ihren Mantel!« und damit hatte er ihr das Geld
gereicht.
Bevor das Mädchen noch recht begriff, hatte ihr Rogoshin die
Fünfzigrubelnote schon in die Hand gedrückt, den Mantel und das Tuch
abgenommen und Nastassja Filippowna um die Schultern und über den Kopf
geworfen. Ihre kostbare Brauttoilette hätte sonst allgemeines Aufsehen
erregt. Das Mädchen aber sollte erst viel später begreifen, weshalb man
den wertlosen alten Mantel von ihm gekauft und so viel für ihn bezahlt
hatte.
Die Kunde von dem Geschehenen hatte mit unglaublicher Schnelligkeit die
Kirche erreicht. Als Keller sich zum Fürsten in den Altarraum begab,
wurde er von vielen ihm ganz Unbekannten aufgehalten und mit Fragen
bestürmt. Man sprach laut durcheinander, schüttelte die Köpfe, ja man
lachte sogar. Niemand wollte aber die Kirche verlassen, bevor man
gesehen hatte, wie der Bräutigam die Nachricht aufnahm. Der Fürst
erbleichte nur, als er sie vernahm, und sagte leise: »Ich fürchtete ...
aber ich hätte doch nicht gedacht, daß es so kommen würde ...« um dann
nach kurzem Schweigen hinzuzufügen: »Übrigens ... in ihrem Zustande ...
war es ja gar nicht anders zu erwarten.« Ein solches Verhalten setzte
Keller aufrichtig in Erstaunen; er nannte es: »beispiellos
philosophisch!« Der Fürst verließ die Kirche anscheinend ganz ruhig und
gefaßt. Wenigstens wurde es von vielen Augenzeugen später so erzählt. Er
schien nur so schnell wie möglich nach Hause kommen und allein bleiben
zu wollen, doch ward ihm das nicht so bald vergönnt. Ptizyn, Gawrila
Ardalionytsch und der Arzt blieben bei ihm. Außerdem war die Villa
buchstäblich belagert von einem Heer müßiger Menschen. Aus dem Zimmer
vernahm der Fürst, daß Lebedeff und Keller mit einigen völlig
unbekannten Leuten -- dem Aussehen nach waren es Subalternbeamte, die um
jeden Preis auf die Terrasse kommen wollten -- in heftigen Streit
geraten waren. Da begab sich der Fürst zu ihnen, erkundigte sich nach
der Ursache des Streites, schob Lebedeff und Keller, die den Eingang
versperrten, mit einer Entschuldigung zur Seite und trat selbst hinaus,
um einen bereits bejahrten, grauhaarigen, untersetzten Herrn, der auf
den Stufen an der Spitze der anderen stand, höflich zum Nähertreten
aufzufordern. Der Herr wurde sehr verlegen, schien fast mehr Lust zum
Rückzuge zu haben, doch dann besann er sich eines anderen und trat ein.
Ihm folgte ein zweiter, ein dritter -- alles in allem sieben oder acht
Mann, die sich sehr bemühten, möglichst sicher aufzutreten. Weitere
Gäste fanden sich nicht ein, und auch diese acht wurden von der Menge
alsbald und sogar ziemlich streng getadelt. Die Eingetretenen wurden vom
Fürsten aufgefordert, Platz zu nehmen, man knüpfte ein Gespräch an,
reichte ihnen Tee -- und alles das zu ihrer nicht geringen Verwunderung
mit ausgesuchter Höflichkeit und Freundlichkeit. Es wurden von den
Gästen allerdings ein paar Versuche gemacht, dem Gespräch eine
amüsantere Wendung zu geben, es wurden einige vorwitzige Fragen gestellt
und einige zweideutige Bemerkungen gemacht. Doch der Fürst antwortete
allen so einfach und freundlich, ohne sich dabei auch nur das geringste
zu vergeben, gab sich vielmehr mit so natürlicher Würde und zeigte
gleichzeitig ein solches Vertrauen auf die Anständigkeit seiner Gäste,
daß die unbescheidenen Fragen ganz von selbst aufhörten. Allmählich kam
es sogar zu einer ernsten Unterhaltung über ein nationalökonomisches
Thema, und einer der Herren schwor in höchstem Unwillen, daß er nie im
Leben sein Gut verkaufen würde, daß er, im Gegenteil, zu warten und
auszuhalten gedenke: »Unternehmungen sind besser als Geld -- sehen Sie,
das ist meine Überzeugung!« -- schloß er mit aufrichtigem Stolz und
nicht geringem Temperament. Da er sich mit seiner Erklärung an den
Fürsten gewandt hatte, hieß dieser seine Ansichten sehr vernünftig,
obgleich Lebedeff ihm kurz vorher zugeflüstert hatte, daß dieser Herr
weder einen Hof noch einen Halm besaß, geschweige denn ein Gut. So
verging eine Stunde, der Tee war getrunken und den Gästen schlug nach
dem Tee doch ein wenig das Gewissen. Der Arzt und der untersetzte
Graukopf erhoben sich und verabschiedeten sich in der herzlichsten Weise
vom Fürsten, und ihrem Beispiel folgten auch die anderen, die ihm alle
kräftig die Hand schüttelten. Bei der Gelegenheit wurden dann noch
gewisse Wünsche ausgesprochen, Ratschläge erteilt wie etwa: sich über
geschehene Dinge nicht zu grämen, man könne nie wissen, wozu ein Unglück
gut sei, vielleicht wäre es so noch viel besser, usw. usw. Als alle
gegangen waren, beugte sich Keller zu Lebedeff und sagte halblaut:
»Sieh, wir beide hätten geschimpft, gerauft, die Polizei uns auf den
Hals gezogen; er aber, sieh, hat sich nur neue Freunde gemacht, und noch
dazu was für welche! Ich kenne sie!«
Hierauf antwortete Lebedeff, der schon wieder ziemlich »fertig« war, mit
einem frommen Seufzer:
»Ich habe es ja von jeher gesagt: >Den Weisen hat es der Herr verborgen,
um es den Kindlein zu offenbaren.< Das habe ich schon früher von ihm
gesagt, jetzt aber füge ich noch hinzu, daß Gott der Herr auch das
Kindlein selbst bewahrt und vom Rande des Abgrundes zurückgezogen hat
... Gott der Herr selber und alle seine Heiligen -- jawohl ja! ...«
Endlich, gegen halb elf, ließ man den Fürsten allein. Sein Kopf tat ihm
weh. Als letzter verließ ihn Koljä, der ihm noch behilflich war, die
Kleider zu wechseln. Sie nahmen herzlich Abschied voneinander -- Koljä
war geradezu rührend. Über das Geschehene hatte er kein Wort gesprochen,
und beim Abschied nur gesagt, daß er am nächsten Morgen in aller Früh'
wiederkommen würde. Wie er später aussagte, hatte ihm der Fürst an
diesem Abend nichts über seine weiteren Absichten mitgeteilt. Bald war
auf der Datsche alles still: Burdowskij war zu Hippolyt gegangen,
Lebedeff und Keller hatten sich gleichfalls irgendwohin fortbegeben. Nur
Wjera Lebedewa blieb noch in den Zimmern des Fürsten, um einiges
flüchtig in Ordnung zu bringen und ihnen wieder ihr gewöhnliches
Aussehen zu verleihen. Bevor sie fortging, warf sie noch einen Blick in
das Zimmer, in dem sich der Fürst befand. Er saß am Tisch, hatte die
Ellenbogen aufgestützt und den Kopf in die Hände vergraben. Da trat
Wjera an ihn heran und berührte ihn an der Schulter: der Fürst blickte
auf und sah sie eine Weile ganz verständnislos an; doch als er dann
endlich alles begriff und erriet, erfaßte ihn plötzlich eine große
Unruhe. Es endete übrigens damit, daß er Wjera dringend bat, ihn am
nächsten Morgen zeitig zu wecken, damit er noch den ersten Zug nach
Petersburg erreiche. Wjera versprach es. Da bat der Fürst sie inständig,
keinem Menschen etwas davon zu sagen, was ihm Wjera gleichfalls
versprach. Als sie dann fortgehen wollte und bereits die Tür öffnete,
hielt er sie noch einmal auf, ergriff ihre Hände, küßte sie beide, küßte
sie dann auch auf die Stirn und sagte mit einem »an ihm ganz
ungewohnten« Gesichtsausdruck: »Auf morgen!« So wenigstens erzählte
später Wjera. Sie verließ das Zimmer in großer Angst um ihn. Am Morgen
jedoch beruhigte sie sich etwas, als der Fürst ihr, nachdem sie ihn um
acht Uhr durch Klopfen an seine Tür geweckt hatte, wie es ihr schien,
ganz munter und sogar lächelnd entgegentrat. Er hatte sich in der Nacht
kaum entkleidet, doch hatte er trotzdem geschlafen. Auf ihre Frage, wie
lange er fortbleiben würde, meinte er, daß er vielleicht noch an
demselben Tage zurückkommen werde. So hatte er denn nur ihr allein
gesagt, daß er sich in die Stadt begab.