IX.

Es vergingen zwei Wochen nach dem im vorhergehenden Kapitel erzählten

Ereignis, und in dieser Zeit hatte sich im Leben der Personen unserer

Erzählung so vieles verändert, daß wir nicht ohne vorhergehende

Erklärungen in der Wiedergabe der folgenden Ereignisse fortfahren

können. Leider müssen sich diese Erklärungen nur auf diese Tatsachen

beschränken, und das aus einem sehr einfachen Grunde: weil wir in vielen

Fällen das Geschehene selbst kaum zu erklären verstünden. Das ist nun

zwar ein sehr sonderbares Geständnis, doch hoffen wir, daß der Leser aus

dem Folgenden selbst erraten wird, was es ist, das zu erklären wir nicht

auf uns zu nehmen vermögen.

Im Laufe dieser zwei Wochen war der Liebesroman unseres Helden und

namentlich seine letzte Wendung, von der man zuerst nur bei Lebedeffs,

Ptizyns, Darja Alexejewna und Jepantschins erfahren hatte, allmählich in

ganz Pawlowsk und sogar darüber hinaus bekannt geworden. Alle Welt

erzählte sich ein und dieselbe Geschichte, natürlich in tausend

Variationen, erzählte sich, daß ein gewisser Fürst, der in einem

bekannten, angesehenen Hause einen Skandal hervorgerufen und sich bei

der Gelegenheit mit einer der Töchter des Hauses, als deren Bräutigam er

bereits der Gesellschaft vorgestellt worden war, entlobt habe, um sich

darauf von einer bekannten Demimondaine so weit bestricken zu lassen,

daß er alle seine früheren Beziehungen abgebrochen und nun trotz aller

Drohungen und des allgemeinen Unwillens sich hier in Pawlowsk öffentlich

am »hellichten Tage«, erhobenen Hauptes und allen offen in die Augen

blickend, mit besagter Demimondaine wolle trauen lassen. Da nun ein

jeder der Erzähler das Gerücht noch nach Kräften ausschmückte und ihm

die phantastischsten und rätselhaftesten Farben verlieh, viele sogar

bekannte, hochangesehene Personen mit dem Vorfall in Verbindung

brachten, und andererseits unantastbare Tatsachen das Wesentliche

vollkommen bestätigten, war schließlich die allgemeine Neugier sehr

erklärlich und wohl auch verzeihlich. Die raffinierteste und

gleichzeitig glaubwürdigste Wiedergabe und Auslegung des Tatbestandes

erfuhr diese interessante »Affäre« von einzelnen jener »ernsten«

Klatschbasen männlichen Geschlechts, die man in jeder Gesellschaft

antreffen kann und die sich stets beeilen, ihren Mitmenschen das neueste

Ereignis verständlich zu machen -- eine Beschäftigung, die sie geradezu

als ihre Lebensaufgabe betrachten, die sie nach bestem Können erfüllen

und die ihnen gewöhnlich zu einer Art Trost im eigenen Unglück wird.

Nach ihrer Wiedergabe war der betreffende junge Mann ein Fürst alter

Abstammung, ziemlich reich, ziemlich dumm, doch dafür ein Demokrat, dem

der zeitgenössische Nihilismus zu Kopf gestiegen war und der sich,

obgleich er kaum Russisch zu sprechen verstand, im Hause des Generals

Jepantschin einzuführen gewußt und mit einer Tochter desselben verlobt

hätte. Ferner hieß es, daß der Fall des Fürsten ganz ähnlich dem eines

französischen Seminaristen sei, von dem in jüngster Zeit viel geredet

und geschrieben worden war -- der Betreffende hatte sich absichtlich zum

Priester salben lassen, hatte bei der Gelegenheit alle Vorschriften der

Zeremonie genau befolgt, den Schwur geleistet usw., um dann am nächsten

Tage seinem Bischof in einem offenen Schreiben mitzuteilen, daß er, da

er an Gott nicht glaube, nicht gegen sein Gewissen handeln und das Volk

betrügen wolle, um sich dafür von ihm ernähren zu lassen, und deshalb

seine tags zuvor empfangene Würde niederlege. Ähnlich diesem Atheisten,

wie gesagt, solle auch der Fürst gehandelt haben. Er habe nämlich,

meinte man, nur auf die feierliche Soiree bei den Eltern seiner Braut

gewartet, um dann, nachdem er mehreren hochangesehenen Würdenträgern

vorgestellt worden war, sich plötzlich zu erheben, seine

demokratisch-nihilistischen Anschauungen auseinanderzusetzen, hierauf

die ehrwürdigen Gäste zu beschimpfen und sich öffentlich in höchst

beleidigender Weise von seiner Braut loszusagen. Zu guter Letzt, als man

ihn von den Dienstboten hatte hinausbefördern lassen, sei er noch

tätlich geworden und habe beim Sichwidersetzen und im Handgemenge eine

kostbare chinesische Vase zerschlagen. Hinzugefügt wurde außerdem noch,

gewissermaßen als charakteristischer Ausdruck des Zeitgeistes, daß der

junge Mann seine Braut, die Tochter des Generals, wirklich geliebt und

sich einzig aus nihilistischer Überzeugung und um des Skandals willen

von ihr losgesagt habe, damit er sich dann vor der ganzen Welt das

Vergnügen leisten könne, statt ihrer ein gefallenes Frauenzimmer zu

heiraten und damit zu beweisen, daß es für ihn weder lasterhafte noch

tugendsame Frauen gebe, sondern einzig das Ideal einer freien Frau --

ja, in der Beziehung stehe eine gefallene Frau seiner Ansicht nach sogar

höher als eine nicht gefallene usw. usw.

Diese Erklärungen erschienen vielen sehr glaubwürdig, so namentlich den

in Pawlowsk wohnenden Villenbesitzern, da sie sie fast täglich durch

neue Tatsachen bestätigt fanden. Freilich blieben trotzdem noch sehr

viele Einzelheiten unaufgeklärt: so wußte man zum Beispiel zu erzählen,

daß das arme junge Mädchen ihren Bräutigam -- einige sagten »Verführer«

-- so leidenschaftlich geliebt habe, daß sie am nächsten Tage, nachdem

er sie verlassen, zu ihm gelaufen sei, und daß sie dann seine Geliebte

bei ihm angetroffen habe; andere wiederum beteuerten, er selbst habe sie

zu seiner Geliebten gelockt, und zwar »einzig aus Nihilismus« -- um sie

zu beleidigen. Doch wie dem auch sein mochte, jedenfalls wuchs das

Interesse der Sommerfrischler mit jedem Tage, um so mehr, als es bald

nicht dem geringsten Zweifel mehr unterlag, daß die skandalöse Hochzeit

wirklich zustande kommen würde.

Wenn man nun aber eine Erklärung verlangen wollte -- nicht was die

nihilistischen Nuancen des Ereignisses betrifft, o nein! -- sondern

einfach nur über diesen einen bedeutsamen und mehr persönlichen Punkt:

inwieweit denn die bevorstehende Hochzeit den wirklichen Wünschen des

Fürsten entsprach oder wie nun eigentlich die Stimmung unseres Helden in

dieser Zeit zu bezeichnen wäre, und vielleicht auch noch über manches

andere Wissenswerte der Art, dann würden wir kaum in der Lage sein,

etwas Bestimmtes zu antworten. Wir könnten nur bestätigen, daß die

Hochzeit auf den Anfang des Monats Juli festgesetzt war, und daß der

Fürst seinen Hauswirt Lebedeff, den ehemaligen Leutnant Keller und einen

Bekannten Lebedeffs, den ihm dieser als Autorität in solchen Dingen

vorgestellt, mit den Vorbereitungen zur Hochzeit betraut hatte -- mit

der Bemerkung, daß sie auf die Kosten nicht zu achten brauchten. Keller

wurde auf seine eigene glühende Bitte hin zum Hochzeitsmarschall

ernannt, desgleichen Burdowskij, den diese Ehre in helle Begeisterung

versetzte. Doch ganz abgesehen von diesen Tatsachen, will es uns

scheinen, daß der Fürst, nachdem er Lebedeff und die anderen mit den

Vorbereitungen betraut hatte, selbst schon nach ein paar Stunden wieder

vergaß, daß es so etwas wie Hochzeiten, Marschälle usw. überhaupt in der

Welt gab, und daß er, wenn er diese Anordnungen so schnell getroffen und

die unumgänglichen Scherereien auf andere abgewälzt hatte, dieses wohl

nur deshalb getan, um selbst nicht mehr daran denken zu müssen,

vielleicht sogar, um »das alles« so schnell als möglich und »ganz und

gar« vergessen zu können. Aber an was dachte er denn sonst, an was

_wollte_ er denken ... Andererseits steht es vollkommen fest, daß er zu

dieser Heirat durchaus nicht gezwungen worden war -- etwa von Nastassja

Filippowna --, daß zwar Nastassja Filippowna als erste von der Heirat zu

sprechen begonnen und die Hochzeit bald zu feiern gewünscht hatte, und

nicht etwa der Fürst: daß aber der Fürst freiwillig eingewilligt, ja es

sogar gewissermaßen zerstreut getan hatte, fast als hätte man ihn um

eine ziemlich gewöhnliche Sache gebeten. Und solcher Merkwürdigkeiten,

die die Sache anstatt zu erklären, nur noch rätselhafter erscheinen

ließen, gab es sogar eine ganze Menge. Führen wir nur ein Beispiel an.

Im Laufe dieser zwei Wochen verbrachte der Fürst ganze Tage bis in die

Nacht hinein bei Nastassja Filippowna: er ging mit ihr spazieren,

besuchte mit ihr die Konzerte, fuhr fast täglich mit ihr aus, und hatte

er sie nur eine Stunde lang nicht gesehen, so begann er schon, sich um

sie zu beunruhigen -- folglich mußte er sie doch wohl aufrichtig lieben!

Wenn sie sprach -- gleichviel was es war --, hörte er ihr mit einem

stillen, freundlichen Lächeln zu, oft sogar stundenlang, ohne dabei

selbst auch nur ein Wort zu sprechen. Andererseits aber wissen wir ganz

genau, daß er sich in diesen Tagen mehrmals ganz plötzlich zu

Jepantschins begab, was er vor Nastassja Filippowna auch durchaus nicht

verheimlichte und worüber sie jedesmal in Verzweiflung geriet. Bei

Jepantschins jedoch wurde er, solange sie noch in Pawlowsk blieben,

nicht empfangen, desgleichen verweigerte man ihm hartnäckig die

Erfüllung seines Wunsches, mit Aglaja Iwanowna sprechen zu dürfen. Er

entfernte sich dann jedesmal ohne ein Wort zu sagen, doch am folgenden

Tage erschien er wieder, als hätte er ganz vergessen, daß man ihn schon

abgewiesen hatte, und wurde natürlich wieder nicht empfangen. Wir wissen

ferner, daß etwa eine Stunde nachdem Aglaja Iwanowna von Nastassja

Filippowna fortgelaufen, vielleicht aber auch noch früher, der Fürst

plötzlich bei Jepantschins erschienen war, in der festen Überzeugung,

daß er Aglaja dort vorfinden würde. Doch hatte sein Erscheinen bei allen

Anwesenden nur Bestürzung und Angst hervorgerufen, denn erst von ihm

erfuhr man, daß Aglaja das Haus verlassen und mit ihm zu Nastassja

Filippowna gegangen war. Wie man heute hört, sollen Lisaweta

Prokofjewna, die Schwestern und Fürst Sch. über den Fürsten Lew

Nikolajewitsch ganz empört gewesen, ihre Gefühle keineswegs verschwiegen

und ihm die Freundschaft und Bekanntschaft ein für allemal gekündigt

haben. Da war aber plötzlich Warwara Ardalionowna erschienen, mit der

Nachricht, daß Aglaja Iwanowna bereits seit einer Stunde in ihrem Hause

sei, sich in einem beängstigenden Zustande befinde und nach Hause

offenbar nicht zurückkehren wolle. Diese letzte Mitteilung erschütterte

Lisaweta Prokofjewna am meisten, und sie entsprach auch vollkommen der

Wahrheit: als Aglaja aus dem Hause Darja Alexejewnas hinausgelaufen war,

hätte sie eher sterben mögen, als sich den Ihrigen zeigen, und da war

sie denn zu Nina Alexandrowna geeilt. Warwara Ardalionowna aber hatte es

sogleich für nötig befunden, Jepantschins davon zu benachrichtigen. Die

Mutter und die Schwestern brachen unverzüglich auf, um sich eilig zu

Ptizyns zu begeben, desgleichen der General, der gerade nach Hause

gekommen war. Doch da war das Unglaubliche geschehen: Fürst Lew

Nikolajewitsch war ihnen gefolgt und hatte sich gleichfalls zu Ptizyns

begeben, trotz der harten Worte, die er vorher zu hören bekommen hatte,

und des schroff ausgedrückten Verzichtes auf seine weitere

Bekanntschaft. Nur hatte Warwara Ardalionowna sogleich ihre Vorkehrungen

getroffen und so war er auch in ihrem Hause nicht bis zu Aglaja Iwanowna

gelangt. Als Aglaja die Mutter und die Schwestern in Tränen aufgelöst

erblickt hatte, ohne dabei auch nur den geringsten Vorwurf zu vernehmen,

war sie ihnen sogleich an den Hals geflogen und widerspruchslos nach

Hause zurückgekehrt. Übrigens hatte sich während Warwara Ardalionownas

Abwesenheit noch ein kleiner Zwischenfall zugetragen, der für Gawrila

Ardalionytsch neues Pech bedeutete: in dem Glauben, daß dieser

Augenblick seines Alleinseins mit Aglaja eine günstige Gelegenheit sei,

hatte er plötzlich von seiner Liebe zu ihr zu reden begonnen, und da

hatte Aglaja ungeachtet ihrer Verzweiflung und Tränen mit einem Mal zu

lachen angefangen und ohne ein Wort der Erklärung die seltsame Frage an

ihn gestellt, ob er zum Beweise seiner Liebe bereit wäre, hier sogleich

seinen Finger an einer Kerze zu verbrennen. Gawrila Ardalionytsch, hieß

es, sei von dieser Frage wie betäubt gewesen und habe ein so unendlich

verwundertes Gesicht gemacht, daß Aglaja in hysterisches Gelächter über

ihn ausgebrochen und die Treppe hinauf zu Nina Alexandrowna gelaufen

sei, wo die Eltern sie dann auch angetroffen hatten.

Von diesem Zwischenfall hatte der Fürst am nächsten Tage durch Hippolyt

erfahren, nur zu diesem Zweck hatte ihn der Kranke, der das Bett nicht

mehr verließ, zu sich rufen lassen. Wie oder durch wen er aber Hippolyt

bekannt geworden war, das wissen wir nicht. Doch erzählte man sich, daß

der Fürst, als Hippolyt von dem Licht und dem Finger erzählt hatte,

plötzlich in schallendes Gelächter ausgebrochen sei, so daß Hippolyt ihn

ganz sprachlos angesehen habe; und dann habe der Fürst plötzlich heftig

zu zittern angefangen und sei in Tränen ausgebrochen ... Überhaupt

befand sich der Fürst seit jenem Abend in einer unbestimmten, doch um so

quälenderen Unruhe, und den meisten fiel es auf, daß er seltsam verwirrt

war. Hippolyt behauptete sogar, daß er ihn einfach für irrsinnig halte,

doch war das natürlich übertrieben.

Indem wir nun alle diese Tatsachen anführen, eine Erklärung derselben

jedoch verweigern, wollen wir unseren Helden nicht etwa zu rechtfertigen

versuchen -- oh, durchaus nicht! Im Gegenteil, wir sind sogar bereit,

den Unwillen zu teilen, den er selbst bei seinen Freunden hervorgerufen

hatte. Sogar Wjera Lebedewa war eine Zeitlang ungehalten über ihn, sogar

Koljä und Keller waren es -- dieser allerdings nur bis zu seiner

Ernennung zum Hochzeitsmarschall --, von Lebedeff schon ganz zu

schweigen: der begann einfach gegen den Fürsten zu intrigieren, denn

sein Unwille war wirklich aufrichtig und im Herzen empfunden. Doch

darauf werden wir noch später zurückkommen. Jedenfalls müssen wir aber

einigen in ihrer Psychologie sogar sehr tiefen Worten Jewgenij

Pawlowitschs beipflichten, die dieser am sechsten oder siebenten Tage

nach dem Geschehnis in freundschaftlichem Gespräch ganz offen und ohne

alle Zeremonien dem Fürsten selbst sagte. Es sei hier noch bemerkt, daß

nicht nur die Familie Jepantschin, sondern auch alle, die mehr oder

weniger zu ihr in Beziehung standen, es für nötig hielten, den Fürsten

hinfort nicht mehr zu kennen. Fürst Sch. zum Beispiel wandte sich bei

einer Begegnung im Park von ihm ab und ließ seinen Gruß unerwidert. Nur

Jewgenij Pawlowitsch Radomskij fürchtete sich nicht, sich durch einen

Besuch beim Fürsten zu kompromittieren, ungeachtet dessen, daß er

Jepantschins wieder täglich besuchte und daselbst mit sichtlich

zunehmender Freundlichkeit empfangen wurde. Er kam am Tage nach der

Abreise Jepantschins aus Pawlowsk zum Fürsten und war natürlich schon

gut unterrichtet über alles, was man sich in Pawlowsk erzählte --

vielleicht hatte er sogar selbst manches verlauten lassen. Der Fürst

freute sich unbeschreiblich über seinen Besuch und begann sogleich von

Jepantschins zu sprechen. Diese Treuherzigkeit und offene Sprache

ermöglichte es auch Jewgenij Pawlowitsch, ohne Umschweife und

rückhaltlos mit der Hauptsache zu beginnen.

Der Fürst wußte es noch nicht, daß Jepantschins Pawlowsk verlassen

hatten; als er es erfuhr, war er so bestürzt, daß er erbleichte. Doch

schon nach einer kleinen Weile schüttelte er den Kopf wie in wirrem

Nachdenken und gestand, daß es »so hätte kommen müssen«. Dann erkundigte

er sich hastig, wohin sie denn gefahren seien?

Jewgenij Pawlowitsch beobachtete ihn inzwischen aufmerksam: diese

schnellen Fragen und ihre kindliche Geradheit, sowie die Verwirrung und

gleichzeitig Offenherzigkeit, die Unruhe und das angespannte, grübelnde

Denken des Fürsten -- alles das wunderte ihn nicht wenig. Seine Fragen

beantwortete er liebenswürdig und ausführlich und der Fürst hörte ihm

begierig zu, denn Jewgenij Pawlowitsch war der erste, der ihm von

Jepantschins berichten konnte. So erfuhr er denn, daß Aglaja Iwanowna in

der Tat krank gewesen war, ganze drei Nächte nicht geschlafen und heftig

gefiebert hatte. Zwar gehe es ihr jetzt besser, erzählte Jewgenij

Pawlowitsch, doch befinde sie sich immer noch in einem sehr nervösen,

hysterischen Zustande ... »Zum Glück herrscht im ganzen Hause

vollkommener Friede! Von dem Vorgefallenen sprechen sie nicht einmal

unter sich, geschweige denn in Aglajas Gegenwart. Die Eltern haben sich

besprochen und die Reise ins Ausland ist auf den Herbst festgesetzt,

sogleich nach Adelaidas Hochzeit. Aglaja hat schweigend die ersten

Gespräche darüber angehört.« Er, Jewgenij Pawlowitsch, werde vielleicht

gleichfalls ins Ausland reisen. Auch Fürst Sch. wolle, falls es ihm

seine Zeit erlaube, auf etwa zwei Monate die anderen mit Adelaida

begleiten. Der General würde natürlich in Petersburg bleiben.

Augenblicklich befänden sie sich auf ihrem Gut Kolmino, das etwa zwanzig

Werst von Petersburg gelegen war und ein geräumiges Herrenhaus hatte.

Die Fürstin Bjelokonskaja sei noch nicht nach Moskau zurückgekehrt; wie

es scheine, bliebe sie absichtlich, um zu sehen, wie »das Ganze«

ablaufen würde. Lisaweta Prokofjewna war die erste gewesen, die auf der

Übersiedelung nach Kolmino bestanden hatte; ein weiterer Aufenthalt in

Pawlowsk wäre nach dem Vorgefallenen unmöglich gewesen; auch ihre

Datsche auf der Jelagin-Insel sei nicht einsam genug gelegen.

»Nun, und Sie müssen doch selbst zugeben,« meinte Jewgenij Pawlowitsch,

»war es für sie denn noch möglich, zu bleiben? ... besonders da man

genau wußte, was hier bei Ihnen in Ihrem Hause geschah? ... und nachdem

Sie täglich ungeachtet aller Absagen hinkamen? ...«

»Ja, Sie haben recht ... ich wollte nur Aglaja Iwanowna sehen,« sagte

der Fürst, wieder mit dem Kopf nickend.

»Ach, lieber Fürst,« rief Jewgenij Pawlowitsch vorwurfsvoll und

aufrichtig betrübt, »wie konnten Sie damals nur zulassen ... daß es

geschah? Gewiß, ich weiß ja, es kam für Sie so unerwartet ... Ich

verstehe, daß Sie sich ganz verlieren mußten und ... Sie konnten dieses

sinnlose Mädchen natürlich nicht aufhalten, das wäre von Ihnen zu viel

verlangt gewesen. Aber Sie hätten doch wenigstens begreifen müssen, wie

ernst und stark dieses Mädchen -- Sie ... sich zu Ihnen verhielt: sie

wollte sich nicht mit einer anderen in Ihre Liebe teilen und Sie ... Sie

konnten einen so kostbaren Schatz verlassen, konnten es zulassen, daß er

in Trümmer ging!«

»Ja, ja, Sie haben recht! Ja, es war meine Schuld,« sagte der Fürst

niedergedrückt, »doch wissen Sie: nur sie allein, nur Aglaja sah mit

solchen Augen auf Nastassja Filippowna ... Außer ihr sah niemand so auf

sie.«

»Das ist aber doch gerade das Empörende an all dem, daß hier wirklich

nichts Ernstes vorlag!« rief Jewgenij Pawlowitsch, der sich von seinem

Unwillen entschieden hinreißen ließ. »Verzeihen Sie, Fürst, aber ... ich

... habe darüber nachgedacht, Fürst, und lange nachgedacht. Ich weiß

alles, was damals vor einem halben Jahre gewesen ist, alles, alles, und

-- alles das war nichts Ernstes! Es war nichts als eine gedankliche

Ekstase, ein Bild, eine Phantasie, war Rausch, wenn Sie wollen, und nur

die erschrockene, angstvolle Eifersucht eines vollkommen unerfahrenen

Mädchens konnte es für etwas Ernsthaftes halten!«

Jewgenij Pawlowitsch tat seinem Unwillen keinen Zwang mehr an und

drückte seine Gedanken offen und mit ganzer Schonungslosigkeit aus.

Verständig und klar und sogar mit auffallendem psychologischem

Scharfblick erklärte er dem Fürsten dessen Beziehungen zu Nastassja

Filippowna, so wie er sie auffaßte. Jewgenij Pawlowitsch hatte sich von

jeher der Gabe des Wortes erfreut, und wenn er Reden hielt, konnte er

mitunter sogar überzeugend reden.

»Es begann bei Ihnen mit einer Lüge, und was mit einer Lüge beginnt, das

muß auch mit einer Lüge enden: das ist ein Naturgesetz. Wenn man Sie --

verzeihen Sie, Fürst -- einen Idioten nennt, so kann ich diesen ...

Leuten -- gleichviel wer es tut -- nicht beistimmen ... ich ärgere mich

vielmehr aufrichtig darüber. Sie sind viel zu klug für diese

Bezeichnung; aber Sie sind doch so weit ... sagen wir, absonderlich, daß

Sie von den anderen Menschen abstechen -- das werden Sie mir doch selbst

zugeben? Ich finde, daß gewissermaßen das Fundament zu all diesen

weiteren Erlebnissen sich aus folgendem zusammengesetzt hat: erstens aus

Ihrer angeborenen Unerfahrenheit -- merken Sie sich das Wort

>angeboren<, Fürst --, zweitens aus Ihrer ungewöhnlichen Güte, ferner

aus dem phänomenalen Mangel an Maßgefühl, was Sie ja auch selbst einmal

von sich gesagt haben, und schließlich aus der unendlichen Menge

theoretischer Überzeugungen, die Sie in Ihrer ganzen unglaublichen

Ehrlichkeit immer noch für wahre, natürliche und unmittelbare

Überzeugungen halten. Sie müssen doch zugeben, Fürst, daß in Ihre

Beziehungen zu Nastassja Filippowna von Anfang an etwas, sagen wir der

Kürze halber -- _bedingt Demokratisches_ sich hineingemischt hat, oder

sagen wir, es war der Zauber der >Frauenfrage<, um es noch kürzer

auszudrücken. Ich bin über jene Skandalszene, die sich bei Nastassja

Filippowna damals, vor einem halben Jahre, zugetragen hat, als Rogoshin

ihr das Geld brachte, gut unterrichtet. Wenn Sie wollen, werde ich Ihnen

Ihre Stimmung und Ihr Verhalten an jenem Abend ganz genau erklären. Sie

waren als Jüngling in die Schweiz gekommen -- Sie sind ja auch jetzt

noch ein Jüngling -- und da begannen Sie sich nach der Heimat

zurückzusehnen, nach dem Ihnen fast unbekannten, doch um so

schwärmerischer von Ihnen geliebten Vaterlande. Sie lasen dort viele

Bücher über Rußland, Bücher, die sonst ganz vorzüglich sein mögen, für

Sie aber sicherlich schädlich waren. Und so kamen Sie denn in die Heimat

im ersten Rausch des Betätigungsdranges, Sie lechzten förmlich nach

Betätigung! Und da -- an demselben Tage, an dem Sie hier eintrafen,

erzählte man Ihnen die traurige, empörende Lebensgeschichte eines

beleidigten Weibes -- Ihnen, dem Ritter, dem jungfräulichen Ritter --

eines Weibes! Und noch am Abend dieses ersten Tages sahen Sie dieses

Weib: Sie waren bezaubert von ihrer Erscheinung, ihrer phantastischen,

dämonischen Schönheit -- ich gebe es ja zu, daß sie eine Schönheit ist.

Nehmen Sie jetzt noch dazu Ihre Krankheit, Ihre Nerven, unser

Petersburger, auf die Nerven wirkendes Tauwetter; denken Sie an diesen

ganzen ersten Tag in der Ihnen unbekannten, fast phantastischen Stadt,

den Tag der neuen Bekanntschaften, der unerwarteten Szenen und der

unerwarteten Wirklichkeit, den Tag, an dem Sie Jepantschins, deren drei

schöne Töchter, und darunter eine Aglaja, kennen lernten; fügen Sie

jetzt noch Ihre Müdigkeit, Ihr Kopfweh nach der Eisenbahnfahrt hinzu,

dann Nastassja Filippownas Salon und den Ton in diesem Salon ... was

konnten Sie nach alledem noch von sich erwarten, was meinen Sie?«

»Ja, ja; ja, ja,« der Fürst nickte wieder mit dem Kopf, und er begann zu

erröten, »fast war es ja auch so; und wissen Sie, ich hatte die Nacht

vorher im Waggon wirklich nicht geschlafen, und ich war sehr abgespannt

...«

»Aber das ist es ja, worauf ich meine Behauptung aufgebaut habe!« fuhr

Jewgenij Pawlowitsch eifrig fort. »Es liegt doch auf der Hand, daß Sie

im Rausch der Begeisterung die erste Gelegenheit ergriffen, mit

Begeisterung ergriffen, um öffentlich Ihre großmütige Auffassung zu

bezeugen, daß Sie, ein Fürst aus altem Geschlecht und ein reiner Mensch,

dieses Weib, das nicht durch eigene Schuld gefallen, sondern das ein

widerlicher Roué geschändet hatte, nicht für ehrlos hielten. O Gott,

aber das ist doch so verständlich! Doch nicht darum handelt es sich

jetzt, lieber Fürst, sondern es handelt sich um eine ganz andere Frage,

und die ist: lag Ihrem Gefühl Wahrheit zugrunde, war es Natur, oder war

es nichts als gedankliche Begeisterung, Berauschung? Im Tempel ward

einst jenem Weibe verziehen, aber ihr Tun ward doch nicht gutgeheißen,

es ward ihr doch nicht gesagt, daß sie aller Ehren und Achtung wert sei,

was meinen Sie? Hat Ihnen denn nicht Ihr eigener gesunder Verstand nach

drei Monaten gesagt, um was es sich hier handelte? Mag sie jetzt auch

unschuldig sein -- ich will da weiter nicht richten --, aber können denn

alle ihre Abenteuer einen so unerträglichen, teuflischen Stolz, einen so

unverhohlenen, gierigen Egoismus rechtfertigen? Verzeihen Sie, Fürst,

ich lasse mich hinreißen, aber ...«

»Ja, das kann ja alles so sein, vielleicht haben Sie auch recht ...«

murmelte der Fürst. »Sie ist wirklich sehr nervös und reizbar und Sie

haben recht, natürlich, aber ...«

»Aber sie hat Mitleid verdient? Ist es nicht das, was Sie sagen wollen?

Doch wie durften Sie dann um dieses Mitleids willen, was Sie mit

_dieser_ empfanden, einem anderen, reinen, hochstehenden Mädchen diese

Schmach antun, und das noch vor den Augen der ihr so Verhaßten -- jener

Hochmütigen? Auch das Mitleid muß doch eine Grenze haben! Das ist doch

eine unglaubliche Übertreibung! Und wie ist es denn möglich, daß man ein

Mädchen, welches man liebt, vor ihrer Rivalin so erniedrigen kann, daß

man sie um der anderen willen verläßt, und das noch vor den Augen dieser

anderen, nachdem man sie in Ehren um ihre Hand gebeten hat ... Und Sie

haben doch in Gegenwart ihrer Eltern und Schwestern um sie angehalten!

Sind Sie nun Ihrer Meinung nach noch ein Ehrenmann, Fürst, erlauben Sie,

daß ich Sie danach frage? Und ... und haben Sie dann dieses herrliche

Mädchen nicht betrogen, indem Sie es Ihrer Liebe versicherten?«

»Ja, ja, Sie haben recht, ach, ich fühle es, daß ich an allem schuld

bin!« sagte der Fürst in unsäglichem Schmerz.

»Aber was hilft das jetzt!« rief Jewgenij Pawlowitsch unwillig. »Genügt

denn das, nur auszurufen: >Ach, ich bin an allem schuld!<? Sie _sind_

es, und dennoch bleiben Sie dabei! Und wo war denn damals Ihr Herz, Ihr

>christliches< Herz? Sie sahen doch ihr Gesicht in dem Augenblick: wie,

litt sie etwa weniger als _jene_, jene andere? Wie konnten Sie es denn

sehen und doch zulassen? Wie?«

»Ja, aber ... ich ließ es ja auch gar nicht zu,« murmelte der Fürst.

»Wie das, wieso ließen Sie es nicht zu?«

»Ich, bei Gott, ich habe nichts zugelassen. Ich begreife bis jetzt noch

nicht, wie das alles gekommen ist ... ich ... ich eilte damals Aglaja

Iwanowna nach, aber da fiel Nastassja Filippowna in Ohnmacht. Und dann

hat man mich bis jetzt noch nicht zu Aglaja Iwanowna gelassen.«

»Gleichviel! Sie hätten Aglaja nacheilen sollen, und wenn die andere

auch hundertmal in Ohnmacht fiel!«

»Ja ... ja, ich hätte ... aber sie wäre dann doch gestorben! Sie hätte

sich umgebracht, Sie kennen sie nicht, und ... ich hätte ja doch später

Aglaja Iwanowna sowieso alles erklärt und ... sehen Sie, Jewgenij

Pawlowitsch, ich sehe, daß Sie, wie es scheint, doch nicht alles wissen.

Sagen Sie, weshalb läßt man mich nicht zu Aglaja Iwanowna? Ich würde ihr

alles erklären. Sehen Sie: beide sprachen sie damals von etwas anderem,

nicht davon, sondern von etwas ganz anderem, ganz anderem. Deshalb kam

es auch dazu ... Ich kann Ihnen das wirklich nicht erklären ... aber

ich, vielleicht könnte ich es ihr erklären, Aglaja ... O, mein Gott,

mein Gott! Sie sprechen von ihrem Gesicht in jenem Augenblick als sie

hinauslief ... o, mein Gott, ich entsinne mich noch so genau! ... Gehen

wir, gehen wir!« rief er plötzlich, Jewgenij Pawlowitsch am Ärmel

ziehend, nachdem er aufgesprungen war.

»Wohin?«

»Gehen wir zu Aglaja Iwanowna, sofort, kommen Sie doch! ...«

»Aber sie ist ja gar nicht mehr in Pawlowsk, das habe ich Ihnen doch

schon gesagt. Und was wollen Sie dort?«

»Sie wird es verstehen, sie wird es verstehen!« beteuerte der Fürst

flehend, und wie beschwörend faltete er die Hände. »Sie wird es

verstehen, daß alles das nicht _das_ ist, sondern etwas ganz, ganz

anderes!«

»Inwiefern etwas ganz anderes? Sie werden doch heiraten? Folglich

bleiben Sie dabei. Werden Sie heiraten oder werden Sie nicht heiraten?«

»Nun, ja ... ich werde; ja ich werde heiraten!«

»Also wie soll es dann nicht _das_ sein?«

»O, nein, es ist nicht das, es ist nicht das! Das, das ist ganz

gleichgültig, daß ich heirate, das hat doch nichts zu sagen!«

»Wie das: nichts zu sagen? Es ist doch kein Kinderspiel! Sie heiraten

das geliebte Weib, um es glücklich zu machen, und Aglaja Iwanowna sieht

das und weiß das -- wie können Sie also sagen, daß es nichts zu sagen

habe?«

»Glücklich zu machen? O nein! Ich heirate sie einfach; sie will es; und

was ist denn dabei, daß ich heirate? Ich ... Nun, ja ... das ist doch

ganz gleichgültig! Nur wäre sie bestimmt gestorben. Ich sehe jetzt ein,

daß ihre Heirat mit Rogoshin einfach Wahnsinn gewesen wäre! Ich habe

jetzt alles begriffen, was ich früher nicht zu begreifen vermochte, und

sehen Sie: als sie sich damals beide gegenüberstanden, da konnte ich

Nastassja Filippownas Gesicht nicht ertragen ... Sie erklärten vorhin

ganz richtig jenen Abend vor einem halben Jahr bei Nastassja Filippowna;

nur war da noch etwas, das Sie ausgelassen haben, weil Sie es nicht

wissen: ich sah in _ihr Gesicht_! Schon am Morgen, bei Jepantschins,

konnte ich es nicht ertragen. Die Wjera ... Wjera Lebedewa, die hat ganz

andere Augen ... Ich ... ich fürchte ihr Gesicht!« fügte er mit

unheimlichem Grauen hinzu.

»Sie fürchten? ...«

»Ja; sie ist wahnsinnig!« flüsterte der Fürst erbleichend.

»Wissen Sie das genau?« fragte Jewgenij Pawlowitsch mit ungeheurem

Interesse.

»Ja, ganz genau, jetzt weiß ich es, gerade jetzt, in diesen Tagen habe

ich es mit völliger Sicherheit feststellen können!«

»Was wollen Sie dann mit sich beginnen?« rief Jewgenij Pawlowitsch

erschrocken. »Dann heiraten Sie sie also nur aus Angst? Da werde einer

daraus klug! ... Vielleicht sogar, ohne sie zu lieben?«

»O nein, ich liebe sie mit ganzer Seele! Sie ist doch ... ein Kind!

Jetzt ist sie ja ein vollständiges Kind! Oh, Sie wissen ja noch nichts!«

»Und zu gleicher Zeit haben Sie Aglaja Iwanowna Ihrer Liebe versichert?«

»O ja, ja!«

»Aber hören Sie, Fürst, um Gotteswillen, was reden Sie, besinnen Sie

sich!«

»Ich kann ohne Aglaja ... ich muß sie unbedingt sehen, ich muß sie

sprechen! Ich ... ich werde bald sterben ... im Schlaf, ich glaubte

schon, daß ich in dieser Nacht im Schlaf sterben würde. Oh, wenn Aglaja

wüßte, wenn sie alles wüßte ... aber unbedingt alles! Denn hier muß man

unbedingt alles wissen, das ist die erste Bedingung! Weshalb können wir

nie _alles_ vom anderen erfahren, wenn es doch so nötig ist -- und wenn

noch der andere schuld ist! Ich ... übrigens weiß ich selbst nicht, was

ich rede, ich bin ganz wirr ... Sie haben mich so erschüttert ... Sollte

sie jetzt wirklich noch solch ein Gesicht haben, wie damals, als sie

hinauslief? O ja, ich bin schuld! Am wahrscheinlichsten ist, daß ich

allein an allem schuld bin. Ich weiß zwar noch nicht genau, worin meine

Schuld besteht ... Hier ist etwas, das ich Ihnen nicht erklären kann,

Jewgenij Pawlowitsch, ich habe keine Worte und verstehe nicht zu

sprechen, aber ... Aglaja Iwanowna wird alles verstehen! Oh, ich habe

immer daran geglaubt, daß sie alles verstehen wird!«

»Nein, Fürst, sie wird Sie nicht verstehen. Aglaja Iwanowna liebte Sie,

wie ein Weib, wie ein Mensch liebt, und nicht wie ein ... abstrakter

Geist. Wissen Sie was, mein armer Fürst: am wahrscheinlichsten ist, daß

Sie weder die eine noch die andere jemals geliebt haben.«

»Ich weiß nicht ... vielleicht ... vielleicht haben Sie in vielem recht,

Jewgenij Pawlowitsch. Sie sind ein sehr kluger Mensch, Jewgenij

Pawlowitsch. Oh, mein Kopf fängt wieder an zu schmerzen! Gehen wir zu

ihr! Um Gotteswillen, um Gotteswillen!«

»Aber ich habe Ihnen doch gesagt, daß sie nicht in Pawlowsk ist, sie ist

in Kolmino!«

»Fahren wir dann nach Kolmino, fahren wir sofort!«

»Das ist un--möglich!« sagte Jewgenij Pawlowitsch langsam, und er erhob

sich von seinem Platz.

»Hören Sie, ich werde ihr einen Brief schreiben, bringen Sie ihn hin!«

»Nein, Fürst, nein! Verschonen Sie mich mit solchen Aufträgen, ich kann

nicht!«

Sie schieden: Jewgenij Pawlowitsch verließ ihn mit einer festen

Überzeugung: seiner Ansicht nach war der Fürst nicht bei vollem

Verstande.

»Und was hat dieses _Gesicht_ zu bedeuten, das er so fürchtet und

gleichzeitig so liebt?« fragte er sich verwundert. »Und dabei wird er

vielleicht doch noch sterben ohne Aglaja, so daß sie vielleicht nie

erfahren wird, wie sehr er sie liebt! Haha! Und wie kann er nur zwei auf

einmal lieben? Mit irgendwelchen zwei verschiedenen Arten von Liebe

etwa? Das ist interessant ... Armer Idiot! Was aus ihm jetzt wohl noch

werden wird?«

Sämtliche Werke 3-4 · 第 69 / 75 题