Es vergingen zwei Wochen nach dem im vorhergehenden Kapitel erzählten
Ereignis, und in dieser Zeit hatte sich im Leben der Personen unserer
Erzählung so vieles verändert, daß wir nicht ohne vorhergehende
Erklärungen in der Wiedergabe der folgenden Ereignisse fortfahren
können. Leider müssen sich diese Erklärungen nur auf diese Tatsachen
beschränken, und das aus einem sehr einfachen Grunde: weil wir in vielen
Fällen das Geschehene selbst kaum zu erklären verstünden. Das ist nun
zwar ein sehr sonderbares Geständnis, doch hoffen wir, daß der Leser aus
dem Folgenden selbst erraten wird, was es ist, das zu erklären wir nicht
auf uns zu nehmen vermögen.
Im Laufe dieser zwei Wochen war der Liebesroman unseres Helden und
namentlich seine letzte Wendung, von der man zuerst nur bei Lebedeffs,
Ptizyns, Darja Alexejewna und Jepantschins erfahren hatte, allmählich in
ganz Pawlowsk und sogar darüber hinaus bekannt geworden. Alle Welt
erzählte sich ein und dieselbe Geschichte, natürlich in tausend
Variationen, erzählte sich, daß ein gewisser Fürst, der in einem
bekannten, angesehenen Hause einen Skandal hervorgerufen und sich bei
der Gelegenheit mit einer der Töchter des Hauses, als deren Bräutigam er
bereits der Gesellschaft vorgestellt worden war, entlobt habe, um sich
darauf von einer bekannten Demimondaine so weit bestricken zu lassen,
daß er alle seine früheren Beziehungen abgebrochen und nun trotz aller
Drohungen und des allgemeinen Unwillens sich hier in Pawlowsk öffentlich
am »hellichten Tage«, erhobenen Hauptes und allen offen in die Augen
blickend, mit besagter Demimondaine wolle trauen lassen. Da nun ein
jeder der Erzähler das Gerücht noch nach Kräften ausschmückte und ihm
die phantastischsten und rätselhaftesten Farben verlieh, viele sogar
bekannte, hochangesehene Personen mit dem Vorfall in Verbindung
brachten, und andererseits unantastbare Tatsachen das Wesentliche
vollkommen bestätigten, war schließlich die allgemeine Neugier sehr
erklärlich und wohl auch verzeihlich. Die raffinierteste und
gleichzeitig glaubwürdigste Wiedergabe und Auslegung des Tatbestandes
erfuhr diese interessante »Affäre« von einzelnen jener »ernsten«
Klatschbasen männlichen Geschlechts, die man in jeder Gesellschaft
antreffen kann und die sich stets beeilen, ihren Mitmenschen das neueste
Ereignis verständlich zu machen -- eine Beschäftigung, die sie geradezu
als ihre Lebensaufgabe betrachten, die sie nach bestem Können erfüllen
und die ihnen gewöhnlich zu einer Art Trost im eigenen Unglück wird.
Nach ihrer Wiedergabe war der betreffende junge Mann ein Fürst alter
Abstammung, ziemlich reich, ziemlich dumm, doch dafür ein Demokrat, dem
der zeitgenössische Nihilismus zu Kopf gestiegen war und der sich,
obgleich er kaum Russisch zu sprechen verstand, im Hause des Generals
Jepantschin einzuführen gewußt und mit einer Tochter desselben verlobt
hätte. Ferner hieß es, daß der Fall des Fürsten ganz ähnlich dem eines
französischen Seminaristen sei, von dem in jüngster Zeit viel geredet
und geschrieben worden war -- der Betreffende hatte sich absichtlich zum
Priester salben lassen, hatte bei der Gelegenheit alle Vorschriften der
Zeremonie genau befolgt, den Schwur geleistet usw., um dann am nächsten
Tage seinem Bischof in einem offenen Schreiben mitzuteilen, daß er, da
er an Gott nicht glaube, nicht gegen sein Gewissen handeln und das Volk
betrügen wolle, um sich dafür von ihm ernähren zu lassen, und deshalb
seine tags zuvor empfangene Würde niederlege. Ähnlich diesem Atheisten,
wie gesagt, solle auch der Fürst gehandelt haben. Er habe nämlich,
meinte man, nur auf die feierliche Soiree bei den Eltern seiner Braut
gewartet, um dann, nachdem er mehreren hochangesehenen Würdenträgern
vorgestellt worden war, sich plötzlich zu erheben, seine
demokratisch-nihilistischen Anschauungen auseinanderzusetzen, hierauf
die ehrwürdigen Gäste zu beschimpfen und sich öffentlich in höchst
beleidigender Weise von seiner Braut loszusagen. Zu guter Letzt, als man
ihn von den Dienstboten hatte hinausbefördern lassen, sei er noch
tätlich geworden und habe beim Sichwidersetzen und im Handgemenge eine
kostbare chinesische Vase zerschlagen. Hinzugefügt wurde außerdem noch,
gewissermaßen als charakteristischer Ausdruck des Zeitgeistes, daß der
junge Mann seine Braut, die Tochter des Generals, wirklich geliebt und
sich einzig aus nihilistischer Überzeugung und um des Skandals willen
von ihr losgesagt habe, damit er sich dann vor der ganzen Welt das
Vergnügen leisten könne, statt ihrer ein gefallenes Frauenzimmer zu
heiraten und damit zu beweisen, daß es für ihn weder lasterhafte noch
tugendsame Frauen gebe, sondern einzig das Ideal einer freien Frau --
ja, in der Beziehung stehe eine gefallene Frau seiner Ansicht nach sogar
höher als eine nicht gefallene usw. usw.
Diese Erklärungen erschienen vielen sehr glaubwürdig, so namentlich den
in Pawlowsk wohnenden Villenbesitzern, da sie sie fast täglich durch
neue Tatsachen bestätigt fanden. Freilich blieben trotzdem noch sehr
viele Einzelheiten unaufgeklärt: so wußte man zum Beispiel zu erzählen,
daß das arme junge Mädchen ihren Bräutigam -- einige sagten »Verführer«
-- so leidenschaftlich geliebt habe, daß sie am nächsten Tage, nachdem
er sie verlassen, zu ihm gelaufen sei, und daß sie dann seine Geliebte
bei ihm angetroffen habe; andere wiederum beteuerten, er selbst habe sie
zu seiner Geliebten gelockt, und zwar »einzig aus Nihilismus« -- um sie
zu beleidigen. Doch wie dem auch sein mochte, jedenfalls wuchs das
Interesse der Sommerfrischler mit jedem Tage, um so mehr, als es bald
nicht dem geringsten Zweifel mehr unterlag, daß die skandalöse Hochzeit
wirklich zustande kommen würde.
Wenn man nun aber eine Erklärung verlangen wollte -- nicht was die
nihilistischen Nuancen des Ereignisses betrifft, o nein! -- sondern
einfach nur über diesen einen bedeutsamen und mehr persönlichen Punkt:
inwieweit denn die bevorstehende Hochzeit den wirklichen Wünschen des
Fürsten entsprach oder wie nun eigentlich die Stimmung unseres Helden in
dieser Zeit zu bezeichnen wäre, und vielleicht auch noch über manches
andere Wissenswerte der Art, dann würden wir kaum in der Lage sein,
etwas Bestimmtes zu antworten. Wir könnten nur bestätigen, daß die
Hochzeit auf den Anfang des Monats Juli festgesetzt war, und daß der
Fürst seinen Hauswirt Lebedeff, den ehemaligen Leutnant Keller und einen
Bekannten Lebedeffs, den ihm dieser als Autorität in solchen Dingen
vorgestellt, mit den Vorbereitungen zur Hochzeit betraut hatte -- mit
der Bemerkung, daß sie auf die Kosten nicht zu achten brauchten. Keller
wurde auf seine eigene glühende Bitte hin zum Hochzeitsmarschall
ernannt, desgleichen Burdowskij, den diese Ehre in helle Begeisterung
versetzte. Doch ganz abgesehen von diesen Tatsachen, will es uns
scheinen, daß der Fürst, nachdem er Lebedeff und die anderen mit den
Vorbereitungen betraut hatte, selbst schon nach ein paar Stunden wieder
vergaß, daß es so etwas wie Hochzeiten, Marschälle usw. überhaupt in der
Welt gab, und daß er, wenn er diese Anordnungen so schnell getroffen und
die unumgänglichen Scherereien auf andere abgewälzt hatte, dieses wohl
nur deshalb getan, um selbst nicht mehr daran denken zu müssen,
vielleicht sogar, um »das alles« so schnell als möglich und »ganz und
gar« vergessen zu können. Aber an was dachte er denn sonst, an was
_wollte_ er denken ... Andererseits steht es vollkommen fest, daß er zu
dieser Heirat durchaus nicht gezwungen worden war -- etwa von Nastassja
Filippowna --, daß zwar Nastassja Filippowna als erste von der Heirat zu
sprechen begonnen und die Hochzeit bald zu feiern gewünscht hatte, und
nicht etwa der Fürst: daß aber der Fürst freiwillig eingewilligt, ja es
sogar gewissermaßen zerstreut getan hatte, fast als hätte man ihn um
eine ziemlich gewöhnliche Sache gebeten. Und solcher Merkwürdigkeiten,
die die Sache anstatt zu erklären, nur noch rätselhafter erscheinen
ließen, gab es sogar eine ganze Menge. Führen wir nur ein Beispiel an.
Im Laufe dieser zwei Wochen verbrachte der Fürst ganze Tage bis in die
Nacht hinein bei Nastassja Filippowna: er ging mit ihr spazieren,
besuchte mit ihr die Konzerte, fuhr fast täglich mit ihr aus, und hatte
er sie nur eine Stunde lang nicht gesehen, so begann er schon, sich um
sie zu beunruhigen -- folglich mußte er sie doch wohl aufrichtig lieben!
Wenn sie sprach -- gleichviel was es war --, hörte er ihr mit einem
stillen, freundlichen Lächeln zu, oft sogar stundenlang, ohne dabei
selbst auch nur ein Wort zu sprechen. Andererseits aber wissen wir ganz
genau, daß er sich in diesen Tagen mehrmals ganz plötzlich zu
Jepantschins begab, was er vor Nastassja Filippowna auch durchaus nicht
verheimlichte und worüber sie jedesmal in Verzweiflung geriet. Bei
Jepantschins jedoch wurde er, solange sie noch in Pawlowsk blieben,
nicht empfangen, desgleichen verweigerte man ihm hartnäckig die
Erfüllung seines Wunsches, mit Aglaja Iwanowna sprechen zu dürfen. Er
entfernte sich dann jedesmal ohne ein Wort zu sagen, doch am folgenden
Tage erschien er wieder, als hätte er ganz vergessen, daß man ihn schon
abgewiesen hatte, und wurde natürlich wieder nicht empfangen. Wir wissen
ferner, daß etwa eine Stunde nachdem Aglaja Iwanowna von Nastassja
Filippowna fortgelaufen, vielleicht aber auch noch früher, der Fürst
plötzlich bei Jepantschins erschienen war, in der festen Überzeugung,
daß er Aglaja dort vorfinden würde. Doch hatte sein Erscheinen bei allen
Anwesenden nur Bestürzung und Angst hervorgerufen, denn erst von ihm
erfuhr man, daß Aglaja das Haus verlassen und mit ihm zu Nastassja
Filippowna gegangen war. Wie man heute hört, sollen Lisaweta
Prokofjewna, die Schwestern und Fürst Sch. über den Fürsten Lew
Nikolajewitsch ganz empört gewesen, ihre Gefühle keineswegs verschwiegen
und ihm die Freundschaft und Bekanntschaft ein für allemal gekündigt
haben. Da war aber plötzlich Warwara Ardalionowna erschienen, mit der
Nachricht, daß Aglaja Iwanowna bereits seit einer Stunde in ihrem Hause
sei, sich in einem beängstigenden Zustande befinde und nach Hause
offenbar nicht zurückkehren wolle. Diese letzte Mitteilung erschütterte
Lisaweta Prokofjewna am meisten, und sie entsprach auch vollkommen der
Wahrheit: als Aglaja aus dem Hause Darja Alexejewnas hinausgelaufen war,
hätte sie eher sterben mögen, als sich den Ihrigen zeigen, und da war
sie denn zu Nina Alexandrowna geeilt. Warwara Ardalionowna aber hatte es
sogleich für nötig befunden, Jepantschins davon zu benachrichtigen. Die
Mutter und die Schwestern brachen unverzüglich auf, um sich eilig zu
Ptizyns zu begeben, desgleichen der General, der gerade nach Hause
gekommen war. Doch da war das Unglaubliche geschehen: Fürst Lew
Nikolajewitsch war ihnen gefolgt und hatte sich gleichfalls zu Ptizyns
begeben, trotz der harten Worte, die er vorher zu hören bekommen hatte,
und des schroff ausgedrückten Verzichtes auf seine weitere
Bekanntschaft. Nur hatte Warwara Ardalionowna sogleich ihre Vorkehrungen
getroffen und so war er auch in ihrem Hause nicht bis zu Aglaja Iwanowna
gelangt. Als Aglaja die Mutter und die Schwestern in Tränen aufgelöst
erblickt hatte, ohne dabei auch nur den geringsten Vorwurf zu vernehmen,
war sie ihnen sogleich an den Hals geflogen und widerspruchslos nach
Hause zurückgekehrt. Übrigens hatte sich während Warwara Ardalionownas
Abwesenheit noch ein kleiner Zwischenfall zugetragen, der für Gawrila
Ardalionytsch neues Pech bedeutete: in dem Glauben, daß dieser
Augenblick seines Alleinseins mit Aglaja eine günstige Gelegenheit sei,
hatte er plötzlich von seiner Liebe zu ihr zu reden begonnen, und da
hatte Aglaja ungeachtet ihrer Verzweiflung und Tränen mit einem Mal zu
lachen angefangen und ohne ein Wort der Erklärung die seltsame Frage an
ihn gestellt, ob er zum Beweise seiner Liebe bereit wäre, hier sogleich
seinen Finger an einer Kerze zu verbrennen. Gawrila Ardalionytsch, hieß
es, sei von dieser Frage wie betäubt gewesen und habe ein so unendlich
verwundertes Gesicht gemacht, daß Aglaja in hysterisches Gelächter über
ihn ausgebrochen und die Treppe hinauf zu Nina Alexandrowna gelaufen
sei, wo die Eltern sie dann auch angetroffen hatten.
Von diesem Zwischenfall hatte der Fürst am nächsten Tage durch Hippolyt
erfahren, nur zu diesem Zweck hatte ihn der Kranke, der das Bett nicht
mehr verließ, zu sich rufen lassen. Wie oder durch wen er aber Hippolyt
bekannt geworden war, das wissen wir nicht. Doch erzählte man sich, daß
der Fürst, als Hippolyt von dem Licht und dem Finger erzählt hatte,
plötzlich in schallendes Gelächter ausgebrochen sei, so daß Hippolyt ihn
ganz sprachlos angesehen habe; und dann habe der Fürst plötzlich heftig
zu zittern angefangen und sei in Tränen ausgebrochen ... Überhaupt
befand sich der Fürst seit jenem Abend in einer unbestimmten, doch um so
quälenderen Unruhe, und den meisten fiel es auf, daß er seltsam verwirrt
war. Hippolyt behauptete sogar, daß er ihn einfach für irrsinnig halte,
doch war das natürlich übertrieben.
Indem wir nun alle diese Tatsachen anführen, eine Erklärung derselben
jedoch verweigern, wollen wir unseren Helden nicht etwa zu rechtfertigen
versuchen -- oh, durchaus nicht! Im Gegenteil, wir sind sogar bereit,
den Unwillen zu teilen, den er selbst bei seinen Freunden hervorgerufen
hatte. Sogar Wjera Lebedewa war eine Zeitlang ungehalten über ihn, sogar
Koljä und Keller waren es -- dieser allerdings nur bis zu seiner
Ernennung zum Hochzeitsmarschall --, von Lebedeff schon ganz zu
schweigen: der begann einfach gegen den Fürsten zu intrigieren, denn
sein Unwille war wirklich aufrichtig und im Herzen empfunden. Doch
darauf werden wir noch später zurückkommen. Jedenfalls müssen wir aber
einigen in ihrer Psychologie sogar sehr tiefen Worten Jewgenij
Pawlowitschs beipflichten, die dieser am sechsten oder siebenten Tage
nach dem Geschehnis in freundschaftlichem Gespräch ganz offen und ohne
alle Zeremonien dem Fürsten selbst sagte. Es sei hier noch bemerkt, daß
nicht nur die Familie Jepantschin, sondern auch alle, die mehr oder
weniger zu ihr in Beziehung standen, es für nötig hielten, den Fürsten
hinfort nicht mehr zu kennen. Fürst Sch. zum Beispiel wandte sich bei
einer Begegnung im Park von ihm ab und ließ seinen Gruß unerwidert. Nur
Jewgenij Pawlowitsch Radomskij fürchtete sich nicht, sich durch einen
Besuch beim Fürsten zu kompromittieren, ungeachtet dessen, daß er
Jepantschins wieder täglich besuchte und daselbst mit sichtlich
zunehmender Freundlichkeit empfangen wurde. Er kam am Tage nach der
Abreise Jepantschins aus Pawlowsk zum Fürsten und war natürlich schon
gut unterrichtet über alles, was man sich in Pawlowsk erzählte --
vielleicht hatte er sogar selbst manches verlauten lassen. Der Fürst
freute sich unbeschreiblich über seinen Besuch und begann sogleich von
Jepantschins zu sprechen. Diese Treuherzigkeit und offene Sprache
ermöglichte es auch Jewgenij Pawlowitsch, ohne Umschweife und
rückhaltlos mit der Hauptsache zu beginnen.
Der Fürst wußte es noch nicht, daß Jepantschins Pawlowsk verlassen
hatten; als er es erfuhr, war er so bestürzt, daß er erbleichte. Doch
schon nach einer kleinen Weile schüttelte er den Kopf wie in wirrem
Nachdenken und gestand, daß es »so hätte kommen müssen«. Dann erkundigte
er sich hastig, wohin sie denn gefahren seien?
Jewgenij Pawlowitsch beobachtete ihn inzwischen aufmerksam: diese
schnellen Fragen und ihre kindliche Geradheit, sowie die Verwirrung und
gleichzeitig Offenherzigkeit, die Unruhe und das angespannte, grübelnde
Denken des Fürsten -- alles das wunderte ihn nicht wenig. Seine Fragen
beantwortete er liebenswürdig und ausführlich und der Fürst hörte ihm
begierig zu, denn Jewgenij Pawlowitsch war der erste, der ihm von
Jepantschins berichten konnte. So erfuhr er denn, daß Aglaja Iwanowna in
der Tat krank gewesen war, ganze drei Nächte nicht geschlafen und heftig
gefiebert hatte. Zwar gehe es ihr jetzt besser, erzählte Jewgenij
Pawlowitsch, doch befinde sie sich immer noch in einem sehr nervösen,
hysterischen Zustande ... »Zum Glück herrscht im ganzen Hause
vollkommener Friede! Von dem Vorgefallenen sprechen sie nicht einmal
unter sich, geschweige denn in Aglajas Gegenwart. Die Eltern haben sich
besprochen und die Reise ins Ausland ist auf den Herbst festgesetzt,
sogleich nach Adelaidas Hochzeit. Aglaja hat schweigend die ersten
Gespräche darüber angehört.« Er, Jewgenij Pawlowitsch, werde vielleicht
gleichfalls ins Ausland reisen. Auch Fürst Sch. wolle, falls es ihm
seine Zeit erlaube, auf etwa zwei Monate die anderen mit Adelaida
begleiten. Der General würde natürlich in Petersburg bleiben.
Augenblicklich befänden sie sich auf ihrem Gut Kolmino, das etwa zwanzig
Werst von Petersburg gelegen war und ein geräumiges Herrenhaus hatte.
Die Fürstin Bjelokonskaja sei noch nicht nach Moskau zurückgekehrt; wie
es scheine, bliebe sie absichtlich, um zu sehen, wie »das Ganze«
ablaufen würde. Lisaweta Prokofjewna war die erste gewesen, die auf der
Übersiedelung nach Kolmino bestanden hatte; ein weiterer Aufenthalt in
Pawlowsk wäre nach dem Vorgefallenen unmöglich gewesen; auch ihre
Datsche auf der Jelagin-Insel sei nicht einsam genug gelegen.
»Nun, und Sie müssen doch selbst zugeben,« meinte Jewgenij Pawlowitsch,
»war es für sie denn noch möglich, zu bleiben? ... besonders da man
genau wußte, was hier bei Ihnen in Ihrem Hause geschah? ... und nachdem
Sie täglich ungeachtet aller Absagen hinkamen? ...«
»Ja, Sie haben recht ... ich wollte nur Aglaja Iwanowna sehen,« sagte
der Fürst, wieder mit dem Kopf nickend.
»Ach, lieber Fürst,« rief Jewgenij Pawlowitsch vorwurfsvoll und
aufrichtig betrübt, »wie konnten Sie damals nur zulassen ... daß es
geschah? Gewiß, ich weiß ja, es kam für Sie so unerwartet ... Ich
verstehe, daß Sie sich ganz verlieren mußten und ... Sie konnten dieses
sinnlose Mädchen natürlich nicht aufhalten, das wäre von Ihnen zu viel
verlangt gewesen. Aber Sie hätten doch wenigstens begreifen müssen, wie
ernst und stark dieses Mädchen -- Sie ... sich zu Ihnen verhielt: sie
wollte sich nicht mit einer anderen in Ihre Liebe teilen und Sie ... Sie
konnten einen so kostbaren Schatz verlassen, konnten es zulassen, daß er
in Trümmer ging!«
»Ja, ja, Sie haben recht! Ja, es war meine Schuld,« sagte der Fürst
niedergedrückt, »doch wissen Sie: nur sie allein, nur Aglaja sah mit
solchen Augen auf Nastassja Filippowna ... Außer ihr sah niemand so auf
sie.«
»Das ist aber doch gerade das Empörende an all dem, daß hier wirklich
nichts Ernstes vorlag!« rief Jewgenij Pawlowitsch, der sich von seinem
Unwillen entschieden hinreißen ließ. »Verzeihen Sie, Fürst, aber ... ich
... habe darüber nachgedacht, Fürst, und lange nachgedacht. Ich weiß
alles, was damals vor einem halben Jahre gewesen ist, alles, alles, und
-- alles das war nichts Ernstes! Es war nichts als eine gedankliche
Ekstase, ein Bild, eine Phantasie, war Rausch, wenn Sie wollen, und nur
die erschrockene, angstvolle Eifersucht eines vollkommen unerfahrenen
Mädchens konnte es für etwas Ernsthaftes halten!«
Jewgenij Pawlowitsch tat seinem Unwillen keinen Zwang mehr an und
drückte seine Gedanken offen und mit ganzer Schonungslosigkeit aus.
Verständig und klar und sogar mit auffallendem psychologischem
Scharfblick erklärte er dem Fürsten dessen Beziehungen zu Nastassja
Filippowna, so wie er sie auffaßte. Jewgenij Pawlowitsch hatte sich von
jeher der Gabe des Wortes erfreut, und wenn er Reden hielt, konnte er
mitunter sogar überzeugend reden.
»Es begann bei Ihnen mit einer Lüge, und was mit einer Lüge beginnt, das
muß auch mit einer Lüge enden: das ist ein Naturgesetz. Wenn man Sie --
verzeihen Sie, Fürst -- einen Idioten nennt, so kann ich diesen ...
Leuten -- gleichviel wer es tut -- nicht beistimmen ... ich ärgere mich
vielmehr aufrichtig darüber. Sie sind viel zu klug für diese
Bezeichnung; aber Sie sind doch so weit ... sagen wir, absonderlich, daß
Sie von den anderen Menschen abstechen -- das werden Sie mir doch selbst
zugeben? Ich finde, daß gewissermaßen das Fundament zu all diesen
weiteren Erlebnissen sich aus folgendem zusammengesetzt hat: erstens aus
Ihrer angeborenen Unerfahrenheit -- merken Sie sich das Wort
>angeboren<, Fürst --, zweitens aus Ihrer ungewöhnlichen Güte, ferner
aus dem phänomenalen Mangel an Maßgefühl, was Sie ja auch selbst einmal
von sich gesagt haben, und schließlich aus der unendlichen Menge
theoretischer Überzeugungen, die Sie in Ihrer ganzen unglaublichen
Ehrlichkeit immer noch für wahre, natürliche und unmittelbare
Überzeugungen halten. Sie müssen doch zugeben, Fürst, daß in Ihre
Beziehungen zu Nastassja Filippowna von Anfang an etwas, sagen wir der
Kürze halber -- _bedingt Demokratisches_ sich hineingemischt hat, oder
sagen wir, es war der Zauber der >Frauenfrage<, um es noch kürzer
auszudrücken. Ich bin über jene Skandalszene, die sich bei Nastassja
Filippowna damals, vor einem halben Jahre, zugetragen hat, als Rogoshin
ihr das Geld brachte, gut unterrichtet. Wenn Sie wollen, werde ich Ihnen
Ihre Stimmung und Ihr Verhalten an jenem Abend ganz genau erklären. Sie
waren als Jüngling in die Schweiz gekommen -- Sie sind ja auch jetzt
noch ein Jüngling -- und da begannen Sie sich nach der Heimat
zurückzusehnen, nach dem Ihnen fast unbekannten, doch um so
schwärmerischer von Ihnen geliebten Vaterlande. Sie lasen dort viele
Bücher über Rußland, Bücher, die sonst ganz vorzüglich sein mögen, für
Sie aber sicherlich schädlich waren. Und so kamen Sie denn in die Heimat
im ersten Rausch des Betätigungsdranges, Sie lechzten förmlich nach
Betätigung! Und da -- an demselben Tage, an dem Sie hier eintrafen,
erzählte man Ihnen die traurige, empörende Lebensgeschichte eines
beleidigten Weibes -- Ihnen, dem Ritter, dem jungfräulichen Ritter --
eines Weibes! Und noch am Abend dieses ersten Tages sahen Sie dieses
Weib: Sie waren bezaubert von ihrer Erscheinung, ihrer phantastischen,
dämonischen Schönheit -- ich gebe es ja zu, daß sie eine Schönheit ist.
Nehmen Sie jetzt noch dazu Ihre Krankheit, Ihre Nerven, unser
Petersburger, auf die Nerven wirkendes Tauwetter; denken Sie an diesen
ganzen ersten Tag in der Ihnen unbekannten, fast phantastischen Stadt,
den Tag der neuen Bekanntschaften, der unerwarteten Szenen und der
unerwarteten Wirklichkeit, den Tag, an dem Sie Jepantschins, deren drei
schöne Töchter, und darunter eine Aglaja, kennen lernten; fügen Sie
jetzt noch Ihre Müdigkeit, Ihr Kopfweh nach der Eisenbahnfahrt hinzu,
dann Nastassja Filippownas Salon und den Ton in diesem Salon ... was
konnten Sie nach alledem noch von sich erwarten, was meinen Sie?«
»Ja, ja; ja, ja,« der Fürst nickte wieder mit dem Kopf, und er begann zu
erröten, »fast war es ja auch so; und wissen Sie, ich hatte die Nacht
vorher im Waggon wirklich nicht geschlafen, und ich war sehr abgespannt
...«
»Aber das ist es ja, worauf ich meine Behauptung aufgebaut habe!« fuhr
Jewgenij Pawlowitsch eifrig fort. »Es liegt doch auf der Hand, daß Sie
im Rausch der Begeisterung die erste Gelegenheit ergriffen, mit
Begeisterung ergriffen, um öffentlich Ihre großmütige Auffassung zu
bezeugen, daß Sie, ein Fürst aus altem Geschlecht und ein reiner Mensch,
dieses Weib, das nicht durch eigene Schuld gefallen, sondern das ein
widerlicher Roué geschändet hatte, nicht für ehrlos hielten. O Gott,
aber das ist doch so verständlich! Doch nicht darum handelt es sich
jetzt, lieber Fürst, sondern es handelt sich um eine ganz andere Frage,
und die ist: lag Ihrem Gefühl Wahrheit zugrunde, war es Natur, oder war
es nichts als gedankliche Begeisterung, Berauschung? Im Tempel ward
einst jenem Weibe verziehen, aber ihr Tun ward doch nicht gutgeheißen,
es ward ihr doch nicht gesagt, daß sie aller Ehren und Achtung wert sei,
was meinen Sie? Hat Ihnen denn nicht Ihr eigener gesunder Verstand nach
drei Monaten gesagt, um was es sich hier handelte? Mag sie jetzt auch
unschuldig sein -- ich will da weiter nicht richten --, aber können denn
alle ihre Abenteuer einen so unerträglichen, teuflischen Stolz, einen so
unverhohlenen, gierigen Egoismus rechtfertigen? Verzeihen Sie, Fürst,
ich lasse mich hinreißen, aber ...«
»Ja, das kann ja alles so sein, vielleicht haben Sie auch recht ...«
murmelte der Fürst. »Sie ist wirklich sehr nervös und reizbar und Sie
haben recht, natürlich, aber ...«
»Aber sie hat Mitleid verdient? Ist es nicht das, was Sie sagen wollen?
Doch wie durften Sie dann um dieses Mitleids willen, was Sie mit
_dieser_ empfanden, einem anderen, reinen, hochstehenden Mädchen diese
Schmach antun, und das noch vor den Augen der ihr so Verhaßten -- jener
Hochmütigen? Auch das Mitleid muß doch eine Grenze haben! Das ist doch
eine unglaubliche Übertreibung! Und wie ist es denn möglich, daß man ein
Mädchen, welches man liebt, vor ihrer Rivalin so erniedrigen kann, daß
man sie um der anderen willen verläßt, und das noch vor den Augen dieser
anderen, nachdem man sie in Ehren um ihre Hand gebeten hat ... Und Sie
haben doch in Gegenwart ihrer Eltern und Schwestern um sie angehalten!
Sind Sie nun Ihrer Meinung nach noch ein Ehrenmann, Fürst, erlauben Sie,
daß ich Sie danach frage? Und ... und haben Sie dann dieses herrliche
Mädchen nicht betrogen, indem Sie es Ihrer Liebe versicherten?«
»Ja, ja, Sie haben recht, ach, ich fühle es, daß ich an allem schuld
bin!« sagte der Fürst in unsäglichem Schmerz.
»Aber was hilft das jetzt!« rief Jewgenij Pawlowitsch unwillig. »Genügt
denn das, nur auszurufen: >Ach, ich bin an allem schuld!<? Sie _sind_
es, und dennoch bleiben Sie dabei! Und wo war denn damals Ihr Herz, Ihr
>christliches< Herz? Sie sahen doch ihr Gesicht in dem Augenblick: wie,
litt sie etwa weniger als _jene_, jene andere? Wie konnten Sie es denn
sehen und doch zulassen? Wie?«
»Ja, aber ... ich ließ es ja auch gar nicht zu,« murmelte der Fürst.
»Wie das, wieso ließen Sie es nicht zu?«
»Ich, bei Gott, ich habe nichts zugelassen. Ich begreife bis jetzt noch
nicht, wie das alles gekommen ist ... ich ... ich eilte damals Aglaja
Iwanowna nach, aber da fiel Nastassja Filippowna in Ohnmacht. Und dann
hat man mich bis jetzt noch nicht zu Aglaja Iwanowna gelassen.«
»Gleichviel! Sie hätten Aglaja nacheilen sollen, und wenn die andere
auch hundertmal in Ohnmacht fiel!«
»Ja ... ja, ich hätte ... aber sie wäre dann doch gestorben! Sie hätte
sich umgebracht, Sie kennen sie nicht, und ... ich hätte ja doch später
Aglaja Iwanowna sowieso alles erklärt und ... sehen Sie, Jewgenij
Pawlowitsch, ich sehe, daß Sie, wie es scheint, doch nicht alles wissen.
Sagen Sie, weshalb läßt man mich nicht zu Aglaja Iwanowna? Ich würde ihr
alles erklären. Sehen Sie: beide sprachen sie damals von etwas anderem,
nicht davon, sondern von etwas ganz anderem, ganz anderem. Deshalb kam
es auch dazu ... Ich kann Ihnen das wirklich nicht erklären ... aber
ich, vielleicht könnte ich es ihr erklären, Aglaja ... O, mein Gott,
mein Gott! Sie sprechen von ihrem Gesicht in jenem Augenblick als sie
hinauslief ... o, mein Gott, ich entsinne mich noch so genau! ... Gehen
wir, gehen wir!« rief er plötzlich, Jewgenij Pawlowitsch am Ärmel
ziehend, nachdem er aufgesprungen war.
»Wohin?«
»Gehen wir zu Aglaja Iwanowna, sofort, kommen Sie doch! ...«
»Aber sie ist ja gar nicht mehr in Pawlowsk, das habe ich Ihnen doch
schon gesagt. Und was wollen Sie dort?«
»Sie wird es verstehen, sie wird es verstehen!« beteuerte der Fürst
flehend, und wie beschwörend faltete er die Hände. »Sie wird es
verstehen, daß alles das nicht _das_ ist, sondern etwas ganz, ganz
anderes!«
»Inwiefern etwas ganz anderes? Sie werden doch heiraten? Folglich
bleiben Sie dabei. Werden Sie heiraten oder werden Sie nicht heiraten?«
»Nun, ja ... ich werde; ja ich werde heiraten!«
»Also wie soll es dann nicht _das_ sein?«
»O, nein, es ist nicht das, es ist nicht das! Das, das ist ganz
gleichgültig, daß ich heirate, das hat doch nichts zu sagen!«
»Wie das: nichts zu sagen? Es ist doch kein Kinderspiel! Sie heiraten
das geliebte Weib, um es glücklich zu machen, und Aglaja Iwanowna sieht
das und weiß das -- wie können Sie also sagen, daß es nichts zu sagen
habe?«
»Glücklich zu machen? O nein! Ich heirate sie einfach; sie will es; und
was ist denn dabei, daß ich heirate? Ich ... Nun, ja ... das ist doch
ganz gleichgültig! Nur wäre sie bestimmt gestorben. Ich sehe jetzt ein,
daß ihre Heirat mit Rogoshin einfach Wahnsinn gewesen wäre! Ich habe
jetzt alles begriffen, was ich früher nicht zu begreifen vermochte, und
sehen Sie: als sie sich damals beide gegenüberstanden, da konnte ich
Nastassja Filippownas Gesicht nicht ertragen ... Sie erklärten vorhin
ganz richtig jenen Abend vor einem halben Jahr bei Nastassja Filippowna;
nur war da noch etwas, das Sie ausgelassen haben, weil Sie es nicht
wissen: ich sah in _ihr Gesicht_! Schon am Morgen, bei Jepantschins,
konnte ich es nicht ertragen. Die Wjera ... Wjera Lebedewa, die hat ganz
andere Augen ... Ich ... ich fürchte ihr Gesicht!« fügte er mit
unheimlichem Grauen hinzu.
»Sie fürchten? ...«
»Ja; sie ist wahnsinnig!« flüsterte der Fürst erbleichend.
»Wissen Sie das genau?« fragte Jewgenij Pawlowitsch mit ungeheurem
Interesse.
»Ja, ganz genau, jetzt weiß ich es, gerade jetzt, in diesen Tagen habe
ich es mit völliger Sicherheit feststellen können!«
»Was wollen Sie dann mit sich beginnen?« rief Jewgenij Pawlowitsch
erschrocken. »Dann heiraten Sie sie also nur aus Angst? Da werde einer
daraus klug! ... Vielleicht sogar, ohne sie zu lieben?«
»O nein, ich liebe sie mit ganzer Seele! Sie ist doch ... ein Kind!
Jetzt ist sie ja ein vollständiges Kind! Oh, Sie wissen ja noch nichts!«
»Und zu gleicher Zeit haben Sie Aglaja Iwanowna Ihrer Liebe versichert?«
»O ja, ja!«
»Aber hören Sie, Fürst, um Gotteswillen, was reden Sie, besinnen Sie
sich!«
»Ich kann ohne Aglaja ... ich muß sie unbedingt sehen, ich muß sie
sprechen! Ich ... ich werde bald sterben ... im Schlaf, ich glaubte
schon, daß ich in dieser Nacht im Schlaf sterben würde. Oh, wenn Aglaja
wüßte, wenn sie alles wüßte ... aber unbedingt alles! Denn hier muß man
unbedingt alles wissen, das ist die erste Bedingung! Weshalb können wir
nie _alles_ vom anderen erfahren, wenn es doch so nötig ist -- und wenn
noch der andere schuld ist! Ich ... übrigens weiß ich selbst nicht, was
ich rede, ich bin ganz wirr ... Sie haben mich so erschüttert ... Sollte
sie jetzt wirklich noch solch ein Gesicht haben, wie damals, als sie
hinauslief? O ja, ich bin schuld! Am wahrscheinlichsten ist, daß ich
allein an allem schuld bin. Ich weiß zwar noch nicht genau, worin meine
Schuld besteht ... Hier ist etwas, das ich Ihnen nicht erklären kann,
Jewgenij Pawlowitsch, ich habe keine Worte und verstehe nicht zu
sprechen, aber ... Aglaja Iwanowna wird alles verstehen! Oh, ich habe
immer daran geglaubt, daß sie alles verstehen wird!«
»Nein, Fürst, sie wird Sie nicht verstehen. Aglaja Iwanowna liebte Sie,
wie ein Weib, wie ein Mensch liebt, und nicht wie ein ... abstrakter
Geist. Wissen Sie was, mein armer Fürst: am wahrscheinlichsten ist, daß
Sie weder die eine noch die andere jemals geliebt haben.«
»Ich weiß nicht ... vielleicht ... vielleicht haben Sie in vielem recht,
Jewgenij Pawlowitsch. Sie sind ein sehr kluger Mensch, Jewgenij
Pawlowitsch. Oh, mein Kopf fängt wieder an zu schmerzen! Gehen wir zu
ihr! Um Gotteswillen, um Gotteswillen!«
»Aber ich habe Ihnen doch gesagt, daß sie nicht in Pawlowsk ist, sie ist
in Kolmino!«
»Fahren wir dann nach Kolmino, fahren wir sofort!«
»Das ist un--möglich!« sagte Jewgenij Pawlowitsch langsam, und er erhob
sich von seinem Platz.
»Hören Sie, ich werde ihr einen Brief schreiben, bringen Sie ihn hin!«
»Nein, Fürst, nein! Verschonen Sie mich mit solchen Aufträgen, ich kann
nicht!«
Sie schieden: Jewgenij Pawlowitsch verließ ihn mit einer festen
Überzeugung: seiner Ansicht nach war der Fürst nicht bei vollem
Verstande.
»Und was hat dieses _Gesicht_ zu bedeuten, das er so fürchtet und
gleichzeitig so liebt?« fragte er sich verwundert. »Und dabei wird er
vielleicht doch noch sterben ohne Aglaja, so daß sie vielleicht nie
erfahren wird, wie sehr er sie liebt! Haha! Und wie kann er nur zwei auf
einmal lieben? Mit irgendwelchen zwei verschiedenen Arten von Liebe
etwa? Das ist interessant ... Armer Idiot! Was aus ihm jetzt wohl noch
werden wird?«