Die Empörung des Generals wäre zu jeder anderen Zeit ohne Folgen
geblieben. Es waren auch schon früher Fälle solcher plötzlichen
Anwandlungen vorgekommen, wenn auch sehr selten, denn der General war im
Grunde genommen ein friedlicher und gütiger Mensch. Er hatte in den
letzten Jahren vielleicht schon hundertmal gegen die ihn beherrschende
Unordnung anzukämpfen versucht. Er erinnerte sich dann plötzlich, daß er
Vater einer Familie war, versöhnte sich mit seiner Frau und weinte
aufrichtige Tränen der Reue. Er verehrte Nina Alexandrowna bis zur
Vergötterung, weil sie ihm schweigend alles verzieh und ihn selbst jetzt
in seiner lächerlichen und erniedrigten Gestalt liebte. Doch dieser
heldenmütige Kampf gegen sein unordentliches, lasterhaftes Leben dauerte
gewöhnlich nicht lange an. Der General war zu gleicher Zeit ein sehr
heftiger Mensch, freilich ein in seiner Art heftiger Mensch: Er konnte
dieses gefesselte und tatenlose Leben in seiner Familie nicht ertragen
und empörte sich immer wieder gegen dasselbe; er wurde wieder
abenteuerlich, unstet, und wenn er sich auch selbst deshalb Vorwürfe
machte, so konnte er sich doch nicht beherrschen; er stritt mit allen,
redete schön und pathetisch, verlangte grenzenlose und unmögliche
Hochachtung seiner Person gegenüber -- verschwand dann wieder aus dem
Hause, oft sogar auf lange Zeit. Die letzten zwei Jahre kümmerte er sich
um die Familienangelegenheiten überhaupt nicht mehr oder wußte nur etwas
vom Hörensagen von ihnen: auf sie näher einzugehen, dazu fehlte ihm
jegliche Neigung.
Diesmal jedoch lag der Empörung des Generals etwas ganz besonderes
zugrunde; alle schienen irgend etwas zu wissen und alle fürchteten sich,
irgend etwas zu sagen. Der General war »formell« in der Familie oder bei
Nina Alexandrowna vor etwa drei Tagen erschienen, doch nicht etwa reuig
und friedlich, wie es sonst der Fall gewesen, sondern im Gegenteil, sehr
gereizt. Auch war er gesprächig und unruhig, stürzte sich mit Feuer in
jede Unterhaltung, sprach von verschiedenen und ganz unerwarteten
Dingen, so daß niemand eigentlich verstehen konnte, weswegen er sich im
Grunde genommen beunruhigte. Er war bald heiter, bald nachdenklich, bald
gesprächig, er erzählte von Jepantschins, vom Fürsten, von Lebedeff,
plötzlich brach er ab und hörte ganz auf zu sprechen, auf alle weiteren
Fragen antwortete er nur mit einem blöden Lächeln, ja, er bemerkte nicht
einmal, ob man ihn fragte, sondern lächelte nur. Die letzte Nacht
verbrachte er stöhnend und seufzend, störte Nina Alexandrowna, die ihm
die ganze Nacht über kalte Kompressen machte: gegen Morgen schlief er
ein, schlief ungefähr vier Stunden und erwachte in sehr schlechter,
hypochondrischer Stimmung, weshalb es denn auch zu dem Streit mit
Hippolyt und zur Verfluchung »seines ganzen Hauses« kam. Man hatte auch
bemerkt, daß in diesen drei Tagen ein ganz ungewöhnliches Ehrgefühl und
infolgedessen eine ungewöhnliche Empfindlichkeit sich bei ihm gezeigt
hatte. Koljä bestand darauf und versicherte der Mutter, daß der Kummer
des Alten eine Folge der Nüchternheit sei oder der Sehnsucht nach
Lebedeff, mit dem sich der General in der letzten Zeit so angefreundet
hatte. Doch vor drei Tagen hatte er sich plötzlich auch mit
Lebedeff verzankt und beide waren in großer Wut und Feindschaft
auseinandergegangen -- auch mit dem Fürsten hatte er eine
Auseinandersetzung gehabt! Koljä hatte den Fürsten um eine Erklärung
über das, was sich zwischen ihnen zugetragen, gebeten und dabei bemerkt,
daß der Fürst ihm etwas verheimlichte. Falls nun wirklich eine
Aussprache zwischen Hippolyt und Nina Alexandrowna stattgefunden haben
sollte, wie Ganjä mit solcher Bestimmtheit annahm, so war es doch
sonderbar, daß dieser bösartige und klatschhafte Junge, wie Ganjä
Hippolyt benannte, durchaus kein Vergnügen darin fand, auch Koljä über
die Sache aufzuklären. Also wäre es doch möglich, daß dieser »boshafte«
Junge von einer anderen Art Bosheit war, und es ist auch nicht
anzunehmen, daß er Nina Alexandrowna seine Beobachtungen mitgeteilt
hatte, nur, um »ihr Herz zu zerreißen«. Vergessen wir nicht, daß die
Gründe aller menschlichen Handlungen gewöhnlich zahllos, sehr verwickelt
und so verschiedenartig sind, daß der Autor viel besser tut, wenn er
sich nur mit der einfachen Wiedergabe der Tatsachen begnügt. So werden
wir wenigstens bei der weiteren Entwicklung der Katastrophe mit dem
General verfahren, denn wir müssen den Personen zweiten Ranges in
unserer Erzählung hier ohnehin schon mehr Aufmerksamkeit und Platz
schenken, als wir es bis jetzt vorgesehen hatten.
Diese Ereignisse folgten, eines dem anderen, in folgender Ordnung:
Als Lebedeff mit dem General von seinen Nachforschungen nach
Ferdyschtschenko am selben Tage aus Petersburg zurückgekehrt war, hatte
er dem Fürsten von dem Ergebnis nichts mitgeteilt. Wenn der Fürst zu
dieser Zeit nicht gerade mit ganz anderen Dingen und für ihn viel
wichtigeren Eindrücken beschäftigt gewesen wäre, so hätte er es wohl
bemerken müssen, wie Lebedeff in diesen zwei Tagen geradezu eine
Begegnung mit ihm zu vermeiden schien, geschweige denn ihm eine
Erklärung darüber abzugeben wünschte. Als dies dem Fürsten endlich
auffiel, so wunderte es ihn, daß er bei jeder zufälligen Begegnung mit
Lebedeff diesen in der allerbesten und heitersten Laune und fast immer
mit dem General zusammen getroffen hatte. Die beiden Freunde schienen
einfach unzertrennlich zu sein. Oft hörte der Fürst über sich im zweiten
Stock ihre lauten und lebhaften Gespräche, ihre fröhlichen Lachsalven.
Einmal, am späten Abend, vernahm er aus Lebedeffs Zimmer Töne eines
bacchantischen Kriegsliedes und erkannte sofort den heiseren Baß des
Generals. Doch brach das Lied plötzlich ab. Darauf hörte er noch eine
Stunde lang ein begeistertes Gespräch, das offenbar im Rausch geführt
wurde. Die beiden Freunde schienen sich zu küssen und zu umarmen und
einen von ihnen hörte man plötzlich weinen. Darauf folgte ein heftiger
Streit, der wieder abbrach. Koljä war die ganze Zeit in sorgenvoller,
gespannter Stimmung. Den Fürsten traf er meistens nicht zu Hause an,
denn dieser kehrte abends immer sehr spät heim, doch hatte man ihm
jedesmal gemeldet, daß Koljä ihn gesucht und nach ihm gefragt hätte. Als
Koljä ihn dann einmal antraf, wußte er ihm jedoch nichts besonderes zu
sagen, außer daß er sehr »unzufrieden« mit dem General und seiner
jetzigen Aufführung sei. »Er treibt sich hier mit Lebedeff in der
Trinkstube herum, sie umarmen sich und schimpfen sich auf der Straße und
können nicht voneinander lassen.« Als der Fürst daraufhin bemerkte, daß
es früher ebenso gewesen wäre, wußte Koljä wirklich nicht, was er darauf
antworten und wie er erklären sollte, worin seine jetzige Unruhe
bestand.
Als der Fürst am nächsten Morgen nach dem bacchantischen Liede und dem
darauffolgenden Streit aus dem Hause gehen wollte, erschien vor ihm
plötzlich, außerordentlich aufgeregt und fast erschüttert, der General.
»Ich habe schon lange die Ehre und die Gelegenheit gesucht, Ihnen zu
begegnen, hochverehrter Lew Nikolajewitsch, schon lange, lange,« sagte
er, und drückte heftig, bis zur Schmerzhaftigkeit, die Hand des Fürsten.
»Schon sehr, sehr lange.«
Der Fürst forderte ihn auf, sich zu setzen.
»Nein, ich nehme nicht Platz, zudem würde ich Sie aufhalten, ich --
werde ein anderes Mal kommen. Ich glaube, ich kann Ihnen gratulieren ...
zur Erfüllung Ihres Herzenswunsches ...«
»Welch eines Herzenswunsches?« Der Fürst stutzte und eine gewisse
Verwirrung kam über ihn. Er hatte, wie viele andere in seiner Lage,
gedacht, daß niemand etwas bemerkt, erraten oder verstanden habe ...
»Seien Sie unbesorgt, seien Sie unbesorgt! Ich werde Ihre zarten Gefühle
nicht verletzen. Ich habe es selbst empfunden, und ich weiß, wie es ist,
wenn ein Fremder ... sozusagen, seine Nase ... wie nach dem Sprichwort
... in Dinge steckt ... wo er nichts zu suchen hat. Ich habe das jetzt
selbst jeden Morgen zu empfinden gehabt. Doch, ich komme in einer
anderen Angelegenheit, in einer wichtigen ... einer sehr wichtigen
Angelegenheit, Fürst.«
Der Fürst bat ihn noch einmal, sich zu setzen und nahm selbst Platz.
»Doch nur auf eine Sekunde ... ich kam, um Sie um einen Rat zu bitten
... ich habe freilich bis jetzt ohne praktische Ziele gelebt, doch ich
achte jede ... Tätigkeit, die gerade der russische Mensch so oft
versäumt ... nun aber ... ich möchte mir, meiner Frau und meinen Kindern
eine Stellung schaffen ... mit einem Wort, Fürst, ich suche einen Rat.«
Der Fürst lobte mit Eifer seine Absicht.
»Doch alles das würde nichts bedeuten,« unterbrach ihn schnell der
General, »die Hauptsache ist nicht dies, sondern etwas anderes, viel
Wichtigeres. Ich habe mich entschlossen, mich Ihnen zu erklären, als
einem Menschen, dessen Aufrichtigkeit und Ehrenhaftigkeit ich kenne, und
an die ich glaube bis ... bis ... Sie wundern sich doch nicht über meine
Worte, Fürst?«
Der Fürst hörte seinem Gast, wenn auch nicht besonders erstaunt, so doch
mit großer Aufrichtigkeit und Neugier zu. Der General war bleich, seine
Lippen zitterten leicht und seine Hände schienen keinen ruhigen Platz
finden zu können. Er saß kaum einen Augenblick und schon erhob er sich
wieder, um sich dann abermals hinzusetzen. Augenscheinlich schenkte er
seiner Haltung überhaupt keine Beachtung. Auf dem Tisch lagen Bücher: er
nahm ein Buch, schlug es auf, schlug es wieder zu, legte es auf den
Tisch zurück und griff nach einem andern Buch, das er nicht aufschlug,
aber in die rechte Hand nahm und damit in der Luft herumfuchtelte.
»Genug!« rief er plötzlich. »Ich sehe, daß ich Sie nur belästige.«
»Aber durchaus nicht, ich bitte Sie, ich höre Ihnen im Gegenteil gerne
zu und bemühe mich zu erraten ...«
»Fürst! ich wünsche geachtet zu werden ... vor mir selbst und meinen ...
Rechten Achtung zu haben.«
»Ein Mensch, der solche Wünsche hat, ist schon der Achtung wert.«
Der Fürst sagte diese Worte, überzeugt, daß sie eine gute Wirkung
ausüben würden. Er hatte instinktiv erraten, daß eine vielleicht leere,
doch angenehme Phrase, zur rechten Zeit gesagt, die Seele eines solchen
Menschen, eines Menschen in der Lage des Generals, beruhigen und
erleichtern müsse. Vor allen Dingen sah er ein, daß er diesem Gast das
Herz erleichtern müsse. Das war die Aufgabe.
Die Phrase schmeichelte, rührte und gefiel denn auch sehr: der General
veränderte sofort seinen Ton, wurde überschwenglich und verfiel in
feierlich lange Erläuterungen. Doch wie der Fürst sich auch anstrengen
mochte, wie aufmerksam er ihm auch zuhörte, er konnte buchstäblich nicht
verstehen, um was es sich handelte. Der General sprach zehn Minuten lang
begeistert, schnell, kaum daß er die auf ihn einstürmende Menge der
Gedanken aussprechen konnte -- in seinen Augen glänzten sogar Tränen --
und doch waren es nur Phrasen ohne Anfang und Ende, ganz unerwartete
Worte, überraschende Gedanken, alles mögliche durcheinander und
übereinander geworfen.
»Genug! Sie haben mich verstanden, und ich bin beruhigt,« schloß er
plötzlich, sich von neuem erhebend. »Ein Herz wie das Ihre kann nicht
umhin, einen Leidenden zu verstehen. Fürst, Sie sind so edel wie ein
Ideal! Was sind die anderen im Vergleich zu Ihnen? Doch Sie sind noch
jung, und deshalb segne ich Sie. Aber der Endzweck meines Kommens war,
-- Sie zu bitten, mir Tag, Ort und Stunde anzugeben, wann und wo ich mit
Ihnen eine wichtige Angelegenheit besprechen könnte. Ich suche nichts
als Freundschaft und Herz, Fürst.«
»Aber weshalb nicht jetzt gleich? Ich bin gern bereit ...«
»Nein, Fürst, nein!« unterbrach ihn der General lebhaft. »Nicht jetzt!
Das ist gar zu wichtig, das ist von gar zu großer Wichtigkeit! Diese
eine Stunde unserer Unterhaltung wird für mich von schicksalsschwerer
Bedeutung sein. Das soll _meine_ Stunde sein, und ich würde nicht
wünschen, daß man uns in so heiligen Minuten stört, was schließlich
jeder erste beste tun kann, jeder Unverschämte, der plötzlich eintritt,
und vielleicht sogar,« fuhr er in fast ängstlichem Flüsterton fort, sich
näher zum Fürsten beugend, »ein ... ein Frechling, der nicht einmal
Ihren Stiefelabsatz wert ist ... nicht einmal den Absatz Ihres Stiefels,
vielgeliebter Fürst! oh, ich sage nicht: meines Stiefels! Vergessen Sie
nicht, daß ich nicht meines Stiefels gesagt habe! Ich achte mich viel zu
sehr, um Ausflüchte zu machen ... nur Sie allein sind fähig, zu
begreifen, daß ich, indem ich in diesem Falle meinen Absatz sozusagen
zurücksetze -- daß ich hierbei einen ungeheuren Stolz im Bewußtsein
meiner Würde beweise. Außer Ihnen wird mich niemand begreifen, _er_ aber
ist an der Spitze der anderen! Er begreift überhaupt nichts, Fürst, er
ist vollkommen, vollkommen unfähig zu begreifen! Um begreifen zu können,
muß man Herz haben!«
Schließlich durchfuhr den Fürsten denn doch ein gelinder Schreck, und er
sagte dem General nach diesen krausen Reden bereitwillig, daß er ihn am
nächsten Tage um dieselbe Zeit erwarten würde, worauf ihn dieser denn
getröstet und beruhigt und fast sogar ermuntert verließ. Am Abend, gegen
sieben Uhr, ließ der Fürst Lebedeff auf einen Augenblick zu sich bitten.
Lebedeff erschien unverzüglich, »es sich zur Ehre anrechnend«, wie er
schon in der Tür zu versichern begann. Nichts, aber auch nichts verriet,
daß er drei Tage lang sich gleichsam vor dem Fürsten versteckt oder doch
wenigstens ein Zusammentreffen mit ihm vermieden hatte. Er setzte sich
auf den Rand des Stuhles, auf den der Fürst gewiesen hatte, lächelte und
blinzelte und schnitt unbewußt Grimassen, während seine lachenden Augen
flink beobachteten, und er sich händereibend in der naivsten Weise
irgend etwas zu vernehmen vorbereitete, eine gewisse kapitale Nachricht,
deren Sinn wohl schon längst von allen erraten war. Der Fürst stutzte
wieder: er begriff plötzlich, daß alle jetzt etwas von ihm erwarteten;
sahen ihn doch seit einiger Zeit alle so seltsam lächelnd an, und
schienen doch alle das offenkundige Verlangen zu haben, ihn zu
beglückwünschen, was sie ihm in Andeutungen auch genug zu verstehen
gaben. Keller war bereits dreimal »nur auf einen Moment« erschienen, mit
dem sichtlichen Wunsch, zu gratulieren: er hatte jedesmal begeistert,
doch nichtsdestoweniger unverständlich zu sprechen begonnen, jedoch
keinen Satz beendet, sondern sich festgerannt -- und dann war er wieder
schleunigst verduftet. In den letzten Tagen schwelgte er tüchtig in
Alkohol und lärmte in irgendeiner Billardstube. Selbst Koljä hatte trotz
seiner Niedergeschlagenheit zweimal ziemlich unklar zu reden angefangen.
Der Fürst wurde etwas nervös und fragte Lebedeff gereizt nach seiner
Meinung über den gegenwärtigen Zustand des Generals: ob er den Grund
wisse, weshalb jener so unruhig sei? Und er erzählte ihm zum Schluß in
kurzen Worten das letzte Gespräch, das er mit dem General gehabt hatte.
»Heutzutage hat jedermann seine Unruhe, Fürst, und ... das ist nun mal
so in unserem unruhigen Jahrhundert. Tja!« antwortete Lebedeff
auffallend trocken und verstummte gekränkt, mit der Miene eines
Menschen, der in seinen Erwartungen grausam enttäuscht worden ist.
»Sie sind ja Philosoph!« meinte der Fürst mit einem Lächeln.
»Ohne das geht's nicht. Philosophie tut heutzutage allerorten not -- ich
rede vornehmlich von der praktisch angewandten --, nur wird sie nicht
genügend beachtet; das ist's. Was jedoch mich betrifft, hochgeehrter
Fürst, so haben Sie mich zwar in einem Ihnen wohlbekannten Punkte durch
Ihr Vertrauen auszuzeichnen geruht, jedoch nur bis zu einer gewissen
Grenze, und darüber hinaus keinen Schritt weiter, also wie gesagt, nur
insofern, als es sich auf diesen einen Punkt bezog ... Das begreife und
fühle ich, doch will ich deshalb nicht klagen.«
»Kommen Sie nur mit der Wahrheit heraus, Lebedeff, Sie scheinen sich
über irgend etwas zu ärgern?«
»Keineswegs, mitnichten, hochverehrter, durchlauchtigster Fürst, nicht
im allermindesten!« versicherte Lebedeff, im Augenblick belebt, und
preßte die Hand wieder ans Herz. »Ich habe vielmehr sogleich begriffen,
daß ich weder durch meine gesellschaftliche Stellung, noch durch meine
Herzens- und Geistesentwicklung, noch durch Erwerb von Reichtümern, noch
durch meine frühere Aufführung, zumal auch meine Kenntnisse an die
Ihrigen nicht hinanreichen --, daß ich dieserhalb durch nichts Ihr
ehrendes, hoch erhaben über all meinen Hoffnungen stehendes Vertrauen
verdient habe, und ich, falls Sie sich meiner zu bedienen belieben,
Ihnen nur als Sklave und Mietling zu dienen vermag, nicht anders ... ich
ärgere mich also nicht, wohl aber bin ich tief betrübt.«
»Lukjan Timofejewitsch, Gott, was reden Sie da!«
»Jawohl: nicht anders! Und so ist es auch jetzt im vorliegenden Fall!
Indem ich Ihnen mit meinem Herzen und meinen Gedanken überallhin folgte,
sprach ich also zu mir selbst: freundschaftlichen Verhaltens seinerseits
bin ich zwar nicht wert, doch in meiner Eigenschaft als Besitzer des
Hauses, in dem er wohnt, könnte ich vielleicht zur rechten Zeit
sozusagen Verhaltungsvorschriften für die zu ergreifenden Maßregeln
empfangen, im Hinblick auf etwaige bevorstehende oder zu erwartende
Veränderungen ... wie gesagt ...«
Lebedeffs listige Äuglein blickten unverwandt den Fürsten an, der ihn
verständnislos und vom Kopf bis zu den Füßen betrachtete. Offenbar
wollte Lebedeff die Hoffnung, daß seine Neugier endlich befriedigt
werden würde, nicht so leichten Kaufes aufgeben.
»Ich verstehe kein Wort,« sagte schließlich der Fürst ungehalten. »Sie
... Sie sind ein grauenvoller Intrigant!« schloß er plötzlich herzlich
auflachend.
Im Augenblick begann auch Lebedeff zu lachen, während sein
aufleuchtender Blick sofort verriet, daß seine Hoffnung sich verdoppelt
hatte.
»Wissen Sie, was ich Ihnen sagen werde, Lukjan Timofejewitsch? Seien Sie
mir nur nicht böse ... Ich kann mich wirklich bloß wundern über Ihre
Naivität, und nicht nur über die Ihre allein! Sie erwarten mit einer so
erstaunlichen Naivität etwas von mir -- gerade jetzt, gerade in diesem
Augenblick --, daß ich mich vor Ihnen geradezu schäme und mich fast
sogar irgendwie schuldig fühle, weil ich nichts habe, womit ich Sie
befriedigen könnte, wirklich, ich schwöre es Ihnen,« beteuerte der Fürst
lachend.
Lebedeff setzte eine wichtige Miene auf. Bisweilen konnte er allerdings
etwas gar zu naiv und zudringlich werden mit seiner Neugier, doch war er
sonst ein selten schlauer Kopf und verstand es vorzüglich, sich glatt
wie ein Aal jeder Hand, die nach ihm griff, zu entwinden, wenn er sich
nicht selbst greifen lassen wollte; in gewissen Fällen aber war er, der
sonst viel zu viel redete, geradezu hinterlistig schweigsam, wenn ihm
Schweigen ratsamer schien als Reden. Ohne zu wollen, machte der Fürst
ihn fast zu seinem Feinde, indem er ihn mit seiner Neugier immer wieder
zurückwies; nur tat er es nicht etwa deshalb, weil er ihn verachtete,
sondern weil der Gegenstand seiner Neugier für den Fürsten ein gar zu
peinliches Thema war. Betrachtete der Fürst doch noch vor ein paar Tagen
gewisse »Traumgedanken«, in denen er sich mitunter unbewußt verlor,
direkt als Verbrechen. Lebedeff jedoch faßte diese Abweisungen des
Fürsten als Ausdruck persönlicher Antipathie und großen Mißtrauens auf
und war in diesem Punkte nicht nur auf Koljä und Keller, sondern auch
auf seine leibliche Tochter Wjera Lukjanowna eifersüchtig. In diesem
Augenblick zum Beispiel hätte er dem Fürsten etwas mitteilen können, das
diesen sehr interessiert haben würde, doch er verstummte gekränkt und
teilte nichts mit, obwohl er es selbst ganz gern getan hätte.
»Womit also kann ich Ihnen denn jetzt dienen, hochverehrter Fürst, da
Sie mich doch immerhin ... herbestellt haben?« fragte er schließlich
nach längerem Schweigen.
»Ja, ich wollte mich eigentlich nur nach dem General erkundigen,« sagte
der Fürst, aus seiner Gedankenversunkenheit auffahrend, »und ... wie
steht es nun mit diesem Diebstahl, von dem Sie mir Mitteilung machten
...«
»Von dem ich -- was?«
»Ach, als ob Sie mich nicht verstehen! Weiß Gott, Lukjan Timofejewitsch,
Sie müssen sich aber auch ewig verstellen! Das Geld, das Geld, die
vierhundert Rubel, die Sie damals verloren haben, mit der ganzen
Brieftasche, Sie wissen doch, und von denen Sie mir dann hier erzählten,
am Morgen, bevor Sie nach Petersburg fuhren -- haben Sie endlich
begriffen?«
»Ach so, Sie reden von jenen Vierhundert!« sagte Lebedeff enttäuscht und
als entsänne er sich jetzt erst. »Ich danke Ihnen, Fürst, für Ihre
aufrichtige Teilnahme, ich fühle mich sehr geehrt durch sie, nur ... ich
habe sie bereits gefunden, und zwar schon vor langer Zeit.«
»Gefunden? Ach, Gott sei Dank!«
»Dieser Ausruf bekundet Ihre edle Denkweise, Fürst, denn vierhundert
Rubel zu verlieren -- das ist kein Kinderspiel für einen armen
Familienvater, der seine verwaisten Kinder durch schwere Arbeit ernähren
muß ...«
»Nein, so war es eigentlich nicht gemeint, ich meinte nicht das ...
Natürlich freut es mich, daß Sie sie gefunden haben,« verbesserte sich
der Fürst, »aber ... wie haben Sie sie denn gefunden?«
»Äußerst einfach: unter dem Stuhl, über dessen Lehne ich meinen Hausrock
geworfen hatte, so daß die Brieftasche offenbar aus der Rocktasche
herausgefallen sein muß.«
»Wie -- unter dem Stuhl? Das ist doch nicht möglich ... Sie sagten mir
doch selbst, daß Sie überall gesucht hätten -- wie konnten Sie dann die
wichtigste Stelle übersehen?«
»Das ist es ja eben, daß ich überall gesucht habe! Das weiß ich selbst
nur zu gut, nur zu gut! Ich bin auf den Knien im Zimmer umhergekrochen,
habe jedes Brett des Fußbodens mit der Hand befühlt, da ich meinen
eigenen Augen nicht genügend traute. Und obschon ich sah, daß da nichts
war, fuhr ich doch fort, mit der Hand alles zu befühlen. Dieser Kleinmut
ist jedem Menschen eigen, wenn es sich ums Suchen verlorener Gegenstände
handelt ... oder um ähnliches Verschwinden seines Eigentums. So etwas
ist sehr betrübend: er sieht doch, daß dort nichts ist, und dennoch wird
er mindestens fünfzehnmal nach jeder leeren Stelle hinblicken: ich sehe
doch mit meinen eigenen Augen, daß dort nichts auf dem Fußboden liegt,
die Stelle ist glatt wie hier meine Handfläche, und dennoch fahre ich
fort, sie zu betasten.«
»Nun ja ... aber wie ist denn das? ... Ich verstehe Sie noch immer
nicht,« sagte der Fürst, dessen Gedanken im Augenblick halb betäubt
waren. »Sie sagten doch früher, daß Sie trotz allen Suchens nichts
gefunden hätten, und nun plötzlich ...«
»Und nun plötzlich habe ich gefunden.«
Der Fürst blickte Lebedeff eigentümlich an.
»Und der General?« fragte er nach einer Weile.
»Der General? Was ist mit dem?« begriff Lebedeff wieder nicht.
»Ach, Gott! Ich frage, was der General dazu sagte, als Sie die
Brieftasche unter dem Stuhl fanden? Sie haben doch mit ihm zusammen
gesucht.«
»Anfangs allerdings mit ihm zusammen. Doch ich zog es vor, ihm bisher
nichts davon zu sagen, daß ich die Brieftasche selbst und allein
gefunden hatte.«
»Aber ... weshalb das? Das Geld ist doch vollzählig?«
»Ich öffnete die Brieftasche, sah nach: alles bis auf den letzten Rubel,
nichts hat er angerührt.«
»Hätten Sie mir das doch gleich gesagt!« sagte der Fürst mit leisem
Vorwurf und versank in Gedanken.
»Ich fürchtete, Sie zu beunruhigen, Fürst, bei Ihren persönlich in
dieser Zeit empfangenen tiefgehenden Eindrücken. Und außerdem gab ich
mir auch selbst den Anschein, als hätte ich nichts gefunden. Die
Brieftasche öffnete ich, sah hinein, zählte nach, schloß sie wieder und
legte sie zurück auf dieselbe Stelle unter dem Stuhl.«
»Aber weshalb denn das?«
»S--so--o, aus Neugier; um zu sehen, was weiter geschehen würde. Hehe,«
meinte Lebedeff, mit seligem Lächeln sich die Hände reibend.
»Und so liegt sie auch jetzt noch dort, seit drei Tagen?«
»Oh, nein; bloß vierundzwanzig Stunden lag sie so dort. Ich, sehen Sie
mal, ich wollte zum Teil, daß der General sie selbst fände. Denn wenn
ich sie gefunden habe, weshalb soll dann schließlich nicht auch der
General sie finden können, da sie doch dort, auf dem Boden liegend,
einem jeden sozusagen in die Augen springt -- denn der Stuhl verdeckt
sie doch nicht! Und ich habe noch mehrmals diesen Stuhl umgestellt, so,
wissen Sie, ganz harmlos im Vorübergehen, so daß die Brieftasche wie auf
dem Präsentierteller lag, doch der General bemerkte sie kein einziges
Mal! Und das dauerte so ganze zwölf Stunden. Er muß doch, wie man sieht,
recht zerstreut sein, man kann gar nicht mehr aus ihm klug werden. Er
spricht, spricht, erzählt, lacht -- und plötzlich ärgert er sich über
mich ohne jede Veranlassung, ich begreif' ihn wahrhaftig nicht!
Schließlich verließen wir das Zimmer, ich aber ließ die Tür absichtlich
offen stehen; er -- ich sah es wohl -- er zögerte ein wenig und wollte
schon etwas sagen, fürchtete wahrscheinlich für die Brieftasche, die mit
so viel Geld dort liegen blieb, doch plötzlich ärgerte er sich
entsetzlich und sagte nichts; keine zwei Schritt gingen wir auf der
Straße zusammen, da verließ er mich, ohne ein Wort zu sagen, und ging in
der entgegengesetzten Richtung davon. Erst am Abend trafen wir uns
wieder im Restaurant.«
»Aber schließlich haben Sie die Brieftasche doch aufgehoben?«
»N--nein, in derselben Nacht verschwand sie von dort.«
»Aber, wo ist sie denn jetzt?«
»Hi--ier,« sagte plötzlich Lebedeff lachend, erhob sich halbwegs vom
Stuhl, tippte auf den vorderen Zipfel seines linken Rockschoßes und
blickte den Fürsten mit unschuldig gutmütigen Augen an. »Plötzlich
befand sie sich hier in meinem eigenen Rockschoß. Hier, bitte, sich zu
überzeugen, fühlen Sie mal.«
In der Tat bildete sich vorn in der Rockschoßecke, gerade auf der
sichtbarsten Stelle eine kleine Erhöhung, die, wie man auf den ersten
Blick erkannte, von einem viereckigen, zwischen dem Oberzeug und dem
Rockfutter befindlichen Gegenstande, einem größeren Portemonnaie oder
einer Brieftasche, herrühren konnte.
»Ich nahm sie heraus, sah nach: nichts fehlte, alles da. Dann steckte
ich sie wieder hinein, und jetzt spaziere ich so schon seit gestern
morgen mit ihr herum und lasse sie hier ruhig baumeln.«
»Und tun, als bemerkten Sie nichts?«
»Und tue, als bemerkte ich nichts, hehehe! Aber stellen Sie sich doch
bloß mal vor, hochverehrter Fürst -- wenn auch der Gegenstand an sich
keiner so besonderen Beachtung Ihrerseits wert ist --, noch nie hat eine
meiner Rocktaschen ein Loch gehabt, und nun plötzlich ist in einer
einzigen Nacht ein so riesengroßes entstanden! Das bewog mich denn auch,
etwas schärfer hinzusehen, und da schien es mir, als habe jemand mit
einem stumpfen Federmesserchen das Taschenfutter aufgeschnitten -- fast
nicht zu glauben, nicht wahr?«
»Und ... der General?«
»Ärgert sich, sowohl gestern wie heute, und ist äußerst unzufrieden mit
sich und der ganzen Welt, wie's scheint: bald ist er freudig erregt bis
zu bacchantischer Ausgelassenheit, bald wiederum ist er zu Tränen
gerührt, um dann wiederum ganz plötzlich in wahre Berserkerwut zu
geraten, so daß, bei Gott, selbst ich Angst bekam. Ich bin doch immerhin
kein Soldat, wie er! Gestern saßen wir beide im Restaurant, mein
Rockschoßzipfel steht aber zufällig wie ein Berg: er guckt, guckt, sagt
aber kein Wort, ärgert sich bloß. Offen mir in die Augen zu sehen, wagt
er längst nicht mehr, höchstens wenn er schon ganz beseelt ist oder ganz
gerührt. Aber gestern sah er mich zweimal so an, daß es mir einfach kalt
über den Rücken lief. Übrigens beabsichtige ich, die Brieftasche morgen
zu finden, den Abend aber will ich heute noch mal gemeinsam mit ihm
verbringen.«
»Weshalb quälen Sie ihn so?!« rief der Fürst vorwurfsvoll.
»Ich quäl' ihn nicht, Fürst, ich quäl' ihn nicht im geringsten,
bewahre!« versetzte Lebedeff mit Eifer. »Ich liebe ihn aufrichtig und
... achte ihn sogar; aber jetzt -- glauben Sie es mir oder glauben Sie
es mir nicht -- jetzt ist er mir noch teurer geworden, jetzt schätze ich
ihn noch viel mehr!«
Lebedeff sagte das alles so ernst und aufrichtig, daß es den Fürsten
einfach empörte.
»Wenn Sie ihn lieben, wie können Sie ihn dann so quälen! Ich bitte Sie,
er hat doch allein schon damit, daß er das Vermißte so offen hingelegt,
zuerst unter den Stuhl und dann in den Rock, allein schon damit hat er
Ihnen bewiesen, daß er sich nicht vor Ihnen versteckt, daß er keine
Kniffe anwenden will, daß er Sie ehrlich um Verzeihung bittet! Hören
Sie: um Verzeihung bittet! Er vertraut auf ihr Zartgefühl, er glaubt an
Ihre Freundschaft! Und diesen ... diesen ehrlichsten Menschen können Sie
so weit erniedrigen!«
»Stimmt! -- er ist der ehrlichste Mensch, Fürst, der ehrlichste von
allen!« griff Lebedeff sogleich lebhaft auf. »Nur Sie allein, edelster
Fürst, sind fähig, eine so richtige und gerechte Bemerkung zu machen!
Dafür aber bin ich Ihnen bis zur Vergötterung zugetan, wenn ich auch
selbst verkommen und verdorben bin in all meinen Lastern! Also
abgemacht! Ich finde die Brieftasche hier sogleich, soeben, und nicht
erst morgen. Hier, ich nehme sie hier vor Ihren Augen heraus, hier ...
hier ist sie, und hier ... ist das Geld bis auf den letzten Rubel. Hier
-- nehmen Sie es, Fürst, verwahren Sie es bis morgen. Morgen oder
übermorgen werde ich Sie darum bitten. Aber wissen Sie, Fürst, jetzt
ist's doch klar, daß sie in der ersten Nacht irgendwo in meinem Garten
unter einem Stein gelegen hat, oder nicht? -- was meinen Sie?«
»Hören Sie, sagen Sie ihm das nur nicht so offen ins Gesicht, daß Sie
die Brieftasche gefunden haben. Mag er einfach sehen, daß sie nicht mehr
im Rockschoß ist, dann wird er schon begreifen.«
»Ja--a? Wäre es nicht doch besser, zu sagen, daß ich sie gefunden habe
und sich dabei so zu stellen, als hätte ich nichts erraten?«
»N--nein,« sagte der Fürst nachdenklich, »n--nein, jetzt ist es schon zu
spät dazu, es wäre zu gefährlich. Nein, wirklich, sagen Sie lieber
nichts. Seien Sie nur freundlich zu ihm, doch ... lassen Sie ihn nichts
merken, und ... und ... wissen Sie ...«
»Ich weiß, Fürst, ich weiß! -- das heißt, ich weiß, daß ich es
wahrscheinlich nicht erfüllen werde, denn dazu müßte man ein Herz haben,
wie nur Sie allein eines besitzen. Zudem bin auch ich ein reizbarer
Mensch. -- Er hat mich bisweilen doch gar zu sehr von oben herab
behandelt, namentlich in der letzten Zeit: bald weint er und umarmt
mich, bald wiederum behandelt er mich mit ausgesprochener Verachtung --
nein, das konnte ich ihm nicht schenken, da stellte ich den
Rockschoßzipfel so, daß die dicke Stelle einem jeden auffallen mußte!
hehehe! Auf Wiedersehen, Fürst, denn ich störe wohl, wie ich sehe, und
hindere Sie, sich ganz in die interessantesten Gefühle zu vertiefen ...«
»Lassen Sie nur um Gottes willen kein Wort verlauten, hüten Sie das
Geheimnis, hören Sie!«
»Jawohl, gewiß, gewiß, gehe mit sachten Schritten und als wäre nichts
geschehen!«
Der Fürst blieb, obschon die Sache so gut wie abgetan war, doch in
Sorgen um den General zurück, ja fast hatten sich diese Sorgen jetzt
noch vergrößert. Unruhig sah er der bevorstehenden Unterredung mit dem
General entgegen.