II.

Hippolyt wohnte bereits seit fünf Tagen im Hause Ptizyns. Das hatte sich

so ganz von selbst gemacht, ohne besondere Erklärungen zwischen Hippolyt

und dem Fürsten. Beide schieden als Freunde voneinander. Gawrila

Ardalionytsch, der sich an dem Abend so feindselig gegen Hippolyt

verhalten hatte, kam schon am dritten Tage zu Hippolyt, um ihn zu

Ptizyns überzuführen, wahrscheinlich mit einer besonderen Absicht. Auch

Rogoshin besuchte den Kranken. Dem Fürsten schien es, daß es für den

»armen Knaben« am besten wäre, dieses Haus zu verlassen. Hippolyt teilte

ihm mit, daß er zu Ptizyns wolle, da Ptizyn so gut sei und ihm einen

Winkel gebe, doch vermied er zu sagen, daß er zu Ganjä ginge, denn Ganjä

war es eigentlich gewesen, der darauf bestanden hatte, daß man ihn ins

Haus nahm. Ganjä hatte das wohl bemerkt und fühlte sich darob sehr

gekränkt.

Er hatte recht, als er zu seiner Schwester die Bemerkung machte, der

Kranke habe sich erholt. In der Tat, Hippolyt sah besser aus, was man

auf den ersten Blick bemerkte. Er folgte den anderen, ohne sich zu

beeilen, ins Zimmer, auf seinen Lippen lag ein spöttisches, böses

Lächeln. Nina Alexandrowna schien ganz erschrocken zu sein. Sie hatte

sich in diesem halben Jahr sehr verändert. Seit sie ihre Tochter

verheiratet hatte und bei ihr lebte, mischte sie sich überhaupt nicht

mehr in die Angelegenheiten ihrer Kinder. Koljä war besorgt und offenbar

sehr unwillig über irgend etwas, doch schien er »die Grillen des

Generals«, wie er sich ausdrückte, nicht zu begreifen, denn er wußte ja

nicht den Hauptgrund der Unruhe im Hause ... Es war ihm klar, daß der

Vater sich in jeder Hinsicht so verändert hatte, als wäre er nicht mehr

derselbe Mensch. Es beunruhigte ihn geradezu, daß der Alte bereits seit

drei Tagen nichts mehr getrunken. Er wußte, daß der Vater sich sogar mit

Lebedeff und dem Fürsten überworfen hatte. Koljä selbst war soeben mit

einem Liter Schnaps zurückgekehrt, den er für sein eigenes Taschengeld

gekauft.

»Lassen Sie ihn trinken, Mama,« hatte er schon oben seiner Mutter

zugeredet, »wirklich, lassen Sie ihn lieber trinken. Seit drei Tagen

schon hat er nichts getrunken. Er muß einen Kummer haben. Darum wäre es

besser, er trinkt etwas; ich habe ihm auch dorthin ...«

Der General stieß die Tür weit auf und stand auf der Schwelle, zitternd

vor Erregung und Unwillen.

»Mein werter Herr!« donnerte er Ptizyn entgegen. »Wenn Sie wirklich

beschlossen haben, diesem Milchbart und Atheisten einen ehrwürdigen

Greis, Ihren Vater, oder wenigstens den Vater Ihrer Frau, und einen

Mann, der seinem Herrscher treu gedient hat, zu opfern, so wird mein Fuß

dieses Haus nicht mehr betreten. Wählen Sie, mein Herr, wählen Sie

sofort, ihn oder mich ... diesen dort, diesen Bohrer! Ja, Bohrer! Ich

habe es nur so ausgesprochen, doch es stimmt, diesen -- Bohrer! Denn er

bohrt in meiner Seele, und ohne jede Achtung ... wie mit einer

Schraube!«

»Warum nicht wie mit einem Korkzieher?« fragte ihn spöttisch Hippolyt.

»Nein, nicht Korkzieher, denn ich bin ein General und keine Flasche. Ich

besitze Auszeichnungen, Orden ... was besitzt denn du? Er oder ich.

Entscheiden Sie sich, mein Herr, aber sofort, sofort!« schrie er wieder

Ptizyn an.

Koljä reichte ihm einen Stuhl, auf dem er sich ganz erschöpft

niederließ.

»Wirklich, es wäre besser, Sie legten sich ein wenig hin,« murmelte

Ptizyn ganz betreten.

»Er droht uns sogar!« bemerkte Ganjä halblaut zur Schwester.

»Mich hinlegen!« schrie der General. »Ich bin nicht betrunken, mein

werter Herr, Sie beleidigen mich. Ich sehe,« und er erhob sich wieder

vom Stuhl, »daß hier alle gegen mich sind, alle und alles. Genug! Ich

gehe ... Doch wissen Sie, werter Herr, wissen Sie ...«

Man ließ ihn nicht weiter reden, man setzte ihn hin, man versuchte ihn

zu beruhigen. Ganjä ging wutschnaubend in die äußerste Ecke des Zimmers.

Nina Alexandrowna zitterte und weinte.

»Was habe ich ihm getan? Worüber beklagt er sich eigentlich!« rief

Hippolyt wieder spöttisch zu der Gruppe hinüber.

»Wie, Sie hätten ihm nichts getan?« erwiderte ihm plötzlich Nina

Alexandrowna. »Sie sollten sich schämen, einen alten Mann so

unmenschlich zu quälen ... und dazu noch an Ihrer Stelle.«

»Was heißt das, an Ihrer Stelle, gnädige Frau! Ich achte Sie sehr,

gerade Sie persönlich, doch ...«

»Das ist ein Bohrer!« schrie wieder der General. »Er bohrt mir die

Seele, das Herz durch! Er will mich zum Atheismus bekehren! Weißt du

auch, du Milchbart, als du noch nicht geboren warst, da hatte man mich

schon mit Ehren überhäuft; du aber bist nur ein neidischer Wurm, der in

zwei Hälften gebrochen wird, vom Husten ... und der vor Bosheit und

Unglauben stirbt ... Warum hat Gawrila dich hierher gebracht? Alle sind

sie gegen mich, alle, und selbst der eigene Sohn!«

»Genug, spielen Sie hier keine Tragödie vor!« rief Ganjä. »Es wäre

besser, wenn Sie uns nicht vor der ganzen Stadt Schande bereiten

wollten!«

»Was, ich mache dir Schande, du Gelbschnabel! Ich -- dir? Ich kann dir

nur Ehre machen, doch nicht Schande.«

Er war schon völlig außer sich und konnte sich nicht mehr beherrschen,

doch auch Gawrila Ardalionytsch schien die Geduld zu reißen.

»Was reden Sie von Ehre!« rief er boshaft.

»Was hast du gesagt?« donnerte der General erbleichend und einen Schritt

auf ihn zugehend.

»Ich brauchte nur den Mund zu öffnen, um ...« brüllte Ganjä, doch brach

er plötzlich ab.

Beide standen sich in höchster Erregung gegenüber.

»Ganjä, was tust du!« rief Nina Alexandrowna und warf sich ihrem Sohn

entgegen.

»Was für Torheiten!« unterbrach sie Warjä unwillig. »Lassen Sie ihn

doch, Mama!«

»Nur der Mutter wegen schon ich dich,« rief Ganjä pathetisch aus.

»Sprich!« brüllte der General in maßloser Wut, »sprich, oder fürchte

meinen väterlichen Fluch! Sprich!«

»Als ob ich Ihren Fluch fürchtete, haha! Wer ist denn daran schuld, daß

Sie seit acht Tagen ganz wie wahnsinnig sind? Den achten Tag, Sie sehen,

ich weiß sogar das Datum ... Sehen Sie zu, daß Sie mich nicht zum

Äußersten bringen, sonst sage ich alles ... Warum sind Sie gestern zu

Jepantschin gegangen? Das nennt sich ein ehrenwerter Greis mit weißen

Haaren, Familienvater! Wundervoll!«

»Schweige, Ganjka!« schrie Koljä, »schweige, Dummkopf!«

»Und ich, und ich, womit habe ich ihn denn beleidigt?« mischte sich

Hippolyt wieder in spöttischem Tone ein. »Warum nennt er mich einen

Bohrer, fragen Sie ihn doch? Er hat sich mir selbst aufgedrängt, kam und

erzählte mir von einem Kapitän Jeropjegoff. Ich habe, wie Sie wissen,

immer Ihre Gesellschaft gemieden, General, das sollten Sie wenigstens

wissen. Was geht mich der Kapitän Jeropjegoff an? Sagen Sie sich das

doch selbst. Ich bin doch nicht dieses Kapitäns wegen hierher gekommen?

Ich habe ihm nur meine Meinung gesagt, daß dieser Kapitän Jeropjegoff

vielleicht überhaupt nicht existiert hat. Er erhob natürlich sofort ein

großes Geschrei.«

»Selbstverständlich hat er nicht existiert,« schnitt ihm Ganjä das Wort

ab.

Der General stand wie vom Schlage gerührt da und blickte sinnlos im

Kreise herum. Die Worte des Sohnes hatten ihn durch ihre kaltblütige

Offenheit vollständig niedergeschmettert. Im ersten Augenblick konnte er

keine Worte finden. Nur zuletzt, als Hippolyt lachend auf die Antwort

Ganjäs ausrief: »Nun haben Sie's gehört, Ihr eigener Sohn hat es doch

gesagt, daß es einen Kapitän Jeropjegoff gar nicht gegeben hat!« -- da

murmelte er schließlich ganz leise vor sich hin:

»Kapiton Jeropjegoff, nicht Kapitän, Kapiton[29] ... Oberst a. D.

Jeropjegoff ... Kapiton ...«

»Auch einen Kapiton hat es nicht gegeben!« rief Ganjä ärgerlich.

»Warum ... hat es keinen gegeben?« murmelte der General und eine Röte

stieg ihm ins Gesicht.

»Lassen Sie doch!« lenkten Ptizyn und Warjä ein.

»Schweig, Ganjka!« rief wieder Koljä dazwischen.

Der General jedoch schien es nicht begreifen zu wollen.

»Wie, gab es denn keinen? Warum hat es denn keinen gegeben?« schrie er

drohend Ganjä an.

»Weil es eben keinen gegeben hat. Und damit basta. Er kann überhaupt

nicht existiert haben! Verstehen Sie jetzt? Bitte, lassen Sie mich nun

in Ruh, sage ich Ihnen.«

»Und das soll mein Sohn sein ... mein leiblicher Sohn, den ich ... o,

mein Gott! Jeropjegoff, Jeroschka Jeropjegoff soll nicht existiert

haben!«

»Da, sehen Sie mal, einmal heißt er Jeroschka, das andere Mal

Kapitoschka!« bemerkte Hippolyt.

»Kapitoschka, mein Herr, Kapitoschka und nicht Jeroschka! Kapiton,

Kapiton Alexejewitsch, so ist's, Kapiton ... Oberstleutnant ... außer

Diensten ... verheiratet mit Marja ... mit Marja ... Petrowna ... Ssu...

Ssu... mein Freund und Kriegskamerad ... Ssutugowa, seit meiner

Fähnrichszeit her. Ich habe für ihn vergossen ... ich habe ihn ... ich

bin vernichtet! Einen Kapitoschka Jeropjegoff soll es nicht gegeben

haben! Nicht gegeben!«

Der General rief Hölle und Himmel an, doch hätte man denken können, daß

sein Geschrei ganz anderen Dingen galt. Zu anderer Zeit freilich hätte

ihn eine viel beleidigendere Vermutung, als es die der absoluten

Nichtexistenz Kapiton Jeropjegoffs war, überhaupt nicht weiter

aufgeregt. Vielleicht hätte er auch geschrien, eine lange Geschichte

erfunden, wäre vielleicht sogar außer sich geraten, zu guter Letzt aber

würde er ruhig nach oben in sein Zimmer schlafen gegangen sein. Dieses

Mal jedoch, infolge der bekannten Unberechenbarkeit des menschlichen

Herzens, geschah es, daß dieser Zweifel an der Existenz Jeropjegoffs den

Krug zum Überlaufen brachte. Der General, totenblaß, wie er war, schlug

seine Hände über dem Kopf zusammen und schrie:

»Genug, mein Fluch komme über dieses Haus! Nikolai, hole meinen

Reisesack, ich gehe ... fort, hinaus!«

Er stürzte hinaus, Nina Alexandrowna, Koljä, Ptizyn bemühten sich, ihn

zurückzuhalten.

»Was hast du jetzt angerichtet!« wandte sich Warjä an den Bruder. »Er

wird sich womöglich wieder dahin schleppen. Diese Schande! Diese

Schande!«

»Dann soll er nicht stehlen!« schrie Ganjä immer noch wutschnaubend.

Plötzlich begegneten seine Augen denen Hippolyts. Ganjä zuckte zusammen.

»Und Sie, mein werter Herr,« schrie er ihn an, »Sie sollten nicht

vergessen, daß Sie in einem fremden Hause ... Gastfreundschaft genießen.

Sie hätten den Alten, der offenbar von Sinnen ist, nicht reizen sollen

...«

Hippolyt fuhr gleichfalls zusammen, doch faßte er sich sofort wieder.

»Ich bin nicht Ihrer Meinung, daß Ihr Vater von Sinnen ist,« antwortete

er ihm ruhig. »Mir scheint im Gegenteil, daß sein Verstand sich in

letzter Zeit verschärft hat, bei Gott: Sie glauben es nicht? So

vorsichtig und mißtrauisch ist er geworden, jedes Wort wägt er

ordentlich ... Nicht ohne Absicht hat er mir von diesem Kapitoschka

erzählt; stellen Sie sich doch nur vor, er wollte mir einreden ...«

»Zum Teufel, was geht es mich an, was er Ihnen einreden wollte! Ich

bitte Sie, mich nicht zu reizen und hier nicht zu intrigieren, mein

Herr! Wenn Sie den wahren Grund wissen, warum der Alte in einer solchen

Stimmung ist -- Sie haben ja hier bei uns fünf Tage lang herumspioniert,

so daß Sie ihn wohl wissen -- so hätten Sie ihn nicht reizen sollen ...

diesen Unglücklichen -- und meine Mutter mit diesen Dingen nicht quälen

sollen, da es sich ja doch nur um einen dummen Streich handelt, um einen

Streich in der Betrunkenheit. Und er ist nicht einmal erwiesen ... es

lohnt sich nicht einmal, davon zu sprechen ... Aber Sie, Sie natürlich

müssen überall spionieren und herumschnüffeln, denn Sie sind ja ...«

»Ein Bohrer.« Hippolyt lächelte hämisch.

»Weil Sie ein Nichtsnutz sind! Eine halbe Stunde lang quälen Sie

Menschen und glauben sie zu erschrecken -- mit Ihrer ungeladenen

Pistole, und dem verfehlten Selbstmord. Ich habe Ihnen meine

Gastfreundschaft angeboten, Sie sind hier dick geworden, haben aufgehört

zu husten und Sie bezahlen mir das ...«

»Erlauben Sie, nur ein Wort; ich bin bei Warwara Ardalionowna und nicht

bei Ihnen; Sie haben mir überhaupt keine Gastfreundschaft anzubieten,

ich glaube, Sie genießen selbst Gastfreundschaft bei Herrn Ptizyn. Vor

vier Tagen habe ich meine Mutter gebeten, mir hier in Pawlowsk eine

Wohnung zu mieten, und sie ferner gebeten, selbst auch hierher zu

ziehen, denn ich fühle mich tatsächlich hier besser, wenn ich auch

durchaus nicht zugenommen habe, noch aufgehört habe, zu husten. Gestern

abend teilte mir meine Mutter mit, daß die Wohnung fertig sei, und ich

beeile mich meinerseits, Ihnen mitzuteilen, daß ich mich bei Ihrer Frau

Mutter und Ihrer Frau Schwester für die mir erwiesene Gastfreundschaft

bedanken werde, und heute abend ihr Haus verlasse. Entschuldigen Sie,

ich hatte Sie unterbrochen; es schien mir, daß Sie noch etwas sagen

wollten.«

»Oh, wenn das so ist ...«

»Ja, wenn das so ist, so erlauben Sie, bitte, daß ich mich setze,« fügte

Hippolyt hinzu und setzte sich ruhig auf den Stuhl, auf dem der General

gesessen hatte, »ich bin immerhin krank; doch bin ich jetzt bereit, Sie

anzuhören, um so mehr, da es unser letztes Gespräch, ja, unsere letzte

Begegnung sein dürfte.«

Ganjä empfand plötzlich Gewissensbisse. »Glauben Sie denn, daß ich mich

dazu hergeben werde, mit Ihnen abzurechnen, und wenn Sie ...«

»Sie tun vergeblich so von oben herab,« unterbrach ihn Hippolyt. »Schon

am ersten Tage meines Aufenthaltes hier, gab ich mir das Wort, Ihnen bei

meinem Abschied aufrichtig die Wahrheit zu sagen. Ich habe die Absicht,

es jetzt zu tun -- nachdem Sie sich ausgesprochen haben, versteht sich.«

»Und ich bitte Sie, dieses Zimmer zu verlassen.«

»Sprechen Sie sich lieber aus, sonst werden Sie bedauern, es nicht getan

zu haben.«

»Hören Sie auf, Hippolyt, das ist alles so unwürdig ... Tun Sie mir den

Gefallen und hören Sie auf!« sagte Warjä.

»Soll ich es der Dame wegen tun?« Hippolyt erhob sich lächelnd vom

Stuhl. »Erlauben Sie, Warwara Ardalionowna, für Sie bin ich bereit, das

Gespräch sofort abzukürzen, doch nur abzukürzen, denn einige

Auseinandersetzungen mit Ihrem Bruder und mir sind unerläßlich, und ich

kann mich nicht entschließen, fortzugehen, ohne das Mißverständnis

beseitigt zu haben.«

»Weil Sie einfach ein Klatschmaul sind,« schrie Ganjä, »ohne Klatsch

können Sie sich nicht entschließen, fortzugehen!«

»Sehen Sie,« bemerkte kaltblütig Hippolyt, »da können Sie sich wieder

nicht beherrschen. Wirklich, Sie werden es bedauern, nicht alles gesagt

zu haben. Ich gebe Ihnen noch einmal das Wort. Ich werde warten.«

Gawrila Ardalionytsch schwieg und betrachtete ihn verächtlich.

»Sie wollen nicht. Sie haben also die Absicht, Charakter zu zeigen --

Ihr Wille geschehe. Was mich betrifft, so werde ich es nach Möglichkeit

kurz machen. Zwei- oder dreimal hörte ich von Ihnen den Vorwurf, ich

hätte Ihre Gastfreundschaft mißbraucht; das ist ungerecht. Sie wollten

mich mit Ihrer Aufforderung in ein Netz fangen, Sie rechneten darauf,

daß ich mich am Fürsten rächen wollte. Außerdem hörten Sie, daß Aglaja

Iwanowna für mich Teilnahme bekundete und meine Beichte gelesen hatte.

Sie rechneten aus irgendeinem Grunde darauf, daß ich Ihren Interessen

ergeben sein würde, und hofften, in mir einen Helfer zu finden. Ich

werde mich darüber nicht ausführlicher erklären! Ich verlange auch

Ihrerseits durchaus kein Bekenntnis oder eine Bejahung. Es genügt, daß

wir uns jetzt gegenseitig vollständig verstehen.«

»Sie machen ja aus der allergewöhnlichsten Sache Gott weiß was!« rief

Warjä ärgerlich aus.

»Ich habe es dir gesagt: ein Klatschmaul und Gelbschnabel ist er,«

murmelte Ganjä.

»Erlauben Sie, Warwara Ardalionowna, daß ich fortfahre. Den Fürsten kann

ich freilich weder lieben, noch achten; doch ist er ein wirklich guter

Mensch, wenn auch ein wenig ... lächerlich. Aber warum ich ihn hassen

sollte, das sehe ich wirklich nicht ein? Ihr Bruder, der mit einem

solchen Haß meinerseits rechnete, hat sich mir vollständig anvertraut.

Wenn ich jetzt bereit bin, ihn zu schonen, so tue ich es nur Ihretwegen,

Warwara Ardalionowna. Ich wollte Ihnen damit sagen, daß man mich nicht

allzu leicht fangen kann. Ihren Herrn Bruder aber, den wollte ich vor

sich selbst als Dummkopf hinstellen. Und das habe ich allerdings aus Haß

getan, ich gestehe es offen ein. Auf meinem Sterbebett -- ich werde ja

doch bald sterben, obgleich Sie behaupten, daß ich dicker geworden sei

-- fühlte ich, daß ich unvergleichlich ruhiger in das Paradies eingehen

würde, wenn es mir vorher noch gelänge, einem Vertreter dieser zahllosen

Sorte von Menschen einen Streich zu spielen, die mich in meinem ganzen

Leben so geärgert haben und die ich mein ganzes Leben hindurch gehaßt

habe, und deren vollendetster Typ und Vertreter Ihr Herr Bruder ist. Ich

hasse Sie, Gawrila Ardalionytsch, einzig und allein darum -- das mag

Ihnen sehr sonderbar vorkommen --, weil Sie der Typ und die Verkörperung

dieser gemeinen, selbstzufriedenen Gewöhnlichkeit sind. Dieser

Gewöhnlichkeit, die an nichts mehr zweifelt, die von olympischer Ruhe

und Vollendung ist. In Ihrem Verstande, in Ihrem Herzen haben Sie noch

nie auch nur die allerkleinste Idee geboren. Und neidisch sind Sie,

grenzenlos neidisch; Sie sind fest davon überzeugt, daß Sie das größte

Genie seien, nur hin und wieder in schwachen Stunden steigt ein Zweifel

in Ihnen auf, und dann werden Sie böse und neidisch, unendlich neidisch!

Oh, einige schwarze Wölkchen haben Sie noch an Ihrem Horizonte, doch

auch die werden verschwinden, wenn Sie schließlich ganz verdummt sein

werden, was nicht mehr lange dauern kann. Immerhin steht Ihnen ein

langer und abwechslungsvoller Weg bevor -- kein froher Weg, und das

freut mich. Doch eines sage ich Ihnen: Eine gewisse Person werden Sie

doch nicht bekommen ...«

»Das ist ja unerträglich!« schrie Warjä. »Hören Sie doch endlich auf,

Sie giftige Kröte.«

Ganjä war erbleicht, zitterte und schwieg. Hippolyt verstummte und

betrachtete ihn mit ersichtlicher Schadenfreude, darauf sah er Warjä an,

lächelte, verbeugte sich vor ihr und ging hinaus, ohne auch nur ein Wort

hinzuzufügen.

Gawrila Ardalionytsch konnte sich wirklich über sein Schicksal und seine

Mißerfolge beklagen. Warjä schwieg eine Zeitlang und wagte ihn weder

anzusehen noch anzusprechen, während er mit großen Schritten vor ihr auf

und ab ging. Zuletzt ging er ans Fenster und kehrte ihr den Rücken zu.

Warjä dachte an das russische Sprichwort: »Jedes Unangenehme hat auch

sein Gutes.« Im oberen Stock hörte man wieder lärmen.

»Du gehst?« wandte sich Ganjä plötzlich an seine Schwester, als er

hörte, daß sie aufstand. »Warte ein wenig: Du kannst das lesen.«

Er reichte ihr ein kleines zusammengefaltetes Zettelchen hin.

»Mein Gott!« rief Warjä und schlug die Hände zusammen.

Das Zettelchen enthielt sieben Zeilen.

»Gawrila Ardalionytsch! Da ich mich davon überzeugt habe, daß Sie mir

wohlwollen, so habe ich mich entschlossen, Sie in einer für mich sehr

ernsten Angelegenheit um Rat zu bitten. Ich möchte Sie morgen früh um

sieben Uhr auf der grünen Bank treffen, die nicht weit entfernt von

unserer Datsche steht. Warwara Ardalionowna, die Sie unbedingt begleiten

muß, kennt diesen Platz sehr gut. A. J.«

»Da soll man nach alledem noch aus ihr klug werden!« sagte Warwara

Ardalionowna, die Hände ringend.

Wie gerne Ganjä in dieser Minute auch triumphiert hätte, so mußte er

sich doch wegen des Vorhergegangenen zusammennehmen. Immerhin glänzte

ein selbstzufriedenes Lächeln auf seinem Gesicht und Warjä selbst war

freudig erregt.

»Und das am selben Tage, an dem sie ihre Verlobung feiern soll! Da soll

noch einer aus ihr klug werden!«

»Was glaubst du, was wird sie mir morgen zu sagen haben?« fragte Ganjä.

»Das ist doch gleichgültig, die Hauptsache ist doch, daß sie dich nach

sechs Monaten zum erstenmal wieder sprechen will. Höre mich an, Ganjä:

was es auch sei, vergiß nicht, daß diese Zusammenkunft von großer

Wichtigkeit ist! Prahle nicht wieder, mache keine Dummheiten, aber sei

auch kein Feigling, sieh zu! Sie muß doch wissen, warum ich mich ein

halbes Jahr lang täglich zu ihnen schleppte? Und denke dir nur: nicht

ein Wort hat sie mir heute davon gesagt, nicht eine Silbe! Ich habe es

heute doch wieder riskiert, hinzugehen -- die Alte wußte nicht, daß ich

da war, sonst hätte sie mich vielleicht hinausgeworfen. Nur deinetwegen

habe ich es getan, um zu erfahren ...«

Im oberen Stock wurde der Lärm noch lauter; Schritte kamen die Treppe

herunter.

»Um alles in der Welt darf jetzt nichts geschehen!« rief Warjä

erschrocken. »Damit kein Schatten eines Skandals ... Geh', bitt' ihn um

Verzeihung!«

Der Vater der Familie befand sich schon auf der Straße. Koljä trug ihm

den Reisesack nach. Nina Alexandrowna stand auf der Treppe und weinte;

sie wollte ihm nachlaufen, doch Ptizyn hielt sie zurück.

»Sie werden ihn damit nur noch mehr aufregen,« sagte er zu ihr. »Wohin

soll er denn gehen, in einer halben Stunde kommt er wieder; ich habe

schon mit Koljä gesprochen; lassen Sie ihn sich austoben.«

»Was tun Sie denn da, wohin gehen Sie denn!« rief ihm Ganjä aus dem

Fenster nach.

»Kommen Sie zurück, Papa. Die Nachbarn werden es erfahren.«

Der General blieb stehen, erhob seine Hand und rief:

»Verflucht sei mein ganzes Haus!«

»Immer wieder theatralisch!« murmelte Ganjä und schlug das Fenster zu.

Die »Nachbarn« hatten die Szene natürlich beobachtet. Warjä lief aus dem

Zimmer.

Als Ganjä allein war, nahm er das Zettelchen vom Tisch und küßte es.

Dann schnalzte er mit der Zunge und machte ein paar Tanzschritte.

Sämtliche Werke 3-4 · 第 61 / 75 题