Der General erschien, wie verabredet, Punkt zwölf, so daß der Fürst, der
ein wenig später nach Hause zurückkehrte, ihn bereits wartend bei sich
antraf. Es fiel ihm sogleich auf, daß der General ungehalten zu sein
schien, und zwar offenbar deshalb, weil er hatte warten müssen. Der
Fürst machte seine Entschuldigung, und beeilte sich, ihm gegenüber Platz
zu nehmen, tat es jedoch eigentümlich ängstlich, als wäre sein Gast eine
zarte Porzellanfigur, die er durch eine unvorsichtige Bewegung zu
zerschlagen fürchtete. Diese Furcht war um so seltsamer, als er bisher
noch nie etwas Ähnliches im Verkehr gerade mit dem General empfunden
hatte. Bald jedoch gewahrte der Fürst, daß sein Gast heute ein ganz
anderer Mensch war, als tags zuvor: Die frühere Verwirrung und
Zerstreutheit war gänzlich verschwunden, und statt ihrer bemerkte man
nur eine ungewöhnliche Zurückhaltung, aus der man nur folgern konnte,
daß dieser Mensch sich zu etwas Großem entschlossen hatte. Die Ruhe war
übrigens eine mehr äußerliche; jedenfalls schien der Gast bei aller
zurückhaltenden Würde immer noch recht aufgeräumt zu sein! ja zu Anfang
sprach er sogar mit einer gewissen Herablassung zum Fürsten -- gerade
so, wie mitunter stolze Leute, die mit Unrecht verletzt oder
zurückgesetzt worden sind, leutselig, herablassend und dementsprechend
liebenswürdig zu sein pflegen. Der General sprach freundlich, wenn auch
im Ton seiner Stimme eine gewisse Betrübnis durchklang.
»Hier ist Ihr Buch, das Sie mir vor ein paar Tagen gegeben haben,«
machte er den Fürsten mit einer hinweisenden Kopfbewegung auf das Buch
aufmerksam, das er auf den Tisch gelegt hatte. »Besten Dank.«
»Ach ja! Sie haben den Artikel gelesen? Wie hat er Ihnen gefallen? Doch
sehr interessant?« fragte der Fürst, erfreut über die Möglichkeit, ein
nebensächliches Gespräch anfangen zu können.
»In--ter--essant? -- ja, das allerdings, aber alles in allem doch recht
unbehauen und natürlich auch albern. Vielleicht ist überhaupt kein
wahres Wort daran.«
Der General sprach mit erstaunlicher Sicherheit -- dem Fürsten
wenigstens war dieser Ton an ihm ganz neu -- und zog dabei mit einer
gewissen überlegenen Nachlässigkeit die Worte in die Länge.
»Ach, aber das ist doch eine so harmlose Erzählung, eine so echte
Schilderung eines alten Soldaten, der selbst Augenzeuge der Plünderung
Moskaus gewesen ist. Einzelne Stellen sind, finde ich, einfach
wundervoll. Zudem sind doch alle Aufzeichnungen von Augenzeugen schon
als solche ungeheuer wertvoll, gleichviel wer der Augenzeuge ist, nicht
wahr?«
»Ich hätte an Stelle des Autors diese Aufzeichnungen nicht gedruckt, und
was solche Aufzeichnungen von Augenzeugen im allgemeinen anlangt, so--o
... kann man sagen, daß die Menschen eher einem groben Lügner glauben,
als einem alten, ehrwürdigen und verdienstvollen Manne. Ich kenne
Aufzeichnungen aus dem Jahre achtzehnhundertzwölf, die ... Ich habe mich
entschlossen, Fürst, dieses Haus hier zu verlassen -- das Haus Herrn
Lebedeffs.«
Der General blickte den Fürsten bedeutsam an.
»Sie haben ja wohl auch Ihre eigene Wohnung in Pawlowsk, bei ... bei
Ihrer Frau Tochter ...« sagte der Fürst, nur um etwas zu sagen.
Er erinnerte sich, daß der General ja doch gekommen war, um zu einer
»schicksalsschweren Entscheidung« seinen Rat einzuholen.
»Bei meiner Frau,« korrigierte der General, »mit anderen Worten, bei
mir, und im Hause meiner Tochter.«
»Verzeihen Sie, ich ...«
»Ich verlasse das Haus Herrn Lebedeffs deshalb, lieber Fürst, weil ich
mit diesem Manne gebrochen habe; ich habe es gestern abend getan,
bedauernd, daß es von mir aus nicht schon früher geschehen ist. Ich
fordere Achtung für meine Person von jedermann, Fürst, selbst von jenen
Leuten, denen ich, wie man sagt, mein Herz schenke. Fürst, ich
verschenke oft mein Herz und werde fast immer betrogen. Dieser Mensch
hat sich als meines Geschenkes unwürdig erwiesen.«
»Es ist viel Unordnung in ihm,« bemerkte der Fürst zurückhaltend, »und
gewisse Züge ... aber er hat trotzdem Herz und einen schlauen Kopf, der
bisweilen sogar recht spaßige Gedanken hervorbringt.«
Die psychologische Richtigkeit des Urteils und der ernste Ton des
Fürsten schmeichelten augenscheinlich dem General, obschon er sein
Gegenüber ab und zu doch noch mit einem mißtrauischen Blick von der
Seite ansah. Der Ton des Fürsten war aber so natürlich und arglos
aufrichtig, daß sein Mißtrauen von selbst schwand.
»Daß er auch gute Eigenschaften hat,« fiel der General ein, »das dürfte
ich wohl als erster bemerkt haben -- da ich doch diesem Individuum fast
meine Freundschaft geschenkt habe. Er soll nur nicht glauben, daß ich
seiner Gastfreundschaft bedarf -- ich habe mein eigenes Heim. Ich will
meine Fehler nicht beschönigen. Ich verstehe eben nicht, mich zu
mäßigen. Ich habe mit ihm zusammen gekneipt, was ich jetzt lebhaft
bereue. Aber ich habe doch nicht nur um des Kneipens willen -- verzeihen
Sie, Fürst, einem gereizten Manne das rohe offene Wort --, doch nicht
nur um des Kneipens willen habe ich mich mit ihm abgegeben! Gerade seine
Eigenschaften, wie Sie sagen, haben mich zu ihm hingezogen. Freilich,
alles nur bis zu einer gewissen Grenze! Und was sind selbst seine
Eigenschaften! Wenn er plötzlich die Frechheit hat, mich überzeugen zu
wollen, daß er im Jahre achtzehnhundertundzwölf, also noch als Kind,
sein linkes Bein verloren und auf dem Waganjkoffskischen Friedhof in
Moskau begraben habe, so übersteigt das doch alle Grenzen, und ist eben
eine ... eine Mißachtung meiner Person, eben eine ... eine Frechheit
sondergleichen! ...«
»Vielleicht war es nur ein Scherz, zur Erheiterung ...«
»Ich verstehe. Eine unschuldige Lüge, die nur Gelächter hervorrufen
soll, wird, selbst wenn sie roh ist, kein Menschenherz beleidigen. Lügt
doch so manch einer, wenn Sie wollen, nur aus Freundschaft, um seinem
Gesellschafter ein Vergnügen zu bereiten. Sobald aber Mißachtung der
Person des anderen durchblickt, oder wenn man zum Beispiel durch solche
Mißachtung dem anderen zu verstehen geben will, daß seine Bekanntschaft
einem lästig ist, so bleibt einem Ehrenmann nichts anderes übrig, als
sich abzuwenden, für weitere freundschaftliche Beziehungen zu danken,
und damit den Beleidiger auf den ihm zukommenden Platz zu verweisen.«
Der General wurde rot vor Empörung.
»Aber Lebedeff hätte ja überhaupt nicht achtzehnhundertundzwölf in
Moskau sein können! Natürlich ist das nur ein Scherz. Er ist doch viel
zu jung dazu.«
»Erstens das; doch nehmen wir an, er wäre damals schon geboren gewesen.
Aber wie kann er mir ins Gesicht behaupten, daß ein französischer
Chasseur eine Kanone auf ihn gerichtet und ihm das linke Bein einzig zum
Zeitvertreib abgeschossen habe; daß er dann selbst dieses sein
abgeschossenes Bein aufgehoben und nach Hause gebracht und später auf
dem Friedhof begraben habe, und ferner, daß er über dem Grabe des Beines
ein Denkmal errichtet, das auf der einen Seite die Inschrift trage:
>Hier ruht in Frieden das Bein des Kollegien-Sekretärs Lebedeff<, und
auf der anderen: >Ruhe sanft, geliebter Staub, bis zum fröhlichen
Wiedersehen<, und schließlich, daß er alljährlich für dieses Bein eine
Seelenmesse lesen lasse -- was doch einfach Blasphemie wäre -- und daß
er zu dem Zweck in jedem Jahr nach Moskau reise. Zur Bekräftigung
fordert er mich noch auf, mit ihm nach Moskau zu fahren, um mir von ihm
das Grab seines Beines zeigen zu lassen und im Kreml sogar jene
französische Kanone, die mit anderen zusammen erbeutet worden und nun
dort aufgestellt sei -- die elfte vom Tore soll es sein --, ein
Falkonettgeschütz alter französischer Bauart.«
»Und dabei sind doch seine beiden Beine vollkommen ganz und gesund,
wenigstens soviel man sehen kann!« meinte der Fürst lachend. »Ich
versichere Sie, es ist nur ein unschuldiger Scherz von ihm gewesen,
seien Sie ihm deshalb nicht böse.«
»Erlauben Sie, daß auch ich meine Meinung äußere. Was die Beine und
das Bemerken anlangt, so wäre das schließlich noch nicht
so unwahrscheinlich, denn wie er behauptet, habe er ein
Tschernosswitoffsches falsches Bein ...«
»Ach ja, mit einem solchen Bein soll man ja sogar tanzen können, sagt
man.«
»Das weiß ich; Tschernosswitoff kam, als er sein Bein erfunden hatte,
ganz zuerst zu mir geeilt, um es mir zu zeigen. Aber er hat seine
Erfindung viel später gemacht ... Und überdies behauptet er, daß selbst
seine verstorbene Frau während der ganzen Zeit ihrer Ehe nicht gewußt
habe, daß er, ihr Mann, ein Holzbein hatte. >Wenn du,< sagte er zu mir,
als ich ihn auf diese Unmöglichkeiten aufmerksam machte, >wenn du
achtzehnhundertundzwölf Napoleons Leibpage gewesen bist, dann gestatte
auch mir, eines meiner Beine auf dem Waganjkoffskischen Friedhof
begraben zu haben<.«
»Ja, aber sind Sie denn ...« begann der Fürst, brach jedoch verwirrt ab.
Der General schien gleichfalls etwas verlegen zu werden, doch schon nach
einem Augenblick sah er den Fürsten von oben herab an, und um seine
Lippen spielte ein spöttisches Lächeln.
»Sprechen Sie es nur aus, Fürst,« sagte er mit geradezu erhabener Ruhe,
»sprechen Sie es nur aus. Ich bin nachsichtig, sagen Sie ruhig alles,
was Sie denken: gestehen Sie nur, daß Ihnen der Gedanke kaum glaublich
erscheint, der Gedanke, einen Menschen vor sich zu sehen, der jetzt
erniedrigt und ... überflüssig ist, und gleichzeitig vernehmen zu
müssen, daß dieser Mensch ein Augenzeuge ... großer Ereignisse gewesen
ist. Hat _er_ Ihnen noch nicht ... vorgeschwatzt?«
»Nein, Lebedeff hat mir nichts davon gesagt -- wenn Sie Lebedeff meinen
...«
»Hm! ... und ich dachte im Gegenteil ... Das war eigentlich unser ganzes
Gespräch gestern abend ... wir kamen zufällig auf diese ... seltsame
Geschichtsperiode zu sprechen. Ich bemerkte sogleich die Ungereimtheit,
und da ich selbst Zeuge war ... Sie lächeln, Fürst, Sie blicken mich
fragend an?«
»N--ein, ich ...«
»Ich sehe allerdings jünger aus, als ich bin,« fuhr der General langsam
fort, »doch bin ich eben älter als man allgemein glaubt. Im Jahre
achtzehnhundertzwölf war ich ungefähr zehn oder elf Jahre alt -- genau
entsinne ich mich dessen nicht mehr. In meinen Papieren ist natürlich
mein Geburtsjahr genau angegeben, doch im Leben, wie gesagt, hatte ich
die Schwäche, mich stets für jünger auszugeben als ich war.«
»Ich versichere Sie, General, ich halte es durchaus nicht für unmöglich,
daß Sie damals in Moskau gewesen sind, und ... selbstverständlich können
Sie jetzt auch manches mitteilen ... wie alle, die es miterlebt haben.
Beginnt doch einer unserer Schriftsteller seine Autobiographie damit,
wie ihn Anno achtzehnhundertundzwölf, als er noch ein Säugling war,
französische Soldaten in Moskau mit Brot gepäppelt hätten.«
»Nun sehen Sie,« begutachtete der General herablassend diesen Fall.
»Mein Fall geht noch ein wenig mehr über die Grenzen des Gewöhnlichen
hinaus, doch liegt in ihm schließlich nichts Unmögliches. Die Wahrheit
erscheint uns oft unmöglicher als irgendeine Lüge. Leibpage! Es muß
demjenigen seltsam genug klingen, der es zum ersten Male hört. Doch
dieses Erlebnis eines zehnjährigen Kindes läßt sich gerade durch sein
Alter erklären. Einem Fünfzehnjährigen wäre das nicht mehr passiert,
denn als Fünfzehnjähriger wäre ich nicht so leichtsinnig aus unserem
Hause an der Staraja Basmannaja am Tage des Einzugs Napoleons in Moskau
auf die Straße gelaufen. Meine Mutter hatte es in ihrer Angst immer noch
aufgeschoben, die Stadt zu verlassen, bis -- bis es eben zu spät war.
Mit fünfzehn Jahren hätte ich es nicht so ohne weiteres gewagt, aber so
als Zehnjähriger fürchtete ich mich vor nichts und drängte mich
unbekümmert durch die Menge bis dicht an den Eingang des Palais, als
Napoleon gerade vom Pferde stieg ...«
»Das haben Sie sehr richtig bemerkt, daß Sie nur als zehnjähriges Kind
so furchtlos sein konnten ...« versetzte der Fürst, gepeinigt von dem
Gedanken, daß er sogleich erröten würde.
»Nicht wahr? -- und alles geschah so einfach und natürlich, wie es eben
nur in der Wirklichkeit geschehen kann -- wollte ein Schriftsteller so
etwas schildern, so würde er nur ungereimtes, unmögliches Zeug
zusammenschreiben.«
»Ganz recht!« rief der Fürst. »Diesen Gedanken habe auch ich gehabt,
noch vor kurzem. Ich hörte von einem Mord wegen einer Taschenuhr --
jetzt ist die Geschichte schon in allen Zeitungen. Hätte das ein Dichter
geschrieben: die sogenannten Kenner des russischen Volkes und die
Literaturkritiker würden doch sogleich geschrien haben, daß es
unwahrscheinlich, unmöglich sei; liest man es aber in der Zeitung als
Tatsache, so fühlt man doch unwillkürlich, daß man gerade aus solchen
Tatsachen die russische Wirklichkeit kennen lernt. Das haben Sie ganz
vorzüglich bemerkt, General,« schloß der Fürst, froh darüber, daß er dem
Erröten hatte entgehen können.
»Nicht wahr? Nicht wahr?« rief der General ungeheuer geschmeichelt, und
seine Augen blitzten vor Vergnügen. »Ein Knabe, ein Kind, das die Gefahr
überhaupt nicht ahnt, drängt sich durch die Menge, um den Pomp, die
glänzenden Uniformen, die ganze Suite zu sehen, und schließlich doch
auch den großen Kaiser, von dem man ihm schon so unendlich viel erzählt
hat. In der ganzen Welt hatte seit Jahren nur dieser eine Name: Napoleon
gehallt, und ich hatte ihn, wie man zu sagen pflegt, schon mit der
Muttermilch eingesogen. Als Napoleon so dicht an mir vorüberging, fiel
ihm plötzlich mein Blick auf -- ich war außerdem vornehm gekleidet,
meine Mutter gab stets sehr viel darauf. Und ich allein so gekleidet in
dieser Volksmenge, nicht wahr ...«
»Zweifellos mußte ihm das auffallen, denn das bewies doch, daß nicht
alle Edelleute oder vornehmeren Familien die Stadt verlassen hatten.«
»Eben, eben! Er wollte ja gerade den Adel für sich gewinnen! Als sein
Adlerblick mich nun streifte, mußten wohl meine Augen aufgeleuchtet
haben. >_Voilà un garçon bien éveillé!_< bemerkte er plötzlich zu seiner
Suite. >_Qui est ton père?_<{[32]} Ich antwortete ihm sofort, allerdings
fast atemlos vor Aufregung: >Ein General, der auf dem Schlachtfelde fürs
Vaterland gefallen ist.< -- >_Ah_,< sagte er, >_le fils d'un boyard et
d'un brave par-dessus le marché! J'aime les boyards. M'aimes-tu,
petit?_<{[33]} Auf diese schnelle Frage antwortete ich ebenso schnell:
>Das Herz eines Russen ist fähig, selbst im Feinde seines Vaterlandes
den großen Mann anzuerkennen!< Das heißt, ich weiß eigentlich nicht mehr
genau, ob ich mich auch buchstäblich so ausdrückte ... ich war noch ein
Kind aber der Sinn war jedenfalls derselbe. Napoleon war zuerst ganz
überrascht, sann einen Augenblick nach und wandte sich dann zu seiner
Suite. >Mir gefällt der Stolz dieses Kindes!< sagte er, >doch wenn alle
Russen so denken wie dieser Knabe, dann ...< Er sprach den Satz nicht zu
Ende und trat ins Palais. Ich mischte mich sogleich unter seine Suite
und folgte ihm ins Palais. Man machte mir überall Platz und betrachtete
mich bereits als Favorit. Aber das war ja alles nur Nebensache, ich
bemerkte es kaum ... Ich entsinne mich nur noch, wie der Kaiser, gerade
als ich in den ersten Saal eintrat, plötzlich vor dem Bildnis Katharinas
der Zweiten stehenblieb, es nachdenklich lange betrachtete und
schließlich sagte: >Das war eine große Frau!< und dann weiterging. Nach
zwei Tagen kannte mich ein jeder im Palais und im ganzen Kreml, und man
nannte mich nur noch >_le petit boyard_<.{[34]} Zu Hause, wo alles auf
dem Kopf stand, fand ich mich erst abends ein, um frühmorgens wieder
aufzubrechen und in den Kreml zurückzukehren. Da starb ganz unverhofft,
am zweiten Tage nach dem Einzug in Moskau der Leibpage Napoleons, Baron
de Bazancourt, der die Strapazen des Feldzuges nicht ausgehalten hatte.
Napoleon erinnerte sich meiner: man suchte mich, brachte mich ins
Palais, ohne mir ein Wort zu sagen, zog mir die Kleider des Verstorbenen
an, eines Knaben von etwa zwölf Jahren, und erst als ich in der
Leibpagenuniform dem Kaiser vorgestellt worden war und er mit dem Kopf
genickt hatte, erklärte man mir den Sachverhalt und wozu man mich
ausersehen hatte. Ich freute mich, denn ich empfand, und zwar schon seit
langer Zeit, eine glühende Sympathie für ihn ... nun, und außerdem die
glänzende Uniform, das bedeutet doch sehr viel für ein Kind, nicht wahr
... Ich trug einen dunkelgrünen Frack mit langen, schmalen Schößen,
goldenen Knöpfen, roten, goldgestickten Ärmelaufschlägen, einem hohen,
offenstehenden Kragen, gleichfalls mit Goldstickerei auf rot, und auf
den Frackschößen ebenfalls Goldstickerei; dazu trug ich weiße
sämischlederne Beinkleider, eine weißseidene Weste, seidene Strümpfe und
Schnallenschuhe ... wenn aber der Kaiser ausritt und ich ihn mit der
Suite begleitete, trug ich hohe Kanonenstiefel. War auch die Situation
keine glänzende, und sah man auch noch viel größeres Unglück kommen, so
wurde doch die Etikette nach Möglichkeit eingehalten, und zwar um so
peinlicher, je mehr man das Unglück vorausfühlte.«
»Ja, natürlich ...« murmelte der Fürst geradezu hilflos, »Ihre Memoiren
würden sehr ... interessant sein.«
Der General, der natürlich ganz dasselbe wiedergab, was er am Abend
vorher Lebedeff erzählt hatte, erzählte fließend. Doch diese Bemerkung
des Fürsten erweckte wieder sein Mißtrauen und -- prüfend sah er ihn an.
»Meine Memoiren,« sagte er mit Stolz, »Sie meinen, ich soll meine
Memoiren schreiben? Nein, das verlockt mich nicht, Fürst! Wenn Sie
wollen ... so sind meine Memoiren bereits niedergeschrieben, nur ... sie
liegen in meinem Pult. Mögen sie dann, wenn man mich begraben hat,
erscheinen. Sie werden zweifellos in alle Sprachen übersetzt werden,
nicht wegen ihrer literarischen Form, sondern wegen der Bedeutung dieser
allerkolossalsten Tatsachen, die ich als Augenzeuge erlebt habe, wenn
ich auch noch ein Kind war. Doch das ist schließlich noch ein Vorzug:
als Kind bin ich, wie man sagt, in die intimste Kammer des großen Mannes
eingedrungen, und das nicht etwa nur bildlich: ich habe in den Nächten
das Gestöhn dieses vom Unglück erfaßten Riesen gehört! Vor mir, dem
Kinde, tat er sich keinen Zwang an, obschon ich sehr wohl begriff, daß
die Ursache seines Leidens -- das Schweigen Kaiser Alexanders war.«
»Ja, richtig, er hat ja doch an Alexander Briefe geschrieben ... mit
Friedensvorschlägen ...« bemerkte der Fürst schüchtern.
»Genau wissen wir es nicht, welche Vorschläge er ihm gemacht hat, nur
hat er tatsächlich an ihn täglich, fast stündlich einen Brief
geschrieben, einen Brief nach dem anderen ... Er regte sich dabei
natürlich über alle Maßen auf. Einmal in der Nacht -- wir waren beide
ganz allein -- stürzte ich weinend zu ihm -- oh, ich liebte ihn! -- und
ich flehte ihn an: >Bitten Sie, bitten Sie den Kaiser Alexander um
Verzeihung!< Das heißt, ich hätte sagen sollen: >Schließen Sie mit ihm
Frieden<, doch als kleines Kind drückte ich meine Gedanken eben ganz
naiv aus. Er nahm es mir aber nicht übel. >Mein Kind!< sagte er -- er
promenierte auf und ab im Zimmer --, >oh, mein Kind!< -- er schien es
damals gar nicht zu bemerken, daß ich erst zehn Jahre alt war, und er
liebte es sogar, sich mit mir zu unterhalten. >Oh, mein Kind,< sagte er,
>ich bin bereit, Kaiser Alexander die Füße zu küssen, doch dem König von
Preußen und dem Kaiser von Österreich, oh, denen schwöre ich ewigen Haß
und ... schließlich ... was verstehst du von Politik!< Es war, als hätte
er plötzlich bemerkt, mit wem er sprach, und er verstummte, doch seine
Augen sprühten noch Funken. Wollte ich nun all diese Tatsachen
niederschreiben -- und ich war Zeuge von noch weit wichtigeren
Ereignissen --, wollte ich jetzt meine Memoiren herausgeben, so müßte
ich all diese Kritiken über mich ergehen lassen, diese Reden des
literarischen Ehrgeizes, diesen ganzen Neid und Parteigeist und ...
nein, ich danke dafür!«
»Was Sie da vom Parteigeist sagen, ist sehr richtig,« sagte der Fürst
nach kurzem Schweigen. »Da habe ich vor nicht langer Zeit ein Buch von
Charras, >_Campagne de 1815_<,{[35]} gelesen. Es ist augenscheinlich ein
ernstes Buch, und, wie Fachmänner sich äußern, mit ungeheurer Kenntnis
der Sache geschrieben. Nur spricht, finde ich, aus jeder Seite des
Buches eine so große Freude über die Besiegung und Erniedrigung
Napoleons, daß Charras sicherlich sehr froh sein würde, wenn man
Napoleon auch auf Grund der anderen Kriege jedes Talent absprechen
könnte. Das ist natürlich nicht gut in einem sonst so ernsten Buch, denn
es ist doch nichts als, nun, eben Parteigeist. Waren Sie sehr in
Anspruch genommen durch Ihren Dienst beim ... Kaiser?«
Der General war begeistert. Die ernste, treuherzige Frage des Fürsten
zerstreute sein letztes Mißtrauen.
»Charras! Oh, auch ich war darüber entrüstet! Ich schrieb auch sogleich
an ihn, nur ... ich entsinne mich im Augenblick nicht ganz ... Sie
fragen, ob ich sehr in Anspruch genommen war? Oh, nein! Man nannte mich
zwar Leibpage, aber ich faßte es ja doch selbst damals nicht als Ernst
auf. Hinzukam, daß Napoleon bald jede Hoffnung verlor, den Russen
näherzutreten, und so hätte er wohl auch mich vergessen, nachdem er mich
aus Politik herangezogen, wenn ... wenn er mich nicht persönlich
liebgewonnen hätte, was ich jetzt ruhigen Gewissens behaupten kann. Mich
aber zog mein Herz zu ihm. Ein besonderer Dienst wurde von mir durchaus
nicht verlangt: ich mußte ab und zu im Palais erscheinen und ... den
Kaiser auf seinen Spazierritten zu Pferde begleiten, und das war alles.
Ich ritt damals schon ganz gut. Er ritt gewöhnlich vor dem Diner aus,
und seine Suite bestand dann meist aus Davoust, mir, dem Mameluken
Rustan ...«
»Constant,« entfuhr es plötzlich fast unbewußt dem Fürsten.
»N--ein, Constant war damals nicht in Moskau, er war unterwegs mit einem
Schreiben an ... die Kaiserin Josephine; doch statt seiner waren
gewöhnlich noch zwei Ordonnanzen da, einige polnische Ulanen ... nun,
und das war seine ganze Suite, außer den Generalen, versteht sich, und
Marschällen, von denen Napoleon sich stets begleiten ließ, um sich mit
ihnen beraten zu können, das Terrain zu studieren, die Positionen der
einzelnen Truppenteile, und so weiter ... Am häufigsten war Davoust bei
ihm. Ich sehe ihn noch wie leibhaftig vor mir, diesen großen, stark
gebauten, kaltblütigen Mann mit dem seltsamen Blick hinter den
Brillengläsern. Mit ihm beriet sich der Kaiser am häufigsten. Er
schätzte seine Meinung sehr hoch. Ich weiß noch genau: einmal hatten sie
sich schon mehrere Tage lang beraten. Davoust war morgens und abends
gekommen, sie hatten oft gestritten, endlich schien Napoleon
nachzugeben. Sie befanden sich beide im Kabinett, er, Davoust und, fast
unbemerkt von ihnen, ich als Dritter. Da fiel plötzlich ganz zufällig
Napoleons Blick auf mich, und ein seltsamer Gedanke blitzte in seinen
Augen auf. >Kind!< wandte er sich an mich, >was meinst du: wenn ich zur
rechtgläubigen Kirche übertreten sollte und eure Leibeigenen befreite,
würden mir die Russen dann folgen?< -- >Niemals!< rief ich mit Unwillen.
Napoleon war ganz betroffen. >In den Augen dieses Kindes, aus denen der
Patriotismus glüht,< sagte er, >habe ich die Gesinnung des ganzen
russischen Volkes gelesen. Genug, Davoust! Das war nur ein
phantastischer Einfall. Legen Sie Ihr zweites Projekt vor.<«
»Ja, aber auch dieses Projekt war ... ein großer Gedanke,« sagte der
Fürst, sichtlich interessiert. »Und Sie schreiben es Davoust zu?«
»Wenigstens beriet sich Napoleon mit ihm. Der Gedanke selbst stammte
natürlich von Napoleon, dieser Adlergedanke, aber auch das andere
Projekt war ... Das war jener >_conseil du lion_<,{[36]} wie Napoleon
selbst diesen ihm von Davoust erteilten Rat nannte. Dieser Rat bestand
darin, sich mit dem ganzen Heer im Kreml zu verschanzen, Baracken zu
bauen, Befestigungen zu errichten, die Kanonen aufzustellen, möglichst
viel Pferde zu schlachten und einzusalzen, möglichst viel Getreide
aufzutreiben und so zu überwintern, um dann im Frühling sich durch die
Russen durchzuschlagen. Dieses Projekt gefiel Napoleon sehr. Wir ritten
hierauf täglich um die Kremlmauern, er ordnete selbst alles an, zeigte,
wo Schanzen, wo Verhaue, wo Blockhäuser, Schutzwälle errichtet werden
sollten -- ein Blick, ein Wort und -- die Sache war gemacht. Schließlich
war man so weit, daß Davoust zur letzten, endgültigen Entscheidung
drängte. Wieder waren sie beide ganz allein im Kabinett, nur ich war als
Dritter zugegen. Wieder ging Napoleon mit verschränkten Armen auf und
ab. Ich ließ ihn nicht aus den Augen, mein Herz klopfte stark. >Ich
gehe<, sagte Davoust. >Wohin?< fragte Napoleon. >Pferde einsalzen zu
lassen<, sagte Davoust. Napoleon zuckte zusammen, jetzt kam der
Augenblick der Entscheidung. >Kind,< wandte er sich plötzlich an mich,
>was meinst du zu unserem Vorhaben?< Natürlich fragte er mich nur, wie
bisweilen der klügste Mensch in einer wichtigen Frage lieber das Los
entscheiden läßt, als daß er's selbst tut ... wie man eine Münze
hinwirft und Adler oder Schrift entscheiden läßt. Doch statt an ihn
wandte ich mich an Davoust und sagte, fast auf höhere Eingebung: >Sehen
Sie lieber zu, General, daß Sie noch mit heiler Haut davonkommen!< Damit
war das Projekt verworfen. Davoust zuckte nur mit der Achsel und brummte
beim Hinausgehen: >_Bah! Il devient superstitieux!_<{[37]} Am nächsten
Tage wurde der Befehl zum Rückzug gegeben.«
»Das ist natürlich alles sehr interessant,« murmelte der Fürst kaum
hörbar, »wenn es nur auch wirklich so ... das heißt, ich will nur sagen
...« beeilte er sich, sich zu verbessern.
»Oh, Fürst!« rief der General, der selbst von seiner Erzählung so
begeistert war, daß er sich nicht einmal mehr vor der größten
Unvorsichtigkeit zurückzuhalten vermocht hätte. »Sie sagen: >wenn es nur
auch wirklich so war!< Aber es war ja noch viel mehr, ich versichere
Sie, es war ja noch viel mehr als das! Das waren ja nur erst kleine
Nebensachen, politische Dinge. Aber ich versichere Sie, ich bin sogar
Zeuge seiner nächtlichen Tränen gewesen, ich habe das Stöhnen dieses
großen Mannes gehört, dessen aber kann sich außer mir keiner rühmen! Zum
Schluß allerdings, da weinte er nicht mehr, er stöhnte nur noch, und
sein Gesicht wurde immer finsterer. Es war, als hätte die Ewigkeit ihn
bereits mit ihren dunklen Fittichen beschattet. In manch einer Nacht
verbrachten wir beide ganze Stunden allein, schweigend -- der Mameluk
Rustan schnarchte im Nebenzimmer. Einen entsetzlich festen Schlaf hatte
dieser Mensch. >Dafür ist er mir und meiner Dynastie treu ergeben<,
sagte Napoleon von ihm. Einmal tat er mir unsäglich leid, und plötzlich
bemerkte er eine Träne in meinem Auge: gerührt blickte er mich an. >Du
bemitleidest mich!< rief er aus, >nur du, Kind, tust es, und vielleicht
wird es noch ein anderes Kind tun, mein Sohn, _le roi de Rome_!{[38]}
Die anderen alle hassen mich nur, und meine Brüder werden die ersten
sein, die mich im Unglück verlassen!< Ich schluchzte laut auf und eilte
zu ihm -- da hielt auch er es nicht mehr aus, und Tränen stürzten ihm
aus den Augen. >Oh, schreiben Sie, schreiben Sie an die Kaiserin
Josephine!< bat ich ihn schluchzend. Napoleon zuckte zusammen, dachte
nach und sagte dann zu mir: >Du hast mich an ein drittes Herz erinnert,
das mich liebt. Ich danke dir, Freund!< Und er setzte sich sogleich an
den Schreibtisch und schrieb an Josephine jenen Brief, mit dem dann am
nächsten Tage Constant nach Paris geschickt wurde.«
»Das war sehr gut von Ihnen,« sagte der Fürst, »mitten in seinen
düsteren Gedanken riefen Sie ein lichtes Gefühl in ihm hervor.«
»Eben, Fürst, und wie gut Sie das zu erklären verstehen, das entspricht
auch Ihrem eigenen Herzen!« stimmte der General begeistert bei, und
seltsam: Tränen, wirkliche Tränen glänzten in seinen Augen. »Ja, Fürst,
ja, das war ein großer Anblick! Und wissen Sie, fast wäre ich mit ihm
nach Paris gefahren, und dann hätte ich ihn, versteht sich, auch nach
St. Helena begleitet, doch leider trennte uns das Schicksal! Er kam auf
jene wüste Insel, wo er vielleicht in einer trüben Stunde an die Tränen
jenes armen Knaben, der ihn einst umarmt und geküßt, gedacht hat. Ich
aber -- kam damals in die Kadettenschule, wo ich nichts als Strenge fand
und die Roheit der Mitschüler und ... Und dann war alles aus! >Ich will
dich deiner Mutter nicht entreißen, deshalb nehme ich dich nicht mit,<
sagte er zu mir an dem Tage, als er Moskau verließ, >ich würde aber gern
etwas für dich tun.< Er war schon im Begriff, in den Sattel zu steigen.
>Schreiben Sie mir zum Andenken etwas ins Album meiner Schwester,< bat
ich schüchtern, denn er war sehr zerstreut und düster. Er wandte sich
wirklich zurück, verlangte eine Feder, nahm das Album. >Wie alt ist
deine Schwester?< fragte er, die Feder bereits in der Hand. >Drei
Jahre<, antwortete ich. >_Petite fille alors._<{[39]} Und er schrieb ins
Album:
>_Ne mentez jamais._<
>_Napoléon, votre ami sincère._<{[40]}
Ein solcher Rat in einem solchen Augenblick, Sie werden doch zugeben,
Fürst, was!«
»Ja, das ist sehr bezeichnend.«
»Dieses Albumblatt hing unter Glas in einem goldenen Rahmen bis zum Tode
meiner Schwester in ihrem Empfangszimmer, auf der sichtbarsten Stelle
der Wand -- sie starb im Wochenbett --, wo es jetzt ist, weiß ich nicht
... aber ... ach, mein Gott! Schon zwei Uhr! Wie ich Sie aufgehalten
habe, Fürst! Das ist ja unverzeihlich!«
Der General erhob sich.
»Oh, im Gegenteil!« murmelte der Fürst. »Sie haben mich so gut
unterhalten und ... schließlich ... es war so interessant, ich bin Ihnen
sehr dankbar dafür!«
»Fürst!« sagte der General, indem er ihn mit blitzenden Augen unverwandt
ansah und seine Hand fast schmerzhaft in der seinen drückte -- er schien
plötzlich wieder zur Besinnung gekommen und jetzt von irgendeinem klaren
Gedanken ganz betroffen zu sein, doch das dauerte nur einen Augenblick.
»Fürst!« rief er aus, »Sie sind dermaßen gut und dermaßen harmlos, daß
Sie mir bisweilen leid tun und ich Sie nur mit Rührung betrachten kann.
Oh, möge Gott der Herr Sie segnen! Möge Ihr Leben jetzt gut beginnen und
erblühen ... in der Liebe! Meines ist zu Ende! Oh, verzeihen Sie mir,
verzeihen Sie!«
Er bedeckte sein Gesicht mit den Händen und verließ schnell das Zimmer.
Wenigstens an der Echtheit seiner Aufregung konnte der Fürst nicht
zweifeln, wenn er auch begriff, daß der Alte ihn nur vor Freude über
seinen Erfolg ganz begeistert verlassen hatte. Er fühlte es, daß dieser
Mensch zu jener Kategorie von Lügnern gehörte, die, wenn sie auch bis
zur Leidenschaft, bis zur völligen Selbstvergessenheit lügen, selbst im
Augenblick ihrer höchsten Ekstase im Herzen doch argwöhnen, daß man
ihnen nicht glaube, und ja auch gar nicht glauben könne. In seiner
gegenwärtigen Verfassung konnte der General, wenn er zur Besinnung
gekommen war, sich unerträglich schämen, den Fürsten verdächtigen, daß
er ihm nur aus übergroßem Mitleid zugehört habe, und sich dann selbst
tief gekränkt fühlen.
»Wäre es nicht besser gewesen, ich hätte ihn nicht bis zu dieser
Begeisterung gebracht?« fragte sich der Fürst beunruhigt, doch plötzlich
mußte er lachen. Zwar wollte er sich auch schon sogleich wieder Vorwürfe
wegen dieses Lachens machen, sagte sich aber, daß er sich gar nichts
vorzuwerfen habe, da der General ihm doch unendlich leid tat.
Seine Ahnung betrog ihn nicht: noch am Abend desselben Tages erhielt er
einen sehr seltsamen, kurzen, aber entschlossenen Brief, in dem der
General ihm mitteilte, daß er von ihm auf ewig Abschied nehme, daß er
ihn zwar achte und ihm dankbar sei: doch werde er »jeden Ausdruck des
Mitleids, der die Würde eines ohnehin schon erniedrigten Menschen noch
mehr erniedrige, stets zurückweisen«. Dieser Brief beunruhigte den
Fürsten nicht wenig, als er dann aber hörte, daß der Alte sich bei Nina
Alexandrowna eingeschlossen hatte, sorgte er sich nicht weiter. Wie wir
bereits erzählt haben, war der General inzwischen zu Jepantschins
gegangen und hatte -- um die Unterredung kurz wiederzugeben -- Lisaweta
Prokofjewna durch bittere Bemerkungen über seinen Sohn Ganjä empört,
worauf er in beschämender Weise »verabschiedet« worden war. Deshalb
hatte er denn auch eine so schlechte Nacht verbracht und am Morgen die
Szenen im Hause seines Schwiegersohnes aufgeführt, um dann, als er
schließlich ganz den Kopf verloren, halb irrsinnig auf die Straße
hinauszulaufen.
Koljä, der den Sachverhalt immer noch nicht ganz begriff, glaubte
zuerst, ihn mit Strenge am ehesten zur Vernunft bringen zu können.
»Na, wohin soll's denn jetzt gehen, General, was meinen Sie?« fragte er.
»Zum Fürsten wollen Sie nicht, mit Lebedeff haben Sie sich verzankt,
Geld haben Sie nicht, und ich pflege niemals welches zu haben: da sitzen
wir jetzt auf der Straße!«
»Mein Sohn, sitzen ist immer noch besser als stehen,« antwortete der
General belehrend. »Mit diesem ... Witz habe ich ... homerisches
Gelächter hervorgerufen im ... Offizierskreise ... Das war im Jahre
vierundvierzig ... Tausend ... achthundert und vierundvierzig, ja! Ich
entsinne mich ... Oh, erinnere mich nicht, erinnere mich nicht daran.
>Wo ist meine Jugend, wo blieb mein Lenz!< wie ... wie ... wer ...
welcher Poet hat das doch ausgerufen, Koljä?«
»Gogol, Papa, in seinen >Toten Seelen<«, sagte Koljä mit einem etwas
ängstlichen Seitenblick auf den Vater.
»>Die toten Seelen<! Oh, ja die Toten! Wenn du mich beerdigt hast, dann
schreibe auf mein Grab: >Hier ruht eine tote Seele!<
>Schmach und Schande verfolgen mich!< Wer hat das gesagt, Koljä?«
»Ich weiß nicht, Papa.«
»Nicht Jeropjegoff? ... Jeroschka Jeropjegoff!« schrie er plötzlich laut
wie außer sich und blieb auf der Straße stehen. »Und das soll mein Sohn,
mein leiblicher Sohn sein! Jeropjegoff ist elf Monate lang wie ein
Bruder zu mir gewesen, für ihn habe ich ein Duell ... Fürst Wygorezkij,
unser Hauptmann, fragte ihn bei einer Flasche Wein: >Du, Grischa, wo
hast du denn eigentlich deinen Annenorden verdient, wenn du mir das
sagen könntest!< -- >Auf den Schlachtfeldern meines Vaterlandes, wenn
du's wissen sollst!< -- Ich schreie: >Bravo, Grischa!< Nun und da kam's
denn zum Duell, später aber heiratete er ... Marja Petrowna Ssu...
Ssutugowa und ward erschossen in der Schlacht bei ... Die Kugel sprang
von meinem Orden ab und traf gerade seine Stirn. >Ich werde dich nie
vergessen!< rief er und fiel tot hin. Ich ... ich habe ehrlich dem
Vaterlande gedient, Koljä, ich bin immer anständig gewesen, aber ...
>Schmach und Schande verfolgen mich!< Du und Nina, nur ihr zwei werdet
mein Grab besuchen ... >Arme Nina!< so pflegte ich sie früher stets zu
nennen, Koljä, in der ersten Zeit ... das ist jetzt schon lange her ...
sie hatte das so gern ... Nina, Nina! Was habe ich mit deinem Leben
gemacht! Wofür kannst du mich lieben, du geduldige Seele! Deine Mutter
ist ein Engel, Koljä, hörst du, ein Engel!«
»Ich weiß es, Papa. Papa, Täubchen, gehen wir zurück nach Haus zu Mama!
Sie lief uns doch nach! Nun, was stehen Sie? Begreifen Sie denn nicht
... Nun, weshalb weinen Sie denn jetzt?«
Koljä weinte dabei selbst und küßte dem Vater die Hand.
»Du küßt mir die Hand, mir!«
»Ja, ja doch, Ihnen, Ihnen! Was ist denn dabei Wunderliches? Aber was
weinen Sie denn hier mitten auf der Straße, und das noch dazu als
General, als alter Soldat! Nun, gehen wir!«
»Gott segne dich dafür, mein kleiner Junge, daß du zu mir Schmählichem
so ehrerbietig bist ... Ja, zum schmachbedeckten, elenden Greise, deinem
Vater ... Mögest auch du einst einen solchen Sohn haben ... _le roi de
Rome_ ... Oh, >Fluch, Fluch diesem Hause<!«
»Aber, was hat denn das zu bedeuten!« rief plötzlich Koljä in seiner
Angst aus. »Was ist denn geschehen? Weshalb wollen Sie jetzt nicht nach
Hause kommen? Sind Sie denn ganz von Sinnen?«
»Ich werde dir erklären, alles erklären ... ich sage dir alles ...
schrei nur nicht, man könnte es sonst hören ... _le roi de Rome_ ... Oh,
mir ist übel, mir ist traurig zumut!
>Amme, sag', wo ist dein Grab!<