IV.

Der General erschien, wie verabredet, Punkt zwölf, so daß der Fürst, der

ein wenig später nach Hause zurückkehrte, ihn bereits wartend bei sich

antraf. Es fiel ihm sogleich auf, daß der General ungehalten zu sein

schien, und zwar offenbar deshalb, weil er hatte warten müssen. Der

Fürst machte seine Entschuldigung, und beeilte sich, ihm gegenüber Platz

zu nehmen, tat es jedoch eigentümlich ängstlich, als wäre sein Gast eine

zarte Porzellanfigur, die er durch eine unvorsichtige Bewegung zu

zerschlagen fürchtete. Diese Furcht war um so seltsamer, als er bisher

noch nie etwas Ähnliches im Verkehr gerade mit dem General empfunden

hatte. Bald jedoch gewahrte der Fürst, daß sein Gast heute ein ganz

anderer Mensch war, als tags zuvor: Die frühere Verwirrung und

Zerstreutheit war gänzlich verschwunden, und statt ihrer bemerkte man

nur eine ungewöhnliche Zurückhaltung, aus der man nur folgern konnte,

daß dieser Mensch sich zu etwas Großem entschlossen hatte. Die Ruhe war

übrigens eine mehr äußerliche; jedenfalls schien der Gast bei aller

zurückhaltenden Würde immer noch recht aufgeräumt zu sein! ja zu Anfang

sprach er sogar mit einer gewissen Herablassung zum Fürsten -- gerade

so, wie mitunter stolze Leute, die mit Unrecht verletzt oder

zurückgesetzt worden sind, leutselig, herablassend und dementsprechend

liebenswürdig zu sein pflegen. Der General sprach freundlich, wenn auch

im Ton seiner Stimme eine gewisse Betrübnis durchklang.

»Hier ist Ihr Buch, das Sie mir vor ein paar Tagen gegeben haben,«

machte er den Fürsten mit einer hinweisenden Kopfbewegung auf das Buch

aufmerksam, das er auf den Tisch gelegt hatte. »Besten Dank.«

»Ach ja! Sie haben den Artikel gelesen? Wie hat er Ihnen gefallen? Doch

sehr interessant?« fragte der Fürst, erfreut über die Möglichkeit, ein

nebensächliches Gespräch anfangen zu können.

»In--ter--essant? -- ja, das allerdings, aber alles in allem doch recht

unbehauen und natürlich auch albern. Vielleicht ist überhaupt kein

wahres Wort daran.«

Der General sprach mit erstaunlicher Sicherheit -- dem Fürsten

wenigstens war dieser Ton an ihm ganz neu -- und zog dabei mit einer

gewissen überlegenen Nachlässigkeit die Worte in die Länge.

»Ach, aber das ist doch eine so harmlose Erzählung, eine so echte

Schilderung eines alten Soldaten, der selbst Augenzeuge der Plünderung

Moskaus gewesen ist. Einzelne Stellen sind, finde ich, einfach

wundervoll. Zudem sind doch alle Aufzeichnungen von Augenzeugen schon

als solche ungeheuer wertvoll, gleichviel wer der Augenzeuge ist, nicht

wahr?«

»Ich hätte an Stelle des Autors diese Aufzeichnungen nicht gedruckt, und

was solche Aufzeichnungen von Augenzeugen im allgemeinen anlangt, so--o

... kann man sagen, daß die Menschen eher einem groben Lügner glauben,

als einem alten, ehrwürdigen und verdienstvollen Manne. Ich kenne

Aufzeichnungen aus dem Jahre achtzehnhundertzwölf, die ... Ich habe mich

entschlossen, Fürst, dieses Haus hier zu verlassen -- das Haus Herrn

Lebedeffs.«

Der General blickte den Fürsten bedeutsam an.

»Sie haben ja wohl auch Ihre eigene Wohnung in Pawlowsk, bei ... bei

Ihrer Frau Tochter ...« sagte der Fürst, nur um etwas zu sagen.

Er erinnerte sich, daß der General ja doch gekommen war, um zu einer

»schicksalsschweren Entscheidung« seinen Rat einzuholen.

»Bei meiner Frau,« korrigierte der General, »mit anderen Worten, bei

mir, und im Hause meiner Tochter.«

»Verzeihen Sie, ich ...«

»Ich verlasse das Haus Herrn Lebedeffs deshalb, lieber Fürst, weil ich

mit diesem Manne gebrochen habe; ich habe es gestern abend getan,

bedauernd, daß es von mir aus nicht schon früher geschehen ist. Ich

fordere Achtung für meine Person von jedermann, Fürst, selbst von jenen

Leuten, denen ich, wie man sagt, mein Herz schenke. Fürst, ich

verschenke oft mein Herz und werde fast immer betrogen. Dieser Mensch

hat sich als meines Geschenkes unwürdig erwiesen.«

»Es ist viel Unordnung in ihm,« bemerkte der Fürst zurückhaltend, »und

gewisse Züge ... aber er hat trotzdem Herz und einen schlauen Kopf, der

bisweilen sogar recht spaßige Gedanken hervorbringt.«

Die psychologische Richtigkeit des Urteils und der ernste Ton des

Fürsten schmeichelten augenscheinlich dem General, obschon er sein

Gegenüber ab und zu doch noch mit einem mißtrauischen Blick von der

Seite ansah. Der Ton des Fürsten war aber so natürlich und arglos

aufrichtig, daß sein Mißtrauen von selbst schwand.

»Daß er auch gute Eigenschaften hat,« fiel der General ein, »das dürfte

ich wohl als erster bemerkt haben -- da ich doch diesem Individuum fast

meine Freundschaft geschenkt habe. Er soll nur nicht glauben, daß ich

seiner Gastfreundschaft bedarf -- ich habe mein eigenes Heim. Ich will

meine Fehler nicht beschönigen. Ich verstehe eben nicht, mich zu

mäßigen. Ich habe mit ihm zusammen gekneipt, was ich jetzt lebhaft

bereue. Aber ich habe doch nicht nur um des Kneipens willen -- verzeihen

Sie, Fürst, einem gereizten Manne das rohe offene Wort --, doch nicht

nur um des Kneipens willen habe ich mich mit ihm abgegeben! Gerade seine

Eigenschaften, wie Sie sagen, haben mich zu ihm hingezogen. Freilich,

alles nur bis zu einer gewissen Grenze! Und was sind selbst seine

Eigenschaften! Wenn er plötzlich die Frechheit hat, mich überzeugen zu

wollen, daß er im Jahre achtzehnhundertundzwölf, also noch als Kind,

sein linkes Bein verloren und auf dem Waganjkoffskischen Friedhof in

Moskau begraben habe, so übersteigt das doch alle Grenzen, und ist eben

eine ... eine Mißachtung meiner Person, eben eine ... eine Frechheit

sondergleichen! ...«

»Vielleicht war es nur ein Scherz, zur Erheiterung ...«

»Ich verstehe. Eine unschuldige Lüge, die nur Gelächter hervorrufen

soll, wird, selbst wenn sie roh ist, kein Menschenherz beleidigen. Lügt

doch so manch einer, wenn Sie wollen, nur aus Freundschaft, um seinem

Gesellschafter ein Vergnügen zu bereiten. Sobald aber Mißachtung der

Person des anderen durchblickt, oder wenn man zum Beispiel durch solche

Mißachtung dem anderen zu verstehen geben will, daß seine Bekanntschaft

einem lästig ist, so bleibt einem Ehrenmann nichts anderes übrig, als

sich abzuwenden, für weitere freundschaftliche Beziehungen zu danken,

und damit den Beleidiger auf den ihm zukommenden Platz zu verweisen.«

Der General wurde rot vor Empörung.

»Aber Lebedeff hätte ja überhaupt nicht achtzehnhundertundzwölf in

Moskau sein können! Natürlich ist das nur ein Scherz. Er ist doch viel

zu jung dazu.«

»Erstens das; doch nehmen wir an, er wäre damals schon geboren gewesen.

Aber wie kann er mir ins Gesicht behaupten, daß ein französischer

Chasseur eine Kanone auf ihn gerichtet und ihm das linke Bein einzig zum

Zeitvertreib abgeschossen habe; daß er dann selbst dieses sein

abgeschossenes Bein aufgehoben und nach Hause gebracht und später auf

dem Friedhof begraben habe, und ferner, daß er über dem Grabe des Beines

ein Denkmal errichtet, das auf der einen Seite die Inschrift trage:

>Hier ruht in Frieden das Bein des Kollegien-Sekretärs Lebedeff<, und

auf der anderen: >Ruhe sanft, geliebter Staub, bis zum fröhlichen

Wiedersehen<, und schließlich, daß er alljährlich für dieses Bein eine

Seelenmesse lesen lasse -- was doch einfach Blasphemie wäre -- und daß

er zu dem Zweck in jedem Jahr nach Moskau reise. Zur Bekräftigung

fordert er mich noch auf, mit ihm nach Moskau zu fahren, um mir von ihm

das Grab seines Beines zeigen zu lassen und im Kreml sogar jene

französische Kanone, die mit anderen zusammen erbeutet worden und nun

dort aufgestellt sei -- die elfte vom Tore soll es sein --, ein

Falkonettgeschütz alter französischer Bauart.«

»Und dabei sind doch seine beiden Beine vollkommen ganz und gesund,

wenigstens soviel man sehen kann!« meinte der Fürst lachend. »Ich

versichere Sie, es ist nur ein unschuldiger Scherz von ihm gewesen,

seien Sie ihm deshalb nicht böse.«

»Erlauben Sie, daß auch ich meine Meinung äußere. Was die Beine und

das Bemerken anlangt, so wäre das schließlich noch nicht

so unwahrscheinlich, denn wie er behauptet, habe er ein

Tschernosswitoffsches falsches Bein ...«

»Ach ja, mit einem solchen Bein soll man ja sogar tanzen können, sagt

man.«

»Das weiß ich; Tschernosswitoff kam, als er sein Bein erfunden hatte,

ganz zuerst zu mir geeilt, um es mir zu zeigen. Aber er hat seine

Erfindung viel später gemacht ... Und überdies behauptet er, daß selbst

seine verstorbene Frau während der ganzen Zeit ihrer Ehe nicht gewußt

habe, daß er, ihr Mann, ein Holzbein hatte. >Wenn du,< sagte er zu mir,

als ich ihn auf diese Unmöglichkeiten aufmerksam machte, >wenn du

achtzehnhundertundzwölf Napoleons Leibpage gewesen bist, dann gestatte

auch mir, eines meiner Beine auf dem Waganjkoffskischen Friedhof

begraben zu haben<.«

»Ja, aber sind Sie denn ...« begann der Fürst, brach jedoch verwirrt ab.

Der General schien gleichfalls etwas verlegen zu werden, doch schon nach

einem Augenblick sah er den Fürsten von oben herab an, und um seine

Lippen spielte ein spöttisches Lächeln.

»Sprechen Sie es nur aus, Fürst,« sagte er mit geradezu erhabener Ruhe,

»sprechen Sie es nur aus. Ich bin nachsichtig, sagen Sie ruhig alles,

was Sie denken: gestehen Sie nur, daß Ihnen der Gedanke kaum glaublich

erscheint, der Gedanke, einen Menschen vor sich zu sehen, der jetzt

erniedrigt und ... überflüssig ist, und gleichzeitig vernehmen zu

müssen, daß dieser Mensch ein Augenzeuge ... großer Ereignisse gewesen

ist. Hat _er_ Ihnen noch nicht ... vorgeschwatzt?«

»Nein, Lebedeff hat mir nichts davon gesagt -- wenn Sie Lebedeff meinen

...«

»Hm! ... und ich dachte im Gegenteil ... Das war eigentlich unser ganzes

Gespräch gestern abend ... wir kamen zufällig auf diese ... seltsame

Geschichtsperiode zu sprechen. Ich bemerkte sogleich die Ungereimtheit,

und da ich selbst Zeuge war ... Sie lächeln, Fürst, Sie blicken mich

fragend an?«

»N--ein, ich ...«

»Ich sehe allerdings jünger aus, als ich bin,« fuhr der General langsam

fort, »doch bin ich eben älter als man allgemein glaubt. Im Jahre

achtzehnhundertzwölf war ich ungefähr zehn oder elf Jahre alt -- genau

entsinne ich mich dessen nicht mehr. In meinen Papieren ist natürlich

mein Geburtsjahr genau angegeben, doch im Leben, wie gesagt, hatte ich

die Schwäche, mich stets für jünger auszugeben als ich war.«

»Ich versichere Sie, General, ich halte es durchaus nicht für unmöglich,

daß Sie damals in Moskau gewesen sind, und ... selbstverständlich können

Sie jetzt auch manches mitteilen ... wie alle, die es miterlebt haben.

Beginnt doch einer unserer Schriftsteller seine Autobiographie damit,

wie ihn Anno achtzehnhundertundzwölf, als er noch ein Säugling war,

französische Soldaten in Moskau mit Brot gepäppelt hätten.«

»Nun sehen Sie,« begutachtete der General herablassend diesen Fall.

»Mein Fall geht noch ein wenig mehr über die Grenzen des Gewöhnlichen

hinaus, doch liegt in ihm schließlich nichts Unmögliches. Die Wahrheit

erscheint uns oft unmöglicher als irgendeine Lüge. Leibpage! Es muß

demjenigen seltsam genug klingen, der es zum ersten Male hört. Doch

dieses Erlebnis eines zehnjährigen Kindes läßt sich gerade durch sein

Alter erklären. Einem Fünfzehnjährigen wäre das nicht mehr passiert,

denn als Fünfzehnjähriger wäre ich nicht so leichtsinnig aus unserem

Hause an der Staraja Basmannaja am Tage des Einzugs Napoleons in Moskau

auf die Straße gelaufen. Meine Mutter hatte es in ihrer Angst immer noch

aufgeschoben, die Stadt zu verlassen, bis -- bis es eben zu spät war.

Mit fünfzehn Jahren hätte ich es nicht so ohne weiteres gewagt, aber so

als Zehnjähriger fürchtete ich mich vor nichts und drängte mich

unbekümmert durch die Menge bis dicht an den Eingang des Palais, als

Napoleon gerade vom Pferde stieg ...«

»Das haben Sie sehr richtig bemerkt, daß Sie nur als zehnjähriges Kind

so furchtlos sein konnten ...« versetzte der Fürst, gepeinigt von dem

Gedanken, daß er sogleich erröten würde.

»Nicht wahr? -- und alles geschah so einfach und natürlich, wie es eben

nur in der Wirklichkeit geschehen kann -- wollte ein Schriftsteller so

etwas schildern, so würde er nur ungereimtes, unmögliches Zeug

zusammenschreiben.«

»Ganz recht!« rief der Fürst. »Diesen Gedanken habe auch ich gehabt,

noch vor kurzem. Ich hörte von einem Mord wegen einer Taschenuhr --

jetzt ist die Geschichte schon in allen Zeitungen. Hätte das ein Dichter

geschrieben: die sogenannten Kenner des russischen Volkes und die

Literaturkritiker würden doch sogleich geschrien haben, daß es

unwahrscheinlich, unmöglich sei; liest man es aber in der Zeitung als

Tatsache, so fühlt man doch unwillkürlich, daß man gerade aus solchen

Tatsachen die russische Wirklichkeit kennen lernt. Das haben Sie ganz

vorzüglich bemerkt, General,« schloß der Fürst, froh darüber, daß er dem

Erröten hatte entgehen können.

»Nicht wahr? Nicht wahr?« rief der General ungeheuer geschmeichelt, und

seine Augen blitzten vor Vergnügen. »Ein Knabe, ein Kind, das die Gefahr

überhaupt nicht ahnt, drängt sich durch die Menge, um den Pomp, die

glänzenden Uniformen, die ganze Suite zu sehen, und schließlich doch

auch den großen Kaiser, von dem man ihm schon so unendlich viel erzählt

hat. In der ganzen Welt hatte seit Jahren nur dieser eine Name: Napoleon

gehallt, und ich hatte ihn, wie man zu sagen pflegt, schon mit der

Muttermilch eingesogen. Als Napoleon so dicht an mir vorüberging, fiel

ihm plötzlich mein Blick auf -- ich war außerdem vornehm gekleidet,

meine Mutter gab stets sehr viel darauf. Und ich allein so gekleidet in

dieser Volksmenge, nicht wahr ...«

»Zweifellos mußte ihm das auffallen, denn das bewies doch, daß nicht

alle Edelleute oder vornehmeren Familien die Stadt verlassen hatten.«

»Eben, eben! Er wollte ja gerade den Adel für sich gewinnen! Als sein

Adlerblick mich nun streifte, mußten wohl meine Augen aufgeleuchtet

haben. >_Voilà un garçon bien éveillé!_< bemerkte er plötzlich zu seiner

Suite. >_Qui est ton père?_<{[32]} Ich antwortete ihm sofort, allerdings

fast atemlos vor Aufregung: >Ein General, der auf dem Schlachtfelde fürs

Vaterland gefallen ist.< -- >_Ah_,< sagte er, >_le fils d'un boyard et

d'un brave par-dessus le marché! J'aime les boyards. M'aimes-tu,

petit?_<{[33]} Auf diese schnelle Frage antwortete ich ebenso schnell:

>Das Herz eines Russen ist fähig, selbst im Feinde seines Vaterlandes

den großen Mann anzuerkennen!< Das heißt, ich weiß eigentlich nicht mehr

genau, ob ich mich auch buchstäblich so ausdrückte ... ich war noch ein

Kind aber der Sinn war jedenfalls derselbe. Napoleon war zuerst ganz

überrascht, sann einen Augenblick nach und wandte sich dann zu seiner

Suite. >Mir gefällt der Stolz dieses Kindes!< sagte er, >doch wenn alle

Russen so denken wie dieser Knabe, dann ...< Er sprach den Satz nicht zu

Ende und trat ins Palais. Ich mischte mich sogleich unter seine Suite

und folgte ihm ins Palais. Man machte mir überall Platz und betrachtete

mich bereits als Favorit. Aber das war ja alles nur Nebensache, ich

bemerkte es kaum ... Ich entsinne mich nur noch, wie der Kaiser, gerade

als ich in den ersten Saal eintrat, plötzlich vor dem Bildnis Katharinas

der Zweiten stehenblieb, es nachdenklich lange betrachtete und

schließlich sagte: >Das war eine große Frau!< und dann weiterging. Nach

zwei Tagen kannte mich ein jeder im Palais und im ganzen Kreml, und man

nannte mich nur noch >_le petit boyard_<.{[34]} Zu Hause, wo alles auf

dem Kopf stand, fand ich mich erst abends ein, um frühmorgens wieder

aufzubrechen und in den Kreml zurückzukehren. Da starb ganz unverhofft,

am zweiten Tage nach dem Einzug in Moskau der Leibpage Napoleons, Baron

de Bazancourt, der die Strapazen des Feldzuges nicht ausgehalten hatte.

Napoleon erinnerte sich meiner: man suchte mich, brachte mich ins

Palais, ohne mir ein Wort zu sagen, zog mir die Kleider des Verstorbenen

an, eines Knaben von etwa zwölf Jahren, und erst als ich in der

Leibpagenuniform dem Kaiser vorgestellt worden war und er mit dem Kopf

genickt hatte, erklärte man mir den Sachverhalt und wozu man mich

ausersehen hatte. Ich freute mich, denn ich empfand, und zwar schon seit

langer Zeit, eine glühende Sympathie für ihn ... nun, und außerdem die

glänzende Uniform, das bedeutet doch sehr viel für ein Kind, nicht wahr

... Ich trug einen dunkelgrünen Frack mit langen, schmalen Schößen,

goldenen Knöpfen, roten, goldgestickten Ärmelaufschlägen, einem hohen,

offenstehenden Kragen, gleichfalls mit Goldstickerei auf rot, und auf

den Frackschößen ebenfalls Goldstickerei; dazu trug ich weiße

sämischlederne Beinkleider, eine weißseidene Weste, seidene Strümpfe und

Schnallenschuhe ... wenn aber der Kaiser ausritt und ich ihn mit der

Suite begleitete, trug ich hohe Kanonenstiefel. War auch die Situation

keine glänzende, und sah man auch noch viel größeres Unglück kommen, so

wurde doch die Etikette nach Möglichkeit eingehalten, und zwar um so

peinlicher, je mehr man das Unglück vorausfühlte.«

»Ja, natürlich ...« murmelte der Fürst geradezu hilflos, »Ihre Memoiren

würden sehr ... interessant sein.«

Der General, der natürlich ganz dasselbe wiedergab, was er am Abend

vorher Lebedeff erzählt hatte, erzählte fließend. Doch diese Bemerkung

des Fürsten erweckte wieder sein Mißtrauen und -- prüfend sah er ihn an.

»Meine Memoiren,« sagte er mit Stolz, »Sie meinen, ich soll meine

Memoiren schreiben? Nein, das verlockt mich nicht, Fürst! Wenn Sie

wollen ... so sind meine Memoiren bereits niedergeschrieben, nur ... sie

liegen in meinem Pult. Mögen sie dann, wenn man mich begraben hat,

erscheinen. Sie werden zweifellos in alle Sprachen übersetzt werden,

nicht wegen ihrer literarischen Form, sondern wegen der Bedeutung dieser

allerkolossalsten Tatsachen, die ich als Augenzeuge erlebt habe, wenn

ich auch noch ein Kind war. Doch das ist schließlich noch ein Vorzug:

als Kind bin ich, wie man sagt, in die intimste Kammer des großen Mannes

eingedrungen, und das nicht etwa nur bildlich: ich habe in den Nächten

das Gestöhn dieses vom Unglück erfaßten Riesen gehört! Vor mir, dem

Kinde, tat er sich keinen Zwang an, obschon ich sehr wohl begriff, daß

die Ursache seines Leidens -- das Schweigen Kaiser Alexanders war.«

»Ja, richtig, er hat ja doch an Alexander Briefe geschrieben ... mit

Friedensvorschlägen ...« bemerkte der Fürst schüchtern.

»Genau wissen wir es nicht, welche Vorschläge er ihm gemacht hat, nur

hat er tatsächlich an ihn täglich, fast stündlich einen Brief

geschrieben, einen Brief nach dem anderen ... Er regte sich dabei

natürlich über alle Maßen auf. Einmal in der Nacht -- wir waren beide

ganz allein -- stürzte ich weinend zu ihm -- oh, ich liebte ihn! -- und

ich flehte ihn an: >Bitten Sie, bitten Sie den Kaiser Alexander um

Verzeihung!< Das heißt, ich hätte sagen sollen: >Schließen Sie mit ihm

Frieden<, doch als kleines Kind drückte ich meine Gedanken eben ganz

naiv aus. Er nahm es mir aber nicht übel. >Mein Kind!< sagte er -- er

promenierte auf und ab im Zimmer --, >oh, mein Kind!< -- er schien es

damals gar nicht zu bemerken, daß ich erst zehn Jahre alt war, und er

liebte es sogar, sich mit mir zu unterhalten. >Oh, mein Kind,< sagte er,

>ich bin bereit, Kaiser Alexander die Füße zu küssen, doch dem König von

Preußen und dem Kaiser von Österreich, oh, denen schwöre ich ewigen Haß

und ... schließlich ... was verstehst du von Politik!< Es war, als hätte

er plötzlich bemerkt, mit wem er sprach, und er verstummte, doch seine

Augen sprühten noch Funken. Wollte ich nun all diese Tatsachen

niederschreiben -- und ich war Zeuge von noch weit wichtigeren

Ereignissen --, wollte ich jetzt meine Memoiren herausgeben, so müßte

ich all diese Kritiken über mich ergehen lassen, diese Reden des

literarischen Ehrgeizes, diesen ganzen Neid und Parteigeist und ...

nein, ich danke dafür!«

»Was Sie da vom Parteigeist sagen, ist sehr richtig,« sagte der Fürst

nach kurzem Schweigen. »Da habe ich vor nicht langer Zeit ein Buch von

Charras, >_Campagne de 1815_<,{[35]} gelesen. Es ist augenscheinlich ein

ernstes Buch, und, wie Fachmänner sich äußern, mit ungeheurer Kenntnis

der Sache geschrieben. Nur spricht, finde ich, aus jeder Seite des

Buches eine so große Freude über die Besiegung und Erniedrigung

Napoleons, daß Charras sicherlich sehr froh sein würde, wenn man

Napoleon auch auf Grund der anderen Kriege jedes Talent absprechen

könnte. Das ist natürlich nicht gut in einem sonst so ernsten Buch, denn

es ist doch nichts als, nun, eben Parteigeist. Waren Sie sehr in

Anspruch genommen durch Ihren Dienst beim ... Kaiser?«

Der General war begeistert. Die ernste, treuherzige Frage des Fürsten

zerstreute sein letztes Mißtrauen.

»Charras! Oh, auch ich war darüber entrüstet! Ich schrieb auch sogleich

an ihn, nur ... ich entsinne mich im Augenblick nicht ganz ... Sie

fragen, ob ich sehr in Anspruch genommen war? Oh, nein! Man nannte mich

zwar Leibpage, aber ich faßte es ja doch selbst damals nicht als Ernst

auf. Hinzukam, daß Napoleon bald jede Hoffnung verlor, den Russen

näherzutreten, und so hätte er wohl auch mich vergessen, nachdem er mich

aus Politik herangezogen, wenn ... wenn er mich nicht persönlich

liebgewonnen hätte, was ich jetzt ruhigen Gewissens behaupten kann. Mich

aber zog mein Herz zu ihm. Ein besonderer Dienst wurde von mir durchaus

nicht verlangt: ich mußte ab und zu im Palais erscheinen und ... den

Kaiser auf seinen Spazierritten zu Pferde begleiten, und das war alles.

Ich ritt damals schon ganz gut. Er ritt gewöhnlich vor dem Diner aus,

und seine Suite bestand dann meist aus Davoust, mir, dem Mameluken

Rustan ...«

»Constant,« entfuhr es plötzlich fast unbewußt dem Fürsten.

»N--ein, Constant war damals nicht in Moskau, er war unterwegs mit einem

Schreiben an ... die Kaiserin Josephine; doch statt seiner waren

gewöhnlich noch zwei Ordonnanzen da, einige polnische Ulanen ... nun,

und das war seine ganze Suite, außer den Generalen, versteht sich, und

Marschällen, von denen Napoleon sich stets begleiten ließ, um sich mit

ihnen beraten zu können, das Terrain zu studieren, die Positionen der

einzelnen Truppenteile, und so weiter ... Am häufigsten war Davoust bei

ihm. Ich sehe ihn noch wie leibhaftig vor mir, diesen großen, stark

gebauten, kaltblütigen Mann mit dem seltsamen Blick hinter den

Brillengläsern. Mit ihm beriet sich der Kaiser am häufigsten. Er

schätzte seine Meinung sehr hoch. Ich weiß noch genau: einmal hatten sie

sich schon mehrere Tage lang beraten. Davoust war morgens und abends

gekommen, sie hatten oft gestritten, endlich schien Napoleon

nachzugeben. Sie befanden sich beide im Kabinett, er, Davoust und, fast

unbemerkt von ihnen, ich als Dritter. Da fiel plötzlich ganz zufällig

Napoleons Blick auf mich, und ein seltsamer Gedanke blitzte in seinen

Augen auf. >Kind!< wandte er sich an mich, >was meinst du: wenn ich zur

rechtgläubigen Kirche übertreten sollte und eure Leibeigenen befreite,

würden mir die Russen dann folgen?< -- >Niemals!< rief ich mit Unwillen.

Napoleon war ganz betroffen. >In den Augen dieses Kindes, aus denen der

Patriotismus glüht,< sagte er, >habe ich die Gesinnung des ganzen

russischen Volkes gelesen. Genug, Davoust! Das war nur ein

phantastischer Einfall. Legen Sie Ihr zweites Projekt vor.<«

»Ja, aber auch dieses Projekt war ... ein großer Gedanke,« sagte der

Fürst, sichtlich interessiert. »Und Sie schreiben es Davoust zu?«

»Wenigstens beriet sich Napoleon mit ihm. Der Gedanke selbst stammte

natürlich von Napoleon, dieser Adlergedanke, aber auch das andere

Projekt war ... Das war jener >_conseil du lion_<,{[36]} wie Napoleon

selbst diesen ihm von Davoust erteilten Rat nannte. Dieser Rat bestand

darin, sich mit dem ganzen Heer im Kreml zu verschanzen, Baracken zu

bauen, Befestigungen zu errichten, die Kanonen aufzustellen, möglichst

viel Pferde zu schlachten und einzusalzen, möglichst viel Getreide

aufzutreiben und so zu überwintern, um dann im Frühling sich durch die

Russen durchzuschlagen. Dieses Projekt gefiel Napoleon sehr. Wir ritten

hierauf täglich um die Kremlmauern, er ordnete selbst alles an, zeigte,

wo Schanzen, wo Verhaue, wo Blockhäuser, Schutzwälle errichtet werden

sollten -- ein Blick, ein Wort und -- die Sache war gemacht. Schließlich

war man so weit, daß Davoust zur letzten, endgültigen Entscheidung

drängte. Wieder waren sie beide ganz allein im Kabinett, nur ich war als

Dritter zugegen. Wieder ging Napoleon mit verschränkten Armen auf und

ab. Ich ließ ihn nicht aus den Augen, mein Herz klopfte stark. >Ich

gehe<, sagte Davoust. >Wohin?< fragte Napoleon. >Pferde einsalzen zu

lassen<, sagte Davoust. Napoleon zuckte zusammen, jetzt kam der

Augenblick der Entscheidung. >Kind,< wandte er sich plötzlich an mich,

>was meinst du zu unserem Vorhaben?< Natürlich fragte er mich nur, wie

bisweilen der klügste Mensch in einer wichtigen Frage lieber das Los

entscheiden läßt, als daß er's selbst tut ... wie man eine Münze

hinwirft und Adler oder Schrift entscheiden läßt. Doch statt an ihn

wandte ich mich an Davoust und sagte, fast auf höhere Eingebung: >Sehen

Sie lieber zu, General, daß Sie noch mit heiler Haut davonkommen!< Damit

war das Projekt verworfen. Davoust zuckte nur mit der Achsel und brummte

beim Hinausgehen: >_Bah! Il devient superstitieux!_<{[37]} Am nächsten

Tage wurde der Befehl zum Rückzug gegeben.«

»Das ist natürlich alles sehr interessant,« murmelte der Fürst kaum

hörbar, »wenn es nur auch wirklich so ... das heißt, ich will nur sagen

...« beeilte er sich, sich zu verbessern.

»Oh, Fürst!« rief der General, der selbst von seiner Erzählung so

begeistert war, daß er sich nicht einmal mehr vor der größten

Unvorsichtigkeit zurückzuhalten vermocht hätte. »Sie sagen: >wenn es nur

auch wirklich so war!< Aber es war ja noch viel mehr, ich versichere

Sie, es war ja noch viel mehr als das! Das waren ja nur erst kleine

Nebensachen, politische Dinge. Aber ich versichere Sie, ich bin sogar

Zeuge seiner nächtlichen Tränen gewesen, ich habe das Stöhnen dieses

großen Mannes gehört, dessen aber kann sich außer mir keiner rühmen! Zum

Schluß allerdings, da weinte er nicht mehr, er stöhnte nur noch, und

sein Gesicht wurde immer finsterer. Es war, als hätte die Ewigkeit ihn

bereits mit ihren dunklen Fittichen beschattet. In manch einer Nacht

verbrachten wir beide ganze Stunden allein, schweigend -- der Mameluk

Rustan schnarchte im Nebenzimmer. Einen entsetzlich festen Schlaf hatte

dieser Mensch. >Dafür ist er mir und meiner Dynastie treu ergeben<,

sagte Napoleon von ihm. Einmal tat er mir unsäglich leid, und plötzlich

bemerkte er eine Träne in meinem Auge: gerührt blickte er mich an. >Du

bemitleidest mich!< rief er aus, >nur du, Kind, tust es, und vielleicht

wird es noch ein anderes Kind tun, mein Sohn, _le roi de Rome_!{[38]}

Die anderen alle hassen mich nur, und meine Brüder werden die ersten

sein, die mich im Unglück verlassen!< Ich schluchzte laut auf und eilte

zu ihm -- da hielt auch er es nicht mehr aus, und Tränen stürzten ihm

aus den Augen. >Oh, schreiben Sie, schreiben Sie an die Kaiserin

Josephine!< bat ich ihn schluchzend. Napoleon zuckte zusammen, dachte

nach und sagte dann zu mir: >Du hast mich an ein drittes Herz erinnert,

das mich liebt. Ich danke dir, Freund!< Und er setzte sich sogleich an

den Schreibtisch und schrieb an Josephine jenen Brief, mit dem dann am

nächsten Tage Constant nach Paris geschickt wurde.«

»Das war sehr gut von Ihnen,« sagte der Fürst, »mitten in seinen

düsteren Gedanken riefen Sie ein lichtes Gefühl in ihm hervor.«

»Eben, Fürst, und wie gut Sie das zu erklären verstehen, das entspricht

auch Ihrem eigenen Herzen!« stimmte der General begeistert bei, und

seltsam: Tränen, wirkliche Tränen glänzten in seinen Augen. »Ja, Fürst,

ja, das war ein großer Anblick! Und wissen Sie, fast wäre ich mit ihm

nach Paris gefahren, und dann hätte ich ihn, versteht sich, auch nach

St. Helena begleitet, doch leider trennte uns das Schicksal! Er kam auf

jene wüste Insel, wo er vielleicht in einer trüben Stunde an die Tränen

jenes armen Knaben, der ihn einst umarmt und geküßt, gedacht hat. Ich

aber -- kam damals in die Kadettenschule, wo ich nichts als Strenge fand

und die Roheit der Mitschüler und ... Und dann war alles aus! >Ich will

dich deiner Mutter nicht entreißen, deshalb nehme ich dich nicht mit,<

sagte er zu mir an dem Tage, als er Moskau verließ, >ich würde aber gern

etwas für dich tun.< Er war schon im Begriff, in den Sattel zu steigen.

>Schreiben Sie mir zum Andenken etwas ins Album meiner Schwester,< bat

ich schüchtern, denn er war sehr zerstreut und düster. Er wandte sich

wirklich zurück, verlangte eine Feder, nahm das Album. >Wie alt ist

deine Schwester?< fragte er, die Feder bereits in der Hand. >Drei

Jahre<, antwortete ich. >_Petite fille alors._<{[39]} Und er schrieb ins

Album:

>_Ne mentez jamais._<

>_Napoléon, votre ami sincère._<{[40]}

Ein solcher Rat in einem solchen Augenblick, Sie werden doch zugeben,

Fürst, was!«

»Ja, das ist sehr bezeichnend.«

»Dieses Albumblatt hing unter Glas in einem goldenen Rahmen bis zum Tode

meiner Schwester in ihrem Empfangszimmer, auf der sichtbarsten Stelle

der Wand -- sie starb im Wochenbett --, wo es jetzt ist, weiß ich nicht

... aber ... ach, mein Gott! Schon zwei Uhr! Wie ich Sie aufgehalten

habe, Fürst! Das ist ja unverzeihlich!«

Der General erhob sich.

»Oh, im Gegenteil!« murmelte der Fürst. »Sie haben mich so gut

unterhalten und ... schließlich ... es war so interessant, ich bin Ihnen

sehr dankbar dafür!«

»Fürst!« sagte der General, indem er ihn mit blitzenden Augen unverwandt

ansah und seine Hand fast schmerzhaft in der seinen drückte -- er schien

plötzlich wieder zur Besinnung gekommen und jetzt von irgendeinem klaren

Gedanken ganz betroffen zu sein, doch das dauerte nur einen Augenblick.

»Fürst!« rief er aus, »Sie sind dermaßen gut und dermaßen harmlos, daß

Sie mir bisweilen leid tun und ich Sie nur mit Rührung betrachten kann.

Oh, möge Gott der Herr Sie segnen! Möge Ihr Leben jetzt gut beginnen und

erblühen ... in der Liebe! Meines ist zu Ende! Oh, verzeihen Sie mir,

verzeihen Sie!«

Er bedeckte sein Gesicht mit den Händen und verließ schnell das Zimmer.

Wenigstens an der Echtheit seiner Aufregung konnte der Fürst nicht

zweifeln, wenn er auch begriff, daß der Alte ihn nur vor Freude über

seinen Erfolg ganz begeistert verlassen hatte. Er fühlte es, daß dieser

Mensch zu jener Kategorie von Lügnern gehörte, die, wenn sie auch bis

zur Leidenschaft, bis zur völligen Selbstvergessenheit lügen, selbst im

Augenblick ihrer höchsten Ekstase im Herzen doch argwöhnen, daß man

ihnen nicht glaube, und ja auch gar nicht glauben könne. In seiner

gegenwärtigen Verfassung konnte der General, wenn er zur Besinnung

gekommen war, sich unerträglich schämen, den Fürsten verdächtigen, daß

er ihm nur aus übergroßem Mitleid zugehört habe, und sich dann selbst

tief gekränkt fühlen.

»Wäre es nicht besser gewesen, ich hätte ihn nicht bis zu dieser

Begeisterung gebracht?« fragte sich der Fürst beunruhigt, doch plötzlich

mußte er lachen. Zwar wollte er sich auch schon sogleich wieder Vorwürfe

wegen dieses Lachens machen, sagte sich aber, daß er sich gar nichts

vorzuwerfen habe, da der General ihm doch unendlich leid tat.

Seine Ahnung betrog ihn nicht: noch am Abend desselben Tages erhielt er

einen sehr seltsamen, kurzen, aber entschlossenen Brief, in dem der

General ihm mitteilte, daß er von ihm auf ewig Abschied nehme, daß er

ihn zwar achte und ihm dankbar sei: doch werde er »jeden Ausdruck des

Mitleids, der die Würde eines ohnehin schon erniedrigten Menschen noch

mehr erniedrige, stets zurückweisen«. Dieser Brief beunruhigte den

Fürsten nicht wenig, als er dann aber hörte, daß der Alte sich bei Nina

Alexandrowna eingeschlossen hatte, sorgte er sich nicht weiter. Wie wir

bereits erzählt haben, war der General inzwischen zu Jepantschins

gegangen und hatte -- um die Unterredung kurz wiederzugeben -- Lisaweta

Prokofjewna durch bittere Bemerkungen über seinen Sohn Ganjä empört,

worauf er in beschämender Weise »verabschiedet« worden war. Deshalb

hatte er denn auch eine so schlechte Nacht verbracht und am Morgen die

Szenen im Hause seines Schwiegersohnes aufgeführt, um dann, als er

schließlich ganz den Kopf verloren, halb irrsinnig auf die Straße

hinauszulaufen.

Koljä, der den Sachverhalt immer noch nicht ganz begriff, glaubte

zuerst, ihn mit Strenge am ehesten zur Vernunft bringen zu können.

»Na, wohin soll's denn jetzt gehen, General, was meinen Sie?« fragte er.

»Zum Fürsten wollen Sie nicht, mit Lebedeff haben Sie sich verzankt,

Geld haben Sie nicht, und ich pflege niemals welches zu haben: da sitzen

wir jetzt auf der Straße!«

»Mein Sohn, sitzen ist immer noch besser als stehen,« antwortete der

General belehrend. »Mit diesem ... Witz habe ich ... homerisches

Gelächter hervorgerufen im ... Offizierskreise ... Das war im Jahre

vierundvierzig ... Tausend ... achthundert und vierundvierzig, ja! Ich

entsinne mich ... Oh, erinnere mich nicht, erinnere mich nicht daran.

>Wo ist meine Jugend, wo blieb mein Lenz!< wie ... wie ... wer ...

welcher Poet hat das doch ausgerufen, Koljä?«

»Gogol, Papa, in seinen >Toten Seelen<«, sagte Koljä mit einem etwas

ängstlichen Seitenblick auf den Vater.

»>Die toten Seelen<! Oh, ja die Toten! Wenn du mich beerdigt hast, dann

schreibe auf mein Grab: >Hier ruht eine tote Seele!<

>Schmach und Schande verfolgen mich!< Wer hat das gesagt, Koljä?«

»Ich weiß nicht, Papa.«

»Nicht Jeropjegoff? ... Jeroschka Jeropjegoff!« schrie er plötzlich laut

wie außer sich und blieb auf der Straße stehen. »Und das soll mein Sohn,

mein leiblicher Sohn sein! Jeropjegoff ist elf Monate lang wie ein

Bruder zu mir gewesen, für ihn habe ich ein Duell ... Fürst Wygorezkij,

unser Hauptmann, fragte ihn bei einer Flasche Wein: >Du, Grischa, wo

hast du denn eigentlich deinen Annenorden verdient, wenn du mir das

sagen könntest!< -- >Auf den Schlachtfeldern meines Vaterlandes, wenn

du's wissen sollst!< -- Ich schreie: >Bravo, Grischa!< Nun und da kam's

denn zum Duell, später aber heiratete er ... Marja Petrowna Ssu...

Ssutugowa und ward erschossen in der Schlacht bei ... Die Kugel sprang

von meinem Orden ab und traf gerade seine Stirn. >Ich werde dich nie

vergessen!< rief er und fiel tot hin. Ich ... ich habe ehrlich dem

Vaterlande gedient, Koljä, ich bin immer anständig gewesen, aber ...

>Schmach und Schande verfolgen mich!< Du und Nina, nur ihr zwei werdet

mein Grab besuchen ... >Arme Nina!< so pflegte ich sie früher stets zu

nennen, Koljä, in der ersten Zeit ... das ist jetzt schon lange her ...

sie hatte das so gern ... Nina, Nina! Was habe ich mit deinem Leben

gemacht! Wofür kannst du mich lieben, du geduldige Seele! Deine Mutter

ist ein Engel, Koljä, hörst du, ein Engel!«

»Ich weiß es, Papa. Papa, Täubchen, gehen wir zurück nach Haus zu Mama!

Sie lief uns doch nach! Nun, was stehen Sie? Begreifen Sie denn nicht

... Nun, weshalb weinen Sie denn jetzt?«

Koljä weinte dabei selbst und küßte dem Vater die Hand.

»Du küßt mir die Hand, mir!«

»Ja, ja doch, Ihnen, Ihnen! Was ist denn dabei Wunderliches? Aber was

weinen Sie denn hier mitten auf der Straße, und das noch dazu als

General, als alter Soldat! Nun, gehen wir!«

»Gott segne dich dafür, mein kleiner Junge, daß du zu mir Schmählichem

so ehrerbietig bist ... Ja, zum schmachbedeckten, elenden Greise, deinem

Vater ... Mögest auch du einst einen solchen Sohn haben ... _le roi de

Rome_ ... Oh, >Fluch, Fluch diesem Hause<!«

»Aber, was hat denn das zu bedeuten!« rief plötzlich Koljä in seiner

Angst aus. »Was ist denn geschehen? Weshalb wollen Sie jetzt nicht nach

Hause kommen? Sind Sie denn ganz von Sinnen?«

»Ich werde dir erklären, alles erklären ... ich sage dir alles ...

schrei nur nicht, man könnte es sonst hören ... _le roi de Rome_ ... Oh,

mir ist übel, mir ist traurig zumut!

>Amme, sag', wo ist dein Grab!<

Sämtliche Werke 3-4 · 第 63 / 75 题