Es gibt Menschen, von denen sich nur schwer etwas sagen läßt, was sie
einem in ihrer typischen, charakteristischsten Art sogleich
handgreiflich-deutlich vor Augen führte. Es sind das jene Leute, die man
gewöhnlich »Dutzendmenschen« oder kurzweg »die Mehrzahl« nennt, und die
auch in Wirklichkeit die ungeheure Mehrzahl in einer jeden Gesellschaft
ausmachen. In der Regel schildern die Schriftsteller in ihren Romanen
und Novellen nur solche Typen der Gesellschaft, die es in Wirklichkeit
nur äußerst selten in so vollkommenen Exemplaren gibt, wie die Künstler
sie darstellen, die aber als Typen nichtsdestoweniger fast noch
wirklicher als die Wirklichkeit selbst sind. Podkoljossin[27] ist in
seiner typischen Gestalt vielleicht ein wenig übertrieben, doch deshalb
nichts weniger als frei erdichtet und erfunden. Finden nicht alle
Menschenkenner, die Gogols Lustspiel sehen oder lesen, daß eine Menge
ihrer alten Freunde und Bekannten zu dieser Figur Modell gestanden haben
könnten? Sie haben wohl auch schon früher gewußt, daß dieser oder jener
Bekannte wie Podkoljossin war, bloß war ihnen der Name für diesen Typ
noch nicht gegeben worden. In Wirklichkeit springen zwar nur sehr wenige
kurz vor der Trauung aus dem Fenster, denn eine solche Handlungsweise
ist schließlich doch, ganz abgesehen von allem übrigen, ziemlich
unbequem; aber wieviel Heiratskandidaten sind nicht kurz vor der Trauung
bereit gewesen, sich trotz ihrer mitunter wirklich vorhandenen Würde und
Klugheit im tiefsten Inneren dennoch für Seitenstücke Podkoljossins zu
halten! Auch nicht alle Männer werden auf Schritt und Tritt sagen: »_Tu
l'as voulu, George Dandin!_«{[31]} Aber, o Gott, wieviel millionen- und
billionenmal ist dieser Herzensschrei von den Männern der ganzen Welt
nach Ablauf ihres Honigmonds oder -- wer kann es wissen? -- vielleicht
schon am Tage nach der Hochzeit ausgestoßen worden!
Indes wollen wir hier nur sagen, ohne uns auf weitere ernste Erklärungen
einzulassen, daß in der Wirklichkeit die Typik der einzelnen Personen
gewissermaßen wie mit Wasser verdünnt ist, und wenn es George Dandins
und Podkoljossins auch in Wirklichkeit gibt und sie einem sogar täglich
in den Weg laufen, so sind sie doch gleichsam noch in verdünntem
Zustande. Zum Schluß sei nur noch bemerkt, daß man nichtsdestoweniger
auch einen George Dandin, wie ihn Molière geschaffen hat, unter lebenden
Menschen antreffen kann, allerdings nicht auf Schritt und Tritt, und
damit wollen wir unsere Betrachtung schließen, die sonst gar zu lebhaft
an ein Feuilleton erinnern könnte. Doch wie dem auch sei, jedenfalls
bleibt eine recht schwierige Frage bestehen, und die ist: was soll ein
Romanschriftsteller mit den Durchschnittserscheinungen, mit den absolut
»gewöhnlichen Menschen« beginnen, wie soll er sie darstellen, um sie
seinem Leser wenigstens einigermaßen interessant erscheinen zu lassen?
Ganz übergehen kann man sie in keinem Roman, denn gerade die
gewöhnlichen Menschen sind die unentbehrlichen Bindeglieder in der Kette
der Ereignisse des großen Lebens; wollte man sie dennoch umgehen, so
würde man nicht wirklichkeitsgetreu schreiben. Ein Roman, der nur
»Typen« enthält, nur Sonderlinge und Ausnahmemenschen, würde nicht
Wiedergabe der Wirklichkeit und vielleicht sogar nicht einmal
interessant sein. Meiner Meinung nach muß der Schriftsteller sich
bemühen, selbst in den gewöhnlichen Menschen interessante Züge zu
entdecken und lehrreich hervorzuheben. Wenn z. B. das Wesen gewisser
»Dutzendmenschen« gerade in ihrer unveränderlichen »Gewöhnlichkeit«
liegt, oder wenn diese Leute ungeachtet all ihrer Anstrengungen, um
jeden Preis aus dem Geleise der Gewöhnlichkeit und Gewohnheit
herauszukommen, dennoch unveränderlich bei der Gewöhnlichkeit bleiben,
so werden auch sie zu einem gewissen Typ -- in ihrer Art, versteht sich
-- zum Typ der Gewöhnlichkeit eben, die um keinen Preis das bleiben
will, was sie ist, sondern um jeden Preis originell und selbständig
erscheinen möchte, ohne auch nur im geringsten die nötigen Gaben zur
Selbständigkeit zu besitzen.
In diese Kategorie gewöhnlicher Menschen gehören auch einzelne Personen
dieser Erzählung, und zwar: Warwara Ardalionowna Ptizyn, deren Gatte
Iwan Petrowitsch und dessen Schwager Gawrila Ardalionytsch Iwolgin.
In der Tat, es gibt nichts Ärgerlicheres, als z. B. reich, aus
anständiger Familie, von gutem Äußeren, nicht ungebildet, nicht dumm,
sogar ein sogenannter guter Mensch zu sein und dabei gleichzeitig doch
kein einziges Talent zu besitzen, keine einzige besondere Eigenschaft,
nicht einmal besondere Schrullen und auch keine einzige eigene Idee zu
haben, kurzum -- »genau so wie alle« zu sein. Man besitzt ein gewisses
Kapital, jedoch kein Rothschildsches; die Familie ist durchaus
ehrenwert, hat sich aber niemals auch nur im geringsten ausgezeichnet;
das Äußere ist anständig, drückt aber sehr wenig aus; die Bildung ist
nicht gering, doch was man mit ihr beginnen soll, weiß man nicht;
Verstand ist gleichfalls vorhanden, nur leider ohne daß die geringsten
eigenen Ideen mit ihm verbunden wären; sogar Herz ist da, nur fehlt ihm
wiederum Großmut, und so ist es auch in jeder anderen Beziehung. Solcher
Leute gibt es in der Welt eine ungeheure Menge, sogar viel mehr als es
den Anschein hat. Unter ihnen kann man zwei Arten unterscheiden: die
einen sind ausgesprochen beschränkt, die anderen »viel gescheiter«. Die
ersteren sind natürlich die glücklicheren. Einem beschränkten
»gewöhnlichen« Menschen fällt z. B. nichts leichter, als sich für einen
ungewöhnlichen, originellen Menschen zu halten und sich durch diesen
Glauben das Leben ruhigen Gewissens zu versüßen. Genügte es doch gar
mancher Dame, sich das Haar abzuschneiden, eine blaue Brille auf die
Nase zu setzen und sich »Nihilistin« zu nennen, um sogleich davon
überzeugt sein zu können, daß sie nun auch eigene »Überzeugungen« habe.
Es braucht so manch einer nur ein etwas menschenfreundlicheres Gefühl in
seinem Herzen zu hegen, und er wäre ohne weiteres überzeugt, daß er der
fortgeschrittenste und feinfühligste Mensch sei. Und wie vielen genügte
es, in irgendeiner Broschüre einen beliebigen Abschnitt mitten heraus zu
lesen, um sich einzubilden, die gelesenen Gedanken seien im eigenen
Gehirn entstanden. Die Frechheit der Naivität, wenn man sich so
ausdrücken kann, ist in solchen Fällen oft geradezu wunderbar, und
sollte sie auch noch so unwahrscheinlich sein, sie ist und bleibt
Tatsache. Diese bodenlose Unverschämtheit der Naivität, diese sozusagen
unerschütterliche Überzeugung eines dummdreisten Menschen, daß er ein
großes Talent sei, ist von Gogol meisterhaft in dem Typ der Leutnants
Pirogoff[28] dargestellt. Pirogoff zweifelt keinen Augenblick daran, daß
er ein Genie sei oder sogar noch mehr als das. Ja, er ist sogar so
überzeugt davon, daß er einen Zweifel daran überhaupt nicht für möglich
halten würde. Gogol war sogar gezwungen, ihn zur Beruhigung des
verletzten Sittlichkeitsgefühls seines Lesers durchprügeln zu lassen,
doch als er dann sah, daß der große Mann sich nach der Strafe nur einmal
wie ein Pudel nach dem Bade schüttelte, und zur Stärkung eine Pastete
verzehrte, blieb ihm schließlich nichts anderes übrig, als mit der
Achsel zu zucken und den Leser vor dem Berge sitzen zu lassen. Es hat
mir nur von jeher sehr leid getan, daß Gogol diesem großen Pirogoff
einen so geringen Titel beigelegt hat. Ist er doch von sich selbst so
eingenommen, daß ihm nichts leichter fallen würde, als sich proportional
mit seiner Rangerhöhung für einen immer größeren Feldherrn zu halten,
oder nicht einmal bloß zu halten, sondern einfach _überzeugt_ zu sein,
daß er der größte Feldherr sei. Und wie viele von solchen machen dann
auf dem Schlachtfelde in so erbärmlicher Weise Fiasko! Und wie viele
Pirogoffs hat es doch unter unseren Literaten, Gelehrten und
Propagandisten gegeben! Ich sage »hat gegeben«, aber selbstverständlich
kann man auch »gibt« sagen ...
Von den Personen unseres Romans gehörte Gawrila Ardalionowitsch Iwolgin
zur zweiten Kategorie der »gewöhnlichen Menschen«, zu den »bedeutend
gescheiteren«, und war demgemäß vom Kopf bis zu den Füßen nur von dem
einen Wunsch nach Originalität erfüllt. Leider sind die Menschen dieser
Kategorie sehr viel schlimmer daran als die der ersten. Das ist es ja,
daß der »gescheite« gewöhnliche Mensch, selbst wenn er sich
vorübergehend -- oder meinetwegen auch sein ganzes Leben lang -- für den
genialsten und originellsten Menschen hält, nichtsdestoweniger in seinem
Herzen einen Wurm des Zweifels sitzen hat, der ihn mitunter zur größten
Verzweiflung bringt. Doch übrigens haben wir hier ein wenig übertrieben,
denn gewöhnlich sind diese »gescheiteren« Leute längst nicht so tragisch
zu nehmen, sie werden zum Schluß höchstens leberleidend -- mehr oder
weniger, je nachdem -- und das ist alles. Doch immerhin sind sie von
einer ungeheuren Zähigkeit im Festhalten an ihren Illusionen: oft
beginnen sie damit schon in der grünsten Jugend und lassen selbst im
höchsten Alter nicht um Haaresbreite von ihren Illusionen ab, so stark
ist ihr Verlangen, originell zu sein. Ja, es gibt sogar recht
eigentümliche Fälle: manch ein grundehrlicher Mensch ist aus
Originalitätssucht sogar zu einer gemeinen Handlungsweise bereit, und
wie oft kommt es vor, daß manch einer dieser Unglücklichen, der nicht
nur ehrlich, sondern auch herzensgut und die Vorsehung seiner Familie
ist, einer, der nicht nur die Seinigen, sondern auch noch Fremde ernährt
und ... ja, und der doch sein ganzes Leben lang nicht zu einer
wirklichen Ruhe mit sich und über sich selbst kommen kann! Der Gedanke,
daß er so gut seine Pflichten erfüllt, tröstet ihn nicht im geringsten,
im Gegenteil, er regt ihn nur auf und ärgert ihn: »Da seht ihr, wofür
ich mein Leben hingeben muß, was mich an Händen und Füßen fesselt, was
mich gehindert hat, das Pulver zu erfinden! Wäre das nicht gewesen, so
hätte ich unbedingt etwas Ungeheures entdeckt, ob gerade das Pulver oder
ob Amerika, das weiß ich selbst noch nicht genau, nur wäre es unbedingt
etwas Großes gewesen!« Das Charakteristischste dieser Menschen ist das,
daß sie tatsächlich bis zum Grabe nicht wissen, was sie nun eigentlich
entdeckt hätten, »wenn« -- oder was zu entdecken sie ihr Leben lang
bereit waren. Doch ihre Seelenqualen und ihre Sehnsucht nach dem zu
Entdeckenden reichten selbst für einen Kolumbus oder Galilei aus.
Gawrila Ardalionytsch begann gerade in dieser Art, nur war
er, wie gesagt, noch ein Anfänger. Das immerwährende
Sich-seiner-Talentlosigkeit-bewußt-sein und gleichzeitig das
unbezwingbare Verlangen, sich überzeugungsvoll einzureden, daß er der
selbständigste Mensch sei, hatten sein Herz tief verwundet, und zwar
schon im frühesten Jünglingsalter. Er war ein Mensch mit neidischen und
heftigen Wünschen, und seine Reizbarkeit schien ihm bereits angeboren zu
sein. Die Heftigkeit seiner Wünsche hielt er für Willenskraft. Bei
seinem leidenschaftlichen Wunsch, sich auszuzeichnen, war er bisweilen
sogar zu einem sehr unüberlegten Sprung bereit, nur führte er ihn im
letzten Augenblick nicht aus, da er sich dann als doch zu vernünftig
dazu erwies -- und gerade dies marterte ihn. Vielleicht hätte er sich
gegebenenfalls sogar zu einer äußerst niedrigen Tat entschlossen, nur um
endlich das Erwünschte zu erlangen, aber sobald es dann zur Ausführung
kam, war er doch wieder zu anständig dazu. Übrigens: zu kleinen
Gemeinheiten hätte man ihn immer bereit gefunden. Mit Haß und Ekel
dachte er an die Armut und die »Heruntergekommenheit« seiner Familie.
Selbst seine Mutter behandelte er nichtachtend, obschon er selbst sehr
wohl begriff, daß gerade der Ruf und Charakter seiner Mutter bisher der
wichtigste Stützpunkt seiner Karriere gewesen waren. Als er die Stellung
bei Jepantschin angenommen, hatte er sich gesagt: »Hat man sich einmal
erniedrigt, dann bleibt man auch bis zum Schluß konsequent bei den
Gemeinheiten, wenn man nur das Gewünschte auf diese Weise erreicht,« und
dabei hatte er doch noch keine einzige Gemeinheit wirklich begangen! Wie
er überhaupt nur darauf gekommen war, daß Gemeinheiten notwendig wären?
Aglaja hatte ihm damals allerdings einen Schrecken eingejagt, doch hatte
er sie deshalb noch nicht aufgegeben, wenn er auch genau genommen
niemals glauben konnte, daß eine Aglaja zu ihm herabsteigen würde. Als
er dann Nastassja Filippowna heiraten sollte, hatte er sich eingeredet,
daß die Quintessenz alles Erstrebenswerten Geld und nichts als Geld sei.
»Wenn schon, denn schon,« hatte er sich täglich mit großer
Selbstzufriedenheit, jedoch auch nicht ohne eine gewisse Angst, gesagt,
»wenn ich mich einmal auf Schändlichkeiten verlege, dann aber auch ohne
Wenn und Aber, dann soll es kein Zurück mehr geben!« Doch nachdem er
dann auch noch Nastassja Filippowna verloren hatte, war ihm aller Mut
abhanden gekommen, und er hatte die hunderttausend Rubel tatsächlich dem
Fürsten eingehändigt, was er später wohl tausendmal bereute, obschon er
unermüdlich vor sich selbst damit prahlte. Allerdings hatte er ganze
drei Tage, so lange der Fürst noch in Petersburg war, geweint, doch
gleichzeitig hatte er den Fürsten auch zu hassen begonnen, weil dieser
ihn gar zu mitleidig betrachtet hatte, während »sich doch nicht ein
jeder zu einer solchen Tat entschließen könnte!« Am meisten aber quälte
ihn ein Eingeständnis, das er sich selbst wohl oder übel machen mußte:
daß sein ganzer Kummer nichts anderes als ewig unbefriedigter Ehrgeiz
war. (Erst lange nachher sah er ein, welch eine ernste Wendung seine
Beziehungen zu Aglaja hätten nehmen können, und dann ergriff ihn
quälende Reue.) Er gab sogar seine Stellung auf und versenkte sich ganz
und gar in trübe Betrachtungen. Wie bereits erwähnt, lebte er mit seiner
Mutter und seinem Vater bei Ptizyn, den er ohne Heuchelei verachtete,
wenn er auch seine Ratschläge befolgte und vernünftig genug war, ihn um
seinen Rat zu bitten. Unter anderem ärgerte er sich auch deshalb über
Ptizyn, weil dieser nicht den Ehrgeiz hatte, ein zweiter Rothschild
werden zu wollen. »Wenn du ein Wucherer bist, so sei es doch ganz,
presse den Leuten den letzten Saft aus, präge Geld aus ihrem Schweiß,
sei doch ein großes Geldgenie, werde >König der Juden<!« Ptizyn war aber
ein bescheidener, stiller Mensch, der auf solche Ausfälle gewöhnlich mit
nichts als einem Lächeln antwortete. Nur ein einziges Mal fand er es
nötig, sich über diesen Punkt auszusprechen, was er dann sehr ernst und
sogar mit einer gewissen Würde tat. Vor allem suchte er Ganjä zu
beweisen, daß er nichts Unredliches tue, und Ganjä ihn mit Unrecht einen
»Manichäer« nenne; wenn flüssiges Geld mit jedem Tag im Preise steige,
so sei das nicht seine Schuld; er handle durchaus offen und ehrlich und
sei schließlich nur ein Agent in »diesen« Geschäften, und dank seiner
Akkuratesse sei er eben in gewissen Kreisen von einer sehr guten Seite
bekannt geworden, weshalb sich denn auch sein »Bekanntenkreis« stetig
vergrößere und desgleichen seine Einnahmen. »Ein Rothschild werde ich
nie werden, und ich will es auch gar nicht,« sagte er lachend, »aber ein
Haus an der Liteinaja werde ich zu guter Letzt unfehlbar besitzen,
vielleicht sogar zwei Häuser, und das genügt für mich.« Bei sich dachte
er zwar noch: »Vielleicht werde ich auch drei Häuser besitzen,« sprach
aber diesen Gedanken nicht laut aus. Die Natur liebt solche Menschen und
das Schicksal erfüllt ihre Wünsche: sie gibt solchen Ptizyns nicht nur
drei, sondern vier Häuser, und zwar einzig deshalb, weil sie schon von
Kindheit an wissen, daß sie nie so reich wie Rothschild werden würden.
Doch über vier Häuser geht das Schicksal dann nie hinaus, weiter bringen
es die Ptizyns unter keinen Umständen.
Ein ganz anderer Mensch war Warwara Ardalionowna, Gawrilas Schwester,
trotz aller Charakterähnlichkeit mit ihrem Bruder. Ihre Wünsche
zeichneten sich nicht durch Heftigkeit, sondern durch Beständigkeit und
Hartnäckigkeit aus. Wenn man vom Bruder sagen konnte, daß er im letzten
Augenblick, d. h. wenn die Sache zur Entscheidung kam, regelmäßig zur
Einsicht gelangte, so konnte man von Warjä sagen, daß Einsicht bei ihr
stets vorhanden war und sich nicht nur im letzten Augenblick einstellte.
Freilich gehörte auch sie zu den Dutzendmenschen, die originell sein
möchten, nur begriff und gestand sie sich sehr bald -- letzteres will
viel besagen --, daß sie keine Spur von Originalität besaß, und da war
sie klug genug, sich nicht darob zu grämen -- vielleicht unterließ sie
es auch aus einem gewissen Stolz. Ihren ersten praktischen Schritt im
Leben tat sie mit bewundernswerter Entschlossenheit, indem sie Ptizyn
heiratete. Nur sagte sie sich bei dieser Gelegenheit durchaus nicht,
»wenn schon, denn schon« wie ihr Bruder -- der ihr seine Meinung auch
fast mit denselben Worten zu verstehen gab, als sie ihn um sein
Gutachten in betreff ihres Entschlusses bat. Im Gegenteil: Warwara
Ardalionowna heiratete erst, nachdem sie sich gründlich überzeugt hatte,
daß ihr zukünftiger Gatte ein bescheidener, sympathischer, nicht
ungebildeter Mann war und eine große Gemeinheit nie begehen würde. Um
kleine Gemeinheiten kümmerte sie sich nicht, und wo waren die
schließlich nicht zu finden? Man kann doch nicht auf ein Ideal warten!
Zudem wußte sie, daß sie durch diese Heirat ihren Eltern und
Geschwistern ein Unterkommen gab, und da sie den Bruder im Unglück sah,
wollte sie ihm helfen; ihre früheren Streitigkeiten mit ihm vergaß sie
völlig. In der Folge versuchte Ptizyn in Ganjä Interesse für eine neue
Arbeit zu erwecken, was er natürlich immer nur ganz freundschaftlich
tat: »Da verachtest du nun Generäle und die Generalswürde,« meinte er
scherzend, »aber sieh sie dir doch nur einmal an, diese junge
Generation: wie sehr sie sie jetzt auch verachten, nach einer kleinen
Weile sind sie selbst Generäle und haben das Verachten vergessen. Und du
wirst ebenso sein.« »Wie kommt er nur darauf, daß ich Generäle und die
Generalswürde verachten soll?« dachte Ganjä sich etwas sarkastisch, ließ
ihn jedoch in dem Glauben. Desgleichen erweiterte Warwara Ardalionowna
nur um des Bruders willen ihren Bekanntenkreis: es gelang ihr, sich bei
Jepantschins auf Grund ihres früheren Verkehrs einzudrängen: sie und
Ganjä hatten als Kinder mit den drei kleinen Jepantschins gespielt.
Hätte Warwara Ardalionowna mit diesen Besuchen bei Jepantschins
irgendein großes Ziel verfolgt, so wäre sie vielleicht mit einem Schlage
über das Niveau der gewöhnlichen Menschen hinausgewachsen, doch von
einem großen Ziel oder einer besonderen Idee konnte hier überhaupt nicht
die Rede sein: sie verfolgte eine ganz kleinliche Berechnung, auf Grund
ihrer genauen Kenntnis aller Charaktere der Familie Jepantschin --
namentlich hatte sie Aglajas Charakter trefflich beobachtet. Vorläufig
aber wollte sie nichts weiter, als Aglaja mit ihrem Bruder wieder
aussöhnen und die beiden gegenseitig näherbringen. Vielleicht hatte sie
auch schon einiges erreicht, vielleicht hatte sie auch Fehler begangen,
indem sie vom Bruder mehr Beistand erwartet hatte, als er fähig war zu
leisten. Jedenfalls aber wußte sie sich bei Jepantschins sehr geschickt
zu benehmen: erwähnte oft wochenlang mit keinem Wort ihres Bruders,
zeigte sich stets sehr aufrichtig und wahrheitsliebend und gab sich
schlicht, doch ohne sich dabei etwas in ihrer Würde zu vergeben. Was ihr
Gewissen betrifft, so scheute sie sich nicht, auch in die letzte Kammer
desselben hineinzublicken: sie hatte sich keine Vorwürfe zu machen, und
gerade das verlieh ihr Kraft. Nur eines bemerkte sie bisweilen an sich:
daß auch sie sich ärgerte, daß auch sie Eigenliebe besaß und fast bis
zur Reizbarkeit ehrgeizig war -- was ihr in der Regel übrigens gerade
dann auffiel, wenn sie von Jepantschins kam.
Es war nach jener Zusammenkunft des Fürsten mit Aglaja im Park ungefähr
eine Woche vergangen, als Warwara Ardalionowna eines schönen Morgens
gegen halb elf recht nachdenklich und niedergeschlagen von einem Besuch
bei Jepantschins nach Hause zurückkehrte. Nur lag in dieser
Niedergeschlagenheit doch etwas bitter Spöttisches. Ptizyn bewohnte in
Pawlowsk ein von außen nicht sehr schönes, wenn nicht gar unansehnliches
hölzernes Haus, das aber dafür sehr geräumig war. Es lag an einer
staubigen Straße, und da es bald ganz in Ptizyns Besitz übergehen
sollte, so sah er sich bereits nach einem Käufer um. Als Warjä sich der
Haustür näherte, hörte sie, daß im oberen Stock des Hauses geschrien und
gelärmt wurde, und sie unterschied sogar die Stimmen ihres Bruders und
ihres Vaters. Als sie nach einer Weile ins Zimmer trat, raste Ganjä
daselbst bleich vor Wut auf und ab und raufte sich fast das Haar aus.
Sie runzelte die Stirn und ließ sich müde auf das Sofa nieder, ohne den
Hut abzunehmen. Da sie sehr wohl begriff, daß der Bruder sich unfehlbar
ärgern würde, wenn sie sich nicht nach der Ursache seiner rasenden Wut
erkundigte, beeilte sie sich zu fragen:
»Immer dasselbe?«
»Was heißt hier dasselbe!« schrie Ganjä. »Dasselbe! Nein, hier geht weiß
der Teufel was vor sich, aber nicht dasselbe! Der Alte ist total
verrückt geworden, Mama weint. Bei Gott, Warjä, tu' was du willst, aber
ich werfe ihn hinaus oder ... oder geh' selbst von euch fort,« fügte er
wütend hinzu, da es ihm offenbar noch rechtzeitig in den Sinn gekommen
sein mochte, daß er doch nicht aus fremden Häusern Menschen hinausjagen
konnte.
»Man muß nachsichtig sein,« brummte Warjä.
»Wozu nachsichtig? Gegen wen? Gegen was?« fuhr Ganjä zornig auf.
»Nachsichtig gegen seine Gemeinheiten? Nein, sag', was du willst, aber
das geht nicht so weiter! Das geht nicht, geht nicht, geht nicht! Und
was soll das heißen: er selbst ist der Schuldige, und je mehr er's ist,
um so mehr nimmt er das Maul voll ... Was sitzt du so? Was machst du für
ein Gesicht?«
»Ach, laß das doch,« versetzte Warjä übellaunig.
Ganjä blickte sie aufmerksamer an.
»Warst du dort?« fragte er plötzlich.
»Ja.«
»Da, dieses Geschrei! Das ist doch wirklich ... und noch dazu zu einer
solchen Zeit!«
»Was ist denn jetzt für eine so besondere Zeit?«
Ganjä betrachtete die Schwester aufmerksamer.
»Hast du etwas erfahren?« fragte er.
»Nichts Unerwartetes. Ich habe erfahren, daß alles seine Richtigkeit
hat. Mein Mann hatte recht: so wie er es von Anfang an voraussagte, so
ist es nun auch gekommen. Wo ist er?«
»Nicht zu Hause. Aber was ist denn jetzt auch so gekommen?«
»Der Fürst ist erklärter Bräutigam, die Sache ist entschieden. Die
älteren Schwestern sagten's mir: Aglaja hat eingewilligt, und es wird
auch gar nicht mehr verheimlicht. Bis jetzt war es ja dort eine
Geheimnistuerei, daß Gott erbarm'! Adelaidas Hochzeit wird wieder
aufgeschoben, denn die Trauungen sollen an ein und demselben Tage
stattfinden -- irgendein poetischer Einfall ... Du aber tätest jetzt
wirklich besser, ein Hochzeitsgedicht zu verfassen, als hier auf und ab
zu rennen! Heute abend wird die Bjelokonskaja bei ihnen sein; die ist
sehr zur rechten Zeit angekommen. Außerdem sind auch noch andere Gäste
eingeladen. Wie es scheint, soll er der Bjelokonskaja vorgestellt
werden, wenn er auch mit ihr schon bekannt ist; ich glaube, sie wollen
ihn heute als >offiziellen Bräutigam< präsentieren. Nur fürchten sie, er
könne irgend etwas umstoßen, zerschlagen, wenn er ins Zimmer tritt, oder
gar selbst hinfallen -- all dessen muß man ja bei ihm gewärtig sein.«
Ganjä hörte seiner Schwester sehr aufmerksam zu, doch machten diese
Nachrichten zu Warjäs nicht geringer Verwunderung durchaus keinen so
erschütternden Eindruck auf ihn, wie sie eigentlich erwartet hatte.
»Das war ja schließlich vorauszusehen,« meinte er nach einer Weile
ziemlich ruhig. »Also aus!« fügte er dann noch mit einem eigentümlichen
Lächeln hinzu, und listig blickte er seiner Schwester in die Augen;
worauf er seinen Spaziergang durchs Zimmer fortsetzte, wenn auch bereits
viel ruhiger.
»Gut wenigstens, daß du die Sache als Philosoph aufnimmst. Das hatte ich
kaum erwartet,« sagte Warjä.
»Ach was, jetzt ist man die Geschichte los, du wenigstens.«
»Ich glaube, dir aufrichtig gedient zu haben, unablässig und ohne meinen
eigenen Vorteil zu verfolgen. Ich habe dich nicht gefragt, welches Glück
du bei Aglaja suchtest.«
»Ja, habe ich denn ... Glück bei ihr gesucht?«
»Ach, bitte, laß jetzt das Philosophieren! Selbstverständlich hast du's
gesucht. Jetzt können wir mit einer langen Nase abziehen und damit ist
es aus. Wenn ich offen sein soll, so kann ich dir nur sagen, daß ich nie
ernstlich an einen Erfolg gedacht habe. Ich nahm es nur auf alle Fälle
in die Hand, indem ich auf ihren lächerlichen Charakter rechnete, doch
in erster Linie wollte ich eigentlich nur dich etwas zerstreuen.
Natürlich hatten wir mindestens neunzig Chancen von hundert, daß die
Sache ins Wasser fällt. Ich begreife bis jetzt noch nicht, was du
eigentlich sonst erreichen wolltest.«
»Jetzt werdet ihr mich beide wieder bereden, eine Stelle anzunehmen, mir
wieder Lektionen über Ausdauer und Willenskraft halten, und den weisen
Rat erteilen, daß man auch Weniges nicht mißachten soll, und so weiter,
und so weiter, ich kann's ja schon auswendig,« sagte Ganjä lachend.
»Er muß etwas Neues im Sinn haben,« dachte Warjä bei sich.
»Nun und -- wie ist man dort? Freuen sie sich?« fragte plötzlich Ganjä.
»N--ein, nicht besonders, wie es scheint. Kannst es dir ja selbst
denken. Der General ist zufrieden, die Mutter fürchtet sich. Sie hat ihn
ja auch früher nur mit Widerwillen als Freier betrachtet, das weiß man
doch schon.«
»Ich rede nicht davon. Als Freier ist er ja ganz unmöglich, einfach
undenkbar, das ist doch klar. Ich frage nur, wie es jetzt dort ist? Hat
sie ihm offiziell ihr Jawort gegeben?«
»Sie hat bis jetzt nicht >nein< gesagt und das ist alles, aber mehr ist
ja von ihr auch nicht zu erwarten. Du weißt doch, bis zu welch einer
Blödsinnigkeit sie früher schüchtern und verschämt war: Kroch sie doch
als kleines Mädchen, wenn Besuch bei ihnen war, immer in irgendeinen
Schrank und saß dort stundenlang, nur um nicht zu den Gästen gehen und
einen Knix machen zu müssen, und ebenso albern ist sie auch heute noch.
Weißt du, ich glaube eigentlich, daß es jetzt wirklich ernst ist, sogar
ihrerseits. Über den Fürsten, sagten die Schwestern, mache sie sich den
ganzen Tag lustig, vom Morgen bis zum Abend, damit man nur ja nicht
glauben solle, daß sie ihn liebe; nur wird sie es schon so einzurichten
wissen, daß sie ihm täglich unter vier Augen etwas sagen kann, denn er
scheint ja förmlich in den Himmel entrückt zu sein, strahlt einfach ...
Soll dabei entsetzlich komisch sein. Das sagten sie selbst. Auch schien
es mir, daß sie sich über mich ein wenig lustig machten, wenigstens
lachten sie mir ins Gesicht, die beiden älteren.«
Ganjä wurde schließlich doch ärgerlich und runzelte die Stirn. Warjä
hatte vielleicht nicht unbeabsichtigt die letzte Bemerkung gemacht. Sie
wollte seine geheimen Gedanken ausforschen.
Da begann plötzlich der Lärm und das Geschrei im oberen Stockwerk von
neuem.
»Nein! Ich jage ihn hinaus!« schrie Ganjä wütend, doch gleichsam erfreut
darüber, daß er seinem Ärger freien Lauf lassen konnte und ein anderes
Objekt gefunden hatte.
»Damit wäre nichts gewonnen, im Gegenteil, er würde dann noch zu Gott
weiß wem gehen, um über uns zu klatschen, wie er es gestern schon getan
hat.«
»Wie -- was gestern? Was heißt das, was hat er gestern getan? Ist er
etwa ...« fragte Ganjä plötzlich sehr erschrocken.
»Ach, mein Gott, weißt du es denn noch nicht?« unterbrach ihn Warjä.
»Wie ... was ... ist es denn wirklich möglich, daß er dort war?« rief
Ganjä außer sich vor Scham und Unwillen. »Gott, du kommst ja von dort
her! Was hast du denn erfahren? Ist der Alte dort gewesen? War er? oder
war er nicht?«
Ganjä stürzte zur Tür. Warjä lief ihm nach und packte ihn am Arm.
»Was tust du? Wohin gehst du? Wenn du ihn jetzt hinauswerfen willst, um
so schlimmer, er wird überall herumgehen, allen wird es bekannt werden!
...«
»Was hat er dort angerichtet? Was hat er gesprochen?«
»Ja, das wußten sie selbst nicht zu sagen, haben ihn offenbar gar nicht
verstanden; er hat sie nur alle erschreckt. Gekommen war er zu Iwan
Fedorowitsch, -- traf ihn nicht zu Hause; verlangte nach Lisaweta
Prokofjewna. Bat sie zuerst um Protektion: er suche einen Dienst, sagte
er, sie möge ihm eine Stelle verschaffen; darauf hat er sich über uns
beklagt, über mich, über meinen Mann, besonders aber über dich ... Wer
weiß, worüber er noch alles gesprochen hat.«
»Und das konntest du nicht mehr erfahren?« schrie Ganjä hysterisch, fast
kreischend auf.
»Wie sollt' ich denn! Er wird wohl selbst kaum gewußt haben, wovon er
sprach -- oder vielleicht hat man mir nicht alles wiedererzählt.«
Ganjä faßte mit beiden Händen nach seinem Kopf und lief ans Fenster.
Warjä saß am anderen Fenster.
»Diese sonderbare Aglaja,« bemerkte sie plötzlich, »als ich fortging,
hielt sie mich noch zurück und sagte mir: >Drücken Sie Ihren Eltern
meine persönliche Hochachtung für sie aus, ich hoffe bestimmt, in diesen
Tagen Ihren Vater wiederzusehen.< Und das sagte sie so ernst. Wirklich
sonderbar ...«
»Machte sie sich nicht etwa lustig?«
»Nein, das ist ja das Sonderbare.«
»Weiß sie das vom Alten, oder weiß sie es nicht, was glaubst du?«
»Daß man im Hause nichts weiß, davon bin ich fest überzeugt; doch du
hast mich auf einen Gedanken gebracht. Aglaja wird es vielleicht wissen.
Ja: Sie allein weiß es, denn auch die Schwestern waren sehr erstaunt,
als sie mir so ernst einen Gruß an Papa auftrug. Und warum gerade an
ihn? Wenn sie es aber weiß, so hat der Fürst es ihr gesagt!«
»Interessant zu wissen, wer ihr das gesagt haben mag? Das fehlte noch!
Ein Dieb in unserer Familie, >das Haupt der Familie<!«
»Ach, Unsinn,« rief Warjä ärgerlich aus. »Eine Sache, in der Trunkenheit
geschehen, hat doch nichts zu sagen. Und wer hat sie sich ausgedacht?
Lebedeff, der Fürst ... das sind die Rechten. Ich mache mir nicht soviel
draus!«
»Der Alte ist ein Dieb,« fuhr Ganjä bitter fort, »ich bin ein Bettler,
der Mann meiner Schwester ein Wucherer -- recht verlockend für Aglaja!
Da ist nichts zu sagen, das ist wirklich schön!«
»Dieser Mann deiner Schwester, der Wucherer ist ...«
»Ernährt mich, nicht wahr? bitte, mache keine Umstände, und sag es nur
gerade heraus.«
»Warum ärgerst du dich denn?« fragte Warjä. »Von alledem verstehst du
nichts, bist wie ein Schuljunge. Du glaubst, das könnte dir in den Augen
Aglajas schaden? Du kennst ihren Charakter nicht. Sie würde sich vom
besten Bewerber abwenden und zu irgendeinem Studenten gehen, um mit ihm
unter dem Dach zu wohnen und vielleicht Hungers zu sterben. So denkt
sie. Du hast es immer noch nicht begriffen, wie interessant du in ihren
Augen sein würdest, wenn du unsere Verhältnisse mit Festigkeit und Stolz
ertrügest. Der Fürst hat sie nur damit gefangen, daß er sich gar nicht
um sie kümmerte, und zweitens, daß er in den Augen aller als Idiot gilt.
Schon allein, daß sie seinetwegen die ganze Familie aufregt -- das ist
es, was sie will. Ach, ihr Männer versteht auch gar nichts davon.«
»Nun, wir werden noch sehen, ob wir etwas davon verstehen oder ob wir
nichts davon verstehen,« äußerte sich Ganjä rätselhaft, »doch trotzdem
möchte ich nicht haben, daß sie das vom Alten erfährt. Ich hoffe, der
Fürst wird darüber schweigen. Er hat auch Lebedeff zum Schweigen
verpflichtet; auch hat er mir gegenüber geschwiegen, als ich ihn
versuchsweise ausfragte ...«
»Du mußt aber doch einsehen, daß es trotzdem allen bekannt werden wird.
Ja, und was erhoffst du denn jetzt noch? Wenn dir eine einzige Hoffnung
geblieben, so wäre es die, in ihren Augen als Märtyrer zu erscheinen.«
»Ungeachtet aller Romantik würde sie sich doch vor dem Skandal fürchten.
Alles nur bis zu einer gewissen Grenze, so seid ihr Weibsmenschen nun
mal.«
»Aglaja sich vor dem Skandal fürchten?« fuhr Warjä heftig auf und sah
den Bruder verächtlich an. »Hast doch eine niedrige Seele! Ihr seid alle
nicht viel wert. Wenn sie auch wunderlich und lächerlich erscheinen mag,
so ist sie doch tausendmal anständiger als wir alle.«
»Nun, sei nur nicht so böse,« brummte Ganjä einlenkend.
»Mir tut nur die Mutter leid,« fuhr Warjä fort, »wenn nur diese
Geschichte mit Papa nicht zu ihren Ohren kommt, ach, das fürchte ich!«
»Sicher hat sie es schon erfahren,« bemerkte Ganjä.
Warjä hatte sich erhoben, um zu Nina Alexandrowna hinaufzugehen, sie
blieb jetzt stehen und sah den Bruder aufmerksam an.
»Wer hätte es ihr denn sagen können?«
»Hippolyt sicherlich. Er wird es für seine erste Pflicht gehalten haben,
bei seiner Einquartierung bei uns, es der Mutter zu hinterbringen.«
»So, woher soll er es denn erfahren haben, sag' mir es doch, bitte? Der
Fürst und Lebedeff werden darüber schweigen, Koljä weiß auch nichts
davon.«
»Hippolyt? Hat es vielleicht irgendwie -- erraten. Du kannst es dir
nicht vorstellen, was das für eine schlaue Pflanze ist. Eine Klatschbase
und eine Spürnase, die alles Schlechte, jeden Skandal wittert. Glaub' es
oder glaub' es nicht, ich bin überzeugt, daß er auf Aglaja einen großen
Einfluß gewinnen wird. Wenn noch nicht jetzt, so doch später! Mit
Rogoshin hat er sich schon angefreundet. Daß der Fürst das nicht bemerkt
hat? Jetzt möchte er mich unterkriegen! Mich hält er für seinen
persönlichen Feind, doch wozu das alles? Bald wird er sterben -- ich
kann es nicht begreifen. Doch werde ich ihn ... Du wirst sehen, _ich_
werde _ihn_ unterkriegen!!«
»Warum bemühst du dich um ihn, wenn du ihn nicht magst? Und ist er es
denn überhaupt wert, daß er untergekriegt werden muß?«
»Du hast mir doch geraten, ihn zu uns einzuladen.«
»Ich dachte, daß er uns von Nutzen sein könnte. Weißt du, daß er selbst
in Aglaja verliebt ist und ihr geschrieben hat? Man hat mich über ihn
ausgefragt ... er soll sogar Lisaweta Prokofjewna einen Brief
geschrieben haben ...«
»In der Hinsicht -- ist er ungefährlich!« bemerkte Ganjä boshaft
lächelnd. »Daß er verliebt ist, das kann ja möglich sein, denn er ist
doch ein Jüngling! Er wird aber hoffentlich der Alten keinen anonymen
Brief schicken? Er ist ja eine so boshafte, selbstzufriedene
Mittelmäßigkeit, der Mensch! ... Ich bin überzeugt, ich weiß es genau:
er hat mich ihr gegenüber als einen Intriganten hingestellt. Damit hat
es bei ihm angefangen. Ich gebe es zu, daß ich mich ihm anfangs recht
wie ein Dummkopf anvertraut habe; ich dachte, daß er nur aus Rache gegen
den Fürsten auf meine Interessen eingehen würde. Oh, so ein
hinterlistiges Geschöpf! Aber dafür habe ich ihn jetzt vollständig
erkannt. Vom Diebstahl hat er sicher durch seine Mutter erfahren. Der
Alte hat den Diebstahl doch nur der Kapitanscha, seiner Mutter, wegen
verbrochen! Neulich teilte er mir wie zufällig mit, daß der >General<
seiner Mutter dreihundert Rubel versprochen habe, und das einfach --
nun, eben so, ohne alle Umstände. Ich begriff sofort. Dabei sah er mir
mit sichtlichem Vergnügen in die Augen; auch Mama wird er es erzählt
haben, nur, um ihr das Herz schwer zu machen. Und warum stirbt er nicht
endlich, sage mir das doch, bitte? Er verpflichtete sich, in drei Wochen
zu sterben, und jetzt hat er sich hier wieder erholt, hat zugenommen,
hustet weniger. Gestern abend sagte er, daß er schon den zweiten Tag
kein Blut mehr speit.«
»Wirf ihn doch hinaus.«
»Ich kann ihn nicht leiden, ich verachte ihn. Ja, ja, ich verachte ihn!«
schrie Ganjä außer sich vor Wut. »Und das werde ich ihm ins Gesicht
sagen, und wenn er auch im gleichen Augenblick in seinen Kissen sterben
sollte! Wenn du nur seine Beichte gelesen hättest ... Gott, welch eine
Naivität der Gemeinheit! Oh, mit was für einem Vergnügen hätte ich ihn
damals durchgeprügelt, nur, um ihn gründlich in Erstaunen zu setzen.
Jetzt möchte er sich an allen rächen, dafür, daß es ihm nicht gelingen
konnte, uns ... Doch, was ist das für ein Lärm! Was soll das bedeuten?
Ich werde es nicht mehr dulden ... Ptizyn!« rief er dem ins Zimmer
tretenden Ptizyn entgegen. »Was ist denn das? Soweit ist es also bei uns
schon gekommen? Das ist ... das ist ...«
Der Lärm kam näher und näher, die Tür öffnete sich plötzlich und -- der
alte Iwolgin stürzte sich wütend, gereizt, außer sich auf Ptizyn. Dem
General folgten Nina Alexandrowna, Koljä und ganz zuletzt Hippolyt.