Als sie in der Villa angelangt waren, blieb Lisaweta Prokofjewna
sogleich im ersten Zimmer stehen: weiter konnte sie nicht mehr gehen und
völlig erschöpft ließ sie sich auf eine kleine Chaiselongue nieder, ohne
in der Zerstreutheit auch den Fürsten zum Platznehmen aufzufordern. Es
war das in einem ziemlich großen Saal, mit reichen Blumenarrangements
vor den Fenstern, einem schweren runden Tisch in der Mitte, einem Kamin
und einer großen Glastür in der anderen Wand, durch die man in den
Garten gelangte.
Kaum waren sie eingetreten, als auch Alexandra und Adelaida erschienen
und in fragender Verständnislosigkeit die Mutter und den Fürsten
anblickten.
Die jungen Mädchen pflegten in der Sommerfrische gewöhnlich gegen neun
Uhr aufzustehen; nur Aglaja hatte sich in den letzten zwei oder drei
Tagen etwas früher erhoben, um dann im Garten spazieren zu gehen, doch
immerhin war das noch nicht um sieben geschehen, sondern erst so um
acht, halb neun herum. Lisaweta Prokofjewna, deren unzählige Sorgen sie
während der Nacht in der Tat keinen Schlaf hatten finden lassen, hatte
sich schließlich kurz vor acht angekleidet, um Aglaja im Garten zu
treffen, doch siehe da: ihre Jüngste war weder im Schlafzimmer noch im
Garten zu finden. Von dem Stubenmädchen erfuhr sie, daß Aglaja Iwanowna
bereits um sieben in den Park gegangen sei. Die Schwestern hatten über
Aglajas neuen phantastischen Einfall zu lachen begonnen und gemeint,
Aglaja würde sich sicherlich sehr ärgern, wenn die Mutter sie im Park
aufsuchte. Sie hatten dabei geäußert, daß sie bestimmt mit einem Buch
auf jener grünen Bank sitze, um derentwillen sie sich noch vor drei
Tagen mit Fürst Sch. gezankt hatte, weil es diesem nicht gegeben war, in
der Lage dieser Bank etwas Besonderes zu erblicken. So begab sich denn
die Generalin zur grünen Bank und erschrak unsäglich über das
Stelldichein, dessen Zeuge sie wurde, und über die Worte, die sie noch
auffing. Als sie aber jetzt dem Fürsten gegenübersaß, wurde ihr bange
bei dem Gedanken daran, was sie angestiftet hatte. »Weshalb sollte denn
Aglaja nicht mit ihm zusammenkommen dürfen, selbst wenn es auch ein
verabredetes Rendezvous war?«
»Glauben Sie nicht, mein Lieber,« sagte sie schließlich, sich
zusammennehmend, »daß ich Sie hergebeten habe, um Sie auszuforschen ...
Ich hätte nach dem, mein Täubchen, was gestern geschah, vielleicht lange
nicht den Wunsch gehabt, dich wiederzusehen ...«
Sie stockte ein wenig.
»Doch immerhin würden Sie gern erfahren wollen, wie es kam, daß ich
heute mit Aglaja Iwanowna zusammengetroffen bin?« beendete der Fürst mit
der größten Ruhe ihren Satz.
»Nun ja, gewiß wollte ich das!« sagte Lisaweta Prokofjewna sogleich
ärgerlich und sie errötete plötzlich. »Ich fürchte mich nicht vor
offener Aussprache, denn ich trete keinem zu nah und habe auch nicht die
Absicht gehabt, jemanden zu beleidigen ...«
»Aber ich bitte Sie, da bedarf es doch gar keiner Entschuldigungen, es
ist doch nur natürlich, daß Sie es wissen wollen. Sie sind -- ihre
Mutter. Wir trafen uns heute, Aglaja Iwanowna und ich, um sieben Uhr,
bei der grünen Bank, weil sie mich dazu aufgefordert hatte. Sie teilte
mir gestern abend schriftlich mit, daß sie mich in einer wichtigen
Angelegenheit sprechen müsse. Wir trafen uns und sprachen eine ganze
Stunde von Dingen, die eigentlich nur Aglaja Iwanowna angehen -- und das
war alles.«
»Selbstverständlich war das alles, Väterchen, und sogar ohne jeden
Zweifel alles,« sagte die Generalin würdevoll.
»Vortrefflich, Fürst!« sagte Aglaja, die plötzlich in den Saal trat.
»Ich danke Ihnen von ganzem Herzen, daß Sie auch mich für unfähig
gehalten haben, mich zur Lüge zu erniedrigen. Genügt Ihnen diese
Erklärung, Mama, oder beabsichtigen Sie, noch weiter zu fragen?«
»Du weißt, daß ich vor dir noch niemals zu erröten gebraucht habe, wenn
du es vielleicht auch gern sehen würdest,« antwortete Lisaweta
Prokofjewna zurechtweisend. »Leben Sie wohl, Fürst, und verzeihen Sie
mir, daß ich Sie beunruhigt habe. Ich hoffe, daß Sie von meiner
unveränderlichen Hochachtung für Sie überzeugt bleiben werden.«
Der Fürst verbeugte sich sogleich nach beiden Seiten und verließ
schweigend den Saal. Alexandra und Adelaida lächelten und flüsterten ein
paar Worte unter sich. Die Generalin maß sie beide mit strengem Blick.
»Wir lachen ja nur darüber, Mama,« sagte Adelaida auflachend, »daß der
Fürst sich so wundervoll verbeugt hat; mitunter tut er es wie ein Sack,
und nun auf einmal wie ... wie Jewgenij Pawlowitsch!«
»Zartgefühl und Würde lehrt das eigene Herz und nicht der Tanzmeister,«
bemerkte Lisaweta Prokofjewna und sie rauschte hinaus, ohne Aglaja auch
nur mit einem Blick zu streifen. Sie begab sich in ihr Zimmer, das im
oberen Stockwerk lag.
Als der Fürst nach Hause kam -- es war mittlerweile fast schon neun
geworden -, traf er auf der Terrasse Wjera Lukjanowna und die Stubenmagd
beim Aufräumen an, und das war nach der letzten Nacht auch dringend
nötig.
»Gott sei Dank, wir sind gerade fertig geworden!« sagte Wjera erfreut.
»Guten Morgen! Mein Kopf geht mir ein wenig in die Runde, ich habe
schlecht geschlafen und würde es jetzt gern nachholen.«
»Wollen Sie nicht wieder auf der Terrasse schlafen, so wie gestern? Gut,
ich werde allen sagen, daß man Sie nicht wecken soll. Papa ist
irgendwohin gegangen.«
Die Magd ging hinaus, Wjera wollte ihr folgen, doch plötzlich kehrte sie
zurück und näherte sich mit besorgter Miene dem Fürsten.
»Fürst, haben Sie Mitleid mit diesem ... Unglücklichen, jagen Sie ihn
heute nicht fort.«
»Ich denke nicht daran, er soll so lange bleiben wie er will.«
»Er wird jetzt nichts tun und ... seien Sie nicht streng gegen ihn.«
»O nein, weshalb sollte ich?«
»Und ... lachen Sie nicht über ihn, das ist das Wichtigste.«
»Oh, das fällt mir gar nicht ein!«
»Ach, ich bin dumm, daß ich das einem Menschen, wie Ihnen, auch noch
sage!« sagte Wjera errötend. »Übrigens wenn Sie auch noch müde sind,«
lachte sie, bereits halb abgewandt, um hinauszugehen, »so haben Sie
jetzt doch so prächtige Augen ... so glückliche Augen.«
»Ja? In der Tat glückliche?« fragte der Fürst lebhaft und lachte
gleichfalls erfreut.
Doch Wjera, die sonst wie ein Knabe harmlos und unbefangen war, geriet
plötzlich aus irgendeinem Grunde in Verwirrung, errötete noch mehr und
zog sich, immer noch lachend, schnell zurück.
»Was für ein ... liebes Ding ...« dachte der Fürst, vergaß sie aber
schon im nächsten Augenblick. Er setzte sich auf die Chaiselongue an der
Rückwand der Terrasse, bedeckte das Gesicht mit den Händen und verharrte
in dieser Stellung wohl zehn Minuten; plötzlich griff er schnell und
erregt in die Rocktasche und zog die drei Briefe hervor. In diesem
Augenblick öffnete sich die Tür und Koljä trat ein. Der Fürst schien
gleichsam erfreut darüber, daß er die Briefe in die Tasche
zurückschieben mußte und so der Augenblick des Lesens ein wenig
hinausgeschoben wurde.
»Nun, das war was!« sagte Koljä, ließ sich gleichfalls auf die
Chaiselongue nieder und ging wie alle seinesgleichen ohne Umschweife auf
die Hauptsache über. »Mit welchen Augen sehen Sie jetzt auf Hippolyt?
Ohne jede Achtung?«
»Wieso, weshalb das? ... Nur ... wissen Sie, Koljä, ich bin sehr müde
... Zudem wäre es auch gar zu traurig, wieder davon anzufangen ...
Übrigens, was macht er jetzt?«
»Er schläft und wird noch seine zwei Stunden schlafen. Ich begreife, Sie
haben die ganze Nacht nicht geschlafen, sind im Park gewesen ...
versteht sich, die Aufregung ... das fehlte noch!«
»Woher wissen Sie, daß ich im Park gewesen bin und nicht zu Hause
geschlafen habe?«
»Wjera sagte es mir. Sie wollte mich bereden, Sie nicht zu stören: ich
hielt's aber nicht aus -- nur auf einen Augenblick. Ich habe zwei
Stunden an seinem Bett gewacht. Jetzt habe ich Kostjä Lebedeff zur
Ablösung hingepflanzt. Burdowskij ist abgezogen. So legen Sie sich denn
hin, Fürst. Gute N--n ... nein, guten Tag! Nur, wissen Sie, ich bin
baff!«
»Natürlich ... alles das ...«
»Nein, Fürst, nein; ich bin baff über die >Beichte<! Namentlich über die
Stelle, wissen Sie, wo er von der Vorsehung und dem künftigen Leben
spricht. Dort ist ein gi--gan--tischer Gedanke!«
Der Fürst blickte Koljä freundlich an, der offenbar nur deshalb gekommen
war, um so bald wie möglich von dem >gigantischen Gedanken< reden zu
können.
»Doch die Hauptsache, die Hauptsache liegt nicht in dem einen Gedanken
allein, sondern in dem ganzen Aufbau der Sache! Wenn das ein Voltaire,
Rousseau oder Proudhon geschrieben hätte -- gut, ich würde es gelesen
und mir gemerkt haben, aber ich würde doch nicht in dem Maße baff sein.
Wenn jedoch ein Mensch, der genau weiß, daß ihm nur noch zehn Minuten
geblieben sind, so spricht -- das ist doch stolz! Das ist doch eine
höhere Unabhängigkeit des Selbstbewußtseins, das bedeutet doch einfach
direkte Herausforderung ... Nein, das ist eine wahrhaft gigantische
Geisteskraft! Und danach behaupten, er habe absichtlich das Zündhütchen
nicht hineingelegt -- das ist doch einfach niedrig, einfach abscheulich!
Aber wissen Sie, das war doch gar nicht wahr, das eine, was er da
gestern sagte: ich hatte ihm ja gar nicht beim Einpacken geholfen, das
war nur eine Finte von ihm, ich hatte seine Pistole nie gesehn; er
selbst hatte alles eingepackt, so daß ich im Augenblick ganz perplex
war. Wjera sagt, Sie würden ihn hierbehalten. Ich schwöre Ihnen, daß Sie
nichts zu befürchten brauchen, es liegt ja gar keine Gefahr vor, um so
weniger, als doch ständig jemand bei ihm ist.«
»Wer war heute nacht bei ihm?«
»Ich, Kostjä Lebedeff und Burdowskij. Keller blieb nur kurze Zeit bei
ihm, dann ging er zu Lebedeff schlafen, bei uns war kein Platz.
Ferdyschtschenko schlief gleichfalls bei Lebedeff, der ging um sieben.
Der General schläft ja stets bei Lebedeff, jetzt ist er auch schon
fortgegangen ... Lebedeff wird vielleicht bald zu Ihnen kommen, er
suchte Sie, fragte zweimal nach Ihnen, -- ich weiß nicht, was er vor
hat. Soll man ihn hereinlassen oder nicht, wenn Sie sich jetzt hinlegen?
Ich gehe gleichfalls schlafen. Ach, ja, das muß ich Ihnen doch noch
sagen: der General hat mich vorhin überaus in Erstaunen gesetzt.
Burdowskij weckte mich vor sieben, oder vielmehr fast schon um sechs;
ich ging auf einen Augenblick aus dem Zimmer -- da kommt mir der General
entgegen, und zwar noch so berauscht, daß er mich kaum erkannte, und
bleibt wie ein Pfosten vor mir stehen, bis er dann ganz plötzlich zu
sich kam. >Was macht der Kranke?< fragte er. >Ich wollte nach dem
Kranken sehn ...< Ich rapportierte, nun, soundso. >Das ist gut,< meinte
er, >aber ich kam hauptsächlich -- deshalb stand ich auch auf --, um
dich zu warnen: ich habe Grund, anzunehmen, daß man in Herrn
Ferdyschtschenkos Gegenwart nicht alles reden darf und ... die Taschen
zuknöpfen muß.< Begreifen Sie, Fürst, was das bedeuten soll?«
»Ist's möglich? Übrigens ... wir haben nichts auf dem Gewissen, uns kann
das gleichgültig sein.«
»Versteht sich, wir sind keine Verschwörer! Aber ich wunderte mich
wirklich, daß mein General deshalb in der Nacht aufsteht und mich
weckt.«
»Ferdyschtschenko ist fortgegangen, sagen Sie?«
»Ja, er ging schon um sieben, kam aber noch im Vorübergehen zu mir: ich
wachte bei Hippolyt. Er sagte nur, er gehe zu Wilkin, um weiter zu
schlafen, -- hier gibt's nämlich so einen gewissen Trunkenbold Wilkin.
Na, jetzt gehe ich. Ah! Da ist ja auch schon Lebedeff ... Der Fürst will
schlafen, Lukjan Timofeïtsch, also linksum kehrt!«
»Nur auf eine Sekunde, hochverehrter Fürst, in einer gewissen, meiner
Ansicht nach, höchst bedeutsamen Angelegenheit,« begann eintretend
Lebedeff in einem gezwungenen und von Ernst durchdrungenen Tone nicht
gerade laut, und verbeugte sich würdevoll.
Er war soeben erst zurückgekehrt und ohne in seine Wohnung zu gehen,
beim Fürsten eingetreten, weshalb er denn auch den Hut noch in der Hand
hielt. In seinem Gesicht drückte sich Besorgnis aus, sowie ein gewisser
Schimmer von Selbstbewußtsein. Der Fürst bat ihn, Platz zu nehmen.
»Sie haben zweimal nach mir gefragt? Beunruhigen Sie sich wegen des
gestrigen Vorfalls?«
»Wegen jenes Knaben, meinen Sie, Fürst? O nein. Gestern befanden sich
meine Gedanken in nicht ganz klarem Zustande ... heute jedoch
beabsichtige ich nicht, Ihnen, gleichviel worin es sei, zu
konterkarieren.«
»Zu konterka... wie sagten Sie?«
»Ich sagte: zu konterkarieren; ein französisches Wort, das, wie auch
unzählige andere seinesgleichen, in den Bestand der russischen Sprache
aufgenommen ist; doch ist mir, genau genommen, nicht viel an ihm
gelegen.«
»Was ist mit Ihnen heute, Lebedeff, Sie sind so würdevoll und gesetzt
und reden ja wie ein Buch,« fragte der Fürst, erheitert durch die Komik
des würdevollen Ernstes, der zu der ganzen Erscheinung Lebedeffs so
wenig paßte.
»Nikolai Ardalionytsch!« wandte sich Lebedeff in fast beschwörendem Tone
an Koljä, »da ich dem Fürsten etwas mitzuteilen habe, das eigentlich und
im besonderen nur ...«
»Ich versteh', ich versteh' schon, geht mich nichts an! Auf Wiedersehen,
Fürst!« Und Koljä entfernte sich sogleich.
»Ich schätze das Kind wegen seines Begriffsvermögens,« äußerte sich
Lebedeff, ihm nachblickend. »Ein feiner Knabe, wenn auch mitunter etwas
naseweis. Doch ein ungeheures Unglück ist mir widerfahren, hochverehrter
Fürst, gestern abend oder heut bei Tagesanbruch -- noch schwanke ich
selbst in der definitiven Zeitangabe.«
»Was ist denn geschehen?«
»Vierhundert Rubel sind aus meiner Rocktasche verduftet, hochverehrter
Fürst, da haben wir die Bescherung!« erklärte Lebedeff mit saurem
Lächeln.
»Sie haben vierhundert Rubel verloren? Das ist schade.«
»Und namentlich wenn's noch _nota bene_ einem armen, ehrlich von seiner
Arbeit lebenden Familienvater passiert.«
»Gewiß, gewiß, -- aber wie ist denn das zugegangen?«
»Dank dem Alkohol, der bekanntlich die Hauptsubstanz jedes Weines ist.
Ich, sehen Sie, hochverehrter Fürst, ich wende mich an Sie, wie an meine
leibhaftige Vorsehung. Die Summe von vierhundert Rubeln erhielt ich
gestern Punkt fünf Uhr nachmittags von einem Schuldner, worauf ich mit
dem nächsten Zuge hierher zurückkehrte. Die Brieftasche hatte ich in der
Brusttasche. Nachdem ich dann, zu Hause angelangt, meinen Uniformrock
mit einem Hausrock vertauscht hatte, steckte ich die Brieftasche mit dem
Gelde in die Rocktasche meines Hausrocks, da ich die Absicht hatte,
selbiges Geld noch am gleichen Abend meinem Bevollmächtigten ... zu
einem gewissen Zweck einzuhändigen.«
»Ist es wahr, Lukjan Timofeïtsch, daß Sie, wie Sie in den Zeitungen
bekanntgemacht haben sollen, auf Gold- und Silbersachen Geld leihen?«
»Durch einen Vermittler, jawohl. Mein eigener Name ist in der Annonce
nicht genannt. Zumal ich nur geringes Kapital besitze und in Anbetracht
dessen, daß meine Familie mit den Jahren heranwächst -- so ist ein
ehrlicher Prozentverdienst, das werden Sie doch zugeben ...«
»Nun ja, gewiß, ich fragte ja nur so ... verzeihen Sie, daß ich Sie
unterbrochen habe.«
»Doch mein Vermittler erschien nicht. Da wurde der Kranke gebracht; ich
befand mich bereits in einem etwas forcierten Zustande -- um sechs, nach
dem Mittagsmahl. Darauf kamen diese Gäste, tranken ... Tee, und ...
meine Stimmung hob sich, zu meinem Pech, versteht sich. Als aber dann --
das war schon ziemlich spät -- dieser Keller mit der Nachricht von Ihrem
Geburtstage erschien und als Champagner verlangt wurde, begab ich mich,
werter, hochverehrter Fürst, da ich ein Herz habe -- das werden Sie
wahrscheinlich schon bemerkt haben, denn ich verdiene es -- also ein
Herz habe, das ... ich will nicht gerade sagen, daß es gefühlvoll sei,
aber jedenfalls ist es ein dankbares Herz, wessen ich mich auch mit
Stolz rühme, -- also wie gesagt, da begab ich mich zur Erhöhung der
Feierlichkeit des bevorstehenden Empfanges und um mich auf eine
persönliche Aussprache meines Glückwunsches vorzubereiten, in mein
Schlafgemach, um meinen alten Hausrock wieder mit meinem Uniformrock zu
vertauschen, woran Sie offenbar nicht zweifeln werden, zumal Sie mich
während der ganzen Nacht im Uniformrock zu sehen geruht haben. Bei
dieser Prozedur vergaß ich jedoch die Brieftasche in der Tasche des
Hausrocks ... Kurz und gut, wenn Gott der Herr zu strafen beabsichtigt,
so beraubt er uns zuerst und vor allen Dingen der Vernunft. Und erst
heute morgen, so um halb acht herum, sprang ich plötzlich wie ein
Besessener aus dem Bett und griff nach meinem Hausrock -- die Rocktasche
war noch da, aber die Brieftasche war nicht mehr da! Die hatte nicht mal
'ne Spur von sich hinterlassen!«
»Ach, das ist aber unangenehm!«
»Sehr richtig, gerade >unangenehm<. Da haben Sie mit feinem Taktgefühl
sogleich den entsprechenden Ausdruck gefunden,« fügte er bei allem Humor
doch mit einem gewissen Ingrimm hinzu.
»Aber wie, einstweilen ...« sagte der Fürst nach kurzem Nachdenken, »das
ist doch etwas sehr Ernstes.«
»Sehr richtig, etwas sehr Ernstes -- da haben Sie eine zweite überaus
zutreffende Bezeichnung gefunden ...«
»Ach, lassen Sie doch das, Lukjan Timofeïtsch, was soll das jetzt? Hier
kommt es doch nicht auf Redewendungen und Worte an ... Glauben Sie, daß
Sie in betrunkenem Zustande die Brieftasche haben verlieren können?«
»Können kann man alles. Namentlich in betrunkenem Zustande, wie Sie sich
mit aller Aufrichtigkeit ausgedrückt haben, hochverehrter Fürst! Doch
bitte ich, eines zu bedenken: wenn die Brieftasche beim Umkleiden aus
der Rocktasche gefallen wäre, so müßte sie doch auf dem Fußboden liegen.
Wenn sie nun aber da nicht liegt?«
»Haben Sie sie nicht irgendwohin fortgelegt, in einen Kasten vielleicht,
oder in ein Schubfach?«
»Ich habe alles durchgesucht, überall nachgewühlt, um so mehr, als ich
genau wußte, daß ich keinen einzigen Kasten geöffnet und kein Schubfach
auch nur angerührt habe, dessen entsinne ich mich ganz genau.«
»Haben Sie auch im Schränkchen nachgesehen?«
»Versteht sich, dort ganz zuerst, und nicht nur einmal, sondern immer
wieder ... Aber wie hätt' ich's denn ins Schränkchen tun können, mein
aufrichtig hochverehrter Fürst?«
»Ich muß gestehen, Lebedeff, die Sache regt mich nicht wenig auf. Dann
hat es vielleicht jemand auf dem Fußboden gefunden?«
»Oder in der Rocktasche entdeckt! Wir sind allerdings vor eine solche
Alternative gestellt, wie Sie sehen!«
»Es regt mich tatsächlich auf, denn wer hätte es wohl sein können ...
Das ist die Frage!«
»Ganz ohne allen Zweifel ist das die Frage! Sie bekunden ja heute eine
wahrhaft erstaunliche Begabung im Finden treffender Worte und
bezeichnender Gedanken, und ebenso in der klaren Darlegung der Sachlage,
durchlauchtigster Fürst.«
»Ach, Lukjan Timofeïtsch, lassen Sie doch jetzt den Spott, hier ...«
»Spott!« Lebedeff hob wie in Entrüstung abwehrend die Hände empor.
»Nun, nun, nun, schon gut, ich ärgere mich ja nicht, hier handelt es
sich doch um etwas ganz anderes ... Ich fürchte nur für den Menschen,
der ... Wen verdächtigen Sie denn?«
»Das ist eben die schwierige und ... nicht minder komplizierte Frage!
Die Magd -- kann ich nicht verdächtigen, die hat in ihrer Küche
gesessen. Meine leiblichen Kinder -- das geht auch nicht gut ...«
»Das fehlte noch!«
»Also folglich -- jemand von den Gästen.«
»Aber ... ist denn das möglich?«
»Absolut und im höchsten Grade unmöglich, nur muß es nichtsdestoweniger
unbedingt der Fall sein. Indessen bin ich bereit, zuzugeben, oder ich
bin vielmehr überzeugt, daß, wenn es sich um einen Diebstahl handelt,
dieser dann nicht am Abend geschehen ist, als alle noch versammelt
waren, sondern in der Nacht oder sogar erst gegen Morgen, und zwar von
einem der Herren, die hier genächtigt haben.«
»Ach, mein Gott!«
»Burdowskij und Nikolai Ardalionytsch schließe ich selbstverständlich
aus; sie sind überhaupt nicht in meinem Zimmer gewesen.«
»Das fehlte noch! -- und selbst wenn sie in Ihrem Zimmer gewesen wären!
Wer hat denn sonst noch bei Ihnen geschlafen?«
»Mit mir zusammen waren's vier -- in zwei nebeneinander liegenden
Zimmern: ich, der General, Keller und Herr Ferdyschtschenko. Also einer
von uns vieren.«
»Das heißt einer von dreien; aber wer denn?«
»Der Ordnung und Gewissenhaftigkeit halber habe ich auch mich
mitgezählt, aber Sie werden doch zugeben, Fürst, daß ich mich nicht
selbst bestohlen haben werde, obschon auch solche Fälle in der Welt
vorgekommen sind ...«
»Ach, Lebedeff, wie langweilig Sie sind!« unterbrach ihn der Fürst
ungeduldig. »So bleiben Sie doch bei der Sache ...«
»Also; es bleiben drei. Erstens Herr Keller -- ein äußerst unbeständiger
Mensch, ein Mensch, dem das Wesen nüchterner Tage schon längst in
nebelhafte Ferne entrückt ist, und ein Mensch, der in gewissen Dingen
höchst liberale Ansichten hat, wollte sagen in Taschendingen, im übrigen
jedoch ein Mensch mit sozusagen mehr alt-ritterlichen Neigungen als mit
liberalen. Zuerst schlief er im Zimmer des Kranken und krabbelte erst
nachher zu uns herüber, und zwar mit der Motivierung, daß auf dem
Fußboden zu schlafen nichts weniger als weich, respektive angenehm sei.«
»Und Sie haben ihn im Verdacht?«
»Gehabt. Als ich um acht erwachte und wie'n Besessener aufgesprungen
war, griff ich mit der Hand an die Stirn und weckte sogleich den
General, der noch den Schlaf des Gerechten schlief. Nachdem wir dann das
seltsame Verschwinden Herrn Ferdyschtschenkos wohl erwogen hatten, was
wiederum manchen Argwohn in uns erweckt hatte, beschlossen wir sogleich,
Herrn Keller näher zu untersuchen, da dieser noch nicht verschwunden
war, sondern wie ... wie festgenagelt dalag. Wir verrichteten unsere
Sache mit aller Gründlichkeit: in seinen Taschen fand sich aber auch
keine einzige Kopeke. Dafür entdeckten wir ein Schnupftuch, ein
blaukariertes, baumwollenes, in einem Zustande, über den man besser
Schweigen wahrt. Ferner beförderten wir einen Liebesbrief zutage, von
einem Stubenmädchen, das Geld verlangt und mit Verschiedenem droht; und
schließlich noch Fetzen des bekannten Feuilletons. Der General
entschied, daß er unschuldig sei. Zur Vergewisserung der Richtigkeit des
Urteiles weckten wir ihn auf, was durchaus nicht so einfach war und uns
erst nach längeren Bemühungen gelang: er begriff aber kaum, um was es
sich handelte, tat nur den Mund auf, stierte vor sich hin, mit einem
Gesichtsausdruck: blödsinnig und unschuldig, sogar dumm, kann man sagen,
-- nein, der war es nicht!«
»Nun, das freut mich!« atmete der Fürst erfreut auf. »Ich fürchtete
wirklich für ihn!«
»Sie fürchteten? ... Dann hatten Sie also Ursache dazu?« forschte
Lebedeff blinzelnd.
»O nein, das nicht, ich meinte nur ...« Der Fürst stockte. »Ich habe
mich da sehr dumm ausgedrückt und unüberlegt ... Seien Sie so gut,
Lebedeff, und erzählen Sie es keinem ...«
»Fürst! Fürst! Ihre Worte ruhen in meinem Herzen ... in der tiefsten
Tiefe meines Herzens! Und dort ist ein Grab! ...« beteuerte Lebedeff
halb wie in Verzückung, indem er den Hut in der Herzgegend an sich
drückte.
»Gut, gut ... Also dann Ferdyschtschenko? Das heißt, ich meine nur, dann
verdächtigen Sie wohl Herrn Ferdyschtschenko?«
»Wen denn sonst?« fragte Lebedeff leise mit aufmerksamem Blick auf den
Fürsten.
»Nun ja, versteht sich ... wen könnte man denn sonst ... das heißt,
haben Sie denn Beweise?«
»Die habe ich. Erstens: sein Verschwinden um sieben Uhr oder noch
früher.«
»Ich weiß, Koljä erzählte mir, daß er zu ihm gekommen sei und gesagt
habe, daß er lieber zu ... ich habe den Namen vergessen -- zu seinem
Freunde schlafen gehen wolle.«
»Zu Wilkin. Dann weiß es Nikolai Ardalionytsch schon?«
»Von dem Diebstahl hat er nichts gesagt.«
»Kann er auch gar nicht, denn er weiß ja doch noch nichts davon. Ich
behandle die Sache vorläufig als größtes Geheimnis. Also: er geht zu
Wilkin. Nun sollte man meinen, nicht wahr, daß es doch nichts auf sich
haben könne, wenn ein betrunkener Mensch zu einem ebenso betrunkenen
geht, selbst wenn er es ohne jeden triftigen Grund und womöglich schon
bei Tagesanbruch tut? Aber sehen Sie, gerade hier beginnt die Spur
deutlich zu werden: beim Fortgehen hinterläßt er noch die Adresse ...
Passen Sie jetzt auf, Fürst, jetzt fragt es sich: weshalb sagte er,
wohin er geht? ... Weshalb geht er absichtlich zu Nikolai Ardalionytsch,
obgleich das einen Umweg bedeutet, um ihm zu sagen, daß er zu Wilkin
geht? Und wen kann's denn schließlich interessieren, daß er fortgeht,
selbst wenn er zu Wilkin geht? Weshalb meldet er das vorher? Nein, sehen
Sie, das ist Raffiniertheit, diebische Geriebenheit! Das bedeutet soviel
wie: >Seht, ich verheimliche meine Schritte absichtlich nicht, wie kann
ich also ein Dieb sein? Würde denn ein Dieb sagen, wohin er geht?< Das
aber ist doch nichts als ein Ausdruck des Verlangens, den Verdacht von
sich abzulenken und seine Spuren sozusagen im Sande zu verwischen ...
Haben Sie meinen Gedanken begriffen, hochverehrter Fürst?«
»Ja, sogar sehr gut begriffen, aber das allein ist doch zu wenig!«
»Warten Sie 'n bißchen, jetzt folgt sogleich der zweite Beweis: die Spur
ist falsch und die gegebene Adresse ungenau. Nach einer Stunde, schon um
acht, klopfte ich bei Wilkin -- der wohnt hier nicht sehr weit, in einer
der nächsten Straßen ... ich bin sogar bekannt mit ihm. Von meinem
Ferdyschtschenko war jedoch dort nichts vorhanden, noch zu entdecken.
Von der Dienstmagd erfuhr ich dann mit Müh und Not -- es ist ein dummes
Weibsbild --, daß vor etwa einer Stunde allerdings jemand Einlaß begehrt
habe, und zwar ziemlich nachdrücklich, da der Betreffende den Klingelzug
abgerissen habe. Doch die Dienstmagd hatte ihm die Tür nicht aufgemacht,
um, wie sie vorgab, den Herrn nicht zu wecken, vielleicht aber auch, um
sich selbst nicht zu wecken. So etwas pflegt mitunter vorzukommen.«
»Sind das alle Ihre Beweise? Es ist wenig.«
»Fürst, wen soll man denn sonst verdächtigen, bedenken Sie doch nur
das!« bat Lebedeff nicht ohne Galgenhumor -- doch lag in seinem
Augenzwinkern und Lächeln eine gewisse Listigkeit.
»Suchen Sie doch noch einmal im Zimmer und in den Schubfächern!« rief
der Fürst nachdenklich und mit besorgter Miene.
»Fürst, das habe ich schon bedeutend mehr als einmal getan,« seufzte
Lebedeff in komischer Ergebenheit.
»Hm! ... aber weshalb, wozu hatten Sie es nötig, sich umzukleiden?«
ärgerte sich der Fürst, und er schlug mit der Faust auf den Tisch --
allerdings nicht allzu stark.
»Die Frage stammt aus einer alten Komödie. Aber, edelster, bester Fürst,
Sie nehmen sich mein Unglück nachgerade doch gar zu sehr zu Herzen! Das
bin ich ja gar nicht wert. Das heißt, ich allein bin es nicht wert, aber
Sie leiden ja auch für den Verbrecher ... für den nichtsnutzigen Herrn
Ferdyschtschenko!«
»Nun ja, ich bin in der Tat besorgt,« sagte der Fürst zerstreut. »Aber
was beabsichtigen Sie nun zu tun ... wenn Sie so überzeugt sind, daß es
Ferdyschtschenko gewesen ist?«
»Fürst, hochverehrter Fürst, wer soll's denn sonst gewesen sein?«
entschuldigte sich mit wachsender Rührung Lebedeff. »Ist doch schon der
Mangel an einer anderen Verdachtsmöglichkeit, ich meine, der Mangel an
jeder Möglichkeit, einen anderen als Ferdyschtschenko zu verdächtigen,
ein neuer Beweis gegen Ferdyschtschenko, der dritte Beweis! Denn, ich
frage Sie nochmals, wer hätte sie sonst nehmen können? Ich kann doch
nicht Herrn Burdowskij verdächtigen, he--he--he!«
»Ach, reden Sie nicht solch einen Blödsinn!«
»Und schließlich doch auch nicht den General, he--he--he?«
»Welch ein Unsinn!« sagte der Fürst ärgerlich und bewegte sich
ungeduldig auf seinem Platz.
»Selbstverständlich ist das Unsinn! He--he--he! Aber hat mich der Mensch
doch erheitert heute, weiß Gott! -- ich rede vom General. Wir gehen
beide flugs auf frischer Spur zu Wilkin ... aber ich muß Ihnen doch noch
sagen, daß der General zu Anfang fast noch mehr erschrocken war als ich!
Ganz zuerst als ich ihn im ersten Schrecken sogleich aufweckte, erschrak
er so, daß er sich sogar im Gesicht vollkommen veränderte: wurde bleich,
wurde rot, und geriet dann plötzlich in solche Wut, war so aufrichtig
entrüstet und empört, daß ich mich wirklich nur wunderte, zumal ich's
von ihm gar nicht erwartet hätte. Ein edler Mensch, wie man sieht! Er
lügt zwar ununterbrochen, aber er birgt die höchsten Gefühle in seiner
Brust, zudem ist er nicht gerade sehr gedankenreich und flößt einem
durch seine Unschuld das größte Zutrauen ein. Ich habe Ihnen bereits
einmal gesagt, hochverehrter Fürst, daß ich für ihn nicht nur eine
Schwäche, sondern geradezu Liebe empfinde. Plötzlich bleibt er mitten
auf der Straße stehen, reißt seinen Rock auf, entblößt die Brust.
>Durchsuche mich<, sagt er, >du hast Keller durchsucht, weshalb
durchsuchst du nicht auch mich? Du mußt es tun, das verlangt die
Gerechtigkeit!< Seine Hände und Füße aber zittern nur so, er erbleicht
sogar und steht fast drohend vor mir. Ich lachte. >Hör' mal, General,<
sagte ich, >wenn jemand anderes dich dessen verdächtigen wollte, so
würde ich mit meinen eignen Händen meinen Kopf abnehmen, auf eine große
Schale setzen und ihn persönlich allen Zweiflern anbieten.< >Seht ihr
diesen Kopf?< würde ich sie fragen, >nun dann seht: mit diesem meinen
eigenen Kopf stehe ich für ihn ein, und nicht nur mit dem Kopf, sondern
auch mit dem ganzen Körper, wenn's beliebt, und das nicht nur in der
Luft, sondern sogar im Feuer!< >Siehst du jetzt,< fragte ich, >wie groß
mein Vertrauen in dich ist!< Da stürzte er mir in die Arme -- alles
mitten auf der Straße, nicht zu vergessen -- brach in Tränen aus,
zitterte nur so und preßte mich so fest an seine Brust, daß ich kaum
noch atmen konnte. >Du bist mein einziger Freund,< sagte er, >der
einzige, der mir in meinem Unglück treugeblieben ist!< Tja, ein
gefühlvoller Mensch ist er, das muß man ihm lassen! Nun und dann,
versteht sich, erzählte er sogleich eine Geschichte: wie er in seiner
Jugend einmal gleichfalls eines Diebstahls verdächtigt worden sei, und
zwar hatte es sich damals um fünfhunderttausend Rubel gehandelt. Doch am
nächsten Tage hatte er sich in ein brennendes Haus gestürzt und aus den
Flammen den ihn verdächtigenden Grafen samt Nina Alexandrowna
hervorgezogen, die damals noch nicht mit ihm verheiratet war. Der Graf
hatte ihn umarmt, und das Ereignis hatte seine Verlobung mit Nina
Alexandrowna zur Folge gehabt, am nächsten Tage aber hatte man unter den
Trümmern des Hauses die Schatulle mit dem vermißten Gelde gefunden. Sie
war in England gefertigt, von ganz besonderer Bauart aus Stahl und
Eisen, mit doppeltem Verschluß und noch etlichen Geheimschlössern, und
war vorher auf irgendeine Weise unter den Fußboden geraten, so daß
niemand sie hatte finden können: nun und durch diesen Brandschaden war
sie wieder zutage befördert worden. Kurzum -- alles wüste Lüge und
blühende Phantasie. Als er aber auf Nina Alexandrowna zu sprechen kam,
schluchzte er. Eine edle Dame, diese Nina Alexandrowna, obschon sie auf
mich böse ist.«
»Sie kennen sie?«
»Beinahe. Das heißt, beinahe nicht, aber ich wünschte es von Herzen,
wenn auch nur, um mich vor ihr rechtfertigen zu können. Sie behauptet
nämlich von mir, daß ich ihren Gatten hier zum Trinken verführe, während
ich doch in Wirklichkeit eher das Gegenteil tue, indem ich ihn vor einer
noch verderblicheren Gesellschaft bewahre. Zudem ist er mein Freund, und
ich garantiere Ihnen, daß ich ihn hinfort nicht mehr verlassen werde,
und das sogar so buchstäblich, daß überall, wo er ist und steht, auch
ich bin und stehe -- denn ihn kann man doch wirklich nur mit Gemüt
behandeln. Jetzt hat er seine Visiten bei der Kapitanscha ganz
eingestellt, obschon es ihn innerlich noch sehr zu ihr drängt, was er
mitunter durch Seufzer verrät, was wiederum namentlich jeden Morgen
geschieht, wenn er sich erhebt und stöhnend seine Stiefel anzieht --
weshalb jedoch gerade zu dieser Zeit, vermag ich Ihnen nicht zu sagen.
Geld hat er nicht, das ist das ganze Unglück, ohne Geld aber darf er ihr
nicht unter die Augen kommen. Hat er Sie noch nicht um Geld gebeten,
hochverehrter Fürst?«
»Nein, er hat mich nicht darum gebeten.«
»Schämt sich. Aber er wollte es tun, gestand mir sogar, daß er Sie zu
beunruhigen beabsichtige, doch schäme er sich, da Sie ihn ja vor kurzem
noch ausgekauft hätten, und, überdies ist er der Meinung, daß Sie ihm
nichts geben würden. Er hat mir als seinem Freunde sein ganzes Herz
ausgeschüttet.«
»Und Sie, Sie geben ihm kein Geld?«
»Fürst! Durchlauchtigster Fürst! Diesem Menschen würde ich nicht nur
Geld, sondern sozusagen sogar mein Leben ... übrigens, nein, ich will
nicht übertreiben, -- mein Leben nicht, aber sozusagen 'ne kleine
Influenza, irgend so'n Geschwür oder selbst einen Husten -- das, bei
Gott, das bin ich bereit für ihn zu erdulden, wenn es nun gerade
wirklich sehr nötig sein sollte ... denn ich halte ihn für einen großen,
wenn auch verdorbenen Menschen! Jawohl! Sehen Sie, nicht nur Geld!«
»So geben Sie ihm also welches?«
»N--n--nein, Geld habe ich ihm noch nicht gegeben und er weiß es selbst,
daß ich es ihm nicht geben werde, aber das geschieht doch nur im
Hinblick auf seine Mäßigung und Besserung. Heute begab er sich mit mir
nach Petersburg -- ich fuhr doch sogleich hin, um Herrn Ferdyschtschenko
auf frischer Spur zu verfolgen, denn ich wußte genau, daß er nach
Petersburg gefahren war. Mein General kochte nur so. Mir ahnte so was,
daß er in Petersburg von meiner Seite verschwinden würde, um seine
Kapitanscha aufzusuchen. Ich, ich muß gestehen, ich ließ ihn beinahe mit
Absicht von mir fort. Wir waren überein gekommen, uns bei der Ankunft
sogleich zu trennen, da es uns auf diese Weise leichter sein würde, den
Schuldigen zu ertappen. Also wir trennten uns -- und jetzt will ich ihn
bei der Kapitanscha aufsuchen ... wenn auch eigentlich nur deshalb, um
ihn als Familienvater und als Menschen überhaupt zu beschämen.«
»Nur machen Sie keinen unnützen Lärm, Lebedeff, sagen Sie um
Gotteswillen keinem ein Wort davon,« bat der Fürst halblaut in großer
Unruhe.
»O nein, ich will ja im Grunde nur deshalb hingehen, um ihn zu
beschämen, und dann auch, um zu sehen, was für eine Physiognomie er
machen wird, -- denn aus der Physiognomie kann man auf vieles schließen,
hochverehrter Fürst, und besonders noch bei solch einem Menschen! Ach,
Fürst! Wie groß aber auch mein eigenes Unglück im gegenwärtigen
Augenblick ist, so kann ich doch nicht umhin, auch an die Hebung seiner
Sittlichkeit zu denken. Deshalb habe ich an Sie eine große Bitte,
durchlauchtigster Fürst, die genau genommen auch der Grund meines
Kommens ist: Sie sind mit seiner Familie bekannt, haben sogar dort
gewohnt -- wenn Sie nun also, edelster Fürst, sich dazu entschließen
könnten, mir ein wenig behilflich zu sein, einzig zum Glücke des
Generals ...«
Lebedeff faltete die Hände in inständiger Bitte.
»Aber, wie soll ich Ihnen denn behilflich sein? Ich verstehe Sie nicht,
Lebedeff.«
»... Einzig in dieser meiner Überzeugung bin ich zu Ihnen gekommen! Zum
Beispiel könnte man doch durch Nina Alexandrowna auf ihn einwirken,
indem man sozusagen im Schoße der eigenen Familie liebevoll ein
achtsames Auge auf ihn hat. Ich selbst bin zum Unglück nicht mit ihr
bekannt ... ferner könnte auch Nikolai Ardalionytsch, der Ihnen doch mit
allen Fasern seines jungen Herzens ergeben ist, gleichfalls behilflich
sein ...«
»Nein, Nina Alexandrowna darf von dieser ganzen Sache nichts erfahren,
und Koljä ebensowenig ... Ich verstehe Sie aber noch nicht ganz,
Lebedeff.«
»Aber hier ist doch nichts zu verstehen!« rief Lebedeff und sprang vom
Stuhl auf. »Nichts, nichts als Zärtlichkeit und Gefühl sind hier nötig
-- das ist das einzige Mittel für unseren Kranken. Sie, Fürst, werden
mir doch erlauben, ihn als Kranken zu betrachten?«
»Das zeugt nur von Ihrem Zartgefühl und Ihrer Einsicht.«
»Ich will es Ihnen durch ein Beispiel erklären, das ich um der größeren
Klarheit willen aus der Praxis nehme. Sehen Sie, was das für ein Mensch
ist: da hat er nun diese seine Schwäche für die Kapitanscha, der er sich
aber ohne Geldmittel nicht zeigen darf, und bei der ich ihn heute zu
ertappen gedenke, zu seinem eigenen Glück, versteht sich. Doch gesetzt
den Fall, daß er ein richtiges Verbrechen begangen, nun, ... irgendeine
ehrlose Handlung -- wenn er dazu auch absolut unfähig ist -- so würde
man doch dann, sage ich, einzig mit so einer gewissen Sensibilität alles
bei ihm erreichen, denn er ist ein selten feinfühliger Mensch! Glauben
Sie mir, keine fünf Tage würde er es aushalten! -- Würde sich selbst
verraten, in Tränen ausbrechen, alles gestehen, -- und namentlich,
namentlich wenn man noch geschickt vorgeht und edelmütig -- und durch
das Auge der liebenden Familie oder durch Ihr Auge alle seine Schritte
sorgsam verfolgt ... Oh, edelster Fürst!« Lebedeff wollte fast
aufspringen vor Begeisterung. »Ich behaupte ja nicht, daß er es
unfehlbar sei ... Ich bin ja sozusagen sogar bereit, mein ganzes Blut
für ihn sogleich hinzugeben, aber ein solches Leben, dazu die
Trunkenheit und die Kapitanscha -- das alles kann einen doch noch zu
ganz anderen Dingen verleiten!«
»Wenn es sich so verhält, dann werde ich Ihnen gern behilflich sein,«
sagte der Fürst, sich gleichfalls erhebend, »nur will ich Ihnen
gestehen, Lebedeff, daß mich die Sache ernstlich beunruhigt. Sagen Sie,
Sie ... Sie sagten doch selbst, daß Sie Herrn Ferdyschtschenko
verdächtigten?«
»Ja, aber wen denn sonst? Ich bitte Sie, wen denn sonst, mein gütigster
Fürst?« Lebedeff legte mit rührendem Lächeln wieder wie betend die Hände
zusammen.
»Sehen Sie, Lukjan Timofeïtsch, hier kann es sich um ein großes Versehen
handeln. Dieser Ferdyschtschenko ... ich meine nur, daß man doch
schließlich nicht wissen kann, ob nicht er ... Das heißt, ich will nur
sagen, daß er vielleicht tatsächlich eher dazu fähig ist, als ... als
der andere ...«
Lebedeff spitzte Ohren und Augen.
»Sehen Sie,« verwirrte und ärgerte sich der Fürst immer mehr, indem er
auf und ab zu gehen begann und sich bemühte, Lebedeff nicht anzusehen,
»man hat mir mitgeteilt ... man hat mir von diesem Herrn
Ferdyschtschenko gesagt, daß er ... außerdem solch ein Mensch sei ...
daß man besser tut, in seiner Gegenwart nichts ... Überflüssiges zu
reden -- Sie verstehen? Ich meine ja nur, daß er vielleicht wirklich
eher fähig dazu wäre, als der andere ... Ich teile es Ihnen bloß mit, um
einen vielleicht grausamen Irrtum zu verhüten, Sie verstehen mich doch?«
»Wer hat Ihnen das von Herrn Ferdyschtschenko mitgeteilt?« fragte
Lebedeff fast zitternd vor Spannung.
»So ... man hat es mir so zu verstehen gegeben. Übrigens glaube ich
selbst noch nicht daran ... es ist mir sehr unangenehm, daß ich es habe
weitererzählen müssen, aber ich versichere Ihnen nochmals, daß ich
selbst nicht daran glaube ... das ist bestimmt nur leeres Geschwätz ...
Pfui, wie dumm ich gehandelt habe!«
»Sehen Sie, Fürst,« begann Lebedeff, immer noch am ganzen Körper
zitternd, »das ist sehr wichtig, was Sie da von Herrn Ferdyschtschenko
sagen, und namentlich, namentlich ist's die Frage, wie Ihnen das zu
Ohren gekommen ist.« Und Lebedeff lief, während er sprach, in größter
Aufregung hinter dem Fürsten her, von einer Ecke zur anderen und wieder
zurück, bemüht, mit ihm gleichen Schritt zu halten. »Sehen Sie, Fürst,
jetzt werde auch ich Ihnen etwas mitteilen: als wir vorhin beide zu
Wilkin eilten, begann der General, nach der Erzählung des Brandes, und
natürlich in edler Entrüstung, ähnliche Anspielungen auf Herrn
Ferdyschtschenko zu machen, doch kamen sie mir so ungereimt vor, daß ich
einige Fragen an ihn stellte. Auf diese Weise überzeugte ich mich
vollkommen, daß diese ganze Verdächtigung Ferdyschtschenkos einzig,
sagen wir, auf das Betätigungsbedürfnis der Phantasie des Generals
zurückzuführen war ... Oder eigentlich, sozusagen, auf seine
Seelengröße. Denn er lügt ja doch nur deshalb, weil er seinen
Überschwang nicht meistern kann. Nun beachten Sie folgendes: wenn er nun
gelogen hat, wovon ich überzeugt bin, und die ganze Geschichte folglich
von ihm frei erfunden ist, wie ist es dann zugegangen, daß auch Sie
dasselbe haben hören können? Das ist sehr wichtig ... das ist von
ungeheurer Wichtigkeit ...«
»Mir hat es vorhin Koljä mitgeteilt und dem hatte es der Vater, der
General, gesagt, als er ihm um sechs oder nach sechs im Flur begegnet
war.«
Und der Fürst erzählte ausführlicher, was Koljä ihm gesagt hatte.
»Das ... das ... da haben wir jetzt genau das, was man eine richtige
Fährte nennt!« lachte händereibend Lebedeff leise vor sich hin. »So
dacht' ich's mir! Das bedeutet, daß der General absichtlich seinen
unschuldigen Schlaf um sechs Uhr morgens unterbrochen hat, um sein
Söhnchen zu wecken und ihm mitzuteilen, daß es gefährlich sei,
Ferdyschtschenko zum Nachbar zu haben! Wie kann nun Herr
Ferdyschtschenko noch gefährlich sein, ich bitte Sie! -- und wie gefällt
Ihnen die väterliche Besorgnis seiner Exzellenz, he--he--he! ...«
»Hören Sie, Lebedeff,« -- der Fürst war äußerst betreten -- »hören Sie,
daß Sie aber keinen Lärm machen! Handeln Sie im stillen! Ich bitte Sie
darum, Lebedeff, ich bitte Sie inständig! ... Nur in dem Falle werde ich
Ihnen behilflich sein, wenn niemand etwas davon erfährt, es darf niemand
auch nur ein Wort erfahren!«
»Seien Sie versichert, bester, edelster, durchlauchtigster Fürst,« rief
Lebedeff in Ekstase, »seien Sie versichert, daß das Ganze einzig in
meinem gleichfalls edelmütigen Herzen wie in einem Grabe ruhen wird! Und
mit leisen Schritten gehen wir gemeinsam vor, mit leisen Schritten! Ich
würde sogar mein ganzes Blut ... Durchlauchtigster Fürst, ich bin sowohl
geistig wie seelisch ein niedriger Mensch, aber fragen Sie wen Sie
wollen, sogar einen richtigen Schuft, nicht nur einen bloß niedrigen
Menschen: mit wem er lieber zu tun hat, mit einem Schuft, wie er selbst
einer ist, oder mit dem edelsten Menschen, wie Sie einer sind,
hochverehrter Fürst? Sie können sicher sein, daß er die Frage zugunsten
des letzteren beantworten wird und eben darin liegt der Triumph der
Tugend! ... Auf Wiedersehen, hochverehrter Fürst! Also mit leisen
Schritten ... Ganz sacht! ... Und vorsichtig ...«