Als der Fürst am Abend dieses Tages wieder im Park umherstrich, begriff
er endlich, weshalb ihn jedesmal ein Kältegefühl durchrieselte, sobald
er die drei Briefe in seiner Tasche berührte, und weshalb er das Lesen
derselben bis jetzt noch immer hinausgeschoben hatte. Er hatte sich am
Morgen, bevor er sich hingelegt, nicht entschließen können, auch nur
einen der drei Briefe hervorzuziehen, und später hatte ihn der Schlaf
übermannt -- und wieder hatte er einen schweren Traum gehabt. Wieder war
_sie_ zu ihm gekommen, jene »Verbrecherin«. Wieder hatte sie ihn
angesehen mit glänzenden Tränen an den langen Wimpern. Wieder hatte sie
ihn zu sich gerufen, und wieder mußte er, ganz wie am Morgen, mit Qual
an ihr Gesicht denken. Er hatte sich erheben und sogleich zu ihr gehen
wollen, hatte es jedoch nicht vermocht. Und dann hatte er endlich fast
verzweifelt die Briefe hervorgezogen und zu lesen begonnen ...
Diese Briefe glichen gleichfalls einem Traum. Wie oft hat man nicht ganz
unmögliche und widernatürliche Träume. Beim Erwachen entsinnt man sich
ihrer noch genau und wundert sich über die seltsamen Tatsachen. Zuerst
entsinnt man sich, daß die Vernunft einen während der ganzen Dauer des
Traumes keinen Augenblick verlassen hat, man entsinnt sich sogar, daß
man während der ganzen langen, langen Zeit, in der man von Räubern und
Mördern umgeben war, tatsächlich sehr schlau und logisch gehandelt hat.
Man entsinnt sich, wie sie mit einem scherzten und dabei doch klug ihre
Absicht verbargen und sich freundschaftlich benahmen, wenn sie auch alle
ihre Waffen schon in Bereitschaft hatten und nur noch auf einen Wink
warteten. Man entsinnt sich, wie schlau man sie schließlich betrogen und
sich vor ihnen versteckt hat, und wie man dann erraten, daß sie den
ganzen Betrug schon längst durchschauten und es nur nicht merken lassen
wollten, daß sie ganz genau wußten, wo man sich versteckt hielt -- dann
aber wurde man selbst noch schlauer und betrog sie erst recht. Wie aber
geht es zu, daß die Vernunft zu derselben Zeit so augenscheinlichen
Blödsinn und so auf der Hand liegende Unmöglichkeiten -- aus denen der
ganze Traum fast ausschließlich bestanden --, hat zulassen können? Einer
der Mörder verwandelt sich zum Beispiel in eine Frau und die Frau in
einen kleinen, schlauen, abscheulichen Zwerg, die Vernunft aber sträubt
sich nicht im geringsten dagegen -- sie akzeptiert die Metamorphose
vollkommen, eben als vollendete Tatsache. Und das geschieht ohne die
geringste Verwunderung, während doch die Vernunft gleichzeitig
ungewöhnlich scharf arbeitet und eine geradezu seltene Schlauheit und
Logik beweist. Weshalb hat man dann, wenn man aus dem Traum bereits
erwacht und wieder ganz in der Wirklichkeit ist, jedesmal das Gefühl --
bisweilen ist der Eindruck sogar von ungeheurer Stärke --, daß einen
zusammen mit dem Traum etwas für uns ganz Unerratbares, Unwißbares
verlassen habe? Man lächelt über die Absurdität des Traumes und fühlt
doch gleichzeitig, daß in der Verflechtung dieser Absurditäten irgendein
Sinn enthalten ist, und zwar ein wirklicher Sinn, der bereits zu unserem
wirklichen Leben gehört, ein Etwas, das in unserem Herzen vorhanden und
sogar immer vorhanden gewesen ist; der Traum scheint uns etwas Neues,
Prophetisches, von uns Erwartetes gesagt zu haben; der Eindruck ist
stark, gleichviel ob freudiger oder quälender Art, doch worin er
bestanden, was er enthält, und was einem gesagt worden ist -- das können
wir weder begreifen, noch uns dessen entsinnen.
Fast dasselbe empfand der Fürst auch nach dem Lesen dieser Briefe. Doch
noch bevor er den ersten dem Kuvert entnommen hatte, empfand der Fürst
die Tatsache der Existenz dieser Briefe, die bloße Möglichkeit, daß sie
überhaupt geschrieben werden konnten, als etwas traumhaft Unmögliches,
das auch jetzt in wachem Zustande wie ein Alp auf ihm lag. »Wie hat
_sie_ sich entschließen können, an _Aglaja_ zu schreiben?« fragte er
sich gequält immer wieder, als er -- es war inzwischen Abend geworden --
umherging, ohne selbst zu wissen, wo er sich befand. »Wie konnte sie
_davon_ schreiben, wie konnte nur ein so wahnsinniger Gedanke in ihrem
Gehirn entstehen?« Doch der Gedanke war bereits Wirklichkeit geworden,
und am meisten wunderte ihn jetzt nur noch das, daß er schon während des
Lesens an die Möglichkeit dieses Gedankens zu glauben und ihn fast sogar
zu rechtfertigen begonnen hatte. Natürlich war das alles nur Traum,
Alpdruck und Wahnsinn, doch war hier außerdem noch irgend etwas, etwas
quälend Wirkliches und märtyrerhaft Gerechtes, das alles zusammen, den
Traum und den Alpdruck und den Wahnsinn rechtfertigte. Nachdem er die
Briefe gelesen, befand er sich mehrere Stunden wie in einem
Traumzustand, in dem einzelne Sätze und Worte phantastisch durch seine
Gedanken zogen, bis ihn dann irgendein Ausdruck stutzig machte und er
grübelnd über ihn nachzudenken begann. Bisweilen wollte er sich sogar
sagen, daß er alles das schon vorausgeahnt habe, ja es schien ihm sogar,
daß er alles das schon früher, irgend einmal vor langer, langer Zeit
gelesen habe, und daß alles, was ihn seit der Zeit gequält und
geängstigt hatte -- daß alles das in diesen schon vor langer Zeit von
ihm gelesenen Briefen enthalten war.
»Wenn Sie diesen Brief entfaltet haben,« begann das erste Schreiben, »so
blicken Sie zuerst nach der Unterschrift. Die Unterschrift wird Ihnen
alles sagen und alles erklären, so daß ich mich weiter nicht zu
rechtfertigen und Ihnen auch nichts mehr zu erklären brauche. Wenn ich
auch nur einigermaßen als Ihnen gleichstehend gelten könnte, würde diese
Dreistigkeit meinerseits Sie vielleicht beleidigen, aber wer bin ich und
wer sind Sie? Wir sind zwei solche Gegensätze und ich stehe so außerhalb
Ihres Lebenskreises, daß ich Sie überhaupt nicht beleidigen könnte,
selbst wenn ich es wollte.«
An einer anderen Stelle schrieb sie weiter:
»Halten Sie meine Worte nicht für krankhafte Begeisterung eines kranken
Geistes, wenn ich Ihnen sage, daß Sie in meinen Augen die --
Vollkommenheit selbst sind! Ich habe Sie gesehen, ich sehe Sie jeden
Tag. Ich kritisiere Sie dabei nicht, ich habe nicht etwa mit meiner
Vernunft eingesehen, daß Sie vollkommen sind -- es ist einfach mein
Glaube und dieser Glaube macht mich selig. Aber ich muß Ihnen auch meine
große Schuld gestehn: ich liebe Sie. Eine Vollkommenheit kann man aber
doch nicht lieben! die kann man doch nur als Vollkommenheit betrachten,
nicht wahr? Und doch bin ich verliebt in Sie. Nur beunruhigen Sie sich
deshalb nicht, denn wenn auch Liebe die Menschen gleich macht, so habe
ich dabei doch nicht an irgendeine Gleichheit zwischen uns gedacht,
nicht einmal in meinen heimlichsten Gedanken, glauben Sie es mir. Da
habe ich geschrieben: >beunruhigen Sie sich nicht<, -- können Sie sich
denn überhaupt deshalb beunruhigen? ... Wenn es möglich wäre, würde ich
die Spuren Ihrer Füße küssen. Oh, ich will mich nicht mit Ihnen
gleichstellen ... Blicken Sie nach der Unterschrift, blicken Sie schnell
nach der Unterschrift!«
»Ich bemerke soeben,« schrieb sie im zweiten Brief, »daß ich Sie mit ihm
vereinigen will, ohne überhaupt gefragt zu haben, ob auch Sie ihn
lieben. Er hat Sie liebgewonnen, nachdem er Sie nur einmal gesehen hat.
In seiner Erinnerung waren Sie ihm etwas >Lichtes< -- das ist sein
eigener Ausdruck, ich habe ihn von ihm selbst gehört. Doch ich habe auch
ohne Worte begriffen, daß Sie für ihn >Licht< sind. Ich habe einen
ganzen Monat neben ihm gelebt und da habe ich es gefühlt, daß auch Sie
ihn lieben. Sie und er sind für mich eines.«
»Gestern ging ich an Ihnen vorüber,« schrieb sie weiter, »und ich
glaubte zu bemerken, daß Sie erröteten. Aber das kann doch nicht sein,
ich muß mich getäuscht haben. Selbst wenn man Sie in die schmutzigste
Höhle führen und Ihnen das nackte Laster zeigen würde, dürften Sie nicht
erröten; es ist ganz ausgeschlossen, daß eine Beleidigung Sie kränken
könnte. Sie können wohl alle Gemeinen und Niedrigen hassen, aber nicht
... von sich aus, sondern für andere, für jene, die von ihnen gekränkt
werden. Sie dagegen wird niemand beleidigen können. Wissen Sie, ich
glaube, daß Sie mich sogar lieben müssen. Für mich sind Sie dasselbe,
was Sie für ihn sind: ein lichter Geist. Ein Engel kann nicht hassen, er
kann nur lieben. Kann man aber alle lieben, alle Menschen, alle seine
Nächsten? (Ich habe oft diese Frage an mich gestellt.) Gewiß nicht, und
das ist sogar ganz natürlich. (In der abstrakten Liebe zur Menschheit
liebt man fast immer nur sich selbst.) Uns ist jene Liebe unmöglich, Sie
aber sind etwas ganz anderes: wie wäre es Ihnen möglich, _nicht_
jemanden zu lieben, da Sie sich doch mit keinem vergleichen können und
über jeder Beleidigung stehen, sogar über jedem persönlichen Unwillen.
Sie allein können ohne Egoismus lieben, Sie allein können es nicht für
sich selbst, sondern für jenen tun, den Sie lieben. Oh, wie bitter wäre
es für mich, zu erfahren, daß Sie bei dem Gedanken an mich Scham oder
Zorn empfänden! Das wäre ja dann _Ihr Sturz_: Sie würden sofort bis zu
mir herabsinken, mit mir auf einer Stufe stehen ...« »Als ich gestern
nach der Begegnung mit Ihnen nach Hause kam, sah ich im Geiste ein Bild
vor mir, das noch nie gemalt worden ist. Christus wird von den Malern
immer nach irgendeiner Schilderung des Evangeliums dargestellt, und nie
als völlig Abseitsstehender, als einsamer Mensch. Ich würde ihn gern
einmal mit einem kleinen Kinde dargestellt sehen, dessen Kindererzählung
er vielleicht soeben noch angehört, dessen blondes Kinderköpfchen er
vielleicht soeben noch gestreichelt hat. Vielleicht ist auch seine Hand
noch auf dem Kinderkopf ruhen geblieben, während er schon
gedankenversunken in die Ferne blickt und in seinem Blick ein Gedanke so
groß wie die Welt ruht. Dieser schweigende Mensch in der Abendstimmung,
vor dem fernen Horizont -- das wäre ein Bild, das ich gern einmal sehen
möchte ... Sie sind unschuldig, und in Ihrer Unschuld liegt Ihre ganze
Vollkommenheit. Oh, vergessen Sie das nie! Was geht Sie meine
Leidenschaft für Sie an? Jetzt sind Sie bereits mein, und ich werde mein
ganzes Leben lang bei Ihnen sein ... Ich werde bald sterben.«
Schließlich, im letzten Brief schrieb sie:
»Um Gottes willen, denken Sie nichts von mir. Denken Sie auch nicht, daß
ich mich erniedrige, wenn ich so an Sie schreibe, oder daß ich zu jenen
Geschöpfen gehöre, denen Selbsterniedrigung ein Genuß ist, und wenn sie
es auch nur aus Stolz tun. Nein, ich habe meinen besonderen Trost, doch
fiele es mir schwer, Ihnen das zu erklären. Es würde mir sogar schwer
fallen, mir selbst das klar zu machen, wenn ich mich auch selbst gerade
damit quäle. Doch ich weiß, daß ich mich auch nicht einmal in einem
Anfall von Stolz erniedrigen könnte. Und zu einer Selbsterniedrigung aus
Herzensreinheit bin ich unfähig. Folglich aber erniedrige ich mich auch
jetzt nicht.«
»Weshalb ich Sie beide vereinigen will -- um Ihretwillen oder um
meinetwillen? Selbstverständlich um meinetwillen, die ganze
Willenshandlung geht hier von mir aus; ich habe gehört, daß Ihre
Schwester Adelaida beim Betrachten meines Bildes gesagt haben soll, mit
einer solchen Schönheit könne man die ganze Welt umdrehen. Ich habe aber
auf die Welt verzichtet. Es wird Ihnen vielleicht lächerlich erscheinen,
gerade von mir das zu hören, nachdem Sie mich in Spitzen und Brillanten
in Gesellschaft von Lebemännern und Nichtswürdigen gesehen haben.
Beachten Sie das nicht, fast leb ich ja gar nicht mehr, und das weiß ich
auch; was aber statt meines Ichs in mir lebt, mag Gott allein wissen.
Ich lese das Tag für Tag in zwei grauenvollen Augen, die mich
ununterbrochen ansehen, selbst dann, wenn sie nicht vor mir sind. Diese
Augen _schweigen_ jetzt (sie schweigen immer), doch ich kenne ihr
Geheimnis. Ich bin überzeugt, daß er in irgendeinem Kasten ein
Rasiermesser liegen hat, dessen Gelenk ebenso mit einem Seidenfaden
umwickelt ist, wie das Messer jenes Moskauer Mörders; jener lebte
gleichfalls mit seiner Mutter in einem Hause und hatte auch sein
Wassermesser bereit, um eine Kehle zu durchschneiden. Die ganze Zeit,
während der ich in seinem Hause war, schien es mir immer, daß dort
irgendwo eine Leiche versteckt sein müsse; vielleicht noch von seinem
Vater her, und ebenso mit einem Wachstuch bedeckt, wie jene Moskauer
Leiche, und umstellt von kleinen Gläsern mit irgendeiner scharfen
Flüssigkeit. Ich könnte Ihnen sogar den Winkel zeigen, wo sie liegen
muß. Er schweigt ununterbrochen; aber ich weiß ja doch, daß er mich viel
zu sehr liebt, um mich nicht zu hassen -- er kann ja gar nicht anders,
als mich hassen! Sobald Ihre Hochzeit ist, wird auch meine Hochzeit
sein, an ein und demselben Tage: so haben er und ich es beschlossen. Ich
habe kein Geheimnis vor ihm. Ich würde ihn töten vor Angst ... Doch er
wird mich früher töten ... Er lacht soeben und sagt, ich deliriere. Er
weiß, was ich an Sie schreibe.«
Und noch vieles andere von der Art schrieb sie in diesen Briefen. Der
zweite Brief war der längste: zwei Briefbogen großen Formats eng
beschrieben ...
Endlich verließ der Fürst den dunkleren Teil des Parks, wo er lange
ziellos umhergeschweift war. Die helle, klare Sommernacht erschien ihm
heller als sonst. »Sollte es noch so früh sein?« fragte er sich
verwundert. Seine Taschenuhr hatte er nicht bei sich. Aus der Ferne
glaubte er einmal Musik zu vernehmen, »die spielt wohl vor dem Kurhaus,«
dachte er bei sich. »Natürlich werden sie heute nicht hingegangen sein.«
Und als er das dachte, bemerkte er plötzlich, daß er dicht vor ihrer
Villa stand. Es war ihm, als hätte er es geahnt, daß er zu guter Letzt
unfehlbar hier anlangen würde. Mit klopfendem Herzen trat er auf die
Veranda. Es war niemand dort. Er wartete eine Weile und öffnete dann die
Glastür zum Saal. »Diese Tür wird bei ihnen nie zugeschlossen,« dachte
er bei sich. Doch auch im Saal war kein Mensch. Es war ganz dunkel um
ihn. Verwundert blieb er stehen. Da öffnete sich plötzlich eine Tür und
Alexandra Iwanowna trat mit einer Kerze in der Hand ein. Als sie den
Fürsten erblickte, erschrak sie und blieb wie fragend vor ihm stehen.
Offenbar hatte sie nur hindurchgehen wollen, von einer Tür zur anderen.
»Wie sind Sie hierher gekommen?« fragte sie schließlich.
»Ich ... ich bin gekommen ...«
»Mama ist nicht ganz gesund und auch Aglaja fühlt sich nicht wohl.
Adelaida ist soeben schlafen gegangen und ich wollte jetzt auch gehen.
Wir sind heute den ganzen Abend allein gewesen ... Papa und der Fürst
sind in Petersburg.«
»Ich kam ... ich kam zu Ihnen ... jetzt ...«
»Wissen Sie auch, wieviel die Uhr ist?«
»N--nein ...«
»Halb eins. Wir gehen gewöhnlich um eins schlafen.«
»Ach, und ich dachte, es wäre erst ... halb zehn.«
»Na, tut nichts,« lachte Alexandra. »Aber warum sind Sie heute abend
nicht zu uns gekommen? Vielleicht wurden Sie erwartet.«
»Ich ... dachte ...« murmelte der Fürst, im Begriff fortzugehen.
»Auf Wiedersehen!« lachte Alexandra. »Morgen will ich aber auch die
anderen zum Lachen bringen mit der Erzählung unserer nächtlichen
Begegnung.«
Er kehrte auf dem Fahrwege, der sich durch den Park schlängelte, zu
seiner Villa zurück. Sein Herz klopfte laut, seine Gedanken waren
verwirrt und alles um ihn her war im Helldunkel der Sommernacht wie ein
Traum. Und plötzlich, ganz wie an diesem Tage schon zweimal im Traume,
sah er wieder jene Erscheinung vor sich. Dieselbe Frauengestalt trat
plötzlich aus dem Park, als hätte sie hier auf ihn gewartet, und blieb
vor ihm stehen. Er zuckte zusammen; sie ergriff seine Hand und
umklammerte sie krampfhaft. »Nein, das ist kein Traumbild!«
Da stand sie ihm nun endlich zum erstenmal nach ihrer Trennung -- von
Angesicht zu Angesicht gegenüber. Sie sprach auch irgendetwas zu ihm,
doch er starrte sie nur wortlos an: sein Herz war zum Zerspringen voll
und zitterte vor Schmerz. Oh, so oft er an diese Begegnung später noch
zurückdachte, jedesmal empfand er denselben unerträglichen Schmerz. Sie
sank vor ihm auf die Knie nieder, mitten auf dem Fahrweg, wie eine
Wahnsinnige. Erschrocken trat er einen Schritt zurück, doch sie ergriff
seine Hände, um sie mit Küssen zu bedecken, und ganz wie er es im Traum
gesehen, glänzten Tränen an ihren langen Wimpern.
»Steh auf, steh auf!« flüsterte er erschrocken, indem er sie mit Gewalt
zu erheben suchte. »Steh schnell auf!«
»Bist du glücklich? Glücklich?« fragte sie. »Sag mir nur ein Wort, sag
mir nur, ob du jetzt glücklich bist? Heute, jetzt? Du warst bei ihr? Was
hat sie gesagt?«
Sie erhob sich nicht, sie achtete nicht auf sein Flehen; sie fragte so
schnell, als würde sie gehetzt, als wären Verfolger hinter ihr her.
»Ich reise morgen ab, wie du befohlen hast. Ich werde nicht ... Zum
letztenmal sehe ich dich jetzt, zum letztenmal! Jetzt ist es endgültig
das letztemal!«
»Beruhige dich, steh auf!« bat er verzweifelt.
Gierig hing sie mit ihren Blicken an seinem Antlitz, und krampfhaft
hielt sie seine Hände umklammert.
»Leb wohl!« sagte sie dann endlich, erhob sich schnell und verließ ihn
eilig -- fast lief sie von ihm fort. Der Fürst sah nur noch, wie
plötzlich Rogoshin neben ihr auftauchte, sie mit einem Griff unter den
Arm faßte und schnell fortführte.
»Wart, Fürst,« rief ihm Rogoshin über die Schulter zu, »nach fünf
Minuten kehr ich zu dir zurück!«
Und so war es auch: nach fünf Minuten kam er -- der Fürst hatte ihn
erwartet und sich noch nicht von der Stelle gerührt.
»Hab sie in den Wagen gebracht,« sagte Rogoshin kurz. »Dort hinter der
Wegbiegung hat er seit zehn Uhr abends gewartet. Sie wußte es, daß du
den ganzen Abend bei den anderen verbringen würdest. Was du an mich
geschrieben hast, habe ich genau so wiedergegeben. Sie wird jetzt nicht
mehr an jene schreiben, und von hier wird sie auf deinen Wunsch morgen
noch fortreisen. Sie wollte dich nur noch zum letztenmal sehen, wenn du
es ihr auch verboten hattest. Dort haben wir dich erwartet, um dich auf
dem Heimwege abzufangen, dort auf jener Bank haben wir gesessen.«
»Sie hat dich freiwillig mitgenommen?«
»Warum nicht?« meinte Rogoshin mit einem Lächeln, das seine Zähne
zeigte. »Hab gesehen, was ich schon längst wußte. Die Briefe hast du
wohl schon gelesen?«
»Hat sie dieselben wirklich auch dir zu lesen gegeben?« fragte der
Fürst, der nicht wußte, was er davon denken sollte.
»Natürlich doch! Jeden Brief hat sie mir gezeigt. Hast du vergessen, was
sie da vom Rasiermesser schreibt, he--he!«
»Sie ist ja doch wahnsinnig!« rief der Fürst fassungslos in seiner
Verzweiflung.
»Wer kann das wissen, vielleicht ist sie's auch nicht,« sprach Rogoshin
vor sich hin -- gewissermaßen wie zu sich selbst.
Der Fürst entgegnete nichts.
»Nun, leb wohl,« sagte plötzlich Rogoshin, »auch ich reise ja doch
morgen ab. Gedenke meiner nicht im schlechten. Aber was, Bruder,« fragte
er, sich plötzlich nach ihm umblickend, »weshalb hast du ihr denn auf
ihre Frage nichts geantwortet? Bist du nun glücklich oder nicht?«
»Nein, nein, nein!« rief der Fürst in grenzenloser Verzweiflung.
»Das hätte auch noch gefehlt, daß du >ja< gesagt hättest!« meinte
Rogoshin mit boshaftem Auflachen und entfernte sich schnell, ohne sich
nach dem Fürsten auch nur einmal umzublicken.