Sie lachte, aber zugleich war sie unwillig über ihn.
»Er schläft! Sie haben geschlafen!« rief sie mit fast verächtlichem
Erstaunen.
»Sie sind es!« murmelte der Fürst, noch nicht ganz zu sich gekommen, und
er blickte sie verwundert an. »Ach richtig! Unsere Verabredung ...« der
Fürst erhob sich schnell. »Ich habe hier geschlafen.«
»Das habe ich gesehen.«
»Hat mich niemand außer Ihnen geweckt? War niemand hier außer Ihnen? Ich
glaubte, hier sei eine ... andere gewesen.«
»Hier war eine andere ...?!«
Endlich besann sich der Fürst vollkommen.
»Das war nur ein Traum,« sagte er gedankenverloren. »Seltsam, in einem
solchen Augenblick solch ein Traum ... Setzen wir uns.«
Er erfaßte ihre Hand und nötigte sie zum Platznehmen, worauf er sich
neben sie hinsetzte. Aglaja zögerte, etwas zu sagen, und musterte
zunächst nur mißtrauisch ihren Nachbar. Dieser blickte sie gleichfalls
hin und wieder an, schien sie aber bisweilen überhaupt nicht
wahrzunehmen. Sie errötete.
»Ach so!« fuhr plötzlich der Fürst, zusammenzuckend, aus seinen Gedanken
auf. »Hippolyt hat sich erschossen!«
»Wann das? Bei Ihnen?« fragte sie, jedoch ohne besondere Verwunderung.
»Gestern abend lebte er doch noch, glaube ich? Aber wie konnten Sie dann
hier so schlafen, nachdem er sich das Leben genommen?!«
»Er ist ja nicht tot, die Pistole versagte.«
Auf Aglajas dringenden Wunsch mußte ihr der Fürst sogleich den ganzen
Vorgang erzählen, und zwar mit großer Ausführlichkeit. Sie trieb ihn
immer wieder an, unterbrach ihn jedoch selbst in jedem Augenblick mit
ungeduldigen Fragen, die sich zumeist auf ganz Nebensächliches bezogen.
Unter anderem hörte sie mit großem Interesse zu, als der Fürst Jewgenij
Pawlowitschs Aussprüche wiedergab, und auch hier unterbrach sie ihn mit
näheren Fragen.
»Nun genug davon, wir haben keine Zeit zu verlieren,« schloß sie
plötzlich, nachdem sie alles gehört hatte. »Wir können nur eine Stunde
hierbleiben, denn um acht muß ich unbedingt zu Hause sein, damit sie
nicht erfahren, daß ich hier gewesen bin. Ich muß Ihnen zuvor noch
vieles mitteilen. Nur haben Sie mich jetzt ganz aus dem Text gebracht.
Was diesen Hippolyt betrifft, nun -- ich glaube, daß das mit der Pistole
gerade so hat sein müssen! Daß die Pistole versagte, als er sich
erschießen wollte, das paßt vollständig zu ihm. Aber sind Sie auch
wirklich überzeugt, daß er sich im Ernst erschießen wollte, daß hier
kein Betrug vorliegt?«
»Nein, ein Betrug ist ausgeschlossen.«
»Das scheint mir auch so. Und er hat wirklich geschrieben, daß Sie seine
Beichte mir bringen sollen? Warum haben Sie sie dann nicht mitgebracht?«
»Aber er ist doch nicht gestorben. Ich werde sie mir von ihm ausbitten.«
»Bringen Sie sie mir unbedingt, zu bitten ist da nichts. Es wird ihm
sicherlich sehr angenehm sein, denn es ist doch möglich, daß er sich nur
deshalb hat erschießen wollen, damit ich dann seine Beichte lesen solle.
Ich bitte Sie, nicht über die Worte, die ich spreche, zu lachen, Lew
Nikolajewitsch, es ist wirklich sehr leicht möglich, daß es so gewesen
ist.«
»Ich lache nicht, ich bin vielmehr selbst überzeugt, daß es sich zum
Teil wirklich so verhalten haben kann.«
»Überzeugt? Sind Sie wirklich derselben Meinung wie ich?« wunderte sich
Aglaja.
Sie fragte schnell und sprach hastig, bisweilen jedoch verwirrte sie
sich und führte dann den schon begonnenen Satz nicht zu Ende. Sie schien
es sehr eilig zu haben -- obschon sie sich hundertmal selbst unterbrach
-- und schien ungewöhnlich erregt zu sein. Wenn sie auch mutig und fast
herausfordernd dreinschaute, so war ihr im Herzen doch sicherlich recht
bange. Sie trug ihr alltägliches, schlichtes Kleid, das ihr sehr gut
stand. Oft fuhr sie zusammen und errötete plötzlich. Auch saß sie nur
auf dem äußersten Rande der Bank. Die Bestätigung des Fürsten, daß der
Beweggrund Hippolyts zu diesem Selbstmordversuch teilweise tatsächlich
der Wunsch gewesen sein könne, daß sie seine Beichte lesen solle,
wunderte sie sehr.
»Natürlich wollte er,« erklärte der Fürst, »daß außer Ihnen auch wir ihn
loben sollten ...«
»Inwiefern loben?«
»Das heißt, daß ... wie soll man das sagen? Das ist sehr schwer zu
erklären. Zunächst hat er sicherlich gewollt, daß alle ihn umringen und
ihm sagen sollten, wie sehr sie ihn liebten und achteten. Ferner, daß
ihn alle bitten sollten, sich doch nicht zu erschießen, vielmehr am
Leben zu bleiben. Es ist sehr möglich, daß er dabei in erster Linie an
Sie gedacht hat ... ohne es vielleicht selbst zu wissen.«
»Das verstehe ich nicht: er soll gedacht und dabei nicht gewußt haben,
was er gedacht hat? Doch übrigens ... ich glaube, ich verstehe es doch
... Wissen Sie, daß ich selbst wohl schon dreißigmal daran gedacht habe,
mich zu vergiften -- noch als dreizehnjähriges Mädchen -- und in einem
Brief an meine Eltern ganz genau zu schildern, was mich in den Tod
getrieben hat. Und dann stellte ich es mir immer vor, wie ich im Sarge
liegen und die anderen um ihn herumstehen und weinen und sich anklagen
würden, daß sie so hart und streng zu mir gewesen waren ... Weshalb
lächeln Sie wieder,« wandte sie sich brüsk an den Fürsten, die Brauen
zusammenziehend, »ich möchte wohl wissen, was Sie sich alles gedacht
haben, wenn Sie allein gewesen sind und etwas zusammenträumten! Sie
sahen sich dann womöglich als großen Feldmarschall ... und vielleicht
als Besieger Napoleons!«
»Nun, werden Sie es mir glauben,« lachte der Fürst, »ich sehe mich, mein
Ehrenwort, oft als Feldherrn! Namentlich wenn ich abends im Begriff bin,
einzuschlafen. Nur besiege ich nicht Napoleon, sondern immer nur die
Österreicher.«
»Ich habe durchaus nicht die Absicht, mit Ihnen zu scherzen, Lew
Nikolajewitsch. Mit Hippolyt werde ich persönlich reden, und ich bitte
Sie, ihm das mitzuteilen. Von Ihnen aber finde ich es sehr häßlich, eine
Menschenseele so zu beurteilen, so zerlegend, wie Sie soeben Hippolyt
beurteilt haben. Sie haben kein Zartgefühl: was Sie sagen, das ist
nichts als Wahrheit, und schon deshalb ist es ungerecht.«
Der Fürst dachte nach.
»Ich glaube, _Sie_ sind ungerecht gegen _mich_,« sagte er. »Ich sehe
doch nichts Schlechtes darin, daß er so gedacht hat, denn alle sind doch
zu solchen Gedanken geneigt! Oh, und wie das! Zudem hat er es vielleicht
nicht einmal gedacht, sondern nur unbewußt so gewollt ... er wollte zum
letztenmal mit Menschen zusammenkommen, ihre Achtung und Liebe erwerben
-- das sind doch alles sehr gute Beweggründe, nur ist hier alles
gewissermaßen nicht so herausgekommen, wie er es sich gedacht hat. Es
ist eben die Krankheit ... und dann noch etwas. Bekanntlich kommt bei
den einen immer alles gut heraus, und bei den anderen immer alles
schlecht ...«
»Sie haben das wohl in bezug auf sich hinzugefügt?« fragte Aglaja.
»Ja, in bezug auf mich,« antwortete der Fürst, ohne auch nur im
geringsten ihren Spott aus der Frage herauszuhören.
»Nur wäre ich an Ihrer Stelle doch nicht eingeschlafen; wohin Sie nur
kommen -- überall schlafen Sie sogleich ein; das ist sehr wenig schön
von Ihnen.«
»Aber ich habe doch die ganze Nacht nicht geschlafen, und dann ging ich
hier umher, ging zur Musik ...«
»Zu was für einer Musik?«
»Ich ging dorthin, wo gestern die Musik spielte, und dann kam ich
hierher, setzte mich, begann nachzudenken, und dachte so lange nach, bis
ich einschlief.«
»Ah, also so war es! Das ändert die Sache ein wenig zu Ihrem Vorteil ...
Aber wozu gingen Sie zum Kurhaus?«
»Ich weiß es nicht, so ...«
»Gut, gut, davon später; Sie unterbrechen mich immer ... und was geht es
mich an, wo Sie gewesen sind! Von welch einer anderen hat Ihnen
geträumt?«
»Das ... das war ... Sie haben sie gesehen ...«
»Ich verstehe, verstehe sehr gut. Sie müssen sie sehr ... Wie erschien
sie Ihnen im Traum, in welcher Gestalt? Übrigens geht mich das nichts
an, ich will nichts davon wissen,« brach sie plötzlich ärgerlich ab.
»Unterbrechen Sie mich nicht ...«
Sie wartete eine Weile, wie um neuen Mut zu sammeln oder ihren Ärger
zuerst zu überwinden.
»Ich will Ihnen sagen, weshalb ich Sie hierhergerufen habe: ich will
Ihnen den Vorschlag machen, mein Freund zu werden. Was sehen Sie mich
plötzlich so an?« fragte sie fast zornig.
Der Fürst sah sie in diesem Augenblick allerdings sehr scharf und
forschend an, und es fiel ihm auf, daß sie wieder stark zu erröten
begann. In solchen Fällen, das heißt wenn sie errötete, ärgerte sie sich
unsäglich über sich selbst, was ihre Augen nur zu deutlich verrieten. In
der Regel begann sie aber dann schon im nächsten Augenblick ihren Zorn
auf denjenigen zu übertragen, mit dem sie sich gerade unterhielt,
gleichviel ob dieser nun schuldig oder unschuldig war, und brach dann
gewöhnlich einen Streit vom Zaun. Deshalb ließ sie sich auch
verhältnismäßig nur selten auf Gespräche ein, und war, da sie ihre
scheue Schamhaftigkeit kannte, bisweilen sogar allzu schweigsam. Mußte
sie jedoch in kitzlichen Fällen, wie es zum Beispiel dieser hier war,
notgedrungen sprechen, so verschanzte sie sich hinter anscheinend
unnahbarem Hochmut und begann das Gespräch geradezu mit alles
verachtender Herausforderung. Sie fühlte es stets im voraus, wann sie
erröten würde.
»Sie wollen das Anerbieten vielleicht ablehnen?« fragte sie ihn stolz
und fast von oben herab.
»O nein, gewiß nicht, nur ist das doch gar nicht nötig ... ich ... ich
habe gar nicht gedacht, daß man hier noch Anerbietungen machen muß,«
sagte der Fürst verwirrt.
»So, was haben Sie dann gedacht! Wozu hätte ich Sie denn sonst herrufen
sollen? Was haben Sie eigentlich im Sinn? Oder halten Sie mich auch für
ein kleines Gänschen, wie es zu Hause alle tun?«
»Ich habe nicht gewußt, daß man Sie für ein Gänschen hält, ich ... ich
halte Sie nicht dafür.«
»Nicht? Sehr klug von Ihnen. Und namentlich sehr klug ausgedrückt.«
»Ich finde, daß Sie manches Mal sogar sehr tief sind,« fuhr der Fürst
fort. »Sie sagten vorhin etwas, was mir sehr gefallen hat. Sie sagten:
>das hier ist nichts als Wahrheit, schon deshalb ist es ungerecht<. Das
werde ich behalten und darüber werde ich noch nachdenken.«
Aglaja wurde plötzlich rot vor Freude. Alle diese Veränderungen gingen
mit ungewöhnlicher Offenheit und Schnelligkeit vor sich. Der Fürst
freute sich gleichfalls und lächelte sogar vor Freude bei ihrem Anblick.
»So hören Sie denn,« begann sie wieder, »ich habe Sie lange erwartet, um
Ihnen das alles erzählen zu können, schon seit dem Tage, als ich Ihren
Brief erhielt, oder sogar noch früher ... Die Hälfte haben Sie bereits
gestern von mir gehört: ich halte Sie für den ehrlichsten und wahrsten
Menschen, der ehrlicher und wahrer ist als alle anderen, und wenn man
von Ihnen sagt, daß Ihr Verstand ... das heißt, daß Ihr Verstand, Ihr
Geist mitunter krank sei, so ist das nicht richtig; davon habe ich mich
auch überzeugt, und ich habe mit ihnen allen da gestritten, und wenn Sie
auch tatsächlich krank sind im ... im Geiste -- Sie werden mir das
natürlich nicht übelnehmen, denn ich meine doch nur im höheren Sinne --
so ist Ihr Hauptverstand, das ist es, was ich sagen will, doch größer
und besser als bei denen allen dort zusammengenommen -- die haben sich
solch einen überhaupt noch nicht träumen lassen. Denn es gibt doch in
jedem Menschen zwei Arten von Verstand: einen höheren und einen
niedrigeren. Nicht? Ist es nicht so?«
»Möglich, daß es so ist,« brachte der Fürst kaum vernehmbar hervor; sein
Herz bebte entsetzlich und schlug laut.
»Ich wußte ja, daß Sie es verstehen würden,« fuhr sie wichtig fort.
»Fürst Sch. und Jewgenij Pawlowitsch begreifen nichts von diesen zwei
Verstandesarten, Alexandra auch nicht, aber stellen Sie sich vor: Mama
begriff sofort.«
»Sie ähneln sehr Lisaweta Prokofjewna.«
»Wie das? Wirklich?« wunderte sich Aglaja.
»Jawohl, Sie können es mir glauben.«
»Ich danke Ihnen,« sagte sie nach einer Weile nachdenklich. »Es freut
mich sehr, daß ich Mama gleiche. Dann achten Sie sie wohl sehr?« fragte
sie plötzlich, ohne die Naivität der Frage selbst zu gewahren.
»Sehr, sehr, und es freut mich, daß Sie das so ohne weiteres verstanden
haben.«
»Und mich freut es, weil ich bemerkt habe, wie man bisweilen über sie
... lacht. Doch hören Sie nun die Hauptsache: ich habe es mir lange
überlegt -- und ich habe dann schließlich Sie erwählt. Ich will nicht,
daß man zu Hause über mich lacht; ich will nicht, daß man mich für ein
dummes Gänschen hält; ich will nicht, daß man mich aufzieht. Ich habe
das sogleich bemerkt und deshalb Jewgenij Pawlowitsch sofort kategorisch
abgewiesen, denn ich will auch nicht, daß man mich immer nur als
Heiratsobjekt betrachtet! Ich will ... ich will ... einfach -- ich will
entfliehen, und Sie habe ich erwählt, damit Sie mir dabei behilflich
sind.«
»Entfliehen!« rief der Fürst aufs höchste erschrocken aus.
»Ja, ja, ja, aus dem Hause meiner Eltern entfliehen!« wiederholte sie
zornig, sich an ihrer eigenen Phantasie berauschend. »Ich will nicht,
ich will nicht, daß man mich dort immer zwingt, zu erröten! Ich will vor
keinem Menschen erröten, weder vor Fürst Sch., noch vor Jewgenij
Pawlowitsch, noch vor sonst jemandem, und deshalb habe ich Sie erwählt.
Mit Ihnen will ich über alles, alles reden, sogar über das
Hauptsächlichste, sobald ich will. Das werde ich -- aber auch Sie dürfen
mir nichts verheimlichen. Ich will doch wenigstens mit einem Menschen
über alles reden dürfen wie mit mir selbst. Die da -- die begannen da
plötzlich alle zu sagen, daß ich Sie erwarte und Sie liebe. Das war noch
vor Ihrer Ankunft, und ich hatte ihnen Ihren Brief doch gar nicht
gezeigt ... jetzt aber pfeifen es schon alle Spatzen auf dem Dach. Ich
will dreist sein, dreist und mutig, und keinen Menschen fürchten. Ich
will nicht mehr ihre Bälle besuchen, ich will Nutzen bringen. Ich habe
schon längst entfliehen wollen. Zwanzig Jahre lang habe ich bei ihnen
hinter Schloß und Riegel gelebt, und ewig wird davon geredet, daß ich
heiraten soll. Schon mit vierzehn Jahren wollte ich fortlaufen, wenn ich
auch sonst noch dumm war. Jetzt aber habe ich mir alles reiflich
überlegt und nur auf Sie gewartet, um Sie über das Ausland auszufragen.
Ich habe noch keinen einzigen gotischen Dom gesehen, ich will Rom sehen,
ich will alle wissenschaftlichen Sammlungen besuchen, ich will in Paris
studieren. Ich habe mich das ganze letzte Jahr schon dazu vorbereitet
und gelernt, ich habe sehr viele Bücher gelesen, ich habe alle
verbotenen Bücher durchgelesen. Alexandra und Adelaida dürfen alle
Bücher lesen, ihnen ist es erlaubt, mir aber werden nicht alle gegeben,
ich muß mir auch darin noch Vormundschaft gefallen lassen. Mit den
Schwestern will ich deshalb nicht streiten, aber meiner Mutter und
meinem Vater habe ich schon längst erklärt, daß ich meine soziale
Stellung vollkommen verändern will. Ich habe beschlossen, mich mit
Kindererziehung zu beschäftigen, und ich habe dabei auf Ihren Beistand
gerechnet, denn Sie sagten doch, daß Sie Kinder lieben. Vielleicht
können wir uns gemeinsam damit befassen, wenn auch nicht jetzt -- aber
warum schließlich nicht später einmal? Dann könnten wir beide der Welt
Nutzen bringen. Ich will nicht mehr einzig und allein als
Generalstochter weiterleben. Sagen Sie, sind Sie ein sehr gelehrter
Mann?«
»Oh, durchaus nicht.«
»Das ist schade, ich aber dachte gerade ... nein, wie bin ich nur darauf
gekommen, das zu denken? Aber Sie werden mich trotzdem leiten, ich habe
Sie dazu erwählt.«
»Das ist doch alles ... sinnlos, Aglaja Iwanowna.«
»Ich will, ich will entfliehen!« rief sie heftig, und wieder erglühten
ihre Augen. »Wenn Sie nicht einwilligen, heirate ich Gawrila
Ardalionytsch. Ich will nicht, daß man mich zu Haus für ein gemeines
Frauenzimmer hält und mich Gott weiß wessen noch alles beschuldigt.«
»Sind Sie ... sind Sie von Sinnen!« Der Fürst sprang fast auf vor
Schreck. »Wessen beschuldigt man Sie, wer beschuldigt Sie?«
»Zu Hause tun's alle, Mama, Alexandra, Adelaida, Papa, Fürst Sch., sogar
Ihr dummer naseweiser Bengel Koljä! Wenn sie es auch nicht direkt sagen,
so denken sie es doch. Ich habe es ihnen aber allen ins Gesicht gesagt,
beiden, Mama sowohl wie Papa. Mama war den ganzen Tag krank; am nächsten
Tage aber sagten mir Alexandra und Papa, daß ich selbst nicht wüßte, was
ich da schwatzte und welche Worte ich gebrauchte. Ich sagte ihnen aber
direkt ins Gesicht, daß ich bereits alles begriffe, alle Worte, daß ich
kein Baby mehr sei, daß ich schon vor zwei Jahren absichtlich zwei
Romane von Paul de Kock gelesen habe, um endlich alles zu erfahren. Als
Mama das hörte, fiel sie sofort in Ohnmacht.«
Dem Fürsten kam plötzlich ein seltsamer Gedanke. Er blickte Aglaja
prüfend an ... und lächelte.
Er konnte es kaum glauben, daß er dasselbe unnahbare Mädchen vor sich
hatte, das ihm einst mit so hochmütigem Stolz Gawrila Ardalionytschs
Brief zurückgegeben hatte. Es schien ihm unerklärlich, wie sich in einer
so kühlen, abweisenden Schönheit ein solches Kind verbergen konnte, ein
Kind, das offenbar auch _jetzt_ noch nicht »alle Worte begriff«.
»Haben Sie immer zu Hause gelebt, Aglaja Iwanowna?« fragte er. »Ich
meine -- haben Sie nie eine öffentliche Schule besucht, sind Sie nie in
einem Institut gewesen?«
»Nein, niemals und nirgends; ich habe immer nur zu Haus gesessen, wie in
einer Flasche verkorkt, und aus der Flasche werde ich verheiratet.
Worüber lachen Sie wieder? Ich sehe, daß auch Sie, wie es scheint, sich
über mich lustig machen und zu den anderen halten,« sagte sie schroff
mit finster gerunzelter Stirn. »Ärgern Sie mich nicht, ich weiß ohnehin
nicht, was mit mir geschieht ... ich bin überzeugt, Sie sind
hierhergekommen in der Meinung, daß ich in Sie verliebt sei und Sie zu
einem Stelldichein gerufen habe,« versetzte sie gereizt.
»Gestern habe ich das in der Tat gefürchtet,« verriet der Fürst in
seiner treuherzigen Offenheit -- er war äußerst verwirrt --, »doch heute
bin ich überzeugt, daß Sie ...«
»Was!« rief Aglaja ganz entsetzt aus, und ihre Unterlippe begann zu
beben. »Sie haben gefürchtet, daß ich ... Sie haben zu denken gewagt,
daß ich ... Herr des Himmels! Sie haben dann am Ende gar vermutet, daß
ich Sie hergerufen habe, um Sie ins Netz zu locken und damit man uns
dann hier antrifft und Sie zwingt, mich zu heiraten ...«
»Aglaja Iwanowna! Schämen Sie sich denn nicht! Wie kann ein so
schmutziger Gedanke in Ihrem reinen, unschuldigen Herzen entstehen? Ich
bin überzeugt, daß Sie an kein einziges Ihrer Worte glauben und ...
selbst nicht wissen, was Sie sagen!«
Aglaja rührte sich nicht und blickte unverwandt zu Boden, als hätten
ihre Worte sie jetzt selbst erschreckt.
»Ich schäme mich nicht ein bißchen,« murmelte sie schließlich
eigensinnig. »Woher wissen Sie, daß mein Herz unschuldig ist? Wie haben
Sie mir damals einen Liebesbrief zu schreiben gewagt?«
»Einen Liebesbrief? Mein Brief soll ein -- Liebesbrief gewesen sein! Das
war der ehrerbietigste Brief, den ich je geschrieben habe; was ich Ihnen
schrieb, strömte aus meinem Herzen in der schwersten Stunde meines
Lebens! Ich entsann mich Ihrer, wie einer lichten Erscheinung ... ich
...«
»Nun gut, gut,« unterbrach sie ihn plötzlich, doch bereits nicht mehr im
alten Tone, sondern in aufrichtiger Reue und fast erschrocken, ja sie
beugte sich sogar etwas näher zu ihm, jedoch immer noch bemüht, ihn
nicht offen anzusehen, und sie schien ihn leise an der Schulter berühren
zu wollen, um ihn noch dringender zu bitten, sich doch nicht zu ärgern.
»Nun gut,« sagte sie unsäglich beschämt. »Ich fühle, daß ich einen sehr
dummen Ausdruck gebraucht habe. Das habe ich aber nur so ... nur, um Sie
zu prüfen. Vergessen Sie es, tun Sie, als wäre es überhaupt nicht
gesprochen. Und wenn ich Sie gekränkt habe, so verzeihen Sie mir. Sehen
Sie mich, bitte, nicht so an, blicken Sie dorthin, wenden Sie sich von
mir ab. Sie sagen, das sei ein schmutziger Gedanke: ich habe ihn aber
absichtlich ausgesprochen, um Sie zu reizen. Bisweilen habe ich selber
Angst vor dem, was ich sagen will, und dann plötzlich sage ich es doch.
Sie sagten soeben, daß Sie diesen Brief in der schwersten Stunde Ihres
Lebens geschrieben hätten ... Ich weiß, in welch einer Stunde das
gewesen ist,« fügte sie leise hinzu, den Blick wieder zu Boden gesenkt.
»O, wenn Sie alles wüßten!«
»Ich weiß alles!« rief sie plötzlich von neuem erregt aus. »Sie lebten
damals in ein und demselben Zimmer mit jenem gemeinen Weibe, mit dem Sie
entflohen waren ...«
Sie wurde nicht rot, sondern bleich, als sie das sagte, und plötzlich
erhob sie sich von der Bank, wie in Gedanken verloren, doch besann sie
sich sogleich wieder und setzte sich: ihre Unterlippe fuhr noch lange
fort, zu zucken. Das Schweigen dauerte wohl eine ganze Minute. Der Fürst
war unsäglich betroffen durch diesen plötzlichen Umschlag in ihrem Wesen
und wußte nicht, welch einer Ursache er ihn zuschreiben sollte.
»Ich liebe Sie ganz und gar nicht,« sagte sie plötzlich auffallend
unvermittelt und barsch -- wie gehackt klang der Satz.
Der Fürst entgegnete hierauf nichts. Wieder schwiegen sie.
»Ich liebe Gawrila Ardalionytsch ...« sagte sie dann hastig, jedoch kaum
hörbar, und sie senkte noch mehr den Kopf.
»Das ist nicht wahr,« sagte der Fürst, gleichfalls fast flüsternd.
»Sie wollen mich also Lügen strafen? Nein, es ist wahr: ich habe ihm vor
drei Tagen hier auf dieser Bank mein Jawort gegeben.«
Der Fürst erschrak und sann eine Weile nach.
»Nein, das ist nicht wahr,« sagte er entschieden, »Sie haben sich das
alles jetzt hier ausgedacht.«
»Sie sind wirklich ausnehmend höflich. So hören Sie denn: er hat sich
sehr gebessert und liebt mich mehr als sein Leben. Er hat vor meinen
Augen seine Hand verbrannt, nur um mir zu beweisen, daß er mich mehr als
sein Leben liebt.«
»Seine Hand verbrannt?«
»Ja, seine Hand. Glauben Sie's, oder glauben Sie's nicht, mir ist es
gleich.«
Der Fürst schwieg wieder. Es war nicht der geringste Scherzton aus
Aglajas Stimme herauszuhören.
»Wie, hat er denn eine Kerze mitgebracht, wenn es hier geschehen sein
soll? Anders kann ich es mir gar nicht vorstellen ...«
»Ja ... eine Kerze. Was ist denn dabei so unwahrscheinlich?«
»Eine ganze Kerze oder ... eine im Leuchter?«
»Nun ja ... nein ... eine halbe Kerze, einen Lichtstumpf ... eine
ganze Kerze, -- gleichviel, hören Sie auf! ... Und auch eine
Streichholzschachtel hat er, wenn Sie wollen, mitgebracht. Er hat hier
die Kerze angezündet und eine ganze halbe Stunde lang den Finger in die
Flamme gehalten. Klingt denn das so unmöglich?«
»Ich habe ihn gestern gesehen: er hat keinen verbrannten Finger.«
Aglaja platzte endlich laut heraus und lachte wie ein Kind.
»Wissen Sie, warum ich soeben gelogen habe?« wandte sie sich ebenso
plötzlich an den Fürsten -- mit der kindlichsten Zutraulichkeit und
einem Lachen, das schalkhaft um ihre Lippen zuckte. »Weil jedesmal, wenn
man beim Lügen geschickt etwas nicht ganz Gewöhnliches hineinflicht,
irgend etwas, nun wissen Sie, etwas, das ganz selten vorkommt, oder
sogar überhaupt nicht, dann die Lüge sogleich viel wahrscheinlicher
wird. Das habe ich oft bemerkt. Mir ist es diesmal nur leider nicht
gelungen, ich verstand nicht, es richtig zu machen ...«
Plötzlich wurde sie wieder ernst und runzelte die Stirn, wie wenn sie
sich besonnen hätte.
»Wenn ich Ihnen damals,« wandte sie sich an den Fürsten, indem sie ihn
ernst und beinahe traurig ansah, »wenn ich Ihnen damals auch die Ballade
vom >armen Ritter< vortrug, so wollte ich Sie damit ... wenn ich Sie
auch damit einesteils loben wollte -- doch andernteils für Ihr Benehmen
brandmarken und Ihnen zeigen, daß ich alles weiß ...«
»Sie sind sehr ungerecht zu mir ... und zu jener Unglücklichen, über die
Sie sich soeben so häßlich geäußert haben, Aglaja.«
»Weil ich eben alles weiß, alles, deshalb habe ich mich auch so
ausgedrückt. Ich weiß, daß Sie ihr vor einem halben Jahr in Gegenwart
aller Gäste einen Heiratsantrag gemacht haben. Unterbrechen Sie mich
nicht, Sie sehen, ich rede ohne Kommentar. Darauf entfloh sie mit
Rogoshin; dann lebten Sie mit ihr in irgendeinem Dorf oder kleinen
Städtchen, bis sie von Ihnen wieder fortging zu einem anderen.« Aglaja
errötete entsetzlich. »Dann kehrte sie wieder zu Rogoshin zurück, der
sie immer noch liebte, wie ... wie ein Irrsinniger. Darauf sind nun Sie,
gleichfalls ein sehr kluger Mann, hierher ihr nachgereist, sobald Sie
nur erfahren hatten, daß sie in Petersburg eingetroffen ist. Gestern
abend beeilten Sie sich, sie zu verteidigen, und soeben haben Sie sie
hier im Traum gesehen. -- Sehen Sie jetzt, daß ich alles weiß! Sie sind
doch ihretwegen, einzig ihretwegen hergekommen?«
»Ja, ihretwegen,« antwortete der Fürst leise, traurig und nachdenklich,
indem er den Kopf senkte, ohne auch nur zu ahnen, mit welch glühendem
Blick Aglaja an ihm hing. »Ihretwegen ... nur um zu erfahren ... Ich
glaube nicht an ihr Glück mit Rogoshin, wenn auch ... mit einem Wort,
ich weiß nicht, was ich hier für sie tun könnte, wie ihr helfen, aber
ich bin in der Tat um ihretwillen gekommen.«
Er zuckte zusammen und blickte Aglaja an, die ihm mit Verachtung
zuhörte.
»Wenn Sie gekommen sind, ohne selbst zu wissen weshalb, so müssen Sie
sie ja sehr lieben,« sagte sie schließlich.
»Nein,« antwortete der Fürst, »nein, ich liebe sie nicht. Oh, wenn Sie
wüßten, mit welch einem Entsetzen ich an jene Zeit, die ich mit ihr
zusammen verbracht habe, jetzt zurückdenke!«
Ein Zittern überlief bei diesen Worten seinen Körper.
»Erzählen Sie alles,« sagte Aglaja.
»Hier ist nichts, was ich Ihnen nicht erzählen dürfte. Weshalb ich
gerade Ihnen alles erzählen will, und zwar nur Ihnen allein -- das weiß
ich nicht; vielleicht, weil ich Sie in der Tat sehr liebe. Diese
unglückliche Frau ist unerschütterlich davon überzeugt, daß sie das in
der ganzen Welt am tiefsten gefallene, lasterhafteste Wesen sei. Oh,
schmähen Sie sie nicht, werfen Sie keinen Stein auf sie! Sie hat sich
selbst schon gar zu sehr mit dem Bewußtsein ihrer unverdienten Schande
gemartert! Und worin besteht ihre Schuld, mein Gott! Oh, sie schreit es
ja täglich wie außer sich: daß sie nicht die geringste Schuld sich
zuzuschreiben hat, daß sie ein Opfer der Menschen ist, das Opfer eines
Lüstlings und Buben; aber was sie Ihnen auch sagen mag, sie ist doch
selbst die erste, die ihren eigenen Worten nicht glaubt, sondern mit
ihrem ganzen Gewissen überzeugt ist, daß sie im Gegenteil ... selbst
schuld ist. Als ich diese unseligen, düsteren Gedanken aus ihrer Seele
verscheuchen wollte, da wurde ihre Qual, ihre Seelenpein so groß -- ich
sah doch, wie ihre Seele sich wand unter der Marter -- daß ... daß mein
Herz nie aufhören wird zu bluten, solange ich diese furchtbaren Stunden
nicht aus meinem Gedächtnis bannen kann. Es war mir damals, als würde
mein Herz für immer durchbohrt. Wissen Sie, weshalb sie von mir
fortlief? -- Nur um mir zu beweisen, daß sie tatsächlich ein --
gefallenes Weib sei. Doch das Furchtbarste war gerade das, daß sie
vielleicht selbst nicht einmal wußte, daß sie nur mir das hatte beweisen
wollen, und innerlich in dem Glauben befangen war, daß sie nur deshalb
geflohen sei, weil sie innerlich unbedingt das Bedürfnis nach einer
neuen schamlosen Tat gehabt habe, um sich dann immerfort sagen zu
können: >Sieh, was du jetzt getan hast, beweist doch mehr als deutlich,
daß du nichts anderes als eben nur ein niedriges, verworfenes,
schmutziges Geschöpf bist!< Oh, vielleicht werden Sie das alles gar
nicht verstehen, Aglaja! Wissen Sie auch, daß in diesem immerwährenden
Sich-ihrer-Schmach-bewußt-sein ein unheimlicher, unnatürlicher Genuß für
sie liegen kann, wie eine gewisse Rache an irgend jemandem ... Bisweilen
gelang es mir, sie so weit zu bringen, daß sie etwas Licht in der
Finsternis um sich zu sehen begann; aber sogleich empörte sie sich
wieder und ging dann so weit, daß sie mir, mir bitter vorwarf, ich
stelle mich hoch und hochmütig über sie -- während ich doch nicht einmal
im Traum daran gedacht hatte -- und schließlich sagte sie mir, als ich
um sie anhielt, daß sie von keinem weder anmaßendes Mitleid, noch Hilfe,
noch >Erhebung zu ihm empor< verlange. Sie haben sie gestern gesehen;
glauben Sie denn, daß sie in dieser Gesellschaft glücklich ist, daß
dieses Leben ihr zusagt? Sie wissen nicht, wie sie geistig entwickelt
ist, und was sie alles begreifen kann! Sie hat mich bisweilen geradezu
in Erstaunen gesetzt!«
»Haben Sie ihr dort auch solche ... Predigten gehalten?«
»O nein,« fuhr der Fürst gedankenverloren fort, ohne daß ihm der Ton der
Frage irgendwie aufgefallen wäre, »ich habe fast immer geschwiegen. Oft
genug habe ich reden wollen, aber, offen gestanden, ich habe dann nie
gewußt, was ich sagen sollte. Wissen Sie, in manchen Fällen ist es
besser, überhaupt nicht zu sprechen. Oh, ich habe sie geliebt; oh, sehr
geliebt ... dann aber ... dann ... dann erriet sie alles.«
»Was erriet sie?«
»Daß ich nur unendliches Mitleid mit ihr hatte, und daß ich sie ...
bereits nicht mehr liebte.«
»Woher wissen Sie, daß sie sich nicht tatsächlich in jenen ...
Gutsbesitzer verliebt hatte, mit dem sie losgezogen war?«
»Nein, ich weiß ... sie hat sich über ihn nur lustig gemacht.«
»Und über Sie hat sie sich niemals lustig gemacht?«
»N--ein. Sie hat vielleicht aus Bosheit über mich gelacht; oh, sie hat
mir auch entsetzliche Vorwürfe gemacht, im Zorn -- und litt doch selbst
mehr als ich darunter! Doch ... dann ... oh, erinnern Sie mich nicht,
erinnern Sie mich nicht daran!«
Er bedeckte das Gesicht mit den Händen.
»Aber wissen Sie auch, daß ich fast täglich einen Brief von ihr
erhalte?«
»So ist es also wahr!« rief der Fürst erregt. »Ich habe davon gehört,
aber ich konnte es nicht glauben.«
»Von wem haben Sie es gehört?« fuhr Aglaja erschrocken auf.
»Rogoshin sagte es mir gestern, nur sprach er es nicht ganz deutlich
aus.«
»Gestern? Gestern morgen? Wann gestern? Vor dem Konzert oder nachher?«
»Nachher; spät am Abend, kurz vor zwölf.«
»A--a, nun, wenn's Rogoshin ... Aber wissen Sie auch, was sie in diesen
Briefen schreibt?«
»Ich würde mich über nichts wundern, sie ist ja wahnsinnig.«
»Hier sind diese Briefe.« Aglaja zog aus ihrer Tasche drei Briefe in
drei Kuverts hervor und warf sie dem Fürsten hin. »Schon seit einer
ganzen Woche fleht sie mich an, beredet, beschwört sie mich, Sie zu
heiraten. Sie ist ... nun ja, sie ist klug, wenn sie auch wahnsinnig
ist, und Sie haben recht, wenn Sie sagen, daß sie viel klüger sei als
ich ... sie schreibt, daß sie in mich verliebt sei, daß sie jeden Tag
eine Gelegenheit suche, um mich, wenn auch nur von ferne, zu sehen. Sie
schreibt, daß Sie mich lieben, sie wisse es ganz genau, habe es schon
längst bemerkt, und Sie hätten dort mit ihr auch über mich gesprochen.
Sie will Sie glücklich sehen; sie ist überzeugt, daß nur ich Ihr Glück
ausmachen könne ... Sie schreibt so sonderbar ... so ungeheuerlich ...
Ich habe ihre Briefe keinem Menschen gezeigt, ich habe Sie erwartet;
wissen Sie, was das alles zu bedeuten hat? Erraten Sie nichts?«
»Das ist Wahnsinn, ein Beweis ihres Irrsinns,« sagte der Fürst mit
bebenden Lippen.
»Weinen Sie nicht gar?«
»Nein, Aglaja, nein, ich weine nicht.« Er blickte sie an.
»Was soll ich nun hier tun? Wozu würden Sie mir raten? Ich kann doch
nicht ewig diese Briefe empfangen!«
»O, lassen Sie sie, ich beschwöre Sie!« rief der Fürst. »Und was sollten
Sie auch in dieser Finsternis ... ich werde alles tun, damit sie keine
Briefe mehr an Sie schreibt.«
»Wenn Sie das tun, dann sind Sie ein herzloser Mensch!« rief Aglaja.
»Oder sehen Sie denn wirklich nicht, daß sie nicht in mich verliebt ist,
sondern in Sie, daß sie nur Sie allein liebt! Sollte Ihnen wirklich
gerade dieses entgangen sein, während Sie doch alles andere bemerkt
haben? Wissen Sie, was diese Briefe bedeuten? -- Eifersucht bedeuten
sie! Es ist sogar noch mehr als Eifersucht! Sie wird ... Glauben Sie,
daß sie Rogoshin wirklich heiraten wird, wie sie es hier in diesen
Briefen schreibt? Töten wird sie sich am nächsten Tage nach unserer
Hochzeit!«
Der Fürst fuhr zusammen. Sein Herz stand still. Doch verwundert sah er
Aglaja an und plötzlich begriff er, daß dieses Kind längst Weib war.
»Aglaja, um ihr die Ruhe wiederzugeben und sie glücklich zu machen,
würde ich mein Leben hingeben, aber ... jetzt kann ich sie nicht mehr
lieben und das weiß sie!«
»So opfern Sie sich doch, das würde Ihnen ja so gut stehen. Sie sind ja
ein so großer Wohltäter! Und, bitte, nennen Sie mich nicht >Aglaja< ...
Sie haben dreimal einfach >Aglaja< gesagt ... Sie meinen, es ist Ihre
Pflicht, sie wieder aufzurichten, Sie müssen wieder mit ihr reisen, um
ihr Herz zu beruhigen und zu versöhnen. Sie lieben doch keine andere als
gerade sie!«
»Ich habe mich nicht so opfern können, obschon ich es einmal wollte und
... vielleicht auch jetzt noch will. Ich weiß aber, ich _weiß_, daß sie
mit mir unglücklich werden würde, und deshalb verlasse ich sie. Ich
sollte sie heute um sieben Uhr sehen; jetzt werde ich vielleicht nicht
zu ihr gehen. In ihrem Stolz wird sie mir nie meine Liebe verzeihen --
und so würden wir beide zugrunde gehen. Das ist unnatürlich, aber ist
hier nicht alles unnatürlich? Sie sagen, daß sie mich liebt, aber ist
denn das Liebe? Kann denn hier wirklich noch von Liebe die Rede sein,
nach allem, was ich erduldet habe! Nein, hier ist es etwas ganz anderes,
nicht aber Liebe!«
»Wie bleich Sie sind!« sagte Aglaja plötzlich erschrocken.
»Ich habe wenig geschlafen, es ist nichts ... ich bin abgespannt, ich
... wir haben damals in der Tat von Ihnen gesprochen, Aglaja ...«
»So ist es wahr? Sie haben wirklich _mit ihr über mich sprechen können_
und ... und wie konnten Sie mich liebgewinnen, wenn Sie mich doch nur
erst einmal gesehen hatten?«
»Ich weiß nicht, wie ich es konnte. In jenem Dunkel, in dem ich mich
damals befand, träumte ich ... träumte ich vielleicht von einer
Morgenröte. Ich weiß nicht, wie es kam, daß ich an Sie dachte, an Sie
zuerst und vor allen anderen. Ich habe Ihnen damals die volle Wahrheit
geschrieben, ich wußte es wirklich nicht. Alles das war nur eine
Illusion ... die durch das damalige Entsetzen heraufbeschworen wurde ...
Dann begann ich zu lernen; ich wäre wohl vor drei Jahren nicht wieder
hergereist ...«
»Sie sind also _ihretwegen_ gekommen?«
Es war ein Beben in Aglajas Stimme.
»Ja, ihretwegen.«
Zwei Minuten lang herrschte düsteres Schweigen zwischen ihnen. Dann
erhob sich Aglaja von ihrem Platz.
»Wenn Sie sagen,« begann sie mit unsicherer Stimme, »wenn Sie selbst
glauben, daß dieses ... Ihr Frauenzimmer ... wahnsinnig ist, so ... habe
ich mit ihren wahnsinnigen Phantasien nichts zu schaffen ... Ich bitte
Sie, Lew Nikolajewitsch, diese drei Briefe an sich zu nehmen und sie ihr
vor die Füße zu werfen, in meinem Namen! Und wenn sie,« schrie plötzlich
Aglaja wie rasend, »wenn sie es noch einmal wagt, mir auch nur eine
Zeile zu schreiben, so -- sagen Sie ihr das -- werde ich mich bei meinem
Vater beklagen, und dann wird man sie ins Zuchthaus werfen ...«
Der Fürst sprang auf und blickte sie verständnislos an, ganz erschrocken
durch ihre plötzliche Heftigkeit. Und plötzlich fiel es auch ihm wie
Schuppen von den Augen ...
»Sie können nicht so fühlen ... das ist nicht wahr,« murmelte er.
»Doch! Es ist wahr, es ist wahr!« schrie Aglaja wie rasend, als hätte
sie jede Besinnung verloren.
»Was ist wahr? Was soll hier wahr sein?« ertönte plötzlich eine
angstvolle Stimme.
Vor ihnen stand Lisaweta Prokofjewna.
»Das ist wahr, daß ich Gawrila Ardalionytsch heiraten werde! Daß ich
Gawrila Ardalionytsch liebe und morgen noch mit ihm entfliehe!« wandte
sich Aglaja zornbebend an die Mutter. »Haben Sie es jetzt gehört? Ist
Ihre Neugier befriedigt? Sind Sie zufrieden damit?«
Und sie wandte sich schroff um und lief davon.
»Nein, mein Bester, so gehen Sie mir nicht fort,« hielt Lisaweta
Prokofjewna den Fürsten auf, »haben Sie die Güte, sich zu uns zu bemühen
und mir das ein wenig zu erklären ... Hat mich doch meine Ahnung die
ganze Nacht gequält und nicht schlafen lassen! ...«
Der Fürst folgte ihr.