»Ich besitze eine kleine Taschenpistole; ich hatte sie mir noch als
Knabe angeschafft, in dem komischen Alter, da einem plötzlich
Räubergeschichten und Duelle zu gefallen anfangen und man es liebt, sich
vorzustellen, wie man selbst zum Duell gefordert wird und wie man sich
mutig vor die Pistole stellt. Vor einem Monat habe ich sie mir
angesehen, geputzt und wieder zurecht gemacht. In dem Kasten, in dem sie
lag, fand ich zwei Kugeln und Pulver für drei Schüsse. Die Pistole ist
natürlich nichts wert, die reine Kinderpistole, trifft auch kaum auf
fünfzehn Schritt; wenn man sie jedoch dicht an die Schläfe setzt, wird
sie schon noch einen Schädel zerschmettern können.
Ich beschloß, in Pawlowsk bei Sonnenaufgang zu sterben: und zwar
beschloß ich, in den Park zu gehen, damit niemand auf der Datsche
gestört werde. Meine >Erklärung< wird die Polizei genügend über alles
unterrichten. Liebhaber der Psychologie mögen daraus schließen was sie
wollen. Ich wünsche indessen nicht, daß meine Schrift veröffentlicht
wird. Ich bitte den Fürsten, das eine Exemplar an sich zu nehmen und das
andere Exemplar Aglaja Iwanowna Jepantschin zu geben. Dieses ist mein
Wille. Ich vermache meinen Leichnam der medizinischen Fakultät zu
wissenschaftlichen Zwecken.
Ich erkenne keinen Richter über mich an und weiß, daß ich außerhalb
jedes Rechtspruchs stehe. Vor kurzem belustigte mich die Vorstellung:
wie, wenn ich jetzt plötzlich auf den Einfall käme, irgendeinen Menschen
einfach totzuschlagen, vielleicht zehn Menschen auf einmal oder sonst
irgend etwas Schreckliches zu tun, irgend etwas, was diese Welt für das
schrecklichste hält -- in welch einer dummen Lage würde sich dann das
Gericht bei meiner zwei- bis dreiwöchentlichen Lebensfrist befinden? Ich
würde vielleicht sehr komfortabel in einem Hospital, unter der Aufsicht
eines guten Arztes, und vielleicht viel angenehmer, als bei mir zu
Hause, sterben. Ich verstehe nicht, daß Leuten in meiner Lage niemals
ein solcher Gedanke in den Kopf gekommen ist, wenn auch nur zum Spaß?!
Vielleicht verfällt doch einmal jemand darauf! Es gibt doch auch bei uns
in Rußland lustige Leute.
Aber -- wenn ich auch keinen Richter über mich anerkenne, so weiß ich
doch, daß man mich richten wird, wenn ich bereits auf ewig taub und
stumm sein werde. Ich möchte jedoch nicht fortgehen, ehe ich nicht ein
Wort zur Antwort hinterlassen habe -- ein freies, unerzwungenes Wort.
Nicht zur Verteidigung etwa -- o nein! Ich habe niemanden und wegen
nichts um Verzeihung zu bitten.
Da ist zunächst ein sonderbarer Gedanke: Wer wollte mir denn mein Recht
auf diese Frist von zwei bis drei Wochen bestreiten? Auf Grund welchen
Rechtes? Wem nützt es, daß ich als Verurteilter noch artig die Frist bis
zur Urteilsvollstreckung abwarte? Wem nützt es denn? Oder soll ich's um
der Sittlichkeit willen etwa? Ich verstehe noch, wenn ich bei blühender
Gesundheit und großen Kräften mein Leben selbst vernichten wollte,
dieses Leben, das >meinem Nächsten noch Nutzen bringen könnte<: da
könnte man mir vom sittlichen Standpunkt aus und nach altem Brauch
vorwerfen, daß ich ohne zu fragen über mein eigenes Leben verfüge --
oder was man sich da ausdenkt. Doch jetzt, wo über mich bereits das
Urteil gefällt ist? Welches Sittengesetz wird denn auch noch auf das
letzte Röcheln eines Sterbenden Anspruch erheben, mit dem er sein Leben
aushaucht? Was hilft mir der Trost des Fürsten, der in seiner
christlichen Auslegung den glücklichen Gedanken gehabt hat, daß es im
Grunde genommen für mich viel besser ist, zu sterben. (Solche Christen
wie er kommen immer zu diesem Schluß: das ist ihr geliebtes
Steckenpferd.) Und was wollen sie eigentlich mit ihren lächerlichen
>Pawlowsker Bäumen<? Die letzten Stunden meines Lebens versüßen?
Begreifen sie denn nicht, daß ich mich, je mehr ich mich diesen letzten
Illusionen von Leben und Liebe hingebe, mit denen sie mich von der
Meierschen Lehmwand und allem, was ich ihr so aufrichtig bekannt habe,
trennen wollen, desto unglücklicher fühlen muß? Was soll ich mit ihrer
schönen Natur, mit ihrem Pawlowsker Park, mit ihrem Sonnenaufgang und
-untergang, mit ihrem blauen Himmel und ihren selbstzufriedenen
Gesichtern, wenn das ganze Fest, das kein Ende nimmt, für mich damit
beginnt, daß es mich allein für einen überflüssigen Gast erklärt. Was
soll ich mit all dieser Schönheit, wenn ich jede Minute, jede Sekunde
gezwungen bin, daran zu denken, daß die kleinste Fliege, die neben mir
in der Sonne summt, an diesem Fest, an diesem Chor teilnehmen kann,
ihren Platz in ihm kennt, ihn liebt und glücklich ist. Nur ich allein
bin ein Ausgestoßener und wollte es nur, aus kleinmütiger Feigheit vor
mir selbst, bis jetzt nicht eingestehen! Oh, ich weiß, wie sehr der
Fürst und all die anderen mich dazu bringen wollen, daß ich statt all
der >boshaften und verbitterten< Reden eine Hymne auf den Sieg der
sittlichen Selbstüberwindung anstimmte, wie Milvoye in den berühmten und
klassischen Strophen:
>_O, puissent voir votre beauté sacrée_
_Tant d'amis, sourds à mes adieux!_
_Qu'ils meurent pleins de jours, que leur mort soit pleurée._
_Qu'un ami leur ferme les yeux!_<{[30]}
Doch glaubt mir, glaubt mir, ihr gutmütigen Seelen, daß in dieser
wohlanständigen Strophe, in diesem akademischen Segensspruch der
Franzosen, so viel heimliche Galle, so viel unversöhnliche und mit
Rhythmen überzuckerte Wut ist, daß der Poet vielleicht sich selbst damit
belogen und seine Wut als tränenreichen Trost empfunden hat und in dem
Glauben auch gestorben ist: Friede seiner Asche! Wissen Sie auch, daß es
in der Erkenntnis der eigenen Schande, Richtigkeit und Schwachheit eine
Grenze gibt, über die der Mensch nicht mehr hinaus kann? An dieser
Stelle beginnt er dann eine große Wollust in seiner Demütigung zu
empfinden ... Nun, freilich, auch die Demut ist in gewissem Sinne eine
große Kraft, ich gebe es zu, wenn auch nicht in dem Sinne, wie die
Religion sie auffaßt.
Die Religion! Ein ewiges Leben erkenne ich an und habe es vielleicht
immer anerkannt. Mag der Wille einer höheren Gewalt das Feuer meines
Bewußtseins entzündet haben, mag es sich umgesehen haben im All und sich
gesagt: >Ich bin<! Und mag ihm eine höhere Gewalt befohlen haben, dann
zu vergehen, sogar ohne Erklärung weshalb und wozu. Doch meine Demut --
das ist die ewige Frage -- wozu soll denn die nötig sein? Kann man mich
denn nicht einfach auffressen, ohne von mir noch Lob und Preis dafür zu
verlangen, daß ich aufgefressen werde? Wird sich denn wirklich dort
irgend jemand beleidigt fühlen, wenn ich nicht mehr zwei Wochen darauf
warten will? Das glaube ich nicht; und es ist schon viel richtiger,
anzunehmen, daß mein erbärmliches Leben, das Leben eines einzelnen
Atomes, zugunsten einer allgemeinen Harmonie im Weltganzen, zu
irgendeinem Plus oder Minus, zu einem Kontrast usw. usw. nötig ist,
genau so, wie das Leben täglich das Opfer von Millionen von Lebewesen
verlangt, ohne deren Tod die übrige Welt nicht existieren könnte. (Ich
bemerke hier, daß dieser Gedanke an sich durchaus nicht großmütig ist.)
Doch möge es so sein! Ich gebe es zu, daß die Welt ohne diese
gegenseitige Vernichtung nicht hätte aufgebaut werden können, und ich
gebe sogar zu, daß ich nichts von ihrer Einrichtung begreife, doch weiß
ich dafür ganz genau eines: wenn man mir auch das Bewußtsein gegeben
hat, daß >Ich bin<, so geht es mich doch noch nichts an, ob die Welt nun
fehlerhaft aufgebaut und ohne Vernichtung nicht bestehen kann. Wer also,
und wofür wird man mich danach verurteilen? Sagen Sie, was Sie wollen --
ich finde jedenfalls, daß es unmöglich und zugleich ungerecht wäre.
Trotzdem habe ich niemals, trotz meines größten Verlangens, mir
vorstellen können, daß es _kein_ zukünftiges Leben und _keine_ Vorsehung
gebe. Es ist viel wahrscheinlicher, daß wir das zukünftige Leben und
seine Gesetze nicht verstehen können. Doch wenn das so schwer und
überhaupt nicht zu begreifen ist, wie soll ich dann dafür verantwortlich
sein, daß ich nicht imstande bin, das Unfaßbare zu fassen? Natürlich
sagen da die Leute und natürlich auch der Fürst, daß Gehorsam nötig sei,
daß man gehorchen _muß_, auch ohne zu verstehen, und zwar aus
moralischen, sittlichen Gründen, und daß ich in der anderen Welt dafür
belohnt werde. Wir erniedrigen jedoch die Vorsehung, wenn wir ihr aus
Ärger darüber, daß wir sie nicht verstehen können, unsere Begriffe
unterschieben. Und wiederum, wenn man die Vorsehung nicht verstehen kann
-- wie kann denn der Mensch dafür verantwortlich sein, was er nicht
verstehen kann? Und ebenso, wer kann mich denn verurteilen, wenn ich den
Willen und die Gesetze der Vorsehung nicht verstanden habe? Nein, lassen
wir die Religion lieber!
Aber damit wäre es auch genug! Wenn ich beim Vorlesen bis zu diesen
Zeilen gekommen sein werde, wird die Sonne aufgehen und >am Himmel
erklingen< und ihre große Feuerkraft wird die Erde überfluten. Mag ich
sterben! Ich werde in diese Quelle des Lebens und der Kraft sehen, und
mein Leben, das ich nicht mehr ertragen will, von mir werfen! Wenn ich
die Macht gehabt hätte, nicht geboren zu werden, so hätte ich ein Leben
unter so spottenden Bedingungen gewiß nicht angenommen. Aber noch habe
ich die Macht, zu sterben, obgleich ich nur Tage hinwerfen kann, die
schon gezählt sind. Und doch ist es eine Macht und doch ein Protest ...
Meine letzte Erklärung: Ich sterbe durchaus nicht deshalb, weil ich
nicht imstande wäre, diese drei Wochen noch zu ertragen; oh, dazu hätte
ich wohl noch die Kraft, und wenn ich wollte, so wäre mir allein schon
die Erkenntnis der mir angetanen Schmach eine Genugtuung; doch ich bin
kein französischer Dichter und brauche solch einen Trost nicht. Und dann
die Versuchung: Die Natur hat meine Betätigungsmöglichkeit mit ihren
drei Wochen Frist dermaßen eingeengt, daß der Selbstmord die einzige Tat
ist, die ich noch vollführen kann, das heißt anfangen und beenden nach
meinem eigenen Willen. Nun und vielleicht will ich eben nur die letzte
Möglichkeit einer _Tat_ ausnutzen? Der Protest ist manchmal keine
geringe Tat ...«
Die »Erklärung« war damit zu Ende. Hippolyt verstummte ...
Ein nervöser Mensch, der gereizt und außer sich den äußersten Grad
zynischer Offenherzigkeit erreicht hat, ist gewöhnlich zu allem bereit,
selbst zum größten Skandal, und ist sogar froh über ihn: er stürzt sich
auf die Menschen und hat selbst dabei das unklare, aber feste Ziel, eine
Minute nachher sich von einem Turm hinabzustürzen und damit alle
Mißverständnisse, wenn solche vorliegen, auf einmal zu beseitigen. Die
Folge eines solchen Zustandes ist meistens Erschöpfung der physischen
Kräfte. Die ungewöhnliche, beinahe unnatürliche Anstrengung hatte
Hippolyt bisher aufrechterhalten. An sich erschien dieser
achtzehnjährige, von der Krankheit erschöpfte Jüngling so schwach, wie
ein vom Baum gerissenes, zitterndes Blatt. Kaum hatte er seine Augen
über die Zuhörer hingleiten lassen, zum erstenmal nach seiner Lektüre,
so drückte sich auch schon in ihnen, in seinem Lächeln, Hochmut,
Verachtung und Widerwillen aus. Es drängte ihn zu einer Herausforderung.
Doch auch die Zuhörer waren unwillig. Alle erhoben sich lärmend und
geärgert vom Tisch. Die Müdigkeit, der Wein, die Anstrengung erhöhten
noch das Peinliche des Eindrucks.
Plötzlich sprang Hippolyt vom Stuhl auf, als hätte ihn jemand vom Platze
gerissen.
»Die Sonne geht auf!« schrie er, als er die glänzenden Spitzen der Bäume
sah und zeigte sie dem Fürsten, wie man ein Wunder zeigt. »Sie ist
aufgegangen!«
»Und Sie glaubten wohl, daß sie nicht aufgehen werde, wie?« bemerkte
Ferdyschtschenko.
»Das gibt wieder eine Hitze den ganzen Tag über,« brummte nachlässig,
ärgerlich Ganjä, drehte seinen Hut in den Händen, gähnte und reckte
sich. »Den ganzen Monat schon diese Dürre! ... Gehen wir oder gehen wir
nicht, Ptizyn?«
Hippolyt starrte ihn ganz verwundert bis zur Versteinerung an,
erbleichte, und ein Zittern befiel seinen Körper.
»Sie zeigen Ihre Gleichgültigkeit, mit der Sie mich kränken wollen,
recht ungeschickt,« wandte er sich an Ganjä und sah ihm gerade ins
Gesicht. »Sie sind ein Lump!«
»Das übersteigt denn doch schon alles!« brüllte Ferdyschtschenko.
»Das ist doch eine phänomenale ...!«
»Einfach ein Dummkopf,« sagte Ganjä.
Hippolyt nahm sich wieder zusammen.
»Ich verstehe, meine Herren,« begann er wie vorher, zitternd und jedes
Wort wie abgerissen hervorstoßend, »daß ich mir vielleicht Ihren
persönlichen Haß zugezogen habe, ich ... bedaure es, daß ich Sie mit
diesen Phantasien gequält habe« -- er wies auf seine Schrift -- »oder
ich bedaure vielmehr, Sie nicht ganz totgequält zu haben;« er lächelte
dumm. »Ich habe Sie gelangweilt, Jewgenij Pawlowitsch?« wandte er sich
plötzlich mit einer Frage an diesen. »Habe ich Sie gelangweilt oder
nicht? Sagen Sie!«
»Etwas lang, doch im übrigen ...«
»Sagen Sie alles! Lügen Sie doch wenigstens einmal in Ihrem Leben
nicht!« befahl ihm zitternd Hippolyt.
»Oh, mir ist das ganz gleichgültig! Lassen Sie mich bitte gefälligst in
Ruh,« antwortete ihm Jewgenij Pawlowitsch, sich angewidert von ihm
abwendend.
»Gute Nacht, Fürst,« verabschiedete sich Ptizyn vom Fürsten.
»Er wird sich sofort erschießen, was tun Sie! Sehen Sie ihn doch an!«
rief Wjera, stürzte zu Hippolyt und packte ihn an beiden Händen. »Er
sagte doch, daß er sich bei Sonnenaufgang erschießen würde, was machen
Sie denn mit ihm!«
»Der wird sich nicht erschießen!« riefen höhnisch einige Stimmen, unter
denen auch die Ganjäs war.
»Meine Herren, nehmen Sie sich in acht!« rief Koljä und packte auch
Hippolyt am Arm. »Sehen Sie ihn doch nur an! Fürst! Fürst, was haben Sie
denn!«
Um Hippolyt bemühten sich Wjera, Koljä, Keller und Burdowskij.
»Er hat das Recht ... das Recht ...« brummte Burdowskij, übrigens ganz
gedankenverloren.
»Erlauben Sie, Fürst -- welche Anordnungen ... wollen Sie jetzt
tr...effen?« wandte sich Lebedeff, der halb betrunken war, an den
Fürsten.
»Was für Anordnungen?«
»Nein--n; erlauben--n Sie; ich bin hier der Wirt und will in meiner
Hochachtung ... N--nehmen wir an, daß Sie der Wirt sind, so will ich
d--doch nicht, daß in meinem Hause ... J--a--a.«
»Wird sich nicht erschießen; der Junge renommiert ja nur!« rief voll
Unwillen und ganz unerwartet General Iwolgin.
»Ah, der General!« griff Ferdyschtschenko auf.
»Ich w--eiß, daß er sich nicht erschießen wird, mein General, mein sehr
verehrter General ... doch immerhin ... i--ich bin der Wirt.«
»Hören Sie, Herr Terentjeff,« sagte plötzlich Ptizyn und reichte,
nachdem er sich vom Fürsten verabschiedet hatte, Hippolyt die Hand, »Sie
äußerten sich, glaube ich, vorhin darüber, daß Sie Ihren Leichnam der
Akademie vermachen wollten? Haben Sie da wirklich Ihren Leichnam
gemeint, oder vermachen Sie ihr nur Ihre Knochen?«
»Ja, meine Knochen ...«
»So, so. Man könnte sich da leicht irren: man sagt, es sei schon einmal
vorgekommen.«
»Warum reizen Sie ihn?« schrie plötzlich der Fürst.
»Sie haben ihn schon bis zu Tränen gebracht,« fügte Ferdyschtschenko
hinzu.
Doch Hippolyt weinte durchaus nicht. Er wollte sich von der Stelle
bewegen, aber alle, die um ihn herumstanden, ergriffen ihn sofort am
Arm. Allgemeines Gelächter.
»So weit hat er's gebracht, daß ihn alle jetzt festhalten werden; darum
hat er also aus dem Papier da vorgelesen,« bemerkte Rogoshin. »Lebe
wohl, Fürst! Eh, mir schmerzen die Knochen vom Sitzen.«
»Wenn Sie wirklich die Absicht hatten, sich zu erschießen, Terentjeff,«
sagte lachend Jewgenij Pawlowitsch, »so würde ich jetzt an Ihrer Stelle,
nach solchen Komplimenten, mich absichtlich nicht erschießen, um sie
alle zu ärgern.«
»Sie möchten es wohl furchtbar gerne sehen, wie ich mich erschieße!«
stieß Hippolyt hastig hervor.
»Sie ärgern sich alle, daß sie es nicht sehen werden.«
»So denken auch Sie, Jewgenij Pawlowitsch, daß sie es nicht sehen
werden?«
»Ich will Sie nicht aufhetzen; im Gegenteil, ich glaube, daß es sogar
sehr möglich ist. Hauptsächlich, ärgern Sie sich nicht ...« sagte
gönnerhaft Jewgenij Pawlowitsch.
»Ich sehe jetzt, was für einen Fehler ich damit begangen habe, daß ich
Ihnen dieses Schriftstück vorlas!« wandte sich Hippolyt so
vertrauensvoll an Jewgenij Pawlowitsch, als hätte er einen Freund um
seinen freundschaftlichen Rat gefragt.
»Die Lage ist ziemlich lächerlich, doch ... wirklich, ich weiß nicht,
was ich Ihnen raten soll,« antwortete ihm lächelnd Jewgenij Pawlowitsch.
Hippolyt sah ihn starr an, ohne seinen Blick von ihm abzuwenden, und
schwieg. Man hätte denken können, daß er geistesabwesend wäre.
»N--nein, erlauben Sie, das ist doch eine sonderbare Manier,« mischte
sich wieder Lebedeff ins Gespräch, »>werde mich erschießen, im Park, um
niemanden zu beunruhigen!< Er glaubt also, damit niemanden zu
beunruhigen, wenn er drei Schritt von der Treppe entfernt in den Park
geht.«
»Meine Herren ...« begann der Fürst.
»N--nein, erlauben Sie, sehr verehrter Fürst,« griff Lebedeff wieder mit
Eifer auf, »wie Sie es selbst gesehen haben, ist es kein Spaß,
wenigstens ist die Hälfte Ihrer Gäste auch der Meinung und überzeugt,
daß er sich jetzt, nach diesen hier ausgesprochenen Worten, und um seine
Ehre zu retten, erschießen muß, und da fordere ich Sie auf, als Wirt,
hier einzugreifen!«
»Was soll ich denn tun, Lebedeff? Ich bin sofort bereit, hier ...«
»Was Sie tun sollen: erstens, soll er sofort die Pistole herausgeben,
die er uns ja so ausführlich beschrieben hat. Wenn er sie herausgegeben
hat, so bin ich damit einverstanden, daß er diese Nacht hier im Hause
schläft, in Anbetracht seines Zustandes, doch unter meiner Aufsicht.
Aber morgen möge er sich fortbegeben, einerlei wohin; entschuldigen Sie,
Fürst! Wenn er die Pistole nicht sofort herausgibt, so nehme ich ihn an
der einen Hand, der General an der anderen, und bringe ihn dann sofort
auf die Polizei. Denn es ist dann schon Sache der Polizei und nicht mehr
meine Sache. Herr Ferdyschtschenko kann auch noch als guter Bekannter
mitkommen.«
Es erhob sich ein Lärm. Lebedeff geriet immer mehr außer sich.
Ferdyschtschenko machte sich schon bereit, mit auf die Polizeiwache zu
gehen. Ganjä bestand hartnäckig darauf, daß sich niemand erschießen
werde. Jewgenij Pawlowitsch schwieg.
»Fürst, sind Sie schon einmal vom Turm gestürzt?« fragte ihn flüsternd
plötzlich Hippolyt.
»Nein ...« antwortete naiv der Fürst.
»Glauben Sie wirklich, daß ich diesen ganzen Haß nicht vorausgesehen
habe!« flüsterte wieder Hippolyt mit glänzenden Augen und sah den
Fürsten an, als hätte er wirklich von ihm eine Antwort erwartet. »Gut!«
wandte er sich plötzlich an alle, »ich bin schuldig ... vor allen!
Lebedeff, hier ist der Schlüssel« -- er zog ein Portemonnaie aus der
Tasche und entnahm ihm einen Schlüsselring mit vier kleinen Schlüsseln.
»Dieser vorletzte ist es ... Koljä wird Ihnen zeigen ... Koljä! Wo ist
Koljä?« rief er und bemerkte Koljä nicht, obgleich er ihn starr ansah.
»Da ... er wird Ihnen zeigen, er hat mit mir zusammen den Koffer
gepackt. Führen Sie ihn ... Koljä ... dahin, beim Fürsten im Kabinett,
unter dem Tisch ... mein Koffer ... mit diesem Schlüssel ... unten ...
meine Pistole ... und das Horn mit dem Pulver. Herr Lebedeff, er wird
sie Ihnen zeigen; doch unter der Bedingung, daß Sie sie mir morgen früh,
wenn ich nach Petersburg fahre, zurückgeben. Hören Sie? Ich tue es nur
für den Fürsten, nicht Ihretwegen.«
»So ist's besser!« Lebedeff griff nach dem Schlüssel, und höhnisch
lächelnd lief er ins Nebenzimmer.
Koljä zögerte, wollte etwas sagen, wurde aber von Lebedeff mitgerissen.
Hippolyt blickte auf die lachenden Gäste, der Fürst bemerkte, wie seine
Zähne vor Wut klapperten.
»Was für Schufte das doch sind!« flüsterte er wieder wie in Verzweiflung
dem Fürsten zu.
Wenn er mit dem Fürsten sprach, so redete er jetzt immer nur im
Flüsterton.
»Lassen Sie sie doch: Sie sind sehr erschöpft ...«
»Sofort, sofort ... ich gehe sofort.«
Plötzlich umarmte er den Fürsten.
»Sie glauben vielleicht, daß ich nicht mehr bei Sinnen bin?« fragte er
ihn, und sah ihn sonderbar lächelnd an.
»Nein, aber Sie ...«
»Sofort, sofort, schweigen Sie; sprechen Sie nicht; stehen Sie still ...
ich möchte in Ihre Augen sehen. Still ... ich möchte Sie ansehen. Ich
werde mich vom >Menschen< verabschieden.«
Er stand und sah den Fürsten ungefähr zehn Sekunden schweigend an; er
war sehr blaß, an den Schläfen trat Schweiß hervor; er griff so
sonderbar nach der Hand des Fürsten, und es schien, als fürchte er, sie
loszulassen.
»Hippolyt, Hippolyt, was fehlt Ihnen?« schrie der Fürst auf.
»Sofort ... sofort ... genug, ich gehe. Ich trinke nur noch einen
Schluck auf das Wohl der Sonne ... Ich will, ich will, lassen Sie!«
Er griff schnell nach dem Champagnerglas auf dem Tisch und schritt mit
demselben zum Ausgang der Terrasse. Der Fürst wollte ihm nachlaufen,
doch trat in diesem Augenblick gerade Jewgenij Pawlowitsch auf ihn zu,
um sich von ihm zu verabschieden. Es verging eine Sekunde, und plötzlich
erhob sich ein allgemeines Geschrei auf der Terrasse, dem eine
allgemeine Bestürzung und Verwirrung folgte.
Es geschah folgendes:
Hippolyt ging bis zur obersten Stufe der Terrasse, mit der linken Hand
hielt er das Glas, mit der rechten griff er in seine rechte
Seitentasche. Keller behauptete nachher, daß Hippolyt schon vorher immer
seine Hand in dieser rechten Seitentasche gehalten habe, und daß es ihm
schon damals verdächtig vorgekommen sei. Wenigstens hatte ihn eine
innere Unruhe getrieben, Hippolyt zu folgen. Doch wäre auch er zu spät
gekommen. Er sah nur plötzlich, wie in der rechten Hand Hippolyts etwas
aufblitzte und wie in demselben Augenblick der Lauf einer kleinen
Pistole Hippolyts Schläfe berührte. Keller griff mit der Hand danach,
doch hatte Hippolyt bereits den Hahn abgedrückt. Man hörte das kurze
Knacken des Hahnes -- doch kein Schuß erfolgte. Hippolyt fiel rücklings
in Kellers Arme und schien wie leblos: vielleicht hielt er sich selbst
für erschossen. Keller bemächtigte sich der Pistole. Hippolyt schob man
einen Stuhl unter, und alles drängte sich zu ihm, alle schrien, sprachen
durcheinander. Alle hatten sie das Knacken des Hahnes gehört und sahen
den Menschen unverletzt und lebendig vor sich. Hippolyt schien immer
noch nicht zu begreifen, was mit ihm vorgegangen war, er sah alle
geistesabwesend an. In diesem Augenblicke stürzten Lebedeff und Koljä
auf die Terrasse.
»Hat sie versagt?« fragten die einen.
»Vielleicht war sie gar nicht geladen?« die anderen.
»Geladen ist sie!« bemerkte Keller, der die Pistole untersuchte »Aber
...«
»Also hat sie versagt?«
»Das Zündhütchen fehlt.«
Die Szene, die daraus folgte, ist schwer wiederzugeben. Der Schrecken
aller verwandelte sich schnell in ein schallendes Gelächter. Einige
darunter lachten aus vollem Halse voll boshafter Schadenfreude. Hippolyt
überfiel ein hysterischer Weinkrampf, er rang die Hände, stürzte sich
auf alle und jeden, sogar auf Ferdyschtschenko, packte ihn an beiden
Schultern und schwor ihm, daß er es vergessen, rein zufällig vergessen
habe, das Zündhütchen hineinzulegen, daß sie sich alle in seiner
Westentasche befänden, zehn an der Zahl. Er zeigte sie allen -- er habe
sie nämlich nicht früher hineinlegen wollen, damit seine Pistole in der
Tasche nicht von selbst losgehe: und nun habe er es ganz vergessen. Er
stürzte zum Fürsten, zu Jewgenij Pawlowitsch, flehte Keller an, ihm die
Pistole zurückzugeben, damit er »seine Ehre, seine Ehre, die er jetzt
auf ewig verloren«, wieder erhalten könne ...
Er fiel zuletzt bewußtlos hin. Man trug ihn in das Kabinett des Fürsten,
und Lebedeff schickte sofort zum Arzt, während er mit seiner Tochter,
dem General und Antip Burdowskij am Bett des Kranken blieb. Als man den
bewußtlosen Hippolyt hinausgetragen hatte, stellte sich Keller mitten
auf der Terrasse hin und verkündete allen Anwesenden mit lauter Stimme
und jedes Wort betonend, wie in höherer Begeisterung:
»Meine Herren, wenn es noch jemand von Ihnen wagen sollte, laut in
meiner Gegenwart zu behaupten, daß das Zündhütchen mit Absicht vergessen
worden war, und daß dieser unglückliche junge Mann nur eine Komödie
gespielt habe -- so wird derjenige es mit mir zu tun haben.«
Doch keiner antwortete ihm. Die Gäste beeilten sich, fortzukommen.
Ptizyn, Ganjä und Rogoshin verließen zusammen die Datsche.
Der Fürst war sehr erstaunt, daß Jewgenij Pawlowitsch seine Absicht,
sich mit ihm auszusprechen, aufgegeben hatte.
»Sie hatten mir doch noch etwas sagen wollen?« fragte er ihn.
»Allerdings,« sagte Jewgenij Pawlowitsch und setzte sich auf einen Stuhl
neben den Fürsten, »doch jetzt habe ich mein Vorhaben aufgeschoben. Ich
gestehe, daß ich vom Geschehenen noch zu aufgeregt bin, und Sie sind es
auch. Meine Gedanken sind ganz verwirrt, und da mein Vorhaben für Sie
wie für mich von zu großer Bedeutung ist, so möchte ich die Aussprache
noch aufschieben. Sehen Sie, Fürst, ich möchte einmal im Leben eine
wirklich aufrichtige Tat vollführen, eine Tat ohne alle Hintergedanken.
In diesem Augenblick, denke ich, bin ich zu dieser ehrlichen Tat nicht
fähig, und Sie ... sind es vielleicht ... auch ... nicht, wir wollen
nächstens davon sprechen. Die Sache wird vielleicht auch noch an
Klarheit gewinnen, für Sie wie für mich, wenn wir sie auf die drei Tage
aufschieben, die ich noch in Petersburg verbringen muß.«
Er erhob sich vom Stuhl. Dem Fürsten schien es, daß Jewgenij Pawlowitsch
sich gereizt und unzufrieden fühlte und ihn feindlich ansah: in seinem
Blick lag etwas, was er zuvor nicht bemerkt hatte.
»Sie müssen übrigens jetzt zum Kranken.«
»Ja ... ich fürchte.«
»Fürchten Sie nichts; er wird noch sechs Wochen leben und vielleicht
noch länger; hier wird es ihm sehr gefallen. Doch jagen Sie ihn besser
morgen hinaus.«
»Vielleicht hat es ihn gereizt, daß ich schwieg, vielleicht dachte er,
ich zweifelte an seinem Entschluß, sich zu erschießen? Was glauben Sie,
Jewgenij Pawlowitsch?«
»Nein, nein. -- Es ist viel zu viel Güte von Ihnen, daß Sie sich darüber
Sorgen machen. Ich habe davon gehört, doch hätte ich es in Wirklichkeit
nie für möglich gehalten, daß Menschen sich erschießen, damit man sie
lobt, oder aus Wut, weil man sie nicht lobt. Nein, das hätte ich nie für
möglich gehalten! Sie jagen ihn morgen hinaus, nicht?«
»Sie denken, er wird doch noch Selbstmord verüben?«
»Nein, das wird er nicht mehr tun. Doch hüten Sie sich vor dieser Sorte.
Ich wiederhole es: Das Verbrechen ist die einzige Zuflucht der
talentlosen, ungeduldigen und gierigen Unbedeutendheit. Sie werden
sehen, ob dieser Mensch nicht fähig sein wird, zehn Seelen umzubringen,
nur um eine >Tat< zu vollbringen, wie er das doch vorhin in seiner
Niederschrift bekannte. Diese Bemerkung von ihm wird mich jetzt nicht
mehr schlafen lassen.«
»Sie regen sich, glaube ich, darüber unnütz und viel zu sehr auf.«
»Sie sind sonderbar, Fürst; Sie glauben also nicht, daß er jetzt fähig
ist, zehn Seelen zu morden?«
»Ich kann Ihnen darauf keine Antwort geben, das ist alles so sonderbar;
doch ...«
»Nun, wie Sie wollen, wie Sie wollen!« brach Jewgenij Pawlowitsch erregt
das Gespräch ab. »Außerdem sind Sie ein tapferer Mensch, geraten Sie nur
selbst nicht unter die zehn Seelen.«
»Es ist viel eher anzunehmen, daß er niemanden tötet,« sagte der Fürst
und sah nachdenklich Jewgenij Pawlowitsch an.
Der lachte boshaft.
»Es ist Zeit, leben Sie wohl! Haben Sie bemerkt, daß er die Kopie seiner
Beichte Aglaja Iwanowna zugedacht hat?«
»Ja, ich habe es bemerkt und ... denke soeben daran.«
»Ja, ja, die zehn Seelen,« bemerkte Jewgenij Pawlowitsch wieder lachend
und ging von dannen.
Eine Stunde nachher, ungefähr um vier Uhr morgens, ging der Fürst in den
Park hinaus. Er hatte versucht zu schlafen, doch war es ihm seines
starken Herzklopfens wegen nicht möglich gewesen. Im Hause hatte sich
wieder alles beruhigt; der Kranke schlief, und der Arzt hatte
festgestellt, daß ihm keine besondere Gefahr drohe. Lebedeff, Koljä,
Burdowskij hatten sich im Zimmer des Kranken niedergelassen, um
abwechselnd zu wachen. Zu befürchten war für den Augenblick nichts.
Die Unruhe des Fürsten wuchs von Minute zu Minute. Er schweifte im Park
umher und blickte zerstreut um sich. Erstaunt nahm er wahr, daß er sich
plötzlich beim Kurhaus befand und auf der Estrade die leeren Bänke und
Notenpulte des Orchesters erblickte. Der Ort widerte ihn an; er kehrte
sofort um und kam auf dem Wege, den er auch gestern abend mit
Jepantschins gegangen, zur grünen Bank, die Aglaja zum Rendezvous
bestimmt hatte. Er ließ sich auf ihr nieder und brach plötzlich in ein
lautes Gelächter aus, gleich darauf aber wurde er von neuem düster.
Wieder lastete auf ihm etwas Schweres und bedrückte ihn so, daß er am
liebsten fortgelaufen wäre, ... doch wußte er nicht, wohin? Im Baume
über ihm sang ein Vögelchen, seine Augen suchten es in den grünen
Zweigen, und sofort fiel ihm »die Fliege« ein, von der Hippolyt gesagt
hatte, daß sie ihren Platz an der Sonne kenne und an dem allgemeinen
Chore teilnehme, von dem nur er, Hippolyt, allein ausgeschlossen sei.
Diese Phrase hatte einen so starken Eindruck auf ihn gemacht, daß er
auch jetzt wieder an sie denken mußte. Eine längst vergessene Erinnerung
stieg in ihm auf.
Er sah sich in der Schweiz, in den ersten Monaten seines Aufenthalts in
den Bergen. Damals war er noch vollständig Idiot, er konnte noch nicht
recht sprechen und verstand nicht gut alles, was man von ihm verlangte.
An einem hellen, sonnigen Tag ging er in die Berge und ging lange,
gequält von einem Gedanken, über den er sich nicht Rechenschaft geben
konnte. Über ihm wölbte sich ein endloser Himmel, unter ihm lag ein
blauer See, rings ein leuchtender Horizont, der kein Ende kannte. Lange
schaute er aus, er erhob seine Hände zu diesem flimmernden unendlichen
All und hätte weinen mögen. Es quälte ihn, daß er alledem fremd
gegenüberstand. Was war das für ein Fest, was für ein großer Feiertag,
der ihn schon seit seiner Kindheit lockte und den er nicht erfassen
konnte. Jeden Morgen ging diese glänzende Sonne auf, jeden Morgen stand
über dem Wasserfall der Regenbogen, und jeden Abend brannte der
schneebedeckte Berggipfel in der Ferne, am Rande des Himmels in
purpurner Flammenlohe. Jede kleinste Fliege, die im heißen Sonnenstrahl
ihn umsummt, nimmt teil an diesem Chor, kennt ihren Platz, liebt ihn und
ist glücklich; jeder Grashalm, der da wächst, ist glücklich. Jeder hat
seinen Weg, jeder kennt seinen Weg, mit einem Lied geht er, mit einem
Liede kommt er; nur er allein weiß nichts, versteht nichts, nicht die
Menschen, nicht die Töne, allem ist er fremd und für alle ein
Ausgestoßener. O, freilich, damals konnte er sich noch nicht in Worten
ausdrücken; er quälte sich nur, war taub und stumm. Aber jetzt schien es
ihm, daß er alles das damals in derselben Weise empfunden, in der
Hippolyt von der »kleinen Fliege« gesprochen, ganz als hätte Hippolyt
mit seinen eigenen Worten, mit seinen eigenen Tränen es gesagt. Er war
fest davon überzeugt, und bei dem Gedanken schlug ihm das Herz zum
Zerspringen ...
Er war auf der Bank eingeschlafen und seine ganze Erregung ging in Traum
über. Kurz vorher fiel ihm noch ein, daß Hippolyt zehn Menschen
umbringen wollte und er lächelte über diese Annahme. Rings um ihn
herrschte lichte, wonnige Stille, die sich durch das Geflüster der
Blätter noch erhöhte, noch lautloser wurde. Er sah viele wundervolle
Traumbilder, und vieles erregte ihn so, daß er hin und wieder
zusammenzuckte. Zuletzt kam eine Frau auf ihn zu; er erkannte sie und er
hätte ihren Namen genannt, hätte sie angerufen -- doch sonderbar -- sie
hatte nicht dasselbe Gesicht, das er sonst an ihr kannte, sondern das
Gesicht einer anderen, die er nicht nennen wollte. In diesem Gesicht lag
soviel Qual und Schrecken, wie auf dem Gesicht einer Verbrecherin, die
soeben eine große Greueltat vollführt hat. Eine Träne zitterte auf ihrer
bleichen Wange. Sie winkte mit der Hand und legte den Finger auf seine
Lippen, als wollte sie ihm befehlen, ihr nur leise zu folgen. Das Herz
erstarb ihm, er wollte sie doch für nichts, für nichts in der Welt, als
eine Verbrecherin ansehen, und er fühlte, daß sogleich etwas
Schreckliches, für sein ganzes Leben Schreckliches sich ereignen würde.
Sie wollte ihm scheinbar etwas zeigen, etwas nicht weit Entferntes, hier
im Park. Er erhob sich, um ihr zu folgen und plötzlich ertönte neben ihm
helles, frisches Lachen. Er fühlte eine Hand in der seinigen, preßte sie
fest zusammen und -- erwachte. Vor ihm stand Aglaja.