»Ich will nicht lügen: In diesen sechs Monaten hat die Wirklichkeit auch
mich geködert und manches Mal dermaßen gepackt, daß ich mein Todesurteil
vollständig vergaß, oder besser gesagt, nicht daran denken wollte und
sogar eine Tat ausführte.
Als ich vor acht Monaten sehr schwer erkrankte, gab ich alle meine
Beziehungen zu meinen früheren Kameraden auf. Da ich ein verschlossener
Mensch bin, so vergaßen meine Kameraden mich bald: freilich hätten sie
mich auch sowieso vergessen. Mein Leben im Hause, das heißt >in der
Familie<, war ein vollständig einsames. Vor fünf Monaten schloß ich mich
ganz in mein Zimmer ein, niemand durfte hereinkommen, außer wenn das
Zimmer aufgeräumt wurde, oder wenn man mir das Essen brachte. Meine
Mutter zitterte vor mir und wagte nicht einmal zu weinen oder zu klagen,
wenn ich sie zu mir hereinließ. Die kleinen Geschwister wurden von ihr
geprügelt, wenn sie lärmten und mich störten, denn ich beklagte mich oft
über sie; ich kann mir denken, wie sehr sie mich dafür lieben! Den
>treuen Koljä<, wie ich ihn nannte, habe ich wohl auch sehr gequält. In
der letzten Zeit freilich hat aber auch er mich recht gepeinigt: das ist
ja ganz natürlich, die Menschen sind ja auch nur dazu geschaffen, um
sich gegenseitig zu quälen. Doch ich wußte, daß er meine Reizbarkeit
ertrug, wie ein Mensch, der sich das Versprechen gegeben hat, einen
Kranken zu schonen. Natürlich reizte mich das um so mehr: er schien dem
Fürsten >in christlicher Demut< nachzueifern, was auf mich jedoch nur
lächerlich wirkte. Dieser junge und feurige Knabe wird natürlich alles
nachahmen; doch scheint es mir manchmal, daß es für ihn allmählich Zeit
wäre, nach seinem eigenen Verstande zu leben. Ich liebe ihn sehr. Ich
habe auch Ssurikoff gequält, der über uns wohnte und im Auftrage anderer
Leute Tag und Nacht herumlief; ich bewies ihm jedesmal, daß er ganz
allein an seinem Elend schuld sei, so daß er zuletzt seine Besuche bei
mir einstellte. Er ist ein sehr demütiger Mensch, der Demütigste aller
Demütigen. (NB. Man sagt, daß Demut eine furchtbare Kraft sei: man muß
den Fürsten darüber befragen, denn das ist ein Ausspruch von ihm.) Doch
als ich im März zu ihm hinauf ging, um nach seinem, wie Sie sagten,
>erfrorenem< Kinde zu sehen und über der Leiche des Kindes zufällig zu
lachen begann, während ich dem Ssurikoff wiederum bewies, daß er selbst
daran >schuld< sei, da sah ich die Lippen des armen Wichtes plötzlich
erzittern. Er erhob sich, faßte mich mit der einen Hand an der Schulter,
mit der anderen wies er mir die Tür und leise, fast flüsternd sagte er
zu mir: >Gehen Sie!< Ich ging hinaus und die Szene gefiel mir furchtbar,
auch in dem Moment, als er mich hinauswarf. Aber in der Erinnerung
machten seine Worte einen schweren Eindruck auf mich; ich empfand für
ihn ein sonderbares, mit Verachtung gemischtes Mitleid, das ich dabei
durchaus nicht empfinden wollte. Selbst in dem Augenblick einer solchen
Beleidigung -- ich fühlte es ja, daß ich ihn beleidigt hatte, obgleich
es durchaus nicht meine Absicht gewesen war -- selbst in jenem
Augenblick konnte er nicht zornig werden. Seine Lippen zitterten
durchaus nicht aus Zorn, ich kann es schwören: er faßte mich am Arm und
sprach sein wunderbares >Gehen Sie<, ohne irgendwie erzürnt zu sein. Es
lag viel Würde darin, die ihm aber leider durchaus nicht stand, so daß
eigentlich viel Komik dabei war. Vielleicht verachtete er mich auch nur
ganz plötzlich. Seit der Zeit zog er, wenn er mir mal auf der Treppe
begegnete, den Hut vor mir, was er sonst nie getan hatte, blieb aber
nicht stehen wie früher, sondern lief ganz konfus an mir vorüber. Wenn
er mich auch verachtete, so tat er es doch auf seine Art: er verachtete
mich sozusagen >demütig<. Vielleicht zog er auch seinen Hut bloß aus
Furcht vor mir, weil ich der Sohn seiner Gläubigerin war, denn er
schuldete meiner Mutter beständig und war niemals imstande, aus seinen
Schulden herauszukommen. Und das ist sogar viel wahrscheinlicher. Ich
wollte mich mit ihm aussprechen und wußte, daß er mich wohl schon nach
zehn Minuten um Entschuldigung bitten würde; doch entschloß ich mich
zuletzt, mich nicht weiter mit ihm abzugeben und ihn zu lassen, wie er
war.
Um dieselbe Zeit, das heißt um die Zeit, in der Ssurikoff sein Kind
verlor, ungefähr Mitte März, fühlte ich mich plötzlich sehr wohl und das
dauerte ungefähr zwei Wochen lang. Ich ging öfters aus, besonders in der
Dämmerstunde. Ich liebe diese Dämmerstunden im März, wenn die Sonne
untergeht, es wieder zu frieren anfängt, und man das Gas auf den Straßen
anzündet; ich ging oft sehr weit. Eines Tages hätte mich auf der
Schestilawotschnaja in der Dunkelheit fast ein Herr überrannt. Ich
betrachtete ihn mir genauer und bemerkte, daß er einen kurzen
Sommerpaletot trug, der viel zu dünn für die Jahreszeit war. Unter dem
Arm hielt er ein in Papier eingewickeltes Paket. Als er an der nächsten
Straßenlaterne, ungefähr zehn Schritte vor mir, vorüberging, bemerkte
ich, daß ihm etwas aus der Tasche fiel.
Ich beeilte mich, es aufzuheben und -- es war die höchste Zeit, denn
außer mir stürzte sich noch ein Mensch im langen Kaftan auf das
Beutestück, und nur der Umstand, daß ich es schon in den Händen hielt,
ließ ihn auf den Fund verzichten: nach einem flüchtigen Blick auf den
Gegenstand schlüpfte er an mir vorüber. Der Gegenstand selbst war eine
große saffianlederne Brieftasche, die ganz mit Papieren angefüllt war;
auf den ersten Blick erkannte ich sonderbarerweise sofort, daß in ihr
alles, nur kein Geld enthalten war. Der Herr hatte sich währenddessen
schon auf vierzig Schritt von mir entfernt, und entschwand in der Menge
alsbald meinen Blicken. Ich lief ihm nach und fing an, ihn zu rufen,
doch da ich nichts anderes als >Hallo!< schreien konnte, so wandte er
sich auch nicht um. Plötzlich bog er nach links ab, in das Hoftor eines
Hauses. Als ich ihm aber in das Tor folgte, wo es sehr dunkel war,
konnte ich nichts mehr von ihm entdecken. Das Haus gehörte zu diesen
riesigen Mietskasernen, wie sie von unternehmenden Geschäftsleuten für
kleine Mieter gebaut werden. In einem solchen Hause befinden sich
manchmal hundert Wohnungen. Als ich gerade in den Torweg trat, schien es
mir, daß in der rechten, hinteren Ecke des großen Hofes ein Mensch ging,
obgleich ich ihn in der Dunkelheit nicht sehen konnte. Ich lief zur Ecke
und fand einen Treppeneingang; die Treppe selbst war schmal, schmutzig
und fast gar nicht erleuchtet, doch hörte ich, wie ein Mensch oben auf
der Treppe ging. Ich stürzte die Treppe hinauf, ihm nach -- glaubte ihn
schon zu erreichen, bevor man ihm die Tür öffnete.
Die Treppe war steil, die Stiegen waren schmal; als ich auf dem dritten
Treppenabsatz ankam, war ich außer Atem. Im fünften Stock wurde eine Tür
geöffnet und wieder geschlossen. Bis ich das Stockwerk erreicht und bis
ich die Klingel gefunden hatte, vergingen einige Minuten. Mir öffnete
endlich ein altes Mütterchen, das in der winzig kleinen Küche den
Ssamowar anmachte; sie hörte schweigend meine Frage an, die sie
natürlich überhaupt nicht begriff, schweigend öffnete sie mir die Tür
ins nächste Zimmer, einem ebenso kleinen und engen, schlecht möblierten
Raum, in dem sich auf einem großen, breiten Bett mit Vorhängen ein
scheinbar Betrunkener, den die Alte mit Terentjitsch anredete,
ausgestreckt hatte. Auf dem Tisch brannte in einem eisernen Leuchter ein
Lichtstumpf. Daneben stand eine fast geleerte Halbliterflasche
Branntwein. Terentjitsch brummte mir etwas zu und wies ohne sich
aufzurichten auf die nächste Tür.
Die Alte war fortgegangen, so daß mir nichts anderes übrigblieb, als
diese Tür zu öffnen. Das tat ich denn auch und trat ins nächste Zimmer.
Dieses Zimmer war noch kleiner und enger, so daß ich nicht wußte, wohin
ich treten sollte; das schmale, einschläfrige Bett in der Ecke nahm fast
den ganzen Raum ein, die übrige Einrichtung bestand aus drei einfachen
Stühlen, die mit allerlei Lumpen bepackt waren, und einem ganz einfachen
Küchentisch, der vor einem kleinen alten, wachstuchbezogenen Divan
stand. Zwischen Bett und Tisch gab es keinen Raum mehr zum Durchgehen.
Auf dem Tisch stand gleichfalls wie im anderen Zimmer ein eiserner
Leuchter, in dem ein Talglicht brannte. Im Bette schrie ein kleiner
Säugling, vielleicht drei Wochen alt, nach seinem Schreien zu urteilen.
Eine bleiche, kranke junge Frau, in tiefem Negligé, die wohl erst vor
kurzem das Wochenbett verlassen hatte, wechselte dem Kleinen die
Windeln. Das Kind schrie ohne aufzuhören nach der Mutterbrust. Auf dem
Divan schlief ein dreijähriges kleines Mädchen, das mit einem Rock
zugedeckt war. Am Tisch stand der Herr, in einem sehr abgetragenen
Anzug, den Paletot hatte er bereits abgelegt und aufs Bett geworfen --
er war eben im Begriff, ein Stück Brot und zwei kleine Würstchen aus
einem blauen Papier zu wickeln. Auf dem Tisch stand ferner eine Teekanne
mit Tee und außerdem lagen Schwarzbrotstückchen auf ihm herum. Unter dem
Bett sah ich einen offenen Reisekoffer und zwei Bündel mit allerlei
Kleidungsstücken und Lumpen. Mit einem Wort, es war eine schreckliche
Unordnung in dem kleinen Raum. Ich erkannte sofort, daß sie beide, der
Herr und die Frau, anständige Leute waren, die die Armut in diesen
erniedrigenden Zustand versetzt hatte, der jeden Versuch eines
Widerstandes aufhebt und die Leute dazu bringt, daß sie in der Unordnung
ein gewisses, bitteres Gefühl der Genugtuung empfinden.
Als ich eintrat, war der Herr beim Auspacken seiner Einkäufe in einem
lebhaften Gespräch mit seiner Frau begriffen; diese, noch mit dem
Wickeln beschäftigt, brach in Schluchzen aus; die Nachrichten, die er
ihr brachte, mußten schlecht gewesen sein. Das Gesicht ihres Mannes, das
mager und gebrannt war -- er trug einen schwarzen Backenbart mit
glattrasiertem Kinn --, schien mir sehr sympathisch; es war ernst, die
Augen blickten düster, mit einem gewissen krankhaften Ausdruck von
Stolz. Er mochte achtundzwanzig Jahre zählen. Als ich eintrat, spielte
sich eine eigentümliche Szene ab.
Es gibt Leute, denen es ein Genuß ist, sich ihrer reizbaren
Empfindlichkeit ganz hinzugeben, besonders wenn sie, was sehr leicht
geschieht, außer sich geraten können -- in einem solchen Augenblick ist
es ihnen sogar angenehm, beleidigt zu werden. Diese Reizbaren bereuen
ihre Heftigkeit nachher sehr, wenn sie klug sind, versteht sich, und
imstande, sich einzugestehen, daß der Grund zu ihrer Heftigkeit ein viel
zu geringer war. Der Herr sah mich zuerst ganz erstaunt an und die Frau
starrte mich geradezu wie ein Gespenst an, denn -- wie konnte jemand zu
ihnen kommen? Plötzlich stürzte er mir wie ein Wahnsinniger entgegen;
ich konnte kaum ein paar Worte stammeln. Offenbar fühlte er sich
gekränkt, als er sah, daß ich anständig angezogen war und daß ich es
wagte, so ohne weiteres bei ihm einzutreten, und daß ich nun die
Unordnung erblickte, deren er sich selbst so sehr schämte. Andererseits
freute es ihn, einen Anlaß gefunden zu haben, an mir die ganze Wut über
sein Mißgeschick auszulassen. Einen Augenblick dachte ich, daß er sich
wirklich auf mich stürzen würde: er erbleichte wie in einem hysterischen
Anfall und erschreckte seine Frau aufs äußerste.
>Wie wagen Sie es, so einzutreten? Hinaus!< schrie er, zitternd vor Wut
und kaum fähig, die Worte auszusprechen. Doch plötzlich bemerkte er
seine Brieftasche in meinen Händen.
>Ich glaube, Sie haben sie verloren,< sagte ich so ruhig und trocken wie
möglich.
Er stand wie vor Schreck gelähmt da, als könne er nichts begreifen;
darauf griff er nach seiner Seitentasche, riß den Mund weit auf und
schlug sich vor die Stirn.
>Mein Gott! Wo haben Sie sie gefunden? Auf welche Weise?<
Ich erzählte ihm alles mit ein paar kurzen Worten und nach Möglichkeit
sachlich und ruhig erklärend, wie ich das Ding aufgehoben, wie ich ihm
nachgelaufen und ihn angerufen ...
>Oh, mein Gott!< rief er aus und wandte sich an seine Frau, >das sind
alle unsere Dokumente, auch meine letzten Instrumente sind dabei ... oh,
geehrter Herr, wissen Sie auch, was Sie für mich getan haben? Ich wäre
sonst verloren! ...<
Ich griff nach der Türklinke, um mich zu entfernen; doch war ich selbst
außer Atem und es überfiel mich ein so starker Husten, daß ich mich kaum
auf den Füßen halten konnte. Ich sah, wie der Herr für mich nach einem
Stuhl suchte, wie er die Lappen, die auf dem Stuhl lagen, auf den
Fußboden warf, sich beeilte, ihn mir zu reichen und mich vorsichtig auf
den Stuhl zog. Doch mein Husten wollte nicht aufhören. Als ich endlich
zu mir kam, saß er auf einem anderen Stuhl vor mir und betrachtete mich
aufmerksam.
>Sie sind leidend ... wie es scheint?< sagte er in dem Tone eines Arztes
zu einem Kranken. >Ich bin selbst ... Mediziner< -- er sagte nicht
Doktor -- und er wies mit der Hand auf das Zimmer, als protestiere er
gegen seine jetzige Lage. >Ich sehe, daß Sie ...<
>Schwindsüchtig sind,< sagte ich so trocken wie möglich und stand auf.
Auch er sprang auf.
>Sie übertreiben vielleicht ... und wenn Mittel dagegen ...<
Er konnte immer noch nicht ganz zu sich kommen; seine Brieftasche hielt
er in der linken Hand.
>Oh, beunruhigen Sie sich nicht,< unterbrach ich ihn wieder und griff
nach der Türklinke, >mich hat in der vergangenen Woche B--n untersucht,
mein Schicksal ist entschieden. Entschuldigen Sie ... die Störung ...<
Ich wollte die Tür wieder öffnen und meinen verwirrten, dankbaren und
beschämten Doktor verlassen, doch packte mich der verfluchte Husten von
neuem. Der Doktor bestand darauf, daß ich mich nochmals hinsetzte und
ausruhte. Er wandte sich zu seiner Frau, und diese sagte mir, von ihrem
Platze aus, ein paar dankbare und freundliche Worte. Sie wurde dadurch
selbst sehr verwirrt und auf ihre bleichen, eingefallenen Wangen trat
eine helle Röte. Ich blieb, doch verhielt ich mich so, daß ich jeden
Augenblick bereit war zu gehen, weil ich sie nicht stören wollte. Die
Reue quälte den Doktor jetzt aufs höchste, wie ich bemerkte.
>Wenn ich ...< begann er verwirrt in abgerissenen Sätzen. >Ich bin Ihnen
so dankbar und so schuldig vor Ihnen ... ich ... Sie sehen ...< Er wies
wieder auf das Zimmer, >augenblicklich befinde ich mich in einer Lage
...<
>Oh,< sagte ich, >das ist keine Seltenheit! Sie haben wahrscheinlich
Ihre Stellung verloren und sind hierher gekommen, um den Sachverhalt
hier auseinanderzusetzen und eine neue zu erhalten?<
>Woher ... wissen Sie denn das?< fragte er mich mit Verwunderung.
>Das sieht man doch auf den ersten Blick,< antwortete ich, unwillkürlich
etwas spöttisch. >Es kommt so mancher aus der Provinz mit großen
Hoffnungen hierher, müht sich hier ab und lebt so wie Sie.<
Da fing er plötzlich zu reden an; leidenschaftlich, mit zitternden
Lippen erzählte er alles: wie es ihm ergangen war, und ich muß gestehen
-- es interessierte mich sehr. Ich blieb daher fast eine Stunde lang bei
ihm. Seine Geschichte war übrigens eine ganz gewöhnliche: er war Arzt in
der Provinz gewesen, hatte eine staatliche Anstellung gehabt. Man
intrigierte aber gegen ihn und sogar gegen seine Frau. Er war stolz,
hitzköpfig. Ein neuer Vorgesetzter kam ins Gouvernement und handelte
zugunsten seiner Feinde, die sich über ihn beklagt hatten. Er verlor die
Stellung und reiste mit seinen letzten Mitteln nach Petersburg, um sich
hier vor den Behörden zu rechtfertigen. In Petersburg, wie das ja
bekannt ist, wollte man ihn jedoch zuerst gar nicht hören, dann wies man
seinen Antrag ab, dann wurde er durch Versprechungen hingehalten, darauf
antwortete man ihm mit einem Verweis, darauf befahl man ihm, eine
Verteidigungsschrift einzureichen, darauf eine Bittschrift -- mit einem
Wort, er bemühte sich schon den fünften Monat vergebens, hatte alles
verbraucht, die letzten Sachen seiner Frau versetzt; schließlich wurde
auch noch das Kindchen geboren und ... und heute hatte er den
endgültigen abschlägigen Bescheid auf seine eingereichte Bittschrift
erhalten, und besaß nun kein Brot mehr, kein Geld, nichts mehr. Die Frau
in den Wochen er ... er ...
Er sprang vom Stuhl auf und wandte sich ab. In der Ecke weinte seine
Frau, das Kind fing an zu schreien. Ich zog mein Notizbuch heraus und
notierte mir etwas. Als ich damit fertig war und aufstand, stand er vor
mir und sah mich mit neugierigen, ängstlichen Blicken an.
>Ich habe mir Ihren Namen aufgeschrieben,< sagte ich zu ihm, >und alles
übrige: den Ort Ihrer Anstellung, den Namen des Gouverneurs, das Datum.
Ich habe einen Schulkameraden, Bachmutoff, der hat einen Onkel Pjotr
Matwejewitsch Bachmutoff, wirklicher Staatsrat und Direktor ...<
>Pjotr Matwejewitsch Bachmutoff!< rief mein Arzt fast zitternd aus. >Von
ihm hängt ja fast alles ab!<
Und in der Tat, die Geschichte meines Mediziners, in die ich so
unfreiwillig eingreifen sollte, wickelte sich von nun an günstig ab,
ganz als ob alles in ihr, wie in Romanen, im voraus darauf vorbereitet
gewesen wäre. Fürs erste jedoch sagte ich diesen armen Leuten, daß sie
auf mich keine Hoffnungen setzen möchten, daß ich selbst ein armer
Gymnasiast sei (ich übertrieb absichtlich, ich hatte schon längst das
Gymnasium beendet) und daß sie meinen Namen nicht zu wissen brauchten,
daß ich jedoch sofort zu meinem Kameraden Bachmutoff gehen wollte,
dessen Onkel wirklicher Staatsrat, Junggeselle und kinderlos sei und der
seinen Neffen daher leidenschaftlich lieb habe und in ihm den letzten
Sproß seiner Familie sähe. Vielleicht würde mein Kamerad etwas für sie
tun und für sie beim Onkel ...
>Wenn ich doch nur eine Audienz bei Seiner Exzellenz erhalten könnte!
Wenn man mir doch die Ehre verschaffen würde, mein Gesuch mündlich
aussprechen zu dürfen!< Er zitterte wie im Fieber und seine Augen
glänzten.
Ich wiederholte noch einmal, daß ich der Sache durchaus nicht sicher sei
und fügte noch hinzu, daß, wenn ich morgen früh nicht zu ihnen käme, die
Sache gescheitert wäre und sie nichts mehr zu erwarten hätten. Sie
begleiteten mich unter Danksagungen zur Tür hinaus. Sie waren einfach
außer sich; nie werde ich den Ausdruck dieser Gesichter vergessen. Ich
nahm eine Droschke und fuhr sofort nach dem Wassiljewskij Ostroff[25] zu
Bachmutoff.
Mit diesem Bachmutoff stand ich mich im Gymnasium während mehrerer Jahre
auf feindlichem Fuße. Bei uns wurde er als Aristokrat angesehen,
wenigstens habe ich ihn so genannt: er kleidete sich ausgezeichnet,
hatte seine eigenen Pferde, tat aber niemals wichtig, war ein
vorzüglicher Kamerad, immer außerordentlich lustig, zuweilen sogar
witzig, obgleich sein Verstand nicht von weitem her war, wenn er auch in
der Klasse als einer der Ersten galt, während ich niemals und in keinem
Fache Erster war. Alle Kameraden liebten ihn, ich war der einzige, der
ihn nicht liebte. Er kam mir des öfteren in diesen Jahren entgegen, doch
wandte ich mich jedesmal finster und gereizt von ihm ab. Jetzt hatte ich
ihn schon seit einem Jahr nicht mehr gesehen: er besuchte die
Universität. Als ich nun um neun Uhr abends zu ihm kam, feierlich und
umständlich angemeldet wurde, empfing er mich zuerst mit Verwunderung
und nicht gerade sehr entgegenkommend, doch alsbald wurde er heiter und
plötzlich lachte er laut auf.
>Wie ist das möglich, daß Sie mich aufgesucht haben, Terentjeff?< rief
er mit seiner liebenswürdigen Ungezwungenheit aus, die nie beleidigte
und um derentwillen ich ihn so haßte. >Aber was ist denn mit Ihnen,<
rief er plötzlich erschrocken, >sind Sie krank!<
Der Husten quälte mich wieder, ich fiel auf einen Stuhl und konnte kaum
atmen.
>Beunruhigen Sie sich nicht, ich habe nur die Schwindsucht,< sagte ich,
>ich bin mit einer Bitte zu Ihnen gekommen.<
Er setzte sich vor Verwunderung, und ich erzählte ihm sofort die ganze
Geschichte und bat ihn, da er doch einen so großen Einfluß auf seinen
Onkel hätte, vielleicht etwas für die Leute zu tun.
>Das werde ich, das werde ich unbedingt, ich werde morgen sofort zu
meinem Onkel gehen; ich bin sogar sehr froh, Ihnen gefällig sein zu
können, Sie haben so hübsch erzählt ... Doch wie sind Sie, Terentjeff,
darauf verfallen, sich gerade an mich zu wenden?<
>Von Ihrem Onkel hängt hier alles ab, und wir waren außerdem immer
Feinde. Da Sie, Bachmutoff, ein Gentleman sind, so dachte ich, daß Sie
einem Feinde niemals etwas abschlagen würden,< fügte ich etwas ironisch
hinzu.
>Ganz wie Napoleon sich an England wandte!< rief er laut lachend. >Ich
werde es tun, ich werde es tun! Ich gehe sofort, wenn es noch möglich
ist!< fügte er eifrig hinzu, als er sah, daß ich mit ernster Miene mich
vom Stuhl erhob.
Und wirklich nahm die Angelegenheit ganz unerwarteterweise einen sehr
günstigen Verlauf. Nach anderthalb Monaten erhielt unser Doktor wieder
eine Stelle in einem anderen Gouvernement, erhielt obendrein das
Reisegeld und eine Unterstützung. Ich vermute, daß Bachmutoff sie
besucht hat, während ich es unterließ, hinzugehn und den Doktor sehr
trocken bei mir empfing -- auch vermute ich, daß Bachmutoff dem Doktor
Geld vorgeschossen hat. Mit Bachmutoff traf ich im Laufe dieser sechs
Wochen zweimal zusammen, das drittemal sahen wir uns, als wir den
Abschied des Doktors feierten. Die Abschiedsfeier veranstaltete
Bachmutoff in seinem Hause, ein Diner mit Champagner, an dem auch die
Frau des Doktors teilnahm. Es war zu Anfang Mai, der Abend war hell, die
Sonne sank groß und rot ins Meer. Bachmutoff begleitete mich nach Haus.
Wir gingen über die Nikolaibrücke -- beide hatten wir etwas getrunken.
Bachmutoff sprach seine Freude darüber aus, daß diese Sache ein so gutes
Ende genommen hatte, dankte mir dafür, sagte mir, wie gut er sich nach
dieser Tat fühle, versicherte mir, daß nur mir alles Verdienst an ihr
zukomme, und meinte: >Es ist doch ganz unsinnig, was jetzt einige
Menschen bei uns predigen, daß eine einzelne gute Tat nichts zu bedeuten
habe!< Auch ich befand mich in einer redseligen Stimmung.
>Wer die persönliche >gute Tat< anzugreifen wagt, der greift die Natur
des Menschen an und verachtet den Wert der Persönlichkeit. Doch die
Frage der persönlichen Freiheit und die Frage der >organisierten
Unterstützung< sind zwei ganz verschiedene Fragen, wenn sie sich
gegenseitig auch nicht auszuschließen brauchen. Die einzelne gute Tat
wird immer bestehen bleiben, denn sie ist ein Bedürfnis der
Persönlichkeit, das lebendige Bedürfnis des unmittelbaren Einflusses des
einen Menschen auf den andern. In Moskau lebte früher ein alter General,
das heißt, er war ein wirklicher Staatsrat, mit deutschem Namen. Er ging
sein ganzes Leben lang in den Gefängnissen und unter den Verbrechern
umher. Jeder Verbrechertrupp, der nach Sibirien abging, wußte schon im
voraus, daß auf den >Sperlingsbergen<[26] >der alte General< sie
besuchen werde. Er erfüllte seine Pflicht mit Ernst und Andacht; er
erschien, ging die Reihen der Verschickten ab, blieb bei jedem von ihnen
stehen, fragte jeden nach seinen Bedürfnissen, machte niemandem einen
Vorwurf und redete sie alle mit >Täubchen< an. Er gab jedem von ihnen
Geld, schickte ihnen die notwendigsten Dinge, Tücher, Fußlappen usw.,
brachte zuweilen Andachtsbücher mit und gab sie denjenigen, die da lesen
konnten, und war fest davon überzeugt, daß sie dieselben unterwegs auch
wirklich lesen und den Kameraden, die nicht zu lesen verstanden,
vorlesen würden. Nach der Art des Verbrechens fragte er nie, er hörte
nur zu, wenn der Verbrecher selbst davon zu sprechen anfing. Alle
Verbrecher standen bei ihm auf der gleichen Stufe, einen Unterschied gab
es für ihn nicht. Er sprach mit ihnen wie mit seinen Brüdern, und sie
betrachteten ihn zuletzt als ihren Vater. Wenn er eine Verschickte sah,
die ein Kind auf den Armen trug, so ging er zu ihr, streichelte das Kind
und schnippte mit den Fingern, um es lächeln zu machen. Und das tat er
eine ganze Reihe von Jahren bis zu seinem Tode. Alle Verbrecher in ganz
Rußland und ganz Sibirien kannten ihn. Mir erzählte selbst ein
ehemaliger Verschickter aus Sibirien, daß er Zeuge gewesen, wie sich die
eingefleischtesten Verbrecher des >alten Generals< erinnerten, obgleich
der General nie mehr als zwanzig Kopeken pro Person geben konnte. Nicht,
daß sie seiner mit Dank und Rührung dachten! Irgendeiner der
>Unglücklichen<, der vielleicht zwölf Seelen auf dem Gewissen und sechs
Kinder nur so zu seinem Vergnügen getötet hatte -- man sagt, daß es
solche geben soll --, erinnerte sich seiner plötzlich, mir nichts dir
nichts, und vielleicht auch nur einmal in zwanzig Jahren, seufzte und
sagte: >Sollte der alte General am Ende noch immer leben?< Und dabei
lächelte er -- und das war alles. Doch, wer kann es wissen, welch ein
Samenkorn der >alte General<, den er in zwanzig Jahren nicht vergessen,
ihm auf ewig in die Seele gepflanzt hat? Was wissen Sie, Bachmutoff,
welch eine Bedeutung diese Aufnahme des einen Menschen in die Seele des
andern im Schicksal eines Menschen haben kann? ... Da ist ein ganzes
Leben mit seinen zahllosen uns verborgenen Verzweigungen. Der beste,
scharfsinnigste Schachspieler kann nur einige kleine Züge voraussehen;
von einem französischen Schachspieler, der zehn Schachzüge
vorausberechnen konnte, berichtete man wie von einem Weltwunder. Wieviel
Züge des Lebens aber sind uns bekannt? Indem Sie Ihr Samenkorn
ausstreuen, Ihre >Tat< vollbringen, geben Sie, in welcher Form es auch
sei, einen Teil Ihrer Persönlichkeit hin und nehmen den Teil der anderen
Persönlichkeit in sich auf; in dieser Wechselbeziehung stehen Sie beide
zueinander. Schenken Sie dieser Tatsache nur ein wenig Ihre
Aufmerksamkeit und Sie werden durch die unerwartetsten Entdeckungen
belohnt werden. Sie werden zuletzt auf dieses Tatsachenmaterial wie auf
eine Wissenschaft sehen; sie absorbiert Ihr ganzes Leben und kann
sogleich auch Ihr ganzes Leben ausfüllen. Andererseits können alle Ihre
Gedanken, alle die Samenkörner, die Sie ausgestreut haben und die von
Ihnen selbst vielleicht vergessen worden sind, in anderen wachsen und
Früchte tragen. Und woher können Sie wissen, welch einen Anteil Sie an
der zukünftigen Entscheidung der Geschicke des Menschengeschlechts haben
werden? Wenn diese Erkenntnis und ein ganzes Leben solcher Arbeit Sie
dazu befähigt, einen einzigen großen Gedanken der Menschheit zu
hinterlassen, so haben Sie -- Ihre Lebensaufgabe erfüllt ...< usw. ich
habe damals viel gesprochen.
>Und wenn man bedenkt, daß gerade Ihnen, Ihnen das Leben versagt ist!<
rief Bachmutoff, mit heißem Vorwurf an einen Unbekannten, plötzlich aus.
Wir standen gerade auf der Nikolaibrücke und blickten, die Arme
aufgestützt, auf die Newa.
>Wissen Sie, was mir durch den Kopf geht?< Dabei bog ich mich weit über
das Geländer.
>Doch nicht etwa, ins Wasser zu springen?< rief Bachmutoff fast
erschrocken aus. Vielleicht hatte er diesen Gedanken in meinem Gesicht
gelesen.
>Nein, vorläufig war es nur ein Gedanke. Angenommen, ich habe noch zwei
bis drei, vielleicht auch noch vier Monate zu leben, und ich hätte nun
den großen Wunsch, noch eine gute Tat zu vollführen, die viel Arbeit und
Mühe verlangt. So müßte ich in meinem Falle auf sie verzichten. Geben
Sie doch zu, daß es ein drolliger Gedanke ist!<
Der arme Bachmutoff quälte sich meinetwegen sehr; er begleitete mich
nach Haus und war so taktvoll, daß er die ganze Zeit über schwieg. Er
verabschiedete sich von mir, drückte mir herzlich die Hand und bat um
die Erlaubnis, mich besuchen zu dürfen. Ich antwortete ihm, daß er, wenn
er etwa als >Tröster< zu mir käme, mich jedesmal an den Tod erinnern
würde. Er zuckte mit den Achseln und gab mir recht; wir verabschiedeten
uns höflich voneinander, höflicher als ich es erwartet hatte.
An diesem Abend und in dieser Nacht wurde der erste Keim zu meiner
>letzten Überzeugung< gelegt. Ich klammerte mich an diese _neue_ Idee,
überlegte sie mir mit allen ihren Folgen -- ich schlief die ganze Nacht
nicht -- und je mehr ich mich in sie vertiefte, desto mehr erschrak ich
über sie. Zuletzt packte mich eine wahnsinnige Angst, die mich die
ganzen folgenden Tage nicht mehr verließ. Und wenn mir diese Angst zum
Bewußtsein kam, so erstarrte ich zu Eis; ich fühlte, daß diese >letzte
Überzeugung< von mir Besitz ergriffen hatte und mich nun sicher zu einem
Entschluß führen würde. Doch zum Entschluß fehlte mir noch die Kraft.
Nach drei Wochen war auch das überwunden, und die Kraft kam mir durch
einen sehr sonderbaren Umstand.
Ich verzeichne hier in meiner Erklärung alle diese Daten. Die können mir
freilich jetzt ganz gleichgültig sein, doch wünsche ich, daß diejenigen,
die mein Vorhaben beurteilen werden, klar sehen, aus welcher logischen
Kette von Schlüssen meine >letzte Überzeugung< entsprungen ist. Ich
schrieb soeben, daß die Kraft, die mir zur Ausführung meiner >letzten
Überzeugung< noch fehlte, mir durchaus nicht aus einer logischen
Folgerung kam, sondern durch einen sonderbaren Stoß von außen, also von
ganz äußerlichen Umständen her, die, vielleicht, mit dem Gang der Sache
in keinerlei Zusammenhang standen. Vor zehn Tagen erschien bei mir
Rogoshin in einer Angelegenheit, die ich hier zu erwähnen für unnütz
halte. Ich hatte Rogoshin niemals früher gesehen, doch viel von ihm
gehört. Ich gab ihm die verlangte Auskunft und er ging bald darauf fort,
und da zwischen uns überhaupt keine Beziehungen bestanden, so war die
Sache damit zu Ende. Doch fing er mich plötzlich sehr zu interessieren
an und den ganzen Tag über stand ich unter dem Einfluß der sonderbarsten
Ideen, so daß ich mich endlich entschloß, am nächsten Tage zu ihm
hinzugehen und seinen Besuch zu erwidern. Rogoshin war augenscheinlich
nicht sehr erfreut darüber und ließ sogar durchblicken, daß er nicht
geneigt sei, diese Bekanntschaft mit mir fortzusetzen; doch erlebten wir
-- denn ich glaube auch er -- eine sehr interessante Stunde zusammen.
Zwischen uns bestand ein solcher Gegensatz, daß er uns beiden ganz
unmöglich nicht auffallen konnte, besonders mir nicht: ich war ein
Mensch, dessen Tage gezählt waren, und er -- voll Leben, voll
unmittelbarem Leben, ohne jede Sorge um die >letzten< Schlüsse oder
Zahlen oder was es sonst wäre, wenn es sich nur nicht darum handelte,
was er ... worauf er ... nun, wovon er besessen war. Möge mir Herr
Rogoshin diesen Ausdruck verzeihen, wie etwa, sagen wir, einem
schlechten Schriftsteller, der seine Gedanken nicht auszudrücken vermag.
Ungeachtet seiner Unliebenswürdigkeit erschien er mir als ein Mensch von
großem Verstande, obgleich ihn kaum etwas für ihn Nebensächliches
interessierte. Ich sagte ihm nichts von meiner >letzten Überzeugung<,
doch schien es mir, als hätte er sie aus meinen Bemerkungen erraten. Er
schwieg, er war schrecklich schweigsam. Ich sagte zu ihm, als ich
fortging, daß ungeachtet aller Unterschiede zwischen uns und aller
Gegensätze -- _les extrêmes se touchent_{[29]} -- er von meiner letzten
Überzeugung vielleicht gar nicht so weit entfernt sei, wie es scheine.
Darauf antwortete er mir nur mit einer düster-bitteren Grimasse, stand
auf, suchte selbst meine Mütze, tat, als ob ich die Absicht geäußert
hätte, fortzugehen und führte mich einfach aus seinem dunklen, großen
Hause hinaus, dem Anscheine nach, als gebe er mir aus Höflichkeit das
Geleit. Sein Haus schien mir wie ein Totenhaus, doch lebte er offenbar
gern in ihm, und übrigens ist das verständlich: ein so volles
unmittelbares Leben, wie er es lebt, braucht keine andere Umgebung.
Dieser Besuch bei Rogoshin ermüdete mich sehr. Außerdem fühlte ich mich
schon seit dem Morgen nicht gut; gegen Abend war ich so schwach, daß ich
mich zu Bett legen mußte, ich hatte starkes Fieber und phantasierte
dabei über alles das, wovon er gesprochen und wovon wir uns unterhalten
hatten. Wenn meine Augen minutenlang zufielen, sah ich sofort Iwan
Fomitsch Ssurikoff, der anscheinend Millionen erhalten hatte. Er wußte
nicht, was er mit ihnen anfangen sollte, rang die Hände über seinem
Haupte, zitterte vor Furcht, daß sie ihm gestohlen werden könnten und
entschloß sich zuletzt, sie irgendwo zu vergraben. Ich riet ihm, aus
diesem Golde einen Sarg für sein >erfrorenes Kind< machen zu lassen und
darum das Kind so schnell wie möglich auszugraben. Diesen Spott hielt
Ssurikoff unter Tränen der Dankbarkeit für Ernst und schritt sofort zur
Ausführung seines Planes. Ich spuckte aus und kehrte ihm den Rücken.
Koljä versicherte mir, als ich zu mir kam, daß ich durchaus nicht
geschlafen, vielmehr die ganze Zeit mit ihm über Ssurikoff gesprochen
hätte. Von Zeit zu Zeit überkam mich schreckliche Verzweiflung, so daß
Koljä sehr beunruhigt darüber fortging. Als ich aufstand, um die Tür
hinter ihm zuzuschließen, erinnerte ich mich plötzlich des Bildes, das
ich bei Rogoshin in einem großen, düsteren Saal über der Tür gesehen
hatte. Rogoshin selbst wies im Vorübergehen darauf hin, ich glaube, ich
betrachtete es fünf Minuten lang. In ihm war nichts schön im
künstlerischen Sinne, doch erfüllte es mich mit Unruhe.
Das Bild war eine Kreuzabnahme Christi. Sonst stellen die Maler
gewöhnlich Christus am Kreuze oder nach der Kreuzabnahme immer noch in
der außergewöhnlichen Schönheit seiner verklärten Züge dar und diese
Schönheit versuchen sie ihm selbst bei den schrecklichsten Qualen
beizulegen. Auf dem Bilde bei Rogoshin konnte jedoch von Schönheit nicht
die Rede sein: das war der wirkliche Leichnam eines Menschen, der noch
vor der Kreuzigung die endlosesten Qualen erlitten hatte. Da sah man
Wunden von Geißelhieben und den Mißhandlungen durch das Volk, als Er das
Kreuz tragen mußte und unter dem Kreuze zusammenbrach, und, zum Schluß
noch die (nach meiner Berechnung) sechsstündigen Qualen am Kreuze.
Wahrhaftig, die Züge dieses Menschen, der soeben vom Kreuze genommen
worden ist, enthielten noch etwas Lebendiges, Warmes, sie waren noch
nicht erstarrt, ein Hauch von Leiden, ein Empfinden des Schmerzes schien
noch aus ihnen zu sprechen, und das war ganz wundervoll von dem Künstler
wiedergegeben. Nichts war beschönigt in diesem Gesicht, es war die reine
Natur und genau so muß der Leichnam eines Menschen aussehen, wer er auch
sei, nach solchen Qualen. Ich weiß, daß die christliche Kirche in den
ersten Jahrhunderten das Dogma aufgestellt hat, daß Christus nicht nur
bildlich gelitten, sondern wirklich und leibhaftig gelitten habe und daß
sein Leib am Kreuze vollständig den Gesetzen der Natur unterworfen
gewesen sei. Auf dem Bilde nun war das Gesicht von Stöcken zerschlagen,
angeschwollen, mit blauen, blutunterlaufenen Flecken, die Augen starrten
aus weit geöffneten Lidern. Und sonderbar, wenn man nun auf den Leichnam
dieses gequälten Menschen sah, so drängte sich einem die eigentümliche
Frage auf: wenn alle die Jünger, seine zukünftigen Apostel, die Frauen,
die ihm folgten und die am Kreuze standen, alle die an ihn und sein
Göttliches glaubten, diesen Leichnam gesehen haben -- und es muß doch
ein Leichnam gewesen sein -- wie konnten sie da, nachdem sie diesen
Leichnam gesehen hatten, noch glauben, daß er auferstehen würde?
Unwillkürlich mußte man sich sagen: wenn der Tod so schrecklich und die
Gesetze der Natur so stark sind, wie kann man sie dann überwinden? Wie
sie besiegen, wenn selbst _Er_ sie nicht überwand, _Er_, der die Natur
zu seinen Lebzeiten besiegte, und dem sie sich unterwarf, _Er_, der
ausrufen konnte: >stehe auf< -- und das Mädchen stand auf! -- und der
Lazarus dem Grabe entriß? Die Natur erschien auf diesem Bilde als
großes, unüberwindbares und stummes Tier, oder, besser gesagt, obgleich
es sonderbar klingt, -- wie eine ungeheure Maschine neuester
Konstruktion, die ganz sinnlos und gefühllos dieses große und herrliche
Wesen ergriff, es stumpfsinnig zerkaute und zermalmte --, dieses Wesen,
das mehr wert war, als die ganze Natur und ihre Gesetze, und zu dessen
Hervorbringung die ganze Natur vielleicht überhaupt nur geschaffen
worden war. Dieses Bild war gleichsam gemalt worden, nur um einem diese
dunkle, gemeine und sinnlose Kraft, der alles unterlegen ist, zum
Bewußtsein zu bringen. Die Menschen, die den Toten damals umgaben und
die man auf dem Bilde gar nicht sieht, mußten an diesem Abend einen
großen Schrecken und Kummer erlebt haben, da alle ihre Hoffnungen auf
einmal vernichtet waren. Sie mußten in schrecklicher Angst auseinander
gegangen sein, obgleich ein jeder von ihnen eine große Idee mit sich
trug, die ihm schon nicht mehr genommen werden konnte. Und wenn der
Meister selbst am Vorabend seiner Hinrichtung dieses Bild seines
Leichnams hätte sehen können, wer weiß, ob er sich hätte kreuzigen
lassen? Auch diese Frage beschäftigte einen unwillkürlich, wenn man auf
das Bild sah.
Alles das ging mir stückweise durch den Sinn, halb in Fieberphantasien,
zum Teil in Halbschlummer, ungefähr ganze anderthalb Stunden nachdem
Koljä mich verlassen hatte. Ich konnte in Bildern sehen, was sonst kein
Bildnis offenbart. Und mir schien von Zeit zu Zeit, daß ich diese
sonderbare und unmögliche Form, diese unendliche Kraft, dieses taube,
dunkle und stumme Wesen mit meinen leiblichen Augen erblicken könnte.
Ich weiß noch, es war mir, als führte mich jemand an der Hand, mit einem
Licht in der andern und der zeigte mir eine riesige, widerliche Tarantel
und versicherte mir, daß dieses Tier jenes dunkle taube und allmächtige
Wesen sei und er lachte über meinen Unwillen.
In meinem Zimmer brennt unter dem Heiligenbild in der Nacht die kleine
Lampe -- ein trübes flackerndes Lichtlein --, doch kann man alles im
Zimmer sehen und unter der Lampe sogar lesen. Ich glaube, es war schon
ein Uhr nachts; ich schlief nicht, ich lag mit offenen Augen, als
plötzlich die Türe meines Zimmers sich öffnete und Rogoshin eintrat.
Er trat ein, schloß dann die Tür, sah mich schweigend an, ging in die
Ecke und setzte sich auf den Stuhl, der immer unter dem Heiligenbilde
steht. Ich war sehr erstaunt und sah ihn erwartungsvoll an. Rogoshin
stützte sich mit seinen beiden Ellenbogen auf den Tisch und fing auch
seinerseits an, mich schweigend anzusehen. So vergingen zwei, drei
Minuten und sein Schweigen beleidigte und ärgerte mich. Warum spricht er
nicht? Daß er so spät zu mir gekommen war, das wunderte mich, weiß Gott,
gar nicht. Sogar im Gegenteil: Ich hatte am Morgen bei ihm meinen
Gedanken nicht voll ausgesprochen, doch hatte er ihn wohl verstanden; er
hätte also deswegen, um sich mit mir auszusprechen, sehr gut zu mir
kommen können, wenn es auch schon etwas spät war. Ich dachte denn auch
sofort daran, daß er deshalb gekommen sei. Am Morgen hatten wir uns fast
feindlich verabschiedet und ich hatte bemerkt, wie er mich zweimal sehr
spöttisch betrachtet. Und diesen Spott sah ich jetzt wieder in seinen
Augen -- das war es, was mich beleidigte. Daß ich tatsächlich Rogoshin
vor mir sah und nicht etwa eine Erscheinung, eine Fieberphantasie, daran
zweifelte ich keinen Augenblick. Mir kam nicht einmal der Gedanke an
diese Möglichkeit.
Inzwischen blieb Rogoshin ruhig sitzen und betrachtete mich spöttisch.
Ich stützte mich wütend gleichfalls mit beiden Ellenbogen auf mein
Kopfkissen und beschloß, wie er zu schweigen, selbst wenn wir die ganze
Zeit so verbringen sollten. Ich wollte durchaus, daß er als erster zu
sprechen anfinge. Ich glaube, wir schwiegen ungefähr zwanzig Minuten so.
Plötzlich kam mir der Gedanke: wenn das nun aber gar nicht Rogoshin ist,
sondern nur -- eine Erscheinung?
Weder während meiner Krankheit, noch sonst in meinem Leben habe ich
jemals eine Halluzination gehabt; doch schien es mir immer, als ich noch
ein Knabe war, und auch jetzt noch, obgleich ich nicht abergläubisch
bin, daß ich in einem solchen Falle sofort, auf der Stelle würde sterben
müssen. Aber als mir nun der Gedanke kam, daß es gar nicht Rogoshin,
sondern nur eine Halluzination sein könnte, da erschrak ich nicht im
geringsten, ja ich war nicht einmal zornig darüber. Sonderbar war es
auch, daß mich die Frage, ob es nun wirklich Rogoshin oder nicht
Rogoshin sei, gar nicht sehr aufregte. Es war, als gehöre es sich gerade
so! Ich erinnere mich, ich dachte damals in Wirklichkeit an etwas ganz
anderes. Zum Beispiel interessierte mich die Frage: warum Rogoshin, der
vordem in Schlafrock und Pantoffeln gewesen war, jetzt in Frack und
weißer Binde dasaß? Auch tauchte in mir der Gedanke auf: wenn es eine
Erscheinung ist und ich mich gar nicht vor ihr fürchte, warum sollte ich
da nicht aufstehen und mich davon überzeugen? Vielleicht fürchtete ich
mich doch davor? Denn als ich nur daran zu denken wagte, daß ich mich
fürchten könnte, da überlief in der Tat meinen ganzen Körper ein eisiger
Schauer und meine Knie fingen an zu zittern. Im selben Augenblick, als
ob Rogoshin es erraten hätte, daß ich ihn fürchtete, zog er seinen Arm,
auf den er sich gestützt hatte, fort und verzog, indem er mich starr
ansah, langsam seinen Mund zu einem Lachen. Heller Wahnsinn überkam mich
und ich wollte mich schon auf ihn stürzen, doch ich hatte mir
geschworen, ihn nicht als erster anzugreifen, und so blieb ich denn auf
dem Bett liegen, zumal ich mich außerdem noch gar nicht überzeugt hatte,
ob er es auch wirklich selbst war oder nicht?
Ich weiß nicht mehr genau, wie lange dieser Zustand andauerte, auch weiß
ich nicht, ob ich nicht von Zeit zu Zeit bewußtlos war. Zuletzt sah ich
nur noch, wie Rogoshin aufstand, mich ebenso aufmerksam und starr ansah
-- wie vorher, als er eintrat -- doch lächelte er jetzt nicht mehr, ging
dann leise auf den Fußspitzen zur Tür, öffnete sie, ging hinaus und
schloß sie wieder. Ich rührte mich nicht, mit offenen Augen lag ich auf
meinem Bett und dachte nach. Gott weiß, worüber ich nachdachte, und ich
erinnere mich nicht mehr, wann ich eingeschlafen bin. Am anderen Morgen
erwachte ich, als man um zehn Uhr an meine Tür klopfte. Ich hatte ein
für allemal befohlen, mir um zehn Uhr den Tee zu bringen, und so mußte
Matrjona an die Tür klopfen. Als ich ihr die Tür öffnete, beschäftigte
mich sofort der Gedanke: Wie konnte er ins Zimmer kommen, wenn die Tür
verschlossen war? Ich überzeugte mich davon, daß der wirkliche Rogoshin
gar nicht hätte hereinkommen können, da alle Türen unserer Wohnung die
Nacht über verschlossen und verriegelt gewesen waren.
Dieser sonderbare Zwischenfall, den ich soeben ausführlich beschrieben
habe, war der Grund zu meinem endgültigen >Entschluß<. Zu diesem
Entschluß brachte mich keine Logik, keine logische Überzeugung, sondern
Ekel. Man kann nicht ein Leben führen, das so sonderbare Formen annimmt,
Formen, die mich beleidigen.
Diese Vision erniedrigte mich! Ich bringe es nicht über mich, mich einer
dunklen Gewalt zu ergeben, die die Formen einer Tarantel annimmt! Und
erst dann, als ich gegen Abend den endgültigen unwiderruflichen
Entschluß gefaßt hatte, wurde mir leichter. Das war nur das erste
Moment; wegen des zweiten fuhr ich nach Pawlowsk; doch das ist schon zur
Genüge erklärt.«