IV.

Als der Fürst sich mit Rogoshin seiner Villa näherte, bemerkte er zu

seiner nicht geringen Verwunderung, daß sich auf der hellerleuchteten

Terrasse eine zahlreiche und geräuschvolle Gesellschaft versammelt

hatte. Lachen und lautes Stimmengewirr drang hinaus in den dunklen Park.

Jedenfalls sah man auf den ersten Blick, daß der Gesellschaft die Zeit

nicht lang wurde: man war in freudiger Stimmung und disputierte fast

schreiend laut. Freilich war das nur zu erklärlich: als der Fürst die

Stufen der Treppe hinanstieg, sah er, daß alle tranken, und zwar

Champagner tranken, und das offenbar schon seit einiger Zeit, denn viele

schienen bereits nicht mehr ganz nüchtern zu sein. Sämtliche Gäste waren

dem Fürsten bekannt, doch wunderte es ihn nichtsdestoweniger, daß sie

sich alle gleichzeitig versammelt hatten, als wären sie gerufen worden,

obschon der Fürst keinen einzigen aufgefordert und er sich selbst seines

Geburtstages erst soeben ganz zufällig erinnert hatte.

»Mußt wohl jemandem gesagt haben, daß du Champagner auffährst,« brummte

Rogoshin, als er hinter dem Fürsten zur Terrasse hinaufstieg.

»Das kennt man; da braucht man nur zu pfeifen ...« fügte er fast

haßerfüllt hinzu, natürlich in Gedanken an seine eigene jüngste

Vergangenheit.

Mit Freudengeschrei und Glückwünschen wurde der Fürst empfangen und

sogleich von allen umringt. Einzelne benahmen sich recht geräuschvoll,

andere wiederum viel ruhiger, doch alle beeilten sich, ihm Glück zu

wünschen, da sie von seinem Geburtstage gehört hätten. Ein jeder wartete

ungeduldig, bis er an die Reihe kam. Die Anwesenheit einiger überraschte

den Fürsten besonders; so hätte er z. B. Burdowskij sicherlich nicht

vorzufinden erwartet; doch am meisten setzte ihn in Erstaunen, inmitten

dieser Schar plötzlich Jewgenij Pawlowitsch Radomskij zu entdecken: er

wollte zuerst kaum seinen Augen trauen und erschrak fast, als er ihn

erblickte.

Inzwischen war Lebedeff mit seinen Erklärungen glücklich zu Wort

gekommen; er war rot und begeistert und in nicht geringem Maße das, was

man »fertig« nennt. Aus seinem Geschwätz ging hervor, daß sich alle ganz

zufällig eingefunden hatten. Ganz zuerst, noch vor Abend, war Hippolyt

gekommen, und da er sich so wohl gefühlt, habe er gewünscht, den Fürsten

auf der Terrasse zu erwarten. Er hatte sich also dort auf dem Diwan

niedergelassen. Darauf hatte sich Lebedeff zu ihm gesellt, und diesem

war seine ganze Familie gefolgt, d. h. seine Töchter und der alte

General Iwolgin. Burdowskij war mit Hippolyt und Koljä gekommen,

sozusagen als Begleiter des Kranken. Ganjä und Ptizyn waren erst vor

kurzer Zeit, beim Vorübergehen, eingetreten -- ihr Erscheinen fiel

zusammen mit dem Ereignis vor dem Kurhaus --; bald darauf war auch

Keller erschienen, hatte mitgeteilt, daß am nächsten Tage des Fürsten

Geburtstag sei, und mit dieser Begründung Champagner verlangt. Jewgenij

Pawlowitsch war erst vor knapp einer halben Stunde gekommen. Auf der

Bewirtung mit Champagner und der Feier des Geburtstages hatte namentlich

Koljä mit allem Nachdruck bestanden, worauf Lebedeff denn auch mit

Gläsern und dem nötigen Stoff bereitwillig herausgerückt war.

»Aber es ist mein eigener, mein eigener!« flüsterte er in lächelnder

Seligkeit dem Fürsten zu, »auf meine Kosten, um den Geburtstag zu feiern

und um zu gratulieren ... es wird auch einen Imbiß, einen Imbiß geben,

meine Tochter sorgt schon dafür ... Aber, Fürst, wenn Sie wüßten, was

für ein Thema sie jetzt vorhaben. Entsinnen Sie sich -- im >Hamlet<:

>Sein oder Nichtsein?< Ein aktuelles Thema, ein höchst aktuelles Thema.

Fragen und Antworten ... Und Herr Terentjeff will auf keinen Fall ... zu

Bett gehn! Vom Champagner aber hat er nur einen Schluck, nur 'n

Schlückchen geschlürft, das schad't nichts ... Treten Sie näher, Fürst,

und entscheiden Sie! Alle haben Sie erwartet, nur auf Ihren

scharfsinnigen Verstand gewartet ...«

Der Fürst bemerkte den lieben, freundlichen Blick Wjera Lebedeffs, die

sich gleichfalls bemühte, an ihn heranzukommen. Über alle hinweg reichte

er ihr zuerst die Hand; sie wurde ganz rot vor Freude und wünschte ihm

»_von diesem Tage_ an ein glückliches Leben«. Darauf lief sie eilig in

die Küche, um dort den Imbiß vorzubereiten, doch so oft sie nur auf eine

Minute Zeit fand, erschien sie wieder auf der Terrasse, um dem

leidenschaftlichen Gespräch über die abstraktesten und für sie

seltsamsten Dinge, das unter den Gästen niemals verstummte, zuzuhören.

So hatte sie es schon vor dem Erscheinen des Fürsten getan. Ihre jüngere

Schwester, die, welche immer so weit den Mund aufriß, war im

Nebenzimmer, auf einem Koffer sitzend, eingeschlafen. Ihr Bruder, der

Sohn Lebedeffs, stand dagegen zwischen Koljä und Hippolyt und allein der

Ausdruck seines lebhaften Gesichts verriet es, daß er bereit war, auf

demselben Platz stehend, noch ganze zehn Stunden zuzuhören.

»Ich habe Sie ganz besonders erwartet und bin sehr froh, daß Sie so

glücklich sind,« sagte Hippolyt zum Fürsten, als dieser gleich nach

Wjera ihm die Hand reichte.

»Woher wissen Sie, daß ich >so glücklich< bin?«

»Man sieht es Ihrem Gesicht an. Begrüßen Sie sich mit den Herren und

kommen Sie schnell und setzen Sie sich hierher zu mir. Ich habe sehr auf

Sie gewartet,« fügte er hinzu und betonte es besonders, daß er gewartet

habe. Auf die Bemerkung des Fürsten: ob ihm das späte Aufsein nicht

schade, antwortete er, daß er sich selbst wundere -- er, der noch vor

drei Tagen zu sterben glaubte -- wie wohl er sich an diesem Abend fühle.

Burdowskij sprang von seinem Platz auf und brummte, daß er »nur so«

gekommen ... daß er Hippolyt »begleitet« und daß auch er sehr froh sei

... Im Briefe habe er nur »Unsinn« geschrieben, jetzt aber sei er

»einfach froh ...« Er beendete seinen Satz nicht, drückte nur kräftig

dem Fürsten die Hand und setzte sich auf seinen Stuhl.

Ganz zuletzt ging der Fürst auf Jewgenij Pawlowitsch zu. Dieser nahm ihn

einfach unter den Arm.

»Ich habe Ihnen ein paar Worte zu sagen,« sagte er halblaut -- »und in

einer sehr wichtigen Angelegenheit; kommen Sie, auf eine Minute.«

»Ein paar Worte,« flüsterte eine andere Stimme dem Fürsten ins andere

Ohr und eine andere Hand packte den Fürsten an der anderen Seite am Arm.

Der Fürst bemerkte zu seiner Verwunderung ein vom Wein gerötetes,

lachendes Gesicht, das er sofort als das Ferdyschtschenkos erkannte.

Gott weiß, woher der sich eingefunden hatte.

»Erinnern Sie sich noch Ferdyschtschenkos?« fragte ihn dieser.

»Woher sind Sie denn gekommen?« rief der Fürst aus.

»Er hatte sich versteckt!« sagte hinzutretend Keller. »Er hatte sich

versteckt und wollte sich nicht zeigen, dort in der Ecke hatte er sich

versteckt, er bereut es, Fürst, er fühlt sich vor Ihnen schuldig.«

»Ja, worin denn, worin?«

»Ich begegnete ihm, Fürst, soeben begegnete ich ihm und habe ihn

hierhergebracht; er ist der beste meiner Freunde, -- doch bereut er sehr

...«

»Ich freue mich sehr, meine Herren, doch setzen Sie sich, bitte, dahin

zu den anderen, ich werde gleich wiederkommen.« Der Fürst machte sich

von ihnen los und beeilte sich, Jewgenij Pawlowitsch einzuholen.

»Hier bei Ihnen ist es sehr interessant,« bemerkte dieser, »ich habe mit

vielem Vergnügen eine halbe Stunde auf Sie gewartet. Wissen Sie, mein

bester Lew Nikolajewitsch, ich habe mit Kurmyschoff alles geordnet, ich

bin gekommen, um Sie zu beruhigen. Machen Sie sich keine Sorgen, er hat

die Sache sehr vernünftig aufgefaßt, um so mehr, da er meiner Meinung

nach selbst schuld daran war ...«

»Was für ein Kurmyschoff?«

»Dieser da, den Sie vorhin an den Armen packten. Er war so außer sich,

daß er Ihnen morgen seine Forderung schicken wollte.«

»Aber ich bitte Sie, welch ein Unsinn!«

»Versteht sich, Unsinn, und mit einem Unsinn hätte es auch geendet, doch

...«

»Sie sind, vielleicht, doch noch aus einem anderen Grunde gekommen,

Jewgenij Pawlowitsch?«

»Oh, versteht sich, noch aus einem anderen Grunde,« lachte dieser. »Ich,

lieber Fürst, fahre noch morgen, bevor es tagt, nach Petersburg, wegen

der unseligen Geschichte mit meinem Onkel. Stellen Sie sich vor, alles

ist wahr und alle wissen es, nur ich wußte es nicht. Mich hat das alles

so erschüttert, daß ich noch nicht dazu gekommen bin, _dahin_ zu gehen,

zu Jepantschins, meine ich. Morgen werde ich auch nicht hingehen, denn

ich werde ja in Petersburg sein, verstehen Sie mich? Vielleicht werde

ich zwei, drei Tage dort bleiben, mit einem Wort, meine Sache ist

verloren. Ich habe mich darum entschlossen, mich mit Ihnen offen

auszusprechen, ohne Zeit zu verlieren, noch vor meiner Abfahrt. Ich

werde hier sitzen und werde warten, bis die ganze Gesellschaft sich

verabschiedet, sonst weiß ich nicht, wo ich bleiben soll, ich bin so

aufgeregt und schlafen kann ich nicht. Freilich ist es gewissenlos,

einen Menschen so zu belästigen, doch ich werde Ihnen aufrichtig sagen:

ich bin gekommen, um mit Ihnen, mein lieber Fürst, Freundschaft zu

schließen. Sie sind ein unvergleichlicher Mensch, das heißt, Sie sind

aufrichtig, Sie lügen niemals, vielleicht überhaupt nicht und ich habe

in einer Sache einen Freund und Ratgeber nötig, denn ich gehöre jetzt zu

den Unglücklichen ... jawohl!«

Er lachte.

»Schade nur, daß Sie warten wollen, bis die da fortgehen,« meinte

nachdenklich der Fürst, »weiß Gott, wann das sein wird. Wäre es nicht

besser, wenn wir jetzt in den Park gingen? Die da können wirklich

warten. Ich werde mich entschuldigen.«

»Nein, nein, ich habe meine Gründe, jedem Verdacht ihrerseits

zuvorzukommen, denn unter ihnen gibt es Leute, die sich sehr für unsere

Beziehungen interessieren. Sie wissen das nicht, Fürst. Und es ist viel

besser, daß sie nichts Auffälliges in unseren Beziehungen bemerken --

verstehen Sie? Sie werden in zwei Stunden fortgehen, ich werde Sie dann

nur zwanzig Minuten, vielleicht eine halbe Stunde in Anspruch nehmen.«

»Wie Sie wünschen, bitte; ich werde sehr froh darüber sein, und für Ihre

guten Worte und für Ihre Freundschaftsversicherung danke ich Ihnen noch

besonders. Entschuldigen Sie, daß ich heute zerstreut bin, ich kann in

diesem Moment nicht so aufmerksam sein, wie --«

»Ich sehe, ich sehe es,« lächelte Jewgenij Pawlowitsch etwas ironisch.

Er war überhaupt recht lachlustig diesen Abend.

»Was sehen Sie?« beeilte sich der Fürst zu fragen.

»Und Sie ahnen gar nicht, lieber Fürst,« versetzte immer noch lachend

Jewgenij Pawlowitsch, ohne direkt auf die Frage des Fürsten zu

antworten, »Sie ahnen gar nicht, daß ich einfach gekommen bin, um Sie zu

betrügen und alles über Sie zu erfahren, ah?«

»Daß Sie gekommen sind, um mich auszuforschen, nun, darüber besteht kein

Zweifel,« scherzte jetzt auch der Fürst, »und vielleicht haben Sie sich

sogar vorgenommen, mich zum besten zu halten. Doch was tut's, ich

fürchte Sie nicht, überdies ist mir das jetzt ganz gleichgültig, glauben

Sie es mir? Und ... und ... und da ich vor allem überzeugt bin, daß Sie

doch ein außergewöhnlicher Mensch sind, so wird es damit enden, daß wir

uns sehr anfreunden werden. Sie haben mir sehr gefallen, Jewgenij

Pawlowitsch, Sie ... sind, meiner Meinung nach, ein sehr, sehr

anständiger Mensch!«

»Nun, mit Ihnen ist es wenigstens sehr angenehm, etwas zu tun zu haben,

was es auch sei,« schloß Jewgenij Pawlowitsch. »Kommen Sie, ich werde

auf Ihre Gesundheit ein Glas leeren, ich bin sehr zufrieden, daß ich zu

Ihnen gekommen bin. Ah!« brach er plötzlich ab. »Dieser Herr Hippolyt

wird jetzt bei Ihnen leben?«

»Ja.«

»Er wird nicht so bald sterben, denke ich?«

»Und, was weiter?«

»Weiter nichts; ich war hier mit ihm eine halbe Stunde zusammen ...«

Hippolyt wartete die ganze Zeit über auf den Fürsten und sah

ununterbrochen nach ihm und Jewgenij Pawlowitsch hin, als diese

miteinander sprachen. Er belebte sich fieberhaft, als sie an den Tisch

traten. Er war unruhig und aufgeregt, Schweiß trat auf seine Stirn. An

seinen blitzenden Augen bemerkte man eine große Unruhe und eine

unerklärliche Ungeduld; sein Blick schweifte ziellos von einem

Gegenstand zum andern, von einem Gesicht zum andern. Obgleich er am

allgemeinen, lebhaften Gespräch teilnahm, so war seine Lebhaftigkeit

doch nur eine kranke, unnatürliche. Dem Gespräche selbst folgte er nur

zerstreut, stritt sich ganz sinnlos mit den anderen herum, spottete über

alles und äußerte nur Paradoxes. Er sprach nicht zu Ende, was er soeben

mit großem Feuer begonnen. Der Fürst sollte mit Verwunderung und

Bedauern erfahren, daß man ihm heute zwei Glas Champagner zu trinken

erlaubt hatte, und daß das gefüllte Glas vor ihm schon das dritte war.

Doch das erfuhr er erst später, in diesem Augenblick war er zunächst

selbst unaufmerksam und zerstreut.

»Wissen Sie auch, daß ich sehr froh bin, daß gerade heute Ihr Geburtstag

ist!« rief Hippolyt aus.

»Warum?«

»Sie werden es sehen; setzen Sie sich nur schnell! Erstens schon darum,

weil hier so viel Menschen sind. Darauf hatte ich gerechnet, daß alle

hier sein würden. Zum erstenmal in meinem Leben stimmt meine Rechnung!

Schade, daß ich nichts von Ihrem Geburtstag wußte, sonst wäre ich mit

einem Geschenk gekommen ... Ha, ha! Ja, vielleicht wäre ich mit einem

Geschenk gekommen! Was kann nicht alles in der Welt passieren?«

»Es sind nur noch zwei Stunden bis Sonnenaufgang,« bemerkte Ptizyn und

sah nach der Uhr.

»Was will denn das jetzt sagen, wo es draußen so hell ist, daß man lesen

kann?« äußerte jemand.

»Ich möchte nur den Rand der Sonne sehen, man kann dann auf Ihre

Gesundheit trinken, was meinen Sie, Fürst?«

Hippolyt wandte sich damit an alle, er tat es ohne jegliche Zeremonie,

aber in einem Tone, als kommandiere er, doch ohne es selbst zu bemerken.

»Schön, trinken wir auf die Sonne, nur werden Sie ruhiger, Hippolyt.«

»Sie reden immer vom Schlafen, Sie sind meine Njänjä,[23] Fürst! Wenn

nur die Sonne erscheint und es >erklingt< am Himmel (wer hat es doch in

einem Gedicht gesagt: >am Himmel erklang die Sonne?< Sinnlos, aber

schön) -- so gehen wir schlafen. Lebedeff! Was bedeuten die Quellen des

Lebens in der Apokalypse? Haben Sie von dem Stern gehört, Fürst?«

»Ich habe gehört, daß Lebedeff unter dem >Stern< das Eisenbahnnetz

versteht, das sich über ganz Europa ausbreiten wird.«

»Nein, erlauben Sie, das geht nicht an!« schrie Lebedeff, sprang vom

Stuhl und fuchtelte und zappelte mit Händen und Füßen, als wollte er das

Gelächter aller verstummen machen. »Erlauben Sie doch! Mit diesen Herren

... alle diese Herren,« wandte er sich plötzlich an den Fürsten, »sind

in gewissen Punkten, ich weiß nicht was ...« und er schlug ganz

unzeremoniell mit den Fäusten auf den Tisch, so daß sich das allgemeine

Gelächter noch verstärkte.

Lebedeff war, wenn auch in seinem »gewöhnlichen«, »allabendlichen«

Zustande, diesmal doch ganz besonders aufgeregt und durch den langen

vorausgegangenen »wissenschaftlichen« Disput obendrein gereizt. Bei

solcher Gelegenheit hatte er für seine Opponenten nur eine unendliche,

im höchsten Grade offenherzige Verachtung übrig.

»Das geht nicht an! Wir haben, Fürst, vor einer halben Stunde

beschlossen, niemanden zu unterbrechen, nicht zu lachen, während einer

spricht, damit er alles frei heraussagen kann, was er sich denkt. Mögen

die Atheisten, wenn sie wollen, erwidern! Wir haben den General zum

Präsidenten erwählt, sehen Sie's. Denn sonst? Kann man jeden an seiner

hohen Idee, an seiner tiefen Idee, verhindern ...«

»Reden Sie nur, reden Sie nur, niemand wird Sie verhindern!« ließen sich

verschiedene Stimmen hören.

»Reden Sie doch, machen Sie keine Umstände.«

»Was ist das für ein >Stern<?« erkundigte sich jemand.

»Habe keine Ahnung!« antwortete General Iwolgin, mit wichtiger Miene

seine Stelle »eines Präsidenten« vertretend.

»Ich liebe außerordentlich solche Dispute und Auseinandersetzungen,

Fürst, natürlich nur wissenschaftliche ...« murmelte währenddessen

Keller, der vor Entzücken und Ungeduld auf seinem Stuhle hin und her

rückte, »wissenschaftliche, und natürlich politische,« wandte er sich

plötzlich ganz unerwartet an Jewgenij Pawlowitsch, der fast mit ihm in

einer Reihe saß. »Wissen Sie, ich liebe furchtbar in den Zeitungen vom

englischen Parlament zu lesen, d. h. nicht eigentlich um zu erfahren, um

was es sich da handelt (ich, wissen Sie, bin kein Politiker), sondern

wie sie sich aufführen, wie sie miteinander verhandeln als Politiker,

die äußere Form: der ehrenwerte Herr Viscount von der Gegenseite, der

ehrenwerte Herr Graf, der meine Ansicht teilt, mein ehrenwerter

Opponent, der ganz Europa mit seinem Vorschlag in Erstaunen gesetzt hat,

d. h. alle diese Ausdrücke, dieser ganze Parlamentarismus eines freien

Volkes, das ist es, was unsereinem verlockend erscheint! Ich bin

entzückt davon, Fürst. Ich war immer im Grunde meiner Seele ein

Künstler, Jewgenij Pawlowitsch.«

»Und was ergibt sich denn daraus?« ereiferte sich in einer anderen Ecke

Ganjä. »Ihrer Meinung nach sind die Eisenbahnen ein Fluch, das Verderben

der Menschheit, eine Pest, die auf die Erde gefallen ist, um die

>Quellen des Lebens< zu trüben.«

Gawrila Ardalionytsch war an diesem Abend ganz besonders guter Laune, in

einer ausgelassenen, fast triumphierenden Stimmung, wie es dem Fürsten

schien. Mit Lebedeff scherzte er natürlich, um ihn anzufeuern, geriet

aber selbst dabei in Feuer.

»Nein, nicht die Eisenbahn!« ereiferte sich wieder Lebedeff, außer sich

geratend und ganz berauscht von Entzücken. »Die Eisenbahnen allein

trüben nicht die Quellen des Lebens, aber alles das zusammen ist

verflucht, die ganze Richtung unserer letzten Jahrhunderte in

Wissenschaft und Praxis ist, wie mir scheint, verflucht.«

»Ob wirklich verflucht, oder nur für unser Empfinden: Das wäre in diesem

Falle sehr wichtig zu wissen,« bemerkte Jewgenij Pawlowitsch.

»Verflucht, verflucht, wirklich verflucht!« beteuerte Lebedeff

bombensicher.

»Überstürzen Sie sich nicht, Lebedeff, Sie sind am anderen Morgen immer

viel vorsichtiger,« bemerkte lächelnd Ptizyn.

»Dafür bin ich aber am Abend um so aufrichtiger! Am Abend bin ich

seelenvoller und aufrichtiger!« wandte sich Lebedeff feurig an ihn.

»Aufrichtiger und bestimmter, ehrenhafter und ehrenwerter, damit würde

ich Ihnen schon ein Bein stellen, doch ich spucke drauf: ich fordere

euch jetzt alle heraus, euch Atheisten alle: womit errettet ihr die Welt

und worin habt ihr dieser Welt einen Weg gewiesen, ihr Männer der

Wissenschaft und des Handels, der Verbände und der Nationalökonomie?

Womit? Mit dem Kredit etwa? Was ist das: Kredit? Wozu führt euch der

Kredit?«

»Sehen Sie doch, wie der neugierig ist!« bemerkte Jewgenij Pawlowitsch.

»Meiner Meinung nach ist einer, der sich nicht für diese Fragen

interessiert, nur ein Geck und Salonheld!« schrie Lebedeff.

»Kredit führt zur allgemeinen Solidarität und zur Statik der

Interessen,« bemerkte Ptizyn.

»Und nur das, nur das! Ohne jegliche sittliche Grundlage nur zur

Befriedigung des persönlichen Egoismus und der materiellen

Notwendigkeiten? Das ganze All, das allgemeine Glück nur -- materielle

Notwendigkeit? So ist's, wenn ich Sie zu fragen wage, wenn ich Sie

verstanden habe, mein werter Herr?«

»Nun ja, die allgemeine Notwendigkeit zu leben, zu trinken und zu essen

und die volle wissenschaftliche Überzeugung, daß man diese Notwendigkeit

ohne eine allgemeine Assoziation und die Solidarität der Interessen

nicht befriedigen kann, -- das, scheint mir, ist eine Idee, groß genug,

und Grundlage, fest genug für die kommenden Jahrhunderte, um der

Menschheit als >Quelle des Lebens< zu dienen,« bemerkte Ganjä diesmal in

vollem Ernst.

»Die Notwendigkeit zu trinken und zu essen, also nur das Gefühl der

Selbsterhaltung ...«

»Ja, ist denn das etwa zu wenig? Das Gefühl der Selbsterhaltung ist doch

das Grundgesetz der Menschheit ...«

»Wer hat Ihnen das gesagt?« rief plötzlich Jewgenij Pawlowitsch aus.

»Ein Gesetz -- das mag sein, aber nicht weniger ist es das Gesetz der

Zerstörung, und meinetwegen auch der Selbstzerstörung. Liegt denn in der

Selbsterhaltung wirklich das ganze Grundgesetz der Menschheit?«

»Aha!« rief Hippolyt, wandte sich schnell nach Jewgenij Pawlowitsch um

und betrachtete ihn mit wilder Neugier. Als er aber sah, daß dieser

lachte, da lachte er selbst auch, stieß den neben ihm stehenden Koljä an

und fragte ihn wieder, wieviel Uhr es sei, er zog sogar selbst Koljä die

silberne Uhr aus der Tasche und sah nach dem Zeiger. Darauf blickte er

ganz verloren um sich, streckte sich auf dem Diwan aus, legte die Hände

unter den Kopf und starrte zur Decke. Nach einer halben Minute setzte er

sich schon wieder an den Tisch, hielt sich stramm aufrecht und hörte dem

Gespräch Lebedeffs zu, der jetzt glücklich bis zum äußersten erregt war.

»Ein hinterlistiger, ein spitzfindiger Gedanke,« griff Lebedeff mit

wahrer Gier das Paradox Jewgenij Pawlowitschs auf. »Ein Gedanke, der nur

ausgesprochen wurde, um die Gegner aufeinander zu hetzen -- aber welch

ein wahrer Gedanke! Sie sind ein Spötter und Weltverächter, wenn auch

nicht ohne Fähigkeiten! Doch wissen Sie selbst nicht, bis zu welchem

Grade Ihr Gedanke tief und wahr ist. Ja--a. Das Gesetz der

Selbsterhaltung und das Gesetz der Selbstzerstörung, sie sind beide

gleich stark im Menschen! Der Teufel beherrscht noch immer die

Menschheit, und er wird sie beherrschen bis zu einer Zeit, die uns

unbekannt ist. Sie lachen? Sie glauben nicht an den Teufel? Der Unglaube

an den Teufel ist ein französischer Gedanke, ist ein leichtsinniger

Gedanke. Wissen Sie denn auch, wer der Teufel ist? Kennen Sie denn

seinen Namen? Und ohne seinen Namen zu kennen, lachen Sie über seine

Form, nach dem Beispiel Voltaires, über seinen Huf, seinen Schwanz und

seine Hörner, wie man ihn euch geschildert hat. Denn der unreine Geist

ist ein großer, ein furchtbarer Geist, aber Hörner und Hufe hat er

nicht. Doch nicht davon ist jetzt die Rede.«

»Woher wissen Sie, daß jetzt nicht davon die Rede ist?« lachte Hippolyt

laut auf wie in einem Krampfanfall.

»Eine sehr feine und geschickte Anspielung!« lobte ihn Lebedeff. »Und

doch ist die Rede nicht davon. Die Frage bei uns war vielmehr die, ob

die >Quellen des Lebens< nicht versiegen infolge ...«

»Der Eisenbahnen?!« rief Koljä.

»Nicht der Eisenbahnen, junger, aber kühner Mann, doch infolge der

ganzen Richtung, der auch die Eisenbahnen dienen, sozusagen als Bild,

als künstlerischer Ausdruck. Sie rasen, sie hämmern, sie dröhnen für das

Glück der Menschheit, wie man sagt. >Zu lärmend, zu tätig wird die

Menschheit, wenig geistige, seelische Ruhe hat sie<, beklagte sich

bereits ein einsamer Denker. >Möglich, doch das Dröhnen der Wagen, die

der hungernden Menschheit Brot bringen, ist vielleicht wertvoller als

die Ruhe des Geistes<, antwortete ihm ein anderer triumphierend, einer,

der überall herumfährt. Ich glaube es ihnen nicht, ich erbärmlicher Kerl

Lebedeff: die Wagen, die der Menschheit Brot bringen sollen! Denn die

Wagen, die ohne sittliche Grundlagen der Menschheit Brot bringen,

könnten ebensogut kaltblütig einen bedeutenden Teil der Menschheit von

dem Genuß des Brotes ausschließen, was ja auch schon vorgekommen ist

...«

»Diese Wagen können kaltblütig jemand ausschließen?« griff jemand auf.

»Was auch schon vorgekommen ist,« bestätigte Lebedeff, ohne weiter dem

Frager Beachtung zu schenken, »wir hatten schon einen Malthus, einen

Freund der Menschheit. Doch dieser Freund der Menschheit ist mit seinen

wankenden sittlichen Grundlagen in Wahrheit ein Menschenfresser der

Menschheit, ganz zu schweigen von seiner Eitelkeit. Denn beleidigen Sie

die Eitelkeit eines dieser zahllosen Freunde der Menschheit und er ist

sofort bereit, aus kleinlicher Rachsucht die Welt an ihren vier Enden

anzuzünden, -- übrigens genau so, wie es jeder von uns auch tun würde,

und, der Gerechtigkeit die Ehre, genau wie ich, der allererbärmlichste

von allen, der vielleicht als erster das Holz dazu herbeischleppen,

selbst aber davonlaufen würde. Doch nicht davon ist die Rede!«

»Ja, wovon denn eigentlich?«

»Wirklich langweilig!«

»Es handelt sich um eine Anekdote aus dem vergangenen Jahrhundert. In

unserer Zeit, in unserem Vaterlande, das Sie, meine Herren, hoffe ich,

ebenso lieben wie ich, denn ich bin meinerseits bereit, mein Blut für

das Vaterland zu vergießen ...«

»Weiter, weiter!«

»In unserem Vaterlande, wie in Europa, pflegen schreckliche, verheerende

Hungersnöte -- jetzt, in unserer Zeit -- die Menschheit nur einmal im

Vierteljahrhundert heimzusuchen, wenn ich mich nicht irre und so weit

ich mich entsinnen kann, mit anderen Worten, alle fünfundzwanzig Jahre.

Ich will mich ja nicht auf die genaue Zahl versteifen. Nur, meine ich,

ist es verhältnismäßig sehr selten --«

»Im Vergleich womit?«

»Im Vergleich zum zwölften Jahrhundert mit seinen Ausläufern nach vorne

und nach hinten. Denn damals herrschte, wie die Schriftsteller jener

Zeit behaupten, die Hungersnot einmal in zwei Jahren, jedenfalls einmal

in drei Jahren, so daß unter solchen Umständen die Menschen schon zur

Menschenfresserei ihre Zuflucht nahmen, wenn auch nur heimlich. Einer

dieser Menschenfresser, als er sich seinem Ende näherte, hat selbst und

ohne Zwang eingestanden, daß er im Laufe seines langen, mühevollen

Lebens im geheimen sechzig Mönche und einige weltliche Jünglinge selbst

getötet und sie aufgegessen habe. Im ganzen nur sechs weltliche

Jünglinge, das ist wenig im Vergleich mit der Anzahl Geistlicher, die er

verspeist hat. Erwachsene weltliche Leute hat er, wie es scheint, zu

diesem Zwecke überhaupt nicht verwendet.«

»Das ist einfach unmöglich!« rief hier der »Präsident« in fast

beleidigtem Tone. »Ich habe mich des öfteren, meine Herren, mit ihm

darüber gestritten, und immer über dieselben Dinge. Er redet solch

unglaubliches Zeug, daß einem die Ohren davon welk werden. Nicht für

einen Groschen Wahrheit!«

»General! Denken Sie an die Belagerung von Kars, und Sie, meine Herren,

Sie wissen, daß meine Anekdote die -- volle Wahrheit ist. Ich bemerke

nur von mir aus, daß die Wirklichkeit, die durchaus ihre unleugbaren

Gesetze hat, uns immer als unwahrscheinlich und unwahr erscheint, und je

wirklicher sie ist, um so unwahrscheinlicher erscheint sie uns.«

»Ja, kann man denn sechzig Mönche aufessen?« lachte alles ringsum.

»Daß er sie nicht auf einmal gegessen hat, das ist doch

selbstverständlich, aber in fünfzehn bis zwanzig Jahren ist es ganz

verständlich und natürlich ...«

»Und natürlich?«

»Und natürlich!« verteidigte sich Lebedeff eigensinnig. »Und außerdem

ist der katholische Mensch schon von Natur aus neugierig und zutraulich,

und man kann ihn nur zu leicht in den Wald locken oder an irgendeinen

verborgenen Ort und mit ihm in erwähnter Weise verfahren. Doch bestreite

ich durchaus nicht, daß die Anzahl der verspeisten Menschen

ungeheuerlich erscheint, bis zum ...«

»Vielleicht hat er recht, meine Herren,« bemerkte plötzlich der Fürst.

Er hatte bisher den Streitenden schweigend zugehört und sich nicht am

Gespräch beteiligt, nur oft von ganzem Herzen gelacht, sobald auch die

anderen lachten. Er war offenbar sehr froh darüber, daß alle so heiter,

so lärmend waren; sogar darüber, daß sie alle soviel tranken. Vielleicht

hätte er den ganzen Abend kein Wort gesprochen. Doch plötzlich fiel es

ihm ein, zu reden. Er sprach sogar mit außergewöhnlichem Ernst, so daß

sich alle mit Neugier ihm zuwandten.

»Ich, meine Herren, rede davon, daß damals die Hungersnöte wirklich sehr

häufig waren. Davon habe auch ich gehört, obgleich ich die Geschichte

wenig kenne. Doch scheint es mir, daß es wohl gar nicht anders hätte

sein können. Als ich in die Schweizer Berge kam, war ich sehr erstaunt

über die Ruinen alter Ritterburgen, die an den Abhängen der Berge erbaut

waren, auf steilen Felsen, oft von einer halben Werst Höhe, was dann auf

schmalen Fußpfaden etliche Werst ausmacht. Das Schloß selbst ist ja, wie

bekannt, ein ganzer Berg von Stein. Eine schreckliche, fast unmögliche

Arbeit! Und diese Arbeit wurde natürlich von den armen Leuten, den

Fronleuten der Ritter, verrichtet. Außerdem mußten sie Steuern zahlen

und die Geistlichkeit erhalten. Wie konnten sie sich da selbst ernähren

und ihre Erde bebauen! Die Bevölkerung war damals nicht zahlreich und

viele müssen vor Hunger gestorben sein, denn zu essen gab es vielleicht

wirklich buchstäblich nichts. Ich habe manchmal darüber nachgedacht, wie

es doch nur möglich war, daß das Volk nicht ganz zugrunde ging, und wie

es alledem Widerstand leisten konnte? Daß es Menschenfresser gegeben

hat, und sogar sehr häufig, darin hat Lebedeff zweifellos recht; nur

weiß ich nicht, warum er gerade die Mönche herbeigezogen hat, und was er

damit sagen will?«

»Wahrscheinlich ist er der Meinung, daß im zwölften Jahrhundert nur die

Mönche sich zum Verzehren eigneten, da nur sie fett waren,« bemerkte

Gawrila Ardalionytsch.

»Ein prächtiger Gedanke,« schrie Lebedeff voll Begeisterung. »Denn die

Weltlichen hat er ja überhaupt nicht angerührt. Nicht ein einziges

weltliches Exemplar, im Verhältnis zu sechzig Geistlichen. Es ist ein

welthistorischer Gedanke, ein statistischer Gedanke! Aus solchen Fakten

ergeben sich für den Fachmann die überraschendsten geschichtlichen

Schlüsse; denn mit zahlenmäßiger Genauigkeit ist dadurch nachgewiesen,

daß die Geistlichkeit damals wenigstens sechzigmal glücklicher und

freier lebte, als die ganze übrige Menschheit.«

»Übertreibung, Übertreibung, Lebedeff!« Man lachte ringsum.

»Ich bin damit einverstanden, daß es ein welthistorischer Gedanke ist,

doch was wollen Sie daraus schließen?« stellte der Fürst eine weitere

Frage an Lebedeff, über den alle lachten, und zwar tat er es mit solchem

Ernst, ohne jeglichen Spott, daß sein Ton bei der heiteren Stimmung der

ganzen Gesellschaft unwillkürlich gleichfalls komisch wirkte. Es fehlte

nicht viel, und man hätte auch über ihn gelacht. Doch bemerkte er das

gar nicht.

»Sehen Sie denn nicht, Fürst, daß der Mann verrückt ist?« Jewgenij

Pawlowitsch beugte sich vor und wandte sich an den Fürsten. »Man sagte

mir neulich, er habe sich in den Kopf gesetzt, Advokat zu werden, und

seine Reden seien ihm zu Kopf gestiegen. Er soll ein Examen machen

wollen. Nun, ich erwarte eine famose Parodie.«

»Ich werde einen grandiosen Schluß daraus ziehen,« rief Lebedeff

unterdessen mit Donnerstimme. »Doch analysieren wir zuerst den

psychologischen und den juridischen Zustand des Verbrechers. Wir sehen,

daß der Verbrecher, oder sozusagen mein Klient, ungeachtet dessen und

obschon es ihm unmöglich war, andere Nahrungsmittel aufzutreiben, des

öfteren während seiner interessanten Karriere den Wunsch empfand, sich

zu bessern und von der Geistlichkeit abzulassen. Wir ersehen es aus

verschiedenen Tatsachen: wir erinnern uns, daß er wenigstens fünf bis

sechs Jünglinge weltlichen Standes verzehrt hat, eine verhältnismäßig

geringe Anzahl, dafür aber bemerkenswert in anderer Beziehung. Offenbar

von schrecklichen Gewissensbissen gequält (denn mein Klient ist ein

religiöser und gewissenhafter Mensch, was ich Ihnen gleich beweisen

werde) und um nach Möglichkeit seine Schuld zu verringern, ersetzte er,

wenigstens zur Probe, sechsmal seine mönchische Nahrung durch eine

weltliche. Unzweifelhaft zur Probe, denn wenn er es nur um der

gastronomischen Abwechslung getan hätte, so würde die Zahl sechs viel zu

gering sein: warum denn nur sechsmal, warum nicht dreißigmal? (Ich nehme

nur die Hälfte, die Hälfte von der Hälfte.) Doch wenn es etwa nur zur

Probe geschehen wäre, und aus Verzweiflung und Angst vor dem Verbrechen

der Kirchenschändung, dann wird die Zahl sechs um so verständlicher;

denn sechs Proben genügen doch wohl zur Beruhigung der Gewissensbisse,

da die Proben ja nicht von Erfolg begleitet waren. Erstens waren meiner

Meinung nach die Knaben viel zu klein, d. h. nicht dick und groß genug,

so daß er der weltlichen Knaben wenigstens um das Doppelte, um das

Fünffache bedurft hätte, als der Geistlichen. Wenn die Sünde sich also

einerseits auch verringert hätte, so hätte sie sich andererseits nur

vergrößert, wenn nicht qualitativ, so doch quantitativ. Wenn ich die

Sache so beurteile, meine Herren, so versetze ich mich natürlich in die

Seele eines Verbrechers des zwölften Jahrhunderts. Was mich nun

betrifft, als Mensch des neunzehnten Jahrhunderts, so würde ich ganz

anders urteilen, was ich hier Ihnen gegenüber betone, damit Sie durchaus

nicht das Recht haben, meine Herren, mir die Zähne zu zeigen, wie es

denn von Ihnen, Herr General, direkt unanständig ist. Zweitens, meiner

persönlichen Ansicht nach, ist ein Knabe auch nicht genügend nahrhaft,

zu süß und widerlich im Geschmack, ohne die Bedürfnisse zu befriedigen,

verursacht er nur Gewissensbisse. Und jetzt der Schluß, das Finale,

meine Herren, das Finale, in dem die Antwort aller damaligen und

heutigen großen Fragen enthalten ist. Der Verbrecher endet damit, daß er

hingeht und sich selbst der Geistlichkeit und der Gerechtigkeit

ausliefert. Man stelle sich vor, welche Qualen ihn in jener Zeit

erwarteten, welche Folter, Räder und Scheiterhaufen? Wer hat ihn dazu

getrieben, sich selbst anzuzeigen? Warum nicht einfach bei der Zahl

sechzig verbleiben, das Geheimnis bewahren bis zum letzten Atemzuge?

Warum nicht einfach von den Mönchen ablassen und als Einsiedler der Reue

leben? Warum ist er denn schließlich nicht selbst Mönch geworden? Sehen

Sie, da steckt das Rätsel! Also muß da doch etwas gewesen sein, das

stärker war als Flammen und Scheiterhaufen, und selbst stärker als eine

zwanzigjährige Gewohnheit! Also gab es eine Idee, die stärker war als

alles Unglück wie Mißernten, Foltern, Pestilenzen, diese ganze Hölle,

die die Menschheit nicht hätte ertragen können, ohne eine das Herz

beherrschende und die Lebensquelle befruchtende Idee! Zeigen Sie mir,

bitte, doch irgend etwas, das eine derartige Kraft in unserem

Jahrhundert der Laster und Eisenbahnen besitzt ... das heißt, man müßte

sagen, in unserem Zeitalter der Dampfschiffe und Eisenbahnen, doch ich

sage: in unserem Zeitalter der Laster und Eisenbahnen -- wenn ich auch

betrunken bin, so bin ich doch gerecht! Zeigen Sie mir eine Idee, die

uns auch nur mit der Hälfte der Kraft beherrschte, wie die jener

Jahrhunderte. Und wagen Sie es noch zu behaupten, daß die >Quellen des

Lebens< unter diesem >Sterne<, unter diesem Netze, worin die Menschheit

sich verstrickt hat, nicht versiegt und getrübt worden sind! Und

widerlegen Sie mir das nicht durch Hinweise auf unseren Wohlstand,

unseren Reichtum, durch die Seltenheit der Hungersnöte und die

Geschwindigkeit unserer Verkehrsmittel! Der Reichtum ist größer, aber

die Kraft ist geringer, die einigende Idee fehlt uns; alles ist wie

Gummi; alles ist nüchtern, und die Menschen sind auch nüchtern geworden!

Alle, alle, alle sind wir nüchtern! ... Doch genug: Nicht davon ist die

Rede, sondern davon, ob wir jetzt nicht, ehrenwerter Fürst, unsere Gäste

zu einem kleinen Imbiß einladen wollen?«

Lebedeff, der einige seiner Zuhörer schon bis zur äußersten Ungeduld

gebracht hatte, versöhnte aber alle seine Gegner mit dem unerwarteten

Schluß seiner Rede. Er selbst nannte einen solchen Schluß »einen sehr

geschickten Advokatenkniff«, die Gäste belebten sich, fröhliches Lachen

ertönte wieder, alle erhoben sich, um ihre Glieder zu strecken und sich

auf der Terrasse zu ergehen. Nur Keller war mit Lebedeffs Rede sehr

unzufrieden und benahm sich ungewöhnlich erregt.

»Er ist gegen die Aufklärung, er predigt den Aberglauben des zwölften

Jahrhunderts, er will sich zeigen, von Unschuld des Herzens weiß er

nichts: womit hat er sich ein Haus erworben, wenn man fragen darf?« tief

er laut und hielt die Gäste zurück.

»Ich habe einen ganz anderen Interpreten der Apokalypse gekannt,« wandte

sich der General in der anderen Ecke an andere Zuhörer und insbesondere

zu Ptizyn, den er am Knopf festhielt --, »den verstorbenen Grigorij

Ssemjonowitsch Burmistroff, der verstand es, die Herzen zu entzünden.

Erstens, setzte er sich die Brille auf, schlug ein großes schwarzes Buch

in schwarzem Ledereinband auf, dabei hatte er einen weißen Bart und zwei

Rettungsmedaillen auf der Brust. Er legte sie streng und ernst aus. Vor

ihm beugten sich Generäle, Damen fielen in Ohnmacht, aber dieser da --

endet mit einer Einladung zum Imbiß! Das ist unerhört!«

Ptizyn hörte dem General lächelnd zu und griff nach seinem Hut, um

fortzugehen, doch schien er sich dann doch nicht dazu entschließen zu

können oder vergaß wenigstens immer wieder seine Absicht. Ganjä hatte

schon vorhin, als man sich vom Tisch erhob, seinen Pokal von sich

gestoßen: ein finsterer Ausdruck lag auf seinem Gesicht. Als man vom

Tische aufstand, ging er zu Rogoshin und setzte sich zu ihm. Man hätte

denken können, daß die beiden in den freundschaftlichsten Beziehungen

zueinander stünden. Auch Rogoshin, der sich zu Anfang ein paarmal

anschickte, leise fortzugehen, saß jetzt unbeweglich da wie in Gedanken

versunken, als hätte er ganz vergessen, wo er war. Den ganzen Abend über

hatte er keinen Tropfen Wein getrunken und war sehr nachdenklich. Hin

und wieder hob er seinen Blick und betrachtete alle und jeden. Es

schien, als ob er hier etwas erwartete, etwas für ihn außerordentlich

Wichtiges.

Der Fürst hatte im ganzen zwei oder drei Glas getrunken und war nur

einfach heiter. Als er sich vom Tisch erhob, begegnete er dem Blick

Jewgenij Pawlowitschs, erinnerte sich der ihnen beiden bevorstehenden

Aussprache und lächelte entgegenkommend. Jewgenij Pawlowitsch winkte ihm

zu und zeigte auf Hippolyt, den er soeben aufmerksam betrachtet hatte.

Hippolyt lag auf dem Diwan ausgestreckt und schlief.

»Weshalb hat dieses Bürschchen sich so an Sie gehängt, Fürst?« sagte er

plötzlich mit ersichtlichem Ärger, so daß der Fürst erstaunte. »Ich

wollte wetten, Fürst, er hat nichts Gutes im Sinne!«

»Ich habe bemerkt,« erwiderte der Fürst, »oder es scheint mir wenigstens

so, daß er Sie, Jewgenij Pawlowitsch, heute ganz besonders interessiert;

ist das wahr?«

»Denken Sie sich, ich wundere mich selbst darüber. Während ich Grund

genug hätte, über meine eigene Lage nachzudenken, beschäftige ich mich

den ganzen Abend mit ihm und kann meinen Blick von diesem widerwärtigen

Gesicht gar nicht losreißen.«

»Sein Gesicht ist doch hübsch ...«

»Da, da, sehen Sie nur!« rief Jewgenij Pawlowitsch und packte die Hand

des Fürsten. »Da ...!«

Der Fürst betrachtete Jewgenij Pawlowitsch nochmals mit Erstaunen.

Sämtliche Werke 3-4 · 第 51 / 75 题