Hippolyt, der gegen Ende des Lebedeffschen Vortrags auf dem Diwan
eingeschlafen war, erwachte plötzlich: ganz als ob ihn jemand in die
Seite gestoßen hätte, fuhr zusammen, erhob sich, sah sich um und
erbleichte. Mit einem Ausdruck des Schreckens ließ er seine Augen durchs
Zimmer schweifen und eine furchtbare Angst lag in seinen Gesichtszügen,
als er sich wieder zu besinnen schien.
»Wie, sie gehen fort? Ist alles aus? Alles schon zu Ende? Ist die Sonne
schon aufgegangen?« fragte er erregt, indem er die Hand des Fürsten
erfaßte. »Wieviel ist die Uhr, um Gottes willen, die Uhr? Ich habe mich
verschlafen. Habe ich lange geschlafen?« fügte er verzweifelt hinzu, als
hätte er etwas verschlafen, wovon sein ganzes Schicksal abhing.
»Sie haben im ganzen sieben oder acht Minuten geschlafen,« antwortete
Jewgenij Pawlowitsch.
Hippolyt sah ihn starr an und dachte einen Augenblick nach.
»Nur! Also habe ich nichts verloren ...«
Und er atmete auf, als ob eine unendlich schwere Last von ihm genommen
wäre. Er begriff endlich, daß »nichts verloren« war, daß die Sonne noch
nicht aufgegangen, daß die Gäste nur ihre Stühle verließen, um einen
Imbiß einzunehmen, und daß lediglich das Geschwätz Lebedeffs zu Ende
war. Er lächelte und ein schwindsüchtiges Rot in Gestalt zweier Flecke
erschien auf seinen Wangen.
»Sie haben also die Minuten gezählt, während ich schlief, Jewgenij
Pawlowitsch,« griff er spöttisch auf. »Sie haben sich den ganzen Abend
nicht von mir losreißen können, ich habe es gesehen ... Ah! Rogoshin!
Ich habe ihn soeben im Traume gesehen,« flüsterte er dem Fürsten zu und
sah stirnrunzelnd zu Rogoshin hinüber. »Ach, ja, wo ist denn der Redner
geblieben,« sprang er wieder auf etwas anderes über, »wo ist Lebedeff?
Lebedeff hat also seine Rede beendet? Wovon sprach er? Ist es wahr,
Fürst, daß Sie einmal gesagt haben, die Welt wird durch die Schönheit
erlöst werden? Meine Herren,« wandte er sich mit lauter Stimme an alle,
»der Fürst behauptet, daß Schönheit die Welt erlösen werde! Doch ich
behaupte, daß er nur deshalb so sonderbare Gedanken hat, weil er
verliebt ist. Meine Herren, der Fürst ist verliebt. Vorhin, als er
eintrat, habe ich mich davon überzeugt. Erröten Sie nicht, Fürst, sonst
muß ich Sie bedauern. Welche Schönheit wird die Welt erlösen? Mir hat es
Koljä gesagt ... Sie sind ein eifriger Christ? Koljä sagt, daß Sie sich
selbst einen Christen genannt haben.«
Der Fürst sah ihn durchdringend an und antwortete ihm nicht.
»Sie antworten mir nicht? Sie denken vielleicht, daß ich Sie sehr
liebe,« fügte plötzlich Hippolyt wie abgebrochen hinzu.
»Nein, das denke ich nicht. Ich weiß, daß Sie mich nicht lieben.«
»Wie, auch nicht nach dem gestrigen Vorfall? Gestern war ich doch
aufrichtig gegen Sie?«
»Ich wußte auch gestern, daß Sie mich nicht lieben.«
»Das heißt, weil ich Sie beneide, beneide? Sie dachten es schon immer
und denken es auch jetzt, doch ... doch warum sage ich Ihnen das? Ich
möchte noch Champagner trinken, schenken Sie mir ein, Keller.«
»Sie dürfen nicht mehr trinken, Hippolyt, ich gebe Ihnen keinen.«
Und der Fürst nahm ihm das Glas fort.
»Nun, meinetwegen ...« willigte Hippolyt sofort ein, wie in Gedanken
versunken. »Sie werden noch alle sagen ... doch, den Teufel auch! was
geht's mich an, was sie sagen werden! Nicht wahr, nicht wahr? Mögen sie
nachher sagen, was sie wollen, nicht, Fürst? Und was geht es uns alle
an, was _dann_ sein wird! ... Ich glaube, ich bin noch verschlafen. Was
für einen furchtbaren Traum ich hatte -- jetzt erst erinnere ich mich
... Ich wünsche Ihnen solche Träume nicht, Fürst, obgleich ich Sie
vielleicht wirklich nicht liebe. Übrigens, wenn man einen Menschen auch
nicht liebt, warum soll man ihm Schlechtes wünschen, nicht wahr? Doch
was frage ich Sie denn, immer frage ich Sie! Geben Sie mir Ihre Hand,
ich werde Sie Ihnen kräftig drücken, so ... Sie haben mir also gleich
Ihre Hand gegeben! Also müssen Sie wissen, daß ich sie aufrichtig
drücke? ... Übrigens, ich werde nicht mehr trinken. Wieviel ist die Uhr?
Nein, es ist nicht nötig, ich weiß, wieviel die Uhr ist. Es ist Zeit!
Die Stunde ist gekommen. Was, dort in der Ecke wird der Imbiß
eingenommen? Also wird dieser Tisch hier frei? Vorzüglich! Meine Herren,
ich ... doch alle diese Herren hören ja gar nicht ... ich bin bereit,
Ihnen etwas vorzulesen, Fürst; der Imbiß ist natürlich interessanter,
aber ...«
Und plötzlich zog er ganz unerwartet aus seiner Seitentasche ein großes
rotversiegeltes Paket hervor und legte es vor sich hin auf den Tisch.
Das Unerwartete der Sache brachte einen großen Effekt in der
Gesellschaft hervor. Auf so etwas war man gar nicht vorbereitet.
Jewgenij Pawlowitsch sprang sogar von seinem Stuhl auf. Ganjä kam
schnell an den Tisch heran. Rogoshin auch, doch mit geringschätziger,
ärgerlicher Miene, als ob er wüßte, um was es sich handelte. Lebedeff,
der in der Nähe beschäftigt war, kam auch herbei und betrachtete das
Paket mit neugierigen Augen, als wollte er erraten, wovon es handelte.
»Was haben Sie denn da?« fragte beunruhigt der Fürst.
»Sobald der äußerste Rand der Sonne am Horizont erscheint, werde ich zur
Ruhe gehen, Fürst, ich habe es gesagt; mein Ehrenwort: Sie werden es
sehen!« rief Hippolyt. »Doch ... doch ... glauben Sie wirklich, daß ich
nicht imstande sein werde, dieses Paket zu öffnen?« fügte er hinzu, als
forderte er sie alle heraus, und als wandte er sich ausnahmslos an alle.
Der Fürst bemerkte, daß er am ganzen Körper zitterte.
»Niemand von uns glaubt es,« antwortete der Fürst für alle, »und warum
glauben Sie, daß jemand von uns einen solchen Gedanken haben könne ...
aber was ... was für eine sonderbare Idee von Ihnen, uns vorlesen zu
wollen? Was ist Ihnen denn, Hippolyt?«
»Was fehlt ihm? Was ist wieder mit ihm passiert?« fragte man ringsum.
Alle kamen herbei, einige aßen noch, doch das Paket mit dem roten Siegel
zog alle wie ein Magnet an.
»Das habe ich gestern selbst geschrieben, gleich nachdem ich Ihnen das
Wort gegeben, daß ich zu Ihnen übersiedeln würde, Fürst. Ich habe
gestern den ganzen Tag daran geschrieben, die Nacht darauf, und beendet
habe ich es heute morgen -- in der Nacht gegen Morgen hatte ich einen
Traum ...«
»Würde es nicht besser sein, wenn Sie es morgen ...« unterbrach ihn
schüchtern der Fürst.
»Morgen >wird keine Zeit mehr sein<!« lachte Hippolyt hysterisch auf.
Ȇbrigens, beunruhigen Sie sich nicht, ich lese es in vierzig Minuten,
vielleicht -- in einer Stunde ... Und sehen Sie, wie sich alle dafür
interessieren, alle sind gekommen, alle sehen nach meinem Paket. Ich
glaube, wenn es nicht so versiegelt wäre, so hätte es gar keinen Effekt
gemacht! Ha--ha! Sehen Sie, was ein Geheimnis bedeutet! Soll ich es
öffnen, meine Herren, oder nicht?« rief er mit eigentümlichem Lächeln
und mit blitzenden Augen. »Ein Geheimnis! Ein Geheimnis! Doch entsinnen
Sie sich, Fürst, wer hat es gesagt, daß >keine Zeit mehr sein wird<? Das
verkündet der große und mächtige Engel in der Apokalypse.«
»Lassen Sie bitte das Lesen!« rief plötzlich Jewgenij Pawlowitsch, von
solcher Unruhe ergriffen, daß es vielen sonderbar erschien.
»Lesen Sie nicht!« rief auch der Fürst aus und legte die Hand aufs
Paket.
»Warum lesen? Jetzt essen wir,« bemerkte jemand.
»Einen Artikel? Aus der Zeitung, wie?« erkundigte sich ein anderer.
»Vielleicht ist es langweilig?« fügte ein dritter hinzu.
»Was ist denn eigentlich los?« erkundigten sich die übrigen.
Die erschrockene Bewegung des Fürsten machte auf Hippolyt einen starken
Eindruck.
»Also ... nicht lesen?« stammelte er mit einem verzerrten Lächeln auf
seinen blutleeren Lippen. »Nicht lesen?« wandte er sich an alle, an das
ganze Publikum und blickte jedem einzeln ins Gesicht. »Sie fürchten
sich?« wandte er sich wieder an den Fürsten.
»Weshalb?« fragte dieser ganz verwundert.
»Hat jemand ein Zwanzigkopekenstück?« Hippolyt sprang plötzlich vom
Stuhle auf, als hätte er einen Stoß bekommen, »oder irgendeine Münze?«
»Hier!« Lebedeff reichte ihm sofort eine. Ihm kam der Gedanke, daß der
kranke Hippolyt den Verstand verloren habe.
»Wjera Lukjanowna!« wandte sich Hippolyt hastig an das junge Mädchen,
»nehmen Sie, werfen Sie es auf den Tisch: Adler oder Aufschrift? Adler
-- heißt lesen!«
Wjera sah erschrocken auf die Münze, auf Hippolyt und auf ihren Vater.
Darauf warf sie das Geldstück auf den Tisch mit der Überzeugung, daß sie
es gar nicht zu sehen brauchte. Der Adler lag oben.
»Lesen!« flüsterte Hippolyt, als hätte wirklich das Schicksal
gesprochen. Er hätte nicht stärker erblassen können, selbst wenn ihm das
Todesurteil vorgelesen worden wäre. »Übrigens,« fuhr er auf, nach einer
halben Minute Schweigen. »Was soll das? Habe ich nicht soeben mein Los
geworfen?« wandte er sich von neuem an seine Umgebung, mit derselben
fragenden Aufrichtigkeit. »Das ist ja wirklich ein sonderbarer, ein
psychologischer Zug!« rief er plötzlich und wandte sich mit aufrichtiger
Verwunderung diesmal wieder an den Fürsten. »Das ist ... das ist ja ein
ganz unfaßbares Moment, Fürst!« bestätigte er sich den Gedanken selbst,
und als käme er jetzt wieder ganz zu sich. »Das schreiben Sie sich auf,
Fürst, denken Sie daran, Sie sammeln doch Material bezüglich der
Todesstrafe ... man sagte es mir, ha, ha! O mein Gott, welch eine
sinnlose Dummheit!« Er fiel auf den Diwan zurück, stützte seine beiden
Ellenbogen auf den Tisch und legte seinen Kopf in beide Hände. »Das ist
ja geradezu schandbar! ... Zum Teufel, was geht es mich an, wenn es
schandbar ist!« er erhob sofort wieder seinen Kopf. »Meine Herren! meine
Herren, ich öffne jetzt das Paket!« entschied er mit plötzlicher
Entschlossenheit. »Ich ... ich zwinge übrigens niemanden, zuzuhören!
...«
Mit vor Erregung zitternden Händen entsiegelte er das Paket, zog einige
engbeschriebene Blätter Postpapier aus ihm heraus, legte sie vor sich
hin und glättete sie.
»Was soll das? Was ist denn los? Was will er lesen?« murmelten einige.
Andere schwiegen.
Doch alle setzten sich und sahen ihm mit Neugierde zu. Vielleicht
erwarteten sie wirklich etwas Außergewöhnliches. Wjera klammerte sich an
den Stuhl ihres Vaters und hätte vor Angst beinahe zu weinen angefangen.
Fast ebenso erschrocken war Koljä. Lebedeff, der sich soeben hingesetzt,
erhob sich wieder, ergriff einen Leuchter und stellte ihn vor Hippolyt
hin, damit er es heller zum Lesen hätte.
»Meine Herren, das ... das werden Sie gleich sehen, was das bedeutet,«
bemerkte Hippolyt aus irgendeinem Grunde und fing zu lesen an: »Eine
notwendige Erklärung! Motto: _Après moi le déluge_{[28]} ... Pfui, zum
Teufel!« fuhr er plötzlich auf, als hätte er sich verbrannt. »Wie konnte
ich denn im Ernst ein so dummes Motto wählen? ... Hören Sie, meine
Herren! ... ich versichere Sie, es sind vielleicht zum Schluß nichts als
Albernheiten! Nur einige meiner Ideen sind darin ... Wenn Sie vielleicht
glauben, daß es ... irgend etwas Geheimnisvolles oder ... Verbotenes ist
... mit einem Wort ...«
»Wenn Sie doch ohne Vorreden lesen wollten,« unterbrach ihn Ganjä.
»Er dreht und windet sich!« fügte jemand hinzu.
»Viel zu viel Gerede!« äußerte sich plötzlich Rogoshin, der die ganze
Zeit über geschwiegen hatte.
Hippolyt wandte sich zu ihm, und als ihre Blicke sich trafen, lächelte
Rogoshin bitter und sprach langsam die sonderbaren Worte:
»Nicht so muß man die Sache anfassen, junger Mann, nicht so ...«
Was Rogoshin damit sagen wollte, begriff natürlich niemand, doch seine
Worte machten trotzdem einen sonderbaren Eindruck auf alle. In einem
jeden berührten sie eine ihnen allen gemeinsame Ahnung. Auf Hippolyt
selbst machten die Worte einen geradezu schrecklichen Eindruck: er
wankte so stark, daß der Fürst seine Hand nach ihm ausstreckte, um ihn
zu halten, und er hätte aufgeschrien, wenn ihm nicht plötzlich die
Stimme abgebrochen wäre. Eine ganze Minute konnte er kein Wort
hervorbringen, er atmete schwer und sah unverwandt Rogoshin an. Endlich
atmete er tief auf und sagte mit großer Anstrengung:
»Also das waren Sie ... Sie waren es ... Sie?«
»Wer war? Wo war?« fragte sehr erstaunt Rogoshin.
Doch Hippolyt schrie plötzlich wie besessen auf:
»Sie waren bei mir in der vergangenen Woche, in der Nacht, um zwei Uhr,
an dem Tage, als ich morgens zu Ihnen kam, Sie!!! Geben Sie es zu, Sie?«
»Vergangene Woche, in der Nacht? Du schliefst wohl und bist jetzt von
Sinnen, junger Mann?«
Der junge Mann schwieg wieder eine Minute lang, legte seinen Finger an
die Stirn und dachte nach, und in seinem bleichen, vor Furcht verzerrtem
Lächeln tauchte etwas Schlaues, Triumphierendes auf.
»Das waren Sie!« wiederholte er kaum hörbar, doch mit fester
Überzeugung. »Sie kamen zu mir und saßen schweigend bei mir auf dem
Stuhl, am Fenster, eine ganze Stunde und noch länger; um ein oder zwei
Uhr nachts; Sie standen dann auf und gingen um drei Uhr fort ... Das
waren Sie, Sie! Warum haben Sie mich erschreckt, Sie kamen, um mich zu
quälen, -- ich verstehe es nicht, doch das waren Sie!«
Und in seinen Augen blitzte ein grenzenloser Haß auf, obgleich noch
Angst und Schrecken in ihnen lagen.
»Sie werden sofort, meine Herren, alles erfahren, ich ... ich ... hören
Sie ...«
Er griff wieder, sich jetzt schrecklich beeilend, nach seinen Blättern,
sie waren durcheinander gekommen, er suchte sie wieder zusammen; sie
zitterten in seinen schwachen Händen, er konnte lange nicht mit ihnen in
Ordnung kommen.
»Er ist wahnsinnig, oder er phantasiert!« murmelte kaum hörbar Rogoshin.
Endlich begann er doch vorzulesen. Zu Anfang, in den ersten fünf Minuten
rang der Autor der Abhandlung nach Atem und las ungleich und
abgebrochen; doch wurde seine Stimme immer fester und gleichmäßiger, so
daß er die niedergeschriebenen Gedanken vollkommen ausdrücken konnte.
Hin und wieder unterbrach ihn nur ein heftiger Husten und in der Mitte
der Vorlesung wurde er vollständig heiser. Er belebte sich aber während
des Lesens immer mehr und mehr und war zum Schluß so mitgerissen, daß er
einen schmerzlichen, krampfhaften Eindruck bei den Zuhörern hervorrief.
Hier folgt die »Abhandlung« in ihrem ganzen Umfange:
»Meine notwendige Erklärung.«
»_Après moi le déluge!_«{[28]}
»Gestern früh war der Fürst bei mir; unter anderem beredete er mich, zu
ihm auf die Datsche zu ziehen. Ich wußte es und war überzeugt, daß er
darauf bestehen würde, mit der Begründung, daß für mich >unter Menschen
und Bäumen leichter zu sterben wäre<, wie er sich ausdrückt. Doch heute
sagte er nicht _sterben_, sondern er sagte >leichter zu leben<, was für
mich und in meiner Lage ungefähr dasselbe ist. Ich fragte ihn, was er
denn mit seinen >Bäumen< eigentlich wolle und warum er immer von den
>Bäumen< erzähle, -- und da hörte ich denn zu meinem nicht geringen
Erstaunen, daß ich selbst an dem Abend in Pawlowsk geäußert hätte, ich
sei gekommen, um zum letzten Mal Bäume zu sehen. Als ich darauf die
Bemerkung machte, daß es doch ganz gleichgültig wäre, ob ich unter
Bäumen sterbe oder hier durch das Fenster auf meine Backsteinmauer sehe,
und daß es sich wegen dieser zwei Wochen nicht weiter lohne, gab er mir
das sofort zu. Doch würde das frische Grün und die reine Luft auf mich
physisch sehr gut wirken, meinte er, ich würde ruhiger werden und
schwere Träume würden mich nicht mehr quälen. Ich bemerkte ihm wieder
lachend, daß er ein Materialist sei. Da er niemals spottet, so mußten
seine Worte etwas bedeuten. Sein Lächeln war so gütig, ich betrachtete
ihn jetzt aufmerksamer. Ich weiß nicht, ob ich ihn liebe, doch darüber
nachzudenken, habe ich jetzt keine Zeit mehr. Mein fünfmonatlicher Haß
auf ihn, ich muß es gestehen, hatte sich im letzten Monat vollständig
beruhigt. Wer kann's wissen, vielleicht fuhr ich nur nach Pawlowsk, um
hauptsächlich ihn zu sehen. Doch ... warum hatte ich nur damals mein
Zimmer verlassen?! Ein zum Tode Verurteilter muß seinen Winkel nicht
verlassen; und wenn ich mich jetzt nicht endgültig zu etwas entschlossen
hätte, statt auf meine letzte Stunde zu warten, so hätte ich freilich
mein Zimmer niemals verlassen und wäre nicht hierher übergesiedelt, um
zu sterben. Ich muß mich beeilen, um mit dieser ganzen >Erklärung< bis
morgen fertig zu werden. Wahrscheinlich werde ich keine Zeit haben, sie
durchzulesen und zu korrigieren. Ich werde sie morgen dem Fürsten und
zwei bis drei Personen, die ich dort anzutreffen gedenke, vorlesen. Da
ich keine einzige Lüge schreiben werde, sondern nur die Wahrheit, die
letzte, feierliche Wahrheit, so bin ich neugierig, welchen Eindruck
dieses Schriftstück in der Stunde und Minute, da ich es vorlesen werde,
auf mich selbst machen wird? Übrigens habe ich unnütz die Worte >letzte
und feierliche Wahrheit< geschrieben. Wegen zweier Wochen lohnt es sich
sowieso nicht, zu lügen, weil es sich auch zwei Wochen zu leben nicht
lohnt; der Beweis dafür ist ja, daß ich nur die Wahrheit schreibe. (NB.
Vergesse ich nicht am Ende meine Gedanken? Bin ich nicht vielleicht
wahnsinnig in dieser Minute, d. h. minutenlang wahnsinnig? Man hat es
mir bestätigt, daß Schwindsüchtige im letzten Stadium ihrer Krankheit
zeitweise den Verstand verlieren. Ich werde mich morgen davon beim
Eindruck auf die Zuhörer überzeugen. Dieser Frage muß mit der größten
Genauigkeit nachgespürt werden, sonst kann man zu keiner Überzeugung
kommen.)
Mir scheint es, daß ich soeben eine furchtbare Dummheit geschrieben
habe, doch sie zu verbessern, habe ich keine Zeit, außerdem habe ich mir
das Wort gegeben, in diesem Handschreiben keine einzige Zeile zu
verbessern, selbst wenn ich bemerken sollte, daß ich mir auf jeder
fünften Zeile widerspreche. Ich möchte mich ja gerade morgen beim Lesen
von dem richtigen logischen Fluß meiner Gedanken überzeugen; und ob ich
meine Fehler bemerke und ob es möglich ist, daß alles, was ich in diesen
sechs Monaten in diesem Zimmer gedacht habe, nur Fieberphantasien sind?
Wenn ich vor zwei Monaten, wie jetzt, mein Zimmer hätte verlassen und
von der Meyerschen Wand mich verabschieden müssen, so, ich muß es
gestehen, so wäre es mir sehr schwer gefallen. Jetzt empfinde ich nichts
mehr, und verlasse doch dieses Zimmer und diese Wand auf ewig! Also muß
meine Überzeugung, daß es sich für zwei Wochen nicht mehr lohnt, diese
Gefühle aufkommen zu lassen, meine ganze Natur beherrschen. Verhält es
sich nun wirklich so? Ist meine Natur wirklich vollständig besiegt? Wenn
man mich jetzt auf die Folter spannte, so würde ich doch sicher
schreien, und würde nicht sagen, daß es sich nicht lohnte, zu schreien
oder Schmerz zu empfinden, nur weil zwei Wochen schon nichts mehr
bedeuten.
Sind es denn wirklich nur vierzehn Tage, die mir zum Leben verblieben
sind, und nicht mehr? Damals in Pawlowsk hatte ich gelogen: B--n hatte
mir nichts gesagt und hat mich überhaupt nicht gesehen. Doch vor acht
Tagen besuchte mich ein Student Kißlorodoff; nach seiner Überzeugung ist
er Materialist, Atheist und Nihilist, und das war es, warum ich ihn
rufen ließ. Ich hatte einen Menschen nötig, der mir endlich die nackte
Wahrheit sagen konnte, ohne alle Rücksichten und Umstände. Das tat er
denn auch, und nicht nur aus Gefälligkeit und ohne Umstände, sondern mit
sichtlichem Vergnügen (was ich meinerseits schon überflüssig fand). Er
sagte mir auch gerade ins Gesicht, daß ich noch ungefähr einen Monat
leben könnte; vielleicht auch etwas länger, wenn die Umstände günstig
seien, doch vielleicht auch noch nicht einmal so lange. Seiner Meinung
nach könnte ich auch ganz plötzlich sterben, zum Beispiel morgen; solche
Fälle habe es oft gegeben und erst vorgestern sei eine junge Frau in
Kolomna, deren Zustand dem meinen ganz gleich gewesen, gestorben. Sie
habe auf den Markt gehen wollen, plötzlich sich schlecht gefühlt, habe
sich auf den Diwan gelegt, einmal noch geatmet und -- sei gestorben.
Alle diese Mitteilungen machte mir Kißlorodoff mit einer gewissen
schneidigen Gefühlslosigkeit, als hätte er mir damit eine Ehre angetan
und als hielte er mich für ein ebenso höheres, alles verneinendes
Geschöpf, wie er es selbst zu sein glaubte, und den zu sterben
selbstverständlich nichts kostete. Ich hatte also jetzt wirklich die
Gewißheit: noch einen Monat und nicht länger zu leben! Daß er sich nicht
geirrt hat, davon bin ich fest überzeugt.
Sehr erstaunt war ich darüber, daß der Fürst vorhin bemerkte, daß mich
>schlechte Träume< quälen; er sagte buchstäblich, in Pawlowsk würden
>meine Erregung und meine Träume< nachlassen. Wie kommt er darauf? Ist
er Mediziner oder hat er wirklich einen außergewöhnlichen Verstand und
kann vieles erraten? (Daß er am Ende doch ein >Idiot< ist, darüber
besteht kein Zweifel.) Gerade vor seinem Erscheinen hatte ich einen
jener reizenden Träume, wie sie mich, übrigens, jetzt zu Tausenden
heimsuchen. Ich schlief ein -- ich denke, eine Stunde vor seiner
Ankunft, und befand mich in einem Zimmer, das größer und höher war, als
das meinige, besser möbliert und auch heller. In ihm stand ein Schrank,
eine Kommode, ein Diwan und mein Bett, nur größer und breiter und
bedeckt mit einer grünseidenen Steppdecke. Doch bemerkte ich in diesem
Zimmer ein schreckliches Tier, eine Art Skorpion und doch kein Skorpion,
sondern viel widerwärtiger und schrecklicher, unheimlicher. Es war,
glaube ich, um so ekelhafter, weil es solche Tiere in der Natur nicht
gibt und weil es _gerade_ zu _mir_ gekommen war, mit einer
geheimnisvollen Absicht, als enthielte es selbst ein furchtbares
Geheimnis. Ich habe es sehr genau betrachtet: es war ein braunes,
kriechendes, amphibienartiges Krustentier, etwa vier Zoll lang, am Kopfe
vielleicht zwei Finger breit, zum Schwanze hin verdünnte es sich immer
mehr, so daß die äußerste Spitze desselben nicht dicker als ein Zehntel
Zoll war. Einen Zoll tiefer unter dem Kopf, traten in einem Winkel von
etwa fünfundvierzig Grad zwei Pfoten aus dem Rumpfe hervor, jede
ungefähr zwei Zoll lang, so daß das Tier von oben gesehen die Form eines
Dreizackes hatte. Den Kopf konnte ich nicht sehen, doch sah ich zwei
Fühler, nicht sehr lang, wie zwei große Nadeln, von rotbrauner Farbe.
Solche zwei Fühler hatte es auch am Ende des Schwanzes und am Ende jeder
Pfote, im ganzen also acht Fühler. Das Tier lief wahnsinnig schnell über
das ganze Zimmer und stützte sich dabei auf Pfoten und Schwanz, und wenn
es lief, so dehnte sich der ganze Körper und der Schwanz in ringelnden
Bewegungen, wie bei einer Schlange, ungeachtet seiner Kruste, was ein
widerwärtiger Anblick war. Ich hatte furchtbare Angst, daß es mich
stechen würde, man hatte mir gesagt, es wäre giftig, doch quälte ich
mich am meisten darüber, was man mir damit antun wolle, warum man es mir
ins Zimmer gesetzt und worin sein Geheimnis bestand? Es kroch unter die
Kommode, unter den Schrank, in alle Ecken. Ich saß auf dem Stuhl und
hatte die Füße hochgezogen. Es lief schnell über das ganze Zimmer und
verschwand plötzlich unter meinem Stuhl. Angstvoll suchte ich es mit
meinen Augen, die Füße hatte ich, wie gesagt, hochgezogen und ich hoffte
im stillen, daß es nicht an dem Stuhl hinaufklettern würde. Plötzlich
hörte ich hinter mir fast an meinem Kopfe ein knisterndes Geräusch: ich
blicke mich um und sehe, daß das Reptil an der Wand emporkriecht in
gleicher Höhe mit meinem Kopfe. Mit seinem Schwanze, den es mit großer
Schnelligkeit wand und drehte, berührte es schon mein Haar. Ich sprang
vom Stuhl und -- auch das Tier verschwand. Ich fürchtete mich, mich aufs
Bett zu legen, da es vielleicht unter das Kissen gekrochen. Ins Zimmer
traten meine Mutter und irgendein Bekannter von ihr. Sie versuchten, das
Scheusal zu fangen, waren viel ruhiger als ich, und fürchteten sich
nicht einmal. Doch verstanden sie nichts davon. Plötzlich kroch das Tier
wieder hervor, diesmal sehr langsam, als hätte es eine besondere
Absicht, sich langsam über das Zimmer zur Tür hin dehnend, was noch
widerwärtiger war. Da öffnete meine Mutter die Tür und rief Norma,
unseren Hund, einen großen, schwarzen, zottigen Neufundländer -- er
starb vor fünf Jahren. Norma stürzte ins Zimmer und blieb wie
angewurzelt vor dem Reptil stehen, das gleichfalls im Laufe einhielt,
doch sich weiter wand und mit Schwanz und Pfoten auf den Boden schlug.
Tiere empfinden keinen mystischen Schrecken, wenn ich mich nicht irre;
in dieser Minute jedoch schien es mir, daß auch Norma diesen
außergewöhnlichen, diesen fast mystischen Schrecken empfand, ganz als ob
er, wie ich, geahnt hätte, daß in diesem Tier etwas Verhängnisvolles,
etwas Geheimnisvolles enthalten war. Norma zog sich langsam vor dem
Reptil zurück, das nun seinerseits vorsichtig auf ihn loskam. Plötzlich
wollte das Reptil sich auf ihn werfen und ihn beißen. Trotz seiner Angst
und trotzdem er an allen Gliedern zitterte, wich der Hund nicht zurück:
er fletschte seine großen weißen Zähne, öffnete seinen großen roten
Rachen, legte sich sprungbereit und entschloß sich dann mit einem Mal,
das Reptil mit seinen Zähnen zu packen. Das Reptil wand sich und
zappelte so heftig, daß es loskam, und Norma mußte es noch einmal im
Falle packen. Zweimal nacheinander tat er es und schnappte nach ihm. Die
Kruste knackte unter seinen Zähnen, Schwanz und Pfoten des Reptils
zappelten mit wahnsinniger Schnelligkeit. Plötzlich heulte Norma
kläglich auf. Das Scheusal hatte ihn doch in die Zunge gestochen. Der
Hund winselte und schrie vor Schmerz und ich sah, wie das zerbissene
Reptil ihm quer im Rachen lag und wie eine große Menge weißen Saftes,
ähnlich dem Safte einer zertretenen, großen Schabe, aus dem
zerquetschten Leib sich auf die Zunge des Hundes ergoß ... Da erwachte
ich und erblickte den Fürsten, der soeben eingetreten war.«
»Meine Herren,« unterbrach sich Hippolyt, als schäme er sich, »ich habe
das Geschriebene nicht durchgelesen, es ist da viel Unnützes ... Dieser
Traum ...«
»Stimmt,« beeilte sich Ganjä zu bemerken.
»Ich gebe es zu, es ist zu viel Persönliches ...«
Als Hippolyt das sagte, hatte er ein müdes, erschöpftes Aussehen. Er
wischte sich mit dem Taschentuch den Schweiß von der Stirn.
»Tja, Sie interessieren sich schon zu sehr für sich,« lispelte Lebedeff.
»Ich, meine Herren, zwinge niemanden, zuzuhören, wer da will, kann sich
entfernen.«
»Er jagt uns fort ... aus einem fremden Hause,« brummte, kaum hörbar,
Rogoshin.
»Wie? Sollen wir denn alle plötzlich aufstehen? und uns entfernen?«
bemerkte ganz unerwartet Ferdyschtschenko, der bis jetzt nicht laut zu
sprechen gewagt hatte.
Hippolyt senkte die Augen und griff nach seinem Schriftstück, doch in
demselben Augenblick erhob er wieder seinen Kopf und sagte mit
blitzenden Augen und roten Flecken auf beiden Wangen, Ferdyschtschenko
scharf ansehend:
»Sie lieben mich wohl gar nicht!«
Lachen erscholl. Übrigens -- die Mehrzahl lachte nicht. Hippolyt
errötete über und über.
»Hippolyt,« sagte der Fürst, »legen Sie die Blätter zusammen und geben
Sie sie mir. Sie selbst legen sich bitte schlafen, hier in meinem
Zimmer. Wir können ja noch morgen miteinander davon reden, doch unter
der Bedingung, daß wir diese Blätter da nicht mehr anrühren. Wollen
Sie?«
»Wie ist denn das möglich?« fragte ihn Hippolyt mit strenger
Verwunderung. »Meine Herren,« rief er aus, sich wieder fieberhaft
belebend, »das war nichts als eine dumme Episode, mit der ich nicht
recht fertigzuwerden gewußt habe. Jetzt aber werde ich mich im Lesen
nicht mehr unterbrechen. Wer hören will, der höre ...«
Er trank noch schnell einen Schluck Wasser, stützte sich auf den Tisch,
wie um sich vor den Blicken der Anwesenden zu verbergen und setzte sein
Lesen hartnäckig fort. Seine Verlegenheit verlor sich übrigens bald ...
Er las weiter: »Die Idee, daß es sich gar nicht lohnte, noch einige
Wochen zu leben, überkam mich ungefähr vor einem Monat, damals, als man
mir gesagt hatte, daß ich jetzt nur noch vier Wochen leben könne. Doch
beherrschte sie mich erst vollständig, als ich vor drei Tagen, an jenem
Abend, aus Pawlowsk zurückkehrte. Zum absoluten Bewußtsein dieses
Gedankens kam ich hier auf der Terrasse des Fürsten, in demselben
Augenblick, als ich die letzte Probe aufs Leben machte, als ich Menschen
und Bäume sehen wollte. Ich regte mich furchtbar auf, stand für das
Recht Burdowskijs, >meines Nächsten<, ein und träumte davon, wie alle
mir plötzlich die Hände reichen, mich umarmen und mich wegen irgend
etwas um Verzeihung bitten würden, und wie -- wir es gegenseitig tun
würden; mit einem Wort, ich dachte und träumte recht wie ein Narr. In
diesen Stunden kam ich dann zu dieser >letzten Überzeugung<. Jetzt
wundere ich mich, wie ich die letzten sechs Monate ohne diese
>Überzeugung< überhaupt habe leben können! Ich wußte doch zu genau, daß
ich die Schwindsucht hatte und unheilbar war; ich belog mich nicht und
hatte die Tatsache durchaus begriffen. Je mehr ich sie jedoch begriff,
desto krampfhafter wollte ich leben. Ich klammerte mich an das Leben und
wollte leben, was es auch koste! Ich hatte alle Ursache, an meinem
schrecklichen, grauenvollen Schicksal zu verzweifeln, das mich wie eine
Fliege zerdrücken wollte, ohne daß ich wußte, warum? Doch warum
verzweifelte ich nicht? Warum wollte ich erst anfangen, zu leben, als
ich wußte, daß ich nicht mehr anfangen konnte? Warum versuchte ich es,
als nichts mehr zu versuchen war? Ich konnte keine Bücher mehr lesen,
ich hörte auf zu lesen: wozu noch was wissen, erfahren, auf sechs
Monate? Dieser Gedanke zwang mich jedesmal, die Bücher wieder
fortzuwerfen.
Ja, diese Meyersche Backsteinwand könnte viel erzählen! Viel habe ich
ihr anvertraut. Es gibt keinen Flecken an dieser schmutzigen Wand, den
ich nicht kenne. Diese verfluchte Wand! Und doch ist sie mir teurer als
alle Bäume von Pawlowsk, das heißt, sie müßte mir teurer sein, wenn mir
jetzt nicht alles ganz gleichgültig wäre!
Ich erinnere mich jetzt, mit welch gierigem Interesse ich anfing, _ihr_
Leben zu verfolgen: niemals hatte ich vordem ein solches Interesse
empfunden. Mit Ungeduld und mit Geschimpfe auf Koljä erwartete ich ihn,
als ich so erkrankte, daß ich mein Zimmer nicht mehr verlassen konnte.
Ich drang bis in alle Kleinigkeiten, interessierte mich für alle
Gerüchte, bis ich selbst, glaube ich, zu einer Klatschbase wurde. Ich
verstand zum Beispiel nicht, wie diese Menschen, die noch so großen
Vorrat Leben vor sich hatten, es nicht verstanden, Millionäre zu werden
(übrigens begreife ich das auch jetzt nicht). Ich hörte von einem Armen,
der Hungers gestorben sei, und ich erinnere mich noch, daß ich ganz
außer mir war: wenn dieser Arme wieder lebendig geworden wäre, ich
glaube, ich hätte ihn hinrichten lassen. Mir ging es dann wieder
tagelang besser und ich konnte auf die Straße gehen. Doch das Treiben
auf der Straße erbitterte mich dermaßen, daß ich mich wieder tagelang
auf mein Zimmer zurückzog, obgleich ich wie die anderen hätte ausgehen
können. Ich konnte diese hastenden, ewig bekümmerten, finsteren,
aufgeregten Menschen nicht ertragen, die neben mir auf dem Trottoir
herumliefen. Woher ihre ewige Unruhe, ihre ewige Sorge, ihr
unaufhörlicher Ärger! Weil sie böse, böse, böse sind. Wer ist schuld
daran, daß sie unglücklich sind und nicht zu leben verstehen, obgleich
sie noch sechzig Jahre vor sich haben? Warum hat Sarnizyn es dazu kommen
lassen, daß er vor Hunger sterben mußte, während er noch sechzig Jahre
hätte leben können? Und jeder zeigt auf seine Lumpen, auf seine
abgearbeiteten Hände, ärgert sich und schreit: >Wir arbeiten wie Ochsen
und mühen uns und sind doch arm und hungrig wie die Wölfe! Andere
arbeiten nicht und mühen sich nicht und sind reich!< Das alte Klagelied!
Iwan Fomitsch Ssurikoff, der in unserem Hause über uns lebte und ewig
mit durchlöcherten Ellenbogen und abgerissenen Knöpfen umherläuft, der
immer für andere Leute unterwegs und beständig auf den Beinen ist, Tag
und Nacht: Fragen Sie ihn doch, was er damit erreicht? Er ist arm und
krank, seine Frau starb, weil er ihr keine Medizin kaufen konnte, im
Winter erfror ihm ein Kind ... die älteste Tochter muß mitverdienen ...
ewig jammert er und weint er! Niemals, oh, niemals habe ich Mitleid mit
diesem Mann empfunden, nicht jetzt und nicht früher -- mit Stolz sage
ich das! Warum ist er kein Rothschild geworden? Wer ist denn schuld
daran, daß er nicht Millionen besitzt wie Rothschild, daß er nicht Berge
von Imperialen und Napoleondors aufhäufen kann, solche Berge, wie man
sie bei uns in der Butterwoche[24] auf dem Kirmeß aufbaut. Er lebt und
kann leben, folglich ist alles in seiner Macht! Wer ist schuld daran,
daß er dies nicht begreift?
Oh, jetzt ist mit das alles ganz gleichgültig, jetzt habe ich keinen
Grund, mich zu ärgern; aber damals, damals, ich wiederhole es, habe ich
buchstäblich in mein Kissen gebissen und vor Wahnsinn meine Decke
zerrissen. Oh, wie sehnte ich mich danach, wie wünschte ich, daß man
mich Achtzehnjährigen, kaum angezogen, plötzlich auf die Straße jagte
und mich allein ließe, ohne Wohnung, ohne Arbeit, ohne ein Stück Brot,
ohne Eltern, allein in dieser Riesenstadt, ohne einen bekannten
Menschen, hungrig, zerlumpt, zerschlagen (um so besser!), doch gesund,
gesund ... dann würde ich zeigen.«
»Was zeigen?«
»O glauben Sie wirklich, daß ich es nicht weiß, wie ich mich schon
sowieso mit meiner Erklärung erniedrige! Wer wird mich nicht für einen
dummen Jungen halten, der mit seinen achtzehn Jahren das Leben noch
nicht kennt. Doch er vergißt, daß so leben, wie ich diese sechs Monate
gelebt habe, gleichbedeutend ist mit leben -- bis zum Greisenalter! Möge
man doch lachen, möge man sagen, daß es Märchen sind, denn es ist wahr,
ich habe mir selbst Märchen vorerzählt, ganze Tage und Nächte lang, und
ich erinnere mich jetzt ihrer aller.
Soll ich sie mir denn jetzt wieder erzählen, jetzt, wo es Zeit ist, auch
die Märchen zu lassen? Und wozu noch? Ich vertrieb mir die Zeit mit
ihnen, damals, als ich einsah, daß es mir sogar versagt war, die
griechische Grammatik zu lernen, da ich, wie ich mir sagen mußte, >kaum
bis zur Syntax kommen würde, bevor ich stürbe<. Ich warf das Buch unter
den Tisch -- dort liegt es jetzt noch. Matrjona wollte es aufheben, ich
habe es ihr verboten.
Möge der, dem meine Erklärung in die Hände fällt, und der die Geduld
hat, sie durchzulesen, möge er mich für einen Wahnsinnigen oder, noch
schlimmer, für einen Gymnasiasten halten -- oder richtiger: für einen
zum Tode Verurteilten, dem es nur zu natürlich schien, daß alle
Menschen, nur er selbst ausgenommen, das Leben nicht zu schätzen wissen,
es leichtsinnig verschwenden, faul und gewissenlos sich seiner bedienen,
und daß alle, bis auf den letzten, es nicht verdienen! Doch ich erkläre,
daß der Leser sich irrt, wenn er glaubt, diese meine Überzeugung sei
abhängig von meinem Todesurteil. Fragen Sie, fragen Sie sie doch nur,
vom ersten bis zum letzten, worin ihrer Meinung nach das Glück besteht?
Oh, seien Sie überzeugt, daß Kolumbus nicht damals glücklich war, als er
Amerika entdeckt hatte, sondern als er es entdecken wollte; seien Sie
überzeugt, daß der Augenblick seines höchsten Glückes vielleicht damals
war, als drei Tage vor der Entdeckung der Neuen Welt seine Mannschaft
meuterte und in der Verzweiflung schon nach Europa zurückkehren wollte!
Nicht auf die Neue Welt kommt es hierbei an -- hol sie der Henker! Und
Kolumbus starb ja auch, fast ohne sie zu sehen, ja im Grunde genommen,
ohne zu wissen, was er entdeckt hatte. Sondern auf das Leben kommt es
an, einzig auf das Leben -- auf das Entdecken des Lebens, das
ununterbrochene und ewige Entdecken, und durchaus nicht auf das
Entdeckte selbst! Doch was rede ich! Ich fürchte, daß alles, was ich
soeben gesagt habe, allgemein bekannten Phrasen ähnlich ist, daß man
mich für einen Schüler der unteren Klassen halten wird, der seinen
Aufsatz über den >Sonnenaufgang< schreibt. Oder man wird sagen, daß ich
etwas habe sagen wollen, doch bei aller Anstrengung mich nicht habe ...
>auszudrücken< verstanden. Ich möchte indessen bemerken, daß von jeder
neuen und genialen menschlichen Idee, oder sogar von jedem ernsten
Gedanken, der in einem Menschenhirn entsteht, immer noch irgend so etwas
nachbleibt, was sich auf keine Weise andern Menschen mitteilen läßt,
selbst wenn man ganze Bände darüber schriebe und den Gedanken
fünfunddreißig Jahre lang auslegte. Dieses eine Unbestimmbare wird um
keinen Preis aus Ihrem Schädel hinausgehen wollen und wird ewig in Ihnen
verbleiben. Und damit sterben Sie zu guter Letzt und nehmen so
vielleicht gerade das Wichtigste von Ihrer ganzen Idee mit ins Grab. Und
wenn auch ich jetzt nicht alles das wiederzugeben verstanden habe, was
mich in diesen sechs Monaten gequält hat, so wird man jetzt doch
wenigstens einsehen, daß ich, indem ich diese meine >letzte Überzeugung<
erwarb, sie vielleicht zu teuer habe bezahlen müssen. Sehen Sie, das ist
es, was ich -- aus gewissen, nur mir bekannten Gründen -- in meiner
>Erklärung< sichtbar zu machen für notwendig hielt.