V.

Hippolyt, der gegen Ende des Lebedeffschen Vortrags auf dem Diwan

eingeschlafen war, erwachte plötzlich: ganz als ob ihn jemand in die

Seite gestoßen hätte, fuhr zusammen, erhob sich, sah sich um und

erbleichte. Mit einem Ausdruck des Schreckens ließ er seine Augen durchs

Zimmer schweifen und eine furchtbare Angst lag in seinen Gesichtszügen,

als er sich wieder zu besinnen schien.

»Wie, sie gehen fort? Ist alles aus? Alles schon zu Ende? Ist die Sonne

schon aufgegangen?« fragte er erregt, indem er die Hand des Fürsten

erfaßte. »Wieviel ist die Uhr, um Gottes willen, die Uhr? Ich habe mich

verschlafen. Habe ich lange geschlafen?« fügte er verzweifelt hinzu, als

hätte er etwas verschlafen, wovon sein ganzes Schicksal abhing.

»Sie haben im ganzen sieben oder acht Minuten geschlafen,« antwortete

Jewgenij Pawlowitsch.

Hippolyt sah ihn starr an und dachte einen Augenblick nach.

»Nur! Also habe ich nichts verloren ...«

Und er atmete auf, als ob eine unendlich schwere Last von ihm genommen

wäre. Er begriff endlich, daß »nichts verloren« war, daß die Sonne noch

nicht aufgegangen, daß die Gäste nur ihre Stühle verließen, um einen

Imbiß einzunehmen, und daß lediglich das Geschwätz Lebedeffs zu Ende

war. Er lächelte und ein schwindsüchtiges Rot in Gestalt zweier Flecke

erschien auf seinen Wangen.

»Sie haben also die Minuten gezählt, während ich schlief, Jewgenij

Pawlowitsch,« griff er spöttisch auf. »Sie haben sich den ganzen Abend

nicht von mir losreißen können, ich habe es gesehen ... Ah! Rogoshin!

Ich habe ihn soeben im Traume gesehen,« flüsterte er dem Fürsten zu und

sah stirnrunzelnd zu Rogoshin hinüber. »Ach, ja, wo ist denn der Redner

geblieben,« sprang er wieder auf etwas anderes über, »wo ist Lebedeff?

Lebedeff hat also seine Rede beendet? Wovon sprach er? Ist es wahr,

Fürst, daß Sie einmal gesagt haben, die Welt wird durch die Schönheit

erlöst werden? Meine Herren,« wandte er sich mit lauter Stimme an alle,

»der Fürst behauptet, daß Schönheit die Welt erlösen werde! Doch ich

behaupte, daß er nur deshalb so sonderbare Gedanken hat, weil er

verliebt ist. Meine Herren, der Fürst ist verliebt. Vorhin, als er

eintrat, habe ich mich davon überzeugt. Erröten Sie nicht, Fürst, sonst

muß ich Sie bedauern. Welche Schönheit wird die Welt erlösen? Mir hat es

Koljä gesagt ... Sie sind ein eifriger Christ? Koljä sagt, daß Sie sich

selbst einen Christen genannt haben.«

Der Fürst sah ihn durchdringend an und antwortete ihm nicht.

»Sie antworten mir nicht? Sie denken vielleicht, daß ich Sie sehr

liebe,« fügte plötzlich Hippolyt wie abgebrochen hinzu.

»Nein, das denke ich nicht. Ich weiß, daß Sie mich nicht lieben.«

»Wie, auch nicht nach dem gestrigen Vorfall? Gestern war ich doch

aufrichtig gegen Sie?«

»Ich wußte auch gestern, daß Sie mich nicht lieben.«

»Das heißt, weil ich Sie beneide, beneide? Sie dachten es schon immer

und denken es auch jetzt, doch ... doch warum sage ich Ihnen das? Ich

möchte noch Champagner trinken, schenken Sie mir ein, Keller.«

»Sie dürfen nicht mehr trinken, Hippolyt, ich gebe Ihnen keinen.«

Und der Fürst nahm ihm das Glas fort.

»Nun, meinetwegen ...« willigte Hippolyt sofort ein, wie in Gedanken

versunken. »Sie werden noch alle sagen ... doch, den Teufel auch! was

geht's mich an, was sie sagen werden! Nicht wahr, nicht wahr? Mögen sie

nachher sagen, was sie wollen, nicht, Fürst? Und was geht es uns alle

an, was _dann_ sein wird! ... Ich glaube, ich bin noch verschlafen. Was

für einen furchtbaren Traum ich hatte -- jetzt erst erinnere ich mich

... Ich wünsche Ihnen solche Träume nicht, Fürst, obgleich ich Sie

vielleicht wirklich nicht liebe. Übrigens, wenn man einen Menschen auch

nicht liebt, warum soll man ihm Schlechtes wünschen, nicht wahr? Doch

was frage ich Sie denn, immer frage ich Sie! Geben Sie mir Ihre Hand,

ich werde Sie Ihnen kräftig drücken, so ... Sie haben mir also gleich

Ihre Hand gegeben! Also müssen Sie wissen, daß ich sie aufrichtig

drücke? ... Übrigens, ich werde nicht mehr trinken. Wieviel ist die Uhr?

Nein, es ist nicht nötig, ich weiß, wieviel die Uhr ist. Es ist Zeit!

Die Stunde ist gekommen. Was, dort in der Ecke wird der Imbiß

eingenommen? Also wird dieser Tisch hier frei? Vorzüglich! Meine Herren,

ich ... doch alle diese Herren hören ja gar nicht ... ich bin bereit,

Ihnen etwas vorzulesen, Fürst; der Imbiß ist natürlich interessanter,

aber ...«

Und plötzlich zog er ganz unerwartet aus seiner Seitentasche ein großes

rotversiegeltes Paket hervor und legte es vor sich hin auf den Tisch.

Das Unerwartete der Sache brachte einen großen Effekt in der

Gesellschaft hervor. Auf so etwas war man gar nicht vorbereitet.

Jewgenij Pawlowitsch sprang sogar von seinem Stuhl auf. Ganjä kam

schnell an den Tisch heran. Rogoshin auch, doch mit geringschätziger,

ärgerlicher Miene, als ob er wüßte, um was es sich handelte. Lebedeff,

der in der Nähe beschäftigt war, kam auch herbei und betrachtete das

Paket mit neugierigen Augen, als wollte er erraten, wovon es handelte.

»Was haben Sie denn da?« fragte beunruhigt der Fürst.

»Sobald der äußerste Rand der Sonne am Horizont erscheint, werde ich zur

Ruhe gehen, Fürst, ich habe es gesagt; mein Ehrenwort: Sie werden es

sehen!« rief Hippolyt. »Doch ... doch ... glauben Sie wirklich, daß ich

nicht imstande sein werde, dieses Paket zu öffnen?« fügte er hinzu, als

forderte er sie alle heraus, und als wandte er sich ausnahmslos an alle.

Der Fürst bemerkte, daß er am ganzen Körper zitterte.

»Niemand von uns glaubt es,« antwortete der Fürst für alle, »und warum

glauben Sie, daß jemand von uns einen solchen Gedanken haben könne ...

aber was ... was für eine sonderbare Idee von Ihnen, uns vorlesen zu

wollen? Was ist Ihnen denn, Hippolyt?«

»Was fehlt ihm? Was ist wieder mit ihm passiert?« fragte man ringsum.

Alle kamen herbei, einige aßen noch, doch das Paket mit dem roten Siegel

zog alle wie ein Magnet an.

»Das habe ich gestern selbst geschrieben, gleich nachdem ich Ihnen das

Wort gegeben, daß ich zu Ihnen übersiedeln würde, Fürst. Ich habe

gestern den ganzen Tag daran geschrieben, die Nacht darauf, und beendet

habe ich es heute morgen -- in der Nacht gegen Morgen hatte ich einen

Traum ...«

»Würde es nicht besser sein, wenn Sie es morgen ...« unterbrach ihn

schüchtern der Fürst.

»Morgen >wird keine Zeit mehr sein<!« lachte Hippolyt hysterisch auf.

Ȇbrigens, beunruhigen Sie sich nicht, ich lese es in vierzig Minuten,

vielleicht -- in einer Stunde ... Und sehen Sie, wie sich alle dafür

interessieren, alle sind gekommen, alle sehen nach meinem Paket. Ich

glaube, wenn es nicht so versiegelt wäre, so hätte es gar keinen Effekt

gemacht! Ha--ha! Sehen Sie, was ein Geheimnis bedeutet! Soll ich es

öffnen, meine Herren, oder nicht?« rief er mit eigentümlichem Lächeln

und mit blitzenden Augen. »Ein Geheimnis! Ein Geheimnis! Doch entsinnen

Sie sich, Fürst, wer hat es gesagt, daß >keine Zeit mehr sein wird<? Das

verkündet der große und mächtige Engel in der Apokalypse.«

»Lassen Sie bitte das Lesen!« rief plötzlich Jewgenij Pawlowitsch, von

solcher Unruhe ergriffen, daß es vielen sonderbar erschien.

»Lesen Sie nicht!« rief auch der Fürst aus und legte die Hand aufs

Paket.

»Warum lesen? Jetzt essen wir,« bemerkte jemand.

»Einen Artikel? Aus der Zeitung, wie?« erkundigte sich ein anderer.

»Vielleicht ist es langweilig?« fügte ein dritter hinzu.

»Was ist denn eigentlich los?« erkundigten sich die übrigen.

Die erschrockene Bewegung des Fürsten machte auf Hippolyt einen starken

Eindruck.

»Also ... nicht lesen?« stammelte er mit einem verzerrten Lächeln auf

seinen blutleeren Lippen. »Nicht lesen?« wandte er sich an alle, an das

ganze Publikum und blickte jedem einzeln ins Gesicht. »Sie fürchten

sich?« wandte er sich wieder an den Fürsten.

»Weshalb?« fragte dieser ganz verwundert.

»Hat jemand ein Zwanzigkopekenstück?« Hippolyt sprang plötzlich vom

Stuhle auf, als hätte er einen Stoß bekommen, »oder irgendeine Münze?«

»Hier!« Lebedeff reichte ihm sofort eine. Ihm kam der Gedanke, daß der

kranke Hippolyt den Verstand verloren habe.

»Wjera Lukjanowna!« wandte sich Hippolyt hastig an das junge Mädchen,

»nehmen Sie, werfen Sie es auf den Tisch: Adler oder Aufschrift? Adler

-- heißt lesen!«

Wjera sah erschrocken auf die Münze, auf Hippolyt und auf ihren Vater.

Darauf warf sie das Geldstück auf den Tisch mit der Überzeugung, daß sie

es gar nicht zu sehen brauchte. Der Adler lag oben.

»Lesen!« flüsterte Hippolyt, als hätte wirklich das Schicksal

gesprochen. Er hätte nicht stärker erblassen können, selbst wenn ihm das

Todesurteil vorgelesen worden wäre. »Übrigens,« fuhr er auf, nach einer

halben Minute Schweigen. »Was soll das? Habe ich nicht soeben mein Los

geworfen?« wandte er sich von neuem an seine Umgebung, mit derselben

fragenden Aufrichtigkeit. »Das ist ja wirklich ein sonderbarer, ein

psychologischer Zug!« rief er plötzlich und wandte sich mit aufrichtiger

Verwunderung diesmal wieder an den Fürsten. »Das ist ... das ist ja ein

ganz unfaßbares Moment, Fürst!« bestätigte er sich den Gedanken selbst,

und als käme er jetzt wieder ganz zu sich. »Das schreiben Sie sich auf,

Fürst, denken Sie daran, Sie sammeln doch Material bezüglich der

Todesstrafe ... man sagte es mir, ha, ha! O mein Gott, welch eine

sinnlose Dummheit!« Er fiel auf den Diwan zurück, stützte seine beiden

Ellenbogen auf den Tisch und legte seinen Kopf in beide Hände. »Das ist

ja geradezu schandbar! ... Zum Teufel, was geht es mich an, wenn es

schandbar ist!« er erhob sofort wieder seinen Kopf. »Meine Herren! meine

Herren, ich öffne jetzt das Paket!« entschied er mit plötzlicher

Entschlossenheit. »Ich ... ich zwinge übrigens niemanden, zuzuhören!

...«

Mit vor Erregung zitternden Händen entsiegelte er das Paket, zog einige

engbeschriebene Blätter Postpapier aus ihm heraus, legte sie vor sich

hin und glättete sie.

»Was soll das? Was ist denn los? Was will er lesen?« murmelten einige.

Andere schwiegen.

Doch alle setzten sich und sahen ihm mit Neugierde zu. Vielleicht

erwarteten sie wirklich etwas Außergewöhnliches. Wjera klammerte sich an

den Stuhl ihres Vaters und hätte vor Angst beinahe zu weinen angefangen.

Fast ebenso erschrocken war Koljä. Lebedeff, der sich soeben hingesetzt,

erhob sich wieder, ergriff einen Leuchter und stellte ihn vor Hippolyt

hin, damit er es heller zum Lesen hätte.

»Meine Herren, das ... das werden Sie gleich sehen, was das bedeutet,«

bemerkte Hippolyt aus irgendeinem Grunde und fing zu lesen an: »Eine

notwendige Erklärung! Motto: _Après moi le déluge_{[28]} ... Pfui, zum

Teufel!« fuhr er plötzlich auf, als hätte er sich verbrannt. »Wie konnte

ich denn im Ernst ein so dummes Motto wählen? ... Hören Sie, meine

Herren! ... ich versichere Sie, es sind vielleicht zum Schluß nichts als

Albernheiten! Nur einige meiner Ideen sind darin ... Wenn Sie vielleicht

glauben, daß es ... irgend etwas Geheimnisvolles oder ... Verbotenes ist

... mit einem Wort ...«

»Wenn Sie doch ohne Vorreden lesen wollten,« unterbrach ihn Ganjä.

»Er dreht und windet sich!« fügte jemand hinzu.

»Viel zu viel Gerede!« äußerte sich plötzlich Rogoshin, der die ganze

Zeit über geschwiegen hatte.

Hippolyt wandte sich zu ihm, und als ihre Blicke sich trafen, lächelte

Rogoshin bitter und sprach langsam die sonderbaren Worte:

»Nicht so muß man die Sache anfassen, junger Mann, nicht so ...«

Was Rogoshin damit sagen wollte, begriff natürlich niemand, doch seine

Worte machten trotzdem einen sonderbaren Eindruck auf alle. In einem

jeden berührten sie eine ihnen allen gemeinsame Ahnung. Auf Hippolyt

selbst machten die Worte einen geradezu schrecklichen Eindruck: er

wankte so stark, daß der Fürst seine Hand nach ihm ausstreckte, um ihn

zu halten, und er hätte aufgeschrien, wenn ihm nicht plötzlich die

Stimme abgebrochen wäre. Eine ganze Minute konnte er kein Wort

hervorbringen, er atmete schwer und sah unverwandt Rogoshin an. Endlich

atmete er tief auf und sagte mit großer Anstrengung:

»Also das waren Sie ... Sie waren es ... Sie?«

»Wer war? Wo war?« fragte sehr erstaunt Rogoshin.

Doch Hippolyt schrie plötzlich wie besessen auf:

»Sie waren bei mir in der vergangenen Woche, in der Nacht, um zwei Uhr,

an dem Tage, als ich morgens zu Ihnen kam, Sie!!! Geben Sie es zu, Sie?«

»Vergangene Woche, in der Nacht? Du schliefst wohl und bist jetzt von

Sinnen, junger Mann?«

Der junge Mann schwieg wieder eine Minute lang, legte seinen Finger an

die Stirn und dachte nach, und in seinem bleichen, vor Furcht verzerrtem

Lächeln tauchte etwas Schlaues, Triumphierendes auf.

»Das waren Sie!« wiederholte er kaum hörbar, doch mit fester

Überzeugung. »Sie kamen zu mir und saßen schweigend bei mir auf dem

Stuhl, am Fenster, eine ganze Stunde und noch länger; um ein oder zwei

Uhr nachts; Sie standen dann auf und gingen um drei Uhr fort ... Das

waren Sie, Sie! Warum haben Sie mich erschreckt, Sie kamen, um mich zu

quälen, -- ich verstehe es nicht, doch das waren Sie!«

Und in seinen Augen blitzte ein grenzenloser Haß auf, obgleich noch

Angst und Schrecken in ihnen lagen.

»Sie werden sofort, meine Herren, alles erfahren, ich ... ich ... hören

Sie ...«

Er griff wieder, sich jetzt schrecklich beeilend, nach seinen Blättern,

sie waren durcheinander gekommen, er suchte sie wieder zusammen; sie

zitterten in seinen schwachen Händen, er konnte lange nicht mit ihnen in

Ordnung kommen.

»Er ist wahnsinnig, oder er phantasiert!« murmelte kaum hörbar Rogoshin.

Endlich begann er doch vorzulesen. Zu Anfang, in den ersten fünf Minuten

rang der Autor der Abhandlung nach Atem und las ungleich und

abgebrochen; doch wurde seine Stimme immer fester und gleichmäßiger, so

daß er die niedergeschriebenen Gedanken vollkommen ausdrücken konnte.

Hin und wieder unterbrach ihn nur ein heftiger Husten und in der Mitte

der Vorlesung wurde er vollständig heiser. Er belebte sich aber während

des Lesens immer mehr und mehr und war zum Schluß so mitgerissen, daß er

einen schmerzlichen, krampfhaften Eindruck bei den Zuhörern hervorrief.

Hier folgt die »Abhandlung« in ihrem ganzen Umfange:

»Meine notwendige Erklärung.«

»_Après moi le déluge!_«{[28]}

»Gestern früh war der Fürst bei mir; unter anderem beredete er mich, zu

ihm auf die Datsche zu ziehen. Ich wußte es und war überzeugt, daß er

darauf bestehen würde, mit der Begründung, daß für mich >unter Menschen

und Bäumen leichter zu sterben wäre<, wie er sich ausdrückt. Doch heute

sagte er nicht _sterben_, sondern er sagte >leichter zu leben<, was für

mich und in meiner Lage ungefähr dasselbe ist. Ich fragte ihn, was er

denn mit seinen >Bäumen< eigentlich wolle und warum er immer von den

>Bäumen< erzähle, -- und da hörte ich denn zu meinem nicht geringen

Erstaunen, daß ich selbst an dem Abend in Pawlowsk geäußert hätte, ich

sei gekommen, um zum letzten Mal Bäume zu sehen. Als ich darauf die

Bemerkung machte, daß es doch ganz gleichgültig wäre, ob ich unter

Bäumen sterbe oder hier durch das Fenster auf meine Backsteinmauer sehe,

und daß es sich wegen dieser zwei Wochen nicht weiter lohne, gab er mir

das sofort zu. Doch würde das frische Grün und die reine Luft auf mich

physisch sehr gut wirken, meinte er, ich würde ruhiger werden und

schwere Träume würden mich nicht mehr quälen. Ich bemerkte ihm wieder

lachend, daß er ein Materialist sei. Da er niemals spottet, so mußten

seine Worte etwas bedeuten. Sein Lächeln war so gütig, ich betrachtete

ihn jetzt aufmerksamer. Ich weiß nicht, ob ich ihn liebe, doch darüber

nachzudenken, habe ich jetzt keine Zeit mehr. Mein fünfmonatlicher Haß

auf ihn, ich muß es gestehen, hatte sich im letzten Monat vollständig

beruhigt. Wer kann's wissen, vielleicht fuhr ich nur nach Pawlowsk, um

hauptsächlich ihn zu sehen. Doch ... warum hatte ich nur damals mein

Zimmer verlassen?! Ein zum Tode Verurteilter muß seinen Winkel nicht

verlassen; und wenn ich mich jetzt nicht endgültig zu etwas entschlossen

hätte, statt auf meine letzte Stunde zu warten, so hätte ich freilich

mein Zimmer niemals verlassen und wäre nicht hierher übergesiedelt, um

zu sterben. Ich muß mich beeilen, um mit dieser ganzen >Erklärung< bis

morgen fertig zu werden. Wahrscheinlich werde ich keine Zeit haben, sie

durchzulesen und zu korrigieren. Ich werde sie morgen dem Fürsten und

zwei bis drei Personen, die ich dort anzutreffen gedenke, vorlesen. Da

ich keine einzige Lüge schreiben werde, sondern nur die Wahrheit, die

letzte, feierliche Wahrheit, so bin ich neugierig, welchen Eindruck

dieses Schriftstück in der Stunde und Minute, da ich es vorlesen werde,

auf mich selbst machen wird? Übrigens habe ich unnütz die Worte >letzte

und feierliche Wahrheit< geschrieben. Wegen zweier Wochen lohnt es sich

sowieso nicht, zu lügen, weil es sich auch zwei Wochen zu leben nicht

lohnt; der Beweis dafür ist ja, daß ich nur die Wahrheit schreibe. (NB.

Vergesse ich nicht am Ende meine Gedanken? Bin ich nicht vielleicht

wahnsinnig in dieser Minute, d. h. minutenlang wahnsinnig? Man hat es

mir bestätigt, daß Schwindsüchtige im letzten Stadium ihrer Krankheit

zeitweise den Verstand verlieren. Ich werde mich morgen davon beim

Eindruck auf die Zuhörer überzeugen. Dieser Frage muß mit der größten

Genauigkeit nachgespürt werden, sonst kann man zu keiner Überzeugung

kommen.)

Mir scheint es, daß ich soeben eine furchtbare Dummheit geschrieben

habe, doch sie zu verbessern, habe ich keine Zeit, außerdem habe ich mir

das Wort gegeben, in diesem Handschreiben keine einzige Zeile zu

verbessern, selbst wenn ich bemerken sollte, daß ich mir auf jeder

fünften Zeile widerspreche. Ich möchte mich ja gerade morgen beim Lesen

von dem richtigen logischen Fluß meiner Gedanken überzeugen; und ob ich

meine Fehler bemerke und ob es möglich ist, daß alles, was ich in diesen

sechs Monaten in diesem Zimmer gedacht habe, nur Fieberphantasien sind?

Wenn ich vor zwei Monaten, wie jetzt, mein Zimmer hätte verlassen und

von der Meyerschen Wand mich verabschieden müssen, so, ich muß es

gestehen, so wäre es mir sehr schwer gefallen. Jetzt empfinde ich nichts

mehr, und verlasse doch dieses Zimmer und diese Wand auf ewig! Also muß

meine Überzeugung, daß es sich für zwei Wochen nicht mehr lohnt, diese

Gefühle aufkommen zu lassen, meine ganze Natur beherrschen. Verhält es

sich nun wirklich so? Ist meine Natur wirklich vollständig besiegt? Wenn

man mich jetzt auf die Folter spannte, so würde ich doch sicher

schreien, und würde nicht sagen, daß es sich nicht lohnte, zu schreien

oder Schmerz zu empfinden, nur weil zwei Wochen schon nichts mehr

bedeuten.

Sind es denn wirklich nur vierzehn Tage, die mir zum Leben verblieben

sind, und nicht mehr? Damals in Pawlowsk hatte ich gelogen: B--n hatte

mir nichts gesagt und hat mich überhaupt nicht gesehen. Doch vor acht

Tagen besuchte mich ein Student Kißlorodoff; nach seiner Überzeugung ist

er Materialist, Atheist und Nihilist, und das war es, warum ich ihn

rufen ließ. Ich hatte einen Menschen nötig, der mir endlich die nackte

Wahrheit sagen konnte, ohne alle Rücksichten und Umstände. Das tat er

denn auch, und nicht nur aus Gefälligkeit und ohne Umstände, sondern mit

sichtlichem Vergnügen (was ich meinerseits schon überflüssig fand). Er

sagte mir auch gerade ins Gesicht, daß ich noch ungefähr einen Monat

leben könnte; vielleicht auch etwas länger, wenn die Umstände günstig

seien, doch vielleicht auch noch nicht einmal so lange. Seiner Meinung

nach könnte ich auch ganz plötzlich sterben, zum Beispiel morgen; solche

Fälle habe es oft gegeben und erst vorgestern sei eine junge Frau in

Kolomna, deren Zustand dem meinen ganz gleich gewesen, gestorben. Sie

habe auf den Markt gehen wollen, plötzlich sich schlecht gefühlt, habe

sich auf den Diwan gelegt, einmal noch geatmet und -- sei gestorben.

Alle diese Mitteilungen machte mir Kißlorodoff mit einer gewissen

schneidigen Gefühlslosigkeit, als hätte er mir damit eine Ehre angetan

und als hielte er mich für ein ebenso höheres, alles verneinendes

Geschöpf, wie er es selbst zu sein glaubte, und den zu sterben

selbstverständlich nichts kostete. Ich hatte also jetzt wirklich die

Gewißheit: noch einen Monat und nicht länger zu leben! Daß er sich nicht

geirrt hat, davon bin ich fest überzeugt.

Sehr erstaunt war ich darüber, daß der Fürst vorhin bemerkte, daß mich

>schlechte Träume< quälen; er sagte buchstäblich, in Pawlowsk würden

>meine Erregung und meine Träume< nachlassen. Wie kommt er darauf? Ist

er Mediziner oder hat er wirklich einen außergewöhnlichen Verstand und

kann vieles erraten? (Daß er am Ende doch ein >Idiot< ist, darüber

besteht kein Zweifel.) Gerade vor seinem Erscheinen hatte ich einen

jener reizenden Träume, wie sie mich, übrigens, jetzt zu Tausenden

heimsuchen. Ich schlief ein -- ich denke, eine Stunde vor seiner

Ankunft, und befand mich in einem Zimmer, das größer und höher war, als

das meinige, besser möbliert und auch heller. In ihm stand ein Schrank,

eine Kommode, ein Diwan und mein Bett, nur größer und breiter und

bedeckt mit einer grünseidenen Steppdecke. Doch bemerkte ich in diesem

Zimmer ein schreckliches Tier, eine Art Skorpion und doch kein Skorpion,

sondern viel widerwärtiger und schrecklicher, unheimlicher. Es war,

glaube ich, um so ekelhafter, weil es solche Tiere in der Natur nicht

gibt und weil es _gerade_ zu _mir_ gekommen war, mit einer

geheimnisvollen Absicht, als enthielte es selbst ein furchtbares

Geheimnis. Ich habe es sehr genau betrachtet: es war ein braunes,

kriechendes, amphibienartiges Krustentier, etwa vier Zoll lang, am Kopfe

vielleicht zwei Finger breit, zum Schwanze hin verdünnte es sich immer

mehr, so daß die äußerste Spitze desselben nicht dicker als ein Zehntel

Zoll war. Einen Zoll tiefer unter dem Kopf, traten in einem Winkel von

etwa fünfundvierzig Grad zwei Pfoten aus dem Rumpfe hervor, jede

ungefähr zwei Zoll lang, so daß das Tier von oben gesehen die Form eines

Dreizackes hatte. Den Kopf konnte ich nicht sehen, doch sah ich zwei

Fühler, nicht sehr lang, wie zwei große Nadeln, von rotbrauner Farbe.

Solche zwei Fühler hatte es auch am Ende des Schwanzes und am Ende jeder

Pfote, im ganzen also acht Fühler. Das Tier lief wahnsinnig schnell über

das ganze Zimmer und stützte sich dabei auf Pfoten und Schwanz, und wenn

es lief, so dehnte sich der ganze Körper und der Schwanz in ringelnden

Bewegungen, wie bei einer Schlange, ungeachtet seiner Kruste, was ein

widerwärtiger Anblick war. Ich hatte furchtbare Angst, daß es mich

stechen würde, man hatte mir gesagt, es wäre giftig, doch quälte ich

mich am meisten darüber, was man mir damit antun wolle, warum man es mir

ins Zimmer gesetzt und worin sein Geheimnis bestand? Es kroch unter die

Kommode, unter den Schrank, in alle Ecken. Ich saß auf dem Stuhl und

hatte die Füße hochgezogen. Es lief schnell über das ganze Zimmer und

verschwand plötzlich unter meinem Stuhl. Angstvoll suchte ich es mit

meinen Augen, die Füße hatte ich, wie gesagt, hochgezogen und ich hoffte

im stillen, daß es nicht an dem Stuhl hinaufklettern würde. Plötzlich

hörte ich hinter mir fast an meinem Kopfe ein knisterndes Geräusch: ich

blicke mich um und sehe, daß das Reptil an der Wand emporkriecht in

gleicher Höhe mit meinem Kopfe. Mit seinem Schwanze, den es mit großer

Schnelligkeit wand und drehte, berührte es schon mein Haar. Ich sprang

vom Stuhl und -- auch das Tier verschwand. Ich fürchtete mich, mich aufs

Bett zu legen, da es vielleicht unter das Kissen gekrochen. Ins Zimmer

traten meine Mutter und irgendein Bekannter von ihr. Sie versuchten, das

Scheusal zu fangen, waren viel ruhiger als ich, und fürchteten sich

nicht einmal. Doch verstanden sie nichts davon. Plötzlich kroch das Tier

wieder hervor, diesmal sehr langsam, als hätte es eine besondere

Absicht, sich langsam über das Zimmer zur Tür hin dehnend, was noch

widerwärtiger war. Da öffnete meine Mutter die Tür und rief Norma,

unseren Hund, einen großen, schwarzen, zottigen Neufundländer -- er

starb vor fünf Jahren. Norma stürzte ins Zimmer und blieb wie

angewurzelt vor dem Reptil stehen, das gleichfalls im Laufe einhielt,

doch sich weiter wand und mit Schwanz und Pfoten auf den Boden schlug.

Tiere empfinden keinen mystischen Schrecken, wenn ich mich nicht irre;

in dieser Minute jedoch schien es mir, daß auch Norma diesen

außergewöhnlichen, diesen fast mystischen Schrecken empfand, ganz als ob

er, wie ich, geahnt hätte, daß in diesem Tier etwas Verhängnisvolles,

etwas Geheimnisvolles enthalten war. Norma zog sich langsam vor dem

Reptil zurück, das nun seinerseits vorsichtig auf ihn loskam. Plötzlich

wollte das Reptil sich auf ihn werfen und ihn beißen. Trotz seiner Angst

und trotzdem er an allen Gliedern zitterte, wich der Hund nicht zurück:

er fletschte seine großen weißen Zähne, öffnete seinen großen roten

Rachen, legte sich sprungbereit und entschloß sich dann mit einem Mal,

das Reptil mit seinen Zähnen zu packen. Das Reptil wand sich und

zappelte so heftig, daß es loskam, und Norma mußte es noch einmal im

Falle packen. Zweimal nacheinander tat er es und schnappte nach ihm. Die

Kruste knackte unter seinen Zähnen, Schwanz und Pfoten des Reptils

zappelten mit wahnsinniger Schnelligkeit. Plötzlich heulte Norma

kläglich auf. Das Scheusal hatte ihn doch in die Zunge gestochen. Der

Hund winselte und schrie vor Schmerz und ich sah, wie das zerbissene

Reptil ihm quer im Rachen lag und wie eine große Menge weißen Saftes,

ähnlich dem Safte einer zertretenen, großen Schabe, aus dem

zerquetschten Leib sich auf die Zunge des Hundes ergoß ... Da erwachte

ich und erblickte den Fürsten, der soeben eingetreten war.«

»Meine Herren,« unterbrach sich Hippolyt, als schäme er sich, »ich habe

das Geschriebene nicht durchgelesen, es ist da viel Unnützes ... Dieser

Traum ...«

»Stimmt,« beeilte sich Ganjä zu bemerken.

»Ich gebe es zu, es ist zu viel Persönliches ...«

Als Hippolyt das sagte, hatte er ein müdes, erschöpftes Aussehen. Er

wischte sich mit dem Taschentuch den Schweiß von der Stirn.

»Tja, Sie interessieren sich schon zu sehr für sich,« lispelte Lebedeff.

»Ich, meine Herren, zwinge niemanden, zuzuhören, wer da will, kann sich

entfernen.«

»Er jagt uns fort ... aus einem fremden Hause,« brummte, kaum hörbar,

Rogoshin.

»Wie? Sollen wir denn alle plötzlich aufstehen? und uns entfernen?«

bemerkte ganz unerwartet Ferdyschtschenko, der bis jetzt nicht laut zu

sprechen gewagt hatte.

Hippolyt senkte die Augen und griff nach seinem Schriftstück, doch in

demselben Augenblick erhob er wieder seinen Kopf und sagte mit

blitzenden Augen und roten Flecken auf beiden Wangen, Ferdyschtschenko

scharf ansehend:

»Sie lieben mich wohl gar nicht!«

Lachen erscholl. Übrigens -- die Mehrzahl lachte nicht. Hippolyt

errötete über und über.

»Hippolyt,« sagte der Fürst, »legen Sie die Blätter zusammen und geben

Sie sie mir. Sie selbst legen sich bitte schlafen, hier in meinem

Zimmer. Wir können ja noch morgen miteinander davon reden, doch unter

der Bedingung, daß wir diese Blätter da nicht mehr anrühren. Wollen

Sie?«

»Wie ist denn das möglich?« fragte ihn Hippolyt mit strenger

Verwunderung. »Meine Herren,« rief er aus, sich wieder fieberhaft

belebend, »das war nichts als eine dumme Episode, mit der ich nicht

recht fertigzuwerden gewußt habe. Jetzt aber werde ich mich im Lesen

nicht mehr unterbrechen. Wer hören will, der höre ...«

Er trank noch schnell einen Schluck Wasser, stützte sich auf den Tisch,

wie um sich vor den Blicken der Anwesenden zu verbergen und setzte sein

Lesen hartnäckig fort. Seine Verlegenheit verlor sich übrigens bald ...

Er las weiter: »Die Idee, daß es sich gar nicht lohnte, noch einige

Wochen zu leben, überkam mich ungefähr vor einem Monat, damals, als man

mir gesagt hatte, daß ich jetzt nur noch vier Wochen leben könne. Doch

beherrschte sie mich erst vollständig, als ich vor drei Tagen, an jenem

Abend, aus Pawlowsk zurückkehrte. Zum absoluten Bewußtsein dieses

Gedankens kam ich hier auf der Terrasse des Fürsten, in demselben

Augenblick, als ich die letzte Probe aufs Leben machte, als ich Menschen

und Bäume sehen wollte. Ich regte mich furchtbar auf, stand für das

Recht Burdowskijs, >meines Nächsten<, ein und träumte davon, wie alle

mir plötzlich die Hände reichen, mich umarmen und mich wegen irgend

etwas um Verzeihung bitten würden, und wie -- wir es gegenseitig tun

würden; mit einem Wort, ich dachte und träumte recht wie ein Narr. In

diesen Stunden kam ich dann zu dieser >letzten Überzeugung<. Jetzt

wundere ich mich, wie ich die letzten sechs Monate ohne diese

>Überzeugung< überhaupt habe leben können! Ich wußte doch zu genau, daß

ich die Schwindsucht hatte und unheilbar war; ich belog mich nicht und

hatte die Tatsache durchaus begriffen. Je mehr ich sie jedoch begriff,

desto krampfhafter wollte ich leben. Ich klammerte mich an das Leben und

wollte leben, was es auch koste! Ich hatte alle Ursache, an meinem

schrecklichen, grauenvollen Schicksal zu verzweifeln, das mich wie eine

Fliege zerdrücken wollte, ohne daß ich wußte, warum? Doch warum

verzweifelte ich nicht? Warum wollte ich erst anfangen, zu leben, als

ich wußte, daß ich nicht mehr anfangen konnte? Warum versuchte ich es,

als nichts mehr zu versuchen war? Ich konnte keine Bücher mehr lesen,

ich hörte auf zu lesen: wozu noch was wissen, erfahren, auf sechs

Monate? Dieser Gedanke zwang mich jedesmal, die Bücher wieder

fortzuwerfen.

Ja, diese Meyersche Backsteinwand könnte viel erzählen! Viel habe ich

ihr anvertraut. Es gibt keinen Flecken an dieser schmutzigen Wand, den

ich nicht kenne. Diese verfluchte Wand! Und doch ist sie mir teurer als

alle Bäume von Pawlowsk, das heißt, sie müßte mir teurer sein, wenn mir

jetzt nicht alles ganz gleichgültig wäre!

Ich erinnere mich jetzt, mit welch gierigem Interesse ich anfing, _ihr_

Leben zu verfolgen: niemals hatte ich vordem ein solches Interesse

empfunden. Mit Ungeduld und mit Geschimpfe auf Koljä erwartete ich ihn,

als ich so erkrankte, daß ich mein Zimmer nicht mehr verlassen konnte.

Ich drang bis in alle Kleinigkeiten, interessierte mich für alle

Gerüchte, bis ich selbst, glaube ich, zu einer Klatschbase wurde. Ich

verstand zum Beispiel nicht, wie diese Menschen, die noch so großen

Vorrat Leben vor sich hatten, es nicht verstanden, Millionäre zu werden

(übrigens begreife ich das auch jetzt nicht). Ich hörte von einem Armen,

der Hungers gestorben sei, und ich erinnere mich noch, daß ich ganz

außer mir war: wenn dieser Arme wieder lebendig geworden wäre, ich

glaube, ich hätte ihn hinrichten lassen. Mir ging es dann wieder

tagelang besser und ich konnte auf die Straße gehen. Doch das Treiben

auf der Straße erbitterte mich dermaßen, daß ich mich wieder tagelang

auf mein Zimmer zurückzog, obgleich ich wie die anderen hätte ausgehen

können. Ich konnte diese hastenden, ewig bekümmerten, finsteren,

aufgeregten Menschen nicht ertragen, die neben mir auf dem Trottoir

herumliefen. Woher ihre ewige Unruhe, ihre ewige Sorge, ihr

unaufhörlicher Ärger! Weil sie böse, böse, böse sind. Wer ist schuld

daran, daß sie unglücklich sind und nicht zu leben verstehen, obgleich

sie noch sechzig Jahre vor sich haben? Warum hat Sarnizyn es dazu kommen

lassen, daß er vor Hunger sterben mußte, während er noch sechzig Jahre

hätte leben können? Und jeder zeigt auf seine Lumpen, auf seine

abgearbeiteten Hände, ärgert sich und schreit: >Wir arbeiten wie Ochsen

und mühen uns und sind doch arm und hungrig wie die Wölfe! Andere

arbeiten nicht und mühen sich nicht und sind reich!< Das alte Klagelied!

Iwan Fomitsch Ssurikoff, der in unserem Hause über uns lebte und ewig

mit durchlöcherten Ellenbogen und abgerissenen Knöpfen umherläuft, der

immer für andere Leute unterwegs und beständig auf den Beinen ist, Tag

und Nacht: Fragen Sie ihn doch, was er damit erreicht? Er ist arm und

krank, seine Frau starb, weil er ihr keine Medizin kaufen konnte, im

Winter erfror ihm ein Kind ... die älteste Tochter muß mitverdienen ...

ewig jammert er und weint er! Niemals, oh, niemals habe ich Mitleid mit

diesem Mann empfunden, nicht jetzt und nicht früher -- mit Stolz sage

ich das! Warum ist er kein Rothschild geworden? Wer ist denn schuld

daran, daß er nicht Millionen besitzt wie Rothschild, daß er nicht Berge

von Imperialen und Napoleondors aufhäufen kann, solche Berge, wie man

sie bei uns in der Butterwoche[24] auf dem Kirmeß aufbaut. Er lebt und

kann leben, folglich ist alles in seiner Macht! Wer ist schuld daran,

daß er dies nicht begreift?

Oh, jetzt ist mit das alles ganz gleichgültig, jetzt habe ich keinen

Grund, mich zu ärgern; aber damals, damals, ich wiederhole es, habe ich

buchstäblich in mein Kissen gebissen und vor Wahnsinn meine Decke

zerrissen. Oh, wie sehnte ich mich danach, wie wünschte ich, daß man

mich Achtzehnjährigen, kaum angezogen, plötzlich auf die Straße jagte

und mich allein ließe, ohne Wohnung, ohne Arbeit, ohne ein Stück Brot,

ohne Eltern, allein in dieser Riesenstadt, ohne einen bekannten

Menschen, hungrig, zerlumpt, zerschlagen (um so besser!), doch gesund,

gesund ... dann würde ich zeigen.«

»Was zeigen?«

»O glauben Sie wirklich, daß ich es nicht weiß, wie ich mich schon

sowieso mit meiner Erklärung erniedrige! Wer wird mich nicht für einen

dummen Jungen halten, der mit seinen achtzehn Jahren das Leben noch

nicht kennt. Doch er vergißt, daß so leben, wie ich diese sechs Monate

gelebt habe, gleichbedeutend ist mit leben -- bis zum Greisenalter! Möge

man doch lachen, möge man sagen, daß es Märchen sind, denn es ist wahr,

ich habe mir selbst Märchen vorerzählt, ganze Tage und Nächte lang, und

ich erinnere mich jetzt ihrer aller.

Soll ich sie mir denn jetzt wieder erzählen, jetzt, wo es Zeit ist, auch

die Märchen zu lassen? Und wozu noch? Ich vertrieb mir die Zeit mit

ihnen, damals, als ich einsah, daß es mir sogar versagt war, die

griechische Grammatik zu lernen, da ich, wie ich mir sagen mußte, >kaum

bis zur Syntax kommen würde, bevor ich stürbe<. Ich warf das Buch unter

den Tisch -- dort liegt es jetzt noch. Matrjona wollte es aufheben, ich

habe es ihr verboten.

Möge der, dem meine Erklärung in die Hände fällt, und der die Geduld

hat, sie durchzulesen, möge er mich für einen Wahnsinnigen oder, noch

schlimmer, für einen Gymnasiasten halten -- oder richtiger: für einen

zum Tode Verurteilten, dem es nur zu natürlich schien, daß alle

Menschen, nur er selbst ausgenommen, das Leben nicht zu schätzen wissen,

es leichtsinnig verschwenden, faul und gewissenlos sich seiner bedienen,

und daß alle, bis auf den letzten, es nicht verdienen! Doch ich erkläre,

daß der Leser sich irrt, wenn er glaubt, diese meine Überzeugung sei

abhängig von meinem Todesurteil. Fragen Sie, fragen Sie sie doch nur,

vom ersten bis zum letzten, worin ihrer Meinung nach das Glück besteht?

Oh, seien Sie überzeugt, daß Kolumbus nicht damals glücklich war, als er

Amerika entdeckt hatte, sondern als er es entdecken wollte; seien Sie

überzeugt, daß der Augenblick seines höchsten Glückes vielleicht damals

war, als drei Tage vor der Entdeckung der Neuen Welt seine Mannschaft

meuterte und in der Verzweiflung schon nach Europa zurückkehren wollte!

Nicht auf die Neue Welt kommt es hierbei an -- hol sie der Henker! Und

Kolumbus starb ja auch, fast ohne sie zu sehen, ja im Grunde genommen,

ohne zu wissen, was er entdeckt hatte. Sondern auf das Leben kommt es

an, einzig auf das Leben -- auf das Entdecken des Lebens, das

ununterbrochene und ewige Entdecken, und durchaus nicht auf das

Entdeckte selbst! Doch was rede ich! Ich fürchte, daß alles, was ich

soeben gesagt habe, allgemein bekannten Phrasen ähnlich ist, daß man

mich für einen Schüler der unteren Klassen halten wird, der seinen

Aufsatz über den >Sonnenaufgang< schreibt. Oder man wird sagen, daß ich

etwas habe sagen wollen, doch bei aller Anstrengung mich nicht habe ...

>auszudrücken< verstanden. Ich möchte indessen bemerken, daß von jeder

neuen und genialen menschlichen Idee, oder sogar von jedem ernsten

Gedanken, der in einem Menschenhirn entsteht, immer noch irgend so etwas

nachbleibt, was sich auf keine Weise andern Menschen mitteilen läßt,

selbst wenn man ganze Bände darüber schriebe und den Gedanken

fünfunddreißig Jahre lang auslegte. Dieses eine Unbestimmbare wird um

keinen Preis aus Ihrem Schädel hinausgehen wollen und wird ewig in Ihnen

verbleiben. Und damit sterben Sie zu guter Letzt und nehmen so

vielleicht gerade das Wichtigste von Ihrer ganzen Idee mit ins Grab. Und

wenn auch ich jetzt nicht alles das wiederzugeben verstanden habe, was

mich in diesen sechs Monaten gequält hat, so wird man jetzt doch

wenigstens einsehen, daß ich, indem ich diese meine >letzte Überzeugung<

erwarb, sie vielleicht zu teuer habe bezahlen müssen. Sehen Sie, das ist

es, was ich -- aus gewissen, nur mir bekannten Gründen -- in meiner

>Erklärung< sichtbar zu machen für notwendig hielt.

Sämtliche Werke 3-4 · 第 52 / 75 题