Der Vorfall hatte der Generalin und ihren Töchtern einen furchtbaren
Schrecken verursacht. In der Erregung legte Lisaweta Prokofjewna den Weg
nach Hause fast laufend zurück. Nach ihren Begriffen hatte sich bei
diesem Vorfall so vieles entschleiert, daß in ihrem Kopfe, ungeachtet
ihrer Aufregung und ihres Schreckens, große Entschlüsse reiften. Doch
auch die anderen begriffen, daß etwas ganz Besonderes vorgefallen und
daß vielleicht zum Glück ein Geheimnis aufgedeckt worden war. Ungeachtet
der früheren Versicherungen und Erklärungen des Fürsten Sch. schien
Jewgenij Pawlowitsch jetzt in der Tat entlarvt und seiner Beziehungen zu
diesem Geschöpf überführt zu sein. So dachte Lisaweta Prokofjewna, und
so schien es auch den beiden älteren Töchtern. Das Ergebnis dieser
Annahme war, daß die Sache noch verwickelter, noch rätselhafter wurde.
Die Töchter, die im Grunde vielleicht über ihren Schrecken und die
Flucht ihrer Mutter ungehalten waren, wagten es doch nicht, sie mit
Fragen zu belästigen und zu beunruhigen. Außerdem schien es ihnen aus
irgendeinem Grunde, daß ihre Schwester, Aglaja Iwanowna, vielleicht mehr
von dieser Sache wußte, als sie alle drei, ihre Mutter einbezogen. Fürst
Sch. war finster wie die Nacht und schwieg. Lisaweta Prokofjewna sprach
zu ihm während des ganzen Weges kein Wort, er aber schien es nicht
einmal zu bemerken. Adelaida versuchte, ihn zu fragen: von welchem Onkel
da die Rede gewesen und was in Petersburg sich ereignet hatte? Doch er
murmelte ihr mit saurer Miene etwas ganz Unverständliches zur Antwort:
von Untersuchungen usw., und daß das alles Unsinn wäre. »Darüber besteht
kein Zweifel,« stimmte ihm Adelaida bei und verstummte. Aglaja war
ungewöhnlich ruhig und meinte nur, daß man zu schnell gehe. Einmal
wandte sie sich um und bemerkte den Fürsten, der ihnen nacheilte. Über
seine Bemühungen, sie einzuholen, lachte sie spöttisch, doch beachtete
sie ihn weiter nicht mehr.
Kurz vor der Datsche begegnete ihnen Iwan Fedorowitsch, der soeben aus
Petersburg zurückkehrte. Seine erste Frage war nach Jewgenij
Pawlowitsch. Doch seine Gemahlin ging mit drohender Miene an ihm
vorüber, ohne ihm zu antworten, ja, ohne ihn überhaupt anzusehen. An den
Gesichtern der Töchter und des Fürsten Sch. erriet er sofort, daß ein
Gewitter zum mindesten im Anzuge war. Auf seinem Gesicht lag sowieso
schon eine außergewöhnliche Erregtheit. Er ergriff den Fürsten Sch. am
Arm und hielt ihn am Eingang des Hauses zurück, um im Flüsterton einige
Erkundigungen von ihm einzuziehen. An ihren erregten Gesichtern, als sie
auf die Terrasse traten und Lisaweta Prokofjewna in die Zimmer folgten,
konnte man sehen, daß sie beide etwas Außergewöhnliches erfahren hatten.
Auch die anderen folgten Lisaweta Prokofjewna nach oben, und auf der
Terrasse blieb Fürst Myschkin ganz allein zurück. Er setzte sich in
einen Winkel, als erwartete er dort irgend jemanden, übrigens wußte er
selbst nicht, warum er das tat; ihm kam es gar nicht in den Sinn,
fortzugehen, obgleich ihn niemand bei der allgemeinen Aufregung vermißt
hätte. Er schien alles um sich herum vergessen zu haben und wäre bereit
gewesen, so in Gedanken versunken jahrelang dazusitzen. Von Zeit zu Zeit
hörte er von oben Stimmen von einer erregten Unterhaltung. Der Fürst
wußte nicht, wie lang er schon so gesessen hatte, es wurde spät und
begann zu dunkeln. Plötzlich trat Aglaja auf die Terrasse, dem Aussehen
nach war sie ruhig, nur ein wenig bleich. Als sie den Fürsten erblickte,
den sie augenscheinlich hier nicht erwartet hatte, lächelte sie
unwillig.
»Was machen Sie hier?« fragte sie und trat an ihn heran.
Der Fürst stand verwirrt vom Stuhle auf, doch Aglaja setzte sich sofort
neben ihn, und so setzte auch er sich wieder hin. Sie betrachtete ihn
plötzlich sehr aufmerksam und sah darauf zum Fenster hinaus, ganz
gedankenlos in die Ferne starrend, und dann sah sie wieder ihn an.
»Vielleicht will sie sich über mich lustig machen,« dachte der Fürst,
»doch würde sie mich dann wohl einfach auslachen.«
»Vielleicht wollen Sie Tee,« sagte sie plötzlich nach längerem
Schweigen.
»Nein. Ich wüßte nicht ...«
»Wie kann man das nicht wissen! Ach Sie, hören Sie: wenn jemand Sie zum
Duell forderte, was würden Sie dann machen? Ich wollte Sie schon neulich
fragen.«
»Ja ... wer denn ... wer würde mich denn zum Duell fordern?«
»Wenn man Sie aber forderte? Würden Sie sich dann sehr fürchten?«
»Ich glaube, daß ich mich ... sehr fürchten würde.«
»Wirklich? So sind Sie also ein Feigling?«
»N--ein; vielleicht auch nicht. Ein Feigling ist der, welcher sich
fürchtet und davonläuft; doch wer sich fürchtet und nicht davonläuft,
der ist kein Feigling,« sagte der Fürst und lächelte nachdenklich.
»Also, Sie würden nicht fortlaufen?«
»Vielleicht würde ich nicht fortlaufen,« lachte er endlich über ihre
Frage laut auf.
»Ich bin zwar nur eine Frau, aber ich würde um nichts in der Welt
fortlaufen,« bemerkte sie in fast beleidigendem Tone. »Übrigens, scheint
es, daß Sie wie gewöhnlich über mich lachen, um selbst überlegen zu
erscheinen. Sagen Sie doch, bitte, meist schießt man sich auf zwölf
Schritt, einige auf zehn -- folglich wird man dabei erschossen oder
verwundet?«
»Im Duell, scheint es, wird selten jemand erschossen.«
»Wieso, selten? Puschkin wurde doch getötet.«
»Das war vielleicht zufällig.«
»Durchaus nicht zufällig: es war eben ein Duell auf Leben und Tod.«
»Die Kugel traf ihn so niedrig, daß man annehmen muß, Dantès habe höher
gezielt, etwa nach der Brust oder nach dem Kopfe. Dahin, wo er getroffen
wurde, zielt kein Mensch, also war der Tod Puschkins doch mehr ein
Zufall. Das haben mir sachverständige Leute gesagt.«
»Und mir hat ein Soldat, mit dem ich einmal darüber gesprochen habe,
gesagt, sie hätten beim Militär ausdrücklich Befehl, wenn sie Übungen
machen, gerade in die Mitte des Menschen zu zielen, in die >untere
Hälfte des Menschen<, wie sie sich ausdrücken. Also in die Brust und
nicht in den Kopf, vielmehr gerade in die Mitte des Menschen ist ihnen
befohlen zu schießen. Ich fragte darauf einen Leutnant, und er
bestätigte es mir.«
»Das ist wahr, doch nur der großen Entfernung wegen.«
»Und Sie, können Sie schießen?«
»Ich habe noch niemals geschossen.«
»Können Sie wirklich nicht einmal eine Pistole laden?«
»Nein, ich kann es nicht. Das heißt, ich weiß, wie man es macht, doch
habe ich es noch niemals versucht.«
»Das heißt soviel, daß Sie es nicht können, denn dazu gehört Übung!
Hören Sie, lernen Sie es: zuerst kaufen Sie sich gutes Pulver, nicht
feuchtes etwa, sondern sehr trockenes ist nötig -- ganz feines Pulver,
sagen Sie nur Pistolenpulver, und nicht etwa solches, womit man Kanonen
lädt. Die Kugel, sagt man, gießt man sich selbst. Haben Sie denn
Pistolen?«
»Nein, ich brauche keine,« lachte der Fürst laut auf.
»Ach, was für ein Unsinn! Kaufen Sie sich sofort eine Pistole, eine gute
französische oder englische, das sollen die besten sein. Dann nehmen Sie
einen Fingerhut voll Pulver, vielleicht auch zwei, und schütten es
hinein. Besser, Sie nehmen etwas mehr. Dann stopfen Sie Filz hinein, man
sagt, daß durchaus Filz nötig sei, den können Sie ja irgendwoher, aus
einer Matratze oder aus einer Türpolsterung nehmen. Wenn der Filz drin
ist, dann stecken Sie die Kugel hinein, hören Sie: das Pulver zuerst und
die Kugel darauf, sonst geht's nicht los. Warum lachen Sie? Ich möchte,
daß Sie jetzt jeden Tag Schießübungen machten, und sogar mehrmals am
Tage, damit Sie gut ins Ziel schießen können. Werden Sie es tun?«
Der Fürst schüttelte sich vor Lachen; Aglaja war wütend und stampfte mit
dem Fuße zornig auf. Ihre ernste Miene, mit der sie diesen Gegenstand
erörterte, verwunderte den Fürsten zuletzt. Zum Teil fühlte er, daß er
hier über irgend etwas nicht unterrichtet war, wonach er hätte fragen
müssen -- und daß es sicher was Ernsteres war, als ein bloßes Gespräch.
All das ging ihm durch den Kopf, doch hatte er nur dafür Gefühl, daß sie
neben ihm saß, daß er sie ansah, während das, was sie sprach, ihm in
diesem Augenblick völlig gleichgültig war.
Auf die Terrasse trat plötzlich Iwan Fedorowitsch. Er schien einen
wichtigen Gang vor sich zu haben, in seiner besorgten Miene lag feste
Entschlossenheit.
»Ah, Lew Nikolajewitsch, du hier ... Wohin gehst du?« fragte er ihn,
obwohl Lew Nikolajewitsch auch nicht einmal daran gedacht hatte, sich
von seinem Platze zu erheben. »Komm her, ich habe dir ein Wörtchen zu
sagen.«
»Auf Wiedersehen,« sagte Aglaja und reichte ihm ihre Hand.
Auf der Terrasse war es schon ganz dunkel geworden, der Fürst konnte ihr
Gesicht in diesem Augenblick nicht deutlich erkennen. Nach einer Minute,
als er mit dem General die Datsche verlassen hatte, errötete er
plötzlich über und über und preßte seine rechte Hand fest zusammen und
an sich.
Offenbar hatten sie beide denselben Weg. Ungeachtet der späten Stunde
wollte Iwan Fedorowitsch wohl noch irgendwohin gehen, um sich mit irgend
jemand über den Vorfall auszusprechen. Er sprach unzusammenhängende
Worte zum Fürsten, erregt, schnell, und erwähnte des öfteren Lisaweta
Prokofjewna. Wenn der Fürst in diesem Augenblick etwas aufmerksam
gewesen wäre, so hätte er vielleicht bemerkt und erraten, daß Iwan
Fedorowitsch ihn unter anderem gern über etwas ausgefragt hätte, oder
besser gesagt, eine offene und gerade Frage an ihn gestellt hätte, aber
nicht wagte, an den betreffenden Punkt zu rühren, der dabei die
Hauptsache war. Der Fürst war aber so zerstreut, daß er anfangs
überhaupt nicht zugehört und gar nicht verstanden hatte, was der General
zu ihm gesprochen, und als dieser ihm schließlich eine Frage stellte,
mußte er zu seiner Schande gestehen, daß er diese Frage nicht
beantworten konnte, weil er sie nicht begriff.
Der General zuckte die Achseln.
»Sonderbare Menschen seid ihr doch alle, ich sage dir, daß ich die Ideen
und die Aufregung Lisaweta Prokofjewnas überhaupt nicht verstehen kann.
Sie ist außer sich, weint und behauptet, daß man uns beleidigt und
beschimpft habe. Wer? Wie? Womit? Wann und warum? Ich gebe zu, daß ich
an vielem schuld bin ... doch die Ausfälle ... dieses teuflischen
Weibes, das sich dazu noch unschicklich beträgt, gehen wirklich etwas zu
weit und müssen von der Polizei ... Ich habe die Absicht, mit einer
maßgebenden Persönlichkeit darüber Rücksprache zu nehmen. Man könnte
alles im Guten, ruhig und liebenswürdig ohne jeglichen Skandal abmachen.
Ich selbst bin auch durchaus der Meinung, daß die Zukunft noch viele
Ereignisse in ihrem Schoße birgt, und daß noch vieles unaufgeklärt ist.
Oh, da steckt noch eine Intrige dahinter, und wenn man hier _nichts_
davon versteht, so versteht man dort noch weniger. Niemand weiß etwas,
niemand hat was gehört; du hast nichts gehört, der hat nichts gehört,
der fünfte hat auch noch nichts gehört, ja, so bitte ich dich, wer hat
denn eigentlich was gehört? Wie soll man da nicht den Verstand
verlieren, zur Hälfte scheinen es Halluzinationen, etwas, was überhaupt
nicht vorhanden ist ...«
»Sie ist wahnsinnig,« murmelte der Fürst schmerzlich, sich der Vorgänge
erinnernd.
»Wenn du davon redest ... Diese Idee hatte ich auch zuerst und beruhigte
mich dabei. Doch jetzt sehe ich, daß die anderen recht haben und glaube
nicht an ihren Wahnsinn. Nehmen wir an, sie sei wirklich eine irre Frau,
so ist sie doch auch wieder sehr schlau und durchaus nicht wahnsinnig.
Die Geschichte mit Hauptmann Alexejewitsch beweist das. Ihrerseits
steckt da eine sehr jesuitische Absicht dahinter.«
»Was für ein Hauptmann Alexejewitsch?«
»Ach, mein Gott, Lew Nikolajewitsch, du hast wieder nichts gehört! Davon
habe ich dir doch gleich zu Anfang erzählt, von Hauptmann Alexejewitsch.
Deshalb bin ich doch heute so lange in der Stadt geblieben, zittere noch
jetzt an Händen und Füßen. Hauptmann a. D. Alexejewitsch Radomskij, der
Onkel von Jewgenij Pawlowitsch ...«
»Nun, was ist mit ihm?« rief der Fürst.
»Hat sich erschossen, heute morgen um sieben Uhr. Ein angesehener Mann
von fünfundsiebzig Jahren, Epikuräer, -- und ganz so, wie sie es gesagt
hat -- Kronsgelder sind verschwunden, eine bedeutende Summe!«
»Woher hat sie denn ...«
»Gewußt? Ha, ha! Sie hat ja einen ganzen Stab um sich, kaum daß sie sich
hier gezeigt hat. Du weißt, was für Leute sie besuchen und >die Ehre
ihrer Bekanntschaft< anstreben. So konnte sie doch sofort von dem
Unglück gehört haben, denn ganz Petersburg weiß es schon und hier halb
oder ganz Pawlowsk. Und was für eine feine Anspielung sie Jewgenij
Pawlowitsch wegen seiner Zivilkleidung gemacht haben soll, wie man mir
erzählte! Was für eine teuflische Bemerkung! Nein, das kann keine
Wahnsinnige tun. Ich bestreite es natürlich durchaus, daß Jewgenij
Pawlowitsch von der Katastrophe etwas gewußt hat, das heißt, daß er Zeit
und Stunde genau gewußt hat. Doch hat er es vielleicht kommen sehen,
vorausgefühlt. Wir aber, ich und auch Fürst Sch., rechneten darauf, daß
er ihn beerben würde! Schrecklich! Schrecklich! Verstehe mich recht,
natürlich beschuldige ich ja Jewgenij Pawlowitsch in keiner Weise und
beeile mich, dir das ausdrücklich zu erklären, doch immerhin ist es
verdächtig ... Fürst Sch. ist ganz außerordentlich betroffen. Alles das
hat ihn so erschüttert.«
»Im Betragen Jewgenij Pawlowitschs liegt doch nichts Verdächtiges?«
»Nichts, nein! Er hat sich sehr anständig verhalten. Ich habe auch auf
nichts anspielen wollen. Sein eigenes Vermögen ist, glaube ich,
unangerührt. Lisaweta Prokofjewna will nichts davon hören ... Aber die
Hauptsache -- alle diese Familienkatastrophen, oder besser gesagt --
Reibereien oder wie man's nennen soll ... dir kann man's ja sagen, du
bist ein Freund des Hauses, Lew Nikolajewitsch, stelle dir doch nur vor,
erst jetzt erweist es sich, -- wenn ich mir auch darüber noch gar nicht
klar bin --, daß Jewgenij Pawlowitsch schon vor einem Monat Aglaja einen
Antrag gemacht hat und von ihr eine formelle Absage erhalten haben
soll.«
»Das kann nicht sein!« rief der Fürst, ganz Feuer und Flamme.
»Ja, weißt du denn etwas davon? Siehst du, mein Teurer,« -- der General
blieb wie festgewurzelt an der Stelle stehen -- »ich habe es dir doch
nur gesagt, weil du ... weil du ... man kann wohl sagen, ein solcher
Mensch bist. Vielleicht weißt du was Näheres darüber?«
»Ich weiß nichts ... ich weiß durchaus nichts von Jewgenij Pawlowitsch,«
murmelte der Fürst.
»Und auch ich habe keine Ahnung! Mich, scheint es, will man wirklich
schon in die Erde stecken, und keiner will zugeben, daß es für mich
unerträglich ist, von alledem nichts zu erfahren. Soeben hatten wir eine
Szene, die schrecklich war! Ich erzähle sie dir nur, weil du wie mein
leiblicher Sohn bist. Hauptsächlich macht sich Aglaja über die Mutter
lustig. Von der Geschichte mit Jewgenij Pawlowitsch haben die Schwestern
erzählt. Sie ist ja doch ein so eigenwilliges und phantastisches
Geschöpf, daß man schon gar nicht weiß, was man mit ihr anfangen soll!
Sie hat großzügige und glänzende Eigenschaften, hat Herz und Verstand --
das ist wahr, doch launenhaft, spottlustig ist sie, mit einem Wort, ein
unbändiger Charakter, und dabei voll Phantasie. Sie lacht der Mutter ins
Gesicht; den Schwestern desgleichen; Fürst Sch. lacht sie aus; über mich
macht sie sich beständig lustig, davon lohnt es sich überhaupt gar nicht
zu sprechen. Doch ich, ich liebe sie, liebe sie fast, weil sie mich
auslacht -- und mir scheint es, daß sie mich darum auch besonders lieb
hat, mehr als die anderen, ja, so scheint es mir. Ich möchte wetten, daß
sie auch schon über dich gelacht hat. Soeben traf ich sie mit dir im
Gespräch an, sie saß da bei dir nach diesem Skandal, ganz, als ob nichts
geschehen wäre.«
Der Fürst errötete und preßte wieder seine rechte Hand an sich, doch
schwieg er.
»Mein lieber, guter Lew Nikolajewitsch! Ich ... und selbst Lisaweta
Prokofjewna -- die dich übrigens wieder achtet, und mit dir zusammen
auch mich, ich weiß nicht warum -- wir lieben dich wirklich, lieben dich
aufrichtig und achten dich trotz aller dieser Vorfälle. Ach, lieber
Freund, gib es doch zu, daß solche Rätsel unerträglich sind, die dieser
kleine kaltblütige Satan uns da aufgibt -- sie stand da vor der Mutter
mit dem Ausdruck größter Verachtung für alle unsere Fragen, und zwar
besonders für mich, weil ich, der Teufel hol's, so dumm war und ihr mit
Strenge zu imponieren versuchte, als Haupt der Familie, versteht sich, o
dumm, dumm war ich -- als dieser kaltblütige kleine Teufel uns plötzlich
erklärt, daß diese >Wahnsinnige< (so drückte sie sich aus, mit denselben
Worten wie du), >daß diese Wahnsinnige sich in den Kopf gesetzt habe,
sie mit Lew Nikolajewitsch zu verheiraten und Jewgenij Pawlowitsch
deshalb in unserem Hause unmöglich zu machen ...< Das war alles, auf
weitere Erklärungen ließ sie sich nicht ein, lachte nur, wir rissen die
Mäuler auf, und sie geht einfach hinaus und schlägt die Tür hinter sich
zu. Darauf erzählte man mir von dem Vorfall mit ihr ... ich meine --
deinem ... und ... und -- höre, lieber Fürst, du bist doch ein
vernünftiger Mensch und kein empfindlicher Mensch, ich würde dir gerne
etwas sagen ... doch ärgere dich nicht: bei Gott, sie hält auch dich zum
Narren. Wie ein Kind lacht sie über dich, sei du ihr deshalb nicht böse,
aber es ist so. Denke dir nichts dabei, sie spottet über dich und über
uns alle, aus purer Langeweile. Nun, leb wohl! Du kennst unsere Gefühle
für dich? Unsere aufrichtige Liebe zu dir? Wir bleiben dir
unveränderlich treu, doch ... jetzt muß ich fort, auf Wiedersehen!
Niemals habe ich so in der Klemme gesessen, wie gerade jetzt ... Ach,
diese Sommerfrischen!«
Er ließ den Fürsten allein an einer Straßenkreuzung. Der Fürst blickte
um sich und schritt dann rasch über die Straße, an das erleuchtete
Fenster einer Datsche, entfaltete einen kleinen Zettel, den er die ganze
Zeit während des Gespräches mit Iwan Fedorowitsch in der rechten Hand
gehalten hatte und las beim matten Schein des erleuchteten Fensters:
»Morgen, sieben Uhr früh, werde ich auf der grünen Bank im Park auf
Sie warten. Ich habe mich entschlossen, über eine sehr wichtige
Angelegenheit, die Sie nahe angeht, mit Ihnen zu reden.«
»P. S. Ich hoffe, Sie werden diesen Zettel niemandem zeigen. Obwohl
ich mich schäme, Ihnen das ausdrücklich zu sagen, so halte ich es
doch für nötig -- und ich erröte beim Gedanken an Ihren lächerlichen
Charakter.«
»P. S. Es ist dieselbe grüne Bank, die ich Ihnen vorhin gezeigt
habe. Schämen Sie sich. Auch das muß ich noch hinzufügen.«
Das Zettelchen war in aller Eile geschrieben und irgendwie
zusammengefaltet worden, wahrscheinlich kurz bevor Aglaja auf die
Terrasse hinausgetreten war. Eine unbeschreibliche Erregung, eine an
Schrecken grenzende Erregung ergriff den Fürsten. Er preßte seinen
Zettel wieder in die Hand und sprang wie ein aufgescheuchter Dieb vom
Fenster hinweg. Dabei stieß er mit einem Menschen zusammen, der nicht
weit von ihm gestanden haben mußte.
»Ich suchte Sie, Fürst!« sagte der Herr.
»Was? Sie sind es, Keller?« rief Lew Nikolajewitsch erstaunt aus.
»Ich suchte Sie, Fürst, ich wartete auf Sie an der Datsche bei
Jepantschins und folgte Ihnen, als Sie mit dem General gingen. Ich stehe
zu Ihren Diensten, Fürst, verfügen Sie über Keller. Ich bin bereit, mich
für Sie zu opfern, und wenn es sein muß, zu sterben.«
»Aber ... weshalb denn?«
»Nun, es wird doch sicher eine Forderung zum Duell erfolgen. Ich kenne
diesen stolzen Leutnant -- nicht persönlich etwa ... --, er erträgt eine
Beleidigung nicht. Unsereinen, mich zum Beispiel und Rogoshin, hält er
für nichts, und vielleicht nicht mit Unrecht, darum kommen Sie allein
für ihn in Frage. Die Rechnung werden Sie bezahlen müssen, Fürst. Er hat
sich nach Ihnen erkundigt, ich hörte es, und sicher schickt er Ihnen
schon morgen seinen Sekundanten, oder, vielleicht wartet der schon jetzt
auf Sie. Wenn Sie mich der Ehre für würdig halten, so wählen Sie mich,
bitte, zu Ihrem Sekundanten, ich bin bereit, mit Ihnen bis aufs Schafott
zu gehen. Deshalb suchte ich Sie, Fürst.«
»Also auch Sie reden von einem Duell!« lachte plötzlich der Fürst laut
auf, zu Kellers größter Verwunderung, und hörte gar nicht auf zu lachen,
so daß Keller, der die ganze Zeit über wie auf Nadeln gestanden, sich
fast beleidigt fühlte, als er dieses herzliche Lachen des Fürsten hörte.
»Sie haben ihn doch, Fürst, vorhin an den Armen gepackt, öffentlich vor
allem Publikum. Ein Mann von Ehre wird sich das nicht gefallen lassen.«
»Und er hat mich vor die Brust gestoßen!« rief der Fürst lachend. »Warum
sollen wir uns denn schlagen? Ich werde ihn um Entschuldigung bitten,
das ist alles. Nun, und wenn wir uns schon schießen sollen, meinetwegen!
Möge er schießen, ich werde auch schießen. Ha, ha! Ich verstehe jetzt
einen Revolver zu laden! Wissen Sie, man hat es mir gesagt, wie man eine
Pistole lädt! Verstehen Sie, eine Pistole zu laden, Keller? Zuerst muß
man Pulver kaufen, Pistolenpulver, nicht zu feucht und nicht zu grob --
nicht etwa Pulver, womit man Kanonen lädt. Man muß zuerst das Pulver
hineinschütten, dann stopft man Filz von einer Türpolsterung in die
Mündung und dann steckt man die Kugel hinein -- nicht etwa die Kugel vor
dem Pulver, sonst geht's nicht los! Ha, ha! Ist das nicht eine prächtige
Regel, lieber Keller? Ach, Keller, wissen Sie, daß ich Sie sofort
umarmen und abküssen werde. Ha, ha, ha! Woher sind Sie eigentlich vorhin
so plötzlich aufgetaucht? Kommen Sie nächstens zu mir: Champagner
trinken! Wir wollen uns alle betrinken! Wissen Sie, daß ich zwölf
Flaschen Champagner besitze? Lebedeff hat sie im Keller, er verkaufte
sie mir >zufällig< vor drei Tagen. Ich will die ganze Gesellschaft dazu
einladen! Werden Sie heute nacht schlafen gehen?«
»Natürlich, wie immer, Fürst.«
»Nun, dann, träumen Sie süß! Ha, ha!«
Der Fürst ging über die Straße in den Park hinein. Keller blieb ganz
verdutzt und nachdenklich stehen. Er hatte den Fürsten noch nie in einer
so sonderbaren Stimmung angetroffen und hätte sie niemals bei ihm für
möglich gehalten.
»Er hat wohl Fieber, auf einen nervösen Menschen muß das alles auch sehr
stark einwirken, freilich! Angst scheint er nicht zu haben. Sieh mal an,
solche haben also keine Angst, bei Gott!« dachte Keller bei sich. »Hm!
Champagner! Eine bemerkenswerte Aufforderung, wirklich. Zwölf Flaschen,
ein ganzes Dutzend; eine anständige Batterie. Doch, ich möchte wetten,
daß Lebedeff diesen Champagner irgendwie unter der Hand gekauft hat. Hm!
... er ist eigentlich sehr nett, dieser Fürst; wirklich, ich liebe
solche ... doch da ist jetzt keine Zeit zu verlieren und ... wenn schon
Champagner, dann ...«
Daß der Fürst wie im Fieber war, darin hatte Keller recht.
Lange, traumverloren, irrte der Fürst im dunklen Park umher, bis er
plötzlich wahrnahm, daß er sich in einer Allee befand. Er konnte sich
nicht entsinnen, wenn er es auch gewollt hätte, was er diese ganze
Stunde im Park gedacht hatte. Doch ertappte er sich jetzt auf einem
Gedanken, über den er plötzlich laut auflachen mußte, obgleich
eigentlich gar kein Grund dazu vorhanden war. Es kam ihm in den Sinn,
daß der Gedanke an das Duell nicht nur im Kopfe Kellers entsprungen war,
sondern auch in ihrem Kopfe, und daß sie die ganze Pistolengeschichte
durchaus nicht zufällig erzählt hatte. »Bah!« Plötzlich kam ihm eine
andere Idee. »Vorhin, als sie auf die Terrasse trat und ich dort in der
Ecke saß, tat sie furchtbar verwundert, mich dort anzutreffen, und ...
lachte -- und sprach von Tee. In derselben Zeit hatte sie aber schon das
Zettelchen in der Hand gehabt: also wußte sie doch, daß ich auf der
Terrasse war! Warum war sie denn so verwundert darüber? Ha, ha, ha!«
Er zog das Zettelchen aus seiner Tasche und preßte es an seine Lippen,
doch verstummte er plötzlich und wurde nachdenklich.
»Wie ist das sonderbar! Wie ist das sonderbar!« sagte er voll tiefer
Traurigkeit vor sich hin. In Momenten freudiger Erregung überkam ihn
immer eine tiefe Traurigkeit, er wußte selbst nicht warum. Er schaute
sich aufmerksam um und wunderte sich, daß er sich hier befand. Er fühlte
sich plötzlich sehr müde, ging auf eine Bank zu und setzte sich hin.
Rings um ihn herrschte ungewöhnliche Stille. Die Musik am Kurhaus war
verstummt. Im Parke selbst befand sich vielleicht kein Mensch, es war ja
auch schon halb zwölf geworden. Die Nacht war still, warm und hell --
eine Petersburger Nacht im Anfang Juni, doch in dem dichten schattigen
Park und in der Allee war es vollständig dunkel.
Wenn ihm jemand in dieser Minute gesagt hätte, daß er verliebt,
leidenschaftlich verliebt sei, so würde er diese Bemerkung mit
Erstaunen, ja, vielleicht mit Unwillen aufgenommen haben. Wenn aber der
Betreffende noch hinzugefügt hätte, daß Aglajas Brief ein Liebesbrief,
eine Aufforderung zum Stelldichein sei, so wäre er vor Scham rot
geworden und hätte diesen Menschen vielleicht selbst zum Duell
gefordert. Es wäre das wirklich von ihm aufrichtig empfunden gewesen,
denn nie wäre es ihm in den Sinn gekommen, nie hätte er an die
Möglichkeit einer Liebe dieses Mädchenherzens zu ihm geglaubt, oder gar
einer Liebe seinerseits zu diesem Mädchen. Bei einem solchen Gedanken
hätte er sich geschämt: an die Möglichkeit einer Liebe zu ihm, zu »einem
solchen Menschen wie er« hätte er nie geglaubt oder er hätte sie für ein
Wunder gehalten. Wenn er an etwas dachte, so dachte er an nichts weiter
als an einen mutwilligen Streich ihrerseits. Doch diesem Streich
gegenüber verhielt er sich vollständig gleichgültig und fand ihn
durchaus in der Ordnung. Er selbst war mit etwas ganz anderem
beschäftigt. An die Richtigkeit der Bemerkung, die vorhin dem erregten
General entschlüpft war -- daß sie sich über alle nur lustig mache, über
ihn aber, den Fürsten, am meisten und noch ganz besonders --, glaubte er
bedingungslos. Und dabei fühlte er sich nicht im geringsten gekränkt,
seiner Meinung nach mußte es sogar gerade so sein. Alles konzentrierte
sich jetzt für ihn in dem einen Gedanken: daß er sie morgen wiedersehen,
morgen in aller Frühe neben ihr auf der grünen Bank sitzen, die
Erklärung des Pistolenladens anhören und sie ansehen würde! Das genügte
ihm vollkommen. Zwar tauchte ein- oder zweimal die Frage in ihm auf, was
sie ihm denn nur eigentlich zu sagen habe und was das wohl für eine so
wichtige Angelegenheit sein könne -- dazu noch eine, die unmittelbar ihn
angehen sollte! --, doch trotzdem empfand er nicht einmal das Verlangen,
nachzudenken oder zu erraten, was sie damit wohl gemeint haben könnte;
daß sie jedoch tatsächlich vorhanden war, diese wichtige Angelegenheit,
daran zweifelte er keinen Augenblick.
Das Knirschen leiser Schritte auf dem Kies der Allee ließ ihn
aufblicken. Ein Mensch, dessen Gesicht in der Dunkelheit nicht zu
erkennen war, näherte sich der Bank und setzte sich auf sie nieder. Der
Fürst rückte schnell näher, fast bis dicht an ihn heran, und erkannte
das bleiche Gesicht Rogoshins.
»Konnt mir ja denken, daß du hier irgendwo herumbummelst, hab dich auch
nicht lange zu suchen gebraucht,« brummte Rogoshin zwischen den Zähnen.
Sie sahen sich zum erstenmal nach jener Begegnung auf der Treppe des
Hotels. Es dauerte eine Weile, bis der Fürst nach dem ersten Schreck
über das plötzliche Auftauchen Rogoshins seine Gedanken gesammelt hatte.
Und schon fühlte er, daß ein bekanntes, quälendes Gefühl in seinem
Herzen wieder auferstanden war. Rogoshin begriff offenbar, welch eine
Empfindung er im Fürsten hervorgerufen hatte; und wenn er auch selbst zu
Anfang ein wenig verwirrt zu sein schien und mit einer gleichsam
gewollten Unbefangenheit sprach, so sah doch der Fürst bald ein, daß in
Rogoshins Wesen nichts bewußt Gewolltes und auch keinerlei besondere
Verwirrung lag. Wenn sich aber in seinen Gesten und seinem Gespräch
vielleicht dennoch eine gewisse Befangenheit bemerkbar machte, so war
das höchstens etwas Äußerliches. In der Seele konnte sich dieser Mensch
nie verändern.
»Wie ... wie hast du mich hier gefunden?« fragte der Fürst, um etwas zu
sagen.
»Keller sagte es mir -- ich war zu dir gegangen -- >ist in den Park
gegangen<, sagte er; da dachte ich, nun, dann ist ja alles richtig!«
»Wieso, was ist >richtig<?« griff der Fürst erregt das Wort auf.
Rogoshin lachte kurz, gab aber keine Antwort.
»Ich habe deinen Brief erhalten, Lew Nikolajewitsch; du hast das ganz
unnütz geschrieben ... was du nur davon hast! ... Jetzt aber bin ich von
_ihr_ zu dir gekommen: sie befahl, dich unbedingt zu rufen ... muß dir
dringend etwas sagen ... Heute noch, bat sie zu kommen.«
»Ich werde morgen kommen. Jetzt gehe ich nach Haus; du ... kommst du zu
mir?«
»Wozu? Ich hab dir alles gesagt; leb wohl.«
»So kommst du nicht?« fragte der Fürst leise.
»Ein seltsamer Mensch bist du, Lew Nikolajewitsch, man kann sich
wirklich nur über dich wundern.«
Rogoshin lachte wieder kurz und gehässig auf.
»Weshalb hegst du jetzt solchen Groll gegen mich?« fragte der Fürst
traurig und doch mit verhaltener Leidenschaft. »Du weißt doch jetzt
selbst, daß alles, was du früher dachtest, nicht richtig war. Übrigens
habe ich es selbst nicht anders erwartet, als daß dein Haß auch jetzt
noch nicht vergehen würde, und weißt du, weshalb? Nicht deshalb, weil
nicht ich dir nach dem Leben getrachtet habe, sondern weil du mir nach
dem Leben getrachtet hast, deshalb vergeht dein Haß noch nicht. Aber ich
sage dir: ich kenne nur jenen Parfen Rogoshin, mit dem ich an jenem Tage
die Kreuze getauscht habe und der mir zum Bruder geworden ist, das habe
ich dir auch gestern in meinem Brief geschrieben, damit du diesen ganzen
Fiebertraum vergißt und überhaupt nicht mehr an ihn denkst und auch nie
mehr darauf zu sprechen kommst. Weshalb wendest du dich von mir ab?
Weshalb verbirgst du deine Hand? Ich sage dir doch, daß ich alles, was
damals war, für nichts anderes als einen Fiebertraum halte: ich kenne
dich jetzt, weiß, wie du damals warst, weiß es so gut, als wäre ich es
selbst gewesen. Das, was du damals glaubtest, das gab es gar nicht und
konnte es auch gar nicht geben. Weshalb aber soll dann dieser Haß
zwischen uns sein?«
»Du und Haß!« lachte wieder Rogoshin in seiner gehässigen Weise als
Antwort auf die glühende Rede des Fürsten.
Er stand halb von ihm abgewandt, nachdem er noch zwei Schritte zur Seite
getreten war, und verbarg allerdings seine Hand.
»Jetzt steht es mir nicht mehr zu, überhaupt noch zu dir zu kommen, Lew
Nikolajewitsch,« fügte er langsam und bedeutungsvoll nach einer Weile
hinzu.
»So groß ist also dein Haß, wie?«
»Ich liebe dich nicht, Lew Nikolajewitsch, weshalb sollte ich also zu
dir kommen? Weiß Gott, Fürst, du bist ganz wie so 'n kleines Kind!
Willst du ein Spielzeug haben -- da nimm's aus der Tasche und leg's hin.
Begreifst doch nicht, um was es sich handelt. Das hast du auch alles
genau so in deinem Brief niedergeschrieben, ganz wie du's jetzt sagst,
aber was -- glaube ich dir denn etwa nicht? Ich glaube dir doch jedes
Wort und weiß, daß du mich niemals betrogen hast und auch hinfort nie
betrügen wirst, aber -- ich liebe dich trotzdem nicht. Da schreibst du
nun, daß du alles vergessen hast, daß du dich nur deines Bruders
Rogoshin erinnerst, der mit dir sein Kreuz getauscht hat, und nicht
jenes Rogoshin, der sein Messer gegen dich erhob. Aber woher kennst du
denn meine Gefühle?« Rogoshin lachte wieder kurz auf. »Ich habe doch
seither vielleicht noch kein einziges Mal das Geschehene bereut, du aber
hast mir schon deine brüderliche Verzeihung zugesandt. Vielleicht hab
ich schon an jenem Abend an ganz was andres gedacht, daran aber --«
»Hast du überhaupt nicht gedacht!« fiel ihm der Fürst ins Wort. »Aber
was hat denn das auf sich? Ich wette meinen Kopf darauf, daß du damals
mit der Bahn hierher nach Pawlowsk gefahren bist, um sie dort in der
Menschenmenge ganz so wie heute zu beobachten und zu verfolgen! Nein, da
hast du mich nicht in Erstaunen gesetzt! Weiß ich doch, daß du, wenn du
damals nicht in einem Zustande gewesen wärst, in dem du überhaupt nur an
eins zu denken vermochtest, auch das Messer nicht gegen mich erhoben
hättest. Ich hatte ja damals schon seit dem Morgen ein solches
Vorgefühl, sobald ich dich nur ansah. Weißt du auch, wie du damals
warst? Gerade als wir die Kreuze tauschten, da muß sich in mir der
Gedanke geregt haben. Weshalb führtest du mich zu deiner alten Mutter?
Glaubtest du, damit deine Hand aufzuhalten? Doch was rede ich, das kann
ja gar nicht sein, daß du damals daran gedacht hättest, du hast es
vielleicht nur so gefühlt, ganz wie auch ich ... Wir fühlten es damals
in ein und demselben Augenblick. Und wenn du dann später deine Hand --
die Gott abgelenkt hat -- nicht erhoben hättest: als was würde ich dann
jetzt vor dir dastehen? Ich habe dich doch sowieso dessen verdächtigt,
also ist es nur unsere gemeinsame Sünde! Wir dachten es doch beide
zugleich! (So mach doch kein so finsteres Gesicht! Nun? und weshalb
lachst du jetzt?) >Nicht bereut<! Ja, aber du hättest es doch vielleicht
überhaupt nicht zu bereuen vermocht, selbst wenn du gewollt hättest,
denn du liebst mich ja noch nicht einmal! Und wenn ich auch so
unschuldig wie ein Engel vor dir dastände, du würdest mich doch hassen,
so lange du glaubst, daß sie nicht dich, sondern mich liebt. Das ist
doch nichts als Eifersucht! Nur höre jetzt, was ich in dieser Woche
gedacht habe, Parfen, ich will es dir sagen: weißt du auch, daß sie dich
jetzt vielleicht mehr als alle anderen liebt, und sogar um so mehr
liebt, je mehr sie dich quält? Dir wird sie das nicht sagen, aber man
muß es zu sehen verstehen. Weshalb will sie dich denn sonst schließlich
trotz allem heiraten? Einmal wird sie es dir selbst sagen. Manche Frauen
wollen gerade so geliebt werden und sie -- sie ist von dieser Art. Dein
Charakter und deine Liebe müssen sie doch stutzig machen! Weißt du auch,
daß eine Frau fähig ist, einen Mann mit Grausamkeiten und Spott zu Tode
zu martern, ohne auch nur ein einziges Mal Gewissensbisse zu empfinden,
denn jedesmal wird sie bei sich denken, wenn sie ihn ansieht: >jetzt
quäle ich ihn, wie aber werde ich ihn dafür lieben, wie mit meiner Liebe
die Qual wieder gut machen ...<«
Rogoshin begann zu lachen, nachdem er bis dahin den Fürsten wortlos
angehört hatte.
»Was, Fürst, du bist jetzt wohl auch selbst einer solchen in die Finger
geraten? Ich hab so was gehört, wenn's wahr ist?«
»Was, wieso, was kannst du gehört haben?« fuhr der Fürst erschrocken auf
und stockte plötzlich wieder maßlos verwirrt.
Rogoshin fuhr fort zu lachen. Er hatte nicht ohne Neugier und vielleicht
auch nicht ohne Freude dem Fürsten zugehört; die freudige Beredsamkeit
desselben wunderte ihn und flößte ihm Mut ein.
»Nicht nur gehört, jetzt seh ich's ja selbst, daß es wahr ist,« sagte
er. »Wann hättest du wohl sonst so gesprochen wie jetzt? Solch ein
Gespräch ist doch wie gar nicht von dir. Hätt ich aber nicht so was von
dir gehört, so wär ich auch nicht hergekommen -- und noch dazu in den
Park um Mitternacht.«
»Ich verstehe dich nicht, Parfen Ssemjonytsch.«
»Sie hat mir schon lange von dir das gesagt, jetzt aber habe ich selbst
gesehen, wie du dort während der Musik mit jener saßest. Sie hat mir
geschworen, hat mir gestern und heute geschworen, daß du in Aglaja
Jepantschina wie ein Kater verliebt seiest. Mir ist das aber, Fürst, an
sich ganz gleich, und das ist auch nicht meine Sache: wenn du aufgehört
hast, sie zu lieben, so hat sie deswegen noch nicht aufgehört, dich zu
lieben. Du weißt doch, daß sie dich unbedingt mit jener verheiraten
will, hat es sich geschworen, hehe! >Anders heirate ich dich nicht,<
sagte sie zu mir, >erst wenn sie zum Altar gehen, gehen auch wir zum
Altar.< Was das von ihr aus bedeutet, kann ich nicht verstehen und hab's
auch noch nicht verstanden: entweder liebt sie dich bis zur
Sinnlosigkeit -- oder aber ... wenn sie dich liebt, warum will sie dich
dann mit einer anderen verheiraten? >Ich will ihn glücklich sehen<, sagt
sie, also liebt sie dich doch.«
»Ich habe dir gesagt und geschrieben, daß sie ... von Sinnen ist,«
brachte der Fürst, dem Rogoshins Worte schwere Qualen bereiteten,
stockend hervor.
»Weiß Gott! Du hast dich vielleicht auch getäuscht ... sie hat doch
heute schon den Tag bestimmt, jawohl heute, als ich sie nach der Musik
nach Hause brachte: nach drei Wochen, vielleicht aber auch noch früher,
sagte sie, lassen wir uns trauen; hat geschworen, nahm das Heiligenbild,
küßte es. Jetzt hängt also alles nur von dir ab, Fürst, hehe!«
»Das ... das ist doch Wahnsinn! Das, was du da sagst, kann doch nie und
nimmer geschehen! Morgen werde ich zu euch kommen ...«
»Weshalb soll sie denn wahnsinnig sein?« fragte Rogoshin. »Weshalb ist
sie denn für alle anderen nicht wahnsinnig? Wie kann sie denn Briefe
dorthin schreiben? Wenn sie wahnsinnig wäre, würde man es doch auch dort
aus den Briefen herausmerken.«
»Was für Briefe?« fragte der Fürst erschrocken.
»Sie schreibt doch dorthin, an _jene_, und jene liest die Briefe. Oder
weißt du das noch nicht? Nun, dann wirst du's noch erfahren. Sie wird
bestimmt sie dir schon selbst zeigen.«
»Das ... das kann ich nicht glauben!« rief der Fürst.
»E--e! Dann mußt du, Lew Nikolajewitsch, noch wenig auf solchen Wegen
gegangen sein, soviel ich sehe, dann fängst du ja erst an. Aber wart
noch ein bißchen: wirst auch noch deine eigene Polizei unterhalten,
selbst Tag und Nacht auf der Lauer liegen und jeden Schritt von dort
wissen, wenn du nur ...«
»Hör auf! und sprich nie wieder davon!« unterbrach ihn der Fürst. »Höre,
Parfen, vorhin ging ich hier herum, bevor du kamst, und plötzlich mußte
ich lachen, worüber -- das weiß ich selbst nicht, nur war mir gerade
eingefallen, daß morgen -- mein Geburtstag ist. Es wird bald zwölf sein.
Gehen wir, erwarten wir den Tag! Ich habe Wein zu Hause, trinken wir! Du
wünsch mir, was ich mir selbst jetzt nicht zu wünschen weiß, und gerade
_du_ sollst es mir wünschen, und ich werde dir dafür dein volles Glück
wünschen. Oder sonst gib das Kreuz zurück! Hast es mir doch nicht am
anderen Tage zurückgesandt! Du hast es doch auch jetzt auf der Brust? Du
trägst es doch?«
»Ich trage es,« sagte Rogoshin.
»Nun, dann gehen wir. Ich will nicht ohne dich mein neues Leben
beginnen, denn jetzt -- jetzt beginnt mein neues Leben! Weißt du's noch
nicht, Parfen, daß heute mein neues Leben begonnen hat?«
»Jetzt sehe und weiß ich's selbst, daß es begonnen hat; so werd ich's
auch _ihr_ sagen. Du bist nicht mehr der alte, Lew Nikolajewitsch!«