Plötzlich trat der Fürst auf Jewgenij Pawlowitsch zu.
»Jewgenij Pawlowitsch,« sagte er in seltsamer Erregung und er streckte
ihm die Hand entgegen, »seien Sie überzeugt, daß ich Sie für den
edelsten und besten Menschen halte, trotz allem; seien Sie davon
überzeugt ...«
Jewgenij Pawlowitsch trat sogar einen Schritt zurück vor Erstaunen.
Einen Augenblick lang mußte er sich Gewalt antun, um nicht hell
aufzulachen, doch nachdem er etwas aufmerksam den Fürsten angesehen,
bemerkte er, daß dieser sich in einem ganz eigentümlichen Zustande
befand: er war wie außer sich.
»Ich bin überzeugt,« rief er aus, »daß Sie, Fürst, gar nicht das sagen
wollten und vielleicht sogar auch gar nicht zu mir das sagen wollten ...
Aber was ist Ihnen? Ist Ihnen schlecht?«
»Vielleicht, ja, es ist sogar sehr möglich, daß ich gar nicht, das ...
Sie haben das sehr fein bemerkt, daß ich vielleicht gar nicht auf Sie
zutreten wollte!«
Und nachdem er das gesagt, lächelte er sehr sonderbar, lächelte er fast
lächerlich. Doch plötzlich ging ein Zusammenzucken über seine Gestalt,
er rief laut aus:
»Erinnern Sie mich nicht daran, was ich damals tat, vor drei Tagen! Ich
habe mich diese ganzen drei Tage unsäglich geschämt ... Ich weiß, daß
ich schuldig bin ...«
»Ja ... ja aber, was haben Sie denn so Furchtbares begangen?«
»Ich sehe, daß Sie sich vielleicht am meisten für mich schämen, Jewgenij
Pawlowitsch. Sie erröten, das ist das Zeichen eines guten Herzens. Ich
werde sogleich fortgehen, seien Sie überzeugt.«
»Aber was hat er nur!« wandte sich Lisaweta Prokofjewna ganz erschrocken
an Koljä. »Fangen etwa seine Anfälle so an?«
»Beunruhigen Sie sich nicht, Lisaweta Prokofjewna, ich habe keinen
Anfall, ich werde sogleich gehen. Ich weiß, daß ich ... von der Natur
zurückgesetzt bin. Ich war vierundzwanzig Jahre lang krank, jawohl, bis
zu meinem vierundzwanzigsten Lebensjahr. So ... müssen Sie mich auch
jetzt als Kranken beurteilen. Ich werde sogleich fortgehen, sogleich,
ich versichere Sie. Ich erröte nicht -- denn es wäre doch sonderbar,
deshalb zu erröten, nicht wahr? -- aber in der Gesellschaft bin ich
überflüssig ... Ich sage das nicht aus gekränkter Eigenliebe ... Ich
habe in diesen drei Tagen nachgedacht und bin zu der Einsicht gekommen,
daß ich, wenn ich mich jetzt ganz zurückziehe, Sie darüber bei der
ersten Gelegenheit aufklären muß. Es gibt Ideen, es gibt hohe Ideen, von
denen zu reden ich gar nicht anfangen darf, denn ich würde doch nur alle
erheitern; Fürst Sch. hat mich soeben daran erinnert ... Ich habe kein
Benehmen, ich kenne kein Maßhalten; meine Worte entsprechen nicht meinen
Gedanken -- das aber ist eine Erniedrigung dieser Gedanken. Und deshalb
habe ich kein Recht ... Zudem bin ich noch mißtrauisch, ich ... ich bin
überzeugt, daß mich in diesem Hause niemand kränken will und man mich
mehr liebt, als ich es wert bin, aber ich weiß, ich weiß ja doch ganz
genau, daß von einer vierundzwanzigjährigen Krankheit unbedingt etwas
nachgeblieben sein muß, so daß man bisweilen ... unwillkürlich über mich
lachen muß ... nicht wahr, so ist's doch?«
Er schien eine Antwort, eine Entscheidung zu erwarten, indem er sich
fragend im Kreise umsah. Doch alle standen noch ganz überrascht und
verwundert unter dem Eindruck dieses unerwarteten, krankhaften, und wie
man meinen sollte, in jedem Falle grundlosen Ausfalls, und niemand sagte
ein Wort.
»Weshalb sagen Sie das hier?« stieß plötzlich Aglaja zitternd hervor.
»Weshalb sagen Sie das ihnen? ihnen! ihnen!«
Sie schien außer sich zu sein. Ihre Augen glühten. Ihr Blick blitzte.
Der Fürst sah sie sprachlos an ... und plötzlich erbleichte er.
»Hier gibt es keinen einzigen, der dieser Worte wert wäre!« fuhr Aglaja
wie rasend fort. »Alle diese hier, alle, alle, sind nicht einmal Ihres
kleinen Fingers wert, geschweige denn Ihres Verstandes oder Herzens! Sie
sind ehrlicher als alle, Sie sind edler als alle, Sie sind besser, Sie
sind reiner, Sie sind klüger als alle! Kein einziger von ihnen ist wert,
dieses Taschentuch da, das Sie haben fallen lassen, aufzuheben ...
Weshalb erniedrigen Sie sich, weshalb stellen Sie sich niedriger als
alle anderen? Weshalb haben Sie das alles hier vorgebracht, weshalb
haben Sie so gar keinen Stolz?«
»Großer Gott, wer hätte das je ahnen können!« rief Lisaweta Prokofjewna,
die Hände zusammenschlagend, aus.
»Der arme Ritter! Hurra!« schrie Koljä begeistert.
»Schweigen Sie! ... Wie darf man es wagen, mich hier in Ihrem Hause zu
beleidigen!« brachte Aglaja zornbebend hervor und stürzte zur Mutter.
Sie befand sich bereits in jenem hysterischen Zustande, in dem man alle
Grenzen vergißt. »Alle, alle, alle quälen mich! Und weshalb? Fürst,
weshalb werde ich die ganze Zeit, ganze drei Tage schon, Ihretwegen
gequält? Unter keiner Bedingung werde ich Sie heiraten! Hören Sie? Unter
keiner Bedingung, nie, niemals! Damit Sie es nur wissen! Kann man denn
einen so lächerlichen Menschen wie Sie überhaupt lieben? So blicken Sie
doch nur einmal in den Spiegel, sehen Sie doch, wie Sie dastehen und wie
Sie jetzt aussehen! Weshalb, weshalb necken mich alle, weshalb ziehen
sie mich immer damit auf, daß ich Sie heiraten würde? Sie müssen es
wissen! Sie sind gleichfalls mit ihnen im Bunde, alle haben sie sich
gegen mich verschworen!«
»Niemand hat sie aufgezogen, was redet sie!« stotterte Adelaida
aufrichtig erschrocken.
»Es ist uns überhaupt nicht in den Sinn gekommen, auch nur ein Wort
davon zu sagen!« versicherte Alexandra Iwanowna sichtlich bestürzt.
»Wer hat sie aufgezogen? Wann denn? Wer hat ihr so etwas sagen können?
Phantasierst du, bist du krank?« brachte Lisaweta Prokofjewna zitternd
vor Empörung hervor.
»Alle, alle haben mich aufgezogen, diese ganzen drei Tage! Niemals,
niemals werde ich ihn heiraten!« raste Aglaja, und plötzlich brach sie
in bittere Tränen aus, preßte ihr Taschentuch vor das Gesicht und sank
auf einen Stuhl.
»Ja aber ... er hat dich ja noch gar nicht darum geb...«
»Ich habe Sie gar nicht darum gebeten, Aglaja Iwanowna,« entfuhr es
plötzlich ganz unwillkürlich dem Fürsten.
»Wa--as?« fragte erstaunt und fast entsetzt Lisaweta Prokofjewna.
»Wa--as war das?«
Sie traute ihren Ohren nicht.
»Ich wollte sagen ... ich wollte nur sagen,« stammelte der Fürst
zitternd, »ich wollte Aglaja Iwanowna nur erklären ... die Ehre haben,
ihr zu erklären, daß ich durchaus nicht die Absicht gehabt habe ... die
Ehre gehabt habe, um Ihre Hand anzuhalten ... Ich bin hier wirklich, bei
Gott, ganz unschuldig, Aglaja Iwanowna! Ich habe es niemals gewollt, es
ist mir nie in den Sinn gekommen, und ich werde es auch niemals wollen,
Sie werden sehen, Sie können vollkommen ruhig sein, ich versichere Sie!
Es muß mich hier ein mir übelwollender Mensch verleumdet haben! Sie
können wirklich ganz ruhig sein!«
Während er das sprach, hatte er sich Aglaja genähert. Plötzlich nahm sie
das Taschentuch vom Gesicht, blickte ihn schnell an, dachte einen
Augenblick nach und -- brach in helles Gelächter aus, in ein so
fröhliches, unbezwingbares, ansteckendes Lachen, daß Adelaida als erste
nicht widerstehen konnte, namentlich nach einem Blick auf den Fürsten,
schnell zur Schwester lief, sie umarmte und in ein ebenso unbezwingbares
Lachen ausbrach wie diese. Beim Anblick der beiden, wie die Schulrangen
lachenden Schwestern mußte plötzlich auch der Fürst lächeln, und
erleichtert, froh und glücklich sagte er:
»Gott sei Dank, nun, Gott sei Dank!«
Da hielt es auch Alexandra nicht aus und begann gleichfalls von ganzem
Herzen zu lachen. Das Gelächter der drei schien gar kein Ende mehr
nehmen zu wollen.
»Verrückt seid ihr!« brummte Lisaweta Prokofjewna. »Zuerst erschreckt
ihr einen -- ich weiß nicht wie, und dann ...«
Da lachte auch schon Fürst Sch., und lachten Jewgenij Pawlowitsch und
Koljä, und beim Anblick so vieler Lachenden mußte schließlich auch der
Fürst lachen.
»Gehen wir spazieren, gehen wir spazieren!« rief Adelaida. »Alle, alle,
auch der Fürst muß mitkommen! Nein, Sie dürfen jetzt nicht fortgehen,
Sie lieber Mensch, Sie! Nein, wie reizend er doch ist, Aglaja! Nicht
wahr, _maman_? Nein, ich muß ihm jetzt unbedingt, unbedingt einen Kuß
dafür geben, für ... für den Korb, den er Aglaja gegeben hat! _Maman_,
liebe, gute, Sie erlauben mir doch, ihn zu küssen? Aglaja, erlaubst du,
daß ich _deinen_ Fürsten küsse?« rief die Unartige in ihrem Übermut,
lief schnell zum Fürsten und küßte ihn auch tatsächlich auf die Stirn.
Fürst Lew Nikolajewitsch ergriff ihre beiden Hände, preßte sie so fest
zusammen, daß Adelaida fast aufschreien wollte, blickte sie mit
unendlicher Freude an, und plötzlich führte er schnell ihre Hand an
seine Lippen und küßte sie dreimal.
»Gehen wir!« rief Aglaja. »Fürst, Sie werden mit mir gehen. Darf ich,
_maman_? Er hat mir doch einen Korb gegeben! Sie haben sich doch auf
ewig von mir losgesagt, Fürst? Aber doch nicht so, doch nicht so reicht
man einer Dame den Arm! Wissen Sie denn noch nicht, wie man einer Dame
den Arm reicht? So, sehen Sie, so macht man das. Nun, gehen wir jetzt,
gehen wir! Und wir sind das erste Paar, wir wollen vorausgehen! Wollen
Sie so mit mir gehen -- _tête-à-tête?_«
Sie sprach ohne Unterlaß, und immer noch konnte sie ihr Lachen nicht
ganz bezwingen.
»Gott sei Dank! Nun, Gott sei Dank!« atmete Lisaweta Prokofjewna wie
erlöst auf, ohne selbst so recht zu wissen, worüber sie sich eigentlich
freute und wofür sie dankte.
»Sonderbare Menschen!« dachte Fürst Sch., vielleicht zum hundertsten
Male schon, seit er sie kennen gelernt hatte ... sie gefielen ihm, diese
sonderbaren Menschen. Nur der Fürst gefiel ihm bedeutend weniger. Fürst
Sch. fühlte sich sehr beunruhigt, als sie alle zusammen den Spaziergang
antraten.
Jewgenij Pawlowitsch war scheinbar in der heitersten Laune. Auf dem
ganzen Wege bis zum Kurhaus scherzte er mit Alexandra und Adelaida, die
ihrerseits mit so auffallender Bereitwilligkeit auf seine Späße
eingingen, daß er den Verdacht schöpfte, sie könnten ihm überhaupt nicht
zuhören. Bei diesem Gedanken lachte er dann plötzlich, ohne einen Grund
anzugeben, laut auf, und zwar aufrichtig, von ganzem Herzen, -- das war
schon so sein Charakter! Die Schwestern befanden sich beide in gehobener
Stimmung, ununterbrochen beobachteten sie Aglaja und den Fürsten, die
ihnen vorangingen; augenscheinlich kam ihnen ihre jüngste Schwester sehr
rätselhaft vor. Fürst Sch. wiederum gab sich Mühe, Lisaweta Prokofjewna
mit nebensächlichen Dingen zu unterhalten, vielleicht um sie von
gewissen anderen Dingen abzulenken, und langweilte und ärgerte sie
schrecklich damit. Sie schien sehr niedergeschlagen zu sein, antwortete
zerstreut und manchmal überhaupt nicht. Doch das rätselhafte Benehmen
Aglaja Iwanownas sollte an diesem Abend noch nicht sein Ende finden. Als
man sich ungefähr hundert Schritt von der Datsche entfernt hatte,
flüsterte Aglaja halblaut ihrem schweigsamen Begleiter zu:
»Sehen Sie nach rechts.«
Der Fürst blickte hin.
»Sehen Sie diese Bank im Park, dort wo die drei großen Bäume stehen ...
die grüne Bank?«
Der Fürst bejahte.
»Gefällt Ihnen dieser Platz? Dorthin gehe ich bisweilen des Morgens
gegen sieben Uhr, allein, wenn die anderen noch schlafen.«
Der Fürst antwortete verwirrt, daß der Platz in der Tat sehr schön sei.
»Doch jetzt gehen Sie fort von mir, ich will nicht mehr mit Ihnen Arm in
Arm gehen. Oder bleiben Sie, doch sprechen Sie mit mir kein Wort. Ich
will mich mit meinen eigenen Gedanken beschäftigen ...«
Diese Aufforderung war jedenfalls sehr überflüssig; der Fürst hätte
sicher auch ohne diesen Befehl auf dem ganzen Wege zu ihr nicht ein
einziges Wort gesprochen. Sein Herz klopfte so heftig, als sie ihm die
Bank zeigte, doch beruhigte er sich bald darauf wieder und wies die
dummen Gedanken, die ihm kamen, mit Entrüstung von sich.
Bei den Pawlowsker Kurhauskonzerten[22] ist das Publikum bekanntlich an
Wochentagen ein besseres und gewählteres, als an den Sonn- und
Feiertagen, an denen alle Welt aus Petersburg dorthin kommt. Die
Toiletten sind nicht so auffallend, doch eleganter, und es gehört zum
guten Ton, dorthin zur Musik zu gehen. Das Orchester ist in der Tat das
beste von allen unseren Sommerorchestern und setzt immer die neuesten
Kompositionen auf das Programm. Der gesellschaftliche Ton ist
vorzüglich, der Besuch des Publikums trägt einen intimeren Charakter.
Die Datschenbewohner geben sich hier ihr Rendezvous. Viele finden sich
mit Vergnügen nur um des Rendezvous' willen hier ein; doch gibt es auch
andere, die wirklich der Musik wegen kommen. Skandalgeschichten ereignen
sich an diesen Tagen äußerst selten, doch pflegen auch sie manchmal
vorzukommen. Ganz ohne Skandal scheint es denn doch einmal in der Welt
nicht abzugehen.
Der Abend war diesmal wunderschön, und es hatte sich viel Publikum
versammelt. Um das Orchester herum waren alle Plätze besetzt. Unsere
Gesellschaft nahm auf einigen Stühlen am linken Ausgange des Saales
Platz. Das Wogen der Menge und die Musik belebte Lisaweta Prokofjewna
und erheiterte auch die jungen Damen; sie nickten freundlich Bekannten
zu, die sie erblickten, kritisierten die Toiletten und machten sich über
manche auffallende Einzelheiten an ihnen lustig. Auch Jewgenij
Pawlowitsch grüßte des öfteren. Aglaja und der Fürst, die immer noch
zusammen waren, lenkten die Aufmerksamkeit der Anwesenden ersichtlich
auf sich. Bald kamen bekannte junge Leute zu ihnen, meistenteils
Leutnants und Freunde Jewgenij Pawlowitschs, die bei der Mutter und den
jungen Damen ihre Aufwartung machten. Unter diesen befand sich auch ein
junger, sehr schöner, sehr lustiger und unterhaltender Offizier: er
bemühte sich, die Aufmerksamkeit Aglajas auf sich zu lenken und sie in
ein Gespräch zu ziehen. Aglaja war sehr liebenswürdig und heiter zu ihm.
Jewgenij Pawlowitsch stellte seinen Freund auch dem Fürsten vor.
Der Fürst begriff kaum, was um ihn vorging, er reichte fast unbewußt dem
Leutnant seine Hand. Der Freund Jewgenij Pawlowitschs richtete an ihn
eine Frage, doch der Fürst beantwortete sie nicht oder murmelte etwas
Unverständliches vor sich hin, so daß der Leutnant ihn befremdet
musterte, darauf Jewgenij Pawlowitsch ansah und sofort begriff, warum
der sie miteinander bekannt gemacht hatte. Lächelnd wandte er sich dann
wieder Aglaja zu. Nur Jewgenij Pawlowitsch war es aufgefallen, daß
Aglaja plötzlich darüber errötete.
Der Fürst bemerkte es nicht einmal, daß andere sich um die Gunst Aglajas
bewarben, ja, er vergaß sogar minutenlang, daß er neben ihr saß. Am
liebsten wäre er irgendwohin entflohen, an einen düsteren, öden Ort, nur
um mit seinen Gedanken allein sein zu können, und so, daß niemand wußte,
wo er sich befand. Oder, wäre er wenigstens bei sich allein zu Hause auf
der Terrasse gewesen, ohne Lebedeff, ohne die Kinder, könnte er
wenigstens allein in seinem Zimmer sich auf seinem Diwan ausstrecken,
sein Gesicht in die Kissen drücken und so liegen Tag und Nacht und noch
einen Tag! Für Augenblicke sehnte er sich nach den Bergen und dachte an
seinen Lieblingsplatz an der Trift: wohin er, als er dort lebte, immer
zu gehen pflegte, um von ihm aus hinunter ins Dorf sehen zu können, auf
den nebligen weißen Strich des Wasserfalls, auf die weißen Wolken und
die alte Schloßruine. Oh, wie gerne wäre er jetzt dort, um nur an das
eine zu denken, -- oh, sein ganzes Leben lang nur daran --, und auf
tausend Jahre hätte es gereicht! Und möge man, möge man ihn hier ganz
vergessen. Oh, es müßte sogar so sein, und es wäre besser, wenn sie ihn
überhaupt nicht gekannt hätten und wenn alles, was er hier erlebt, nur
ein Traum gewesen wäre. Aber ist es denn nicht einerlei, ob Traum, ob
Wirklichkeit! Plötzlich starrte er Aglaja an und wandte ganze fünf
Minuten lang seinen Blick von ihrem Gesicht nicht ab. Doch sonderbar war
dieser Blick von ihm: es schien, als sehe er auf sie wie einen
Gegenstand, der sich weit, weit von ihm befände, oder wie auf ihre
Photographie, und nicht auf sie selbst.
»Weshalb sehen Sie mich so an, Fürst?« fragte sie ihn plötzlich, das
Gespräch mit ihrer Umgebung abbrechend. »Ich fürchte mich vor Ihnen; mir
scheint es, als wollten Sie Ihre Hand ausstrecken, um mit einem Finger
mein Gesicht zu berühren. Genau so sieht er mich an, nicht wahr,
Jewgenij Pawlowitsch?«
Der Fürst hörte sie an und schien ganz verwundert, daß sie sich an ihn
gewandt hatte, auch verstand er sie gar nicht, denn er antwortete nichts
darauf. Als er aber sah, daß sie und alle lachten, da verzog auch er
seinen Mund zu einem Lächeln. Das Gelächter um ihn herum verstärkte
sich; der Leutnant, offenbar ein sehr lachlustiger Mensch, platzte vor
Lachen. Aglaja murmelte plötzlich wütend vor sich hin:
»Idiot!«
»Großer Gott, könnte sie denn wirklich solch einen ... hat sie wirklich
ganz ihren Verstand verloren!« murmelte knirschend vor Wut Lisaweta
Prokofjewna.
»Das ist nur Scherz, wie das mit dem armen Ritter,« flüsterte ihr
Alexandra ins Ohr, »und nichts mehr! Sie hat ihn wieder aufs Korn
genommen. Doch dieser Spaß geht wirklich zu weit, _maman_, man muß dem
ein Ende machen. Vorhin am Abend gebärdete sie sich ja wie eine
Schauspielerin, hat uns nur erschrecken wollen ...«
»Es ist doch gut, daß sie auf einen solchen Idioten gestoßen ist,«
antwortete ihr leise Lisaweta Prokofjewna.
Der Fürst hatte es gehört, daß man ihn einen Idioten nannte und zuckte
zusammen -- doch nicht eigentlich, weil man ihn so genannt hatte. Das
Wort »Idiot« vergaß er sofort. Aber im Gedränge, nicht weit davon
entfernt, wo er saß -- er hätte nicht sagen können, an welcher Stelle
--, tauchte plötzlich wieder ein Gesicht auf, ein bleiches Gesicht mit
dunklen lockigen Haaren, mit dem bekannten, nur zu bekannten Lächeln und
dem Blick, -- tauchte auf und verschwand. Vielleicht hatte ihm alles das
nur so geschienen. Von der ganzen Erscheinung blieben ihm nur die Augen,
das Lächeln und das hellgrüne Halstuch haften, das die vor ihm
auftauchende Erscheinung getragen. Verlor sich dieser Mensch in der
Menge? oder war er zum Saal hinausgegangen? Das konnte der Fürst nicht
sagen.
Eine Minute nachher sprang er plötzlich auf und blickte unruhig um sich;
wie wenn die erste Erscheinung der Vorläufer einer zweiten wäre? So
mußte es sicher kommen. Hatte er wirklich die Möglichkeit einer
Begegnung so ganz vergessen, daß er hierher gekommen war? Wirklich, als
er hierher gekommen war, hatte er überhaupt nicht gewußt, wohin er ging,
in einem solchen Zustande befand er sich. Wenn er nur etwas aufmerksamer
gewesen wäre, so hätte er noch vor einer Viertelstunde bemerken können,
mit welcher Unruhe und Erwartung Aglaja um sich geblickt hatte, als ob
sie jemanden suchte, erwartete. Jetzt, als sie seine Unruhe bemerkte,
wuchs auch ihre Aufregung, und als er sich umblickte, folgte auch sie
seinen Blicken. Die Katastrophe sollte nicht ausbleiben.
In demselben Eingange, in dessen Nähe Jepantschins sich niedergelassen
hatten, erschien plötzlich ein Schwarm von etwa zehn Menschen. Ihnen
voran gingen drei Damen, zwei von ihnen waren von ungewöhnlicher
Schönheit, so daß es weiter nicht wunderlich schien, wenn ihnen so viele
Verehrer folgten. Doch sie selbst wie ihr Gefolge waren etwas
außergewöhnlicher Art und in Haltung und Auftreten gar nicht dem sonst
anwesenden Publikum ähnlich. Alle bemerkten sie sofort, doch der größte
Teil des Publikums bemühte sich auch sogleich, sie nicht zu beachten,
und nur einige jüngere Herren schauten ihnen lächelnd nach oder sprachen
miteinander halblaut über sie. Die Neuangekommenen überhaupt nicht zu
bemerken, war eigentlich unmöglich, da sie sich laut benahmen und
lachten. Einige aus dieser sonderbaren Gesellschaft schienen schon recht
angeheitert zu sein, obgleich die meisten von ihnen elegant und
stutzerhaft gekleidet waren. Doch befanden sich unter ihnen auch Leute
von zweifelhaftem Aussehen und zweifelhafter Kleidung und mit
hochgeröteten Gesichtern. Auch etliche niedere Militärpersonen waren
dabei und Gentlemen in älteren Jahren, mit schwarzen, glänzenden
Perücken, mit prächtigen Backenbärten, goldenen Ringen und kostbaren
Busennadeln, eine Sorte von Menschen, deren Bekanntschaft Leute aus
guter Gesellschaft wie die Pest scheuen.
Um vom Kurhaus auf den freien Platz zu gelangen, wo die Musikhalle sich
befand, mußte man einige Stufen hinabsteigen. Bei diesen Stufen jedoch
blieb die Gesellschaft stehen; offenbar wagte man sich nicht recht vor,
nur eine von den Damen ging weiter, gefolgt von zwei Herren aus ihrer
Gesellschaft. Der eine von ihnen war ein Mann in mittleren Jahren, von
bescheidenem, anständigem Äußeren. Doch machte er den Eindruck eines
Menschen, der niemand kennt und von niemandem gekannt wird. Der andere
dagegen, der ihr folgte, machte in jedem Sinne einen gänzlich zerlumpten
Eindruck. Sonst folgte keiner der exzentrischen Dame, doch schien ihr
das vollständig gleichgültig zu sein, denn als sie die Treppe
hinabstieg, sah sie sich nicht einmal nach den anderen um. Sie lachte
und unterhielt sich mit lauter Stimme wie vorher; gekleidet war sie
kostbar und geschmackvoll, wenn auch etwas auffallender, als es sich
schickte. Sie ging die Estrade entlang auf die andere Seite hinüber, wo
vor dem Ausgang eine Equipage auf sie zu warten schien.
Der Fürst hatte _sie_ bereits drei Monate nicht mehr gesehen. Alle diese
Tage, seit seiner Ankunft in Petersburg, hatte er zu ihr gehen wollen,
doch ein geheimes Vorgefühl hielt ihn immer wieder davon zurück.
Wenigstens konnte er sich ein Wiedersehen mit ihr gar nicht vorstellen,
und vor dem Eindruck, den diese Begegnung auf ihn machen würde, hatte er
gezittert. Eines war ihm klar -- diese Begegnung, wenn sie stattfand,
würde eine verhängnisvolle sein. Wie oft dachte er in diesen sechs
Wochen an den ersten Eindruck, den das Gesicht dieser Frau auf ihn
gemacht hatte, damals, als er es auf der Photographie gesehen: es war
ein schwerer, ein quälender Eindruck gewesen. Und dieser Monat, den er
mit ihr in der Provinz verlebt, wo er sie jeden Tag gesehen hatte, war
für ihn eine so quälende Erinnerung, daß er an diese jüngste
Vergangenheit gar nicht zu denken wagte. Das Gesicht dieser Frau machte
ihn leiden. Er hatte diese Empfindung Rogoshin gegenüber Mitleid
genannt, endloses Mitleid, und so war es auch: schon das Gesicht auf der
Photographie hatte in seinem Herzen eine Qual von Mitleid entzündet, und
diese qualvolle Mitleidenschaft würde ihn nie mehr verlassen und verließ
ihn auch jetzt nicht, das wußte er. O, es hatte sogar noch zugenommen!
Doch jetzt, in diesem Augenblick, als sie so plötzlich erschien, begriff
er oder vielmehr fühlte er unbewußt, daß auch diese Erklärung seines
Gefühls Rogoshin gegenüber allein nicht ausreichte. Denn es fehlten ihm
die Worte, dieses Entsetzen, ja, dieses Entsetzen, diese Angst
auszudrücken! Jetzt, in dieser Minute fühlte er es wieder, ja, er war
überzeugt, vollständig überzeugt, aus seinen eigenen besonderen Gründen
überzeugt, daß diese Frau -- wahnsinnig sei! Er empfand dasselbe, wie
jemand, der eine Frau über alles in der Welt liebt oder die Möglichkeit
einer solchen Liebe versteht -- und plötzlich diese Frau angekettet
hinter Eisengittern und unter dem Stock des Aufsehers sieht.
»Was ist Ihnen?« flüsterte Aglaja erschrocken und berührte naiv seine
Hand.
Er wandte den Kopf nach ihr um, sah sie an, blickte in ihre schwarzen,
für ihn unverständlich blitzenden Augen und versuchte zu lächeln. Doch
in demselben Augenblick vergaß er sie schon wieder, und wieder
schweiften seine Augen nach rechts und suchten diese außergewöhnliche
Erscheinung. Nastassja Filippowna ging in diesem Augenblick gerade an
den Stühlen der jungen Damen vorüber, in deren Gesellschaft Jewgenij
Pawlowitsch lachte und scherzte. Der Fürst erinnerte sich noch, wie
Aglaja plötzlich halblaut ausrief: »Welche ...«
Sie sprach das Wort nicht aus, doch hatte es genügt. Nastassja
Filippowna, die tat, als ob sie bis dahin niemand bemerkt hätte, wandte
sich plötzlich nach ihnen um, und, als ob sie jetzt erst Jewgenij
Pawlowitsch sähe, rief sie aus:
»Bah, da ist er ja!« zugleich blieb sie stehen. »Sonst kann man ihn
vergeblich suchen, kein Bote erreicht ihn. Da sitzt er jetzt, wo man ihn
am wenigsten vermutet ... Ich dächte, du solltest dort sein bei ihm ...
bei deinem Onkel.«
Jewgenij Pawlowitsch fuhr jäh auf und blickte Nastassja Filippowna
wütend an, doch wandte er ihr sogleich wieder den Rücken zu.
»Wie? Weißt du es denn noch nicht? Stellt euch doch nur vor, er weiß es
noch nicht! Er hat sich ja erschossen! Heute morgen hat dein Onkel sich
erschossen! Heute um zwei Uhr habe ich es erfahren, die halbe Stadt weiß
es bereits -- dreihundertfünfzigtausend Rubel fehlen in der Kronskasse,
andere sagen: fünfhunderttausend. Und ich rechnete darauf, daß du noch
mal erben würdest, -- alles hat er durchgebracht. Der allerverkommenste
Lebemann war dein Alter ... Nun, leb wohl, _bonne chance_!{[27]} Willst
du denn wirklich nicht hinfahren? Hast also zur rechten Zeit deinen
Abschied genommen, du Schlaukopf! Doch Unsinn, er wußte es sicher schon
früher; vielleicht schon gestern ...«
Mit der falschen Vorspiegelung einer intimen Bekanntschaft, die gar
nicht existierte, schien Nastassja Filippowna sicher eine besondere
Absicht zu verfolgen, das wußte Jewgenij Pawlowitsch, und er hatte daher
zuerst versucht, sich so zu stellen, als ob er sie überhaupt nicht
bemerkte. Doch ihre Worte trafen ihn wie Keulenschläge; als er vom Tode
des Onkels hörte, wurde sein Gesicht so weiß wie ein Tuch, und er wandte
sich unwillkürlich zu der Sprechenden. In dem Augenblick erhob sich auch
Lisaweta Prokofjewna von ihrem Stuhl, forderte die anderen auf, ihr zu
folgen, und verließ so schnell als möglich den Saal. Nur der Fürst Lew
Nikolajewitsch blieb unentschlossen stehen, als besänne er sich noch
eine Sekunde, und auch Jewgenij Pawlowitsch stand noch immer wie
besinnungslos da. Doch hatten sich Jepantschins kaum auf zwanzig Schritt
entfernt, als es zu einem schrecklichen Skandal kam.
Der Leutnant und Freund Jewgenij Pawlowitschs, der sich mit Aglaja
unterhalten hatte, geriet plötzlich außer sich.
»Hier ist einfach eine Peitsche nötig, sonst wird man dieses Geschöpf
nicht los werden!« rief er laut. Wie es schien, mußte auch er schon
vorher ein Vertrauter Jewgenij Pawlowitschs gewesen sein.
Nastassja Filippowna wandte sich blitzschnell nach ihm um. Ihre Augen
flammten. Sie stürzte sich auf den ersten jungen ihr gänzlich
unbekannten Mann, der zwei Schritte von ihr entfernt stand und in der
Hand ein dünnes geflochtenes Rohrstöckchen hielt, riß es ihm aus der
Hand und schlug damit ihrem Beleidiger quer übers Gesicht. Das alles
geschah in einem Augenblick ... Der Leutnant, außer sich, stürzte sich
auf sie. Nastassja Filippowna stand ganz allein da, ihr Gefolge hatte
sie verlassen. Auch der anständige Herr in den mittleren Jahren war
nicht mehr zu sehen. In einer Minute freilich wäre die Polizei
erschienen, aber diese eine Minute würde Nastassja Filippowna gefährlich
geworden sein, wenn ihr nicht unerwartet Hilfe gekommen wäre. Der Fürst,
einige Schritte nur vom Leutnant entfernt, packte diesen hinterrücks an
beiden Armen. Der Leutnant riß sich jedoch sofort los und stieß den
Fürsten so heftig vor die Brust, daß er in einer Entfernung von drei
Schritt auf einen Stuhl fiel. Unterdessen hatte aber Nastassja
Filippowna andere Hilfe erhalten: vor dem Leutnant stand plötzlich der
Boxer und Autor des Zeitungsartikels, einstiger Genosse der früheren
Rogoshinschen Rotte.
»Mein Name ist Keller, Leutnant a. D.,« stellte sich dieser vor. »Wenn
Sie einen Faustkampf wünschen, Herr Hauptmann, so stehe ich, in
Vertretung der Dame, Ihnen zu Diensten. Verstehe mich vortrefflich auf
die englische Boxkunst. Beruhigen Sie sich, Herr Hauptmann! Ich bedaure
sehr, daß man Sie so beleidigt hat, doch kann ich es nicht erlauben, daß
Sie einer Dame gegenüber, noch dazu vor den Augen des Publikums, von
Ihrem Faustrecht Gebrauch machen wollen. Wenn Sie sonst auf andere,
anständigere Weise von mir Rechenschaft zu fordern wünschen, so werde
ich selbstverständlich, Herr Hauptmann ...«
Doch der Hauptmann-Leutnant war schon wieder zu sich gekommen und hörte
ihn gar nicht mehr an. In diesem Augenblick tauchte plötzlich Rogoshin
aus der Menge auf, reichte Nastassja Filippowna den Arm und führte sie
fort. Er war blaß vor Erregung und zitterte. Doch konnte er sich nicht
enthalten, im Vorübergehen dem Leutnant ins Gesicht zu lachen und
höhnisch-triumphierend zu rufen:
»Das hat gezogen! Das ganze Gesicht blutunterlaufen! Ha!«
Dem Leutnant kam zum Bewußtsein, mit wem er es zu tun hatte, er bedeckte
sein Gesicht mit dem Taschentuch und wandte sich höflich an den Fürsten:
»Fürst Myschkin, ich hatte die Ehre, mit Ihnen bekannt zu sein?«
»Sie ist wahnsinnig! wahnsinnig! Ich versichere es Ihnen,« antwortete
ihm der Fürst mit bebender Stimme und streckte ihm seine zitternden
Hände entgegen.
»Ich kann mir freilich mit solchen Kenntnissen nicht schmeicheln; Ihren
Namen jedoch muß ich wissen.«
Er verneigte sich leicht und ging davon. Die Polizei erschien genau fünf
Sekunden nachher, als die letzten Beteiligten des Skandals verschwunden
waren. Übrigens dauerte das Ganze nur fünf Minuten. Ein Teil des
Publikums hatte sich von seinen Stühlen erhoben und verließ das Konzert;
ein anderer wieder wechselte nur die Plätze; ein dritter freute sich
über den Skandal, und alle sprachen interessiert und lebhaft darüber.
Mit einem Wort, es endete wie gewöhnlich. Das Orchester spielte wieder.
Der Fürst war bereits Jepantschins gefolgt. Hätte er sich während des
Vorfalles umgesehen, so hätte er bemerkt, wie Aglaja, zwanzig Schritt
von ihm entfernt, der Szene zuschaute, ohne auf die Zurufe ihrer Mutter
und ihrer Schwestern zu achten, die weitergingen. Fürst Sch. kehrte zu
ihr zurück und bat sie, ihm zu folgen. Lisaweta Prokofjewna fiel es auf,
daß Aglaja, als sie in höchster Erregung zu ihnen zurückkehrte, ihre
Vorwürfe überhaupt nicht beachtete. Doch nach zwei Minuten, als die
Gesellschaft in den Park trat, sagte sie bereits mit der
allergleichgültigsten und launenhaftesten Stimme:
»Ich wollte nur sehen, wie die Komödie enden würde.«