Es war bereits zwölf Uhr. Der Fürst wußte, daß er bei Jepantschins in
ihrer Stadtwohnung jetzt nur den General antreffen würde, und vielleicht
nicht einmal diesen. Außerdem stand zu befürchten, daß der General ihn
sogleich nach Pawlowsk würde mitnehmen wollen, er aber wollte vorher
noch unbedingt einen bestimmten Menschen aufsuchen. Und so entschloß er
sich, selbst auf die Gefahr hin, den General nicht mehr anzutreffen und
die Fahrt nach Pawlowsk auf den nächsten Tag hinausschieben zu müssen,
zuerst jenes Haus aufzusuchen, zu dem es ihn geradezu gewaltsam hinzog.
Dieser Besuch hatte indessen etwas Gewagtes für ihn. Er wußte eigentlich
noch nicht, ob er gehen oder nicht gehen sollte. Die Adresse kannte er
nicht genau; er wußte nur, daß das Haus in der Gorochowaja, nicht weit
von der Ssadowaja lag, und so ging er in dieser Richtung weiter, während
er sich innerlich beruhigte, daß er ja bis dahin noch Zeit genug haben
würde, sich endgültig zu entscheiden.
Als er an die Kreuzung der beiden Straßen kam, wunderte er sich selbst
über seine ungewöhnliche Aufregung: er hatte nicht gedacht, daß sein
Herz so heftig schlagen würde. Ein Haus in der Gorochowaja zog,
wahrscheinlich durch seine besondere Bauart, schon von weitem die
Aufmerksamkeit des Fürsten auf sich, und er sagte sich: >Bestimmt ist es
dieses Haus!< Mit fast schmerzhafter Neugier näherte er sich ihm, um
sich zu überzeugen, ob seine Ahnung ihn nicht betrog; er fühlte, daß es
ihm aus irgendeinem Grunde ganz besonders unangenehm sein würde, wenn er
es erraten hätte. Es war ein großes, düsteres Haus von drei Stockwerken,
ohne jeden architektonischen Schmuck, von dunkler, schmutziggrüner
Farbe. Einige, übrigens nur sehr wenige Häuser dieser Art, die aus dem
Ende des vorigen Jahrhunderts stammen, haben sich noch hier und da
unverändert erhalten, selbst hier in diesen Straßen Petersburgs, wo sich
sonst doch alles so schnell verändert. Sie sind sehr dauerhaft gebaut,
mit dicken Mauern und verhältnismäßig nur wenigen Fenstern, die in der
unteren Etage bisweilen noch mit einem starken Eisengitter versehen
sind. Im Erdgeschoß befindet sich gewöhnlich eine Wechselbank, und der
Besitzer, ein Sektierer (in der Regel ist es einer von der
Skopzensekte), hat seine Wohnung in einem der oberen Stockwerke. Von
außen wie von innen scheinen diese Häuser in gewisser Weise ungastlich
zu sein, dunkel und ernst, alles scheint sich gleichsam zurückziehen und
verbergen zu wollen, hinter allem scheint ein Geheimnis zu stecken,
weshalb das aber so scheint, nur aus der Physiognomie des Hauses heraus
so scheint -- das wäre schwer zu erklären. Die architektonischen Linien
und Umrisse haben natürlich ihr eigenes Geheimnis. In solchen Häusern
leben, wie gesagt, fast ausschließlich Kaufleute. Als der Fürst an den
Eingang des Hauses kam, blickte er auf das Schild über der großen Tür
und las: »Haus des erblichen Ehrenbürgers Rogoshin.«
Der Fürst hatte sich entschlossen. Er öffnete die Glastür, die
geräuschvoll hinter ihm zuschlug, als er eingetreten war und auf der
steinernen Treppe zum zweiten Stockwerk emporzusteigen begann. Das ganze
Treppenhaus war dunkel, massiv aus Stein gebaut, ohne jeden Schmuck, und
die Wände waren dunkelrot angestrichen. Er wußte, daß Parfen Rogoshin
mit seiner Mutter und seinem Bruder Ssemjon das ganze zweite Stockwerk
dieses düsteren Hauses bewohnte. Der Bediente, der dem Fürsten öffnete,
führte ihn sogleich, ohne ihn vorher anzumelden, durch mehrere große und
kleine Räume: zuerst gingen sie durch einen großen Saal, dessen Wände
nach altem Stil marmorartig bemalt waren, mit kostbarem Eichenparkett
und den schweren geradlinigen Möbeln aus den zwanziger Jahren; dann
folgten kleinere Räume, einzelne fast wie Käfige so klein, doch der
Diener führte ihn immer noch weiter, im Zickzack bald nach rechts, bald
nach links; zu manchen Zimmern stiegen sie zwei oder drei Stufen hinauf,
um dann bald wieder ebensoviel Stufen hinabzusteigen, bis der Bediente
endlich vor einer Tür stehen blieb und anklopfte.
Man hörte Schritte und die Tür wurde geöffnet -- von Parfen Rogoshin.
Als er den Fürsten erblickte, wich alles Blut aus seinem Gesicht, und er
blieb wie zu Stein erstarrt stehen und sah ihn mit seinem unbeweglichen,
fragend erschrockenen Blick an, während sein Mund plötzlich zuckte, als
wolle er sich zu einem Lächeln verziehen, und dann lächelte er auch
wirklich, wie in höchster Verwunderung. Es war, als hätte Rogoshin den
Besuch des Fürsten für etwas ganz Unmögliches, für ein tatsächliches
Wunder gehalten. Der Fürst hatte zwar etwas Derartiges erwartet, mußte
sich nun aber doch selber darüber wundern.
»Parfen ... vielleicht komme ich dir nicht gelegen -- dann will ich dich
nicht stören,« sagte er schließlich verwirrt.
»Doch! Doch!« besann sich plötzlich Rogoshin, »bitte, tritt nur ein!«
Sie standen beide auf du und du. In Moskau waren sie oft und stundenlang
zusammen gewesen, und es hatte in ihrem Zusammensein Augenblicke
gegeben, die sich leider zu tief ins Herz geprägt hatten, um jemals von
ihnen vergessen werden zu können. Jetzt hatten sie sich seit mehr als
drei Monaten nicht gesehen.
Rogoshin war immer noch bleich, und von Zeit zu Zeit lief es wie ein
plötzliches, kaum merkliches Zucken über sein Gesicht. Er hatte den
Fürsten wohl aufgefordert, näher zu treten, doch seine ungewöhnliche
Erregung und Verwirrung waren noch nicht vergangen. Während er den
Fürsten zu einem der großen Lehnstühle am Tisch führte, blickte sich
jener wie zufällig nach ihm um und blieb regungslos unter dem seltsamen
Eindruck seines unbestimmbaren, schweren Blickes stehen. Es war dem
Fürsten, als hätte ihn etwas durchbohrt, und gleichzeitig fühlte er sich
an etwas erinnert -- etwas Schweres, Finsteres, Düsteres ... vor ein
paar Stunden Geschehenes. Regungslos, ohne sich zu setzen, blickte er
Rogoshin unverwandt in die Augen; die waren im ersten Augenblick
gleichsam noch mehr erglüht. Endlich lachte Rogoshin kurz und leise auf;
doch aus diesem kurzen, fast lautlosen Lachen tönte eine gewisse
Verwirrung hervor, lag etwas wie Verlorenes.
»Was siehst du mich so aufmerksam an?« brummte er dann mit halblauter
Stimme. »Setz dich!«
Der Fürst setzte sich.
»Parfen,« sagte er, »sage mir aufrichtig: Wußtest du, daß ich heute in
Petersburg eintreffen würde?«
»Daß du kommen würdest, das hab' ich mir gedacht, und da hab' ich mich,
wie du siehst, auch nicht geirrt,« sagte jener mit ironischem Lächeln.
»Aber wie sollte ich wissen, daß du gerade heute kommen würdest!«
Die gewisse schroffe Heftigkeit und seltsame Gereiztheit der Frage, die
seine Antwort in sich schloß, machten den Fürsten noch stutziger.
»Und wenn du auch gewußt hast, daß ich _heute_ kommen würde, weshalb
braucht man sich denn da zu ärgern?« fragte der Fürst leise und
augenscheinlich verwirrt.
»Wozu stellst du denn diese Frage?«
»Als ich heute morgen aus dem Kupee stieg, sah ich ein Augenpaar, das
genau so aussah und so blickte wie deine Augen, als du soeben hinter
meinem Rücken auf mich sahst.«
»Sieh mal an! Wessen Augen waren denn das?« fragte Rogoshin mißtrauisch.
Dem Fürsten schien es, als sei er zusammengezuckt.
»Ich weiß nicht, in der Menge irgendwo ... Es will mir sogar scheinen,
daß es mir nur so vorgekommen ist -- ich fange jetzt wieder an, alles
mögliche zu sehen. Und überhaupt, weißt du, fühle ich mich fast ebenso
wie damals vor fünf Jahren, als ich noch meine epileptischen Anfälle
hatte.«
»Nu was, vielleicht hat es dir auch nur so geschienen; ich weiß nicht
...« brummte Parfen, und er versuchte, freundlich zu lächeln, doch
dieses Lächeln paßte in diesem Augenblick nicht zu ihm, es war, als
hätte er gewaltsam etwas unterdrücken wollen, und das gelang ihm nicht,
wie sehr er sich auch dazu zwang.
»Was, nun geht's wieder ins Ausland?« fragte er, und plötzlich lachte
er: »Aber weißt du noch, wie wir im Waggon dritter Klasse damals im
Herbst aus Pskow kamen, ich hierher, und du ... in dem Kapuzenmantel,
weißt du noch, und den Gamaschen?«
Und Rogoshin lachte, doch tat er es diesmal mit unverhohlenem Ingrimm,
und ganz als hätte es ihn gefreut, daß er diesen Ingrimm wenigstens in
irgendeiner Weise ausdrücken konnte.
»Lebst du jetzt ganz hier?« fragte der Fürst, indem er sich im Kabinett
umsah.
»Ja, ich bin hier zu Hause. Wo sollte ich denn sonst sein?«
»Wir haben uns lange nicht gesehen. Ich habe von dir Dinge gehört, die
ich dir gar nicht zugetraut hätte.«
»Als ob wenig erzählt werden kann,« bemerkte Rogoshin trocken.
»Aber du hast doch die ganze Bande fortgejagt; selbst sitzt du zu Hause
und machst keine Geniestreiche mehr. Ich dachte -- das ist gut. Gehört
das Haus dir oder euch gemeinsam?«
»Das Haus gehört der Mutter. Zu ihr geht man hier durch den Korridor.«
»Und wo wohnt dein Bruder?«
»Mein Bruder Ssemjon Ssemjonytsch wohnt im Seitenflügel.«
»Ist er verheiratet?«
»Witwer. Wozu fragst du das?«
Der Fürst sah ihn an, ohne zu antworten. Er war plötzlich wie in
Gedanken versunken und hörte die Frage nicht. Rogoshin bestand nicht auf
der Antwort, er wartete. Beide schwiegen.
»Ich habe dieses Haus, als ich herkam, schon auf hundert Schritt als das
deinige erkannt,« sagte der Fürst.
»Woran denn das?«
»Das weiß ich selbst nicht. Dein Haus hat die Physiognomie eurer ganzen
Familie und eures ganzen Rogoshinschen Lebens; wenn du aber fragen
wolltest, woraus ich das schließe, so könnte ich es dir mit nichts
erklären. Wahn, natürlich. Es ängstigt mich sogar, daß mich das so
beunruhigt. Ich hätte früher nie gedacht, daß du in solch einem Hause
wohnst; als ich es jedoch erblickte, kam mir sogleich der Gedanke: >Aber
genau so muß ja doch sein Haus sein, es kann ja gar nicht anders sein!<«
»Sieh mal!« sagte Rogoshin unbestimmt, das Gesicht kurz zu einem Lächeln
verziehend. Er hatte den unklaren Gedanken des Fürsten nicht ganz
verstanden. »Dieses Haus hat noch mein Großvater gebaut,« bemerkte er.
»Hier haben beständig Sektierer gewohnt, Skopzen, eine Familie
Chludjäkoff. Und auch jetzt noch leben sie hier zur Miete.«
»Wie düster es hier ist! Im Düstern sitzt du,« sagte der Fürst, sich im
Kabinett umschauend.
Es war das ein großes Zimmer mit hoher, dunkler Decke, und auch alles
übrige war ziemlich dunkel gehalten. Das ganze Zimmer war voll von
allerhand Möbelstücken: da waren große Arbeitstische, ein Pult und an
den Wänden große Schränke, in denen verschiedene Geschäftspapiere und
noch andere Papiere aufgestapelt lagen. Ein großes, breites Kanapee, das
mit rotem Saffianleder überzogen war, diente Rogoshin augenscheinlich
als Schlafstelle. Der Fürst bemerkte auf dem Tisch, an dem sie beide
saßen, ein paar Bücher. Eines von denen, die Russische Geschichte
Ssolowjoffs, war aufgeschlagen und mit einem Lesezeichen versehen. An
den Wänden hingen in einstmals vergoldeten, doch nun matt und braun
gewordenen Rahmen einige stark nachgedunkelte Ölgemälde, auf denen man
nur schwer noch etwas unterscheiden konnte. Dagegen zog ein lebensgroßes
Männerporträt sofort die Aufmerksamkeit des Fürsten auf sich: es stellte
einen etwa fünfzigjährigen Mann dar in einem langschößigen Rock, der
jedoch deutschen Schnitt verriet, mit zwei Medaillen auf der Brust,
einem sehr spärlichen, kurzen, grauen Bart, runzligem und gelbem Gesicht
und einem argwöhnischen, verschlossenen und leidenden Blick.
»Ist das nicht gar dein Vater?« fragte der Fürst.
»Er selbst,« antwortete Rogoshin mit einem unangenehmen einmaligen
Auflachen, ganz, als hätte er sich im nächsten Augenblick irgendeinen
unzeremoniellen Scherz über seinen verstorbenen Vater erlauben wollen.
»Er war doch kein Altgläubiger?«
»Nein, er ging in die Kirche; aber es ist schon wahr, er sagte, daß der
alte Glaube richtiger sei. Die Skopzen hat er auch immer sehr geachtet.
Das hier war ja sein Kabinett. Wozu hast du das gefragt, das von der
Altgläubigkeit?«
»Wirst du die Hochzeit hier feiern?«
»Hi--ier,« antwortete Rogoshin langsam, doch war er bei der unerwarteten
Frage kaum merklich zusammengezuckt.
»Bald?«
»Du weißt doch selbst: hängt es denn von mir ab?«
»Parfen, ich bin nicht dein Feind und will dich an nichts verhindern.
Ich sage es dir jetzt nochmals, wie ich es dir schon früher einmal
gesagt habe, in einer ähnlichen Stunde. Als in Moskau deine Trauung
vollzogen werden sollte, bin ich nicht dazwischengetreten, das weißt du.
Das erstemal kam _sie_ von selbst zu mir gestürzt, fast vom Altare fort,
und flehte mich an, sie vor dir zu >retten<. Ich wiederhole nur ihre
eigenen Worte. Dann lief sie auch von mir fort. Du suchtest sie wieder
auf und brachtest sie wieder zum Altar, und da, sagt man mir, sei sie
wieder von dir fortgelaufen und habe sich hierher geflüchtet. Ist das
wahr? So hat es mir Lebedeff geschrieben, und deshalb bin ich auch
hergekommen. Daß ihr euch aber hier wieder halbwegs ausgesöhnt habt,
habe ich erst gestern im Eisenbahnkupee von einem deiner früheren
Freunde erfahren, von Saljosheff, wenn es dich interessiert. Hergereist
aber bin ich mit einer ganz bestimmten Absicht: ich will _sie_ bereden,
ins Ausland zu fahren, um dort für ihre Gesundheit etwas zu tun; denn
sie ist sowohl geistig wie körperlich sehr der Pflege bedürftig ...
namentlich macht mir ihr seelischer Zustand Sorge. Ich selbst wollte sie
nicht ins Ausland begleiten, sondern beabsichtigte, es irgendwie ohne
mich zu arrangieren, mich selbst dabei ganz aus dem Spiel zu lassen. Ich
sage dir die volle Wahrheit. Wenn es aber wahr ist, daß ihr wieder einig
seid, so werde ich mich überhaupt nicht mehr zeigen und auch zu dir
werde ich dann nie mehr kommen. Du weißt, daß ich dich nicht betrügen
werde; denn ich bin ja auch früher immer offen und ehrlich gegen dich
gewesen. Ich habe dir auch meine Überzeugung nicht verschwiegen, daß die
Heirat mit dir -- _ihr_ unbedingtes Verderben sein würde. Auch dein
Verderben ... vielleicht sogar noch mehr als ihres. Wenn ihr wieder
auseinandergehen solltet, wird es mich sehr beruhigen; doch habe ich
deshalb noch nicht die Absicht, euch zu entzweien oder zwischen euch zu
treten. Sei also in der Beziehung ganz ruhig und verdächtige mich nicht.
Doch du weißt es ja selbst -- bin ich denn jemals im Ernst dein
Nebenbuhler gewesen, selbst damals, als sie von dir zu mir flüchtete? Da
lachst du nun wieder dein kurzes Lachen! Ich weiß, weshalb du so kurz
aufgelacht hast. Wir haben dort ganz getrennt gelebt, sogar in
verschiedenen Städten, und das weißt du ja selbst ganz genau. Ich habe
dir ja schon früher einmal erklärt, daß ich sie nicht >aus Liebe<,
sondern >aus Mitleid< liebe. Ich glaube es so ganz richtig zu
bezeichnen. Du sagtest damals, daß du diese meine Worte begriffen
hättest. Ist das nun wahr? Hast du sie wirklich begriffen? Du, weshalb
siehst du mich jetzt so haßerfüllt an? Ich bin doch nur gekommen, weil
auch du mir teuer bist. Ich liebe dich, Parfen. Ich werde jetzt
fortgehen und niemals wiederkommen. Leb' wohl.«
Der Fürst erhob sich.
»Bleib noch ein wenig bei mir,« sagte Parfen leise, den Kopf in die
rechte Hand gestützt, ohne sich zu erheben. »Ich habe dich lange nicht
gesehen.«
Der Fürst setzte sich wieder. Beide schwiegen sie.
»Ich ... wenn ich dich nicht vor mir sehe, fühle ich gleich Haß gegen
dich, Lew Nikolajewitsch. In diesen drei Monaten, da ich dich nicht
gesehen habe, bin ich dir immerwährend, in jeder Minute böse gewesen,
bei Gott. Ich hätte dich so genommen und erwürgt vor lauter Wut, sieh
so! Und jetzt sitzt du noch keine Viertelstunde bei mir, und schon ist
meine ganze Wut vergangen, und ich hab' dich wieder so lieb wie früher.
Bleib noch ein wenig bei mir ...«
»Wenn ich bei dir bin, dann glaubst du mir, und wenn ich nicht mehr da
bin, dann hörst du sogleich auf mir zu glauben und verdächtigst mich
wieder. Du bist wie dein Vater!« sagte der Fürst mit freundschaftlichem
Lächeln, bemüht, das Gefühl, das aus seinen Worten sprach, zu verbergen.
»Ich glaube deiner Stimme, wenn du bei mir bist. Ich begreife doch, daß
man uns beide nicht vergleichen kann, dich und mich ...«
»Weshalb sagst du gerade das? Da bist du nun wieder gereizt,« sagte der
Fürst.
»Ach, hier, Freund, wird nicht nach unserer Meinung gefragt,« entgegnete
jener, »das ist schon ohne uns so bestimmt worden. Auch lieben tun wir
ja beide ganz verschieden ... Ich will damit sagen, in allem ist eben
ein Unterschied,« fuhr er nach kurzem Schweigen leise fort. »Du liebst
sie, sagst du, nur aus Mitleid. Ich aber empfinde nichts von Mitleid in
mir, so was fühle ich gar nicht für sie. Und sie haßt mich ja auch nur,
haßt mich mehr als alles andere. Jede Nacht träumt mir jetzt, daß sie
mit einem anderen über mich lacht. Und so ist es auch, Freund. Sie wird
mit mir zum Altar gehen; aber an mich auch nur dabei denken, das tut sie
nicht, selbst das wird sie vergessen -- es ist einfach so, wie wenn sie
Schuhe wechselte. Glaubst du mir, ich habe sie schon seit fünf Tagen
nicht gesehen; denn ich wage nicht hinzugehen: wenn sie nun fragt: >Wozu
hast du dich herbemüht?< Hat sie mir denn wenig Schimpf angetan ...«
»Was -- wieso Schimpf angetan? Was sagst du?«
»Als ob du's selbst nicht weißt! Hast doch noch selbst vorhin
ausgesprochen, daß sie >vom Altar< weg zu dir gelaufen ist.«
»Aber, du glaubst doch selbst nicht, daß ...«
»Und das mit dem Offizier, dem Semtjushnikoff in Moskau -- war denn das
kein Schimpf? Ich weiß es ganz genau, daß sie mir die Schande, die
Schmach angetan hat, und das noch, nachdem sie schon selbst den Tag der
Trauung bestimmt hatte.«
»Nicht möglich!« rief der Fürst aus.
»Ich weiß es ganz genau,« wiederholte Rogoshin in fester Überzeugung.
»Was >keine solche<, meinst du? Darüber, Bruder, darüber lohnt es sich
gar nicht zu reden, daß sie keine solche ist. Mit dir wird sie keine
solche sein und vielleicht wird sie vor diesen Sachen sogar Entsetzen
empfinden, mit mir aber ist sie, siehst du, gerade eine solche. Das ist
schon so. Sie hält mich für den letzten Pöbelkerl: als gehörte ich zum
Gesindel. Mit Keller, mit diesem Leutnant, dem Boxer -- hat sie, das
weiß ich ganz genau, nur um über mich zu spotten angefangen ... Du weißt
noch gar nicht alles, was sie in Moskau angestellt hat! Und wieviel Geld
habe ich fortgeworfen ...«
»Ja, aber ... wie wirst du sie denn jetzt heiraten! ... Wie wird denn
das später werden?« fragte der Fürst ganz entsetzt.
Rogoshin sah ihm mit schwerem, furchtbarem Blick in die Augen und
antwortete nichts.
»Jetzt bin ich schon fünf Tage nicht bei ihr gewesen,« fuhr er nach
einer Weile fort, als hätte er sein Schweigen vergessen. »Ich fürchte
immer, daß sie mich hinausjagt. Ich bin immer noch meine eigene Herrin,
sagt sie; wenn ich will, jage ich dich ganz von mir fort und fahre ins
Ausland. -- Das hat auch sie mir schon gesagt, daß sie ins Ausland
fahren würde,« fügte er plötzlich, wie zur Ergänzung noch hinzu, während
er dabei dem Fürsten mit einem ganz besonderen Blick in die Augen sah.
»Manches Mal wiederum will sie mich nur erschrecken, immer bin ich ihr
lächerlich. Ein anderes Mal aber verdüstert sich ihr Gesicht, sie
runzelt die Stirn und spricht kein Wort mit mir. Das aber fürchte ich am
meisten. Neuerdings dachte ich: ich werde von jetzt ab nicht mehr mit
leeren Händen hinfahren, -- da machte sie sich wieder nur lustig über
mich und schließlich wurde sie sogar böse. Ihrer Kammerzofe, der Katjka,
schenkte sie meinen Schal, den ich ihr als Geschenk mitgebracht hatte;
aber wenn sie früher auch üppig gelebt und teure Sachen getragen hat,
einen solchen Schal hatte sie vielleicht doch noch nie gesehen! Und
davon, wann denn die Trauung sein soll, davon darf man überhaupt nicht
zu sprechen anfangen. Was ist denn das für ein Bräutigam, der sich
fürchtet, sie auch nur zu besuchen? So sitze ich denn hier, und wenn es
unerträglich wird, dann gehe ich heimlich, schleichend an ihrem Hause
vorüber, auf der Straße, oder ich verberge mich hinter einer Hausecke.
Vor kurzem noch habe ich so eine ganze Nacht bis zum Morgen an ihrer
Hofpforte Wache gestanden, -- mir hatte damals so etwas geschienen ...
Sie aber muß mich wohl aus dem Fenster beobachtet haben. >Was hättest du
denn,< fragte sie später, >was hättest du denn mit mir getan, wenn du
einem Betrug auf die Spur gekommen wärst?< Da hielt ich's nicht aus und
sagte: >Das weißt du selbst.<«
»Was weiß sie denn?«
»Ja, wie soll ich's denn wissen!« lachte Rogoshin boshaft. »In Moskau
hab' ich sie damals mit keinem überraschen können, obschon ich ihr lange
genug auflauerte. Da ging ich einmal zu ihr hin und sagte: >Du hast dein
Wort gegeben, daß du dich mit mir trauen lassen wirst, du kommst in eine
ehrenwerte Familie; weißt du aber auch, was für eine du jetzt bist?
Sieh, solch eine bist du!< sagte ich.«
»Das sagtest du ihr ins Gesicht?«
»Ja.«
»Und?«
»>Ich werde dich,< antwortete sie, >ich werde dich jetzt vielleicht noch
nicht einmal als Diener zu mir nehmen, geschweige denn dich heiraten!<
-- >Und du glaubst, daß ich fortgehe?< fragte ich. -- >Dann werde ich
sofort Keller rufen,< sagte sie, >und ihm befehlen, dich
hinauszuwerfen.< Da packte ich sie und schlug sie, bis sie blaue Flecken
hatte.«
»Nicht möglich! Das kann nicht sein!« stieß der Fürst atemlos hervor.
»Ich sage: es war so,« sagte leise, doch mit blitzenden Augen Rogoshin.
»Zwei Tage aß ich nicht, trank nicht, schlief nicht, ging nicht aus dem
Zimmer hinaus, kniete vor ihr nieder. >Ich sterbe, aber ich gehe nicht
eher fort,< sagte ich, >ich gehe nicht eher fort, als bis du mir
verziehen hast; läßt du mich aber hinauswerfen, so ertränke ich mich,
denn -- was bin ich jetzt noch ohne dich?< Wie eine Wahnsinnige war sie
den ganzen Tag: bald weinte sie, bald wollte sie mich mit dem Messer
erstechen, bald drohte sie mit der Faust und begann mich wie eine
Rasende zu beschimpfen, -- jawohl, zu beschimpfen. Saljosheff, Keller,
Semtjushnikoff, alle, alle rief sie zusammen, zeigte dann auf mich und
begann mich wieder zu schmähen. >Gehen wir, meine Herren,< sagte sie
dann, >gehen wir jetzt alle ins Theater, mag er hier allein sitzen, wenn
er nicht fortgehen will, ich bin für ihn nicht angebunden. Ihnen aber,
Parfen Ssemjonytsch, wird man hier in meiner Abwesenheit Tee bringen,
Sie müssen ja ganz hungrig sein.< Aus dem Theater kehrte sie allein
zurück. >Alle sind sie Feiglinge und Lumpen,< sagte sie, >alle haben sie
Angst vor dir und da wollen sie natürlich auch mir Angst einflößen: sie
behaupten, du würdest so nicht fortgehen, sondern mich vorher noch
unbedingt ermorden. Ich aber werde, sieh, wenn ich dorthin in mein
Schlafzimmer gegangen bin, die Tür nicht hinter mir zuschließen, sieh,
so wenig fürchte ich dich! Damit du das ein für allemal weißt und
siehst! Hast du Tee getrunken?< -- >Nein,< sagte ich, >und ich werde es
auch nicht.< -- >Wenn das dir Ehre einlegen würde, wäre es etwas
anderes, aber so -- wenn du wüßtest, wie wenig das zu dir paßt.< Und wie
sie gesagt hatte, so tat sie's auch: die Tür zu ihrem Schlafzimmer blieb
offen. Am nächsten Morgen kam sie -- lachte. >Bist du denn ganz von
Sinnen, sag' doch? So wirst du ja noch vor Hunger sterben.< -- >Vergib,<
sagte ich. >Ich will nicht, und heiraten will ich dich erst recht nicht;
es bleibt dabei, was ich gesagt habe. Hast du denn die ganze Nacht in
diesem Lehnstuhl gesessen und nicht geschlafen?< -- >Nein, ich habe
nicht geschlafen,< sagte ich. -- >Ach, wie klug! Und Tee trinken und
essen wirst du wieder nicht?< -- >Ich habe doch gesagt: Vergib!< --
>Wenn du wüßtest, wie schlecht das zu dir paßt, wie ein Sattel zu einer
Kuh! Oder ist es dir etwa in den Sinn gekommen, mich schrecken zu
wollen? Daraus mache ich mir gerade viel, und daß du hier hungrig sitzt,
ach, wie entsetzlich du mich damit einschüchterst!< Dann wurde sie böse,
aber nicht auf lange, und dann begann sie wieder zu spotten und zu
sticheln. Da wunderte ich mich über sie, daß doch eigentlich keine
Bosheit in ihr war. Sonst vergißt sie doch Böses nicht so leicht,
vergißt es lange nicht! Und da kam es mir in den Sinn, daß sie mich wohl
für so niedrig hält, daß sie nicht einmal große Wut über mich empfinden
kann. Und das ist wahr. >Weißt du auch, wer das ist: der römische
Papst?< fragte sie. -- >Ja, ich habe gehört, wer das ist,< sage ich.
>Du, Parfen Ssemjonytsch, hast ja von der allgemeinen Geschichte nicht
viel gelernt!< sagt sie. -- >Ich habe überhaupt nichts gelernt,< sage
ich. -- >Dann werde ich dir etwas zu lesen geben, oder hör' zu: Es war
einmal ein Papst, und der wurde auf einen Kaiser böse, und dieser Kaiser
lag drei Tage ohne Essen und Trinken barfuß auf den Knien vor dem Schloß
des Papstes, bis dieser ihm verzieh. Was meinst du -- was hat wohl der
Kaiser in diesen drei Tagen, als er so barfuß dort kniete, bei sich
gedacht und welche Rache dem Papst geschworen? ... Doch warte, ich werde
es dir selbst vorlesen!< sagte sie und stand auf und brachte das Buch.
>Es sind Verse,< sagte sie, und dann las sie mir vor, wie dieser Kaiser
in diesen drei Tagen geschworen, sich an dem Papst zu rächen. >Gefällt
dir das nicht, Parfen Ssemjonytsch?< fragte sie. -- >Das stimmt alles,
was du da gelesen hast,< sage ich. -- >Aha,< rief sie aus, >du gibst
also selbst zu, daß es stimmt, dann schwörst auch du jetzt Rache und
sagst dir: Wenn sie mich erst geheiratet hat, dann werde ich ihr schon
alles heimzahlen, dann werde ich mich dafür entschädigen!< -- >Ich weiß
nicht,< sag' ich, >vielleicht denk' auch ich so!< -- >Wie, weißt du das
denn nicht?< -- >Ach,< sag' ich >ich weiß es nicht, nicht daran denke
ich jetzt.< -- >Woran denkst du denn jetzt?< -- >Wenn du aufstehst vom
Stuhl, gehst du an mir vorüber, und ich sehe auf dich und folge dir mit
dem Blick; dein Kleid wird rauschen und mir wird das Herz stillstehen,
und wenn du hinausgegangen bist aus dem Zimmer, denke ich an jedes
einzelne deiner Worte, was und wie und mit welch einer Stimme du es
gesagt hast; diese ganze Nacht habe ich an nichts anderes gedacht, ich
habe nur gehorcht, wie du im Schlafe atmetest und dich zweimal bewegtest
...< -- >Ja, dann denkst du ja vielleicht,< lachte sie, >dann denkst du
ja vielleicht auch daran gar nicht mehr, daß du mich geschlagen hast?<
-- >Vielleicht,< sag' ich, >vielleicht denke ich auch daran nicht mehr,
ich weiß nicht.< -- >Wenn ich dir aber nicht verzeihe und dich nicht
heirate?< -- >Ich habe gesagt, ich ertränke mich.< -- >Schlägst mich
aber vorher wahrscheinlich noch tot ...< Sagte es und wurde
nachdenklich. Dann wurde sie böse und ging aus dem Zimmer. Nach einer
Stunde kommt sie wieder zu mir zurück, ernst, düster. >Ich werde dich
heiraten, Parfen Ssemjonytsch,< sagt sie, >doch nicht deshalb, weil ich
dich etwa fürchte, sondern weil es doch auf eins herauskommt, wo man
umkommt. Wo ist's denn besser? Setz' dich,< sagt sie, >man wird dir
gleich zu essen bringen. Wenn ich dich aber heirate,< fügte sie hinzu,
>werde ich dir ein treues Weib sein, daran brauchst du nicht zu
zweifeln, kannst ruhig sein.< Dann schwieg sie eine Weile und dann sagte
sie noch: >Du bist doch kein Lakai -- ich dachte früher, du seist ein
echter, ein ganzer Lakai.< Und nun bestimmte sie selbst den Tag, an dem
die Trauung stattfinden sollte; nach einer Woche aber lief sie von mir
fort und flüchtete sich hierher zu Lebedeff. Als ich dann herkam, sagte
sie: >Ich habe mich durchaus nicht von dir losgesagt, ich will es nur
noch aufschieben, solange es mir paßt; denn ich bin ja doch noch ganz
Herrin meiner selbst. Warte auch du, wenn du willst.< Siehst du, so
stehen wir jetzt miteinander ... Was meinst du zu alledem, Lew
Nikolajewitsch?«
»Wie denkst du selbst darüber?« fragte der Fürst mit traurigem Blick auf
Rogoshin.
»Denk' ich denn überhaupt!« entfuhr es diesem ganz unwillkürlich.
Er wollte noch etwas hinzufügen, doch dann senkte er den Blick und
schwieg.
Der Fürst erhob sich von neuem, um fortzugehen.
»Trotzdem werde ich dir nicht in den Weg treten,« sagte er leise, fast
wie in Gedanken versunken, und es war, als hätte er auf einen eigenen
inneren Gedanken geantwortet.
»Weißt du, was ich dir sagen werde?« wandte sich plötzlich Rogoshin
erregt an ihn, und seine Augen blitzten auf. »Wie kannst du sie mir nur
so abtreten, das verstehe ich nicht! Oder hast du schon ganz aufgehört,
sie zu lieben? Früher warst du doch immerhin noch traurig, ich weiß es,
ich habe es doch gesehen. Wozu bist du denn jetzt so Hals über Kopf
hergereist? Aus Mitleid?« (Sein Gesicht verzog sich in boshaftem Spott)
»He--he!«
»Du glaubst, daß ich dich betrüge?« fragte der Fürst.
»Nein, ich glaube dir, nur verstehe ich davon nichts. Am
wahrscheinlichsten ist wohl, daß dein Mitleid noch größer ist als meine
Liebe!«
Etwas Böses, das gleichsam herausdrängte, das sich unbedingt sogleich
äußern wollte, war in seinem Gesicht aufgeflammt.
»Deine Liebe kann man vom Haß kaum unterscheiden,« lächelte der Fürst,
»und wenn sie vergeht, Bruder, wird das Unglück vielleicht noch größer
sein. Ich sage dir nur das eine, Parfen ...«
»Daß ich sie ermorden werde?«
Der Fürst zuckte zusammen.
»Du wirst sie um dieser Liebe, dieser Qual willen, mit der du dich jetzt
quälst, gar zu sehr hassen. Am meisten wundert mich aber, wie sie
überhaupt wieder zu dir zurückkehren kann. Als ich es gestern hörte,
wollte ich es kaum glauben, so schwer wurde es mir ... Zweimal ist sie
schon von dir fortgelaufen, fast vom Altar weg, also muß sie doch eine
Vorahnung haben! ... Weshalb will sie dich denn jetzt noch nehmen? Doch
nicht deines Geldes wegen? Das ist ja doch Unsinn! Und von deinem Gelde
hast du ja auch schon so viel vergeudet. Und doch auch nicht, um nur
einen Mann zu bekommen? Denn du bist doch nicht der einzige, den sie
heiraten könnte! Da wäre doch jeder andere besser als du, denn du wirst
sie ja vielleicht wirklich ermorden, und das begreift sie doch selbst
nur zu gut! Oder weil du sie so leidenschaftlich liebst? Ja, es sei denn
dieses eine ... Ich habe gehört, daß es welche geben soll, die gerade
eine solche Liebe suchen ... nur ...«
Der Fürst hielt nachdenklich inne.
»Was lächelst du wieder über meines Vaters Bild?« fragte Rogoshin, der
seinen Blick nicht vom Gesicht des Fürsten abwandte und aufmerksam jede
Veränderung im Gesicht, jeden Blick des Fürsten verfolgte.
»Weshalb ich soeben lächelte? Es kam mir in den Sinn, daß du, wenn dir
nicht dieses Unglück zugestoßen, wenn nicht diese Liebe über dich
gekommen wäre, daß du dann auf ein Haar wie dein Vater geworden wärst,
und das sogar in sehr kurzer Zeit. Du würdest dich schweigend hier in
diesem Hause niederlassen mit deiner Frau, einem gehorsamen,
verschüchterten Wesen, würdest nur wenig und jedes Wort in strengem Tone
sprechen, würdest keinem Menschen trauen, keines Menschen Vertrauen
brauchen und nur schweigend und finster dein Geld aufhäufen. Viel wäre
es, wenn du einmal die alten Bücher loben und dich für das Bekreuzen mit
zwei Fingern aussprechen würdest,[13] aber auch das höchstens im Alter
...«
»Spotte nur. Genau dasselbe hat auch sie mir vor nicht langer Zeit
gesagt, gleichfalls als sie dieses Porträt betrachtete. Das ist doch
wunderlich, wie jetzt bei euch alles übereinstimmt ...«
»Ja, ist sie denn schon einmal bei dir gewesen?« fragte der Fürst
überrascht.
»Einmal. Das Porträt betrachtete sie lange, fragte mich über den
Verstorbenen aus. >Du würdest genau so sein,< sagte sie dann lachend,
>du hast mächtige Leidenschaften, Parfen Ssemjonytsch,< sagte sie,
>solche Leidenschaften, daß du unentgeltlich nach Sibirien mit ihnen
kämst, wenn du nicht -- wenn du nicht deinen Verstand hättest, und du
hast einen großen Verstand,< sagte sie -- geradeso sagte sie's, wirst
du's mir glauben! Zum erstenmal hörte ich von ihr ein solches Wort! --
>Du würdest diesen ganzen Unsinn bald lassen. Und da du ein ganz
ungebildeter Mensch bist, so würdest du dich einfach aufs Geldverdienen
verlegen und würdest dich ganz wie dein Vater in diesem Hause hier
festsetzen, mit deinen Skopzen natürlich. Vielleicht würdest du zum
Schluß auch noch zu ihrem Glauben übertreten. Das Geld aber, das würdest
du so liebgewinnen, daß du nicht nur zwei Millionen, sondern vielleicht
ganze zehn Millionen zusammenscharrtest, um dann auf deinen Goldsäcken
am Ende Hungers zu sterben; denn du bist in allem leidenschaftlich, ja,
bei dir wird alles, was du beginnst, zur Leidenschaft.< Genau so sagte
sie, mit denselben Worten. Niemals noch hatte sie so zu mir gesprochen!
Denn sonst hat sie nur Albernheiten mit mir geredet oder über mich
gespottet. Auch hier hatte sie lachend begonnen, dann aber wurde sie
plötzlich sehr ernst. Durch das ganze Haus ging sie, alles besah sie,
ganz als fürchte sie sich immer vor etwas. >Ich werde das alles hier
verändern,< sage ich, >alles verschönern oder auch zur Hochzeit ein
neues Haus kaufen.< Da war sie ganz erschrocken: >Nein, nein, um Gottes
willen nicht!< sagte sie; >alles muß so bleiben, wie es ist, gerade so
wollen wir hier leben. Ich will neben deiner Mutter leben,< sagte sie,
>wenn ich deine Frau sein werde.<
Dann führte ich sie zu meiner Mutter -- sie war ehrerbietig gegen sie
wie eine leibliche Tochter. Meine Mutter ist nun schon seit zwei Jahren
nicht ganz bei vollem Verstande -- krank ist sie -- und nun seit dem
Tode des Vaters ist sie ganz wie ein Kind geworden, spricht gar nicht
mehr, kann nicht mehr gehen, die Füße tragen sie nicht, und so sitzt sie
und grüßt nur vom Platz aus einen jeden, den sie sieht. Wenn man ihr
nicht zu essen geben wollte, würde sie es drei Tage lang nicht merken,
so steht's mit ihr. Ich nahm die rechte Hand meiner Mutter, legte die
drei Finger zum Segen zusammen und sagte: >Mütterchen, segnet sie, sie
geht mit mir zum Altar,< und da küßte sie meiner Mutter die Hand, aber
nicht nur so, sondern wirklich innig. >Viel Leid,< sagte sie, >muß deine
Mutter erduldet haben.< Dieses Buch hier sah sie: >Was ist das,< fragte
sie, >fängst du an, russische Geschichte zu lesen?< Sie selbst hatte mir
einmal in Moskau gesagt: >Wenn du dich doch wenigstens etwas bilden
würdest, lies doch wenigstens Ssolowjoffs Russische Geschichte, du weißt
ja doch gar nichts;< ja, das hatte sie mir schon in Moskau gesagt. >Das
ist gut,< sagte sie jetzt, >lies nur weiter. Ich werde dir ein kleines
Verzeichnis aufschreiben von Büchern, die du ganz zuerst lesen mußt.
Willst du, soll ich?< Nie, nie hatte sie vorher so mit mir gesprochen,
ich war ganz erstaunt; zum erstenmal atmete ich auf, wie ein lebendiger
Mensch.«
»Das freut mich, das freut mich sehr, Parfen,« sagte der Fürst warm,
»ich bin sehr froh darüber. Wer weiß, vielleicht hat Gott euch doch noch
zu einem gemeinsamen Leben bestimmt.«
»Nein, das ist unmöglich!« rief Rogoshin heftig aus.
»Höre, Parfen, wenn du sie so liebst -- willst du dann nicht ihre
Achtung erwerben? Und wenn du es willst -- weshalb willst du dann nicht
auch hoffen? Ich sagte vorhin, daß es für mich unbegreiflich sei:
weshalb sie dich überhaupt noch heiraten will? Doch wenn ich es mir auch
jetzt noch nicht ganz erklären kann, so sehe ich doch eines ein: daß sie
dazu einen genügenden Grund, einen vernünftigen Grund haben muß. Von
deiner Liebe ist sie überzeugt, doch ganz gewiß ist sie es auch von
deinen Vorzügen, wenigstens von einigen. Anders kann es ja gar nicht
sein! Und was du soeben erzähltest, bestätigt meine Annahme vollkommen.
Du sagst doch selbst, daß es ihr möglich gewesen ist, in einer ganz
anderen Weise mit dir zu reden, als sie früher getan. Du bist
argwöhnisch und eifersüchtig, deshalb vergrößerst du auch alles, was du
Schlechtes von ihr erfahren hast. Es liegt doch auf der Hand, daß sie
lange nicht so schlecht von dir denkt, wie du erzählst; denn sonst müßte
man ja doch von ihr sagen, daß sie mit vollem Bewußtsein ins Wasser geht
oder unter das Messer, wenn sie dich heiratet. Ist denn das möglich? Wer
geht denn bewußt aufs Messer los?«
Mit bitterem Spottlächeln hörte Rogoshin den Fürsten an. Seine
Überzeugung schien schon unerschütterlich festzustehen.
»Wie schwer dein Blick ist, mit dem du mich ansiehst, Parfen!« stieß
plötzlich der Fürst unter einem erdrückenden Gefühl hervor.
»Ins Wasser oder unter das Messer!« sprach Rogoshin endlich langsam
nach. »He--he! Ja, einzig deshalb nimmt sie mich doch, weil sie
überzeugt ist, daß sie bei mir der Dolch erwartet! Solltest du denn bis
jetzt wahrhaftig noch nicht erraten haben, Fürst, um was es sich hier
handelt?«
»Ich verstehe dich nicht.«
»Was, vielleicht begreift er's auch wahrhaftig nicht, he--he! Sagt man
doch von dir, daß du ... nun, _jenes_! ... Einen anderen liebt sie! --
begreifst du's jetzt? Ganz so, wie ich sie jetzt liebe, genau so liebt
sie jetzt einen anderen. Und dieser andere ist -- weißt du, wer? Das
bist _du_! Was, wußtest du das noch nicht?«
»Ich?«
»Ja, _du_. Sie hat sich gleich damals, damals an ihrem Geburtstage in
dich verliebt -- und seit der Stunde liebt sie dich. Nur glaubt sie
jetzt, daß sie dich nicht heiraten darf, weil sie dir damit eine Schande
antun und dein Leben verderben würde. >Man weiß ja doch, was für eine
ich bin,< sagte sie. Und davon ist sie nicht abzubringen. Alles das hat
sie mir selbst ins Gesicht gesagt. Dich zu verderben und dir Schande
anzutun -- das fürchtet sie, mich aber, siehst du, mich kann man
heiraten, bei mir macht's nichts aus -- sieh, so hoch schätzt sie mich
ein! -- das kannst du dir gleichfalls merken!«
»Aber wie ist sie denn ... wie ist sie denn von dir zu mir und ... von
mir wieder ...«
»Von dir wieder zu mir zurückgekehrt! Haha! Als ob ihr wenig in den Kopf
kommt! Sie ist ja doch jetzt ganz wie im Fieber, wie im Delirium. Bald
schreit sie mir zu: >Dich heiraten oder ins Wasser -- ist eins! Die
Hochzeit so schnell wie möglich!< sie drängt selbst, bestimmt den Tag,
rückt aber die Zeit heran, dann -- erschrickt sie, oder es kommen ihr
andere Gedanken. Gott weiß -- du hast sie doch gesehen: weint, lacht,
gebärdet sich wie in Raserei. Was Wunder, wenn sie da auch von dir
wieder fortgelaufen ist? Sie ist ja doch nur deshalb von dir
fortgelaufen, weil es ihr plötzlich zum Bewußtsein kam, wie sehr sie
dich liebt. Sie hielt bei dir ihre eigene Liebe zu dir nicht mehr aus.
Du sagtest, ich hätte sie damals in Moskau aufgesucht. Das ist ja gar
nicht wahr -- sie selbst kam von dir zu mir gelaufen. >Bestimme den
Tag,< sagte sie, >ich bin bereit! Gib Champagner her! Fahren wir zu den
Zigeunerinnen!< schrie sie ... Wäre ich nicht gewesen, so hätte sie sich
schon längst ertränkt. Glaube mir! Nur deshalb tut sie es nicht, weil
ich vielleicht noch furchtbarer bin als der Tod im Wasser. Nur aus
Bosheit will sie mich heiraten ... Wenn sie mich heiratet, so kannst du
sicher sein, daß sie es nur aus Bosheit tut.«
»Ja, aber wie kannst du dann ... wie kannst du dann! ...« rief der Fürst
ganz bestürzt aus, doch sprach er nicht zu Ende, was er sagen wollte.
Ganz entsetzt sah er Rogoshin an.
»Warum sprichst du's denn nicht aus?« fragte jener spöttisch, und man
sah seine Zähne zwischen den Lippen. »Willst du, so werde ich dir sagen,
was du in diesem Augenblick bei dir denkst? -- >Nun, wie kann sie dann
jetzt noch zu ihm gehen? Wie kann man das zulassen?< Ich weiß schon, was
du denkst.«
»Ich bin nicht deshalb hergekommen, Parfen, ich schwöre es dir, glaub'
mir, ich hatte nicht das im Sinn ...«
»Schon möglich, daß du nicht deshalb gekommen bist, und daß du nicht das
im Sinn hattest; nur ist es jetzt schon ganz sicher geworden, daß du
doch deshalb gekommen bist, he--he! ... Nun, genug! Was bist du so
bestürzt? Wußtest du es denn wahrhaftig nicht? Du wunderst mich!«
»Das ist alles nur deine Eifersucht, Parfen, deine Krankheit, du
vergrößerst alles unendlich, du übertreibst ...« stotterte der Fürst in
unbeschreiblicher Erregung. »Was willst du?«
»Laß!« sagte Rogoshin herrisch, indem er dem Fürsten das Messer aus der
Hand riß, das jener vom Tisch genommen hatte. Rogoshin legte es neben
das Buch auf dieselbe Stelle zurück, wo es gelegen.
»Es ist mir, als hätte ich es bei der Einfahrt in Petersburg schon
gewußt, als hätte ich es vorausgefühlt ...« fuhr der Fürst fort. »Ich
wollte nicht herfahren! Ich wollte alles das hier vergessen, aus dem
Herzen herausreißen! Nun, aber jetzt leb' wohl ... Was hast du?«
In seiner Zerstreutheit hatte der Fürst beim Sprechen wieder das Messer
in die Hand genommen, und wieder riß es ihm Rogoshin aus der Hand, um es
auf den Tisch zurückzuwerfen. Es war das ein ganz einfaches Messer,
nicht zusammenlegbar, mit einem Griff aus Hirschhorn und einer etwa
dreieinhalb Zoll langen und dementsprechend breiten Klinge.
Als Rogoshin sah, daß der Fürst stutzig wurde -- denn das Messer mußte
ihm doch auffallen, wenn es ihm zweimal in dieser Weise aus der Hand
gerissen wurde --, nahm er es sichtlich ärgerlich und legte es ins Buch,
das er mit einer kurzen Bewegung auf den anderen Tisch schleuderte.
»Schneidest du damit die Blätter auf?« fragte der Fürst, doch war seine
Frage immer noch wie in Zerstreutheit gestellt, als wäre er nach wie vor
noch in seine Gedanken versunken.
»Ja, die Blätter ...«
»Das ist doch ein Gartenmesser?«
»Ja, ein Gartenmesser. Darf man denn mit einem Gartenmesser keine
Blätter aufschneiden?«
»Ja, aber ... es ist ganz neu.«
»Was ist denn dabei, daß es neu ist? Darf ich mir denn nicht, wenn ich
will, ein neues Messer kaufen?« schrie Rogoshin schließlich wütend
heraus, jedes Wort hatte ihn immer mehr gereizt und aufgebracht.
Der Fürst fuhr zusammen und blickte ihm aufmerksam ins Gesicht.
»Ach, wir sind aber auch!« lachte er dann auf, plötzlich zur Besinnung
gekommen. »Verzeih mir, Bruder, mein Kopf ist mir jetzt so schwer, und
diese Krankheit ... ich bin jetzt immer so zerstreut und lächerlich. Ich
wollte das ja gar nicht fragen ... ich weiß nicht mehr, was es war. Leb'
wohl!«
»Nicht durch diese Tür,« sagte Rogoshin.
»Ich -- ...«
»Hier, hier, komm, ich werde dir den Weg zeigen.«