Es war in den ersten Tagen des Juni und das Wetter war in Petersburg
schon seit einer ganzen Woche selten schön. Jepantschins besaßen eine
prächtige eigene Villa in Pawlowsk[12]. Eines schönen Tages bekam die
Generalin Sehnsucht nach dem frischen Grün des Parks dort draußen, und
in zwei Tagen war die Familie übergesiedelt.
Zwei oder drei Tage darauf traf mit dem Frühzug aus Moskau Fürst Lew
Nikolajewitsch Myschkin in Petersburg ein. Ihn erwartete niemand; doch
als er das Kupee verließ, schien es ihm plötzlich, daß ein seltsamer,
glühender Blick zweier Augen aus der Menge, die sich auf dem Bahnsteig
drängte, starr auf ihn gerichtet wäre. Er sah genauer hin, doch es war
nichts mehr zu sehen. Natürlich war es ihm nur so vorgekommen, wie man
zuweilen etwas vor den Augen flimmern sieht; doch nichtsdestoweniger
blieb in ihm eine unangenehme Empfindung zurück, die ihn in seiner
traurigen, nachdenklichen Stimmung noch mehr bedrückte. Der Fürst sah
unruhig und besorgt aus.
Er nahm eine Droschke und sagte dem Kutscher, er solle ihn zu einem
Hotel fahren. In der Nähe der Liteinaja hielt der Kutscher vor einem
mittelmäßigen Gasthof. Der Fürst ließ sich zwei Zimmer anweisen, schien
es kaum zu bemerken, daß sie klein, dunkel und schlecht möbliert waren,
wusch sich, kleidete sich um, verlangte sonst nichts und ging eilig
wieder fort, als hätte er gefürchtet, unnütz seine kostbare Zeit zu
verlieren oder irgend jemand nicht zu Hause anzutreffen.
Hätte ihn jetzt jemand von seinen früheren Bekannten gesehen, die ihn
vor sechs Monaten in Petersburg kennen gelernt, so würden sie ihn auf
den ersten Blick sehr verändert gefunden haben, und zwar zum Besseren
verändert. Doch im Grunde genommen war es wohl kaum der Fall. Nur die
Kleidung war allerdings ganz anderer Art: sie war in Moskau gearbeitet,
und man sah ihr sofort den guten Schneider an; aber schließlich wäre
auch an ihr etwas auszusetzen gewesen: es war alles zu sehr nach der
Mode gefertigt, wie es eben alle guten Schneider machen, und das paßte
nicht zu einem Menschen, der sich dafür nicht im geringsten
interessierte, so daß Lachlustige bei näherem Betrachten des Fürsten
vielleicht Grund zu einem Lächeln gefunden hätten ... Doch worüber
lächeln diese Leute schließlich nicht?
Der Fürst nahm wieder eine Droschke und fuhr nach Peski. In der
Roshdestwenskijstraße fand er alsbald ohne Mühe die Hausnummer, die er
suchte. Zu seiner Verwunderung war es ein sehr hübsches, wenn auch nicht
großes hölzernes Häuschen, das offenbar sauber und in guter Ordnung
gehalten wurde, und an der Straße davor lag sogar ein kleines Gärtchen,
in dem Sonnenblumen blühten. Die Fenster zur Straße waren geöffnet, und
man hörte eine laute Stimme fast schreiend reden, und zwar redete sie so
ununterbrochen, daß man glauben konnte, es werde etwas laut vorgelesen
oder eine Rede gehalten, die nur hin und wieder von schallendem
Gelächter heller, jugendlicher Stimmen übertönt wurde. Der Fürst trat
auf den Hof, stieg eine kleine Treppe zum Flur hinauf und fragte nach
Herrn Lebedeff.
»Da ist er ja, hören Sie ihn denn nicht!« sagte die Küchenmagd, die mit
aufgekrempelten Ärmeln erschienen war, um ihm die Tür zu öffnen -- und
ärgerlich wies sie mit dem Finger auf die Zimmertür.
Dem Fürsten blieb nichts anderes übrig, als durch die bezeichnete Tür
einzutreten. Das Besuchszimmer Lebedeffs war sehr sauber und sogar mit
einer gewissen Prätention auf Komfort eingerichtet, d. h. in dem nicht
hell-, aber auch nicht gerade dunkelblau tapezierten Zimmer befanden
sich ein Sofa, ein runder Tisch, eine Stutzuhr unter einer Glasglocke,
zwischen den Fenstern ein Stehspiegel, und an dem Ampelhaken in der
Mitte der Decke hing an einer Bronzekette ein alter, kleiner
Kronleuchter mit Glasprismen. Herr Lebedeff, der mit dem Rücken zur Tür
stand, durch die der Fürst eingetreten war, befand sich wegen der
Sommerhitze nur in Hemdsärmeln und Weste -- der Rock war im Zimmer nicht
zu sehen -- und redete unter überzeugungsvollen Faustschlägen gegen die
eigene Brust ohne Punkt und Komma in hinreißender Begeisterung. Seine
Zuhörer waren: ein etwa fünfzehnjähriger Knabe mit einem lustigen und
nicht dummen Gesicht und einem Buch in der Hand, ein zwanzigjähriges
Mädchen in Trauerkleidern mit einem kleinen Kinde im Steckkissen auf den
Armen, ein dreizehnjähriges Mädchen, gleichfalls in Trauer, das beim
Lachen den Mund erschreckend weit aufriß, und ferner noch ein äußerst
seltsamer Zuhörer, der sich auf dem Sofa ausgestreckt hatte, ein junger
Mann von etwa zwanzig Jahren, mit einem recht hübschen Gesicht, mit
dichtem, dunklem, ziemlich langem Haar, großen dunklen Augen und einem
kleinen Ansatz zu jenem kurz geschnittenen Backenbart, der kaum bis zur
halben Wange reichte, wie man ihn zu Anfang des Jahrhunderts trug. Allem
Anscheine nach unterbrach dieser Zuhörer mitunter den unaufhaltsam
redenden Lebedeff, und wahrscheinlich waren es seine Fragen, die das
übrige Publikum zu schallendem Gelächter reizten.
»Lukjan Timofejewitsch, he, Lukjan Timofejewitsch! Ob der hört, wenn man
ihn ruft! So seht doch her! ...«
Und die Küchenmagd entfernte sich wütend, indem sie nur -- zum Ausdruck,
daß Reden doch vergeblich sei -- mit der Hand abwinkte und vor Ärger
ganz rot wurde.
Lebedeff sah sich aber doch um und -- erstarrte. Der Anblick des Fürsten
überraschte ihn wie ein Blitzschlag aus heiterem Himmel. Dann fuhr er
sich an den Kopf und stürzte dem Fürsten entgegen, doch auf halbem Wege
blieb er wie angewurzelt stehen, bis er sich so weit faßte, daß er mit
untertänigem Lächeln stottern konnte:
»Du--Du--Du--Durchlauchtigster Fürst!«
Doch plötzlich, immer noch ohne Fassungskraft, besann er sich eines
anderen, wandte sich zurück und stürzte sich auf das junge Mädchen in
Trauer mit dem Säugling auf den Armen, so daß diese ob der Plötzlichkeit
zurückschreckte. Aber Lebedeff ließ sie bereits im Stich und stürzte
sich auf das dreizehnjährige Mädchen, das in der Tür zum nächsten Zimmer
sich noch die Seiten von der Anstrengung der letzten Lachsalve hielt,
und dessen Gesicht die Lachfalten noch nicht aufgegeben hatte. Sie
zuckte erschrocken zusammen, als der Vater sie so anfuhr, und stürzte
davon, in die Küche, während Lebedeff hinterdrein wie in Berserkerwut
mit den Beinen trampelte und drohend die Faust hob. Doch da begegnete er
zufällig dem Blick des Fürsten, der ihn ganz verlegen ansah, und er
beeilte sich, seine Handlungsweise zu rechtfertigen:
»Um--um--um Ehrerbietung beizubringen, he--he--he ...«
»Aber wozu ...« wollte der Fürst beginnen, doch schon unterbrach ihn
Lebedeff.
»Sofort, sofort, sofort ... wie 'n Wirbelwind bin ich wieder da!«
Und er verschwand im Handumdrehen aus dem Zimmer. Der Fürst blickte
verwundert das junge Mädchen, den Knaben und den jungen Mann auf dem
Sofa an: alle lachten. Da mußte auch der Fürst lächeln.
»Er will sich nur den Rock anziehen,« sagte der Knabe.
»Wie fatal, daß er ...« sagte der Fürst, »ich wollte mich ihm ... Sagen
Sie, ist er ...«
»Betrunken, meinen Sie?« rief der junge Mann vom Sofa. »Keine Spur! Nur
so seine drei, vier Gläschen wird er gekippt haben, nun, sagen wir fünf,
höchstens, aber das ist doch nur der Disziplin halber, um in der Übung
zu bleiben.«
Der Fürst wollte sich der Stimme auf dem Sofa zuwenden, doch da begann
das junge Mädchen mit dem aufrichtigsten Ausdruck in ihrem lieblichen,
sympathischen Gesicht zu sprechen.
»Morgens trinkt er niemals viel; wenn Sie mit ihm etwas Geschäftliches
zu besprechen haben, so reden Sie nur; jetzt ist die beste Zeit dazu.
Nur des Abends, wenn er nach Hause kommt, ist er etwas ... aber dann
weint er gewöhnlich und liest uns bis in die Nacht hinein aus der Bibel
vor. Unsere Mutter ist vor fünf Wochen gestorben.«
»Hören Sie, er ist ja nur fortgelaufen, weil er noch nicht genau weiß,
was er Ihnen antworten soll!« lachte der junge Mann auf dem Sofa. »Ich
könnte wetten, daß er Ihnen ein X für ein U vormachen will und sich
gerade jetzt den Verfahrungsmodus überlegt.«
»Fünf Wochen! Vor genau fünf Wochen!« griff Lebedeff, der schon wieder
zurückkehrte, die letzten Worte seiner Tochter auf und blinzelte betrübt
mit den Augen, während er aus der Rocktasche das Schnupftuch hervorzog,
um seine Tränen abzuwischen. »Waisen sind wir! Ganz verwaist!«
»Aber, Papa, weshalb haben Sie denn diesen alten Rock angezogen? Der hat
ja Löcher!« sagte das junge Mädchen, »hier hinter der Tür hängt doch Ihr
neuer Rock, haben Sie ihn denn nicht gesehen?«
»Schweig, Heuschrecke!« schrie Lebedeff sie an. »Uh, du!« und wieder
stampfte er mit den Beinen.
Doch diesmal lachten alle schallend auf.
»Was erschrecken Sie mich, ich bin doch nicht Tanjä, daß ich fortlaufe!
So können Sie noch Ljubotschka aufwecken und die kann noch Krämpfe
bekommen ... was schreien Sie denn!«
»Pst-pst-pst! Pfeffer auf deine Zunge!« flüsterte Lebedeff ganz
entsetzt, schlich auf den Fußspitzen zum jungen Mädchen, das das Kind
hielt, und bekreuzte das kleine Ding mehrmals mit ängstlicher Miene.
»Gott behüte uns davor! Gott behüte! Das ist ja doch mein eigener
Säugling, müssen Sie wissen, meine Tochter Ljubow,« wandte er sich an
den Fürsten, »geboren in der gesetzmäßigsten Ehe von meiner jüngst
verschiedenen Gattin Helena, die bei der Geburt das Leben ließ. Und
diese Kiebitzin hier ist meine Tochter Wjera, in Trauer, wie Sie sehen
... dieser aber, dieser dort, oh, dieser ...«
»Na was, kommst mit Worten zu kurz?« rief der junge Mann lachend
dazwischen. »Fahr nur fort, genier' dich nicht.«
»Euer Durchlaucht!« rief Lebedeff plötzlich wie aus der Pistole
geschossen aus und mit einer Stimme, die fast überklappte. »Haben Sie
von der Ermordung der Familie Shemarin in den Zeitungen zu lesen
geruht?«
»J...ja,« sagte der Fürst etwas verwundert.
»Nun, dann sehen Sie hier: das ist der leibhaftige Mörder der Familie
Shemarin, er selbst, er selbst!«
»Was! Was reden Sie!« Der Fürst war ganz verdutzt.
»Das heißt, allegorisch gesprochen, ein zukünftiger zweiter Mörder einer
zukünftigen zweiten Familie Shemarin, wenn sich eine solche nochmals
irgendwo finden sollte. Dazu bereitet er sich vor ...«
Alle lachten. Dem Fürsten kam es in den Sinn, daß Lebedeff vielleicht
tatsächlich nur deshalb so viel sprach und schrie, weil er seine Fragen
voraussah und nun Zeit gewinnen wollte, um sich seine Antworten zu
überlegen.
»Er revoltiert! Ein Empörer! -- ein Verschwörer ist er!« schrie
Lebedeff, als befände er sich in einer Wut, die jede Selbstbeherrschung
ausschloß. »Nun, wie kann ich denn, nun, habe ich denn überhaupt das
Recht, ein solches Lästermaul, einen solchen, man kann schon sagen --
Wüstling und Auswurf des Menschengeschlechts, eine solche _Kreatur_ als
meinen leiblichen Neffen, als den einzigen Sohn meiner Schwester
Anissja, der Seligen, anzuerkennen?«
»Na, weißt du, jetzt kannst aber auch aufhören, Alter! Werden Sie es
glauben, Fürst, jetzt ist es ihm eingefallen, sich mit der Advokatur zu
befassen: er spielt den Verteidiger vor Gericht, und so redet er auch zu
Hause mit seinen Kindern nur noch im Deklamatorenstil. Vor fünf Tagen
hat er vor dem Friedensrichter plädiert, und was glauben Sie wohl,
wessen Verteidigung er übernommen hatte? Nicht die des alten Weibes, das
ihn hier angefleht und das ein alter Wucherer kahl gestohlen hat --
fünfhundert Rubel, ihr ganzes Vermögen, hat sich der Kerl eingesackt --
o nein, sondern die des Wucherers, Saidler mit Namen, irgend so ein
Judenvieh, weil der Kerl ihm fünfzig Rubel zu geben versprochen hat ...«
»Fünfzig Rubel, wenn ich gewinne, und nur fünf, wenn ich verliere,«
erklärte Lebedeff plötzlich mit einer ganz anderen Stimme, als er bisher
gesprochen, mit einer so zahmen, als hätte er nie geschrien.
»Na, natürlich ist er durchgefallen, es ist ja doch nicht mehr die gute
alte Zeit, man hat sich nur krank gelacht über ihn. Aber er ist doch
ungeheuer zufrieden mit sich selbst und seiner Leistung. >Bedenken Sie,<
hat er gesagt, >bedenken Sie, meine hochverehrten Herren Richter, ohne
Ansehen der Person, wollte sagen, ganz unparteiisch, daß dieser
armselige Greis, dem die Füße schon den Dienst versagen, und der von
ehrlicher Arbeit lebt, daß er somit sein letztes Stück Brot verlieren
würde! Gedenket der weisen Worte des Gebers aller Gesetze: Es walte die
Milde im Gericht!< -- Und was glauben Sie, diese Rede hält er an jedem
Morgen, den Gott werden läßt, vor der versammelten Familie, Wort für
Wort, wie er sie dort gehalten hat. Heute war's schon das fünftemal;
kurz bevor Sie kamen, redete er wieder, dermaßen hat er sich in sie
verliebt. Leckt sich die Lippen ab vor lauter Gefallen an sich selbst.
Und nun bereitet er sich vor, wieder irgend jemand zu verteidigen ...
Sie sind, glaube ich, Fürst Myschkin? Koljä hat mir schon von Ihnen
erzählt; einen klügeren Menschen als Sie habe er noch nie angetroffen,
und es gäbe einen solchen auch wohl in der ganzen Welt nicht ...«
»Stimmt! Stimmt! gibt 's auch nicht!« mußte Lebedeff sofort bestätigen
...
»Na, was dieser sagt, das brauchen Sie nicht zu glauben, der lügt jedes
Wort. Der eine liebt Sie und dieser will Ihnen bloß schmeicheln. Was nun
mich betrifft, so habe ich durchaus nicht die Absicht, Ihnen
Schmeicheleien zu sagen, das sei vorausgeschickt. Aber Sie sind doch
immerhin ein vernünftig denkender Mensch, -- seien Sie jetzt mal unser
Richter und schlichten Sie unseren Streit. Na, du, willst du, der Fürst
soll unser Richter sein?« wandte er sich an den Onkel. »Ich bin sogar
sehr froh darüber, daß Sie uns in den Weg gelaufen sind, Fürst.«
»Abgemacht! Ich will's auch!« rief Lebedeff entschlossen aus und sah
sich unwillkürlich nach dem Publikum um, das wieder heranzurücken
begann.
»Was haben Sie denn hier zu schlichten?« fragte der Fürst stirnrunzelnd.
Sein Kopf tat ihm weh, und zudem fühlte er mit jedem Augenblick
deutlicher, daß Lebedeff ihn betrog und sehr froh darüber war, daß er
die Aussprache hinausschieben konnte.
»Also, die Sache verhält sich so: Ich bin sein Neffe, das hat er
seltsamerweise nicht gelogen, wenn er auch sonst alles lügt. Ich bin
Student, habe aber das Studium nicht beendet, doch will und werde ich es
unfehlbar beenden, denn ich habe Charakter. Vorläufig aber nehme ich, um
meine Existenz fortzusetzen, eine Anstellung an der Eisenbahn für
fünfundzwanzig Rubel monatlich an. Ich gestehe freiwillig und gebe zu,
daß er mir zwei- oder dreimal bereits geholfen hat. Nun besaß ich
zwanzig Rubel und die habe ich jetzt verspielt. Werden Sie es glauben,
Fürst, ich war tatsächlich so gemein, so unendlich dumm, daß ich sie
verspielte? ...«
»Und noch an einen Schurken, an einen Schurken, den er gar nicht hätte
bezahlen dürfen!« schrie Lebedeff.
»Ja, an einen Schurken, den man jedoch nichtsdestoweniger bezahlen muß,«
fuhr der junge Mann fort. »Daß er aber ein Schurke ist, kann auch ich
bezeugen, und zwar nicht etwa deshalb, weil er dich mal gerupft hat. Das
ist nämlich, müssen Sie wissen, ein heruntergekommener ehemaliger
Offizier, ein verabschiedeter Unterleutnant aus Rogoshins Bande, der
jetzt Unterricht im Faustkampf erteilt und sich einen meisterhaften
Boxer nennt. Jetzt, nachdem Rogoshin die Kerle zum Deubel gejagt hat,
treiben sie sich brotlos in der Stadt umher. Doch was das dümmste dabei
ist: das ist, daß ich schon ohnehin wußte, wer er war, -- nämlich ein
Schurke und Spitzbube und Taschendieb -- und mich dennoch hinsetzte und
mit ihm zu spielen begann, und daß ich, als ich den letzten Rubel
verspielte -- wir spielten ein Hasardspiel -- bei mir dachte: Verliere
ich ihn, so gehe ich zu Onkel Lukjan, mache ihm meinen Bückling -- er
wird schon geben. Sehen Sie, das war eben die Gemeinheit, ja, das war
wirklich eine Gemeinheit, das gebe ich zu. Das war schon ganz bewußte
Niedertracht!«
»Jawohl, das war schon ganz bewußte Niedertracht!« bestätigte Lebedeff.
»Na, triumphier' nur nicht, wart' noch ein bißchen damit!« rief der
Neffe gekränkt dem Onkel zu. »Er freut sich noch! Ich kam also zu ihm,
Fürst, hierher in dieses Haus und gestand ihm alles: Sie sehen, ich
handelte edel, denn ich habe mich selbst nicht geschont; ich beschimpfte
mich vor ihm, wie ich nur konnte -- hier sind die Zeugen. Um nun die
Stelle bei der Eisenbahn antreten zu können, muß ich mich vorher doch
einigermaßen equipieren, ich bin ja doch ganz zerlumpt. Da, sehen Sie
nur die Stiebel! So kann ich mich doch nicht dort einfinden, das geht
doch nicht -- finde ich mich aber nicht ein, nun, so erhält die Stelle
eben ein anderer, und ich sitze dann wieder auf dem Äquator und kann
warten, bis ich eine neue Stelle finde. Jetzt bitte ich ihn im ganzen
nur um fünfzehn Rubel und verspreche ihm hoch und heilig, daß ich
fernerhin niemals mehr einen Pumpversuch bei ihm machen und zweitens
innerhalb der drei ersten Monate ihm die ganze Schuld bezahlen werde --,
ich aber pflege mein Wort zu halten! Was verlangt also der Mensch
eigentlich? Ich kriege es schon fertig, ganze Monate nur von Brot und
Kwaß zu leben, denn, wie gesagt, ich habe Charakter. Für drei Monate
Dienst erhalte ich fünfundsiebzig Rubel. Mit dem Früheren zusammen
schulde ich ihm summa summarum nur fünfunddreißig Rubel, folglich kann
ich ihm die Schuld bezahlen, ich habe dann was, womit! Na, und wenn er
Prozente haben will, so zahle ich sie ihm auch, hol's der Deubel! Kennt
er mich denn etwa noch nicht? Bin ich ihm denn ein Fremder? Fragen Sie
ihn doch, Fürst, ob ich nicht alles ehrlich bezahlt habe, was er mir
früher gepumpt hat? Weshalb will er mir denn jetzt nichts mehr pumpen?
Es ärgert ihn, daß ich dem Leutnant die Spielschuld bezahlt habe, das
ist der ganze Grund, einen anderen gibt es nicht! Sehen Sie, so ist
dieser Mensch, -- weder sich noch anderen!«
»Und er geht nicht fort!« rief Lebedeff aus, klagend und empört
zugleich. »Hat sich hier festgesetzt und geht nicht fort!«
»Ich habe dir doch gleich gesagt: ich gehe nicht eher fort, als bis du
gibst. Sie scheinen zu lächeln, Fürst? Sie finden wohl, daß ich im
Unrecht bin?«
»Ich lächle nicht, doch meiner Meinung nach sind Sie allerdings ein
wenig im Unrecht,« sagte der Fürst zögernd. Dieses ganze Gespräch
behagte ihm sehr wenig.
»Na, sprechen Sie es doch ruhig aus, daß ich ganz und gar im Unrecht
bin, Winkelzüge sind hier nicht angebracht: was heißt das -- >ein
wenig<!«
»Nun, ja, wenn Sie wollen: Sie sind ganz und gar im Unrecht.«
»Wenn ich will! Das ist mal nett! Aber glauben Sie denn wirklich, ich
wüßte nicht, daß es kitzlig ist, so vorzugehen, das Geld gehört doch
ihm, sein freier Wille gleichfalls; meinerseits aber läuft es
schließlich auf einen Vergewaltigungsversuch hinaus. Aber Sie, Fürst ...
kennen Sie das Leben nicht! Wenn man diese Leute nicht belehrt, kommt
nichts Gescheites aus ihnen heraus. Man muß sie belehren, sie zwingen.
Mein Gewissen ist doch rein; nach meinem Gewissen bringe ich ihm keinen
Schaden, sondern gebe ihm noch die Prozente zu verdienen. Eine
moralische Genugtuung hat er gleichfalls durch mich gehabt: er hat meine
Erniedrigung gesehen. Was verlangt er also noch? Wozu wird er denn
überhaupt taugen, wenn er nicht wenigstens in dieser Weise der
Menschheit Nutzen bringt? Und erlauben Sie mal, wie treibt er's denn
selbst? Fragen Sie mal, was er mit anderen Leuten tut, wie er denen das
Fell über die Ohren zieht! Wie ist er denn zu diesem Hause hier
gekommen? Und ich gebe meinen Kopf darauf, daß er auch Sie bereits
betrogen und sich auch schon überlegt hat, wie er Sie noch mehr betrügen
kann! Sie lächeln -- Sie glauben mir nicht?«
»Ich glaube, daß das nicht ganz zur Sache gehört,« bemerkte der Fürst.
»Ich liege hier schon den dritten Tag, und was habe ich hier nicht schon
alles gesehen!« rief der junge Mann lachend aus, ohne die Bemerkung des
Fürsten weiter zu beachten. »Denken Sie sich nur, Fürst, er verdächtigt
diesen Engel, dieses reizende junge Mädchen dort, meine leibliche Kusine
und seine leibliche Tochter -- unerlaubter Beziehungen und vermutet in
jeder Nacht liebe Freunde in ihrem Zimmer! Überall schnüffelt er nach
Liebhabern herum, selbst hierher zu mir schleicht er sich des Nachts und
sucht sogar unter dem Sofa nach einem Eindringling. Er ist verrückt
geworden, vor lauter Mißtrauen, in jeder Ecke glaubt er Diebe zu sehen.
In der Nacht springt er alle fünf Minuten aus dem Bett, um bald die
Fenster, bald die Türen zu untersuchen, ob auch alles hübsch fest ist,
sogar in den Ofen steckt er den Kopf hinein, und das wiederholt sich
ungefähr siebenmal in einer Nacht. Vor Gericht verteidigt er Spitzbuben,
um dann in der Nacht den Himmel um Hilfe vor ihnen anzuflehen; dann
kniet er hier in diesem Zimmer nieder, schlägt mit der Stirn auf den
Fußboden und betet und bittet. Herr des Himmels, wenn Sie wüßten, für
wen alles er hier betet! Natürlich unter der Einwirkung des Alkohols.
Sogar für die Seele der Gräfin Dubarry! -- ich hab's mit meinen eigenen
Ohren gehört, glauben Sie mir! Koljä hat es gleichfalls gehört. Er ist
ja doch total übergeschnappt, glauben Sie mir!«
»Sehen Sie, hören Sie, wie er mich verleumdet, Fürst!« schrie Lebedeff,
ganz rot im Gesicht und entschieden aus der Fassung gebracht. »Ob er
aber auch das erzählt, wie ich Trunkenbold und Herumtreiber, ich Räuber
und Missetäter dieses Lästermaul als Säugling in Windeln gewickelt, in
der kleinen Kinderwanne gebadet, wie ich bei meiner verwitweten
Schwester Anissja, die ebenso arm war wie ich, ganze Nächte aufgesessen
habe, ohne auch nur ein Auge zuzudrücken, wie ich sie beide gepflegt
habe -- denn beide waren sie krank --, wie ich beim Hausknecht Holz
gestohlen, wie ich ihm Wiegenlieder gesungen und zu seiner Erheiterung
mit den Fingern geschnippt habe, alles mit leerem Magen -- ob er das
wohl auch erzählt? Da habe ich jetzt den Dank dafür, daß ich seine Amme
gewesen bin, da sitzt jetzt das Produkt und lacht mich alten Mann noch
aus! Was kümmert's dich, wenn ich wirklich einmal für die Gräfin Dubarry
ein Kreuz schlage? Ich werde Ihnen sagen, Fürst, vor vier Tagen las ich
zum erstenmal die Biographie der Dubarry im Lexikon. Weißt du auch
überhaupt, wer sie war, diese Dubarry? Sprich, weißt du's oder weißt
du's nicht?«
»Na, du hältst dich wohl für den einzigen, der's weiß?« brummte der
junge Mann spöttisch und unwillig.
»Das war eine solche Gräfin, daß sie, als sie erst aus dem
Straßenschmutz heraus war, an Stelle einer Königin regierte, und die
eine große Kaiserin in einem eigenhändigen Schreiben mit >_ma
cousine_{[19]}< anredete. Jawohl, ja! Und der Kardinal, der päpstliche
Nuntius erbot sich beim _lever-du-roi_{[20]} (weißt du auch, was das ist
>_lever-du-roi_<?) die seidenen Strümpfchen über ihre bloßen Füßchen zu
ziehen, eigenhändig, er, der päpstliche Nuntius und Kardinal -- so ein
großes Tier! -- und er rechnete sich das noch zur Ehre an! Wußtest du
das? Ich sehe es ja schon an deinem Gesicht, daß du davon keinen
Schimmer hattest! Nun, und wie ist sie gestorben? Antworte, wenn du's
weißt!«
»Ach, hör' auf!«
»Gestorben aber ist sie so, daß sie, diese Herrscherin, nach aller Macht
und allem Glanz und allen Ehren, daß sie, die schließlich doch nichts
verbrochen hatte, zur Freude der Pariser Marktweiber von dem Henker auf
die Guillotine geschleppt wurde und selbst vor Angst überhaupt nicht
begriff, was mit ihr geschah. Sie sieht nur, daß er ihren Kopf unter das
Messer drückt und ihr noch Püffe und Stöße versetzt, jene aber lachen.
Und da schreit sie in ihrer Todesangst: >_Encore un moment, monsieur le
bourreau, encore un moment!_< das heißt soviel, wenn du's wissen willst,
wie: >Noch einen Augenblick, Herr Henker, noch einen Augenblick!< Und
für diesen einen Augenblick wird ihr Gott der Herr vielleicht auch noch
alles vergeben, denn eine größere _misère_{[21]} der Menschenseele kann
man sich kaum vorstellen. Weißt du überhaupt, was dieses Wort >_misère_<
bedeutet? Nun sieh, jetzt habe ich dir erläutert, was es bedeutet? Ich
sage dir, als ich von diesem einen _moment_{[22]} las, war mir's, als
hätte man mir das Herz mit einer Kneifzange festgeklemmt. Und was
kümmert das dich, du Wurm, daß ich auch sie, die große Sünderin, in mein
Gebet eingeschlossen habe? Vielleicht habe ich es nur deshalb getan,
weil seit ihrem Hinscheiden noch niemand auf dem ganzen Erdenrund für
sie gebetet hat oder auch nur daran gedacht hat, für sie zu beten. Wird
es ihr doch in jener Welt sicher angenehm sein, zu hören, daß sich ein
ebenso großer Sünder wie sie gefunden, der wenigstens einmal auf Erden
für sie betet. Was lachst du? Du glaubst mir nicht, Atheist! Was kannst
du wissen? Und dabei hast du mich noch falsch verstanden, obschon du
gewissenlos genug gewesen bist, mich zu belauschen: ich habe nicht nur
für die Gräfin Dubarry gebetet, sondern wortwörtlich so, wie folgt:
>Erbarme dich, Vater, der Seele der Gräfin Dubarry, der großen Sünderin,
wie der Seelen aller ihresgleichen!< -- das aber ist etwas ganz anderes!
Denn solcher Sünderinnen und Beispiele der Veränderungssucht Fortunas,
solcher Menschen, die viel gelitten haben, hat es in der Welt allerorten
unzählige gegeben, und sie alle winden sich jetzt in der Höllenpein und
stöhnen und warten! Aber damit habe ich ja doch auch für dich und
deinesgleichen Gott den Herrn um Gnade angefleht, für ganz genau solche
unverschämte Lästermäuler und unverfrorene Frechlinge, wie du einer
bist, das schreib dir hinter die Ohren, wenn du dich schon mal so weit
verirrt hast, daß du mich belauschen willst, wenn ich bete ...«
»Na, aber jetzt hör' auf, Schluß! Bet' für wen du willst, hol' dich der
Deubel!« unterbrach ihn der Neffe ärgerlich. »Er ist ja doch ein
belesener Mann, wußten Sie das schon, Fürst?« sagte er dann plötzlich
mit einem gewissermaßen betretenen Lächeln. »Er ist ja jetzt ohne irgend
so ein Memoirenbüchelchen gar nicht mehr denkbar.«
»Ihr Onkel ist jedenfalls ... kein herzloser Mensch,« bemerkte halb
wider Willen der Fürst, dem der junge Mann auf dem Sofa durchaus nicht
gefiel.
»Oh, ihn zu loben ist gefährlich! Mit solchen Bemerkungen können Sie ihn
ja noch ganz verrückt machen! Sehen Sie, da hat er schon wieder die Hand
aufs Herz gepreßt und den Mund zum >O< geformt. Ist in Geschmack
gekommen. Herzlos ist er gerade nicht, dafür aber gerieben, das ist der
Jammer. Zudem ist er jetzt noch dem Alkohol ergeben, da hat er denn so
ein paar Schrauben verloren, wie es schließlich jedem passiert, der
jahrelang keinen nüchternen Tag sieht. Seine Kinder liebt er, das muß
man ihm lassen, seine Frau hat er sehr geachtet ... Sogar mich hat er
gern, und was glauben Sie, er hat mich sogar im Testament bedacht, bei
Gott, er will auch mir etwas hinterlassen!«
»N--nichts hinterlasse ich dir!« schrie Lebedeff in ingrimmiger
Erbitterung.
»Hören Sie, Lebedeff,« wandte sich der Fürst fest und entschlossen an
ihn, indem er dem jungen Mann den Rücken zukehrte, »ich weiß aus eigener
Erfahrung, daß Sie ein guter Geschäftsmann sind, wenn Sie es sein wollen
... Ich habe sehr wenig Zeit, und wenn Sie jetzt ... Verzeihung, wie ist
Ihr Vorname und Ihr Vatername? Ich habe es im Augenblick ...«
»Ti--ti--Timofej.«
»Und?«
»Lukjanowitsch.«
Alle Anwesenden brachen in schallendes Gelächter aus.
»Er lügt ja!« schrie der Neffe. »Auch das muß er lügen! Er heißt ja gar
nicht Timofej Lukjanowitsch, Fürst, sondern Lukjan Timofejewitsch! Na,
sag' doch, weshalb hast du denn wieder gelogen? Kann es dir denn nicht
ganz egal sein, ob du Lukjan oder ob du Timofej heißt, und was macht
sich schließlich der Fürst daraus? Glauben Sie mir, Fürst, ihm ist das
Lügen so zur Gewohnheit geworden, daß er überhaupt kein wahres Wort mehr
reden kann, ich versichere Sie!«
»Ist es wahr?« fragte der Fürst ungeduldig.
»Lukjan Timofejewitsch, allerdings,« bestätigte der verlegen gewordene
Lebedeff, indem er schuldbewußt die Augen niederschlug und die Hand auf
das Herz preßte.
»Ja, warum tun Sie denn das, ach Gott!«
»Aus ... zur Selbsterniedrigung,« flüsterte Lebedeff, der immer
schuldbewußter den Kopf hängen ließ.
»Wo ist denn hier Selbsterniedrigung! Wenn ich nur wüßte, wo ich jetzt
Koljä finden könnte!« sagte der Fürst stirnrunzelnd und wandte sich zur
Tür, um fortzugehen.
»Ich werde es Ihnen sagen, wo Koljä ist,« rief der junge Mann.
»Ni--ni--nicht doch!« fuhr Lebedeff entsetzt dazwischen.
»Koljä hat hier übernachtet, und am Morgen begab er sich auf die Suche
nach seinem General, den Sie, Fürst, aus dem Schuldgefängnis ausgekauft
haben, wozu und weshalb, mag Gott wissen. Der General aber versprach
gestern noch, zur Nacht herzukommen, ist aber bis jetzt noch nicht
erschienen. Es ist anzunehmen, daß er im Gasthaus >Zur Wage< die Nacht
verbracht hat. Koljä wird also entweder dort sein -- das ist hier in
nächster Nähe -- oder in Pawlowsk bei Jepantschins. Geld hatte er und
hinfahren wollte er schon gestern. Also entweder in der >Wage< oder in
Pawlowsk.«
»In Pawlowsk, in Pawlowsk, versteht sich! ... Wir aber, wir aber wollen
ins Gärtchen gehen, hier, hier, wenn ich bitten darf, und ... ein
Täßchen Kaffee zu uns nehmen ...«
Lebedeff hatte den Fürsten schon am Ärmel gefaßt und zog ihn fort. Sie
traten aus dem Hause, gingen über den kleinen Hof und gelangten zu einem
Gartenpförtchen, das Lebedeff aufschloß. Vor ihnen lag ein sehr netter,
wenn auch nur sehr kleiner Garten, dessen Bäume dank dem warmen Wetter
schon hellgrüne Blätter hatten. Lebedeff führte den Fürsten zu einer
grünen Bank, vor der auf einem eingerammten Pfosten ein gleichfalls grün
angestrichener Tisch stand. Er bat den Fürsten, Platz zu nehmen, und
setzte sich selbst ihm gegenüber. Eine Minute später wurde auch schon
der Kaffee gebracht. Der Fürst lehnte nicht ab. Lebedeff fuhr fort, ihn
mit ergebenen, doch gierig-neugierigen Blicken zu betrachten.
»Ich wußte es gar nicht, daß Sie ein hübsches Grundstück besitzen,«
sagte der Fürst in dem Tone eines Menschen, der an etwas ganz anderes
denkt, nicht aber an das, was er spricht.
»W--waisen ...« stotterte Lebedeff erschrocken, brachte aber nichts mehr
hervor, als das eine Wort, da ihm Schweigen ratsamer erschien.
Der Fürst blickte zerstreut vor sich hin und hatte seine Frage natürlich
schon längst vergessen. Das Schweigen dauerte eine ganze Weile. Lebedeff
beobachtete ihn und wartete.
»Nun, was?« sagte der Fürst, gleichsam erwachend. »Ach so! Ja, Sie
wissen es doch selbst, Lebedeff, um was es sich handelt. Ich bin auf
Ihren Brief hin gekommen. Also reden Sie.«
Lebedeff senkte ganz verwirrt den Blick, wollte etwas sagen, schloß aber
wieder den Mund, ohne eine Silbe hervorgebracht zu haben. Der Fürst
wartete und ein trauriges Lächeln glitt über sein Gesicht.
»Ich glaube Sie sehr gut zu verstehen, Lukjan Timofejewitsch: Sie haben
mich ganz einfach nicht erwartet. Sie dachten wohl nicht, daß ich mich
auf Ihre erste Benachrichtigung hin aufmachen und meine Einöde verlassen
würde, und so schrieben Sie nur zur Beruhigung Ihres Gewissens. Und da
bin ich nun plötzlich hier eingetroffen. Doch nun genug, hören Sie jetzt
auf mit dem Betrügen. Zweien Herren kann man nicht zu gleicher Zeit
dienen. Rogoshin ist schon seit drei Wochen hier, ich weiß alles. Haben
Sie inzwischen Zeit gehabt, sie ihm wieder zu verkaufen, wie damals?
Sagen Sie die Wahrheit.«
»Das Ungeheuer hat ja doch von selbst alles erfahren, ganz von selbst!«
»Schelten Sie ihn nicht. Er hat Sie freilich nicht gut behandelt ...«
»Verprügelt hat er mich, verprügelt hat er mich!« fiel Lebedeff
aufgeregt dazwischen. »Und in Moskau hat er mir noch einen Hund auf den
Hals gehetzt, mitten auf der Straße, einen tollen Hund, eine wütende
Bestie!«
»Sie scheinen mich für ein kleines Kind zu halten, Lebedeff. Sagen Sie
im Ernst: Hat sie ihn wirklich verlassen, jetzt, in Moskau?«
»Im Ernst, im Ernst, und wieder fast vom Altar fort. Jener zählte schon
die Minuten, sie aber entfloh hierher, direkt zu mir. >Rette mich,
beschütze mich, Lukjan, und auch dem Fürsten sag' kein Wort< ... Sie
fürchtet Sie jetzt noch mehr als ihn, Fürst, und darin liegt -- hohe
Weisheit!«
Und Lebedeff tippte sich bedeutsam mit dem Finger vor die Stirn.
»Und jetzt haben Sie sie wieder zusammengeführt?«
»Durchlauchtigster Fürst, wie hätte ich ... wie hätte ich das nicht
zulassen können!«
»Nun, genug, ich werde schon selbst alles erfahren. Sagen Sie nur -- wo
ist sie jetzt? Bei ihm?«
»O nein! Denkt nicht dran! Gehört sich noch ganz allein, sich selbst!
>Ich bin vollkommen frei<, sagt sie, und wissen Sie, Fürst, darauf
besteht sie! >Ich bin<, sagt sie, >noch vollkommen frei!< Sie wohnt
jetzt immer noch auf der Petersburger Seite im Hause meiner Schwägerin,
wie ich Ihnen schrieb.«
»Und ist sie auch jetzt dort?«
»Auch jetzt, wenn sie bei dem schönen Wetter nicht nach Pawlowsk
gefahren ist, zu Darja Alexejewna, die dort eine Villa besitzt! >Ich bin
noch vollkommen frei, noch vollkommen frei<, sagt sie. Noch gestern hat
sie Nikolai Ardalionytsch, dem Koljä, viel von ihrer Freiheit erzählt.
Brüstet sich sogar. 'n schlechtes Zeichen!«
Und Lebedeff lächelte.
»Ist Koljä oft bei ihr?«
»Oh, der ist leichtsinnig und unvernünftig und obendrein noch nicht
einmal verschwiegen!« lenkte Lebedeff ab.
»Sind Sie oft bei ihr gewesen?«
»Jeden Tag, jeden Tag.«
»Also auch gestern.«
»N--nein, vor vier Tagen zum letztenmal.«
»Wie schade, daß Sie heute etwas zuviel getrunken haben, Lebedeff! Ich
hätte Sie sonst etwas gefragt ...«
»Ni--ni--nicht die Spur, nicht die Spur!«
Lebedeff war ganz Ohr.
»Sagen Sie, wie haben Sie sie verlassen?«
»S--su--suchend ...«
»Suchend?«
»Ja, so als würde sie immer etwas suchen, als hätte sie etwas verloren.
Von der Heirat darf man überhaupt nicht reden, sie faßt es als
Beleidigung auf. Selbst der Gedanke daran ist ihr ekelhaft geworden. An
_ihn_ denkt sie nicht mehr -- und nicht _mehr_ jedenfalls als etwa an
ein Apfelsinenschalenstückchen, das heißt selbstverständlich --
bedeutend mehr, sogar mit Furcht und Entsetzen, verbietet strengstens,
von ihm auch nur zu sprechen, und sie sehen sich auch nur dann, wenn es
durchaus nötig ist ... und er empfindet das sogar sehr! Doch was! -- was
geschehen soll, wird geschehen! ... Unruhig ist sie, spöttisch,
doppelzüngig, zänkisch ...«
»Doppelzüngig, zänkisch??«
»Jawohl. Viel fehlte nicht, und sie wäre mir das letztemal, als ich dort
war, in die Haare gefahren, wegen eines Gespräches. Das zog ich mir
durch die Apokalypse zu.«
»Was? Wie?« fragte der Fürst, der sich verhört zu haben glaubte.
»Sie ist nun einmal eine Dame mit unruhigem Geist. Jawohl, ja! Und wie
ich beobachtet habe, gar zu geneigt zu ernsten, wenn auch
nebensächlichen Gesprächen. Ja, das hat sie gern, nein wirklich! Ohne
Spaß. Ich aber bin nun in der Auslegung der Apokalypse eine Kompetenz
und befasse mich damit schon seit fünfzehn Jahren. Sie war sogar ganz
meiner Meinung, daß wir jetzt beim dritten Rosse stehen, bei dem
braunen, und bei dem Reiter mit dem Maß in der Hand, da doch heutzutage
alles nach Maß und Vertrag geht und jeder Mensch nur sein eigenes Recht
sucht: >ein Maß Weizen für einen Denar und drei Maß Gerste für einen
Denar<, wie es in der Heiligen Schrift geschrieben steht ... und dabei
wollen sie noch freien Geist und reines Herz und gesunden Körper und
alle guten Gaben Gottes behalten und bewahren. Das aber können und
werden sie nicht, wenn sie das Recht so auffassen, und hierauf folgt das
>bleiche Roß< und der, dessen Name ist Tod, und dann folgt schon die
Hölle ... Darüber disputieren wir nun, wenn wir zusammenkommen und -- es
hat stark gewirkt.«
»Ist das Ihr eigener Glaube?« fragte der Fürst und betrachtete Lebedeff
mit seltsamem Blick.
»Jawohl. Also glaube ich und also lege ich es aus; denn ich bin arm und
nackend und nur ein Atom im Kreislauf der Menschen. Wer wird einen
Lebedeff achten? Ein jeder hat ihm etwas am Zeuge zu flicken und
versetzt ihm wenn nichts anderes, dann wenigstens einen Rippenstoß. Hier
aber, in der Auslegung der Apokalypse, bin ich jedem Würdenträger
ebenbürtig. Das macht der Verstand! Und hat doch schon einmal ein
Würdenträger vor mir gezittert ... auf seinem Fauteuil, als ihm das
Licht aufging. Seine erhabene Exzellenz Nil Alexejewitsch ließen mich
vor drei Jahren -- es war kurz vor dem Osterfest und ich hatte damals
noch in ihrem Departement eine Anstellung -- durch Pjotr Sacharytsch in
ihr Kabinett rufen und fragten mich also unter vier Augen: >Ist es wahr,
daß du ein Professor des Antichrist bist?< Und ich verschwieg's auch
nicht: >Ich bin's<, sprach ich, und ich begann meine Auslegung und
stellte es dar und verminderte auch den Schrecken nicht im geringsten,
sondern vergrößerte ihn noch, indem ich die ganze Allegorie aufrollte
und mathematische Zahlen anführte. Anfangs hatten sie noch gelächelt,
bei den Zahlen aber und den Gleichnissen begannen sie zu zittern und
baten, das Buch zu schließen und fortzugehen, und zu Ostern versprachen
sie mir noch eine Gratifikation, doch zu St. Thomas gaben Seine
Exzellenz bereits den Geist auf.«
»Was reden Sie, was ist in Sie gefahren, Lebedeff?«
»Tatsache! Nach dem Mittagessen geruhten Seine Exzellenz aus dem Wagen
zu fallen ... an einer Straßenecke mit dem Oberschädel senkrecht auf
einen Prellstein, und wie ein Kindchen, wie ein kleines Kindchen
geruhten sie sogleich die Seele auszuhauchen. Dreiundsiebzig Jahre alt,
nach dem Taufschein gerechnet. Ein rosa-graues Herrchen in einer Wolke
von Parfüm und ewig mit einem Lächeln im Gesicht, ewig lächelnd, auf ein
Haar wie ein kleines Kindlein. Da sagte noch Pjotr Sacharytsch zu mir:
>Das hast du ihm vorausgesagt!< sagte er.«
Der Fürst erhob sich. Lebedeff wunderte sich darüber und sah ihn ganz
verblüfft an.
»Sie sind mir aber doch mal etwas zu gleichmütig geworden, he--he ...«
wagte er mit unterwürfigem Blick zu bemerken.
»Ich ... ich fühle mich nicht ganz wohl, der Kopf ist mir schwer, von
der Reise natürlich,« antwortete der Fürst stirnrunzelnd.
»Sie müßten aufs Land, müßten sich eine Datsche mieten,« bemerkte
Lebedeff vorsichtig.
Der Fürst stand in Gedanken versunken vor ihm.
»Auch ich werde so in drei Tagen mit Kind und Kegel auf die Datsche
ziehen, um das neugeborene Würmchen zu erhalten und inzwischen hier das
Haus renovieren zu lassen. Ich gehe gleichfalls nach Pawlowsk.«
»Und auch Sie gehen nach Pawlowsk?« fragte der Fürst überrascht. »Was
ist denn das, hier zieht ja wirklich alle Welt nach Pawlowsk? Und Sie
haben, sagen Sie, eine eigene Datsche?«
»Oh, nach Pawlowsk zieht durchaus nicht alle Welt. Mir aber hat Iwan
Petrowitsch Ptizyn eine der Datschen, die ihm sehr billig zugefallen
sind, ebenso billig abgetreten. Es ist dort sehr schön und vornehm und
grün und billig und musikalisch, und deshalb zieht auch alle Welt für
den Sommer nach Pawlowsk. Ich, das heißt, ich wohne selbst nur im
Nebengebäude, die eigentliche Villa aber ...«
»Haben Sie vermietet?«
»N--n--nein. N--n--noch nicht ganz.«
»Überlassen Sie sie mir, ich will sie mieten!« schlug der Fürst
plötzlich vor.
Lebedeff schien nur darauf gewartet zu haben. Erst vor einem Augenblick
war der Gedanke in ihm aufgetaucht, und sofort übersah er die ganze
»neue Wendung der Dinge«, die ihm sehr fruchtbar erschien. Zwar hatte
sich ein Villenmieter bereits bei ihm gemeldet, der, wie Lebedeff wußte,
die Villa bestimmt nehmen würde; doch da jener beim Fortgehen sich mit
»Vielleicht« und »Wahrscheinlich« verabschiedet hatte, so fühlte sich
Lebedeff nicht gebunden. Auf den Vorschlag des Fürsten ging er dagegen
mit Begeisterung ein, so daß er selbst auf die Frage nach dem Preise nur
mit der Hand abwinkte.
»Nun, gleichviel, Sie sollen das Ihrige nicht verlieren,« sagte der
Fürst.
Sie gingen bereits zum Pförtchen.
»Ich würde Ihnen ... ich würde Ihnen ... wenn Sie nur wollten, könnte
ich Ihnen etwas Hochinteressantes mitteilen, sehr geehrter Fürst, könnte
Ihnen etwas mitteilen, das sich gleichfalls darauf bezieht,« flüsterte
Lebedeff, der vor Freude fast zappelnd neben dem Fürsten einherlief.
Der Fürst blieb stehen und sah ihn fragend an.
»Darja Alexejewna hat in Pawlowsk gleichfalls ein Datschchen.«
»Nun, und?«
»Und die gewisse Dame ist mit ihr befreundet und beabsichtigt allem
Anschein nach, sie oft in Pawlowsk zu besuchen. Und -- zu einem gewissen
Zweck!«
»Und?«
»Und Aglaja Iwanowna ...«
»Ach, genug, hören Sie auf, Lebedeff!« unterbrach ihn der Fürst mit
einem unangenehmen Gefühl, ganz als sei eine wunde Stelle in seinem
Innern berührt worden. »Alles das ... ist doch nicht so. Sagen Sie mir
lieber, wann Sie übersiedeln, mir wäre es -- je früher -- desto
angenehmer; denn ich bin in einem Hotel abgestiegen, das ...«
Sie traten durch das Pförtchen und gingen über den Hof zur Straße.
»Aber da ist es doch das beste,« fiel Lebedeff ein, »Sie ziehen sogleich
zu mir herüber und leben so lange hier, bis wir dann übermorgen alle
zusammen nach Pawlowsk auswandern!«
»Ich werde sehen,« sagte der Fürst nachdenklich und trat aus dem Hof auf
die Straße.
Lebedeff sah ihm verwundert nach. Ihn machte diese plötzliche
Zerstreutheit des Fürsten stutzig: beim Fortgehen hatte er nicht einmal
Adieu gesagt, nicht einmal mit dem Kopf genickt, das aber schien ihm mit
der ihm bekannten Höflichkeit und Korrektheit des Fürsten ganz
unvereinbar.