Larven des Ameisenlöwen mit dem Spinnen des Puppenkokons beschäftigt.
Ist der Kokon fertig, so stellt er eine kleine Kugel von etwa 2 cm
Durchmesser dar, welche vollkommen mit feinen, kleinen Sandkörnern an
der Oberfläche bedeckt ist (Abb. 41). Diese sind mit dem Spinnstoff
an die Hülle angeklebt, welche die Larve um sich hergestellt hat. Sie
bildet eine kleine kugelige Kammer mit glatter, weißer Wand.
Die Ameisenlöwen haben keine besonderen Spinndrüsen, sondern ihre
Malpighischen Gefäße, welche in der Zahl von 8 an der Grenze von
Mittel- und Enddarm in letzteren einmünden, wandeln sich während
des letzten Abschnittes der Larvenzeit in Spinndrüsen um. Das hat
+Lozinski+ (1911) in einer sorgfältigen Arbeit nachgewiesen. Während
des früheren Larvenlebens sind die Malpighischen Gefäße normal
funktionierende Exkretionsorgane. Gegen Ende des Larvenlebens werden
aber die Wandzellen größer, bekommen sehr große verästelte Kerne und
beginnen Spinnstoff auszuscheiden. Dieser gelangt durch das sogenannte
Coecum in den Afterdarm des Ameisenlöwen. Der Afterdarm ist an seinem
Ende in eine ausstülpbare chitinige Röhre umgestaltet, welche als
Spinnapparat dient (vgl. Abb. 10, S. 19). Aus ihrer beweglichen feinen
Spitze kommt der Seidenfaden in noch weichem Zustand heraus und kann in
den verschiedensten Richtungen bewegt und angeklebt werden.
[Illustration: Abb. 42. Mandibel der Larve (a), der Puppe (b) und der
Imago (c) von Myrmeleo formicarius L. (nach +Lucas+). Vergr. 15mal.]
Wie +Lucas+ gezeigt hat, kriecht der Ameisenlöwe noch im Puppenzustand
zum Teil aus dem Kokon heraus; die Imago entschlüpft der am
Rücken platzenden Puppenhaut, nachdem sie zu einem Drittel aus dem
Kokon hervorgestreckt ist. Vorher hat die Puppe mit den kräftigen,
gezähnelten Puppenmandibeln (Abb. 42 b), welche wie Hüllen die
Imagomandibel umgeben, ein kreisrundes Loch mit glatten Rändern in
die Kokonhülle genagt. So hat das Tier in seinen drei Stadien ihren
Sonderbedürfnissen angepaßte Mandibelformen ausgebildet: jene für
den Ameisenfang so geeigneten langen, stark gezähnelten Mandibel der
Larve, die kräftigen, grob gezähnelten Mandibel der Puppe, welche
nur zur Befreiung aus dem Kokon dienen, und schließlich die zarten,
ganzrandigen Mandibel der Imago, welche ihr zu -- soviel ich weiß --
heute noch nicht genauer bekannten Zwecken notwendig sind.
[Illustration: Abb. 43. Imago von Myrmeleo formicarius L. (nach +Hesse+
und +Doflein+). Vergr. 2mal.]
Fast das ganze Jahr hindurch kann man an den geeigneten Stellen die
offenen Trichter der Ameisenlöwen beobachten. Nur im November, Dezember
und Januar habe ich sie im Freien nicht gesehen. War das Wetter
warm und sonnig, so fand ich in einigen Fällen sogar in der ersten
Novemberwoche und in Freiburg sogar im warmen Winter 1911/12 in der
letzten Januarwoche einige Trichter mit lebhaften Tieren im Freien.
Die dazwischenliegende Zeit ist also die einzige, in der ich sie nicht
im Freien bemerkte. Meist ist zu dieser Zeit die Erde feucht oder
gefroren; die wichtigsten Voraussetzungen für das Trichterbauen fehlen
also.
Aber was viel eigentümlicher ist, die Tiere, welche ich in der gleichen
Zeit im warmen Zimmer, möglichst der Sonne ausgesetzt, bei einer
Durchschnittstemperatur von 17° C hielt, bauten auch keine Trichter
mehr. Sie saßen in feinem, trockenem Sand, Feuchtigkeit wurde ihnen
zeitweise gespendet, Ameisen zur Fütterung reichlich geboten -- aber
sie bauten keinen Trichter, fingen keine Ameisen, reagierten überhaupt
nicht auf diese und waren nicht dazu zu bringen, sie auszusaugen.
Ich bemerke ausdrücklich, daß es sich bei diesen Beobachtungen um Tiere
von ganz verschiedener Größe handelte; es kam also keine Verwechslung
mit jenem Ruhestadium vor, welches der Verpuppung vorausgeht. Etwa 14
Tage lang, ehe das Spinnen des Kokons beginnt, bauen ja die Larven auch
keine Trichter, fressen nicht und halten sich still unter dem Sand.
Es ist also im Lebensablauf des Ameisenlöwen eine charakteristische
Periodizität[1] festzustellen. In dem Teil des Jahres, in dem sie
normalerweise nicht zum Trichterbau und Ameisenfangen kommen, liegen
sie in einem Starrezustand unter der glatten Bodenoberfläche. Sie sind
dann schwer zu Reflexen zu reizen, und die natürlichen Verhältnisse
bringen keine der adäquaten Reize an sie heran. Ja selbst, wenn unter
experimentellen Bedingungen die geeignetsten Umgebungsverhältnisse
ihnen angeboten werden, überwiegt der Einfluß der Periodizität über die
der speziellen Reize.
[1] Zusatz bei der Korrektur: Die Beobachtungen des Winters 1915/16
haben mich in der Beurteilung dieser Vorgänge wieder zweifelhaft
gemacht. Im Zimmer gehaltene Tiere verschiedener Größen bauten
diesen ganzen Winter hindurch normale Trichter, fraßen gut und
zeigten größere Lebhaftigkeit als in den drei letzten Wintern.
Was die Ursache des verschiedenen Verhaltens war, suche ich noch
festzustellen.
IX. Abschluß und Ergebnisse.
Ueberblicken wir die Gesamtheit der in diesem Werk niedergelegten
Beobachtungen und Versuchsergebnisse, so gelangen wir zu dem Schluß,
daß die eigenartigen Lebenserscheinungen des Ameisenlöwen durchaus
nicht, wie frühere Beobachter annahmen, durch hohe psychische
Fähigkeiten des Tieres bedingt sind. Alle vom Vergleich mit dem
menschlichen Handeln hergenommenen Ausdrücke, welche zur Bezeichnung
seiner Leistungen angewandt wurden, wie Klugheit, Schläue und ähnliche,
sind bei diesem Tier verkehrter angewandt, als bei den meisten anderen.
Wir haben ja gesehen, daß es ein Tier ist, welches durch seine
Organisation vollkommen +gezwungen+ ist, seine Handlungen in jener Art
durchzuführen, welche seit altersher das Staunen und die Bewunderung
der Naturforscher und Laienbeobachter hervorgerufen hat.
Solange das Tier Larve ist, ist es ein reiner +Reflexautomat+, es
funktioniert wie eine kleine Maschine. Eine Insektenlarve, welche im
Freien lebt, hat eine Menge von Lebensschwierigkeiten, die ihr die
umgebende Außenwelt bereitet, zu überstehen. Vielfach werden gerade
bei den Insekten durch das Muttertier viele von diesen Schwierigkeiten
ausgeschaltet, so für Nahrungserwerb, Schutz, Behausung usw. gesorgt.
Im Ameisenlöwen haben wir eine Larve vor uns, welche in den meisten
Dingen vollkommen auf sich selbst angewiesen ist. Ihr Körper muß von
vornherein so beschaffen sein, daß sie allen Gefahren begegnen, alle
Hindernisse überwinden kann. So finden wir denn den kleinen Automaten
kurz nach dem Ausschlüpfen aus dem Ei ebenso vollkommen, als wenn er
herangewachsen, nach einem Jahr voll Erlebnissen, bereit ist, die
Puppenruhe anzutreten.
Sehr auffällig ist die geringe Zahl von Reflexen, welche die
wichtigsten Handlungen des Ameisenlöwen bedingen. Daß es dem Tier
möglich ist, mit einer so geringen Anzahl von typischen Bewegungen
seine Hauptlebensfunktionen zu erfüllen, erklärt sich aus dem engen
Zusammenhang zwischen dem Körperbau und den Reflexen. Der ganze Körper
des Tieres ist in engster, +einseitigster Weise+ an das Leben im
Sand und die Art der Nahrungserwerbung +angepaßt+. Die äußere Form
des Kopfes, Halses und Rumpfes, die Zuspitzung des Hinterleibes,
der Bau und die Einlenkung der Beine und vor allem die Menge der
in zweckmäßigster Weise angeordneten Borsten bedingen die Art der
Bewegungen des Tieres. Was an allen andern Orten, unter allen anderen
Bedingungen der Umgebung den Ameisenlöwen zu einem hilflosen Geschöpf
macht, das gibt ihm im lockeren Sand eine vollkommene Ueberlegenheit
über andere Tiere.
Wie weit die Anpassung an das Leben in Sand und Staub geht, zeigt
uns eine Untersuchung der Stigmenöffnungen (Abb. 8, S. 16). Die
Hauptstigmenöffnung, durch welche das Tier seine Atemluft einzieht,
liegt ganz vorn am Rumpf, an der Stelle, welche bei der normalen
Haltung des Tieres in der Bereitschaftsstellung kaum vom Sand bedeckt
ist. Nach hinten zieht sich den Körper entlang die Reihe kleinerer
Stigmen. Alle diese Atemöffnungen sind in vollendeter Weise vor dem
Eindringen von Sand- und Staubteilchen in die Atemröhren geschützt. Wie
bei vielen anderen Insekten verschließt ein feines Gitter den äußeren
Eingang. Feine zahnartige Fortsätze greifen von beiden Seiten über die
spaltförmige Atemöffnung und stellen so einen sehr wirksamen Verschluß
dar. Nie findet man bei der Sektion der Tiere in dem blasenförmigen
Anfangsteil der Atemröhren ein noch so kleines Sandkorn. Und zu allem
Ueberfluß ist am Eingang des großen Tracheenstammes, welcher vom
Hauptstigma ausgeht, ein Deckel vorgeklappt, welcher die Luft zu einem
Umweg nötigt, so daß alle festen Bestandteile vor dem Eintritt des
Luftstromes in die zartwandige Trachee abgelagert werden müssen.
Das Tier ist von Geburt an durch seinen Bau und seine Reflexe zur
Erfüllung der Erfordernisse seiner eigenartigen Lebensführung
vollkommen fertig. Nun fragt es sich, wie es möglich ist, daß ein so
sehr von den speziellen Bedingungen seiner Umgebung abhängiges Tier
relativ so häufig sein kann. In den Gegenden, in denen die Ameisenlöwen
überhaupt vorkommen, gibt es sie meist in großen Mengen. Ich habe bei
Burghausen a. d. Salzach, im Kaiserstuhl, in Schwarzwald und Vogesen
oft hunderte der Trichter auf engem Raum beieinander gefunden.
Die Imago legt bald, nachdem sie aus der Puppe ausgeschlüpft ist, ihre
Eier in den Sand ab. Es sind nach den Beobachtungen von +Brischke+
nur wenige (5) Eier von weißlicher Farbe und ovaler Form, welche
miteinander verklebt sind. An schönen Sommerabenden in der Dämmerung
sieht man das fertige Insekt in derselben Gegend an den Böschungen und
Waldrändern umherfliegen, wo die Sandtrichter der Ameisenlöwen in Menge
sich befinden und wo auch sie, die „Landlibelle“, ihre Entwicklung
durchgemacht hat. Solche Stellen sind immer dadurch ausgezeichnet,
daß, wenn die Kühle des Abends die Luft durchdringt, sie selbst den
gröberen Sinnesorganen des Menschen durch die von ihnen ausgestrahlte
Wärme auffallen. Nachdem wir bei den Larven eine so ausgesprochene
Thermotaxis gefunden haben, liegt es durchaus nahe, anzunehmen, daß
auch das fertige Insekt thermotaktisch ist und so zu den Stellen
hingeleitet wird, welche für die Entwicklung seiner Eier günstig
sind, wie ja auch bei vielen anderen Insektenmüttern Reflexe oder
Instinkte es sind, welche die Unterbringung der Brut am richtigen Orte
ermöglichen. Aber wir wollen hier keine Hypothesen aufstellen. Die
Biologie der Imago zu untersuchen, ist eine noch in Angriff zu nehmende
Aufgabe.
Was wir von der Larve selbst wissen, das genügt vollkommen, um die
Larve, wenn sie in geeigneter Gegend aus dem Ei schlüpft, an den Ort
zu bringen, wo sie gedeihen kann. Liegt sie beim Ausschlüpfen auf
hartem Stein oder feuchter Erde, so wird sie, sobald die Sonnenstrahlen
sie treffen, zu wandern beginnen. Das Licht wird ihr die Richtung
angeben, die von den Böschungen und Abhängen ausstrahlende Wärme ihr
dabei helfen. Solange sie im diffusen Licht sich befindet, wird sie
in Versuchsbewegungen Spiralen und Kreise durchwandern. Der Zufall
wird sie an eine warme und sonnige Stelle führen, wo sie sich weiter
bewegt und weiter sucht. Das wird in der Gegend, wo das Ei abgelegt
wurde, leicht eine der geeigneten Böschungen sein. Indem sie der Wärme
entgegenwandert, gerät sie in den Schatten, die Phototaxis dreht sie
herum und führt sie an den Rand des Schattens. Unterdessen führt
die Hinterleibsspitze tastende Bewegungen aus, und sowie geeignete
Wärme- und Lichtverhältnisse das Tier umgeben, sobald es den trockenen
und feinen Sand findet, der die Reflexe ins Gleichgewicht bringt,
entsteht der Trichter. Das Tier ist mit Hilfe seiner Reflexe an seiner
Stelle angelangt und kann nun dauernd dableiben, wenn einige weitere
Voraussetzungen erfüllt sind. Zunächst müssen Ameisen in genügender
Menge sich herumtreiben, so daß die Falle auch Gelegenheit bekommt,
in Tätigkeit zu treten. Ist das nicht der Fall, so bemächtigt sich
des Tieres neue Ruhelosigkeit, es wandert und baut bald in neuer
Umgebung einen neuen Trichter, dort auf seine Beute lauernd. Hat es den
geeigneten Ort gefunden, so bleibt es dort bis zu seiner Verpuppung.
Ich habe nicht selten denselben Trichter am gleichen Ort durch Monate
hindurch beobachtet. Die Orte des Vorkommens, die kleinen Böschungen
an steilen Abhängen, sind oft derart, daß man nicht annehmen kann, daß
die Larve mit eigenen Kräften zu ihnen hingelangt ist. Ihre Wanderungen
werden sich kaum über weite Entfernungen erstrecken. Die Wahl des
Ortes im allgemeinen muß wohl in der Hauptsache der flugfähigen Mutter
zugeschrieben werden.
Kleine Wanderungen finden aber unzweifelhaft statt; so habe ich in
einigen Fällen nach langandauerndem trocknem Wetter Trichter ziemlich
weit über die überhängende Böschung vorgeschoben gesehen, so daß Regen
in sie einfallen konnte. Sie wurden bei Regenwetter, das kurz anhielt,
zurückverlegt. Hielt es länger an, so lagen die Tiere in starrem
Zustand unter der Erde oder dem Sand, bis sie durch Trockenheit und
Wärme wieder erweckt, beim Wandern und Suchen den nahen trockenen
Unterstand fanden und da ihren Trichter gruben.
Der gesetzmäßige Ablauf der Reflexbewegungen bringt es mit sich, daß
man in einer bestimmten Gegend mit Sicherheit die Orte des Vorkommens
von Ameisenlöwen voraussagen kann. Man findet sie stets an Süd-,
Südost- und Südwesthängen und entsprechend gelegenen Waldrändern.
Der Untergrund muß die Bildung trocknen, feinen, sandartigen Bodens
ermöglichen. Es müssen überhängende Böschungen und Baumwurzeln,
Raine vorhanden sein. Und an solchen Stellen ist die Bedingung, daß
Ameisen da sein müssen, stets erfüllt. Windschutz ist eine weitere
Voraussetzung, von der die Anhäufung feinen Sandes abhängt.
In einer solchen Gegend kann man mit Sicherheit auf einen Weg- oder
Waldrand losgehen und sich sagen: da müssen Ameisenlöwen sein. Man wird
sie an den erwarteten Stellen finden. Die Trichter werden so liegen,
daß die Sonne in ihre Tiefe hineinfällt und dort wird man aus dem Sand
die Kiefer des Tieres in Bereitschaftsstellung hervorschauen sehen, mit
der weiten Oeffnung der Böschung zugekehrt, also vom Licht abgewandt.
Dorther wird man in vielen Fällen die Ameisen in die geöffnete Falle
hinabrollen sehen.
Nichts ist so sehr geeignet, den gesetzmäßigen Ablauf erforschter
Vorgänge zu bestätigen, als die Voraussage bestimmter Erscheinungen. So
wie wir, ohne ihn vorher gekannt zu haben, den Fundort von Ameisenlöwen
in einer Landschaft im Voraus bestimmen können, so können wir auf
Grund der Reflexerscheinungen auch voraussagen, an welchem Ort im
Laboratorium wir ein Exemplar wiederfinden werden, das uns etwa während
der Experimente entwischt ist. Während der vielen Jahre, die ich bisher
mit dem Ameisenlöwen experimentierte, ist mir kein Exemplar verloren
gegangen, das im Zimmer oder Laboratorium mir durchging. Nachdem ich
die wichtigsten Reflexe einmal festgelegt hatte, konnte ich mit großer
Sicherheit den Ort bestimmen, an dem es infolge der Photo-, Thigmo-
und Thermotaxis nach einiger Zeit angelangt sein mußte. Ich fand es
regelmäßig in der Nähe des Fensters, der Heizung, in einem Winkel
zwischen Wand und Boden und konnte es wieder in sein Aufbewahrungsgefäß
zurückversetzen.
So haben wir denn im Verlauf unserer Untersuchungen den Ameisenlöwen
als einen vollkommenen +Reflexautomaten+ kennen gelernt. Keine
Handlung, kein Vorgang wies auf eine höhere psychische Fähigkeit hin.
Und doch habe ich unablässig nach Andeutungen von solchen gesucht.
Schließlich ist es mir auch gelungen eine Tatsache festzustellen,
welche scheinbar, wenn auch nicht mit aller Sicherheit auf das
Vorkommen +mnemischer+ Vorgänge hinweist.
Ich habe früher (S. 108) von Versuchen berichtet, bei denen ich
Ameisenlöwen zwang, mit der Hinterleibsspitze voran, in eine Glasröhre
zu kriechen. Wir sahen, daß sie unter bestimmten Voraussetzungen in
die Glasröhren eintraten und diese durchkrochen. Bot ich ihnen aber
Glasröhren an, welche im Verhältnis zu ihrem Körperumfang zu eng
waren, so machten sie zunächst die üblichen Versuchsbewegungen mit der
Hinterleibsspitze. Sie drängten und arbeiteten mit dem Hinterleib in
die Glasröhre hinein, kamen aber nicht weiter. Immer wieder machten sie
Versuchsbewegungen und gerieten dabei auch gelegentlich mit der einen
Körperseite an die Außenwand der Glasröhre. Sofort ließen sie mit ihren
Bemühungen nach und wanderten nun an der Außenwand der Glasröhre, in
thigmotaktischer Berührung mit ihr, bis an ihr Ende.
Hatte ich die Ameisenlöwen dies Experiment mehrmals durchmachen
lassen, so schien es mir, als brauchten sie immer kürzere Zeit, um den
Seitenweg zu finden. Systematische Versuche, die ich dann durchführte,
ergaben aber sehr schwankende Ergebnisse. Bald trat eine Abkürzung
der Versuchszeit ein, bald war eine solche nicht zu bemerken. Eine
Gesetzmäßigkeit war nicht festzustellen. So werde ich denn diese
Versuche, vielleicht mit abgeänderter Anordnung fortsetzen, habe aber
nicht allzugroße Zuversicht, bei meinem Versuchsobjekt Andeutungen
eines höher ausgebildeten Gedächtnisses zu finden.
Weit mehr, als ich jemals erwartete, habe ich also den Ameisenlöwen als
+Reflexautomaten+ erkannt; nicht einmal kompliziertere Instinkte konnte
ich als Grundlage seiner so erstaunlichen Handlungen nachweisen.
Dem entspricht auch der Bau seines +Zentralnervensystems+ (Abb. 40, S.
115). Dessen Gehirnganglion ist im Verhältnis zur Größe des Körpers
recht klein; es ist hauptsächlich in die Quere gezogen und verlängert
sich seitlich in die Augennerven, in deren Verlauf die spindelförmigen
Ganglia optica eingeschaltet sind. Das Oberschlundganglion ist im
Verhältnis nicht sehr viel größer als das Unterschlundganglion. Die
Sphären der Sinnesorgane, also die Ursprungsstellen von Sehnerv und
Antennennerv, sind nicht sehr umfangreich. Besonders auffallend ist
der geringe Umfang und die geringe Entwicklung des sogenannten
pilzförmigen Körpers, den man bei den Insekten mit höheren Instinkten,
bei denen er stark entwickelt ist, als den Sitz der Fähigkeit zur
Bildung von Assoziationen ansieht. So bemerken wir, daß auch in dieser
Hinsicht die körperlichen Grundlagen im zu erwartenden Verhältnis
zu den Leistungen des Tieres stehen. Das Bauchmark besteht aus
zwei getrennten Ganglien im ersten und zweiten Thorakalsegment,
welche entsprechend ihrer Aufgabe, die beiden ersten Extremitäten
zu innervieren, relativ groß sind. Das gleiche gilt vom dritten
Thorakalganglion. Dies ist, sowie sein zugehöriges Segment mit den
Abdominalsegmenten eng verbunden ist, selbst mit den 9 Ganglien des
Abdomens zu einer Kette vereinigt, in der zwischen den Ganglienpaaren
kaum Kommissuren erkennbar sind. Das Bauchmark erreicht nur etwa
die Hälfte der Länge des Hinterleibes der Larve (Abb. 40, S. 115);
es sind also, wie so häufig bei Insekten, die Ganglienpaare eng
zusammengedrängt und das Bauchmark konzentriert. Von seinem Ende
gehen drei starke periphere Nerven gegen das Hinterleibsende. Die
Topographie des Zentralnervensystems muß bei operativem Eingreifen zu
experimentellen Zwecken sehr berücksichtigt werden.
Meine Arbeit war in den wesentlichen Ergebnissen bereits fertig
gestellt und das Manuskript lag fast abgeschlossen vor, als ich durch
Zufall auf eine Arbeit des sizilianischen Zoologen +Comes+ stieß,
welche sich mit Tropismen des Ameisenlöwen beschäftigt. Bis dahin hatte
ich angenommen, daß noch keine Untersuchung der Reflexbiologie des
Tieres vorläge.
Die Lektüre der Arbeit, welche in den Akten der Akademie von Catania
erschienen ist, brachte mir keine sehr wesentliche Förderung. Zwar
steht der Autor bei der Zusammenfassung der Resultate auf einem
ähnlichen theoretischen Standpunkt wie ich. Auch er führt die Reaktion
des Ameisenlöwen im Wesentlichen auf +Reflexe+ zurück. Es ist ihm aber
nicht gelungen, die Reflexe im Einzelnen zu analysieren und er scheint
mir allzu schnell bereit gewesen zu sein, aus den wenigen beobachteten
Tatsachen die vorausgesetzten Schlüsse zu ziehen. Vor allem hat
er einen Fehler begangen, dem man immer wieder bei gelegentlichen
reflexbiologischen Arbeiten begegnet. Dieser prinzipielle Fehler ist
es, der mich veranlaßt, an dieser Stelle auf die Arbeit von +Comes+
noch einmal kurz einzugehen, nachdem ich in den verschiedenen Kapiteln
dieses Werkes schon die Einzelheiten seiner Angaben an der Hand meiner
Experimente kritisiert habe.
Vor allem hat +Comes+ versäumt, was, wie gesagt, ein Fehler sehr vieler
reflexbiologischer Arbeiten ist, vor dem Experimentieren genau das
Verhalten des Tieres unter normalen Verhältnissen zu studieren. Somit
hatte er keine geeignete Grundlage für die Beurteilung der Reaktionen
des Tieres unter dem Einfluß experimenteller Reize. So war ihm der
starke Einfluß des Lichtes auf den Ameisenlöwen entgangen; da bei
seinen Versuchen, z. B. über Thermotaxis, die Einwirkung des Lichtes
nicht ausgeschaltet war, so können die Resultate jener Versuche keine
Beweiskraft für sich in Anspruch nehmen. Die Bereitschaftsstellung und
die Versuchsbewegungen des Tieres waren ihm vollkommen entgangen. Seine
Durchschneidungsversuche an der Ganglienkette sind zu wenig exakt,
um genauer diskutiert werden zu können, da er versäumt hat, vor den
Experimenten den anatomischen Bau und die Erstreckung der Ganglienkette
im Körper zu studieren. Auch sind seine Definitionen nicht allzu scharf
und logisch. Im Einzelnen habe ich mich ja in den früheren Abschnitten
mit ihm auseinandergesetzt.
Im übrigen ist es sicher verdienstlich, daß er das Problem als erster
angepackt hat und eine Anzahl von typischen Reflexen bei dem Tier
nachwies, welche die eigenartigen Handlungen des Tieres zu erklären
geeignet sind. Er konnte aber nicht tiefer in die Zusammenhänge
eindringen, da er nicht das ganze Leben des Tieres genauer kannte
und daher seine Fragestellungen zum Teil falsch waren. Das ist ein
prinzipieller Fehler, zu dessen Vermeidung bei späteren Untersuchungen
diese Zeilen beitragen möchten.
Wenn ich meine Untersuchungen am Ameisenlöwen vorläufig mit dem
Ergebnis abschließen konnte, daß das Tier +ein reiner Reflexautomat+
ist, so muß ich, um keine Unklarheit über meine allgemeinen
Anschauungen über solche Probleme aufkommen zu lassen, einige
Schlußbemerkungen hinzufügen. Zunächst ist es mir vollkommen klar, daß
ich die Lebensvorgänge beim Ameisenlöwen nicht restlos analysiert habe.
Wer meine Darstellung mit Aufmerksamkeit gelesen hat, wird manches
neue Forschungsprogramm zwischen den Zeilen durchschimmern gesehen
haben. Besonders eine genauere Untersuchung des Nervensystems und der
Muskulatur ist notwendig. Ferner wird das Verhalten der Imago und noch
manches andere zu studieren sein, ehe wir über alle Zusammenhänge volle
Klarheit haben; und gewiß werden während des weiteren Studiums neue
Probleme und Rätsel sich enthüllen, die zu weiteren Aufgaben reizen
müssen.
Sicher haben wir aber im Verlauf der Untersuchung erkannt, daß
die Larve eines höheren, holometabolen Insekts, welche ein sehr
eigenartiges Leben führt, dies als Reflexautomat durchführen kann,
weil ihr Bau in höchst +zweckmäßiger+ Weise den Anforderungen der
Funktionen und des Lebensraumes entspricht. Wir haben im Ameisenlöwen
ein Beispiel von weitestgehender +Anpassung+ des Baues an die
Lebensbedingungen vor uns. Der Bau und die mit ihm vererbte und kaum
veränderliche Funktionsweise der Organe setzt das Tier in den Stand,
sein merkwürdiges und scheinbar so schwieriges Leben durchzuführen.
Dabei ist es nicht fähig, sich an ungewohnte Verhältnisse anzupassen
und geht unter abgeänderten Bedingungen sehr leicht zugrunde.