eine größere Anzahl weiterer reflektorischer Bewegungen feststellen.
Ich habe sie meist nicht so genau studiert, wie die genannten
Grundreflexe, welche die Lebenserscheinungen des Ameisenlöwen
beherrschen. So ist der Uebergang in die Bereitschaftsstellung (S.
36) eine Reflexbewegung, das gleiche gilt für die Putzbewegungen und
überhaupt für die Beinbewegungen beim Wandern, Wühlen und Graben. Auch
das Aussaugen der gefangenen Beute und das Loslassen nach dem Fressen
sind reflektorisch bedingt. Die Handlungen, welche für das Leben des
Ameisenlöwen besonders charakteristisch sind, lassen sich aber alle auf
die erwähnten drei Grundreflexe zurückführen. Wir sahen ja früher, daß
Tiere, welche der Beine und der Antennen beraubt sind, ohne ihre Hilfe
dennoch Trichter bauen und Ameisen fangen können.
Die drei Grundreflexe sind also für die lebenswichtigsten Handlungen
des Ameisenlöwen ausschlaggebend. Es wäre nun hier die Frage noch zu
erörtern, ob bei diesem Tier auch noch besondere +Abwehrreflexe+
vorkommen, wie sie bei anderen Tieren meist so auffällig sind. Der
wichtigste Schutz des Ameisenlöwen ist das +Totstellen+. Stark
gereizte Tiere verwenden aber auch den Schnappreflex in einer Weise,
welche durchaus an die Abwehrreflexe anderer Tiere erinnert. Schon
daß das Schnappen immer nach einer gereizten Stelle der Oberfläche
des Körpers stattfindet, gibt dieser Handlung den Charakter einer
Abwehrhandlung. So sehen wir also den zu so vielen Zwecken dienenden
Schleuder- und Schnappreflex noch eine weitere Verrichtung im Leben des
Ameisenlöwen leisten.
Auch die Bewegungen, welche zum +Putzen+ der Oberfläche des
Tierkörpers dienen, werden als Abwehrbewegungen benützt. Ist ein
Tier an der Oberfläche, z. B. in der Nähe der Augen, der Antennen,
der Mundgliedmaßen oder der Stigmenöffnungen, mit sehr feinem
Staub, z. B. Ruß, bedeckt worden, so führt es mit den Extremitäten,
besonders mit dem dritten Beinpaar putzende, schabende Bewegungen aus.
Dieselben Bewegungen treten ein, wenn das Tier in den entsprechenden
Regionen einem mechanischen Reiz anderer Art ausgesetzt wird. Unter
Umständen werden dann die Bewegungen so heftig, daß sie den Eindruck
von Abwehrbewegungen machen. Man sieht also aus alle dem, daß der
Ameisenlöwe, bei dem das Totstellen solche entbehrlich macht,
eigentlicher Abwehrreflexe entbehrt.
Sämtliche geschilderte Reflexe sind vom Gehirnganglion des Ameisenlöwen
unabhängig. Amputiert man einem Exemplar den Kopf, so findet
trotzdem der Einbohr- und der Schleuderreflex unverändert statt. Der
Schnappreflex kann natürlich nicht mehr ausgeführt werden. Reizt man
mit einer Nadel die Unterseite des Abdomens, so findet noch regelrecht
die Einziehung der Hinterleibsspitze und die Kontraktion des ganzen
Abdomens statt. Doch hört sehr bald die rhythmische Wiederholung dieser
Bewegung auf. Berührung der Region zwischen den Beinen führt Abwehr-
resp. Kriechbewegungen der dritten Beine herbei, Berührung der Region
zwischen den zwei vorderen Beinpaaren ein Vorneigen des Halses und
Zusammenbiegen der Beine, verbunden mit Zusammenkrümmen des ganzen
Körpers nach der Bauchseite. Am ausgesprochensten erhalten sind die
Reaktionen bei Reizung der Rückenseite. Die erhaltenen Thorakalsegmente
führen noch vollkommen regelrecht den +Schleuderreflex+ aus. Ja, was
besonders bemerkenswert ist, die Bewegung erfolgt ganz entsprechend
dem lokalisierten Reiz, also bei Reizung der rechten Körperseite nach
dieser hin, bei Reizung der linken Seite nach links. Die Richtung der
Bewegung geht wie beim unverletzten Tier genau auf den gereizten Ort
los.
In einzelnen Fällen erhielt ich die Reflexe 24 Stunden nach Abschneiden
des Kopfes noch ganz deutlich. Das erste und dritte Beinpaar wurden
in der typischen Totstellhaltung gehalten, das zweite dagegen schief
nach oben, steil emporgerichtet. Bei Berührung der Unterseite des
Hinterleibes erfolgte noch Schabreflex des dritten Beinpaares
und Zappeln des zweiten Beinpaares, ferner deutliche Einkrümmung
der Hinterleibsspitze ventralwärts. Bei Berührung der Oberseite
der erhaltenen Thorakalsegmente stellte sich noch ein schwacher
Schleuderreflex und leichtes Zurückkriechen ein.
[Illustration: Abb. 40. Anordnung des Nervensystems des Ameisenlöwen.
Vergr. 20mal. _A_ Antenne. _Au_ Auge. _G.f._ Ganglion frontale.
_G.opt._ Ganglion opticum. _O.Schg._ Oberschlundganglion. _U.Schg._
Unterschlundganglion. _1. Thg._, _2. Thg._, _3. Thg._ 1.–3.
Thorakalganglion. _1.–9. Abdg._ 1.–9. Abdominalganglion.]
Beginnt man mit der Abtrennung der Abdominalsegmente von hinten,
so findet der Schleuderreflex noch statt, wenn nur mehr wenige der
vorderen Segmente erhalten sind. Ja sogar, wenn nur mehr das dritte
und zweite Thorakalsegment mit dem Kopf zusammenhängen, wird er
noch ausgeführt. Beim weiteren Vorrücken der Durchschneidung bis
auf das erste Thorakalsegment findet der Schleuderreflex nur mehr
andeutungsweise statt. Schließlich der abgeschnittene Kopf allein
kann natürlich, schon weil die zugehörigen Muskeln fehlen, den
Schleuderreflex nicht mehr ausführen. Wie ich aber in Bestätigung der
Angaben von +Comes+ feststellen konnte, findet noch am abgeschnittenen
Kopf der Schnappreflex statt. Die Mandibel, welche während der
Ausführung des Schnittes nach der Schere geschnappt hatten, bleiben
fest zugekniffen. Um einen erfaßten Gegenstand, also die Pinzette,
eine Nadel oder Borste, bleiben sie fest geschlossen. Nur mit Gewalt
gelingt es, sie zu öffnen, worauf sie sofort wieder zuschnappen. Es
liegt also ein tonischer Krampf der Schließmuskeln vor, der mindestens
eine Stunde nach dem Abschneiden des Kopfes anhält. Die Kraft dieser
Muskeln ist sehr erheblich, und es kostet eine gewisse Anstrengung,
die Mandibel auseinanderzuzwängen, ohne sie zu zerbrechen. Läßt
man sie zuschnappen, so wird dadurch der Kopf oft 10-20 cm weit
fortgeschleudert. Beobachtungen, welche ich an dem länger in einer
feuchten Kammer aufgehobenen Kopf machen konnte, veranlassen mich, in
den letztbeschriebenen Erscheinungen kein reines Nerv-Muskelphänomen
zu erblicken. Die Mandibel bleiben nämlich am abgeschnittenen Kopf 24,
48 Stunden und länger fest geschlossen und schnappen beim gewaltsamen
Oeffnen immer wieder automatisch zu. Ich bin geneigt, diese Erscheinung
wenigstens zum Teil auf die mechanischen und morphologischen Grundlagen
der Schnappbewegung zurückzuführen. Ich erinnere hier noch einmal an
die eigenartige Beschuppung der Gelenke von Mandibel und Maxille,
welche sicherlich bei geeigneter Gegenreibung eine starke Bremsung der
Mundgliedmaßen herbeiführen muß. Im einzelnen ist mir der Vorgang noch
nicht ganz klar geworden, da es mir noch nicht gelang, die Muskulatur
des Kopfes und ihre Innervierung vollkommen zu erforschen.
VII. Die Reizbarkeit des Ameisenlöwen.
Reizbiologisch und reizphysiologisch ist der Ameisenlöwe insofern ein
sehr merkwürdiges Tier, als er sich normalerweise in einem Zustand
der Unterempfindlichkeit befindet. Ganz selten findet man ihn bereit,
sofort und intensiv auf Reize zu reagieren. Das ist in der Regel nur
dann der Fall, wenn er in freier Natur im Sand sitzt, so daß nur der
Kopf herausschaut, und wenn eine hohe Temperatur, etwa 25-35° C, ihn
umgibt.
Dann sitzt er in +Bereitschaftsstellung+ in seinem Trichter, und die
von den Ameisen ins Rollen gebrachten Sandkörner veranlassen ihn zu
kräftigen Schleuder- und Schnappreflexen. Aber selbst dann kann es
vorkommen, daß mehrere Reize, d. h. wiederholtes Herabrollen von Sand
notwendig ist, ehe die erste Reaktion erfolgt.
Nimmt man das Tier aus dem Sand, so erfolgt stets zunächst das
Totstellen. Bei Wärme kann man experimentell von dem Tier dann stets
sofort Reizreaktionen erhalten; es ist unter solchen Umständen sehr
leicht aus dem „Schlafzustand“ zu erwecken.
Die Regel ist aber bei allen Reizen, daß die Tiere zuerst mehr träge
reagieren, und erst nach einer Reihe von Reizungen werden, offenbar
infolge der Summation der Reizwirkung, die Reizbeantwortungen immer
präziser und kräftiger. Wir haben dafür früher zahlreiche Beispiele
kennen gelernt.
Vor allem ist es der beim Ameisenlöwen im Sinnesleben ja so sehr
überwiegende Tastsinn, durch dessen wiederholte Reizung man das Tier in
einen Erregungszustand versetzen kann, in welchem alle Sinnesorgane auf
leichtere Reizungen antworten als vorher.
Alle von mir studierten Reflexe des Ameisenlöwen lassen sich durch
Tastreize herbeiführen; eine Ausnahme machen vielleicht die noch
nicht genauer studierten Reflexe, welche beim Aussaugen der Nahrung,
beim Spinnen des Kokons usw. eine Rolle spielen. Doch habe ich einige
Anhaltspunkte, daß auch bei ihnen der Tastreiz eine Hauptrolle spielt.
Bemerkenswert ist aber die Tatsache, daß im allgemeinen bei Tastreiz
genau dieselben Reflexbewegungen auftreten, welche auch durch andere
Reize, so besonders durch Wärmereiz, auch durch Lichtreiz, vielleicht
durch chemische Reize ausgelöst werden. Dabei ist festzustellen,
daß nächst dem Berührungsreiz am stärksten der thermische, dann der
photische und zuletzt der chemische in bezug auf die Stärke der
Reizwirkung anzuordnen sind.
VIII. Abriß der Lebensgeschichte des Ameisenlöwen.
Meine Beschäftigung mit dem Ameisenlöwen lehrte mich auch sein Leben
und Verhalten im Freien kennen, so daß ich die Kenntnisse über seine
Lebensgeschichte in einigen Punkten ergänzen kann. Ich stelle in diesem
Abschnitt kurz alles zusammen, was man über die Schicksale dieses
Tieres im Laufe eines Jahreszyklus bisher weiß, wobei ich meine neuen
Befunde gleichzeitig mit den früheren Kenntnissen darstelle.
Aus dem Ei kriecht eine kleine Larve aus, welche in den Hauptzügen des
Baues vollkommen der alten Larve gleicht. Das Auskriechen aus dem Ei
habe ich selbst nicht beobachtet, aber ich fand vielfach sehr kleine,
wenige Millimeter lange Larven im Freien. Diese kleinen Larven bauen
schon kleine Trichter, die selbst nur wenige Millimeter Durchmesser
erreichen. Ich fand sie meist nur im allerfeinsten, staubartigen Sand.
Schon ganz kleine Larven sind imstande, Ameisen, vor allem Lasius- und
Myrmicaarten zu bewältigen und auszusaugen. Ich vermute aber, daß sie
auch allerhand andere Tiere, so z. B. Blattläuse und junge Spinnen,
in ihren Sandlöchern fangen. Ich schließe dies teils aus dem Umstand,
daß sich in der Umgebung ihrer Löcher Häute von solchen Tieren finden,
teils aus einigen Beobachtungen; allerdings handelte es sich bei
letzteren um Tiere in der Gefangenschaft, welche gelegentlich solche
kleine Arthropoden fingen, die ihnen gegeben wurden. Mit der Größe
der Tiere wächst die Größe ihrer Trichter, und sie werden immer mehr
befähigt, auch große Ameisen zu bewältigen. Selten sieht man, daß ein
Ameisenlöwe, wenn er noch so klein ist, vergeblich um eine Ameise
kämpft. Die Größe des Trichters hängt aber nicht allein von der Größe
seines Erbauers ab. Wir sahen ja oben, daß bei steigender Wärme, nach
starker Reizung usw. das gleiche Tier einen viel größeren Trichter zu
bauen vermag als vorher.
Schon bei recht jungen Tieren kann man im Larvenzustand
Geschlechtsunterschiede erkennen. Es sind nämlich die Weibchen größer
als die Männchen. Nicht sicher ist mir ein Unterschied, den ich bei
einer Anzahl von Tieren beobachtete; ich zählte nämlich bei manchen
Exemplaren statt der üblichen Zahl von 15 Antennengliedern deren 17-18.
Ich hielt letztere für Männchen, doch konnte ich das nicht mit aller
Sicherheit feststellen, da es sich um ausgekochte Chitinpräparate
handelte. Möglicherweise sind aber die Unregelmäßigkeiten in den Zahlen
der Antennenglieder auf die häufig vorkommenden Regenerationen und
vielleicht auch Hyperregenerationen nach Verletzungen zurückzuführen.
Ich beobachtete sehr kleine Larven sowohl im Frühsommer als auch im
Spätherbst. Im Frühling gab es auch kleine Tiere, aber die kleinsten
Formen fehlten. Ich ziehe daraus den Schluß, daß die Eier von Myrmeleo
nicht überwintern. Es überwintern vielmehr erstens Larven und zweitens
Puppen. Die überwinternden Larven gehören verschiedenen Altersstufen
an. Zum Teil sind es Tiere, welche früh im Sommer aus den Eiern
gekrochen waren und schon eine Wachstumsperiode von größerer Ausdehnung
hinter sich hatten, wenn der Winter kam. Man findet im Spätherbst und
im ersten Frühling große stattliche Ameisenlöwen, welche sich früh im
Sommer schon verpuppen und früh ausschlüpfen. Das Einspinnen in die
Kokons findet im allgemeinen hier Mitte Mai bis Mitte Juni statt. Der
Aufenthalt im Kokon dauert 3-4 Wochen; davon verbringt das Tier 2-3
Wochen als Larve und nur 1 Woche als Puppe. Die Imagines erscheinen
Anfang oder Mitte Juni. Von ihnen stammen Larven ab, welche schon früh
im Sommer aus den Eiern auskriechen und ähnlich, wie ihre Eltern, ein
gut Stück gewachsen sein können, ehe die Winterszeit eine Unterbrechung
herbeiführt.
Es hat mancherlei Kontroversen über die Entwicklungszeit der
Ameisenlöwen schon gegeben, bedingt durch das eigenartige Vorkommen
junger Larven zu verschiedenen Jahreszeiten. Während manche Beobachter
den Ameisenlöwen für ein einjähriges Tier erklärten, waren andere
der Meinung, er sei zwei- oder gar mehrjährig. Nach meiner Ansicht
ist diese Verschiedenheit dadurch zu erklären, daß infolge der
Schwierigkeiten der Nahrungsbeschaffung die Tiere verschieden
rasch heranwachsen. Ist der Sommer kalt und regnerisch, so wird es
im Herbst viele Hungertiere geben, welche noch unverpuppt in den
Winter hineingehen, da sie noch nicht erwachsen sind. Diese sind
im nächsten Jahr erst ziemlich spät geschlechtsreif, so daß ihre
Nachkommen ebenfalls unverpuppt in den Winter gehen müssen. Diese
Formen überkreuzen sich nun mit anderen, die früh zur Begattung
kamen und daher Larven erzeugten, die sich schon vor dem Winter
verpuppten. So können wir wohl sagen, daß es ein- und zweijährige
Ameisenlöwen gibt, der Zyklus ist aber nicht absolut festgelegt,
sondern von äußeren Bedingungen abhängig. Meine Erfahrungen stimmen
also gut mit den Schlußfolgerungen +Redtenbachers+ überein. Manche
Verschiedenheiten in den Angaben der Autoren erklären sich wohl durch
die verschiedene geographische Lage und die besonderen klimatischen
Bedingungen ihres Beobachtungsortes. So mag die rasche Entwicklung der
von mir beobachteten Individuen durch das warme Klima der Freiburger
Gegend bedingt sein. In anderen Gegenden Deutschlands habe ich
keine Aufzeichnungen gemacht. Auch können verschiedenen Autoren die
verschiedenen Arten von Myrmeleo vorgelegen haben.
Was nun die Ernährung der Ameisenlöwen anlangt, so sind sicher die
wichtigste Beute der erwachsenen Individuen Ameisen. Gelegentlich
saugen auch sie eine Spinne oder ein Insekt aus, das in ihren Trichter
gerät, so z. B. Fliegen, Wespen, selbst Käfer, oft Raupen. Nicht selten
töten und saugen sie ihre eigenen Artgenossen aus. Das geschieht
besonders in der Gefangenschaft, wenn man ihrer viele auf engem Raum
beisammen hält. So kann es kommen, daß von einem großen Sandkasten voll
Ameisenlöwen nur einige wenige zur Verpuppung gelangen, die sich auf
Kosten der übrigen ernährt haben und herangewachsen sind.
Beim Ameisenfang kann man oft sehen, daß eine erbeutete Ameise sich
noch heftig durch Bewegungen zu wehren sucht. Der Ameisenlöwe zieht
sie dann vielfach unter den Sand. Schneller aber, als daß es durch
Erstickung oder durch das Aussaugen bewirkt sein könnte, hören die
Bewegungen des Opfers auf. Man kommt daher unwillkürlich auf die Idee,
daß das rasche Sterben durch Giftentwicklung erzielt sein könnte.
Tatsächlich befindet sich an der Basis der Maxille eine Drüse, welche
+Lozinski+ genauer untersucht hat und für eine Giftdrüse hält. Die
Giftwirkung des Drüsensekrets ist nun nicht gesichert. Experimente
darüber liegen nicht vor. Auch ist das Absterben der Opfer nicht immer
so prompt, daß man mit Sicherheit auf eine Giftwirkung schließen müßte.
Die Frage ist also noch unentschieden.
Auch sehr junge und kleine Tiere fangen schon Ameisen und saugen sie
aus. Ich habe oft beobachtet, daß Exemplare von nur 2-3 mm Länge eine
ebenso große oder größere Ameise überwältigten, wenn sie richtig in
ihrem Sandtrichter saßen. Doch halte ich es für wahrscheinlich, daß sie
in der ersten Jugend auch andere Insekten, vor allem kleine Spinnen und
Blattläuse häufig fangen. Ich fand wenigstens deren Reste nicht selten
in der Umgebung der Trichter.
Da auch die jüngsten Tiere, welche ich untersuchte, nur rückwärts zu
laufen vermochten, halte ich es für sehr unwahrscheinlich, daß etwa
die jungen Larven nach Art ihrer Verwandten auf Wanderung gehen und
Blattläuse suchen. Das wäre mit dem Reflexautomatismus ihrer Bewegungen
kaum zu vereinigen. Die auf Insektenraub ausziehenden Ameisenlöwenarten
sind alle zum Vorwärtsgehen befähigt.
Auch scheint es mir nicht wahrscheinlich, daß normalerweise die jungen
Ameisenlöwen im Herbst noch keine Trichter bauen und noch nicht
fressen. In der Freiburger Gegend fand ich jedenfalls im Herbst sehr
zahlreiche ganz kleine Larven in ganz kleinen Trichtern beim Fang
beschäftigt.
Wir wollen nun kurz einen Blick auf die Art der Nahrungsaufnahme und
Ernährung des Ameisenlöwen werfen, wenn ich auch im Verlauf dieser
meiner Untersuchung kaum etwas zur Vermehrung unserer Kenntnisse in
dieser Beziehung beitragen konnte.
Ein Ameisenlöwe, der eine Ameise gefangen hat, hält sie, sobald sie
bewegungslos geworden ist, ruhig zwischen seinen Mandibeln und saugt
sie mit Hilfe des zwischen Maxille und Mandibel gebildeten Rohres
aus. Dabei ist es nicht ganz sicher, ob das Aussaugen sich auf Blut
und Gewebssäfte beschränkt, oder ob, wie bei anderen Insekten, eine
Vorverdauung außerhalb des Körpers stattfindet. Bei den Larven
von Dytiscus z. B. wird durch die Mandibelröhren in die Beute ein
enzymhaltiger Saft eingespritzt, der dort eine Auflösung der Muskeln
und übrigen Gewebe bewirkt, welche sodann in verflüssigtem Zustand
eingesogen werden. Wir haben allen Grund anzunehmen, daß beim
Ameisenlöwen der Vorgang ebenso abläuft. Alles spricht jedenfalls
dafür, daß auch dies Tier nur flüssige Nahrung aufnimmt. Ich habe
eine größere Anzahl von den Larven ausgesaugte Ameisen untersucht und
konnte im Innern ihres Chitinpanzers keinerlei Organe mehr finden.
Sowohl Muskeln fehlten im Thorax, ja selbst in den Extremitäten und dem
Kopf, als auch alle Organe des Abdomens und der übrigen Körperteile.
Es ist also durchaus wahrscheinlich, daß sie gelöst worden sind. Die
Annahme, welche z. B. +Dewitz+ machte, daß durch Hin- und Herreiben
der Maxille und Mandibel aneinander eine Art von Kautätigkeit ausgeübt
werde, ist jedenfalls überflüssig. Der Pharynx ist in ähnlicher Weise
gebaut, wie bei anderen saugenden Insekten, der Oesophagus sehr eng.
Bei jenen anderen Insekten mit Verdauungsanfang außerhalb des eigenen
Körpers ist es strittig, ob der verdauende Saft aus besonderen Drüsen
oder aus dem Mitteldarm kommt. Letzteres ist in jenen Fällen sicher
das Wahrscheinlichere, und auch in unserem Fall dürfen wir dies wohl
annehmen. Immerhin ist festzustellen, daß paarige, in den hinteren
Pharynx einmündende Speicheldrüsen beim Ameisenlöwen vorhanden sind.
Deren Sekret muß mindestens eine verdünnende Wirkung auf den Saft, der
gesaugt wird, ausüben. Auch ist anzunehmen, daß ein derartiges Sekret
zur Verdichtung der Saugröhre in ihrem Anschluß an den Körper des
Opfers dienen mag, doch könnte dies auch die Funktion der Maxillendrüse
sein.
Das, was der Ameisenlöwe aus der Ameise saugt, ist zum größten Teil
zu seiner Ernährung ausnutzbar. Viele Rückstände fester Art bleiben
jedenfalls im Darmkanal nicht übrig. Sie würden auch keinen normalen
Ausweg aus diesem finden, denn der Ameisenlöwe hat einen geschlossenen
Mitteldarm; im Enddarm findet sich kein Kot, denn er hat keine
Verbindung mit Magen und Mitteldarm. Es liegen hier also ähnliche
Verhältnisse vor, wie bei den Larven aculeater Hymenopteren. Schon
+Réaumur+ (1742) war dies bekannt, wie auch +Rösel von Rosenhof+
(1755). Und +Ramdohr+ (1811) hatte schon erkannt, daß der Enddarm
den „Seidenstoff“ enthält, von dem wir noch hören werden, daß er das
Produkt der Malpighischen Gefäße ist und mit Hilfe der Analröhre
zum Gespinst des Kokons verarbeitet wird. +Burmeister+, +Dufour+,
+v. Siebold+, +Brauer+, +Gerstäcker+ und vor allem +Meinert+ trugen
allmählich dazu bei, die merkwürdigen Bau- und Funktionsverhältnisse
des Ameisenlöwendarms klarzulegen. Letzterer und besonders +Rengel+
(1908) haben das eigenartige Problem definitiv gelöst.
Auf den beim erwachsenen Ameisenlöwen etwa 8 mm langen, dünnwandigen
Oesophagus folgt nach einer kropfartigen Ausbuchtung des letzteren ein
großer und weiter Magen als Anfangsteil des Mitteldarms. In diesem
Magenteil ist eine schwarzbraune, flüssige Inhaltsmasse enthalten.
Sie dringt aber nicht weiter als in den 8-10 mm langen Magen ein, der
mehrfach gekrümmt ist und sich in einen kompakten +Stiel+ fortsetzt.
Es ist dies noch ein Teil des Mitteldarms, und er erstreckt sich bis
zu der Stelle, wo die 8 Malpighischen Gefäße einmünden. Dieser Teil
des Mitteldarms hat +kein Lumen+, der Magen ist also nach hinten
verschlossen. Der solide Strang ist etwa ¾ mm lang.
Im Innern des Mitteldarmstranges finden sich Nester von regenerativen
Zellen, wie sich solche auch zwischen den Epithelzellen des Magens,
also des verdauenden Mitteldarmteils finden.
An den Mitteldarmstrang schließt sich der Enddarm an, der von der
Einmündungsstelle der Malpighischen Gefäße an wieder ein Lumen hat.
Deren Exkrete und in der späteren Zeit den Spinnstoff hat er nach außen
zu leiten. Spuren von Faeces können in ihm naturgemäß niemals, solange
die Larvenzeit dauert, enthalten sein.
Während der Metamorphose der Puppe tritt, wie immer bei den Insekten,
eine vollkommene Erneuerung des Darmepithels ein; bei dieser
Gelegenheit wird ein Lumen, das vom Magen zum Enddarm durchgeht,
gebildet. Wenn diese Wachstumsvorgänge abgeschlossen sind, kann der
Ameisenlöwe zum erstenmal in seinem Leben Faeces abgeben. Das geschieht
in der Regel beim ersten Flug der Imago. Ich habe keine Anzeichen davon
gefunden, daß etwa bei den einzelnen Häutungen der Larve der Inhalt des
Magens mitentleert würde.
Die erste Faecesentleerung der „Landlibelle“, wie +Rösel von Rosenhof+
die Imago des Ameisenlöwen nannte, hat in der Wissenschaft, wie das
Tier selbst, eine Geschichte. Schon +Réaumur+ hatte bemerkt, daß die
Imagines bald nach ihrem Ausschlüpfen einen biskuitförmigen Körper
fallen lassen. Er besteht aus einer schwarzen Zentralmasse, einer
dicken braunen und schwarzen geschichteten Schale, welche diese
umhüllt, und am dünnen Ende aus einem rosa gefärbten, pfropfenähnlichen
Aufsatz. +Rösel+ hielt das Gebilde, wie +Réaumur+, für ein Ei, glaubte
aber, es werde vor der Begattung abgelegt und wäre daher nicht
entwicklungsfähig.
Schon +Dutrochet+ (1818) nahm an, daß die „Exkremente“ des Tieres bei
der Verwandlung in den Magen der Puppe und von dort in den der Imago
übergingen, um dann ½ Stunde nach dem Ausschlüpfen ausgestoßen zu
werden. Aehnliches vermutete +Burmeister+, und +v. Siebold+ hielt den
ausgestoßenen Körper für reinen Harn. Erst +Gerstäcker+ unterschied die
verschiedenen Teile des Gebildes und stellte fest, daß der schwarze
Zentralteil aus Nahrungsresten der Larve bestehe, die Hülle aus
Chitinmembranen des Darmes, die bei der Darmhäutung abgestoßen würden,
und daß sie Harnsäure enthält, wie denn der pfropfenförmige, rosa
gefärbte Aufsatz ganz aus +Harnsäure+ besteht. Es ist also der gesamte
Magen- und Darminhalt der Larvenzeit, welcher hier entleert wird und
dabei aus dem Enddarm das Produkt der Malpighischen Gefäße, das diese
vor ihrer Umwandlung in Spinndrüsen (s. unten) absonderten, mitnimmt.
Erst +Rengel+ (1908) stellte die Gewebeveränderungen fest, welche
während der Metamorphose dem Darm ein durchgehendes Lumen verschaffen.
[Illustration: Abb. 41. Zwei Kokons des Ameisenlöwen auf der Oberfläche
des Sandes. Photographie nach der Natur. Nat. Gr.]