Für die große Empfindlichkeit des Tastsinnes bei dem Ameisenlöwen

sprechen auch meine Beobachtungen, daß er sehr intensiv auf

Erschütterungen und Luftbewegungen reagiert. Besonders ausgesprochen

sind die Reaktionen auf Erschütterung. Sie treten besonders dann klar

zutage, wenn das Tier auf einem Untergrund liegt, welcher seinen

Sinneshaaren zahlreiche Berührungspunkte darbietet, wenn er also z. B.

auf einem rauhen Untergrund, auf den Borstenenden einer Bürste, auf

Sammet oder auf einer Sandfläche liegt. Hat man das Tier mit seiner

Unterseite auf eine Holz-, Metall- oder Glasplatte gebracht, so genügt

ein leises Klopfen auf diese, um das Tier zu deutlichen Reaktionen zu

veranlassen. In der Regel kommt es dabei nur zu den für leichte Reize

typischen Reaktionen. Vor allem auf Sand jedoch kann auf diese Weise

die ganze Serie der Reflexe ausgelöst werden. Ich habe oft beobachtet,

daß ein auf der Straße vorüberfahrendes Automobil oder sonstiges

Fuhrwerk oder ein hastig durch das Zimmer gehender Mensch genügende

Erschütterungen verursachte, um bei den Tieren Bewegungen oder sogar

den Schleuderreflex herbeizuführen. Am auffälligsten zeigte sich diese

Erschütterungsreizbarkeit bei jenen Tieren, welche ich zur Prüfung des

Umdrehreflexes an Fäden aufgehängt hatte. Ganz geringe Erschütterungen

pflanzten sich durch den Faden in der Weise auf sie fort, daß sie

mit sehr energischen Bein- und Kopfbewegungen und ausgesprochenen

Schnappreflexen reagierten.

Auch Luftbewegungen lösen alle Reflexe unter Umständen aus. Ein frei

daliegendes Tier, welches sich totstellt, kann durch Anblasen oder

durch irgendeine im Zimmer durch Oeffnen von Fenstern hervorgerufene

Luftbewegung zu all seinen Reflexen veranlaßt werden. So habe ich

früher schon angegeben, daß Anblasen eines der einfachsten Mittel

darstellt, um ein sich totstellendes Tier zu erwecken. Auch der

Umdrehreflex eines auf dem Rücken liegenden Ameisenlöwen wird sehr

leicht durch Anblasen herbeigeführt. Noch deutlicher treten alle diese

Reaktionen ein, wenn man, statt sie anzublasen, die Tiere anhaucht.

Wahrscheinlich kommt da zu dem Bewegungsreiz noch der Wärmereiz hinzu.

Ich nehme natürlich an, daß sowohl Erschütterung als auch Luftbewegung

in der Weise auf die Tiere einwirken, daß eine Bewegung der Haare

durch sie bewirkt wird. Die Haare sitzen ja, wie wir gesehen haben,

gelenkig im Chitin, und es ist leicht, sich vorzustellen, daß durch

Erschütterung und Luftbewegung sie in ähnlicher Weise aus ihrer Lage

gebracht werden, wie durch Berührung mit einem festen Gegenstand.

In der Regel wird in zusammenfassenden Darstellungen angegeben, daß

die +Fühler der Insekten+ der besondere Sitz auch des Tastsinnes

dieser Tiere seien. Meine Befunde beim Ameisenlöwen scheinen nun diese

Annahme für diese Art nicht zu bestätigen. Bei all meinen Versuchen ist

es mir sehr aufgefallen, daß die Fühler auf Berührungsreize nur sehr

wenig reagierten. In der Regel bewegten sie weder sich selbst, wenn

sie berührt wurden, noch zeigte sich an irgendeinem anderen Teil des

Körpers eine reflektorische Bewegung. Wir werden aber später sehen,

daß die Antennen sich auf Reize anderer Art sehr deutlich zu bewegen

vermögen (S. 110). Gelegentlich bewegten sie sich immerhin auch auf

reine Tastreize. Das ist vor allem in Wärme und Licht der Fall, wenn

die Tiere sehr reizbar sind; dann machen sie nach mehrmaliger Berührung

und Verbiegung der Antennen kurze ruckweise Bewegungen rückwärts, ohne

allerdings mehr als 1-2 mm weit zu kommen, worauf sie wieder ganz ruhig

werden.

6. Thigmotaxis.

Die +Thigmotaxis+, auch Stereotaxis genannt, die als Stereotropismus

bei Pflanzen vielfach studiert wurde, hat auch unter den Tieren eine

weite Verbreitung und große Bedeutung. Wir finden sie vor allem in

charakteristischer Weise bei festgewachsenen Tieren ausgebildet, deren

Wurzelgeflechte, Verzweigungen usw. durch ihre Wirkung der Unterlage

angeschmiegt werden. Viel weniger beachtet wurde die Thigmotaxis

bisher bei den freibeweglichen Tieren. Zwar ist das Musterbeispiel für

Thigmotaxis bei den Tieren ein freibewegliches Infusor, Paramaecium.

Es ist dies auch das einzige Tier, bei welchem bisher die Thigmotaxis

einigermaßen analysiert und auf ihre Interferenz mit anderen Reizen

untersucht wurde. Für freibewegliche, vielzellige Tiere findet sich

zwar in der Literatur nicht selten das Vorkommen von Thigmotaxis

angegeben, aber eine genauere Untersuchung hat es noch nicht gefunden.

Es wurde oft die Bedeutung thigmotaktischer Reizbarkeit für Würmer,

bodenbewohnende und sonstige lichtscheue Insekten erwähnt. Neuerdings

wurde wiederholt auf die nahen Beziehungen zwischen Thigmotaxis und

Rheotaxis bei Planarien, Fischen usw. hingewiesen (vgl. +Steinmann+).

In meiner Arbeit über die Lebensgewohnheiten von dekapoden Krebsen habe

ich auf die Wichtigkeit der Thigmotaxis speziell für die Arthropoden

aufmerksam gemacht und den engen Zusammenhang dieser Reaktion mit

der Tangorezeption, dem Tastsinn, betont. Ich zeigte dort, daß die

Garneelen durch Thigmotaxis veranlaßt werden, sich in den Ecken und

Winkeln des Aquariums aufzuhalten. Wesentlich für das Zustandekommen

des thigmotaktischen Reizes war, nach meinen damaligen Beobachtungen,

die Berührung einer größeren Anzahl von Tasthaaren der Körperoberfläche

mit irgendwelchen Gegenständen der Umgebung des Tieres. Eine solche

Berührung veranlaßt das Tier zu einer Ruhestellung und manchmal zu

eigenartigen Körperhaltungen. Mein Schüler +v. Kaulbersz+ hat bei

Asellus aquaticus ebenfalls einige Beobachtungen gemacht, welche für

das Vorkommen von Thigmotaxis bei diesem Tier sprechen.

Unter Thigmotaxis verstehen wir eine automatische Reizreaktion,

bei welcher ein Tier einen mehr oder minder großen Teil seiner

Körperoberfläche mit einem festen Gegenstand in Berührung bringt und

dadurch gezwungen wird, eine bestimmte Körperhaltung einzunehmen.

Häufig wird auch durch Thigmotaxis insofern ein Einfluß auf die

Bewegungen des Tieres ausgeübt, als es durch Reiz an einer bestimmten

Stelle verankert wird. In der Regel wird bei thigmotaktischen

Reaktionen durch den Berührungsreiz die Muskulatur des betreffenden

Tieres auf der berührten Körperseite kontrahiert und dadurch

eine Wendung des Tierkörpers gegen den berührten Gegenstand hin

herbeigeführt.

Bei allen meinen Versuchen erwiesen sich die Ameisenlöwen als ganz

besonders geeignete Objekte zur Untersuchung der Thigmotaxis. Viele der

Bewegungen des Tieres sind durch Thigmotaxis in hohem Grade beeinflußt.

Bei all den früher geschilderten Experimenten traten infolge der

Thigmotaxis sehr häufig erhebliche Störungen auf. Die Wirkung der

verschiedenen Reize, welche ich auf das Tier einwirken ließ, wurde sehr

regelmäßig durch das Eingreifen thigmotaktischer Reize abgeändert;

bei allen Experimenten mußte ich danach trachten, die Einwirkung

thigmotaktischer Reize zu verhindern. Das war um so notwendiger, als

nach dem Ergebnis der unten angeführten Versuche die Thigmotaxis sich

als wirksamer als alle übrigen Reizqualitäten erwies.

Läßt man ein Tier in absoluter Dunkelheit umherkriechen, so wird es

so lange Versuchsbewegungen ausführen, d. h. in Bogen und Kreisen

sich bewegen, bis es an einen festen Gegenstand stößt. In meinen

Versuchsgefäßen war derselbe meist die aus Glas, Holz, Pappdeckel oder

Papier bestehende Wand. Bei den Versuchen in absoluter Dunkelheit

reichte das berußte Registrierpapier bis an diese Wand heran. War ein

Ameisenlöwe bei seinen Versuchsbewegungen mit einem Teil seines Körpers

wider die Wand angestoßen, so hatte das eine Annäherung seines Körpers

an dieselbe zur Folge, bei welcher stets eine möglichst ausgedehnte

Partie der Oberfläche des Körpers der Wand angeschmiegt wurde.

Naturgemäß stieß das Tier in der Regel beim Rückwärtskriechen zuerst

mit der Hinterleibsspitze an die feste Wand. Die Folge der Berührung

war, daß diejenige Körperseite, welche beim Anstoßen einen kleineren

Winkel zur Wand bildete, an die letztere angenähert wurde; denn die

Folge der thigmotaktischen Reizung ist die Kontraktion der Muskulatur

des Abdomens auf der gereizten Seite. Wenn das Tier seine Bewegung

fortsetzte, folgte es von nun an, mit der Hinterleibsspitze voran,

immer der Wandkontur. In den Versuchsbehältern war es infolgedessen

immer genötigt, in den Ecken umzubiegen, und so kam es vor, daß

manche Individuen ein- oder mehreremal am ganzen Rand des Gefäßes

entlang liefen (Taf. IV, Fig. 4; Taf. V, Fig. 5). Fast stets führte

aber das Tier, in einer Ecke angelangt, Versuchsbewegungen aus, bei

denen dann die Hinterleibsspitze bald an die eine, bald an die andere

der in der Ecke zusammenlaufenden Kanten geriet. So konnte durch den

thigmotaktischen Reiz manches Tier veranlaßt werden, nach Erreichung

einer Ecke und nach Ausführung einiger Versuchsbewegungen auf demselben

Wege umzukehren, auf dem es zur Ecke gelangt war.

Bei den Versuchen im Dunkeln konnten auch andere Hindernisse durch

thigmotaktische Reizung den vorher unorientierten Bewegungen der Tiere

eine bestimmte Richtung geben. Um den Tieren genügend Spielraum für

ihre ausgiebigen Versuchsbewegungen zu geben, war ich oft genötigt,

verschiedene Streifen des berußten Registrierpapiers nebeneinander

auf dem Pappdeckelboden des Versuchsgefäßes zu befestigen. Es gelang

niemals, die Stücke so glatt nebeneinander auszuspannen, daß nicht

eine Kante bemerkbar gewesen wäre. Dazu kam, daß die Papiere mit Hilfe

von Reißnägeln auf dem Untergrund ausgespannt werden mußten. Das

ergab für den feinen Tastsinn des Ameisenlöwen eine genügende Anzahl

von Hindernissen. Und so ließ sich denn stets eine Einwirkung dieser

Hindernisse auf die Bewegungsrichtung der Tiere feststellen. Auf

zahlreichen der von mir fixierten Registrierungen finden sich durch

Thigmotaxis beeinflußte Bewegungen an diesen Kanten entlang und oft im

Kreis um die Köpfe der Reißnägel herum (Fig. 5, Taf. V).

Ganz entsprechende Ergebnisse stellten sich ein, wenn die Tiere, statt

bei gleichmäßiger Temperatur und im Dunkeln, unter der Einwirkung

bestimmter Temperatur- oder Lichtreize untersucht wurden. Ueber beide

Reizarten überwog stets die Thigmotaxis. War z. B. ein Tier bei seinen

Wanderbewegungen im optimalen Wärmefeld an einen festen Gegenstand

gestoßen, so konnte es, wenn dieser eine längere Ausdehnung besaß,

durch die Thigmotaxis gezwungen werden, das Wärmeoptimum zu verlassen.

Es kroch dann oft in langer gerader Bahn bis in eine Region, in welcher

unter Umständen eine sehr niedrige Temperatur herrschte.

Noch interessanter waren die Ergebnisse der Versuche über die

Interferenz von Phototaxis und Thigmotaxis. Wir haben früher gesehen,

daß bei einseitig einfallendem Licht jeder normale Ameisenlöwe sich

nach einigen Versuchsbewegungen in die Richtung der Lichtstrahlen

einstellt und dann geradeaus der Lichtquelle zuwandert. Indem man

Ameisenlöwen an rauhen Kanten, z. B. an einem ungehobelten Brett

oder an einem Sammetband entlangkriechen läßt, kann man sie zwingen,

direkt von der Lichtquelle wegzukriechen. Ja, man kann ihnen durch

entsprechende Versuchsanordnungen jede beliebige Bewegungsrichtung

aufzwingen, ohne daß die Richtung der Lichtstrahlen ihren sonst so

bedeutenden Einfluß zur Geltung bringt.

Wir haben früher schon gesehen, daß Berührung der Körperhaare

Bewegungen des Tieres auslöst. Wir sahen ferner, daß multiple

Berührungen eine erhöhte Wirkung haben. Wenn wir uns schließlich

daran erinnern, welch zarte Tastborsten die Ameisenlöwen zu erregen

vermochten, und daß sie für Erschütterungen und Luftbewegungen

empfindlich sind, so wird es uns nicht verwundern, daß unter Umständen

ihr eigenes Körpergewicht und leise von ihnen ausgeführte Bewegungen

genügen, um entsprechende Reizwirkungen zu verursachen. Legt man

z. B. einen Ameisenlöwen auf die Borstenspitzen einer Kleiderbürste,

so genügt oft der durch das eigene Körpergewicht veranlaßte Reiz auf

die Bauchseite, um das Tier zur Ausführung des Einbohrreflexes zu

veranlassen. Auch die Rückenseite ist in ähnlicher Weise reizbar; Tiere

in Rückenlage werden oft bei Auflegen auf die Borsten einer Bürste zu

sofortigem Umdrehreflex veranlaßt. Die Natur dieser Reizung wird uns

noch klarer, wenn wir sehen, daß das Anblasen der Tiere in dieser

Situation prompteste Reizerfolge herbeiführt.

[Illustration: Abb. 39. Ameisenlöwe, in Glasröhre durch Thigmotaxis

gezwungen, in der Richtung der Lichtstrahlen zu kriechen, sich aber

nach Verlassen der Röhre sofort diesen entgegen wendend.]

Wir verstehen daher, daß ein Tier, welches von verschiedenen Seiten

thigmotaktisch gereizt wird, leicht dadurch zu einer anhaltenden

Fortbewegung veranlaßt wird. So kriechen z. B. Tiere, welche man

in Glasröhren zwängt, deren Lumen so weit ist, daß die Tiere mit

den beiden Schultern und bei Bewegungen abwechselnd mit der Bauch-

und Rückenseite am Glas anstoßen, oft in langer, anhaltender und

ziemlich rascher Bewegung durch die Glasröhren hindurch. Gerade

dies abwechselnde Anstoßen ist bei dem Vorgang von Bedeutung, da es

verhindert, daß das Tier durch allseitige Reizung zur Ruhe kommt.

Unbekümmert um alle sonstigen Reize erfolgen solche Wanderungen in der

Richtung, in welcher man die Glasröhre angeordnet hat, wobei das Tier

immer mit dem Hinterende voran kriecht. Man kann solche Glasröhren

z. B. ganz beliebig zum Einfall der Lichtstrahlen orientieren. Die

Thigmotaxis siegt stets über die Phototaxis und zwingt das Tier, die

Röhre entlang zu wandern; es macht nicht einmal Versuche, in der

Röhre sich umzudrehen, wenn dieselbe auch weit genug ist, um eine

Umdrehung zu erlauben. Bei meinen Versuchen wandte ich Glasröhren

von 50, 70 und 100 cm Länge an. Waren dieselben in die Achse der

Lichtstrahlen gelegt, und steckte man die Tiere mit dem Hinterteil

voran in die der Lichtquelle zugewandte Oeffnung, so krochen sie in

ziemlich raschem Tempo durch die ganze Glasröhre bis zu deren dem Licht

abgewandter Oeffnung. Sie krochen also entgegengesetzt der Richtung der

Lichtstrahlen. Kaum waren sie aber aus dem Hinterende der Glasröhre

hervorgekrochen, als sie nach einer ganz kurzen Versuchskurve sich

umdrehten und parallel der Röhre der Lichtquelle wieder zukrochen (Abb.

39). Der Bogen der Versuchsbewegung verhinderte es meistens, daß das

Tier seine Rückwanderung in Kontakt mit der Glasröhre ausführte. Aber

auch das kam in einzelnen Fällen vor, so daß dann die Tiere unter der

doppelten Einwirkung von Photo- und Thigmotaxis rasch und sicher der

Lichtquelle zuwanderten.

Ich habe sehr verschiedene Lichtintensitäten bei den Versuchen

angewandt; stets sah ich aber die Thigmotaxis auch über die stärksten

Lichtreize überwiegen.

Der Berührungsreiz einer Körperseite des Tieres führt also durch

Kontraktion der Muskulatur dieser Körperseite stets eine Biegung des

Körpers nach dieser Seite herbei. So sehen wir den Hinterleib bei

Berührung von unten durch den Sand sich nach unten biegen und so in

den Sand eindringen. Jede Berührung der Körperseiten veranlaßt deren

Anschmiegung an die berührende Fläche. Die thigmotaktische Reaktion

ist also eine reflektorische Bewegung des Tierkörpers. Arbeiten diese

reflektorischen Bewegungen mit den Wirkungen anderer Reflexe zusammen,

so kommen jene eigenartigen Bewegungskombinationen zustande, welche wir

in den letzten Abschnitten kennen lernten.

Wirkt aber thigmotaktische Reizung von allen Seiten auf den

Ameisenlöwen ein, so erfolgt eine leichte Kontraktion seiner gesamten

Längsmuskulatur, und das Tier bleibt in Ruhestellung, wenn nicht

ein neuer Reiz es zur Bewegung veranlaßt. So bleibt es ruhig und

unbeweglich liegen, wenn es, im Sand eingewühlt oder am Grunde seines

Trichters sitzend, allseitig von den Sandkörnern umhüllt ist.

7. Chemische Sinne.

Im Anfang meiner Versuche fand ich keine Erscheinungen, welche auf eine

wesentliche Mitwirkung der chemischen Sinne bei den Lebenserscheinungen

der Ameisenlöwen hinwiesen. So wurden z. B. am 11. Okt. 1911 einem

Ameisenlöwen beide Antennen nahe der Basis abgeschnitten. Das so

operierte Tier drehte sich in normaler Weise um und wühlte sich in den

Sand ein. Es baute nicht nur einen vollkommenen Trichter, sondern fing

am 12. Okt. in der üblichen Weise eine Ameise durch Schleudern mit Sand

und saugte sie aus. Es lebte noch wochenlang, baute aber von Anfang

November ab keine ordentlichen Trichter mehr. Statt dessen wanderte es,

wie die Furchen auf der Oberfläche des Sandes verrieten, auf diesem

vielfach hin und her. Es nahm späterhin keine Ameisen mehr an, selbst

wenn man sie ihm längere Zeit zwischen die Kiefer hielt.

Es ist aber sehr zweifelhaft, ob dies abnorme Benehmen mit der

Amputation der Antennen zusammenhängt. In sämtlichen Jahren, in denen

ich die Ameisenlöwen beobachtete, benahmen sich nämlich um dieselbe

Jahreszeit viele unverletzte Individuen genau wie jenes operierte Tier

(vgl. S. 125). Solche Tiere, welche, aus dem Sand gegraben, nicht

in Bereitschaftsstellung sich befinden, schnappen nicht nach den

Ameisen. Die Ameisen können ihnen auf dem Kopf, den Mandibeln, dem

Hals herumklettern, ohne daß sie schnappen. Auch zerdrückte Ameisen,

von denen eventuell wirksame Geruchsstoffe in stärkerem Maße ausgehen

könnten, als von den lebenden Tieren, führen zu keiner Reaktion. Reizt

man jedoch zur gleichen Zeit die Ameisenlöwen durch Berührung mit

Borsten, so führen sie den Schnappreflex aus und fassen dabei auch

gelegentlich Ameisen, die man ihnen vorhält. Die letzteren geraten

ihnen dann meist nur zwischen die soliden Zähne der Mandibel. Sie

verursachen keine Erhöhung der Erregung des Tieres. Der Ameisenlöwe

macht keine Versuche, sie fester zu fassen, und sie werden auch nicht

ausgesaugt. Auch Berührung mit toten Ameisen führt nur zu einem Reflex,

wie er sonst durch irgendeinen Tastreiz ausgelöst werden kann, also

z. B. zum Schnappreflex, oder wenn das Tier sich außerhalb des Sandes

befindet, zur Rückwärtsbewegung. Es scheint also in all diesen Fällen

der Tastreiz weit wirksamer zu sein als ein chemischer Reiz.

Dennoch gaben mir andere Versuche die Gewißheit, daß auch beim

Ameisenlöwen die Antennen der Sitz der Chemorezeption und zwar eines

dem Geruchsinn ähnlichen Sinnes sind. Ich habe oben schon angeführt,

daß die Antennen in sehr geringem Grade durch Berührung reizbar sind.

Bei meinen Versuchen, welche zur Feststellung dieser Tatsache führten,

beobachtete ich einmal, daß ein Ameisenlöwe in ganz eigenartiger Weise

auf die Annäherung einer Nadel an seine Antennen reagierte. Wenn die

Nadel bis auf 3 oder 5 mm den Antennen genähert wurde, zogen sie sich

langsam vor ihr zurück; sie wurden dabei im Gelenk des Basalgliedes

nach hinten gebogen. Es machte zunächst vollkommen den Eindruck,

als sei die Annäherung der Nadel von dem Tier gesehen worden. Das

konnte aber nicht der Fall sein, wie Versuche mit einer anderen Nadel

bewiesen. Die Antennen reagierten nämlich nicht nur nicht auf die

Annäherung, sondern nicht einmal auf die Berührung mit dieser zweiten

Nadel. Diese zweite Nadel war nämlich vor dem Experiment von mir aufs

sorgfältigste durch Ausglühen, Abwischen mit Alkohol und Eintauchen in

Aether gereinigt worden. Jene erste Nadel, welche ich nur aus Versehen

benützt hatte, war aber an ihrer Spitze mit einem kleinen Tropfen

vertrockneten Kanadabalsams verschmutzt. Verschiedene Tiere zeigten bei

Annäherung dieser Nadel wiederum deutliche Reaktionen mit den Antennen.

Ich tauchte darauf die Spitze einer reinen Nadel in Nelkenöl und

näherte sie bis auf 3 mm den Antennen eines Tieres. Das hatte sehr

zuckende Bewegungen der Antennen, ja selbst ein Zucken des Kopfes zur

Folge.

Ich stellte daraufhin weitere Versuche an, indem ich Nadeln mit anderen

stark riechenden Stoffen benetzte und an die Antennen annäherte. Ich

bekam aber keine deutliche Reaktion bei Anwendung von Ammoniak, Aether

und Chloroform. Ebensowenig reagierten die Antennen bei Annäherung

einer zerquetschten Ameise.

Sehr bemerkenswert war aber die Beobachtung, daß bei Berührung der

Antennen mit einem mit jenen Geruchsstoffen benetzten Pinsel die

Antennen stets charakteristische schwingende Bewegungen ausführten.

Dies trat auch bei Tieren ein, deren Antennen auf Berührung mit einem

trockenen Pinsel gar nicht reagierten.

Die Versuche mit dem Kanadabalsam und Nelkenöl zeigen also deutlich,

daß von diesen Stoffen ein Reiz auf die Antennen des Ameisenlöwen

ausgeübt wird, welcher sich durch die Luft fortpflanzt. Dieser Reiz

kann nur in einer chemischen Einwirkung bestehen, und da er durch die

Luft übertragen wird, so entspricht er vollkommen denjenigen Reizen,

welche bei anderen Tieren und den Menschen für den Geruchssinn adäquat

sind. Wir dürfen also mit gutem Recht das Vorkommen eines Geruchssinnes

bei dem Ameisenlöwen annehmen.

VI. Die wichtigsten Reflexe des Ameisenlöwen.

In den vorstehenden Kapiteln haben wir gesehen, daß alle komplizierten

Handlungen im Leben des Ameisenlöwen auf eine Anzahl von Bewegungen

zurückzuführen sind, welche durch bestimmte Reize ausgelöst werden.

Durch einen peripheren Reiz wird die Kontraktion einer Anzahl von

Muskeln veranlaßt. Es handelt sich also offenbar um +Reflexe+. Wir

haben die Handlungen des Tieres also auf eine Reihe von Reflexen

zurückgeführt.

Die wichtigsten dieser Reflexe sind folgende:

1) +der Einbohrreflex+,

2) +der Schleuderreflex+,

3) +der Schnappreflex+.

Wir wollen diese in den früheren Abschnitten in ihren Wirkungen

studierten Reflexe noch einmal kurz zusammenfassend schildern.

1. +Der Einbohrreflex.+ Er besteht in zuckenden Bewegungen der

Hinterleibsspitze, welche sich in der Regel mehrmals hintereinander

wiederholen. Diese sind durch eine ruckweise abwechselnde Kontraktion

der ventralen und dorsalen Längsmuskulatur des Hinterleibes bedingt.

Die Bewegung wird durch taktile Reize der Unterseite des Abdomens

ausgelöst.

2. +Der Schleuderreflex.+ Er besteht ebenfalls in ruckweisen

Bewegungen, die sich mehrmals hintereinander wiederholen können. Die

Art der Bewegungen ist bedingt durch den Bau der Gelenke zwischen Kopf

und Thorakalsegmenten. Die Bremseinrichtungen auf diesen Gelenken

halten bei gespannten Muskeln die vorn gelegenen Körperteile zurück, so

daß sie plötzlich in die Höhe schnellen. Hier ist es die Kontraktion

der dorsalen Längsmuskulatur, welche das Emporschnellen von Kopf und

erstem Thorakalsegment, manchmal auch die dorsale Umbiegung weiterer

Thorakalsegmente verursacht. Der Schleuderreflex erfolgt entweder in

der Sagittalachse des Tieres nach oben und hinten oder in beliebigem

Winkel seitlich von ihr. Die Richtung der Bewegung ist durch die

gereizte Stelle bedingt; sie findet in der Richtung auf diese Stelle

hin statt. Das ist durch eine Zerteilung der bewegenden Muskulatur in

zahlreiche kleine Bündel ermöglicht.

3. +Der Schnappreflex.+ Dieser betrifft hauptsächlich die Bewegung der

Mundgliedmaßen. Er kann allein für sich erfolgen oder in Verbindung

mit dem Schleuderreflex. Fast stets ist letzteres unter natürlichen

Verhältnissen der Fall. Die Bewegung besteht in einer Aufrichtung des

Kopfes und vor allem im Zuschnappen der Mundgliedmaßen. Letzteres

wird durch ein im Kopf befindliches kräftiges Muskelsystem bewirkt.

Auch hier wird das plötzliche Zuschnappen durch Bremsvorrichtungen

an den Gelenken der Mundgliedmaßen begünstigt, welche bei gespannter

Muskulatur jene in einer bestimmten Stellung zurückhalten können.

Ausgelöst wird der Schnappreflex durch Berührung der Mundgliedmaßen

oder der vorderen Regionen des Kopfes. Fast stets erscheint er aber mit

dem Schleuderreflex in einen Vorgang verkettet. Dann erfolgt er auf

die gleichen Reize hin, welche jenen auslösen.

Der Ameisenlöwe · 第 9 / 12 段