[Illustration: Abb. 38. Gabelhaar von der Unterseite des Abdomens des

Ameisenlöwen. Vergr. 100mal.]

Das wären die wichtigsten fünf Haartypen von Myrmecoleo formicarius.

Außer ihnen und den zahlreichen Zwischenformen, welche zwischen

den vier erstbeschriebenen Typen vorkommen, gibt es einige weitere

Haarbildungen, auf welche ich hier nicht eingehe. Sie sind in anderem

Zusammenhang erwähnt: so die Haare auf den Lippentastern (S. 13), die

Haarreihen über den Gelenkgruben der Mundgliedmaßen (S. 14) und auf den

letzteren (S. 11) und schließlich die Stellungshaare der Gelenke (S.

21).

b) Die Erscheinungen der Tangorezeption.

Wir haben gesehen, daß der ganze Körper des Ameisenlöwen mit Haaren

bedeckt ist, welche sämtlich durch Sinneszellen mit dem Nervensystem

in Verbindung stehen. Wir dürfen wohl annehmen, daß diese Haare zum

größten Teil im Dienste des Tastsinnes stehen. Dies wird ja allgemein

für alle Arthropoden angenommen; allerdings gibt es bisher noch kaum

exakte Versuche, welche die Berechtigung dieser Annahme beweisen. Meist

findet man in der Literatur nur gelegentliche Beobachtungen als Belege

angeführt. Allerdings ist zuzugeben, daß die allgemeine Verbreitung

der Sinneshaare, die Härte und Festigkeit des Chitinpanzers und dessen

Durchbohrungen an der Basis der Sinneshaare mit dem Durchtritt der

Nervenendigung, wichtige morphologische Wahrscheinlichkeitsbeweise für

die Funktion der Arthropodenhaare als Organe des Tastsinnes sind. Es

gibt ja viele Beobachtungen, welche das Vorhandensein des Tastsinnes

bei den Arthropoden sicherstellen.

Ich habe in meiner Abhandlung über „Lebensgewohnheiten und Anpassungen

bei dekapoden Krebsen“ eine Anzahl von Beobachtungen über die Rolle

der Sinneshaare als Tastorgane bei diesen Tieren veröffentlicht.

Die Ameisenlöwen haben sich nun als ganz besonders günstige Objekte

für experimentelle Untersuchung des Tastsinnes erwiesen. Ich habe

daher ziemlich ausgedehnte Versuche mit ihnen angestellt, über deren

wichtigste Ergebnisse ich folgendes berichten kann.

Die Ameisenlöwen reagieren auf Berührung mit festen Gegenständen durch

Bewegungen einzelner Körperteile. Je nach der Intensität des ausgeübten

Druckes und je nach der gereizten Körperstelle treten verschiedene

Reflexbewegungen auf. Sie bestehen in kurzen Zuckungen der Gliedmaßen,

der Mandibel oder des Kopfes; ferner in der Ausführung des Schleuder-

und Schnappreflexes, sowie der charakteristischen Zuckungsbewegungen

mit dem Hinterleibsende.

Es ist nun sehr interessant, daß nicht immer gleich starke Reize die

gleichen Erfolge haben. Schon verschiedene Temperaturen der Umgebung

veranlassen sehr große Verschiedenheiten im Reizerfolg des gleichen

Reizes. Aber auch unter ganz gleichen äußeren Verhältnissen reagiert

vielfach ein Tier auf einen ganz leichten Reiz, während ein anderes

auf einen zehn-, fünfzig-, ja hundertmal so starken Reiz gar nicht

reagiert. Auch zeigt sich eine sehr deutliche +Summationswirkung+

aufeinander folgender Berührungsreize.

Ich will zunächst die Methode beschreiben, mit welcher ich die

meisten hierhergehörigen Versuche durchgeführt habe. Daß überhaupt

eine ausgesprochene Reizbarkeit der einzelnen Körperregionen

für Berührungsreize vorhanden ist, davon hatte ich bei meinen

verschiedenen Experimenten zahllose Beweise gelegentlich beobachtet.

Jede Berührung mit einer Pinzette oder irgendeinem anderen Instrument

konnte bei den Tieren deutliche Reaktionen hervorrufen; vor allem

war dies der Fall bei Berührung mit einer spitzen Präpariernadel.

Um mir über die Empfindlichkeit der Tiere gegen Tastreize ein

klares Bild zu verschaffen, mußte ich eine Methode anwenden, welche

einen zahlenmäßigen Vergleich der einzelnen Resultate zuließ. Ich

benützte zu diesem Zweck ein Verfahren, welches durch +v. Frey+

für die Untersuchung der Tastempfindlichkeit der menschlichen Haut

ausgebildet worden ist. Zu diesem Zweck werden Borsten von gleicher

Länge rechtwinklig an der Spitze eines Stäbchens befestigt. Tastreize

mit diesen Borsten werden erzielt, indem die Borste mit ihrer Spitze

senkrecht auf die Oberfläche der zu prüfenden Körperregion aufgesetzt

wird, worauf ein Druck, der zur Krümmung der Borste führt, ausgeübt

wird. Je nach der Dicke der Borste ist dieser Druck verschieden stark.

Ich benützte zu meinen Versuchen 3 cm lange Stücke von Pferdeborsten

und Menschenhaaren, welche senkrecht von der Längsachse des sie

tragenden Stabes abstanden. Nach dem Vorgang +v. Freys+ wurden diese

Borsten in folgender Weise geeicht. An einer feinen chemischen Wage

wurde festgestellt, einem wie schweren Gewicht sie Widerstand zu

leisten vermögen. Stemmt man das Ende der Borste wider die eine

Wagschale und belastet die andere mit zunehmend schweren Gewichten, so

tritt ein Moment ein, in welchem das gerade sich krümmende Haar der

belasteten Wagschale das Gleichgewicht zu halten vermag.

Ich wandte zu meinen Versuchen 6 verschiedene Tastborsten an, deren

Krümmungselastizität in der angegebenen Weise auf folgende Zahlen

festgestellt worden war:

Tastborste 0 0,0045 g

„ 1 0,07 g

„ 2 0,12 g

„ 3 0,22 g

„ 4 0,63 g

„ 5 1,8 g

Man sieht, es sind recht beträchtliche Druckverschiedenheiten, welche

mit diesen Borsten erzielt werden können. Um so auffallender sind

manche der erzielten Resultate.

Es kam vor, daß einzelne Individuen der Reihe nach mit sämtlichen

Borsten, von den dünnsten bis zu den dicksten, mehrmals betastet werden

konnten, ohne irgendeine Reaktion zu zeigen. In anderen Fällen genügte

eine kurze Berührung mit der Tastborste 1 oder 2, um eine sehr lebhafte

Reaktion herbeizuführen. Offenbar hängt die Reaktion also in hohem Maße

von inneren Zuständen des gereizten Tieres ab. Es zeigte sich aber

bald, daß es bis zu einem gewissen Grade gelingt, diese Zustände zu

beherrschen.

Experimentiert man z. B. mit einem Tier, das im typischen Zustand

des Totstellens sich befindet, so kann man es durch wiederholte

Applikation von Tastreizen auf die gleiche Region des Körpers nach

einiger Zeit zu einer Reaktion bringen. Ist diese einmal eingetreten,

so zeigt sich das Tier sofort auch für viel feinere Reize empfindlich.

Die Empfindlichkeit ist dann auch nicht auf die vorher gereizte

Körperregion beschränkt, sondern erstreckt sich auf eine mehr oder

minder große Partie der Umgebung, oft auch auf den ganzen Körper. Hat

man z. B. ein Tier zehnmal mit der Tastborste 5 auf die Halsregion

gedrückt, und ist nach der zehnten Berührung eine Reaktion erfolgt, so

kann in den meisten Fällen mit Borste 2 oder 3 schon nach ein oder zwei

Berührungen der gleichen Region oder irgendeiner Gegend des Rückens

eine Reaktion ausgelöst werden. Dagegen hat sich die Erhöhung der

Reizbarkeit nicht bis auf die Bauchseite ausgedehnt.

Aus dem Gesagten geht hervor, daß es mit der angegebenen Methodik ganz

ausgeschlossen ist, ein absolutes Maß der Reizbarkeit aufzustellen.

Dasselbe Tier, welches anfänglich auf grobe Berührungen mit der

Tastborste 5 gar nicht reagierte, zeigt nach einer Reihe von Versuchen,

schon nach wenigen Minuten eine hohe Empfindlichkeit, selbst gegen

Berührung mit der Tastborste 0. Wollen wir also die Empfindlichkeiten

der verschiedenen Regionen des Körpers direkt miteinander vergleichen,

so verwenden wir am besten ein Tier, dessen Reizbarkeit durch

künstliche Einwirkung erhöht worden ist. Ich habe sowohl mit Tieren

experimentiert, bei denen die Reizbarkeit durch Summation von

Berührungsreizen, als auch mit solchen, bei denen das gleiche Resultat

durch Erwärmung der Umgebung erzielt worden war. Obwohl bei letzterer

Methode die vorbereitende Reizung sicherlich eine weniger lokalisierte

gewesen ist, ergaben sich dennoch in allen Fällen übereinstimmende

Resultate.

Die Reflexe, durch welche die Tastreize beantwortet werden, sind sehr

charakteristisch und je nach den gereizten Körperregionen verschieden.

Wird die Innenseite der Mandibel, die Vorder- oder Oberseite des Kopfes

oder werden die Fühler berührt, so erfolgen zunächst leise zitternde

Bewegungen an dem berührten Körperteil, und die Tiere machen einige

kurze +Rückwärtsbewegungen+ unter Verwendung des ersten und vor allem

des zweiten Beinpaares. Die gleiche Bewegung erfolgt bei Berührung des

ersten und zweiten Beinpaares selbst. Auch wenn bei diesen Versuchen

nur die eine Seite des Körpers gereizt wird, erfolgt doch die Bewegung

vollkommen symmetrisch entsprechend der Mittellinie. Die Berührung des

Beines der einen Körperseite führt nicht zu einer Drehung von oder zu

dieser Seite. Am ausgesprochensten ist dieses Rückwärtsweichen dann,

wenn eine multiple Berührung der betreffenden Regionen vorgenommen

wurde. Wurde statt mit einer Borste mit einem Pinsel oder mit einer

kleinen Bürste eine etwas ausgedehntere Region des Kopfes oder der

Beine gereizt, so erfolgte eine oft sehr lebhafte, manchmal einige

Sekunden andauernde Rückwärtsbewegung. Spätere Versuche zeigten

allerdings, daß dies nur für wenig reizbare Tiere gilt. Sehr reizbare

Tiere reagieren in ausgesprochen lokalisierter Weise.

Das gilt bei allen Tieren für die Reflexe bei Berührung der Oberseite

des Halses, der übrigen Thorakalsegmente oder des Abdomens. Bei

leichter Reizung ging das Tier sogleich in die Bereitschaftsstellung

über; war die Reizung nur etwas intensiver, so trat sofort ein sehr

energischer Schleuder- oder gar Schnappreflex ein. Meist wurde dabei

die zur Reizung verwendete Borste zwischen den Mandibeln gefaßt, so daß

man das Tier an ihr emporheben konnte.

Von ganz besonderem Interesse war nun die ausgesprochene

+Reizlokalisation+, welche sich bei diesen Versuchen auf das

deutlichste nachweisen ließ. Reizte man eine Stelle in der Nähe der

Medianlinie des Rückens, so erfolgte das Zurückbiegen des Kopfes beim

Schnappreflex vollkommen symmetrisch in dieser Medianlinie. Reizte

man eine Stelle links oder rechts von der Medianlinie, so bogen sich

Kopf und Hals in einem ganz entsprechenden Winkel der gereizten Stelle

zu; also um so weiter nach außen, den Körperrändern zugewandt, als

die Reizstelle an denselben gewählt war. Reizte man eine Stelle des

Abdomenrückens, die weiter nach hinten gelegen ist, also etwa in der

Nähe des Hinterendes des Tieres, so fand eine stärkere Durchbiegung,

an der sich mehr Segmente des Vorderkörpers beteiligten, statt. Der

Kopf und der Hals wurden bei diesen Reaktionen ganz flach nach hinten

über den Rücken des Abdomens gelegt. Auch bei diesen Versuchen fand

eine ganz ausgesprochene Lokalisation, eine feinste Reaktion auf jede

asymmetrische Lagerung des Reizpunktes statt. Fast stets wurde die

Reizborste mit großer Sicherheit von den Mandibeln ergriffen. Sehr

reizbare Tiere wenden auch bei leichter Reizung der beiden vorderen

Beinpaare den Kopf unter Biegung des Halses stark nach der gereizten

Seite; ja, sie führen nach der reizenden Borste den typischen

Schnappreflex aus, wenn die Reizung intensiver wird.

Reizt man das auf der Bauchseite liegende Tier von unten her mit

einer Tastborste an der Bauchregion der Hinterleibsspitze, so

erfolgt eine Kontraktion der Längsmuskulatur; dieselbe führt nicht

nur zu einer Verkürzung und Verdickung des Hinterleibes, sondern

auch, da die Verkürzung ventral stärker ist, zu einer Einkrümmung

der Hinterleibsspitze nach unten. Diese Reaktion tritt noch viel

auffälliger als bei Reizung mit einer einfachen Borste bei multipler

Reizung, z. B. mit einem Pinsel, ein.

Befindet sich das Tier in Rückenlage, so ist bei Tastreiz der

Hinterleibsspitze diese Reaktion viel weniger ausgesprochen. Wohl

wird auch dann die Längsmuskulatur kontrahiert, also der Hinterleib

verkürzt; aber eine ausgesprochene Einkrümmung der Hinterleibsspitze

findet nicht statt, da die Tendenz, den Rücken für den Umdrehreflex

hohl zu machen, also die umgekehrte Krümmungstendenz, überwiegt.

Denn fast regelmäßig zeigt sich bei Reizung der Bauchseite eines auf

dem Rücken liegenden Tieres als sehr prompter Erfolg der Umdrehreflex.

Im allgemeinen kann man dabei keine ausgesprochene Wirkung des

lokalisierten Reizes wahrnehmen. Einerlei, ob ein Feld rechts oder

links, vorn oder hinten an der Bauchseite gereizt wird, das Tier dreht

sich nach der Seite um, welche ihm nach den früher (S. 41) berichteten

Experimenten vom Licht vorgeschrieben wird. Ein Schnappen nach der

Bauchseite findet niemals statt; Hals und Kopf beugen sich immer gegen

den Rücken zu. Wir sehen von neuem, daß der Schnappreflex und der

Umdrehreflex identisch sind.

Trotzdem läßt sich auch bei diesen Experimenten die Lokalisation des

Reizes an besonderen Reflexen erkennen. Verwendet man nämlich zu den

Versuchen ein Tier von geringer Reizbarkeit, oder operiert man mit den

niedersten Nummern der Reizborsten, so kann man folgende Beobachtungen

machen. Bei Applikation einer unsymmetrischen Reizung zeigt sich, daß

zunächst ganz langsam die Mandibel der gereizten Seite abgespreizt

wird; dann wird der Kopf nach der gleichen Seite gebeugt, worauf der

Umdrehreflex plötzlich mit Wendung nach der anderen Seite erfolgt.

Dieses letzte Experiment gelingt vor allem dann, wenn man in diffusem

Licht oder in tiefer Dämmerung das Tier reizt, so daß ein Einfluß der

Lichtrichtung nicht in Frage kommt.

Als Gradmesser für die Erregbarkeit des Tieres durch einen lokalen

Reiz können wir also die ausgelöste Reflexbewegung betrachten. Ein

wenig reizbares Tier zeigt als erste Anzeichen der Reizung schwache

Bewegungen der gereizten Körperstelle oder seiner Nachbarschaft. Steigt

die Erregung, so werden diese schwachen Bewegungen der Mandibel, des

Kopfes, der Extremitäten oder der Rumpfsegmente ausgesprochener. Bei

noch stärkerer Erregung geht das Tier in Bereitschaftsstellung über;

der stärkste Ausdruck der Reizbarkeit sind die typischen Reflexe,

wie der Schleuder-, der Schnappreflex und die Bohrbewegung des

Hinterleibsendes. Bei allmählicher Steigerung der Erregbarkeit sieht

man also z. B. am Vorderende des Körpers leichte Bewegung der Mandibel,

des Kopfes und Halses, dann Bereitschaftsstellung, darauf Schleuder-

und schließlich Schnappreflex aufeinander folgen. Meist aber sind

letztere beide miteinander verschmolzen.

Experimentiert man mit einem schwach reizbaren Tier, so kann man

nun feststellen, daß die verschiedenen Regionen des Körpers in

verschiedener Weise reizbar sind. Es kann z. B. vorkommen, daß ein

sehr schwach reizbares Tier auf Berührung mit Tastborste 5 gar nicht

reagiert, wenn die Rückenseite der letzten Hinterleibssegmente mit ihr

mehrmals berührt werden; eine ganz leichte Reaktion tritt ein, wenn

die Vorder- und Hinterleibssegmente oder das erste Thorakalsegment auf

der Rückenseite in derselben Weise gereizt werden. An den Mandibeln,

der Oberseite des Kopfes, den drei Beinpaaren verursacht der gleiche

Reiz bereits den Uebergang zur Bereitschaftsstellung. Auf der Oberseite

des ersten und zweiten Thorakalsegmentes jedoch löst er bereits den

typischen Schnappreflex aus.

Ebenso kann man nachweisen, daß, wenn das erste und zweite

Thorakalsegment auf ihrer Rückenseite schon durch die Tastborsten

0 oder 1 reizbar sind, man steigend höhere Nummern verwenden muß,

um Mandibel, Kopf, Beine und schließlich die hinteren Regionen des

Hinterleibsrückens mit dem gleichen Erfolg zu reizen.

Es folgt also aus diesen Versuchen, die in großer Zahl und in vielen

Modifikationen von mir ausgeführt wurden, daß im großen und ganzen auf

der Rückenseite die Reizbarkeit des Tieres auf dem ersten und zweiten

Thorakalsegment am größten ist, etwas geringer an Mandibeln, Kopf

und Beinen, und daß sie vom dritten Thorakalsegment über das Abdomen

hin nach hinten allmählich abnimmt. Etwas anders ist die Verteilung

der Reizbarkeit an der ventralen Seite des Tieres. Hier ist gerade

das Hinterleibsende am reizbarsten; verfolgt man die Oberfläche der

Bauchseite nach vorn, so erstreckt sich die Zone hoher Reizbarkeit

hauptsächlich längs der Mittellinie nach vorn. An den Rumpfseiten nimmt

die Reizbarkeit nach vorn hin rasch ab. Die Unterseite der Beine und

die umgebende Ventralseite der Thorakalsegmente weist ungefähr die

zweite Stufe der Reizbarkeit auf. Die Unterseite des Kopfes ist dagegen

auffällig wenig reizbar.

Es erfordert eine ziemlich große Anzahl von Experimenten, um sich über

diese Verhältnisse Klarheit zu verschaffen. Denn abgesehen davon, daß

man im voraus gar nicht wissen kann, bei welcher Reizbarkeitsstufe

des Tieres man das Experiment beginnt, es steigert sich auch die

Empfindlichkeit im Verlauf des Experiments oft sehr rasch. So kann

es kommen, daß man im Verlauf des Experiments mit immer feineren

Tastborsten die gleichen Resultate erzielt, wie vorher mit den groben.

Ein Tier z. B., welches zuerst in der vorhin angegebenen Stufenfolge

bei der Reizung mit Tastborste 5 reagierte, ergibt nach einiger Zeit

deutliche Reaktionen stärkster Art bei Reizung des Rückens, des

Hinterleibsendes mit Tastborste 3, bei Reizung der Kopfregion mit

Tastborste 2 und bei Reizung des ersten und zweiten Thorakalsegmentes

sogar schon mit Borste 0. Ja, nach einiger Zeit kann die Erregung des

Tieres so weit gestiegen sein, daß alle Regionen des Körpers schon auf

die zartesten Berührungen mit Tastborste 0 reagieren.

Zum Beleg dieser Feststellungen gebe ich im nachfolgenden einige meiner

Versuchsprotokolle.

1) +Reizung der Dorsalseite von Thorakalsegment II mit einer

Tastborste.+ (Die Reizungen wurden unmittelbar hintereinander in

der Reihenfolge der Tabelle ausgeführt. In der Tabelle ist die Zahl

der Berührungen, welche angewandt werden mußten, bis eine Reaktion

erfolgte, angegeben; das Zeichen + bedeutet einen Schnappreflex, die

0, daß keine Reaktion erfolgte.)

No. der Borste Zahl der Berührungen Reaktion

4 22mal +

3 100 „ 0

4 37 „ +

3 100 „ 0

4 26 „ +

3 24 „ +

3 5 „ +

3 7 „ +

2 3 „ +

2 3 „ +

2 5 „ +

2 3 „ +

1 100 „ { 0;

{kleine Bewegungen

2 2 „ +

1 50 „ 0

2 22 „ +

2 5 „ +

2 7 „ +

1 60 „ +

2) +Reizung der Bauchseite in der Nähe des Hinterendes+; + bedeutet

einen Umdrehreflex; sonst Bezeichnungen wie in Tabelle 1.

No. der Borste Zahl der Berührungen Reaktion

4 5mal +

1 100 „ 0

4 3 „ +

2 120 „ { 0;

{nur von Berührung 50 ab

{leichte Zuckung mit Beinpaar

{ 2 und 3

4 1 „ +

1 3 „ +

1 60 „ 0

1 50 „ 0

3) +Reizung der Bauchseite in der Nähe des Hinterendes+; sehr träges

Individuum.

No. der Borste Zahl der Berührungen Reaktion

4 50mal kleine Bewegungen

5 25 „ +

4 60 „ 0

Nadel 15 „ schwach

4) +Reizung der Dorsalseite des dritten Thorakalsegments+ bei

demselben Individuum wie Tabelle 3.

No. der Borste Zahl der Berührungen Reaktion

4 12mal kleine Bewegungen

4 24 „ „ „

4 40 „ „ „

5 10 „ angedeuteter Schnappreflex

5 20 „ „ „

Nadel 5 „ + Schnappreflex

Diese Tabellen zeigen ganz deutlich, wie im allgemeinen die Reizbarkeit

einer Körperregion sich durch wiederholte Reize steigern läßt. Sie

zeigen aber auch, daß in der Regel nach wiederholten Reizungen eine

Ermüdung eintritt. Merkwürdigerweise ist in den meisten Fällen nach

den durch solche Ermüdungen bedingten Pausen die Reizbarkeit nicht

auffallend herabgesetzt, sondern immer noch sehr viel höher, als im

Anfang des Experiments.

Wir haben erwähnt, daß mitunter die Reizbarkeit so weit gesteigert

sein kann, daß die feinsten Reizmittel genügen, um einen starken

Reflex auszulösen. Es genügen dann nicht nur Berührungen mit den

zartesten Gegenständen, sondern diese Berührungen brauchen auch nur

einmal zu erfolgen, um den vollen Effekt zu haben. Die derart durch

Berührungsreize in Erregung versetzten Individuen führen überhaupt

alle Reaktionen mit der größten Promptheit und Raschheit und sehr

schnell und oft hintereinander aus. So kann man z. B. ein derart

gereiztes Individuum immer wieder rasch hintereinander mit Hilfe des

Umdrehreflexes Purzelbaum schlagen lassen. Man muß es zu diesem Zweck

immer wieder rasch in die Rückenlage bringen.

So führte z. B. am 3. Okt. 1914 Exemplar a auf wiederholten Reiz in 4

Min. 45 Sek. 114 Umdrehungen aus; erst nach Verlauf von 3½ Minuten trat

etwas Ermüdung ein, welche sich in Verlangsamung der Reaktion kundgab.

Nach Ablauf der 4 Min. 45 Sek. erfolgte 20 Sek. lang trotz 10maliger

Reizung keine Reaktion. Darauf aber trat wieder die volle Reizbarkeit

ein, wie sich daraus schließen ließ, daß das Tier ohne weiteres noch

ungefähr 100 Umdrehungen ausführte.

Die verschiedene Erregbarkeit der einzelnen Körperregionen steht in

einem deutlichen Zusammenhang mit den morphologischen Grundlagen des

Tastsinnes. Die Regionen, welche am stärksten reizbar sind, tragen

im allgemeinen das dichteste Kleid von Sinneshaaren. Auch sind sie am

reichsten an den zarten, dünnen Haaren, welche offenbar die reizbarsten

sind. Es läßt sich leicht nachweisen, daß die Haare selbst durch

Berührung reizbar sind. Besonders die Haare auf den Schultern und an

den Seiten des Körpers, sowie einige der auf Kopf- und Brustsegmenten

stehenden Haarbüschel sind so lang, daß man die Berührung einzelner

Haare leicht durchführen kann, ohne den Chitinpanzer des Tieres mit

Nadel oder Borste zu erreichen. Jede Biegung des Haares, überhaupt

jeder Druck auf dasselbe führt zu der für die betreffende Körperregion

charakteristischen Reaktion.

Am reizbarsten sind die +Fiederhaare+ und die +Langborsten+, doch

scheinen alle Haartypen -- wie sie ja auch alle innerviert sind -- für

Berührungsreize empfindlich zu sein. Allerdings für die sehr zarten und

kleinen Gabelhaare kann ich dies nicht mit Bestimmtheit sagen, da ich

unter dem Mikroskop keine derselben einzeln zu reizen vermochte. Es

ist nicht ausgeschlossen, daß sie im Dienst eines ganz anderen Sinnes

stehen.

Es zeigt sich aber bei den Versuchen mit den Tastborsten, daß in den

reizbarsten Regionen des Körpers eine Berührung des Chitinpanzers mit

ihnen genügt, um die Reaktionen auszulösen. Genauere Beobachtung zeigt,

daß in all diesen Regionen das Chitin der Körperbedeckung sehr dünn

und leicht deformierbar ist. Man sieht ohne weiteres, daß es dem Druck

der Borste nachgibt und sich einbiegen läßt. Unzweifelhaft haben diese

Formveränderungen ähnliche Verschiebungen und sonstige Einwirkungen auf

die Basis der in der Umgebung eingepflanzten Haare zur Folge, wie die

Berührung der Haare selbst. Die weniger empfindlichen Körperstellen,

wie z. B. die Unterseite des Kopfes, die Oberseite des Unterleibsendes,

haben das dickste Chitin.

Jene Ameisenlöwen, welche ich zur Analyse des Umdrehreflexes mit

Hilfe eines Wachstropfens an einem Faden aufgehängt hatte (vgl.

S. 42), zeigten eine sehr hohe Empfindlichkeit in der Region des

Wachstropfens und um denselben herum. Offenbar wurden die durch ihn

zusammengekitteten Haare sehr leicht gleichzeitig gereizt, und jeder

Druck auf ihn führte zu einer Formveränderung der ganzen Umgebung.

Sehr bemerkenswert ist auch folgende Beobachtung. Reizt man ein

sehr lebhaftes Tier mehrmals an derselben Stelle, so kommt es unter

Umständen zu einer Nachwirkung des Reizes, indem das Tier, auch ohne

noch einmal gereizt zu werden, nach derjenigen Stelle schnappt, an der

es zum letztenmal gereizt wurde.

Der Ameisenlöwe · 第 8 / 12 段