Selbstverständlich muß bei derartigen Untersuchungen in Betracht

gezogen werden, daß höhere Temperaturen die Beweglichkeit des Tieres

stark erhöhen. Die ausgiebigsten Wanderungen machen die Tiere, die

schönsten Trichter bauen sie, den Sand schleudern sie am weitesten,

wenn sie bei einer Temperatur von 25-30° C gehalten werden. Hält

man sie in vollkommener Dunkelheit auf einem gleichmäßig erwärmten

Untergrund, so führen sie außerordentlich lebhafte Bewegungen aus, wie

man daraus erkennen kann, daß ein Registrierpapier schon nach einer

halben Stunde von ihren Spuren nach allen Richtungen durchzogen wird.

Dabei handelt es sich, wie die Kreise, Bogen und Spiralen der Fährten

erkennen lassen, um typische Versuchsbewegungen (s. Rußkurven Taf. II,

Fig. 2).

Um festzustellen, ob die Wärme des Untergrundes auf die Bewegung der

Tiere einen richtenden Einfluß ausübt, brachte ich sie zunächst in

ein Sandbad, welches von der Seite her erwärmt wurde. Die durch einen

Mikrobrenner erzeugte Wärme pflanzte sich in der dicken Sandschicht

so langsam fort, daß an dem einen Ende eine Temperatur von 35° C,

an dem anderen Ende, 40 cm davon entfernt, eine solche von nur 20°

C herrschte. Dazwischen fanden sich Stellen, an denen sich an der

Oberfläche des Sandes 30 und 25° C messen ließen. Ich setzte nun an

die vier den angegebenen Temperaturen entsprechenden Stellen je einen

Ameisenlöwen. Alle vier gruben sich innerhalb von 5 Minuten vollkommen

ein und hatten in ebenso kurzer Zeit je einen tiefen, gleichmäßigen

Trichter ausgeworfen. Die Temperatur hatte sie in der Wahl des

Ortes, an dem sie sich eingruben, nicht beeinflußt. Sämtliche ihnen

dargebotenen Temperaturen waren für ihre Bewegungen geeignet gewesen;

und, wie wir später sehen werden, mußte der Berührungsreiz der rauhen

Sandoberfläche über den Wärmereiz überwiegen.

Das zeigte sich schon deutlich bei einigen Kontrollexperimenten,

welche ich an dieses erste anschloß. Ich setzte auf das Sandbad

Schalen aus Glas oder aus Papier-mâché, deren Innenseite vollkommen

glatt war. Die Substanz dieser Schalen nahm nach etwa einer halben

Stunde Temperaturen an, welche genau entsprechend denjenigen des

darunterliegenden Sandes abgestuft waren, wie ich durch Messungen

mit kleinen Quecksilberthermometern feststellte. Ich regulierte die

Temperatur wiederum in der Weise, daß sie von 35° auf 20° C abfiel.

Setzte ich in diese Schalen Exemplare von Ameisenlöwen an verschiedenen

Stellen des Bodens nieder, so fanden sie sich nach Ablauf von einer

halben bis dreiviertel Stunde fast alle in der wärmeren Hälfte des

Gefäßes angesammelt. Das gleiche Resultat ergab sich bei Wiederholungen

dieses Versuches. Aber es war kein glattes und klares Resultat; denn

einzelne Individuen waren immer durch Interferenz von Licht und

Berührungsreizen am Aufsuchen der Wärmeregion verhindert. Um saubere

Ergebnisse zu erlangen, führte ich die Versuche im Dunkeln weiter. In

der vollkommen lichtdichten Dunkelkammer wurden breite Flächen von

berußtem Registrierpapier auf dem Boden von Glasaquarien ausgespannt,

welch letztere in Sandbäder gestellt wurden. Auch da ließ sich durch

Anwendung eines Mikrobrenners eine gleichmäßig abgestufte Temperatur

erzielen, welche sich auch dem Registrierpapier mitteilte. Bei dem

ersten Versuch, welcher eine Stunde lang dauerte, hatten die Tiere,

wohl unter der vereinigten Einwirkung von Dunkelheit und Wärme, sehr

lebhafte Versuchsbewegungen ausgeführt. Es zeigte sich dabei deutlich,

daß diejenigen Individuen, welche ohne weitere Störungen in die Region

von etwa 28-35° geraten waren, sich dauernd in derselben bewegten. Das

gleiche Resultat ergaben weitere Experimente (Rußaufzeichnung Taf. IX,

Fig. 9).

Aus ihnen folgt also, daß die Tiere eine deutliche

Unterschiedsempfindlichkeit für verschiedene Temperaturen besitzen.

Das Optimum für sie liegt auffallend hoch. Sie suchen es auf, indem

sie bei ihren Versuchsbewegungen eine Wendung ausführen, wenn sie

in eine Region von zu hoher oder zu niedriger Temperatur gelangen.

Die hohe Temperatur veranlaßt sie zu andauernden, sehr lebhaften

Bewegungen, welche sie aber stets nur bis zur Grenze der optimalen

Region führen. Sind also Tiere bei ihren Versuchsbewegungen, bei ihrem

Suchgang, in die optimale Region geraten, so sind sie gleichsam in

einer +Temperaturfalle+ gefangen, aus der sie nicht mehr heraus können.

Es liegt also eine ganz ähnliche Beeinflussung durch die Wärme vor,

wie sie +Jennings+ bei seinen bekannten Versuchen mit Infusorien für

chemische und andere Einflüsse nachgewiesen hat.

+Comes+ gibt in einer am Schluß des letzten Kapitels kritisch

besprochenen Arbeit an, daß der Ameisenlöwe stets den höheren

Temperaturen zustrebe. Aus seinen Angaben ist nicht mit Sicherheit

zu entnehmen, wie er seine Experimente angestellt hat. Nur das ist

sicher, daß er den Einfluß des Einfalles der Lichtstrahlen nicht

ausgeschaltet hat. Ferner hat er zum Nachweis der Wärmeempfindlichkeit

den Trichterbau seiner Versuchstiere herangezogen. Wir haben aber

oben gesehen, daß die Ameisenlöwen bei jeder günstigen Temperatur auf

geeignetem Untergrund stets sofort zu bauen beginnen. Da aus +Comes’+

Angaben hervorzugehen scheint, daß für den Ameisenlöwen keine optimale

Temperatur vorliegt oder doch jedenfalls das Maximum sehr hoch liegt,

so habe ich noch einige Ergänzungsversuche zur Kontrolle seiner

Angaben angestellt. Durch Einrichtung eines Sandbades mit Stoffen von

sehr verschiedener Wärmeleitung gelang es mir, auf dem Raum von ½ m

Abstufungen von 15-70° C zu erzielen. Das Sandbad war mit Torfmull,

Sand + Torfmull, Quarzsand und Eisenfeilspänen in verschiedenen Lagen

angefüllt. Im Dunkeln angestellte Versuche (23. Okt. 1915) ergaben

wiederum eine Tendenz der Tiere, sowohl die niedere als die hohe

Temperaturzone zu vermeiden. Sie sammelten sich zwischen 25° und

40° C an, indem sie sowohl aus der kühlen als auch der heißen Zone

wegkrochen. Wiederum wurden zuerst Versuchsbewegungen ausgeführt. Die

optimale Zone wurde im Verlauf von solchen erreicht, und ihre Grenzen

dann nicht mehr überschritten. Nur aus dem Gebiet der größten Hitze

erfolgte nach kurzen Versuchsbewegungen ein offenbar rascher Rückzug.

Immerhin ist es möglich, daß unsere einheimischen Ameisenlöwen an

ein tieferes Temperaturmaximum angepaßt sind als die sizilianischen.

Dort mögen in den Sommermonaten im Sand wohl Temperaturen von 60-70° C

erreicht werden.

Nach der oben von uns gegebenen Definition liegt also eine

ausgesprochene phobische +Thermotaxis+ vor. Das erzielte Ergebnis

veranlaßte mich, etwas eingehendere Versuche über den +Temperatursinn+

selbst und seinen Sitz anzustellen. Die Versuche wurden in der Weise

ausgeführt, daß eine dünne, spitze erwärmte Stahlnadel in die Nähe

der Körperoberfläche des Tieres gebracht wurde. Die Nadel mußte sehr

warm sein, wenn sich überhaupt eine Reaktion zeigen sollte. Sie zeigte

sich aber dann schon, wenn die Nadel bis auf ½ cm der Körperoberfläche

genähert wurde. Die Reaktion auf die Annäherung der Nadel war dann

sehr charakteristisch und präzis. Es erfolgte ein deutliches, oft

lebhaftes Zurückweichen des Tieres. Als empfindlich gegen die von der

Nadel ausstrahlende Wärme erwiesen sich Mandibel, Kopf, Hals, Beine,

Vorderrumpf und Schultern sowie, in geringerem Grade, das Hinterteil

des Abdomens.

Bei diesen Versuchen stellte sich eine ähnliche lokale Reizbarkeit

heraus, wie wir sie später beim Studium der Tastreize kennen lernen

werden. Bei Reizung der Seitenteile des Körpers erfolgte eine

Kopfwendung nach der Seite, an welcher der Reiz appliziert worden

war. Selten kam es bis zur Ausbildung des Schnappreflexes. Stets

wich das Tier vor der Hitze zurück; ja der Wärmereiz veranlaßte es

unter Umständen sogar, seine Fluchtbewegungen in der Richtung mit dem

einfallenden Licht durchzuführen.

Die Ergebnisse dieser Versuche könnten wohl als Beweis für das

Vorhandensein eines Wärmesinnes gedeutet werden. Ich habe allerdings

vergeblich nach Sinnesorganen oder freien Nervenendigungen in der

Körperoberfläche des Tieres gesucht, welche man als die spezifischen

Apparate des Wärmesinnes betrachten könnte. Wir haben ja allerdings

früher schon erfahren, daß die Körperoberfläche der Ameisenlöwen von

einem dichten Mantel von Sinneshaaren bedeckt ist; wir sahen auch, daß

diese Haare in ihrem Bau erheblich voneinander abweichen. Es wäre daher

immerhin möglich, daß einer dieser Haartypen etwas mit dem Wärmesinn

zu tun hat. So dachte ich eine Zeitlang, die eigenartigen Gabelhaare

des Abdomens könnten dem Wärmesinn dienen. Ich mußte von dieser Annahme

zurückkommen, als ich feststellte, daß Wärmeempfindlichkeit auch in den

Regionen nachweisbar ist, z. B. am Kopf, wo keine solchen Gabelhaare

vorkommen. Wahrscheinlicher scheint mir die Annahme, daß dieselben

Sinneshaare, welche den Tastsinn vermitteln, auch die Werkzeuge des

Wärmesinnes sind. Sie wären dann Wechselsinnesorgane im Sinne von

+Nagel+. Man wird dabei kaum daran denken, daß die zentripetale

Nervenfaser verschiedenartige Erregungen dem Zentralnervensystem

zuzuleiten vermag. Es wird sich wohl in Uebereinstimmung mit der

Theorie von +Johannes Müller+ um spezifische Energien handeln, welche

die Leitungsbahn durchlaufen. Ihre Erregung wird aber durch eine

Transformation im Empfangsapparat veranlaßt werden. Nun kann man

sich sehr gut vorstellen, daß eine ganz entsprechende Erregung der

Nervenendfasern sowohl durch mechanische Berührung der Tasthaare als

auch durch eine etwa eintretende Deformation derselben durch die Wärme

erfolgen könnte. Letztere Annahme läge besonders bei dünnwandigen und

hohlen Haartypen nahe.

Einige weitere Versuche wurden angestellt, um Aufschluß darüber

zu verschaffen, ob etwa auch ein +Kältesinn+ bei den Ameisenlöwen

nachweisbar sei. Bekanntlich sind beim Menschen Kälte- und Wärmesinn

voneinander vollkommen getrennt und vielfach auf gesonderte

Hautgebiete beschränkt. Wir haben auch Anlaß, anzunehmen, daß bei

anderen Wirbeltieren ähnliche Verhältnisse vorliegen. Bei einem

wirbellosen Tier ist aber bisher noch niemals auch nur die Andeutung

eines Kältesinnes entdeckt worden. Meine Experimente mit den

Ameisenlöwen hatten auch keinen eindeutigen Erfolg. Versuche, ob

eine Unterschiedsempfindlichkeit bei starker Abkühlung eines Teiles

des Untergrundes sich bemerkbar mache, hatten kein Resultat. Die

auf dem durch untergelegtes Eis abgekühlten Teile einer Glasplatte

niedergesetzten Individuen wurden durch die Einwirkung der Kälte

vollkommen bewegungslos; sie begannen erst dann sich zu regen, als das

Eis unterhalb vollkommen weggetaut war.

Individuen, welche ich auf einen Eisblock setzte, wanderten auf ihm

herum, wie auf einem Stein. Solange ihnen die Kälte noch erlaubte, sich

zu bewegen, krochen sie beständig am Umkreis des Eisklumpens herum,

wobei sie den Hinterleib an seine feste Oberfläche dicht anpreßten. Es

zeigte sich also ein deutliches Ueberwiegen der Thigmotaxis über einen

etwaigen Kältereiz.

Annäherung eines kleinen Eisstückchens oder einer mit Eis abgekühlten

Metallnadel hatte keine Wirkung. Wurde jedoch ein Teil der Mandibel

des Kopfes, Halses oder der Oberseite des Rumpfes mit einem kleinen

Eisstück berührt, so erfolgte ein auffallend rasches und heftiges

Zucken, unter Umständen sogar ein ausgesprochener Schnappreflex. Dabei

bissen oft die Mandibel in den Eisklumpen hinein. Ebenso war die

Berührung mit einer in Eis abgekühlten Nadel von auffallend starker

Wirkung; sie war viel deutlicher als die Berührung mit einer Nadel,

welche Zimmertemperatur angenommen hatte.

Wenn also auch diese Versuche nur für eine Reizung durch Berührungsreiz

sprechen, so ist doch die Verstärkung des Reizes durch die niedere

Temperatur des berührenden Gegenstandes beachtenswert.

4. Interferenz von Phototaxis und Thermotaxis.

Von besonderem Interesse sind die Versuche, bei denen die Tiere

gleichzeitig einer Einwirkung von Wärme und einseitig einfallendem

Licht ausgesetzt waren. Die Experimente wurden in der Dunkelkammer

ausgeführt; die Tiere wurden auf berußtes Registrierpapier gesetzt,

welches auf dem Boden von Glasaquarien lag. Letztere waren im Sandbad

einseitig erwärmt. Durch die eine Aquarienwand, welche von der Stelle

der stärksten Erwärmung am weitesten entfernt war, fiel das Licht einer

50-kerzigen Glühlampe ein.

War die dem Licht abgewandte Seite der Unterlage, auf welcher das

Tier kroch, schwach erwärmt, so zeigte sich eine deutliche Hemmung

der phototaktischen Reaktion. Das Tier kroch eine Zeitlang in

Versuchsbewegung auf der erwärmten Fläche umher, bis es schließlich

doch sich zum Licht orientierte und dann ohne Zögern in gerader

Richtung auf die Lichtquelle zuwanderte (Taf. I, Fig. 1).

Bei anderen Experimenten wurden die Tiere erst dann auf das

Registrierpapier gesetzt, nachdem dies, wie in den früheren Versuchen,

die Temperaturen der Sandunterlage angenommen hatte; es war also

ein Temperaturgefälle von 35-20° C vorhanden. Die Tiere zeigten nun

verschiedene Reaktion, je nach ihrem Ausgangspunkt. Von 3 Exemplaren

eines Versuches ging z. B. das eine, welches bei etwa 20° C des

Untergrundes seine Wanderung begann, zuerst in einem Versuchskreis

umher und setzte dann seinen Weg immer abwechselnd zum Licht und zur

Wärme hinbiegend fort; schließlich wandte es sich energisch dem Licht

zu. Das zweite Exemplar hatte, bei etwa 20° beginnend, sich gleich

zum Wärmeoptimum gewandt, in dessen Gebiet es unter auffallenden

Pendelbewegungen dauernd verblieb. Das dritte Exemplar, welches bei

etwa 35° niedergesetzt worden war, wanderte zuerst ein Stück auf das

Licht zu, kehrte aber dann in die Wärmeregion zurück (Rußspur Taf. X,

Fig. 10).

Die übrigen Versuche ergaben stets dasselbe Resultat (vgl. auch Fig. 8,

Taf. VIII). Die zahlreichen Versuchskreise, die schwankenden, gleichsam

zwischen Licht und Wärme pendelnden Bewegungen, verrieten deutlich, daß

beide Reize die Tiere beeinflußten. War das Licht noch stark genug,

so wirkte es stets richtend auf die Körperhaltung des Tieres ein.

War die Temperatur hoch genug, so ließ sie das Tier nicht aus ihrem

Bereich heraus. Das Tier hatte eine Tendenz, nicht über die Grenze

der warmen Region hinaus zu kriechen; dazu wurde es aber gezwungen,

wenn das einfallende Licht es nötigte, seine Hinterleibsspitze gegen

die Lichtquelle zu wenden. Dann mußte die Vorwärtsbewegung das Tier

ohne weiteres über die Grenze der optimalen Wärmeregion hinausführen.

Solange die Wärme noch einwirkte, blieb die Bewegung des Tieres

schwankend, immer wieder zur Wärmeregion hinstrebend. War das Tier

aber einmal über die Region des Optimums hinausgelangt, so wanderte es

unbehindert geradeaus der Lichtquelle zu.

5. Der Tastsinn und seine Organe.

a) Die Sinneshaare der Körperoberfläche.

Wir haben früher die starke Behaarung der Körperoberfläche des

Ameisenlöwen geschildert und haben gesehen, daß die Art ihrer

Verteilung, die Stärke und Richtung der Haare wichtige Beziehungen zu

den Lebensgewohnheiten des Tieres erkennen lassen. Wir wollen hier in

Kürze den feineren Bau der Haare und ihre Innervierung schildern.

Schon früher habe ich erwähnt, daß es verschiedene Typen von Haaren

beim Ameisenlöwen gibt. Alle möglichen Längen- und Dickenausdehnungen

sind vertreten, der gesamte Charakter der Haare ist bald grob und

fest, bald zart und dünn. Die verschiedenen Borstentypen sind auf der

Abbildung des ganzen Tieres Abb. 2, S. 7, und auf der Photographie des

Hinterleibsendes Abb. 10, S. 19, gut zu unterscheiden.

Zunächst erkennen wir an allen Stellen des Körpers, welche bei den

Bewegungen des Tieres mechanisch beansprucht werden, kurze, dicke, oft

fast kegelförmige Borsten. Solche finden wir an der Hinterleibsspitze

und an der Vorderkante der Tibia des dritten Beinpaares, also an den

Stellen, welche beim Rückwärtsarbeiten durch den Sand einen Druck auf

dessen rollende Körner ausüben müssen. Diese „+Stemmborsten+“, wie ich

sie nennen will, bestehen aus schwarzbraunem bis schwarzem, massigem

Chitin. Ihre Oberfläche zeigt eine feine Rillung und Zähnelung, wie

wir sie gleich auch bei anderen Haartypen kennen lernen werden. Sie

ist aber meist nicht deutlich zu erkennen; denn diese Stemmborsten

zeigen fast stets unverkennbare Zeichen der Abnützung; ihre Oberfläche

ist abgeschliffen und die Spitzen sind abgestumpft, oft wie

abgebrochen. Die Stemmborste sitzt in einer tiefen Gelenkgrube, deren

Chitinumwallung sehr kräftig ist. Eine färbbare, sehnenartige Spannhaut

befestigt sie im Umkreise des Grundes der Grube. Ein kreisrunder

Porus führt in das Innere des Körpers. Soweit ich an den schwer

herzustellenden Präparaten erkennen konnte, führt durch diesen Porus

eine Nervenfibrille in das Innere der Stemmborste, wo sich trotz der

Dunkelfärbung der dicken Chitinwandung ein feiner Zentralkanal erkennen

läßt (Abb. 34).

Nach +Lozinski+ läßt sich an diesen Stemmborsten jeweils eine

einzellige Drüse nachweisen. Möglicherweise dient diese zum

Einschmieren der Borsten. Als Anzeichen ihrer Tätigkeit konnte

ich nicht selten Verklebung von Sandkörnchen in der Umgebung des

Hinterendes beobachten. +Lozinski+ ist der Ansicht, daß der Kanal zur

Entleerung des Drüsensekrets die ganze Stemmborste der Länge nach

durchsetzt (?). Ich konnte im distalen Teil der Borste keinen Kanal

erkennen. Wohl bestätigte ich das Vorkommen der Drüsenzellen, habe aber

mehr den Eindruck, als entleere sie ihr Sekret auf die Gelenkhaut der

Stemmborste.

[Illustration: Abb. 34. Stemmborste vom Hinterleibsende eines

Ameisenlöwen. Drüsenzellen und Nervenfasern sichtbar. Vergr. 50mal.]

[Illustration: Abb. 35. Langborste von einem seitlichen Thoraxwulst.

Vergr. 50mal.]

Diese Stemmborsten gehen am Hinterleibsende direkt in eine Borstenform

über, welche länger und bedeutend schlanker ist. Die nebeneinander

stehenden Borsten bilden am Hinterleibsende eine Uebergangsreihe

von den kurzen stumpfen, zu langen spitzen Formen. Diese letzteren

sind bei großen Exemplaren des Ameisenlöwen ½–1 mm lang. Sie sitzen

außer am Hinterleibsende am Kopf, Thorax, an den Extremitäten, auf

den Wülsten des Abdomens und sind für das Aussehen des Tieres sehr

charakteristisch. Verschiedene Formen der Borsten und der unten zu

beschreibenden Haare sind auf den Abb. 2, 6, 8, 9, 10 und 12 genau

dargestellt.

[Illustration: Abb. 36. Gelenk und Innervierung einer Langborste.

Vergr. 100mal.]

Sie sitzen in tiefen, großen, kapselartigen Gelenkgruben und sind

sehr beweglich. Ihre Oberfläche ist längsgerillt, auf den Rillen

sitzen Zähnchen mit nach vorn gerichteten Spitzen. Ueberall, wo

die Haare stark in Anspruch genommen werden, schleift sich die

Oberflächenstruktur sehr ab; die Haare sind dann vor allem in der

Spitzenregion ganz glatt. Die Gelenkkapsel ist nach innen von einem

runden Porus durchsetzt, durch den die Nervenfibrille in den Körper

tritt (Abb. 36). Für sie ist im Haar ein feiner Kanal vorhanden,

welcher aber nicht sehr weit nach vorn in die kompakte Chitinmasse

des Haares eindringt. Ich bezeichne diesen Haartypus als die

„+Langborsten+“.

Zwischen ihnen, welche meist in Büscheln vereinigt an den am meisten

nach außen vorragenden Stellen des Körpers stehen, finden wir viele

kleinere Haare. Diese sind dick und stämmig und hakenförmig nach

vorn gebogen. Sie sind ebenso schwarz oder dunkelbraun gefärbt, wie

die bisher beschriebenen Haartypen. Sie stehen meist felderweise

beieinander und spielen eine Hauptrolle beim Anstemmen des Körpers

an die Sandpartikel. Ich nenne sie die „+Kurzborsten+“. Sie finden

sich vor allem an der Rücken- und Bauchseite auf den Flächen der

Abdomenglieder. Sie sind im Prinzip genau so gebaut, wie die

Langborsten, auch innerviert, dickchitinig, gerillt und gezähnelt.

Gewöhnlich gehen sie in der Nachbarschaft der Langborstengruppen

ganz allmählich in solche über, so daß man dicht nebeneinander alle

Uebergänge findet.

Stemmborsten, Langborsten und Kurzborsten bilden zusammen eine

Gruppe; wie sie alle durch Uebergänge verbunden sind, so haben sie

in gewisser Beziehung gemeinsame Funktionen. Sie haben alle Druck-

und Berührungsreize, welche den Körper treffen, zuerst aufzufangen.

Neben der reizbiologischen Bedeutung haben sie eine wichtige

mechanische Funktion zu erfüllen, indem sie alle an der Erhöhung des

Reibungswiderstandes gegen den rollenden Sand und an der Stemmwirkung

bei den Bewegungen des Tieres im Sand und auf Oberflächen beteiligt

sind. Sie alle tragen auch die Spuren ihrer Tätigkeit. Vor allem ihre

Spitzenregionen sind meist abgeschliffen und oft abgestumpft oder

abgebrochen, während frisch aus der Häutung entstandene Haare eine

sehr fein skulptierte Oberfläche aufweisen. Vor allem die Kurzborsten

sind vielfach spitzenlos. Sie scheinen viel härter und spröder zu sein

als die Langborsten. Besonders der längste Typus der letzteren, der

auf den Seitenwülsten des Abdomens sitzt, scheint sehr elastisch und

biegungsfest zu sein; sie sind selten an der Spitze abgebrochen; aber

ihre sehr lang ausgezogenen, dünnen, zarten Spitzenregionen machen

durchaus den Eindruck, als seien sie im Sand abgeschliffen, geglättet

und verdünnt.

Diesen drei Sorten von +Borsten+ stehen zwei Formen von Haaren

gegenüber, welche meist zwischen den Borsten verteilt und unter deren

Schutz offenbar feineren Funktionen dienen. Die beiden Typen sind durch

relative Kleinheit, Zartheit und Durchsichtigkeit des Chitins, große

Biegsamkeit und geringere Elastizität von den Borsten unterschieden.

Ich unterscheide zunächst die „+Fiederhaare+“. Sie sitzen an den

verschiedensten Stellen des Körpers, so am Vorderrand des Kopfes, am

ganzen Körper, vor allem an der Ober- und Unterseite des Thorax und

Abdomens. Sie fehlen auf den Mandibeln und der Unterlippe, sind selten

auf Ober- und Unterseite des Kopfes und sind auf den Gliedmaßen nur

durch Uebergangsformen zu den Langborsten vertreten, deren es auch

sonst auf dem Körper vielerlei gibt.

+Fiederhaare+ nenne ich diese Form, weil sie durch in Reihen

angeordnete Chitinborsten ein gefiedertes Aussehen haben; allerdings

stehen die Fiedern nicht wie bei Federn in zwei symmetrischen Reihen,

sondern es sind 8-10 Reihen um den Haarschaft angeordnet, gerade

Reihen, welche offenbar den Zahnreihen der verschiedenen Borstentypen

entsprechen (Abb. 37). Die Fiedern stehen also nach allen Seiten vom

Haar ab und geben diesem eine sehr große Oberfläche. Sie sperren

die Haare auseinander und verhindern da, wo mehrere von ihnen dicht

beieinander stehen, daß sie sich untereinander verflechten.

[Illustration: Abb. 37. Fiederhaare vom Stirnrand des Ameisenlöwen.

Vergr. 100mal. _H₁_–_H₄_ vier verschiedene Typen der Fiederhaare.]

Die Fiederlänge kann sehr verschieden sein, und es finden sich alle

Uebergänge zu den Langborsten mit ihren Zahnreihen (vgl. Abb. 37 _H₄_).

Die Fiederhaare sind vielfach sehr zart gebaut, so daß sie sich

zwischen den Borsten der Oberfläche des Körpers anschmiegen. Sie sind

auch gelenkig dem Chitinpanzer eingefügt. Ein feiner Nervenstrang führt

durch ihre Gelenkpfanne und das Chitin zur Sinneszelle, deren Fortsatz

mit denen anderer benachbarter Haare sich zu einem Nervenstrang

vereinigt (Abb. 37).

Der letzte Typus, den ich erwähne, sind die „+Gabelhaare+“; auch sie

sitzen gelenkig in einer Grube der Cuticula, durch deren Bodenporus

sie innerviert werden. Sie bestehen aus einem ganz kurzen Basalteil,

der sich in zwei lange gefiederte Aeste gabelt. Diese streben in

rechtem Winkel vom Basalteil auseinander, so daß sie fast parallel zur

Oberfläche des Chitinpanzers gelagert sind. Meist sind die Gabeläste

etwas wellig gebogen. Sie sind stets so zart gebaut, wie die dünnsten

der Fiederhaare (Abb. 38).

Der Ameisenlöwe · 第 7 / 12 段