Die angeführten Versuche waren aber nicht genügend, um die

Reaktionsweise des Tieres richtig zu beurteilen. Denn bei der

Beobachtung des einzelnen Tieres stellte sich häufig heraus, daß

es, einseitig einfallenden Lichtstrahlen ausgesetzt, zunächst in der

Richtung von der Lichtquelle weg sich bewegte. Ueber die Zusammenhänge

wurde ich mir erst klar, als ich die Tiere dem einseitigen Lichteinfluß

auf einem rußgeschwärzten Registrierpapier aussetzte. Für dies

Experiment muß das Registrierpapier vollkommen eben ausgespannt sein.

Es muß ferner eine gewisse Länge und Breite haben, um dem Tier die

Möglichkeit zu gewissen Exkursionen zu geben, ohne daß es dabei an den

Rand des Papiers oder an einen festen Gegenstand gerät. Sonst würde die

Klarheit des Resultates durch die Interferenz mit anderen Reizwirkungen

getrübt, wie wir das später vor allem bei Besprechung der Thigmotaxis

genauer erörtern werden.

[Illustration: Abb. 28. Rußspur der phototaktischen Bewegung eines

Ameisenlöwen. Von + Lichteinfall.]

Die Kriechspur, welche ein Ameisenlöwe auf einem solchen,

unter Berücksichtigung aller Vorsichtsmaßregeln ausgespannten,

Registrierpapier bei einseitigem Lichteinfall hinterläßt, ist sehr

charakteristisch. Ist das Tier im Anfang des Experiments mit seinem

Hinterende direkt der Lichtquelle zugewandt, so kann es vorkommen,

daß es ohne weitere Körperbewegung direkt derselben entgegenkriecht.

Es kann aber auch bei dieser Anfangsstellung sich ereignen, daß es

zunächst Bewegungen ausführt, wie sie ganz regelmäßig sind, wenn das

Tier beim Beginn des Experiments in irgendeinem Winkel zum Einfall

des Lichtes angeordnet war oder gar auf den Rücken gelegt wurde. In

letzterem Fall dreht sich das Tier natürlich zunächst um, und dann

führt es bei jeder Anfangsstellung, die einen Winkel zum Einfall der

Lichtstrahlen bildet, ja auch dann, wenn es mit der Körperachse zu den

Lichtstrahlen parallel stand, dem Licht aber das Vorderende zuwandte,

einige charakteristische Bewegungen aus. Es macht nämlich, wie wir aus

den Kriechspuren direkt ablesen können, zunächst einen oder mehrere

Kreise oder Teile von solchen oder Spiralen mit dem Hinterende voran.

Das sind die typischen +Versuchsbewegungen+, der +Suchgang+ des Tieres

(vgl. S. 48). Oft haben diese Versuchskreise einen so großen Radius,

daß man ein recht großes Versuchsgefäß anwenden muß, damit das Tier

nicht an den Rand stößt, wobei Berührungsreize sein Verhalten stark

beeinflussen würden. Bei diesen Versuchsbewegungen gewinnt es offenbar

die richtige Orientierung zur Lichtquelle und wandert nun oft in langer

gerader Bahn auf sie zu, Beispiele hierfür liefern die Abb. 27, 28 und

Taf. I, Fig. 1.

Das Tier führt also so lange unorientierte Bewegungen aus, bis es

seinen Körper in eine symmetrische Orientierung zum einfallenden Licht

gebracht hat. Es handelt sich also um eine +Phototaxis+ im eigentlichen

Sinne des Wortes.

Man hat sich gewöhnt, die Orientierungsbewegungen beweglicher

Organismen unter der Bezeichnung +Taxis+ zusammenzufassen, und sie

damit den Erscheinungen des +Tropismus+ gegenübergestellt, unter

welchem Ausdruck man die durch Reize bewirkten Krümmungen festsitzender

Organismen versteht.

Hier bei dem Ameisenlöwen beobachten wir nun eine durch das Licht

beeinflußte, gerichtete Bewegung, eine +Phototaxis+. Solche

phototaktische Reaktionen sind bei vielen Organismen bekannt.

Meist handelt es sich um das Aufsuchen einer für die betreffende

Organismenart optimalen Beleuchtungszone. Beim genaueren Studium

der meisten „taktisch“ reagierenden Organismen hat es sich nun

herausgestellt, daß die Ansammlung in einer bestimmten Region auf eine

komplizierte Reizreaktion zurückzuführen ist. Bei solchen Tieren oder

Pflanzen läßt sich nämlich eine Unterschiedsempfindlichkeit gegen die

+Intensität+ einwirkender Reize nachweisen. Die Richtung, aus der

die reizauslösende Kraft den Organismus trifft, ist dabei mehr oder

weniger gleichgültig. Bei einer bestimmten Abweichung der Intensität

der einwirkenden Kraft vom Optimum nach oben oder nach unten, wobei

der Betrag des Unterschiedes, +die Reizschwelle+, einen bestimmten

Wert erreichen muß, führt der Organismus eine „Schreckbewegung“

aus, welche ihn in die Region des Optimums zurückführt. So werden

Tiere oder bewegliche Pflanzen in „chemischen Fallen“, „Lichtfallen“

usw. gefangen. Wo sie an eine Grenze der optimalen Region kommen,

schrecken sie zurück und werden in jener Zone auf diese Weise rein

automatisch festgehalten. Man bezeichnet diese Reaktionsweise als

„+phobotaktische+“ Bewegung. +Unterschiedsempfindlichkeit+ und

+Schreckreaktion+ spielen bei ihr die ausschlaggebende Rolle, maßgebend

ist die Intensität der einwirkenden Kraft, also des Lichtes, die

Konzentration der chemischen Substanz usw.

Im Anfang der auf die Untersuchung der Reizbewegungen gerichteten

Forschungen glaubte man in den Taxien stets Bewegungen erblicken zu

müssen, welche die Einstellung des Körpers des betreffenden Organismus

in eine bestimmte Bewegungsrichtung bewirkten. Man nahm an, daß die

Organismen sich in ein Kraftfeld einstellten, wobei die symmetrisch

einander entsprechenden Teile des Körpers eine symmetrische Stellung zu

den Kraftlinien einnähmen. Man nannte diese Art der Körpereinstellung

„+topotaktische+“ Bewegung. Der Organismus stellt bei dieser Art

der Reaktion die Hauptachse seines Körpers in einer bestimmten

Weise zur Richtung der den Reiz auslösenden Kraft ein. Die meisten

Reizreaktionen, welche man ursprünglich für derartige topotaktische

hielt, haben sich bei genauerer Analyse als phobotaktische

herausgestellt. Nur die +Galvanotaxis+ der Infusorien scheint noch ein

einwandfreier Fall topotaktischer Reizeinstellung zu sein.

Es ist nun bemerkenswert, daß die auffälligste Lichtreaktion des

Ameisenlöwen durchaus eine topotaktische Reaktion zu sein scheint.

Einige Experimente zeigten mit aller Deutlichkeit, daß beim

Ameisenlöwen die Richtung der einfallenden Lichtstrahlen eine

symmetrische Einstellung des Tierkörpers und die aus ihr sich

ergebende Richtung der Bewegung des Tieres bestimmen. Ein Experiment

bestand darin, daß Exemplare des Ameisenlöwen auf eine Drehscheibe

gelegt wurden, welche einseitig einfallendem Licht ausgesetzt wurde.

Die Drehscheibe wurde langsam gedreht, da die Ameisenlöwen, wie wir

gesehen haben, ziemlich langsam reagierende Tiere sind. In den meisten

Fällen mußte man nach einer teilweisen Umdrehung die Drehscheibe

anhalten; dann stellte sich nach einigen Sekunden bis Minuten das Tier

mit der Hinterleibsspitze voran in die Richtung der einfallenden

Lichtstrahlen. Bei besonders erregbaren Individuen, oder, wenn man die

Erregbarkeit durch Erwärmung oder andere Hilfsmittel gesteigert hatte,

konnte man selbst bei andauernder langsamer Drehung der Drehscheibe ein

fortgesetztes ruckweises Einstellen der Hinterleibsspitze gegen die

Richtung der Lichtquelle beobachten.

[Illustration: Abb. 29. Vollkommen unorientierte Bewegungen von drei

Individuen in diffusem Licht.]

[Illustration: Abb. 30. Rußspuren von zwei Individuen A und B in

vollständiger Dunkelheit. Beobachtungszeit 11ᑋ 45′ bis 12ᑋ 45′.

Bewegungen vollkommen unorientiert (Versuchsbewegungen). Relativ

lebhafte Bewegung.]

Zur Ergänzung dieser Versuche wurden Ameisenlöwen vollkommen diffusem

Tageslicht oder ebensolchem künstlichen Licht ausgesetzt. Da die

Tiere sich in solchem meist sehr träge bewegen, ist es nicht leicht,

festzustellen, ob sie überhaupt von dessen Einwirkung beeinflußt

werden. Hat man mehrere Individuen auf eine Versuchsplatte gesetzt,

so kann man, nachdem das Licht eine längere oder kürzere Zeit

eingewirkt hat, feststellen, daß die verschiedenen Individuen nach den

verschiedensten Richtungen orientiert sind. Bei diesen Experimenten

wurde in Zeitabständen von 10 Minuten, einer halben Stunde, 1, 2, 3,

6, 12 und 24 Stunden beobachtet. Diese Experimente wurden weiterhin

dadurch kontrolliert, daß die Tiere der Einwirkung des diffusen Lichtes

auf berußtem Registrierpapier ausgesetzt wurden. Wie z. B. die Abb. 29

zeigt, haben während der Versuchsdauer die Tiere zahlreiche, vollkommen

unorientierte Bewegungen ausgeführt. Sie sind im Kreis, in Spiralen, in

Schlangenlinien und in allen möglichen Windungen umhergekrochen; kurz

sie haben nur Versuchsbewegungen ausgeführt. Ganz das entsprechende

Bild zeigt sich, wenn starkes Licht direkt von oben auf die

Versuchstiere fällt; es wirkt dann vollkommen wie diffuses Licht, dem

es ja auch im Reizeffekt entsprechen muß (Taf. III, Fig. 3), da es nur

indirekt zu den Augen gelangt.

Ebenso unorientiert sind die Bewegungen, welche die Tiere bei

vollkommener Dunkelheit ausführen. Dies ließ sich natürlich nicht

direkt beobachten; das Registrieren (Abb. 30) verrät uns aber auch

in diesem Fall, daß während der Versuchsdauer die Bewegungen ganz in

derselben Weise verliefen, wie im diffusen Licht. Ein Vergleich der

beiden nebeneinander stehenden Abbildungen S. 72 und 73 zeigt dies aufs

deutlichste. Besonders auffallend ist bei den letzteren Versuchen, daß

die Tiere sich oft lange Zeit hindurch in einem engen Kreis an Ort und

Stelle bewegen.

[Illustration: Abb. 31. Vollkommen unorientierte Versuchsbewegungen

eines Tieres mit lackierten Augen bei von + einfallendem einfarbigem

starkem Licht.]

Von Bedeutung waren die Versuche, welche ich mit Tieren anstellte,

deren Augen durch Bepinseln mit Asphaltlack der Wirkung der

Lichtstrahlen entzogen waren. Waren beide Augen gleichmäßig gut

lackiert, so verhielt sich das Tier genau so wie die Individuen im

diffusen Licht oder in völliger Dunkelheit; die Bewegungen waren

vollkommen unorientiert. Die Aufzeichnung (Abb. 31 und 32) zeigt dies

deutlich.

Es fragt sich nun, ob außer dieser ausgesprochen topischen Reaktion

auch eine phobotaktische Beeinflussung bei dem Ameisenlöwen

vorkommt. Es wäre ja möglich, daß eine Unterschiedsempfindlichkeit

für Belichtung von verschiedener Intensität bei dem Tiere vorhanden

wäre, welche unter Umständen die Individuen zwänge, sich in einem

bestimmten Beleuchtungsoptimum anzusammeln. Verschiedene Beobachtungen

scheinen für eine solche Annahme zu sprechen. Schon die Beobachtung

in der freien Natur könnte darauf hinweisen. Wir finden ja die

Fundorte der Ameisenlöwen an Orten mit einer ziemlich gleichmäßigen

Beleuchtungsintensität.

[Illustration: Abb. 32. Rußspur der Versuchsbewegungen eines Exemplars

mit lackierten Augen bei einseitig von + einfallendem Licht. Bewegung

unorientiert, vom Licht abgewandt.]

Bei den vorhin beschriebenen Experimenten hatte sich gezeigt, daß

Uebertragung in völlige Dunkelheit bei normalen Tieren eine erhöhte

Beweglichkeit auszulösen pflegt. Die Tiere führen eine Menge von

Versuchskreisen in verhältnismäßig kurzer Zeit aus; das dauert

ziemlich lange, wenn nicht irgendein neuer Reiz sie zwingt, eine

bestimmte Richtung einzuschlagen. Dazu kam noch folgende Beobachtung.

Bei den Versuchen, welche das Vorhandensein der topotaktischen

Lichtorientierung bewiesen, wurden die Tiere vielfach in großen

Glasaquarien dem von einer Seite einfallenden Licht ausgesetzt.

Einerlei nun, ob das Licht stark oder schwach war, kamen in vielen

Fällen die zur Lichtquelle hinkriechenden Tiere an der dieser

zugekehrten Wand des Aquariums nicht zur Ruhe. Sie arbeiteten

vielmehr in unablässigen Bewegungen mit dem Hinterende voran

gegen die Aquarienwand, wobei sie oft ihren Hinterleib senkrecht

aufrichteten und immer wieder umfielen; trotzdem ließen sie nicht

ab von ihren Bemühungen. Es ist dies um so bemerkenswerter, als, wie

wir später sehen werden, die Berührung mit den beiden in der Kante

zusammenstoßenden Aquarienwänden einen starken thigmotaktischen Reiz

auf sie ausüben mußte, der sie unter anderen Umständen zu einer ganz

anderen Orientierung gezwungen hätte. Allerdings zeigte sich diese

große Beweglichkeit fast nur bei Tieren, welche durch wiederholte Reize

erregt waren. Immerhin lag die Möglichkeit vor, daß sie sich andauernd

bewegten, da die Lichtintensität, der sie ausgesetzt waren, nicht ihrem

Optimum entsprach.

Um also die Frage nach einer vorhandenen phobischen Lichtreaktion zu

klären, mußten neue Versuche angestellt werden, welche bei der trägen

Beweglichkeit, der Körpergröße der Tiere und den vielen Fehlerquellen,

welche durch ihre eigenartige Reizbiologie bedingt sind, sehr schwierig

durchzuführen waren.

Sehr starkes diffuses Licht scheint die Bewegung der Tiere eher zu

lähmen als zu steigern. In sehr starkem Licht blieben bei vielen

Versuchen die Tiere oft stundenlang ganz regungslos liegen. Das war

allerdings nur dann der Fall, wenn durch besondere Einrichtungen

verhindert war, daß die Umgebung der Tiere sich erheblich erwärmte.

Eine Reihe von Versuchen wurde in der Weise angestellt, daß ein Gefäß

durch Anwendung eines Deckels in der einen Hälfte verdunkelt wurde,

während die andere Hälfte stark beleuchtet wurde. Ohne daß wesentliche

Unterschiede zutage traten, wurden zur Beleuchtung elektrisches

Bogenlicht von etwa 1000 HK, elektrisches Glühlicht von 50 und 100 HK,

direktes Sonnenlicht und einseitig einfallendes Tageslicht verwendet;

es mußte nur verhindert werden, daß jene künstlichen Lichtquellen

den Untergrund erwärmten (vgl. unten S. 80). Die Versuche wurden in

der Weise angestellt, daß in beiden Hälften des Gefäßes, sowohl in

der Licht- als auch in der Dunkelhälfte Ameisenlöwen auf berußtem

Registrierpapier niedergesetzt wurden. Zwischen den Tieren in den

beiden Hälften zeigte sich insofern ein Unterschied, als die Exemplare

in der Lichthälfte meist viel länger unbeweglich blieben und sich

auch später viel weniger bewegten als die Tiere der Dunkelhälfte.

Bei ihren Bewegungen passierten nun Tiere aus beiden Hälften

gelegentlich die Schattengrenze. Dabei stockten sie in keiner Weise,

wie sowohl direkte Beobachtung zeigte als auch das seltene Vorkommen

von Versuchsbewegungen an den Kriechspuren zu schließen erlaubt. Es

schien also keine Unterschiedsempfindlichkeit in Frage zu kommen. Ein

Unterschied zeigte sich insofern, als die Tiere der Dunkelhälfte,

sobald sie in der Nähe der Schattengrenze in den Bereich der

Lichtstrahlen gelangten, durch dieselben orientiert wurden und darauf

vielfach geradeswegs der Lichthälfte zukrochen; denn auch bei der

Anwendung diffusen Lichtes erfolgt ein Lichteinfall schief von oben am

Deckel vorbei von der Lichthälfte in die Dunkelhälfte hinein. Für die

Tiere in der Dunkelhälfte gibt es also eine lokalisierte Lichtquelle,

nach der sie sich orientieren können (vgl. hierzu die Rußspuren Fig. 4,

Taf. IV, und Fig. 5 u. 6, Taf. V u. VI).

[Illustration: Abb. 33. Lichtversuch in parallelen, halbverdunkelten

Kästen.]

Daß die Unterschiedsempfindlichkeit keine wesentliche Bedeutung bei

den Lichtreaktionen der Ameisenlöwen hat, geht aus folgenden Versuchen

hervor. Einige Kästen wurden parallel nebeneinander aufgestellt (Abb.

33). Licht fiel auf sie von einer Seite her ein. Nun wurden einige

dieser Kästen in der dem Lichte zugewandten (Abb. 33 _a_ und _b_),

andere in der dem Lichte abgewandten Hälfte verdunkelt (Abb. 33 _c_

und _d_). In sie wurden Ameisenlöwen entweder in die dunkle oder in

die helle Hälfte gesetzt. Die in die helle Hälfte gesetzten Tiere

krochen stets, wie nach unseren früheren Versuchen vorauszusehen war,

der Lichtquelle zu. Im Falle also die abgewandte Hälfte verdunkelt

war, kamen sie gar nicht in die dunkle Hälfte hinein (Abb. 33 _d_). Im

anderen Falle krochen sie unter dem Einfluß der richtenden Strahlen auf

die dunkle Hälfte los und überschritten ohne Stocken die Schattengrenze

(Abb. 33 _a_). In der dunklen Hälfte machten sie Versuchsbewegungen,

welche sie eventuell wieder unter den Einfluß des Lichtes brachten.

Die von vornherein in die dunkle Hälfte gesetzten Individuen führten

zunächst Versuchsbewegungen aus, welche ziemlich komplizierte Wege

einschlagen und recht lange dauern konnten; falls sie dabei zufällig in

den Bereich der Lichtstrahlen gelangten, orientierten sich die Tiere

sofort nach dem Einfall des Lichtes. In den Kästen also, in denen die

dunkle Hälfte an der lichtabgewandten Seite sich befand, überschritten

die Tiere ohne Stocken die Lichtgrenze und bewegten sich im hellen

Gebiet geradlinig der Lichtquelle zu (Abb. 33 _c_). Die Individuen

in dem Kasten, dessen verdunkelte Seite der Lichtquelle zugewandt

war, gerieten nur gelegentlich bei Versuchsbewegungen, bei denen auch

sie ohne Zögern die Schattengrenze überschritten, so weit ins Helle,

daß die richtenden Lichtstrahlen auf sie einwirken konnten (Abb. 33

_b_). Sie kehrten dann um und überschritten wiederum ohne Stocken die

Schattengrenze, um im Dunkeln von neuem Versuchsbewegungen auszuführen.

Daß an der Schattengrenze mitunter Versuchsbewegungen vorkommen (vgl.

Taf. IV, Fig. 4; Taf. V, Fig. 5), mag sich aus der Einwirkung des

richtenden Reizes des Lichtes erklären. Jeder neue Reiz kann, wie wir

sahen, vor der Orientierung zunächst Versuchsbewegungen auslösen.

Weiterhin wurden Versuche angestellt, bei denen abgestufte Helligkeiten

den Ameisenlöwen dargeboten wurden, so daß sie die Möglichkeit gehabt

hätten, eine für sie optimale Region aufzusuchen.

Zunächst wurden die Tiere einem gleichmäßigen Lichtgefälle ausgesetzt,

wie es durch Anwendung eines +Oltmannsschen Prismas+ erzeugt wird.

Kollege +Oltmanns+ war so liebenswürdig, mir einige dieser Apparate zur

Verfügung zu stellen, welche er seinerzeit bei seinen Versuchen über

die Lichtreaktionen von +Volvox+ benützt hatte. Diese Prismen bestehen

aus zwei im spitzen Winkel zueinander geneigten Glasscheiben, zwischen

welche mit Tusche grau gefärbte Gelatine gegossen ist. Es wird dadurch

erzielt, daß an dem Ende, an welchem die Glasplatten zusammenstoßen,

durch die hier dünne Schicht reichlich Licht durchfällt, während am

entgegengesetzten Ende die dickere Schicht das Licht zum großen Teil

absorbiert. Die gleichmäßige Verschmälerung des Zwischenraumes hat eine

gleichmäßige Zunahme des durchfallenden Lichtes zur Folge.

Setzte ich nun Tiere diesem Lichtgefälle aus, so krochen sie stets aus

der dunklen Hälfte in die helle Hälfte. Wie aber die Rußspur Taf. VII,

Fig. 7 RR zeigt, handelte es sich von vornherein nicht um bestimmt

gerichtete Bewegungen. Unter zahlreichen Versuchsbewegungen strebten

die Tiere im großen und ganzen dem hellen Ende der Versuchsfläche zu.

Aber auch dort setzten sie ihre Versuchsbewegungen fort, die sie oft

wieder in das dunkle Ende zurückführten. Eine Ansammlung oder auch

nur ein längerer andauernder Aufenthalt der Versuchstiere in einer

Region von bestimmter Lichtintensität ließ sich nicht mit Sicherheit

nachweisen. Immerhin zeigte die Fig. 7 RR der Tafel VII eine gewisse

Verdichtung der Spuren in einer Region von mittlerer Helligkeit. Das

stimmt mit den Resultaten einer größeren Anzahl von anderen Versuchen

überein, in denen durch übereinander gelegte Papierblätter das auf die

Versuchsfläche einfallende Licht in verschieden hohem Maße abgeblendet

war. Auch dann zeigte sich nicht selten ein durch Anhäufung der Spuren

gekennzeichneter Aufenthalt der Tiere in einer Region von mittlerer

Helligkeit.

Bei den früheren Versuchen haben wir aber gesehen, daß die Tiere

nicht eine mittlere Helligkeit aufsuchen, sondern daß ein Optimum für

sie weit höher liegen müßte, falls überhaupt ein solches für sie in

Betracht kommt.

Einige Versuche, die weiterhin zur Klärung dieser Frage angestellt

wurden, sowie gelegentliche Nebenergebnisse früher erwähnter Versuche

lassen für diese Anhäufung der Spuren in einer bestimmten Region eine

andere Deutung zu. Verdunkelt man beide Enden eines Versuchskastens, so

daß nur in der Mitte senkrecht von oben her Licht einfallen kann, so

führen die Tiere, in das belichtete Feld gesetzt, Versuchsbewegungen

aus, bei denen sie mehr oder weniger tief in den Schatten hineingeraten

können. Die Bewegungen sind in dem diffusen Oberlicht, unseren

früher gemachten Erfahrungen entsprechend, unorientiert. Ebenso

unorientiert werden sie oft, wenn die Tiere tief in die Schattenregion

hineingeraten. Es kommt aber häufig vor, daß die Tiere sich lange

an der Licht-Schattengrenze entlang und dieser parallel bewegen.

Dabei zeigen sie eine ausgesprochene Tendenz, sich immer wieder dem

Lichtfeld zuzuwenden. Ganz entsprechend verhielten sich die Tiere bei

den früher geschilderten Versuchsanordnungen, wenn das Licht von der

Seite her einfiel, auf welcher die Versuchsfläche durch einen Deckel

verdunkelt war. Die Fig. 6 FF, Taf. VI, und Fig. 4 GG, Taf. IV, zeigen

die Kriechspuren von Tieren, welche bei dieser Versuchsanordnung ins

Dunkle gesetzt worden waren und dort Versuchsbewegungen ausführten, die

sie in den Bereich des einfallenden Lichtes führten. Sie krochen dann

in das helle Feld, gerieten unter den Einfluß des einseitigen starken

Lichtes, wurden durch dasselbe wieder an die Licht-Schattengrenze

gelockt und führten an dieser entlang Versuchsbewegungen aus, die

sie bald ins Licht, bald wieder in den Schatten führten. Hier

scheint es sich sicherlich nicht um eine Unterschiedsempfindlichkeit

zu handeln, sondern um die Einwirkung der abwechselnd von der

einen und dann von der anderen Seite einfallenden Lichtstrahlen.

Unterschiedsempfindlichkeit brauchen wir also zur Erklärung dieser

Erscheinungen nicht anzunehmen, wenn es auch möglich ist, daß eine

solche vorhanden ist. Jedenfalls weist die Tatsache, daß die Tiere

jedesmal eine gewisse Zeit brauchten, ehe sie nacheinander auf die

Einwirkungen der schwächeren und stärkeren, abwechselnd von links und

rechts auf sie fallenden Lichtstrahlen reagierten, darauf hin, daß eine

Adaptation an die Lichtstärke vorkommt.

3. Temperatursinn und Thermotaxis.

Bei den Vorbereitungen zu einigen Experimenten hatte ich an den

Ameisenlöwen Reaktionen beobachtet, welche auf das Vorhandensein eines

Temperatursinnes schließen ließen. Als ich z. B. zur Untersuchung des

Umdrehreflexes Tiere mit Hilfe eines Wachstropfens an einem Faden

aufhängte (vgl. S. 43), führten sie bei Annäherung einer warmen Nadel

oder eines erhitzten Spachtels sehr lebhafte Bewegungen aus. Es hatte

nicht den Anschein, als wären diese Bewegungen nur auf eine Erhöhung

der Stoffwechselprozesse zurückzuführen; denn die Bewegungen bestanden

in den typischen Reflexen, welche auch auf andere Reize hin erfolgen.

Es waren Bewegungen mit den Beinen, mit dem Hinterleib und vor allem

der typische Schleuderreflex. Um diese Reflexe auszulösen, mußte ein

ziemlich stark erwärmter Gegenstand sehr nahe an den Tierkörper

herangebracht werden. Natürlich wurde sorgfältig eine Berührung mit dem

Tierkörper selbst vermieden.

Das Vorkommen des Ameisenlöwen in freier Natur weist darauf hin, daß

ein Wärmesinn bei diesem Tier möglicherweise eine Rolle spielen kann.

Er kommt nämlich niemals an feuchten, kühlen und schattigen Orten vor.

Im Innern des Waldes, wo die Sonne nicht hinscheint, fehlt er. Dies

könnte nun auf den Einfluß zurückzuführen sein, den die Feuchtigkeit

auf die Beschaffenheit des Untergrundes hat. Das spielt sicher eine

gewisse Rolle, aber daß es nicht der ausschlaggebende Faktor ist,

dafür spricht die Tatsache, daß fast stets die Ameisenlöwen an Nord-,

Nordost- und Nordwestabhängen unserer Mittelgebirge fehlen, auch

wenn das Gelände offen und die Untergrundverhältnisse die denkbar

günstigsten sind.

Auch sonst bei Insekten, besonders bei Ameisen und Bienen, hat man

Erscheinungen beobachtet, welche als Anzeichen eines Temperatursinnes

betrachtet worden sind. Ein solcher ist aber niemals durch eingehendere

experimentelle Untersuchungen festgestellt worden. Ich habe daher

bei dem Ameisenlöwen eine Reihe von Versuchen ausgeführt, welche mir

ein gesetzmäßiges Reagieren des Tieres auf Temperaturunterschiede

sicherzustellen scheinen.

Der Ameisenlöwe · 第 6 / 12 段