Dauert der Trichterbau längere Zeit, und bei normal fertiggebauten

Trichtern kann man dieselbe Beobachtung machen, so ändert das Tier je

nach dem Lichteinfall -- also der scheinbaren Wanderung der Sonne am

Himmel folgend -- nach den Gesetzmäßigkeiten, die wir in einem späteren

Kapitel (S. 63) kennen lernen werden, seine Einstellung zum Licht.

Da das Tier nicht direkt seitlich kriechen und dabei seinen Kopf im

Mittelpunkt des Trichters liegen lassen kann, sondern in Spiralen den

Mittelpunkt umkriechen muß, so erfolgen Bewegungen, welche an die von

+Rösel+ beschriebenen erinnern.

Niemals aber konnte ich einen Trichterbau beobachten, welcher

genau in der von ihm beschriebenen Weise ablief. Da außer +Rösel+

zahlreiche andere Beobachter Schilderungen gegeben haben, welche

jener sehr entsprechen, so will ich wenigstens eine Möglichkeit

der Erklärung unserer abweichenden Darstellung versuchen. Meine

Beobachtungen betreffen wohl alle die Larven des Myrmecoleo formicarius

L. Möglicherweise hatten +Rösel+ und andere Beobachter Larven von

Myrmecoleo europaeus M. L. vor sich. Vielfach ist das sogar aus den

beigegebenen Abbildungen der Imago mit den gefleckten Flügeln zu

entnehmen. +Redtenbacher+ gibt direkt an, daß sich seine Beobachtungen

auf M. europaeus beziehen. Auch er beschreibt, daß die Larve voraus

einen Kreis beschreibt, der den Umfang des künftigen Trichters umfaßt.

Dadurch entstehe außen ein erhöhter Wall, innen bleibe ein kurzer

Kegelstutz zurück, der dann durch neue Kreisbewegungen weggearbeitet

werde, wobei immer durch Bewegungen der inneren Beine Sand auf den Kopf

und von diesem weggeschleudert werde. Meine Versuchstiere haben niemals

auch nur Andeutungen dieser umständlichen Baumethode gezeigt.

Es ist daher die Möglichkeit zuzugeben, daß die Bauweise bei

Myrmecoleo europaeus von derjenigen von M. formicarius abweicht.

Sehr wahrscheinlich scheint mir diese Annahme aber nicht zu sein.

Es wäre sehr merkwürdig, daß eine nahe verwandte Form einen viel

umständlicheren Weg zum Trichterbau einschlägt, wenn M. formicarius ihn

in so einfacher Weise erfolgreich durchführen kann.

Wahrscheinlicher scheint mir die Annahme, daß die früheren Beobachter

+Versuchsbewegungen+ des Tieres sahen und auf Grund von ihnen

die Bautätigkeit des Ameisenlöwen sich zurechtlegten. In dieser

Annahme wurde ich durch Schilderungen und Skizzen bestärkt, welche

+Redtenbacher+ von „Irrfahrten“ des Ameisenlöwen gibt, welche durchaus

meinen Versuchsbewegungen entsprechen (vgl. meine Abbildung 20, S. 48;

ferner Taf. I, Fig. 1, Taf. III, Fig. 3, Taf. IV, Fig. 4).

Ebensowenig wie +Redtenbacher+ konnte ich jemals beobachten, daß

die Larve sich Steine und andere größere Partikel auf den Rücken lädt

und in „Sisyphus“-Arbeit zur Seite schleppt, obwohl dies +Bonnet+

und +Mac Cook+ ausführlich bestätigt haben. Ich glaube, daß hier

falsche Deutungen zufälliger Vorkommnisse vorliegen.

Doch möchte ich zum Schluß noch einmal betonen, daß ich es für nicht

ausgeschlossen halte, daß bei den verschiedenen Arten der Trichterbau

auf etwas verschiedener Grundlage sich vollzieht.

7. Der Ameisenfang.

Ein Ameisenlöwe am Grunde seines Sandtrichters befindet sich entweder

in einer Ruhelage oder in Bereitschaftsstellung. Im ersteren Fall kann

je nach der Beschaffenheit des Untergrundes sein Körper verschiedene

Stellungen einnehmen; sein Kopf kann nach oben oder unten geneigt sein,

die Mundwerkzeuge sind mehr oder weniger zusammengeklappt, ja, sie

können sogar unsymmetrisch zueinander stehen. Bei der Ruhelage bedeckt

sich auch sehr leicht der Kopf des Tieres mit Sandkörnern. Das Tier

pflegt sehr wenig reizbar zu sein, und es können ihm in diesem Zustand

selbst Ameisen über den Kopf laufen, ohne daß eine Bewegung erfolgt.

Wir werden später sehen, daß diese Ruhelagen durch verschiedene

Ursachen bedingt sein können.

Normalerweise finden wir einen Ameisenlöwen, besonders dann, wenn er

seit längerer Zeit nichts gefressen hat, und wenn es warm und sonnig

ist, in Bereitschaftsstellung (vgl. S. 36). Die Beine sind dann etwas

angezogen, das Hinterleibsende nach unten gekrümmt; Kopf und Hals sind

in einem stumpfen Winkel nach oben gekehrt. Mindestens die Mandibel,

meist aber die ganze Stirnregion des Kopfes, ja oft auch der Hals

schauen aus dem Sand heraus. Die Mandibel können so schief nach oben

gerichtet sein, daß sie frei in die Luft ragen. In der Regel liegen sie

aber an der Wand des Trichters, welche der Körperachse des Ameisenlöwen

gegenübersteht, der Sandoberfläche glatt auf. Wie wir früher gesehen

haben, liegt der Körper des Ameisenlöwen stets in der dem Lichteinfall

abgewendeten Richtung; die Mandibel liegen also an der am meisten

beleuchteten Wand des Trichters, so daß man vielfach ihre Bewegungen

deutlich verfolgen kann.

Naht sich ein Tier, vor allem eine Ameise dem Rand des Trichters, so

ist es in Gefahr in die Tiefe des Trichters hinabzustürzen. Ameisen,

welche den Rand eines Trichters betreten, pflegen sehr aufgeregte

Bewegungen zu machen. Sie stürzen dann sehr häufig in einem Zug bis

auf den Grund des Trichters hinab, wo ganz plötzlich die Mandibel des

Ameisenlöwen über ihnen zusammenschnappen. Ist durch diesen Vorgang das

Tier wie von einer Falle um die Mitte seines Körpers erfaßt worden, so

gelingt es ihm sehr selten, sich wieder zu befreien. Es führt heftige

zappelnde Bewegungen aus, welche mehrere Minuten, ja oft noch länger

anhalten. In der Regel führt der Ameisenlöwe, wenn er eine Ameise

eingefangen hat, einige zuckende Bewegungen mit dem Hinterleib aus,

durch welche er tiefer im Sand versinkt und sich besser verankert.

Manche Beobachtungen weisen darauf hin, daß letztere Handlung nicht

immer ohne Bedeutung ist. Ausgewachsene oder auch nur mittelgroße

Ameisenlöwen werden durch die Bewegungen einer Ameise sehr selten aus

ihrer Lage verschoben. Auch wenn ein größerer Ameisenlöwe eine Spinne

oder ein anderes Insekt erfaßt hat, das ihn an Größe übertrifft, wird

meistens die Verankerung ausreichen. Es ist dies aber nicht immer der

Fall. So konnte ich z. B. einmal beobachten, daß ein sehr kleiner

Ameisenlöwe ein Exemplar der Ameisenart Lasius flavus, welches größer

war als er selbst, mit den Mandibeln erfaßte. Jener kleine Ameisenlöwe

hatte erst einen minimalen Trichter gegraben; er wäre in der freien

Natur wohl kaum in die Lage gekommen, die große Ameise zu erwischen.

Bei der künstlichen Fütterung fiel sie ihm zum Opfer. Sie riß aber

mit Leichtigkeit den kleinen Räuber aus dem Sand heraus und schleppte

ihn eine Strecke weit mit sich. Es entspann sich ein heftiger Kampf,

da der Ameisenlöwe nicht losließ; während die Ameise ihn über den

Sand hinzog, machte er unablässig die typischen Bewegungen mit der

Hinterleibsspitze, um sich einzubohren. Er wird aber von der Ameise

fortgeschleppt, die ihn schließlich in den Hinterleib beißt und zu

stechen sucht. Daraufhin erlahmt er und bleibt wie tot liegen, während

die Ameise davonläuft.

In der Bereitschaftsstellung sind die Mandibel des Ameisenlöwen

weit auseinandergespreizt; bei leiser Reizung werden sie noch mehr

gespreizt. Wenn in diesem Zustand ihre Innenseite von irgendeinem

harten Gegenstand berührt wird, so schnappen sie ganz plötzlich

zusammen. Eine Ameise, welche in den Trichter hinabfällt, wird also

in der Regel mit der Hälfte ihres Körpers hindurchfallen, ehe die

Mandibel über ihr zusammenklappen. In manchen Fällen gelingt es

aber dem Ameisenlöwen nur den Kopf, die Antennen oder ein Bein der

Ameise zu erfassen. Die weit vorragenden Zähne an der Innenfläche

der Mandibel ermöglichen das Festhalten auch so dünner Gegenstände.

In solchen Fällen gelingt es dem Ameisenlöwen meistens nicht, die

Ameise in eine zum Aussaugen geeignete Lage zwischen seine Mandibel

zu bringen. Dann wird das Tier nach einiger Zeit losgelassen, um von

neuem eingefangen zu werden. Meist hat es genügend Zeit, um einen Teil

der Trichterböschung hinaufzuklettern, worauf es von dem Ameisenlöwen

mit einem Hagel von Sandkörnern wieder heruntergeschossen wird. Es

kann vorkommen, daß sich diese Fangversuche mehrmals hintereinander

wiederholen, ehe der Ameisenlöwe sein Opfer richtig zu erfassen vermag

(s. auch unten S. 62). Aber auch dann folgen die Vorgänge sehr rasch

aufeinander, und es vergehen meist nur einige Sekunden, bis das Tier

gefangen ist.

Ist der Trichter, welchen der Ameisenlöwe gebaut hat, erst ganz seicht,

so gelingt es ihm meist nicht, mit Hilfe des Schleuderreflexes eine

Ameise zu fangen. Das ist aber nur eine Ausnahme.

Es läßt sich leicht zeigen, daß es nur ein Berührungsreiz ist, welcher

das Zuschnappen der gesperrten Mandibel veranlaßt. Berührt man nämlich

deren Innenseite mit einer Präpariernadel, einem Draht, einer Pinzette

oder einem Stück Holz, so schnappen die Mandibel kräftig zusammen. Ja,

man kann bei geschicktem Vorgehen auch durch Berührung mit einem Faden,

den man in den Trichter hinabläßt und mit welchem man die Innenseite

der Mandibel berührt, das Zuschnappen der Zangen herbeiführen. Da auch

in diesem Falle das Tier fest zuschnappt und nicht losläßt, so kann man

es an dem Faden, wie an einer Angel, aus seinem Trichter hervorziehen.

Das Schnappen erfolgt auch bei Berührung mit allen möglichen

Fremdkörpern, an welche das Tier gelegentlich stößt; nur muß der Stoß

einigermaßen heftig erfolgen. Tiere z. B., welche bei Lichtexperimenten

sehr lebhaft gegen die Lichtquelle kriechen (vgl. S. 75), stoßen oft,

wenn sie in größerer Anzahl beisammen sind, aneinander, fahren dann

aufeinander los und schnappen zu, lassen sich aber meist sogleich

wieder los.

Beim Schnappen fassen die Mandibel fest zusammen und lassen das, was

sie gefaßt haben, zunächst nicht los. So erklärt sich das Festhalten

der gefangenen Ameise, das Angelexperiment usw. Erst nach einigen

Minuten pflegen die offenbar tonisch kontrahierten Adduktoren wieder zu

erschlaffen und den festgehaltenen Gegenstand loszulassen. Sicherlich

sind auch dabei die von mir geschilderten Bremsvorrichtungen am

Basalteil von Maxille und Mandibel von Bedeutung (vgl. S. 12 und Abb. 6

u. 7).

Der Schnappreflex tritt selten ohne Beugung des Kopfes nach hinten

auf. Immerhin kommt es vor, daß ein Tier die Mandibel zuklappt, ohne

gleichzeitig eine Kopfbewegung nach rückwärts durchzuführen.

Fast stets sind Schnapp- und Schleuderreflex miteinander so

zeitlich verbunden, daß auf den Schleuderreflex der Schnappreflex

unmittelbar folgt. Näheres über die Lokalisierung dieser Reflexe im

Zentralnervensystem findet sich weiter unten.

Wir stellen also an dieser Stelle zusammenfassend fest, daß auch beim

Ameisenfang der wichtige +Schleuderreflex+ die Hauptbewegung ist; doch

kombiniert er sich für den speziellen Zweck mit dem +Schnappreflex+.

Der +Schleuderreflex+ erklärt nun einige weitere eigentümliche, beim

Ameisenfang zu beobachtende Ereignisse, die wir zum Teil früher schon

beschrieben haben. Es ist ja eine der merkwürdigsten Eigentümlichkeiten

des Ameisenlöwen, daß er durch Schleudern des Sandes eine ihm

entronnene Beute in seinen Besitz zu bringen vermag. Ist z. B. eine

Ameise beim Absturz seinen Mandibeln entronnen, so versucht sie

schleunigst die Böschung des Trichters hinaufzuklettern. Bei ihren

krampfhaften Bewegungen lösen sich Sandkörnchen los und rieseln auf das

Vorderende des Ameisenlöwen herab.

Der dadurch hervorgerufene Reiz hat einen Schleuderreflex zur Folge,

durch welchen oft sofort das Opfer herabbefördert wird. Mit den

hinunterrieselnden Sandkörnern und etwa mitgerissenen Teilen der

Böschung fällt es in die wieder aufgesperrten Mandibel des Räubers.

Gelingt aber das Herabschießen nicht sofort, so kann sich der

Schleuderreflex mehrmals hintereinander wiederholen. Früher oder

später wird fast immer die Beute getroffen. Aus einem in gutem Zustand

befindlichen Trichter entrinnt eine Ameise selten, wenn der Besitzer

nicht gerade vorher reichlich gefressen hat.

Bei dem Sandbombardement kann man leicht feststellen, daß kein Zielen

stattfindet; die Schüsse gehen nach den verschiedensten Richtungen,

wie wir oben auch für den Trichterbau feststellten. Aber dadurch,

daß in sehr rascher Folge die verschiedenen Seiten der Trichterwände

bestrichen werden, gerät der Sand auf der ganzen Böschung ins

Weichen, und die Ameise muß in das Zentrum des Trichters und in die

aufgesperrten Kiefer des Ameisenlöwen fallen.

Der ganze Vorgang ist ein rein automatischer; die Erreichung seines

Endzweckes beruht auf einem Zusammenwirken des Reflexes mit den

Eigentümlichkeiten des Körperbaues des Ameisenlöwen.

V. Sinnesorgane und Sinnesreaktionen des Ameisenlöwen.

In den nachfolgenden Abschnitten sollen die Ergebnisse dargestellt

werden, welche zahlreiche Experimente mir über die Sinnesreaktionen

des Ameisenlöwen geliefert haben. Wie man sehen wird, erlaubt die

Analyse der Sinnesreaktionen einen sehr tiefen Einblick in die kausalen

Grundlagen der komplizierten Handlungen dieses merkwürdigen Tieres.

Eine genügende Basis für die Untersuchung der Sinnesreaktionen haben

wir nur dann, wenn wir den Bau der Sinnesorgane hinreichend genau

kennen. Ich habe daher mit meinen experimentellen Untersuchungen eine

Erforschung des noch unvollkommen bekannten Baues der Sinnesorgane des

Ameisenlöwen verbunden. Ferner habe ich das Nervensystem des Tieres

wenigstens in seinen wesentlichen Grundzügen untersucht. Ich will

nun der Beschreibung der einzelnen Sinnesreaktionen die Schilderung

der zugehörigen Sinnesorgane vorausschicken, soweit ich solche habe

nachweisen und in ihrem Bau untersuchen können.

1. Bau und Funktion der Augen.

Die paarigen Augen des Ameisenlöwen stellen eigenartige kegelförmige

Vorragungen an den beiden äußersten Vorderecken des Kopfes dar. Sie

sind Höcker von unregelmäßig wulstiger Oberfläche, da die Linsen der

Einzelaugen sich jeweils halbkugelig über sie vorwölben. Die klaren

Linsen der Einzelaugen heben sich scharf von dem dunkelbraunen Chitin

des Augenkegels ab.

+R. Hesse+ war der erste, welcher die eigenartigen Augen der

Myrmecoleolarve untersuchte. Er beschreibt die Augen als an beiden

Seiten des Kopfes jederseits der Fühler auf zwei kleinen Höckern,

zu je +sieben+, nahe beieinander stehend; sechs davon seien von der

Dorsalseite sichtbar, das siebente nur von der ventralen. Da die Linsen

teils auf zapfenförmigen Vorragungen des Augenhöckers stehen, teils

aus dessen Wand sich direkt vorwölben, und da die Pigmentierung den

Augenhöcker selbst undurchsichtig macht, ist die Zählung nicht ganz

leicht (Abb. 24). Es wird oft ein Auge durch den Unterbau des anderen

oder durch Teile des Höckers verdeckt. An Exuvien, an denen das Pigment

aufgehellt war, glaubte ich manchmal 8 Augen zu zählen; sechs davon

sind immer deutlich von oben sichtbar, zwei nur von unten. Doch kam es

mir ebenso oft vor, als habe +Hesse+ recht und als fände sich nur ein

Auge auf der Unterseite, wie es auch die meisten früheren Untersucher

angegeben hatten.

Die Linsen sind bikonvex gewölbt und deutlich geschichtet; sie sind

sehr klar, durchsichtig und stark lichtbrechend. Sie heben sich sehr

stark von dem umgebenden pigmentierten Chitin ab. Auf den Schnitten

erkennt man, daß nur die äußerste Schicht dieses Zwischenchitins

pigmentiert ist.

[Illustration: Abb. 24. Rechtes Auge eines Ameisenlöwen, gesehen von

oben (o.) und von unten (u.).]

[Illustration: Abb. 25. Rechter Augenzapfen des Ameisenlöwen mit

umgebenden Haaren. Gesehen von oben und etwas von der Mediana. Vergr.

10mal.]

Wie schon +Hesse+ hervorhebt, sind die einzelnen Augen verschieden

gerichtet. Sie divergieren nicht unerheblich, und da der Strahlengang

durch die Lagerung des Pigments und die Form der Linse sicherlich

optisch sehr gut isoliert ist, müssen die einzelnen Augen ganz

verschiedene Sehfelder haben.

Von den 7 Augen ist eines fast horizontal nach vorn, zwei nach vorn

seitlich und eines nach hinten seitlich gerichtet. Die zwei auf der

oberen Fläche des Augenhöckers gelegenen sind nach oben und etwas nach

vorn resp. den Seiten gekehrt, während das einzige auf der Unterfläche

nach außen und hinten schaut (Abb. 25). So sind also Linsen nach

fast allen Seiten gerichtet; nur nach hinten ist keines der Augen in

ausgesprochener Weise gewendet. Da aber mehrere von ihnen auf stärker

vorragenden Zapfen sitzen, der ganze Augenhöcker sich nicht unerheblich

über die Kopfoberfläche erhebt und alle Linsen sehr stark gewölbt sind,

so können wohl auch Lichtstrahlen von hinten unter Umständen in eines

oder das andere der Augen gelangen.

[Illustration: Abb. 26. Schnitt durch das rechte Auge eines

Ameisenlöwen. Vergr. 25mal.]

Wie +Hesse+ hervorhebt, sind die Augen in ihrem Bau nicht ganz einfach;

zwischen Linse und Netzhaut ist ein Glaskörper eingeschaltet. Die

Netzhaut besteht aus einer größeren Anzahl von Sinneszellen.

Ueberlegen wir uns die Leistungsfähigkeit dieser Augen, so wäre

zunächst die Funktion jedes der Einzelaugen zu erörtern. Zum mindesten

sind die Augen als Richtungsaugen zu bewerten. Jedes einzelne Auge

ist geradezu wie ein kleines optisches Instrument gebaut. Es ist fast

röhrenförmig, und im durchscheinenden Präparat kann man deutlich

erkennen, daß von jeder Linse geradezu eine Röhre von Pigment

nach hinten führt, welche mit der pigmentierten Oberfläche die

Strahlenisolation sehr vollkommen bewirken muß.

Wir werden unten sehen, daß wir tatsächlich annehmen dürfen, daß das

Auge von Myrmeleo als Richtungsauge funktioniert.

Eine andere Frage ist es, ob es gleichzeitig Bilder der umgebenden

Objekte zu liefern vermag. Die große Anzahl von Sehzellen (30-40)

läßt es durchaus möglich erscheinen, daß Bilder von nicht allzu

umfangreichen Objekten wahrgenommen werden. Dabei müßte man allerdings

die Annahme machen, daß jedes der Augen ein eigenes Bild entwirft.

Zwar läßt sich bei Untersuchung der Augennerven nachweisen, daß die

Nerven aller Augen sich zu einem einheitlichen Strang vereinigen,

der einheitlich ins Gehirn eintritt. Auch ist in den Verlauf dieses

einheitlichen Sehnerven ein eigenartiges Gebilde eingeschaltet, welches

an ein Ganglion opticum erinnert, und welches dazu beitragen könnte,

die von den verschiedenen Augen aufgenommenen Eindrücke zu einem

einzigen zu vereinigen. Es bildet ja unzweifelhaft die Gruppe von Augen

bei Myrmecoleo eine Uebergangsform zwischen Ocellen und Komplexaugen

(Abb. 26).

Bis jetzt habe ich aber keinerlei Beobachtungen machen können, welche

dafür sprächen, daß die Wahrnehmung von Bildern umgebender Objekte

irgendeinen Einfluß im Leben des Ameisenlöwen ausübte. Annäherung

kleiner und größerer Gegenstände übte niemals irgendeinen wahrnehmbaren

Einfluß auf die Tiere aus. Ich habe viele Versuche gemacht mit

Annäherung von hellen und dunkeln, auch farbigen Gegenständen. Sie

lösten keinerlei Reaktion aus, ebensowenig wie plötzliche Beschattung

oder Belichtung mit Hilfe von kleinen Objekten. Auch in freier Natur

machte ich keine Beobachtungen, welche die Angaben früherer Autoren

hätten bestätigen können, daß ein Ameisenlöwe seine Beute mit den Augen

wahrnehme, um alsbald mit Sand nach ihr zu schießen. Wir haben gesehen,

daß das Schleudern des Sandes nach allen Seiten erfolgt, und ich konnte

stets im Freien ein Herabrieseln von Sandkörnern am Trichterrand

wahrnehmen, ehe der Ameisenlöwe zu schleudern begann. Ich führe daher

die Auslösung des Schleuderreflexes im Trichter vorwiegend auf taktile

Reize zurück.

Wir werden in dem kommenden Abschnitt sehen, daß die Ameisenlöwen

in der Richtung ihrer Bewegungen durchaus von dem Einfall der

Lichtstrahlen abhängig sind. Wir werden auch sehen, daß es nicht die

Lichtstärke, sondern die Richtung der Lichtstrahlen ist, welche dabei

maßgebend ist. Bei all jenen dort angeführten Versuchen konnte ich

niemals eine Reaktion auf Unterschiede der Lichtstärke feststellen.

Ich muß aber an dieser Stelle einfügen, daß es mir in einigen wenigen

Fällen gelang, bei Tieren, welche durch andauernde Versuche sehr stark

gereizt waren, eine Schreckreaktion auf Belichtung und Beschattung

nachzuweisen. Es war dies aber nur einmal bei zwei Exemplaren der Fall,

welche beim Anknipsen und Ausdrehen einer 32-kerzigen Metallfadenlampe,

sowohl beim Aufleuchten als beim Erlöschen der Flamme zusammenzuckten,

indem sie die Mundgliedmaßen schlossen, mit dem Hinterleib eine

zuckende und mit den Beinen eine scharrende Bewegung ausführten. Diese

Reaktion erfolgte im ganzen zweimal hintereinander und zwar bei beiden

Tieren. Ich konnte sie seither nie mehr herbeiführen und bin mir über

ihre Bedeutung nicht klar geworden.

Jedenfalls geht aus meinen Erfahrungen hervor, daß die Augen sehr

deutlich auf Licht reagieren. Ihr Bau ist nichts weniger als

rudimentär. Im Gegenteil -- wie schon +Hesse+ hervorhob -- stellen

sie eine Uebergangsbildung zwischen Ocellen und Komplexaugen dar. So

ist denn die seltsame Annahme von +Comes+, daß der Ameisenlöwe nicht

sieht, ganz aus der Luft gegriffen. Weder der Bau der Augen läßt eine

solche Annahme zu, noch, wie wir gleich sehen werden, seine Reaktionen.

Vollkommen haltlos ist die Behauptung von +Comes+, der Ameisenlöwe

müsse, wie etwa der Maulwurf, rudimentäre Augen haben, da er im Sand

wühlend lebe. Weder lebt das Tier im Sand wühlend, noch sind seine

Augen im geringsten rudimentär, wovon man sich bei ganz oberflächlicher

morphologischer Untersuchung leicht überzeugen kann. Und nun kommen

noch dazu die sehr charakteristischen Lichtreaktionen des Ameisenlöwen!

2. Die Lichtsinnesreaktionen.

Schon bei meinen ersten Versuchen im Jahre 1910 fiel mir auf, daß die

im Experiment ausgeführten Bewegungen des Ameisenlöwen durch das Licht

beeinflußt werden. Ja, schon die Orte seines Vorkommens im Freien und

die Körperhaltung der Tiere in ihren Sandtrichtern wiesen auf bestimmte

Beziehungen zum Lichte hin. Legt man eine Anzahl von Ameisenlöwen in

ein Gefäß auf einem Tisch, so kann man mit Sicherheit darauf rechnen,

nach einiger Zeit sämtliche Tiere an der Fensterseite angesammelt zu

sehen.

Um das Verhalten des Ameisenlöwen gegen das Licht zu prüfen, wurden

sehr zahlreiche Experimente durchgeführt. Im September 1912 wurden

Versuche mit Tieren gemacht, welche in einem dunkeln Kasten, in

den durch einen schmalen Schlitz von der einen Seite her Licht

einfiel, untergebracht waren. So wurden z. B. am 27. Sept. 3 Tiere in

verschiedenen Stellungen in den Schlitzkasten gesetzt. Nach 10 Minuten

hatten alle drei ihren Kopf vom Licht weggedreht, waren aber gegen das

Licht zu gekrochen. In einem zweiten Experiment wurden 3 Tiere mit

dem Kopf gegen das Licht zu parallel nebeneinander gestellt. Nach 10

Minuten hatten alle drei ihren Kopf vom Licht weggedreht und hatten

sich mit dem Hinterende voran dem Lichteinfall entgegenbewegt.

Diese Versuche wurden ergänzt durch Experimente, welche mit Tieren

in einer runden Glasschale mit flachem Boden von 35 cm Durchmesser

ausgeführt wurden. In deren Mitte wurden mehrere Ameisenlöwen in

beliebigen Stellungen hingelegt, nach einer halben Stunde waren sie

alle drei an der Lichtseite der einseitig beleuchteten Glasschale

angelangt, und zwar, wie ja nach dem, was wir über die Kriechbewegung

der Tiere kennen gelernt haben, selbstverständlich ist, mit dem

Hinterende voran. Darauf wurde die Schale um 180° gedreht; nach einer

halben Stunde waren sämtliche Individuen wieder mit abgewandtem Kopf

an der Lichtseite angelangt. Dies ließ ich mehrmals hintereinander

wiederholen, wobei die Reaktionszeit kürzer wurde und schließlich bis

auf 10 Minuten für den ganzen Vorgang herabsank.

[Illustration: Abb. 27. Rußspur der phototaktischen Bewegung eines

Ameisenlöwen. Von + her Lichteinfall. Vor der orientierten Bewegung

Versuchskreis.]

Der Ameisenlöwe · 第 5 / 12 段