es am besten auf eine durchsichtige Glasscheibe und beobachtet von
unten die Tätigkeit des Hinterleibes und der Beinpaare. Unter Umständen
kann dann das Tier mit etwas gehobenem Hinterleib auf seinen sechs
Beinen geradezu laufen. Meist ähnelt aber die Bewegung dem gewohnten
Kriechen. Es kommt auch vor, daß es auf einer Glasplatte nur auf dem
zweiten und dritten Beinpaar läuft, wobei die Hauptarbeit dem dritten
Paar zufällt. Man sieht aber in der Regel, daß die Hinterleibsspitze
zuckende Bewegungen ausführt, welche allerdings auf der glatten
Unterlage keine sehr große Wirkung haben. Das vorderste Beinpaar wird
ruhig gehalten, das zweite Beinpaar macht plötzliche schwankende
Bewegungen, während das dritte Beinpaar unablässig den Körper nach
rückwärts stößt. Der Erfolg der einzelnen Bewegungen macht sich auf
einer rauhen Unterlage viel ausgesprochener geltend. Da kann sich die
Hinterleibsspitze und überhaupt ein größerer Teil der Unterseite des
Hinterleibes dem Boden anstemmen, die beweglichen Beinpaare finden
ein Widerlager und können geregelter arbeiten. Man kann die Tätigkeit
der einzelnen Teile mit Deutlichkeit verfolgen, wenn man das Tier die
Spur seiner Bewegungen auf berußtem Papier selbst aufzeichnen läßt.
Man vergleiche die dieser Untersuchung beigegebenen zahlreichen Bilder
von Kriechspuren des Tieres. Man wird erkennen, daß die tatsächlich
unbewegten Vorderbeine oft gar keine Spur hinterlassen haben. Oft
sieht man aber auch parallel der äußersten Begrenzung der Spur feine
Linien verlaufen, welche von dem vordersten Beinpaar herrühren, das
auf der Unterlage nachschleift, auch gelegentlich gleichzeitig mit
dem zweiten Beinpaar wippende Bewegungen ausführt. Die Mittelbeine,
welche abwechselnd hebelnde Bewegungen machen, haben diese in den
feinen, etwas zittrigen Linien aufgezeichnet, welche die Kriechspur
außen begleiten. An den Unterbrechungen erkennt man, daß sie oft
abwechselnd tätig sind. Dabei kommt oft ein eigenartiges Schwanken
und Schaukeln des Tierkörpers zustande; die weitausladenden Beine des
zweiten Paares spielen jedenfalls beim Lenken des Körpers eine Rolle.
Dreht sich die Hinterleibsspitze einer bestimmten Richtung zu, so wird
auch das Mittelbein der betreffenden Seite etwas mehr angezogen und zum
Körper in einen stumpfen Winkel gestellt. Wie die Beobachtung und auch
die Aufzeichnungen auf dem Rußpapier zeigen, erfolgen immer mehrere
Zuckungen des Hinterleibes und auch Bewegungen des dritten Beinpaares,
ehe ein Schaukelschritt des Mittelbeinpaares folgt. Letzteres wird
dabei immer ganz steif gehalten. Am stärksten ausgeprägt zeigt sich
der Abdruck der scharrenden Bewegung des dritten Beinpaares. Vielfach
erkennt man auch die Spuren der vorwärts gerichteten Beborstung der
Beine.
Dagegen vermißt man an der Spur des auf der relativ glatten Unterlage,
welche von dem Rußpapier dargeboten wird, kriechenden Tieres einen
deutlichen und regelmäßigen Abdruck der Hinterleibsspitze. Man erkennt
den Abdruck der Hinterleibsspitze streckenweise sehr deutlich auf
Abb. 19. Die Hinterleibsspitze wird offenbar nur dann regelmäßig in
Tätigkeit versetzt, wenn die Unterlage hinreichend rauh ist. Man kann
das z. B. auf nassem Sand, rauhen Steinen, oder wenn man die Tiere
über die Borsten einer Bürste oder über ein Stück Sammet oder Plüsch
hinkriechen läßt, deutlich erkennen. Auch wenn das Tier über trockenen
Sand hinkriecht, ohne sich einzugraben, wirkt bei den Wanderbewegungen
die Hinterleibspitze erheblich mit. Dann gräbt das Tier eine ziemlich
tiefe Furche in die Oberfläche des Sandes ein.
[Illustration: Abb. 19. Rußspur eines Ameisenlöwen. Der Pfeil gibt die
Bewegungsrichtung an.]
Es kommt häufig vor, daß ein Tier sehr lange Zeit bewegungslos an einer
Stelle liegt. Es bedarf aber besonderer Anlässe, um einen Ameisenlöwen
zu einer sehr lange dauernden Wanderung zu veranlassen. Wir werden in
den späteren Abschnitten erfahren, welche Reize die Wanderbewegungen
des Tieres fördern und welche sie hemmen.
An dieser Stelle müssen wir als wichtige Tatsache hervorheben, daß
jedes Tier nach mehr oder minder langer Ruhepause sich in Bewegung
setzt, wenn nicht ganz bestimmte Einwirkungen dies verhindern. Wirken,
sobald das Tier sich in Bewegung setzt, Reize von bestimmter Stärke
aus einer bestimmten Richtung auf das Tier ein, so wird dadurch die
Richtung seiner eigenen Bewegungen auf das deutlichste beeinflußt.
Wirken aber keine solchen richtenden Reize auf das Tier ein, so führt
es eigentümlich unorientierte Bewegungen aus. Es wandert, natürlich
immer mit der Hinterleibsspitze voran, in geschlängelten Bahnen, die
oft in sich selbst umkehren und in welche oft ganz kleine Kreisbahnen
oder Spiralen eingeschaltet sind, umher (Abb. 20). Diese gleichsam
tastenden Wanderungen entsprechen jener Bewegungsweise, welche ich in
meiner Untersuchung über die Biologie der Garneelen den +Suchgang+
genannt habe. Wie ich dort auseinandergesetzt habe, handelt es sich
entweder um zentral oder doch vom Tierkörper selbst ausgelöste,
vielleicht aber auch um durch minimale Reize veranlaßte Bewegungen,
welche dem Tier die Möglichkeit geben, Reize der verschiedensten Art
aufzufangen, die dann ihrerseits die Richtung, Schnelligkeit und
Dauer der Bewegung der Tiere bestimmen. Dieser +Suchgang+ gehört also
zu den bei den Tieren so allgemein verbreiteten +Versuchs-+ oder
+Probierbewegungen+.
Wenn Tiere hungern oder sonstwie sich nicht ganz wohl befinden, ferner
wenn in dem Aufbewahrungsgefäß die Sandschicht zu dünn ist, um den Bau
von Trichtern zu erlauben, findet man auf der Oberfläche des Sandes
flache Furchen, die kreuz und quer verlaufen, kreis- und spiralförmig,
sich durchkreuzen usw. Das Tier war auf der Suche nach den Reizen, die
ihm einen bestimmten Ort anweisen sollten.
[Illustration: Abb. 20. Versuchsbewegungen eines Ameisenlöwen auf
Rußpapier, von ihm selbst aufgezeichnet.]
5. Das Einbohren in den Sand.
Hat man im Freien beim Versuch des Fanges einen Ameisenlöwen fallen
lassen, so kann man, nachdem die Zeit des Totstellens verstrichen
ist und oft unmittelbar, nachdem er die Umdrehreaktion ausgeführt
hat, sehen, daß er sich unter ruckweisen Bewegungen nach rückwärts
sehr schnell in den Sand eingräbt. Dabei führt er zunächst genau
dieselben Bewegungen aus, die wir ihn bei seinen Wanderungen auf
einer rauhen Unterlage vornehmen sahen. Wir sehen genau dieselben
zuckenden Bewegungen der Hinterleibsspitze; das erste Beinpaar wird
ruhig gehalten, während das zweite die pendelnden und das dritte die
scharrenden Bewegungen ausführt. Was ist aber hier die Folge dieser
automatischen Bewegungen? Der Bau des Körpers des Ameisenlöwen zwingt
die Bewegung in dem aus zahlreichen feinen Partikeln bestehenden Sand
in eine ganz bestimmte Richtung. Bei der Bewegung im Sand zeigt sich
die Bedeutung der Form des Körpers und seines Borstenkleides in einem
überraschenden Licht. Die kegelförmige Hinterleibsspitze bohrt sich
voraus in den Sand, der Körper drängt nach, und erst von den Schultern
an beginnt die schmälere Zone, welche leicht aus dem Sand vorragt
und sich so erhält. Wühlt sich das Tier aber weiter in den Sand ein,
so bietet die Schulterregion mit ihren Borstenbüscheln ein weiteres
wirksames Widerlager.
Die kurzen starren Borsten, welche die Hinterleibsspitze umgeben,
drängen bei deren Vorstoßen die Sandkörner zur Seite; sind aber die
hintersten Segmente des Hinterleibes einmal in den Sand eingedrungen,
so zeigt sich die auffällige Wirkung der, wie wir früher gesehen haben,
insgesamt nach vorn gerichteten Borsten und Borstenkränze des ganzen
Körpers. Zwischen den rollenden und gleitenden Körnchen des trockenen
Sandes könnte ein glatter Körper überhaupt keinen Halt gewinnen; ein
Tier, welches sich mit glattem Körper in diesem beweglichen Medium von
der Stelle bringen wollte, müßte dafür einen großen Aufwand an Kraft
leisten; es müßte mit breiten, flächenhaften Hebeln sich vorwärts
rudern oder sonstwie besondere Bewegungseinrichtungen besitzen. Statt
dessen sehen wir den Körper des Ameisenlöwen an zahllosen Stellen mit
seinen Borsten an den rollenden Sandkörnern einen Widerstand gewinnen.
Dadurch, daß die Borsten alle in mehr oder weniger ausgesprochener
Weise nach vorn gerichtet sind, liefert dieser Widerstand eine
Druckkomponente nach hinten. Nach jeder Bewegung in den Sand hinein
hakt der Körper des Ameisenlöwen in dem rollenden Material geradezu
fest; er kann nicht wieder zurückgleiten. Ist er schon auf glatter
Unterlage zu einer Vorwärtsbewegung unfähig, so zeigt sich dies
im Sande in noch viel ausgesprochenerem Maße. Durch die zuckenden
Bewegungen seines Hinterleibes, welche durch die schiebenden Bewegungen
vor allem des dritten Beinpaares noch unterstützt werden, muß das Tier
sehr rasch und sicher in den Sand eingebohrt werden. Wir sehen es denn
auch tatsächlich oft in 4-5 Sekunden unter dem Sand verschwinden.
Die wesentlichste Komponente bei dem Einwühlen in den Sand bilden
die nach hinten und unten gerichteten zuckenden Bewegungen des
Hinterleibes. Tiere, denen man die beiden Mittelbeine amputiert, können
ebenso, wie sie recht gut rückwärts wandern, sich absolut sicher in
den Sand eingraben. Nicht einmal die Schnelligkeit der Reaktion ist
beeinträchtigt. Ja, selbst die Amputation sämtlicher Beinpaare hindert
ein Tier nicht, sich rasch und vollständig in den Sand einzuwühlen.
In wie ausgesprochener Weise die Bewegungen des Hinterleibes für die
Lokomotion des Tieres maßgebend sind, beweist folgender Versuch: Läßt
man einen Ameisenlöwen mit dem Hinterleib voran in eine Glasröhre
hineinkriechen, deren innerer Durchmesser ungefähr genau der größten
Breite seines Hinterleibes entspricht, so findet das Tier, dessen
Körper von den Seiten etwas zusammengedrückt wird und dadurch etwas
an Höhendurchmesser zunimmt, reichlich Berührungspunkte an der Wand
der Glasröhre. Es kriecht in der Röhre vollkommen normal rückwärts,
auch wenn seine Beine nirgends in Berührung mit der Innenfläche der
Glasröhre kommen und sich somit nirgends anstemmen können. Ja, es
spreizt sich mit seinen Borstenkränzen so gut an den Wänden fest, daß
es nicht herauszuschütteln ist.
Bei seiner Rückwärtsbewegung ist das erste Beinpaar in Ruhe; das zweite
ist, im Falle die Röhre eng genug ist, an der Röhrenwand angestemmt,
hat aber, da es nur vereinzelte Zuckungen ausführt, keinen wesentlichen
Anteil an der Rückwärtsbewegung. Das dritte führt reflektorisch die
zappelnden Bewegungen aus, die wir vorhin beschrieben, ohne allerdings
dabei die Unterlage zu berühren. Es arbeitet also ohne Nutzeffekt. Eine
Berührung mit der Röhrenwand führen hauptsächlich die Haarpolster an
den Schultern des Tieres herbei. Die Rückwärtsbewegung erfolgt durch
abwechselndes Aufwärts- und Abwärtskrümmen des Hinterleibes und des
Kopfabschnittes. Der Körper macht sich also, wie die untenstehende
Abbildung 21 zeigt, abwechselnd an der Rücken- und dann an der
Bauchseite hohl. Indem dabei jeweils die Hinterleibsspitze sich fest an
die Glasröhrenwand anstemmt, schiebt sich der Körper durch die Röhre
nach hinten. Ist die Glasröhre so weit, daß der Rücken ihre obere
Wand nicht berührt, so bleibt die Bauchseite des Tieres stets konkav,
und das Tier bewegt sich, allerdings langsam, nur durch die zuckenden
Bewegungen der Hinterleibsspitze, welche sich an der Unterseite der
Glasröhre reibt.
[Illustration: Abb. 21. Ameisenlöwe, gezwungen, in eine Glasröhre zu
kriechen.]
Beim Einwühlen in den Sand arbeiten die Beinpaare naturgemäß mit. Die
beiden vorderen räumen Sand unter dem Kopf und Hals weg, so daß dieser
Sand über diesen Körperteilen zusammenstürzt. Auch die Bewegungen des
dritten Beinpaares schaufeln den Sand auf die Seiten und den Rücken des
Körpers. Auch stemmen, besonders am Anfang des Einwühlens, die beiden
vorderen Beinpaare kräftig nach vorn. Dadurch werden die im nächsten
Abschnitt geschilderten Vorgänge eingeleitet.
6. Der Bau der Sandtrichter.
Meine Beobachtungen über den Bau der Sandtrichter weichen von früheren
Angaben zunächst insofern ab, als die Ameisenlöwen ihre Trichter
jedenfalls in anderer Weise bauen +können+, als es +Rösel von Rosenhof+
geschildert hatte. Die von mir beobachteten Tiere fertigten ihre
Trichter stets in einer viel einfacheren Weise an.
Ist ein auf die Oberfläche einer mehrere Zentimeter dicken Sandschicht
gelegter Ameisenlöwe aus seinem Starrezustand erwacht, so beginnt er,
wie wir früher gesehen haben, sich rückwärts zu bewegen und mit der
Schwanzspitze voran sich einzubohren. Nach wenigen Sekunden pflegt er
im Sand verschwunden zu sein und bleibt in manchen Fällen ruhig unter
der Sandfläche liegen, um erst später sich weiter zu bewegen. Dann kann
er entweder Wanderungen unter dem Sand antreten, oder er beginnt mit
dem Bau des Trichters. Frische und gesunde Tiere pflegen aber sofort,
wenn sie sich im Sand eingewühlt haben, den Trichterbau einzuleiten.
[Illustration: Abb. 22. Photographie eines Sandtrichters eines
Ameisenlöwen in der natürlichen Umgebung. Verkl. ⅔.]
Dies geht auf folgende Weise vor sich. Nachdem Rumpf und Hals
und meist der größere Teil der beiden vorderen Beinpaare im Sand
verschwunden sind, beginnt der Kopf in ihn einzutauchen. Kaum haben
sich einige Sandkörner auf der Oberfläche des Kopfes angesammelt, so
führt das Tier eine eigentümliche Bewegung aus, mit welcher es den
Sand hoch in die Höhe schleudert. Diese Bewegung besteht in einer
plötzlichen, ruckweisen Umbiegung des Kopfes, des Halses und der ersten
Rumpfsegmente nach oben und hinten. Wir werden diese Bewegung, welche
für das Tier außerordentlich typisch ist, später genau analysieren. Es
genüge hier, hervorzuheben, daß sie in der Regel auf einen Tastreiz
hin erfolgt; sie kann sowohl in der Mittellinie direkt nach hinten
als auch in beliebigen Winkeln von ihr abweichend erfolgen. Während
im ersteren Falle der Horizontalschnitt von Kopf und Hals, welche
zusammen einen sehr spitzen Winkel mit dem Rumpf bilden können, dessen
Horizontaldurchschnittsebene in der Querrichtung parallel bleibt, ist
er im zweiten Fall in verschiedenen Winkeln gegen sie verdreht. (Vgl.
hierzu die Beobachtungen über lokalisierten Tastreiz und entsprechende
Reizfolgen im Kapitel über Tastreiz S. 87.) Wir bezeichnen diese
reflektorische Bewegung als den +Schleuderreflex+.
In der Regel erfolgen mehrere Schleuderbewegungen in rascher
Aufeinanderfolge nacheinander. Indem sie infolge der Winkelneigungen
von Kopf und Hals nach verschiedenen Richtungen erfolgen, entsteht
ein gleichmäßig abfallender Trichter im Sand, der schon eine gewisse
Tiefe besitzt. Oft begnügt sich das Tier hiermit und bleibt ganz ruhig
am Grunde seines Trichters sitzen, wobei der Körper von der unteren
Spitze des Trichters schief nach der einen Seite abwärts in den Sand
ragt (Abb. 14 S. 26). Der vordere Teil des Kopfes mit Augen und Fühlern
pflegt aus dem Sand hervorzuragen. Vielfach nimmt das Tier bereits
jetzt eine Bereitschaftsstellung an, die wir oben beschrieben haben,
und von der man in diesem Moment nur in den weit auseinanderklaffenden
Kiefern ein Anzeichen wahrnimmt.
Fast stets pflegen nach einiger Zeit von den Trichterwänden
Sandkörnchen auf die obere Kopfseite des Ameisenlöwen herabzufallen,
welcher sie sofort durch Schleuderbewegungen nach oben an den Rand
des Trichters befördert. Jede Luftbewegung, jede Temperaturänderung
veranlaßt ein solches Herabrieseln von Sandkörnchen. Da bei jeder
Schleuderbewegung mehr Sand hinaufgeschleudert wird, als vorher
herabgerieselt war, so vertieft sich auf diese Weise der Trichter nicht
unwesentlich. Dabei führt der Ameisenlöwe auch kriechende Bewegungen
aus, durch die er sich tiefer in den Sand einwühlt, wobei er aber in
der Regel den Mittelpunkt des Trichters nicht allzusehr verschiebt. Er
muß also durch eine enge Spiralbewegung den Körper etwa um eine durch
die Lage des Kopfes gekennzeichnete Achse bewegen. Die verschiedenen
Kriechspuren auf Rußpapier, welche in den Abbildungen (z. B. Abb. 20)
dargestellt sind, geben ein Beispiel von diesen Spiralbewegungen,
welche für den Ameisenlöwen sehr charakteristisch sind, und welche
zu den früher (S. 47) schon charakterisierten Versuchsbewegungen des
Tieres gehören.
Bei diesen Drehungen und infolge der Fähigkeit, den Sand in allen
möglichen Winkeln abzuschleudern, hat der Ameisenlöwe die Möglichkeit,
einen vollkommen gleichmäßig von einem kreisförmigen oberen Umfang
zu der in senkrechter Richtung unter dem Mittelpunkt dieses Kreises
gelegenen Trichterspitze abfallenden Trichter zu bauen; es stellt
also die Innenfläche des Trichters einen gleichmäßigen Kegelmantel
dar. Daß das Tier in gleichmäßig feinem Sand das aus dem Trichter
entfernte Material tatsächlich ganz regelmäßig nach allen Seiten
wegschleudert, konnte ich durch folgenden Versuch nachweisen. Ueber
einer Sandfläche, in welcher ein Ameisenlöwe gerade seinen Trichter
einzuwühlen begann, brachte ich im Abstand von 3-4 cm eine auf der
unteren Seite durch Wasserdampf beschlagene Glasscheibe an. Damit das
Wasser nicht verdunstete, war der Sand mit dem Tier in einem besonderen
Gefäß in eine dicht abgeschlossene Glasschale gebracht, auf deren Boden
feuchter Sand lag. Die von dem Ameisenlöwen in die Höhe geschleuderten
Sandkörner blieben an der benetzten Scheibe haften und bildeten
eine regelmäßige kreisförmige Fläche, welche, der Verlängerung des
Trichterwinkels entsprechend, größer als die kreisförmige Umgrenzung
des Trichters selbst war. Bei allen untersuchten Tieren ergab das
Experiment dasselbe Resultat. Es folgt daraus, daß regelmäßig die Tiere
in einem bestimmten Zeitraum den ganzen Umkreis ihres Trichters mit
ihren Schleuderbewegungen bestreichen.
Nicht ganz so regelmäßig verläuft die Arbeit, wenn ein Ameisenlöwe in
Sand baut, dem größere Steinchen oder sonstige Partikel beigemischt
sind. In grobem Material braucht ein Ameisenlöwe, besonders ein kleines
Tier, zur Anlage eines Trichters oft sehr lange Zeit; denn nach jeder
Schleuderbewegung folgt eine sehr lange Pause. Die Leistungen, welche
die Tiere dabei vollbringen, sind vielfach gar nicht gering. So habe
ich die Steinchen, welche ein mittelgroßer Ameisenlöwe von etwa 10 mm
Gesamtlänge (gemessen einschließlich der Mandibel) bis zu 10 cm weit
wegzuschleudern vermochte, gewogen und fand folgende Gewichte: 4½ mg,
15 mg, 35 mg, 43 mg. Es ist von Interesse, demgegenüber die Gewichte
der Tiere selbst festzustellen. Es wiegen:
1. Exemplar von 6 mm Länge 13 mg
2. „ „ 7,5 „ „ 14 „
3. „ „ 7 „ „ 15 „
4. „ „ 10 „ „ 22 „
5. „ „ 12 „ „ 28 „
6. „ „ 13,5 „ „ 70 „
Die großen Steinchen werden offenbar von dem Tier mit besonderer
Kraftanstrengung weggeschleudert; denn sie fliegen so weit weg, daß
sie nicht mehr in den Trichter zurückfallen. In einem Material,
welches aus feinen und groben Partikeln gemischt ist, erfolgt durch
die Schleuderbewegung eine Sortierung. Die groben Partikel sind
weiter hinaus an die Peripherie geschafft, während der Trichter
selbst schließlich nur aus ganz feinem Sand besteht. Ein Wegtragen
der größeren Steine auf dem Rücken, wie es frühere Autoren angeben,
habe ich nie beobachten können. Ich bin auch der Ansicht, daß die
Sortierung des Sandes rein mechanisch vor sich geht, durch die Schwere
der Partikel bewirkt. Die schweren Teilchen fliegen relativ weit weg;
von den feinen rollt ein Teil den Abhang des Trichters wieder herunter.
Daß, wie z. B. +Redtenbacher+ annimmt, die langzähnigen Kiefer als
Sieb für den geschleuderten Sand wirkten, indem nur die groben
Teile geworfen würden, die feinen durchrieselten, scheint mir keine
erhebliche Rolle zu spielen.
[Illustration: Abb. 23. Sandtrichter von Ameisenlöwen, gerade von oben
photographiert. Nat. Größe.]
Ich habe einige Versuche gemacht, um den Einfluß festzustellen, welchen
das Gewicht und die Kohärenz der Partikel, in denen das Tier baut,
auf seine Bautätigkeit ausübt. Ich ließ Tiere sich in verschiedene
Substanzen eingraben, wie z. B. in feines Weizenmehl, in grobe
Eisenfeilspäne u. dgl. Da die Mehlstäubchen sehr fein und leicht sind,
werden sie leicht sich eine Zeitlang in der Luft schwebend erhalten und
wieder an Ort und Stelle niedersinken. Beim Zusammenpressen haften sie
leicht aneinander. Man sieht denn auch, daß es den Ameisenlöwen leicht
gelingt, sich im Mehl einzugraben; aber sie bringen in dieser Substanz
keinen richtigen Trichter fertig. Die Tiere wühlen geradezu Gänge durch
das Mehl. Sie fühlen sich in demselben offenbar sehr unbehaglich, denn
es verschmiert ihnen alle Gelenke, haftet an der Oberfläche des Körpers
und verstopft die Atemlöcher. Tiere, welche in Mehl gegraben haben,
führen von Zeit zu Zeit die Putzbewegungen aus, von denen wir später
Näheres hören werden. Ein Exemplar, welches am 21. Sept. 1914 auf Mehl
gesetzt wurde, hatte sich in 5 Minuten, ein anderes in 15 Minuten
eingegraben. Nur eines von ihnen hatte bis zum 22. Sept. einen relativ
regelmäßigen Trichter von minimalem Umfang fertiggebracht.
In Eisenfeilspänen dagegen gelang das Eingraben sehr prompt; die
schweren Eisenkörnchen wurden von dem Tier leicht hoch in die Luft
geschleudert. Sie hafteten gar nicht aneinander, und so entstand ein
schöner regelmäßiger Trichter.
Je trockener und gleichmäßiger der Sand ist, um so größere Trichter
bauen die Ameisenlöwen. Ferner hängt der Umfang des Baues von Wärme
und Sonnenschein ab. Bei heißem, sonnigem Wetter werden die größten
Trichter gebaut. Hungrige Tiere, die unruhig sind und sehr leicht
durch herabrieselnde Sandkörner zum Schleuderreflex gereizt werden,
vergrößern im Lauf der Zeit ihren Trichter oft beträchtlich. So hängt
also die Größe des Trichters nicht direkt von dem Körperumfang des
Erbauers ab. Kleine Tiere können unter günstigen Umständen ebenso große
oder größere Trichter bauen als ausgewachsene Tiere unter ungünstigen.
Wird der Sand, in welchem die Ameisenlöwen leben, nass, so können die
Tiere in ihm sich nur mit Mühe oder gar nicht vorwärtsbewegen. Sie
liegen dann ganz regungslos. Legt man Ameisenlöwen auf befeuchteten
Sand, so können sie sich nur dann noch in ihn eingraben, wenn er mäßig
feucht ist. Einen Trichterbau bringen sie in diesem Fall aber nicht
fertig. Weder das Eingraben noch der Trichterbau gelingt ihnen, wenn
der Sand in erheblicherem Maße durchnäßt ist.
Diese letzteren Beobachtungen bekräftigen meine Annahme, daß beim
Trichterbau das Schleudern die Hauptsache ist und daß die Grabtätigkeit
dabei keine Rolle spielt. Dafür spricht ferner, daß auch Tiere mit
amputierten Beinen noch vollkommen normale Trichter bauen können. Bei
normalen Tieren helfen natürlich die Beine insofern mit, als sie,
ähnlich wie beim Einwühlen, Sand zur Seite und auf Kopf und Hals des
Tieres schaufeln.
Wir sehen also, daß der +Schleuderreflex+, den wir oben als Ursache
der Umdrehreaktion kennen lernten, auch beim Bau der Sandtrichter die
wichtigste Bewegung darstellt. Die Sandtrichter entstehen automatisch
infolge von Reizen, welche den Schleuderreflex auslösen.
Es sei hier noch darauf hingewiesen, daß zu gewissen Zeiten des Jahres
unsere einheimischen Ameisenlöwen keine Trichter bauen. Zu allen Zeiten
des Jahres unterlassen die in der Vorbereitung zur Verpuppung stehenden
Individuen den Trichterbau.
Jedenfalls geht aus meinen Beobachtungen hervor, daß der Trichterbau
in der Regel in viel einfacherer Weise vor sich geht, als es +Rösel
von Rosenhof+ in der S. 2 zitierten Schilderung beschrieben hat. Es
mußte für mich natürlich von Wichtigkeit sein, festzustellen, ob ein
so gewissenhafter Beobachter wie der treffliche +Rösel+ wirklich den
Vorgang aus der Phantasie konstruiert hatte, oder ob besondere Gründe
vorlagen, die seine unrichtige Schilderung veranlaßten. Ich suchte nach
Versuchsanordnungen, welche die tatsächlichen Grundlagen für seine
Beobachtungen liefern konnten.
Nun läßt sich wirklich nachweisen, daß, wenn man einem Ameisenlöwen
eine zu wenig tiefe Sandschicht darbietet, so daß er beim Einwühlen
bald den Boden des sanderfüllten Gefäßes erreicht, er mit in Spiralen
verlaufenden Versuchsbewegungen den Sand zu durchfurchen beginnt.
Selten gelingt dem Tier dabei der Bau eines einigermaßen regelmäßigen
Trichters, stets spielen auch dann die Schleuderbewegungen eine
Hauptrolle.