Ist das Totstellen durch eine kräftige Berührung des Tieres

herbeigeführt worden, so zeigt seine Muskulatur einen erheblichen

Tonus. Haltung von Körper und Gliedmaßen weist darauf hin, daß die

Beugemuskulatur sich in einem Kontraktionszustand befindet. Alle

Gelenke sind in einer fixen Stellung; die Glieder der Extremitäten und

des übrigen Körpers können nicht gegeneinander verstellt werden. Die

kontrahierte Muskulatur stellt allen Versuchen, dem Körper oder den

Gliedern eine andere Haltung zu geben, starken Widerstand entgegen. Das

dauert aber meist nur ganz kurze Zeit; dann werden alle Gelenke weich,

sie nehmen den Zustand an, den man als Flexibilitas cerea zu bezeichnen

pflegt. Man kann den Gliedern jede beliebige Stellung zueinander geben,

und sie bleiben in ihr stehen. Wie schon oben geschildert, behalten die

Glieder des zweiten Beinpaares am längsten ihre Starrheit, am kürzesten

diejenigen des dritten Beinpaares.

Gleichzeitig steigert sich die Reizbarkeit des Tieres; während sofort

nach Eintritt des Totstellens schon gröbere Reize notwendig waren,

um Reflexbewegungen des Tieres auszulösen, genügen nach Verlauf der

ersten 2-3 Minuten leichte Berührungen, um den Umdreh-, Schnapp- und

Eingrabreflex herbeiführen.

Von vornherein ist die Reizbarkeit des Tieres zwar herabgesetzt,

aber nicht aufgehoben. Die Reize, mit denen man Reflexbewegungen und

damit Aufhören des Totstellens herbeiführen kann, sind hauptsächlich

Berührungsreize und Wärme. Berührung beliebiger Stellen der

Ober- und Unterseite des Tieres, der Mandibel, der Beine führt zu

Reflexbewegungen.

Wärme, d. h. Erhitzung der Umgebung des Tieres auf ca. 40° C führt

zu sofortiger Aufhebung des Totstellzustandes und zu sehr lebhafter

Bewegung. Beim Anhauchen kommt also als Reiz neben dem Tastreiz die

Wärme sicherlich in Betracht.

2. Die Bereitschaftsstellung.

Bei Tieren aus fast allen Gruppen des Tierreichs, welche man genauer

studiert, findet man, daß sie auf leichte Reize bestimmter Art eine

besondere Stellung und Haltung des Körpers einnehmen. Häufig wird

diese Stellung als eine Droh- und Trutzstellung angesehen. In vielen

Fällen bedeutet sie auch tatsächlich eine Bereitschaft zu Angriff

oder Verteidigung; die Tiere bringen Gliedmaßen, Sehnen, Mundteile in

diejenige Stellung, von der aus sie am schnellsten und erfolgreichsten

diese ihre Waffen zur Schädigung eines etwaigen Gegners oder einer

Beute verwenden können. Ebenso oft handelt es sich aber auch um eine

Bereitschaft zur Flucht, zum Verbergen, zum Einwühlen in die Erde usw.

Ich habe in unserem „Tierbau und Tierleben“ dargestellt, daß die

Tiere, vor allem die höheren Formen, je nachdem wie sie sich in

Gefahr verhalten, in zwei Gruppen eingeteilt werden können, deren

Abgrenzung uns das Verständnis vieler biologischer und psychologischer

Eigentümlichkeiten der Arten eröffnet. Damals habe ich diese

biologischen Gruppen nicht benannt; es erleichtert die Erörterung

mancher Fragen, wenn man einen solchen Gegensatz durch besondere Worte

festlegt. Ich will in Zukunft die Tiere nach ihrem Verhalten in Gefahr

als +Trutztiere+ und +Fluchttiere+ unterscheiden. Scheinbar schwer in

diese Gruppen einzuordnen sind jene Tiere, welche sich bei Eintritt

einer Gefahr totstellen. Ich habe aber in meinem biologischen Werk

auseinandergesetzt, daß es sich beim Totstellen fast stets um eine

durch Besonderheiten des Baues und der Färbung der Tiere geförderte

+Flucht in die Unsichtbarkeit+ handelt.

In diesem Sinne gehört der Ameisenlöwe zu den Fluchttieren. Das weiche,

zarthäutige Tier wäre ja gegen alle seine Feinde, wie Vögel und

Eidechsen, wehrlos. Zur raschen Flucht ist es infolge seiner geringen

Beweglichkeit nicht geeignet. So ist es erklärlich, wenn wir bei ihm

weder eine Bereitschaftsstellung zur Flucht noch eine solche zur

Verteidigung finden.

Wohl zeigt aber der Ameisenlöwe eine sehr charakteristische

+Bereitschaftsstellung+ zum Fang seiner Beute, welche er mit vielen

festsitzenden oder sehr träg beweglichen Tieren gemein hat. Ein Polyp

oder eine Actinie halten ihre um die Mundöffnung angeordneten Tentakel

nach oben ausgebreitet, von wo die Beute an sie herankommen kann.

Squilliden und Mantiden verhalten sich mit ihrem viel komplizierteren

Körperbau in den Grundzügen ganz entsprechend. Sie warten in einer

charakteristischen Bereitschaftsstellung auf ihre Beute. Eine solche

zeigt auch der Ameisenlöwe in freier Natur.

[Illustration: Abb. 15. Ameisenlöwe in Bereitschaftsstellung außerhalb

des Sandes, von der Seite gesehen.]

[Illustration: Abb. 16. Ameisenlöwe in Bereitschaftsstellung außerhalb

des Sandes, von oben gesehen.]

Beobachten wir einen Ameisenlöwen bei warmem Wetter und Sonnenschein

in seinem Sandtrichter, so sehen wir ihn eine bestimmte Körperhaltung

einnehmen. Sein schief nach unten im Sand steckender Rumpf ist mit der

Hinterleibsspitze nach unten gekrümmt. Die Beine haben keine andere

Stellung als während des Totstellens. Der Kopf dagegen ist steil nach

oben gerichtet, wobei die Biegung in dem Kopf-Halsgelenk erfolgt.

Seine Vorderseite ist direkt nach vorn gewandt. Die Fühler sind weit

abgespreizt und ebenso die Mandibel mehr oder weniger weit, meist

maximal, auseinandergesperrt (Abb. 15 und 16). Von diesem Zustand

aus erfolgt außerordentlich leicht der Schnappreflex, welcher fast

stets zur Ergreifung eines die Rückenseite des Tieres berührenden

Gegenstandes führt.

Aus dieser Bereitschaftsstellung erfolgt im Trichter stets die

Ergreifung der Ameisen. Leichte Reize, z. B. durch das Herabrollen

von Sandkörnchen veranlaßt, bringen das Tier zur Annahme der

Bereitschaftsstellung. Auch experimentell kann man außerhalb des Sandes

durch leichte Berührungsreize der Oberseite von Hals und Thorax das

Tier ohne weiteres in die Bereitschaftsstellung bringen. Dabei hebt das

Tier Kopf und Vorderteil sehr stark in die Höhe, so daß auch das erste

Beinpaar schief in die Luft ragt und den Boden nicht berührt. In dieser

Stellung kann es oft lange Zeit verweilen, wobei die Gliedmaßen ähnlich

starr sind wie beim Totstellen. Meist sinkt aber außerhalb des Sandes

nach einiger Zeit der Kopf auf die Unterlage herunter, während die

Mandibel weit gespreizt bleiben.

Ist das Tier in seinem Trichter nicht in Bereitschaftsstellung,

so nimmt es nach einem Reiz letztere zuerst an, um dann erst den

Schnappreflex auszuführen. So erklärt es sich, wenn z. B. +Comes+

glaubt, daß eine Ameise erst nach einigem Zappeln am Grunde des

Trichters von der Larve gefaßt werde. Normalerweise aus der

Bereitschaftsstellung heraus erfolgt die Ergreifung der Ameise in einem

Bruchteil einer Sekunde.

3. Die Umdrehreaktion.

In der Natur kommt es gelegentlich vor, daß Ameisenlöwen bei ihren

Wanderungen einen Abhang hinunterkollern und dann auf dem Rücken

liegenbleiben. Dasselbe ereignet sich häufig, wenn man die Tiere fängt.

Nach einer kurzen Zeit des Totstellens pflegen sie sich dann in die

Bauchlage umzudrehen.

Um diese +Umdrehreaktion+ genauer zu prüfen, wurden zahlreiche

Experimente von mir ausgeführt, bei denen das Tier schnell, ohne Druck

und sonstige gröbere Reizung aus dem Sand genommen und auf den Rücken

gelegt wurde. In der Mehrzahl der Fälle sind die Reize, welche bei

diesem Vorgang auf das Tier einwirken, immerhin stark genug, um zu

veranlassen, daß es sich totstellt. Wenn die charakteristische Frist

abgelaufen ist, also, wie wir gehört haben, in der Regel 3-5 Minuten,

erfolgt ganz plötzlich das Umdrehen des Tieres auf seine Bauchseite.

Die Umdrehung geht in einem Bruchteil einer Sekunde vor sich; es ist

daher sehr schwer, die Einzelhandlungen zu beobachten, welche das Tier

dabei vornimmt.

Man kann ziemlich deutlich sehen, daß eine Durchbiegung des ganzen

Körpers erfolgt, wobei hauptsächlich starke Einknickung in den Gelenken

zwischen Kopf und erstem Thorakalsegment und zwischen dem ersten und

zweiten Thorakalsegment stattfindet. Indem auch der Hinterleib nach

unten durchgebogen wird, macht das Tier sozusagen einen hohlen Rücken.

Nach Annahme dieser Stellung gibt es sich plötzlich einen Stoß nach der

einen Seite und rollt auf seine Bauchseite herum.

Bei der Schnelligkeit der Bewegung war es nicht ganz leicht, den Hebel

ausfindig zu machen, welcher diese Seitwärtsbewegung verursacht. Es

lag am nächsten, ihn in einer der Extremitäten des Tieres zu suchen.

Um dies festzustellen, wurden folgende Experimente durchgeführt. Am

3. Juni 1912 wurde einem frisch gefangenen großen Exemplar das linke

Mittelbein am Hüftgelenk amputiert; es trat ein sehr großer, klarer,

gelblicher Blutstropfen hervor. Keine Bewegung oder sonstige Reaktion

des Tieres zeigte eine Wirkung der Amputation an. Das Tier vermochte

sich noch sehr gut umzudrehen, weder die Schnelligkeit noch die

Promptheit der Reaktion war irgendwie beeinträchtigt.

Darauf wurde dem Tier auch das rechte Mittelbein amputiert. Es

machte nun zuerst vergebliche Umdrehungsversuche, offenbar unter der

Einwirkung der Operation, welche wohl eine Schwächung des Tieres

oder, exakter ausgedrückt, eine Herabsetzung des Tonus seiner Gewebe

zur Folge hatte. Nach wenigen Minuten konnte es aber wieder die

Umdrehreaktion mit vollkommener Präzision ausführen.

Da nur die Mittelbeine hinreichend weit über den Körper hervorstehen,

um bei der Umdrehreaktion eine Hebelwirkung auszuüben, während Vorder-

und Hinterbeine dem Körper angeschmiegt gehalten werden, mußte die

Ursache der Seitwärtsbewegung ganz anderswo gesucht werden. Es bot sich

mir ein einfaches Mittel, um trotz der Schnelligkeit der Umdrehung

die einzelnen Phasen derselben festzulegen. Ich legte die Tiere auf

berußtes Registrierpapier und ließ sie da ihre Umdrehungsreaktion

ausführen. Hat man die Tiere mit dem Rücken auf das Registrierpapier

gelegt, so empfiehlt es sich, sie nicht aus dem Auge zu lassen,

denn in vielen Fällen setzen sie sich nach der Umdrehung sofort in

Bewegung, und es kann dann vorkommen, daß sie über die Umdrehungsspur

hinwegkriechen und diese dadurch unlesbar machen. Man muß sie also

nach erfolgter Umdrehung sorgfältig und schnell vom Registrierpapier

abheben.

Ist das mit genügender Sorgfalt geschehen, so erkennt man, daß der

Umdrehungsvorgang auf dem Registrierpapier nur eine ganz geringe

Spur hinterlassen hat. Die Abbildungen zeigen deutlich, daß nur

das hinterste Körperende und die Kopfregion eine kräftige Spur

aufgezeichnet haben, während von dem dazwischen liegenden Körper nur

die Spitzen einiger vorstehenden Borsten durch feine Striche Zeugnis

ablegen. Ist das Tier nach der linken Seite herübergeklappt, so sieht

man nach der rechten Seite zu einen kräftigen Strich schief nach vorn

ziehen (Abb. 17). Die Beobachtung zeigt uns ohne weiteres, daß es sich

um den Abdruck einer oder beider Mandibel handelt. Sie waren also der

Hebel, welcher bei der Drehung gewirkt hat. Indem beim Stemmen der Kopf

eine Drehung nach der einen Seite macht und nach dieser Seite kräftig

vorgestoßen wird, kippt der Körper nach der anderen Seite hinüber.

Dabei bleiben vielfach beide Mandibel geschlossen; oft aber sieht man,

daß die eine stark abgespreizt wird. Es ist stets die in der Richtung

der Kopfabbiegung gelegene, so daß also durch sie die Hebelbewegung

wesentlich unterstützt wird.

[Illustration: Abb. 17. Zwei Aufzeichnungen von Umdrehreaktionen des

Ameisenlöwen p und p². + Licht-, − Dunkelseite. Kopf (Vorderende) des

Tieres in der Richtung des Pfeils, also rechts in der Abbildung. Man

beachte auf der +-Seite jeder Aufzeichnung den kräftigen, von der

Mandibel gezogenen Strich. Die Umdrehung erfolgte jedesmal nach der

Schattenseite −, also nach unten in der Abbildung.]

Beim Abbiegen des Kopfes nimmt an der Krümmung das erste

Thorakalsegment teil; es bildet dann mit dem Kopf ein einheitliches

System. Die Bewegung erfolgt mit einem sehr starken Ruck; es ist dies

eine der typischen Reflexbewegungen des Tieres, auf deren vielseitige

Bedeutung wir später noch oft werden zurückkommen müssen.

Der Umdrehreflex tritt stets nach längerer oder kürzerer Zeit ein;

ein lebenskräftiges Tier bleibt nie viele Stunden lang auf dem Rücken

liegen. Die Tendenz zum Umdrehen überwiegt auf die Dauer immer über

jene zum Totstellen. Nach erfolgter Umdrehung bleibt aber das Tier oft

in der Bauchlage noch lange, sich tot stellend, liegen (vgl. S. 29).

Diese eigentümliche Umdrehreaktion veranlaßt unwillkürlich zur Stellung

einiger Fragen:

1. Haben die Tiere eine Tendenz, sich regelmäßig nach einer bestimmten

Seite zu drehen?

2. Welcher Sinn erlaubt es den Tieren, zwischen Oben und Unten zu

unterscheiden?

Bei den verschiedenen Umdrehversuchen war mir aufgefallen, daß

tatsächlich die Tiere die ausgesprochene Tendenz zeigten, nach einer

bestimmten Seite sich umzudrehen. Ich vermutete zuerst, daß es sich

um ein ähnliches Phänomen handeln könne, wie es +Jennings+ bei dem

Seestern +Asterias Forreri+ beschrieben hat. Dieses Tier zeigt

die Tendenz, sich nach demjenigen Arm umzudrehen, auf den es beim

Niedersinken im Wasser zuerst auffiel. Auch bei dem Ameisenlöwen

beeinflußt ein äußerer Reiz die Umdrehungsrichtung.

Schon bei den auf Rußpapier registrierten Umdrehversuchen fiel es auf,

daß die Aufzeichnung der Mandibel stets nach einer bestimmten Seite

zeigte, und zwar war es fast stets die dem Lichte zugewandte Seite. Der

Körper wälzt sich beim Umdrehen immer vom Licht weg. Um festzustellen,

ob es sich dabei um eine regelmäßige Erscheinung handle, habe ich eine

große Anzahl von Umdrehungsversuchen gemacht und genau beobachtet.

Zu diesen Versuchen legte ich die Tiere so auf die Unterlage, daß

ihre Längsachse dem Einfall der Lichtstrahlen gegenüber senkrecht

stand; das Licht fiel also auf eine Seite des Tierkörpers, während die

andere im Schatten war. Ich drehte dann die Tiere ohne starke Reizung

auf die Rückseite und beobachtete die Umdrehung. Am 15. Sept. 1914

wurde mit 5 Exemplaren experimentiert, von denen No. 1 sich siebenmal

nacheinander nach der Schattenseite umdrehte; ebenso No. 2 siebenmal,

No. 4 fünfmal, No. 5 fünfmal. No. 3 jedoch war sehr lebhaft und drehte

sich häufig unmittelbar, nachdem es in die Rückenlage gebracht war,

um. Dann erfolgte die Drehung bald nach der Licht-, bald nach der

Schattenseite. Ich drehte die Tiere meist in der Weise um, daß ich mit

einer Präpariernadel unter das zweite Bein der einen Seite faßte und

das Tier um seine Längsachse drehte. Manchmal schien es mir, als drehe

sich das Tier bei sehr rascher Umdrehung nach der Seite, an welcher das

Bein angefaßt worden war. Es ließ sich aber in dieser Beziehung keine

Regelmäßigkeit feststellen.

Es spielt also bei der Umdrehreaktion das Licht offenbar eine

bestimmende Rolle. Es lag daher nahe, die Frage zu untersuchen, ob

nicht der Lichtsinn es sei, welcher dem Tier die Unterscheidung

zwischen Unten und Oben gestattet, ähnlich wie dies bei vielen

freischwimmenden Wassertieren der Fall ist. Zur Untersuchung dieser

Frage wurden Exemplare des Ameisenlöwen im Dunkelzimmer auf eine

Glasplatte gebracht, welche durch eine elektrische Glühlampe von 32 HK

von unten beleuchtet war. Die Tiere wurden auf dieser Glasplatte auf

die Rückenseite gedreht. Alle drehten sich nach kurzer Zeit, trotz der

die Augen wie normales Oberlicht treffenden Unterbeleuchtung, rasch

und sicher um. Es ist also nicht das Licht, welches ihre Orientierung

zur Erdoberfläche vermittelt. Sie haben keinen +Lichtrückenreflex+

(+Buddenbrock+).

Bei der Unterbeleuchtung zeugten die Tiere nach erfolgter Umdrehung

eine große Lebhaftigkeit und bewegten sich in sehr merkwürdigen

Haltungen rasch hin und her. Wir werden später sehen, daß das Licht

eine sehr wesentliche und ihre Bewegungen richtende Einwirkung auf sie

hat.

Um festzustellen, ob die Tiere zwischen Oben und Unten unterscheiden

können, wurden noch weiter folgende Experimente gemacht. Es wurden

Exemplare von Ameisenlöwen mit Hilfe eines Wachsklümpchens an einem

Faden befestigt, mit dessen Hilfe sie frei aufgehängt wurden. Bei

mehreren Individuen wurde der Faden in der Mitte der Rückenfläche auf

dem dritten Thorakalsegment, bei anderen an der Bauchseite zwischen

den Basalgliedern des zweiten und dritten Beinpaares befestigt. Die

aufgehängten Individuen nahmen eine ganz bestimmte Haltung ein.

Einerlei, ob sie mit der Rücken- oder mit der Bauchseite nach unten

gerichtet waren, hatten sie den Bauch etwas eingekrümmt, hielten den

Kopf und Hals sehr tief, schief gegen die Bauchseite gerichtet, die

Hinterleibsspitze eingekrümmt, wie dies die nebenstehenden Abbildungen

(Abb. 18) zeigen. Alle Beinpaare waren vom Körper abgespreizt, vor

allem das erste und zweite, aber auch das dritte; letzteres war vor

allem bei denjenigen Exemplaren der Fall, welche mit der Bauchseite

nach oben aufgehängt waren. Das zweite Beinpaar wurde, wie beim

Totstellen, ganz steif gehalten, während das erste und dritte Paar

auch ziemlich starr waren, sich aber immerhin biegen ließen. Die ganze

Haltung entsprach also im allgemeinen der beim gewöhnlichen Totstellen;

dem entspricht wohl auch die erste Reaktion der aufgehängten Tiere.

[Illustration: Abb. 18. Ameisenlöwen an Fäden aufgehängt. a Bauchseite

nach oben; b Rückenseite nach oben; c Reaktion des letzteren.]

Die aufgehängten Exemplare bleiben auffallend lange Zeit vollkommen

unbeweglich. Es kann dies 20 Minuten, eine halbe Stunde, unter

Umständen auch stundenlang dauern. Dann beginnen sie scheinbar spontan

Bewegungen auszuführen. Es sind dies Zappel- oder Ruderbewegungen

aller sechs Beine; auf diese folgen Einkrümmung des Kopfes nach oben

und unten, ebenso der Hinterleibsspitze; dazu kommen eigenartige

nutierende Bewegungen des Kopfes, als ob dieser ein Widerlager suchte.

Auch ohne daß er ein solches findet, werden typische +Schleuderreflexe+

ausgeführt. Diese sind mit dem +Schnappreflex+ kombiniert und

führen oft zur Erfassung des Aufhängefadens mit den Mandibeln des

Tieres. Da es vollkommen ausgeschlossen ist, von dem Tier unter den

Verhältnissen des Experiments alle Reize auszuschließen, während man

das Tier beobachtet, so zweifle ich sehr, daß die Bewegungen nur

zentral ausgelöst sind. Sie sind nämlich sehr leicht durch dem Tier

experimentell applizierte Reize zu veranlassen. So wirken z. B. schon

relativ geringe Erschütterungen auf das Tier ein; man braucht bloß auf

den Tisch zu klopfen oder den Stab zu berühren, an welchem der das Tier

tragende Faden aufgehängt ist. Vor allem wirken aber Berührungsreize,

und zwar sowohl Berührung der Oberseite als auch der Unterseite. Mit

der Bauchseite nach unten hängende Tiere, unter welche man einen

Spachtel, ein Stück Pappe oder Stoff hält, führen sofort den Schleuder-

und Schnappreflex aus. Es geschieht dies nicht nur bei Berührung der

ganzen Unterseite, sondern auch, wenn nur ein Teil derselben, des

Kopfes, des Rumpfes oder nur der hinterste Teil des Hinterleibes

berührt wird. Allerdings scheint die Reizempfindlichkeit gegen das

Hinterende des Abdomens etwas abzunehmen (vgl. unten Abschn. V, 5.

Tastsinn).

Der Umdrehreflex, welcher, wie wir noch genauer sehen werden, mit dem

Schleuderreflex vollkommen identisch ist, wird ganz in derselben Weise

ausgeführt, wenn statt der Unterseite irgendeine Stelle der Oberseite

des Tieres, also seines Kopfes, Rumpfes oder Hinterleibes berührt wird.

Ganz das Entsprechende geschieht, wenn die Beine einem solchen Reiz

ausgesetzt werden.

Die Bewegungen der hängenden Tiere hören immer nach einiger Zeit auf,

und es tritt wieder vollkommene Bewegungslosigkeit ein. Nach einer

Pause von verschiedener Länge (5 Minuten, eine halbe Stunde, oft auch

viele Stunden) werden die Bewegungen wieder aufgenommen. Oft geschieht

das auf einen deutlichen äußeren Reiz hin; noch öfter konnte ich einen

solchen nicht wahrnehmen. In den meisten Fällen, in denen solche

beobachtet wurden, handelte es sich um Erschütterungsreize oder Reizung

durch Luftbewegung. Auch Wärme und Lichtreize haben den gleichen Effekt.

Es ergibt sich also aus all diesen Versuchen, daß bei dem Tier wohl

kein besonderes Sinnesorgan geotropischer Natur vorhanden ist.

Jedenfalls brauchen wir ein solches zur Erklärung des Umdrehreflexes

nicht heranzuziehen. Vielmehr handelt es sich um eine auf Reiz hin

erfolgende, vollkommen automatisch ablaufende, typische Bewegung,

welche von dem Tier in jeder Lage ausgeführt wird. Nur wenn das Tier

zufällig auf der Rückenseite auf einer festen Unterlage liegt, führt

die reflektorische Bewegung zur Umdrehung. Es ist genau dieselbe

Bewegung, welche beim Sandschleudern angewandt wird, welche unter

bestimmten örtlichen Verhältnissen zur Umdrehung führt. Wir können also

feststellen, daß die Umdrehreaktion durch den +Schleuderreflex+ bewirkt

wird. Manchmal ist er mit dem +Schnappreflex+ kombiniert (vgl. S. 62).

Und es sind +Berührungsreize+, welche den Umdrehreflex auslösen.

Offenbar wirkt die Berührung der Unterseite des Tieres mit der

Unterlage beruhigend auf das Tier, wenn das Tier selbst auf diese

einen gleichmäßigen, sich nicht ändernden Druck ausübt. Bei Rückenlage

wirkt aber der Druck des eigenen Gewichtes als Reiz, welcher vor

allem bei Bewegungen des Tieres selbst den Umdrehreflex auslöst.

Es ist also der Umdrehreflex durch Tangorezeption bewirkt, die

verschiedene Empfindlichkeit der Ober- und Unterseite des Tieres wird

die Unterscheidung von Oben und Unten ermöglichen. Es ist daher nicht

angebracht, von +Geotaxis+ beim Ameisenlöwen zu sprechen, wie es

+Comes+ tut. Hervorzuheben ist, daß auf dem Rücken liegende Tiere viel

länger ruhig liegenbleiben, ohne die Umdrehung auszuführen, wenn man

ihnen etwas Sand auf die Bauchseite streut. Aber es wird dadurch die

Umdrehung nicht vollkommen verhindert. Nach kürzerer oder längerer Zeit

erfolgt sie dennoch.

4. Die Wanderbewegungen.

Während bei manchen Verwandten des Ameisenlöwen, z. B. bei der bei

uns in Süddeutschland nicht seltenen Gattung Ascalaphus, die Larven,

frei umherwandernd, sich ihre Nahrung suchen, findet man unsere

gewöhnlichen Ameisenlöwen in der freien Natur selten auf der Wanderung.

Experimentell kann man sie leicht zu Wanderungen veranlassen, welche

zum Teil gar nicht unbeträchtliche Leistungen darstellen. Hat man

sie aus dem Sand herausgegraben, oder haben sie eine Umdrehreaktion

ausgeführt, so pflegen sie nach einiger Zeit sich in Bewegung zu setzen.

Die Art ihrer Bewegung ist sehr charakteristisch; sie erfolgt nämlich

+stets nach rückwärts+, die Hinterleibsspitze wird vorangeschoben, der

Kopf folgt nach. Genauere Untersuchungen und zahlreiche Experimente

haben mir gezeigt, daß das Tier sich überhaupt nur rückwärts zu

bewegen vermag. Darauf deutet schon seine ganze Organisation hin: die

hinten zugespitzte Gestalt des Körpers, die nach vorn gerichteten

Borstenbüschel und -ringe auf dem ganzen Körper, die Stellung und

Einlenkung der Beine. Bei den vielen Hunderten von Experimenten, die

ich mit dem Tier ausführte, kamen nur einige wenige Fälle vor, in denen

das Tier sich für eine minimale Strecke mit dem Kopf nach vorn bewegte.

Diese Tatsache ist schon lange bekannt. Ebenso ist oft beobachtet

worden, daß diejenigen Myrmecoleontiden, welche keine Trichter bauen,

alle vorwärts zu laufen vermögen. Ja, es gibt auch trichterbauende

Formen, welche vorwärts laufen können.

Die Bewegung erfolgt stets ruckweise. Auch macht das Tier fast stets,

wenn es einige Zentimeter zurückgelegt hat, eine mehr oder minder lange

Ruhepause, ehe es sich von neuem in Bewegung setzt.

Der Ameisenlöwe · 第 3 / 12 段