Wir haben früher schon geschildert, daß sich die Trichter der

Ameisenlöwen an solchen Stellen finden, wo unter einer überhängenden

Böschung gleichmäßig feine Sand- oder Erdmassen von trockener

Beschaffenheit sich angehäuft haben (vgl. Abb. 1). Die Oertlichkeit

ist vor Wind geschützt, so daß dort der feine Sand sich ansammeln und

die Wärme an schönen Tagen gespeichert werden und nachwirken kann.

An solchen Stellen fällt das Licht meist hauptsächlich von einer

Seite ein; fast stets kann relativ helles Licht von der Seite, welche

der Böschung abgewandt ist, bis in die Tiefe des Trichters dringen.

Vielfach kann man nun beobachten, daß die eingegrabenen Ameisenlöwen

insofern eine bestimmte Stellung zum einfallenden Licht einnehmen, als

das Vorderende ihres Kopfes vom Einfall der Lichtstrahlen abgekehrt

ist (Abb. 13). Ich habe so gut wie immer die Tiere in der angegebenen

Stellung gefunden, oft 10-20 Trichter hintereinander daraufhin

kontrolliert. Nachdem ich diese Feststellung gemacht hatte und vorher

schon ihre physiologischen Grundlagen experimentell erforscht hatte,

konnte ich ohne Suchen aus jedem Trichter den Ameisenlöwen mit einem

Griff der Pinzette herausfischen.

[Illustration: Abb. 13. Einstellung des Ameisenlöwen am Grund seines

Trichters. Der Pfeil gibt die Richtung des Lichteinfalls an.]

Der Körper des Ameisenlöwen ist am Grunde des Trichters vollkommen in

den Sand eingewühlt, wobei er eine Neigung von 45 Grad einnimmt. Die

Hinterleibsspitze ist schief nach unten gerichtet, Teile des Kopfes

sehen am Grunde des Trichters gerade aus dem Sand heraus. Meist sind

nur Teile der Stirn mit den Augen und Fühlern sowie die Mundwerkzeuge

vom Sande unbedeckt. So liegt das Tier bewegungslos; stundenlang sehen

wir an ihm keine Veränderung, wenn in seiner Umgebung keine solche

erfolgte (Abb. 14).

[Illustration: Abb. 14. Stellung des Ameisenlöwen am Grund seines

Trichters.]

In der Regel dauert es aber bei Tage nicht allzu lange, bis ein Vorgang

in der Umgebung das Tier aus seiner Ruhe aufstört. Die sonnigen

Waldränder und Böschungen, an denen die Ameisenlöwen vorkommen, sind

der Tummelplatz zahlreicher beweglicher Insekten. Vor allem sehen wir

da Ameisen und Spinnen auf andere Insekten Jagd machen. Diese Räuber,

sowie herumlaufende Käfer, anfliegende Dipteren und Hymenopteren

geraten gelegentlich an den Rand eines Ameisenlöwentrichters. Dann

lösen sie wohl am oberen Rande des Trichters einige Sandkörnchen los,

welche in die Tiefe hinabrollen und auf den Kopf der Larve fallen.

In den meisten Fällen entledigt sich diese ihrer sofort, indem sie

sie mit einer eigentümlichen Schleuderbewegung wieder gegen den

oberen Trichterrand wirft. Nicht selten aber ereignet es sich, daß

eines der Tiere beim Betreten des Trichterrandes an dessen steiler

Wand hinabrutscht. Es kann vorkommen, daß es, ohne Halt zu finden,

in einem Zug bis in die Tiefe des Trichters hinunterfällt. Wenn sich

dabei nicht allzu viele von den Sandkörnern der Trichterwand losgelöst

haben, so daß der Kopf des Ameisenlöwen noch freiliegt, dann fällt

das Opfer direkt zwischen die Kiefer des unten lauernden Räubers.

Dieser hält nämlich in hungerndem Zustand seine Mandibeln soweit

klaffend auseinander, daß sie einen sehr stumpfen Winkel zueinander

oder gar mit dem Vorderrand der Stirn eine nahezu gerade Linie bilden.

Sobald das Insekt unten angelangt ist, schnappen die Kiefer über ihm

zusammen und lassen nicht wieder los. Das Opfer beginnt je nach seinem

Temperament mehr oder weniger stürmische Bewegungen zu machen, um sich

aus der Umklammerung zu befreien. Ist es aber richtig gefaßt worden,

so gelingt ihm dies niemals. Der Ameisenlöwe steckt so fest im Sand,

daß selbst größere und schwerere Tiere ihn nicht aus seiner Verankerung

herauszureißen vermögen; ja sie verschütten bei ihren Bewegungen

ihn und oft sogar sich selbst immer tiefer in den von den Seiten

herabrieselnden Sand. Der Ameisenlöwe selbst sucht durch nach hinten

gerichtete Bewegungen sich immer tiefer einzuwühlen.

Der Ameisenlöwe hat seinen Namen daher, daß seine normale Beute

Ameisen sind. Diese gewandten und beweglichen Tiere vermögen sich oft

beim Herabrutschen noch an der Wand des Trichters anzuklammern, ja

sogar, wenn dieser nicht zu steil ist, wieder aufwärts zu kriechen.

Unter ihren Tritten lösen sich dann Sandkörnchen los, welche wiederum

auf den unten lauernden Ameisenlöwen hinabkollern. Kaum wird er von

den Sandkörnchen berührt, so beginnt er einen Hagel von solchen nach

oben gegen die Böschungen des Trichters zu schleudern. Indem diese

hinabrollen, reißen sie Teile der Böschung mit sich, und in den meisten

Fällen wird die emporkletternde Ameise dabei mitgenommen und fällt in

die für sie offenstehende Falle.

Die vom Ameisenlöwen erfaßte Beute wird nicht eher losgelassen, bis

sie ausgesaugt ist. Zu diesem Geschäft dient der Larve der Apparat von

Saugröhren, den Mandibel und Maxillen der beiden Seiten zusammen bilden

und dessen feinen und eigenartigen Bau wir oben geschildert haben. Die

Nahrungsaufnahme im einzelnen findet an anderer Stelle ihre Darstellung.

Von dem ausgesaugten Insekt bleibt die leere Chitinhülle zurück,

welche der Ameisenlöwe von seinen Kiefern abstreift. Nach einiger

Zeit wird sie mit dem naturgemäß auf seinen Kopf herabsickernden Sand

von ihm weggeschleudert. So finden wir denn sehr oft, wenn längere

Windstille vorausgegangen ist, in der Nähe eines solchen Trichters

einen ganzen Kranz von ausgesaugten Ameisenleichen. Um sie herum liegen

die Steinchen, die das Tier ebenfalls fortgeschleudert hat. Liegt der

Trichter nahe am Rand einer Böschung, so zieht sich von ihm ein Wall

von Sand und Steinchen nach unten, ähnlich den Schutthaufen am Ausgange

von Bergwerken.

Wer in freier Natur mit Sorgfalt und Beobachtungsgabe die Trichter von

Ameisenlöwen beobachtet, wird mit Leichtigkeit feststellen, daß sie

an solchen Orten sich befinden, wo infolge der örtlichen Bedingungen

Ameisen und andere Insekten zu den geeigneten Tageszeiten in Menge

umherschweifen. Die Bemerkung des sizilianischen Zoologen +Comes+, daß

er stundenlang die Umgebung von Trichtern der Ameisenlöwen beobachtet

habe, ohne eine Ameise oder den Fang einer solchen zu bemerken, braucht

daher kaum erwähnt zu werden. Wer so viele Ameisen in die Trichter der

Larve im Freien fallen sah, wie ich, wird wohl an der Tauglichkeit der

Beobachtungsmethoden jenes Forschers zweifeln.

IV. Das Verhalten des Ameisenlöwen unter experimentellen Bedingungen.

1. Das Totstellen.

Fängt man im Freien Ameisenlöwen ein, oder holt man sie in der

Gefangenschaft aus ihren Trichtern oder aus dem Sand heraus, so

pflegen sie vollkommen starr, wie leblos, liegenzubleiben. In freier

Natur kommt es beim Fangen der Ameisenlöwen häufig vor, daß der

Sand ihrer Trichter abrutscht, oder daß sie selbst die Sandböschung

hinabgleiten. Es ist dann sehr schwer sie aufzufinden, da sie ihrer

Umgebung außerordentlich ähnlich sehen. Wir haben zwar früher gehört,

daß der Ameisenlöwe eine charakteristische Zeichnung besitzt, auch

sind seine Mundteile und Partien seines Kopfes sehr dunkel gefärbt.

Um diese Färbungen zu erkennen, muß man aber ein unter normalen

Verhältnissen gefangenes Tier erst abwaschen; denn zwischen den

zahlreichen Haaren, welche seinen Körper bedecken, haften unzählige

feinste Sandpartikelchen fest, welche jeweils dem Tier vollkommen die

Färbung seiner Umgebung verleihen. Diese täuschende Aehnlichkeit mit

der Umgebung wird zu einer für das Tier außerordentlich nützlichen

Eigenschaft, da es in den ersten Minuten, nachdem es aus dem Sand

herausgewühlt ist, völlig bewegungslos verharrt. Hat man beim Fangen

durch Ungeschicklichkeit ein Tier auf die gleichförmige Sandfläche

fallen lassen, so ist es für unser Auge wie verschwunden. Will man es

noch einfangen, ist am zweckmäßigsten die Umgebung des Fundortes ganz

scharf im Auge zu behalten; dann wird man nach einigen Minuten an den

neu beginnenden Bewegungen des Tieres oder an rieselnden Sandkörnern

den Ort wahrnehmen, an dem es sich befindet. Die Bewegungslosigkeit,

welche das Tier dem Auge des Menschen entzieht, mag es auch vor

natürlichen Verfolgern, z. B. insektenfressenden Käfern, Eidechsen oder

Vögeln, schützen.

Es gleicht also dieses +Totstellen+ des Tieres den Gewohnheiten, welche

wir bei vielen anderen Tieren als charakteristische Schutzanpassungen

kennen. Sehr viele Krebse und Insekten, aber auch höhere Tiere,

wie z. B. Reptilien, Vögel, ja selbst manche Säugetiere nehmen im

Moment der Gefahr eine starre Haltung ein. Vielfach genügt schon die

Bewegungslosigkeit, um sie vor ihren Verfolgern, deren Augen vorwiegend

auf Bewegungsehen eingerichtet sind, zu sichern. Sehr häufig wird die

Wirkung der Bewegungslosigkeit durch eine weitgehende Aehnlichkeit

mit der Umgebung verstärkt, so z. B. bei Blatt- und Stabheuschrecken,

Krebsen mit sympathischer Färbung usw.

Die Dauer des Totstellens ist bei den verschiedenen Individuen des

Ameisenlöwen und bei demselben Individuum zu verschiedenen Zeiten

eine ganz verschieden lange. Im allgemeinen kann man beobachten,

daß ein Tier, welches ohne übermäßige Gewaltanwendung aus dem Sand

herausgenommen worden ist, etwa 3-5 Minuten lang vollkommen stillhält.

Dann erst beginnt es mit ganz langsamen vorsichtigen Bewegungen. Diese

Frist ist bei hoher Temperatur der Umgebung kürzer, bei niederer länger.

Es kommt aber auch vor, wenn auch selten, daß aus dem Sand

herausgenommene Tiere sich sofort wieder zu bewegen beginnen. Es ist

dies besonders bei hoher Temperatur, oder wenn die Individuen durch

fortgesetzte Reize in Erregung versetzt sind, der Fall.

Beispiele:

1 Individuum 3. Sept. 1915 totgestellt 10ᑋ 37′, umgedreht 10ᑋ 39′,

1 „ „ „ „ „ 10ᑋ 40′, „ 10ᑋ 44′,

1 „ „ „ „ „ 10ᑋ 42′, „ 10ᑋ 50′,

1 „ „ „ „ „ 10ᑋ 50′, „ 11ᑋ 06′,

1 „ „ „ „ „ 10ᑋ 44′, „ 11ᑋ 14′.

Viel häufiger aber bleiben die Tiere länger, oft sogar sehr viel länger

als 5 Minuten, in ihrer starren Haltung. Oft dauert das Totstellen eine

halbe, ja oft mehrere Stunden. Bisweilen ist es bei meinen Experimenten

vorgekommen, daß die Tiere mehrere Tage lang bewegungslos verharrten,

was zunächst nur dadurch festgestellt werden konnte, daß die Tiere

ihren Platz nicht verlassen hatten. In einzelnen Fällen wurde der

exakte Nachweis für die Bewegungslosigkeit dadurch erbracht, daß die

Tiere auf ein berußtes Registrierpapier gelegt wurden, auf welchem

jede einigermaßen erhebliche Bewegung des Körpers und der Gliedmaßen

sich hätte aufzeichnen müssen. Wenn wir in einem späteren Abschnitt

die Bewegungsweise des Tieres genauer analysiert haben werden, wird

sich ohne weiteres ergeben, daß das Verbleiben des Tieres am Orte

schon allein dafür spricht, daß es keine seiner sehr typischen

Körperbewegungen, auch keine erheblichen Gliedmaßenbewegungen während

der Zwischenzeit ausgeführt hatte. Meist wurden bei diesen Versuchen

die Tiere auf den Rücken gelegt. Ein Exemplar beobachtete ich im Jahre

1911, welches 10 Tage lang regungslos an der Oberfläche des Sandes lag,

gerade nur mit der Schwanzspitze eingewühlt. Am 17. November reagierte

es auf die Erschütterung beim Oeffnen der Glasdose mit Bewegung und

Schnappen. Eine dargebotene, zwischen die Mandibel gehaltene Ameise

wurde gepackt und ausgesaugt. Es handelte sich also nicht um ein

absterbendes Tier; immerhin ist hervorzuheben, daß die Beobachtung in

den Anfangsmonaten des Winters erfolgte, welche für die Ameisenlöwen

eine relative Ruheperiode darstellen.

Einerlei, ob die Tiere auf dem Bauch oder auf dem Rücken lagen, stets

nahmen sie während des Totstellens eine typische Haltung ein. Der Kopf

war tief geneigt, die Schwanzspitze nach unten eingebogen, somit der

ganze Körper stark nach der Bauchseite eingekrümmt. Die Kiefer waren

beinahe geschlossen, der Kopf etwas angezogen. Zu seinen beiden Seiten

ragten die Beine des ersten Paares gerade nach vorn, während das dritte

Beinpaar an den Hinterleib angezogen war und nicht über dessen Umriß

seitlich hervorschaute. Das zweite Beinpaar dagegen war nach den Seiten

weit vom Körper abgespreizt und stand von dessen Längsachse entweder

in einem rechten oder doch in einem Winkel von annähernd 90 Grad ab.

Während der ganzen Zeit hielt das Tier seinen Körper sehr steif. Durch

Biegungsversuche mit Nadel und Pinzette ließ sich feststellen, daß die

Gelenke der Körpersegmente starr gehalten werden, so daß der Körper

sich nicht biegen ließ. Das gleiche gilt für die Mundgliedmaßen und das

zweite Beinpaar. Das letztere ist in den Gelenken vollkommen gesperrt,

so daß man das Tier mit einer Nadel an einem Bein vollkommen umdrehen

kann. Das erste und dritte Beinpaar dagegen bleiben in den Gelenken

weich und beweglich; man kann ihnen künstlich beliebige Stellungen

geben, während das zweite Beinpaar bei Biegungsversuchen stets wieder

in seine starre Haltung zurückschnellt.

Während des Totstellens bleiben Körper, Kopf und Beine in ganz starrer

Haltung und werden nicht bewegt. Nur an den Antennen, den Lippentastern

und den Mandibeln kann man dann und wann ein leises Zucken und Zittern

erkennen.

Die Starrheit ist am ausgesprochensten kurz nach Eintritt des

Totstellens; dann kann sie sich auch auf das erste und zweite Beinpaar

erstrecken. Allmählich werden die Gelenke wieder weich, zuerst

an der Mandibel, dann an den Beinpaaren, und zuletzt am zweiten;

endlich werden auch die Gelenke des Kopfes, Halses und Rumpfes wieder

beweglich. Die anfangs herabgesetzte Reizbarkeit steigert sich nun

wieder, und man kann schwer an dem Tier experimentieren, ohne es zu

kräftigen Reflexen und neuer Beweglichkeit zu erwecken.

In der freien Natur in ihrem Sand findet man die Tiere in der starren

Haltung auch nach starkem Regenwetter vor. An Orten, an denen man

ihr Vorkommen genau aufgezeichnet hat, kann man sie dann unter den

verschütteten Trichtern im nassen Sand eingebacken finden. Bei solchen

Individuen dauert es oft ziemlich lange, bis sie wieder normale

Bewegungen ausführen. Dasselbe gilt auch für Tiere, welche man in

der Gefangenschaft stark mit Wasser benetzt hat. Dabei scheint die

Abkühlung der wesentliche Faktor zu sein, welcher den Starrezustand

verlängert.

Durch alle möglichen Reize läßt sich jedoch die Dauer des Totstellens

verkürzen. Haucht man z. B. das starr daliegende Tier aus einiger

Entfernung an, so beginnt es schwache Bewegungen mit den Mandibeln, oft

nur mit einer derselben, auszuführen. Nicht selten fangen dann Kopf

und Thorax, Beine und Hinterleib zu zucken an, worauf das Tier sich in

normale Bewegung setzt. Liegt es auf dem Rücken, so findet vorher die

Umdrehreaktion statt. Wie wir später sehen werden, kommen hierbei als

auslösende Reize sowohl die Wärme des Hauches als auch der Druck der

Luftbewegung in Betracht.

Das Totstellen der Ameisenlöwen kann in jeder beliebigen Körperstellung

erfolgen; das Tier kann auf dem Bauch oder auf dem Rücken liegen, und

je nach der Beschaffenheit des Untergrundes kann eventuell der Kopf,

das Hinterteil oder eine der Seiten nach unten gekehrt sein. Ja, man

kann das Tier mit dem Kopf oder dem Hinterende des Abdomens nach unten

senkrecht in den Sand stecken. Es bleibt dann oft besonders lange

in starrer Haltung in dieser Stellung sich tot stellend, bis es ihm

gelingt, wiederum durch Schleuderbewegungen oder Bohrbewegungen sich

in normale Lage zu bringen.

Um über das Wesen dieser merkwürdigen Erscheinung des Totstellens

genauere Aufschlüsse zu verschaffen, habe ich vielerlei Experimente

angestellt. Aus denselben ergibt sich, daß die Reizempfindlichkeit des

Tieres während dieses Zustandes nicht vollkommen erloschen ist.

Der Tastsinn reagiert ganz deutlich. Auf Berührung des Rumpfes, vor

allem aber des Kopfes, der Mandibel und der Beine mit Nadeln oder

feinen Borsten, erfolgen deutliche Bewegungen. Diese Reizbarkeit ist am

geringsten, unmittelbar nachdem der Zustand des Totstellens eingetreten

ist. Sie läßt sich bemessen nach der Zahl der Tastreize, welche

notwendig sind, um eine der reflektorischen Bewegungen herbeizuführen.

Näheres über die Anordnung solcher Versuche findet sich unten im

Kapitel über den Tastsinn (S. 87).

Auch die unten (S. 109) geschilderten Reaktionen des Geruchssinnes

erfolgen während des bewegungslosen Zustandes.

Fassen wir alle physiologischen Besonderheiten dieser biologisch für

den Ameisenlöwen sicherlich wertvollen Reaktion zusammen, so kommen wir

zu folgenden Ergebnissen, welche unsere bisherigen Kenntnisse über das

Totstellen der Tiere in manchen Punkten ergänzen.

Die Unbeweglichkeit ist der typische Zustand, in welchem wir den

Ameisenlöwen in der Natur vorfinden. Er kann stundenlang in der oben

geschilderten Haltung verharren oder in einer Stellung, welche ich als

die Bereitschaftsstellung (vgl. unten S. 36) bezeichne.

+Mangold+ hat 1914 eine vergleichende Studie über ähnliche Zustände im

gesamten Tierreich veröffentlicht, in welcher er zu dem Resultat kommt,

daß das Totstellen der niederen Tiere durchaus vergleichbar mit der

Hypnose der höheren Wirbeltiere ist. Unzweifelhaft muß man ihm insofern

recht geben, als die meisten Symptome des Totstellens mit einigen der

körperlichen Erscheinungen während der Hypnose übereinstimmen.

Auch beim Ameisenlöwen hat man durchaus den Eindruck, daß er während

des Totstellens sich in einem schlafähnlichen Zustand befindet, aus dem

er nach einiger Zeit von selbst erwacht oder aus dem er durch Reize

erweckt wird. Allerdings ist es bei einem so träg beweglichen Tier sehr

schwierig, den Eintritt des Schlafzustandes sowie sein Aufhören mit

Sicherheit festzustellen. Denn bei einem Tier, welches normalerweise

so wenig sich bewegt, ist es kaum möglich, Wach- und Schlafzustand zu

unterscheiden.

Steckt ein Ameisenlöwe in trockenem, warmem Sand, vor allem wenn er

am Grund seines Trichters sitzt, so pflegt er auf feine Reize zu

reagieren. Wie er sich dann in Bereitschaftsstellung befindet, so ist

sein Nervensystem zu sehr prompten Reflexreaktionen vollkommen bereit.

Wärme und starkes Licht (Sonnenschein) tragen sehr zur Erhöhung der

Reflexerregbarkeit bei.

Ist das Tier „hungrig“, d. h. hat es längere Zeit keine Ameise

gefangen, dann ist es sogar in hohem Maße reizbar. Leise

Berührungsreize, rieselnder Sand usw. führen sofort den Schnappreflex

herbei, durch den immer wieder der Trichter in einen fangbereiten

Zustand versetzt wird. Ist das Tier ganz mit Sand bedeckt, wie das der

Fall ist, nachdem es gefressen hat, oder wenn es durch vergebliche

Fangversuche ermüdet ist, so bleibt dennoch die Reizbarkeit groß. Leise

Berührung des umgebenden Sandes hat entweder eine Schleuderbewegung

oder ein Rückwärtsbewegen des Tieres zur Folge.

Solange es im Sand steckt, ist es also trotz vollkommener Ruhe nicht

im Zustand des Totstellens; allerdings bei Kälte, oder wenn der

Sand feucht oder naß ist, ist das Tier vollkommen unbeweglich und

sehr schwer zu Reizbewegungen zu veranlassen. Dann nimmt es auch

keine Bereitschaftsstellung ein. Offenbar liegen aber da besondere,

allgemein physiologische Gründe vor, welche die Reizbarkeit herabsetzen

und die Reizleitung verlangsamen und welche mit der Abkühlung des

gesamten Tierkörpers zusammenhängen. Wenn wir aber das Tier unter

normalen Verhältnissen, also bei Trockenheit und Wärme, aus dem Sand

herausnehmen, dann entsteht momentan jener Zustand, den wir als das

Totstellen bezeichnen. Es fragt sich nun zunächst, welche Ursache die

auslösende für diesen Zustand ist.

+Mangold+ ist der Ansicht, daß beim Tier mechanische Bewegungshemmung

zur Hervorrufung der Hypnose unerläßlich sei; meist werde sie

durch Sinnesreize unterstützt. Wie bei den anderen Wirbellosen, so

scheint mir aber auch beim Ameisenlöwen die mechanische Hemmung eine

untergeordnete Rolle zu spielen.

Zwar begünstigt das Legen des Tieres in die Rückenlage das Eintreten

des Totstellens. Aber auch nach dem Umdrehen und ohne vorhergehende

Rückenlage können die Tiere im Zustand des Totstellens für lange

Zeiträume verharren. Selbst Individuen, die man ganz vorsichtig aus dem

Sand in Bauchlage heraushebt, stellen sich tot.

Es müssen also hauptsächlich die Reize, welche beim Herausholen aus dem

Sand einwirken, von Bedeutung sein. Als solche kämen in Betracht:

1) die allgemeine Aenderung der Reizsituation,

2) die mehr oder weniger grobe Berührung des Tieres.

Der zweite Punkt wird am besten zuerst zu erledigen sein, da er

unzweifelhaft den wichtigsten Reiz darstellt. Stärkere, plötzliche

mechanische Reizung führt beim Ameisenlöwen den Zustand des Totstellens

herbei. Packt man ein Tier fest mit der Pincette, so führt es zunächst

starke reflektorische Bewegungen aus, die je nach der Körperregion,

die man angefaßt hat, verschieden sein können. Läßt man das Tier

los, so bleibt es sofort unbeweglich liegen und zwar eventuell

längere Zeit. Auch sonst kann man im Experiment jedes Individuum

durch grobes Zufassen und darauf folgendes Loslassen zum Totstellen

veranlassen. Die Hauptursache für das Totstellen ist also sicherlich

ein starker mechanischer Reiz. Damit verbundene Lageänderung ist zwar

begünstigend, aber nicht unerläßliche Vorbedingung für das Eintreten

des bewegungslosen Zustandes.

Die allgemeine +Aenderung der Reizsituation+ spielt aber nach meinen

Erfahrungen ebenfalls eine wichtige Rolle. Sie kann sich erstrecken auf

1) die Belichtungsverhältnisse und

2) die Berührungszustände.

Sonstige Sinnesreize spielen keine sehr wesentliche Rolle, wenigstens

konnte ich keinen Einfluß von chemischen Reizen feststellen. Die

allgemeine Einwirkung der Temperatur ist natürlich von Bedeutung, und

zwar indem Kälte als Förderung, Wärme als Störung des Zustandes wirkt.

Temperaturveränderung kann aber wohl kaum so rasch einwirken, um an

der Auslösung des Totstellens beteiligt zu sein. Ich fand jedenfalls

keinerlei Anzeichen einer solchen Wirkung.

Das Licht ist aber sicherlich von Einfluß auf die Bewegungen

des Ameisenlöwen. Besondere Kapitel werden uns über die große

Abhängigkeit des Ameisenlöwen vom Licht belehren (S. 67). Es zeigt

sich bei Belichtungsexperimenten, daß starkes von oben einfallendes

oder diffuses Licht auch bei Ausschaltung der Wärmewirkung die

Beweglichkeit des Tieres hemmt, während Dunkelheit sie fördert.

Derartige Beleuchtungsverhältnisse werden aber selten auf einen aus

dem Sand genommenen Ameisenlöwen einwirken. Meist wird es sich um

bestimmt gerichtetes Licht handeln, über dessen Einfluß -- und zwar

Bewegung fördernden Einfluß -- wir später Genaueres erfahren werden.

Immerhin können wir mit dem bewegunghemmenden Einfluß starker diffuser

Belichtung rechnen.

Noch wesentlicher scheint mir der Reiz zu sein, welcher durch das

plötzliche Aufhören des allseitigen Sanddruckes bedingt wird. Wir

werden später sehen, daß bei der Kombination von Reizen, welche

das Stillliegen des Tieres in seinem Trichter bewirken, gerade der

Sanddruck von Bedeutung ist. Sein plötzliches Aufhören ist nach meinen

Versuchen sicher fördernd für das Eintreten des Totstellens. Aber es

bewirkt nicht unbedingt das Totstellen.

Der Zustand des Totstellens ist auch beim Ameisenlöwen durch

physiologische Besonderheiten ausgezeichnet, entsprechend denen, die

bei anderen Tierarten beschrieben wurden. Zunächst ist das Verhalten

der Muskulatur charakteristisch.

Der Ameisenlöwe · 第 2 / 12 段