schaute sie noch einmal lang und genau an, denn er mußte jetzt erst
recht über die Verwandlung nachdenken, die sich in dem Tierchen vollzog,
während es ganz tot dalag. –
Klarissa war bei Frau Stanhope angekommen, aber ihr Erscheinen brachte
der Trauernden keinen Trost; es war, als ob nur alle Erinnerungen in ihr
mit erneutem Schmerz aufstiegen. Klarissa wollte so gern etwas von den
letzten Tagen der Nora hören und wie sie entschlafen war; aber es war
der Mutter nicht möglich, darüber zu sprechen, und Klarissa schwieg
still, denn jede Frage brachte einen neuen Ausbruch des Schmerzes
hervor. Sie setzte sich dann hin und schaute in das friedliche Angesicht
der Nora, das für sie eine Sprache hatte, die ihr wohltat. Als sie aber
am folgenden Tag hörte, daß das Kind Elsli allein bei der Nora gewesen
sei, als sie entschlief, da wünschte sie sehr, das Kind zu sehen, und
schickte nach ihm aus, daß es zu ihr komme. Als nun das Elsli zum ersten
Male wieder in die Stube eintrat, wo es so viele glückliche Stunden mit
der Nora verlebt hatte, und dort ihren leeren Sessel am Fenster stehen
sah, mußte es sehr weinen. Klarissa nahm das Kind mit großer
Freundlichkeit bei der Hand und setzte es neben sich hin. Dann fing sie
an, von der Nora zu sprechen, und jetzt ging dem Elsli das ganze Herz
auf, denn seit es von der entschlafenen Nora weggegangen war, hatte es
noch kein Wort von ihr sprechen können, und doch erfüllte sie ja alle
seine Gedanken. Dem Elsli verging völlig seine große Schüchternheit und
es erzählte in einem Flusse fort von allen Worten der Nora, wie sie ihm
von dem schönen Lande erzählt hatte, wo sie zusammen hingehen wollten,
und welch schönes Lied sie immer zusammen gesagt hatten, und das Elsli
sagte im vollen Zug der Erinnerungen das ganze Lied vom kristallenen
Strom und den leuchtenden Blumen. Und zuletzt erzählte es, wie auf
einmal ganz still die Nora allein fortgegangen sei, daß es aber auch
bald gehen werde, da die Nora gewiß den lieben Gott bitte, daß Er ihm
rufe. Klarissa hatte mit Rührung und Verwunderung dem Elsli zugehört.
Das war ja ihr Lied, das die Nora als kleines Kindlein, auf ihren Knieen
sitzend, schon erlernt hatte. Das waren ihre eigenen Worte, mit denen
sie der Nora von dem Lande drüben erzählt hatte, – und, wie wunderbar!
das Elsli hatte ja völlig den Ton der Stimme der Nora, es hatte die
Bewegungen ihrer Hand; jedes Wort brachte der Klarissa die entschwundene
Nora ganz lebendig vor Augen. Sie umfaßte das Elsli und weinte vor Leid
und Freude zugleich. Dann lief sie zu Frau Stanhope hinein und rief in
großer Aufregung einmal ums andere aus: »O, das ist ja unser Kind, liebe
Frau Stanhope! Es ist ja die Stimme und die Worte unseres Kindes,
unserer Nora! Es ist ihre Schwester, unser Kind!«
Erst hatte Frau Stanhope sich plötzlich erhoben und aufgehorcht; als sie
aber verstand, was Klarissa meinte, schüttelte sie nur traurig den Kopf
und legte ihn wieder auf das Lager der Nora nieder.
[Illustration]
Aber die Klarissa war so erfüllt von ihrem Eindruck, daß die
Teilnahmlosigkeit der Frau Stanhope sie nicht entmutigte. Sie ging
hinaus und führte das Elsli herein, dem nun gleich wieder die Tränen die
Wangen herabrollten, wie es die Nora so still daliegen sah. Klarissa
führte es nahe zu dem weißen Lager heran und legte Elslis Hand in die
der Nora. Dann sagte sie bittend zu der Mutter, die immer noch, ihr
Gesicht auf den Rand des Lagers gebeugt, an dem Bette kniete: »Schauen
Sie auf, Frau Stanhope, unser Kind hat Ihnen noch etwas zu sagen.« Die
Mutter erhob sich. Ihr Kind hielt ihr mit ausgestrecktem Arm das Elsli
entgegen. Einen Augenblick schaute sie starr auf die Kinder. Dann faßte
sie die beiden ineinandergelegten Hände in die ihrigen und sagte
schluchzend: »Ja, Nora, ich weiß es, du hast das Kind lieb gehabt, ich
will es nicht mehr von mir lassen.« Und die gute Klarissa weinte mit,
aber es waren helle Freudentränen, die sie weinte, und einmal die Nora
und einmal das Elsli streichelnd, wiederholte sie zärtlich: »Ja ja, wir
müssen wieder ein Kindlein haben, für das wir sorgen und es lieb haben
können.«
Wie im Traum ging das Elsli nach Hause. Es hatte verstanden und wieder
nicht verstanden, was mit ihm werden sollte. Es hatte fest geglaubt, die
Nora helfe dazu, daß es bald in den Himmel gerufen werde, dann komme sie
ihm entgegen. Jetzt war es so, als wäre sie schon gekommen, aber um es
anderswohin zu führen.
Nora war mitten unter Blumen in ihr letztes Bettlein hineingelegt
worden, in dem sie die Reise nach Hause machen sollte. Das hatte alles
die treue Klarissa besorgt. Nun machte sie sich auf den Weg, um Elslis
Mutter aufzusuchen, mit der sie eine eingehende Besprechung vorhatte.
Diese dauerte indessen nicht so sehr lange und bot nicht so viele
Schwierigkeiten, wie Klarissa befürchtet hatte, denn sie fand bei der
Marget ein sehr geneigtes Ohr für ihre Vorschläge, besonders als diese
vernahm, daß Frau Stanhope nicht nur im Sinn habe, das Elsli ganz und
gar zu sich zu nehmen und für immer für das Kind zu sorgen, sondern daß
sie auch der Eltern eingedenk sein wolle, indem sie ihnen die Hilfe, die
das Kind ihnen hätte leisten können, auf andere Weise ersetzen wollte.
Die Marget hatte eine unverhehlte Freude an diesem unerwarteten Glück
für das Elsli und an dem Gewinn, den es ihr selbst bot. Sie meinte, das
Elsli habe zum strengen Arbeiten doch keine Kraft und Gesundheit, und
seit dem langen Umgang mit der Nora sei es auch sonst so mit allen
Gedanken und der ganzen Art aus seinem Geleise geraten, daß es gar nicht
mehr hineinkomme. Das merke man am besten am Tun der kleinen Buben und
besonders des kleinsten, der jetzt den ganzen Tag überlaut schreie, daß
man fast das Gehör verliere, und früher habe es ihn doch noch zum
Schweigen gebracht: da nehme man ebensogut wieder die Wiege zur Hand. So
schieden die Marget und die Klarissa in großem Frieden und
Übereinstimmung, und die letztere versprach, daß womöglich jedes Jahr
einmal das Elsli nach seiner Heimat zurückgeführt werden solle.
In der kürzesten Zeit war im ganzen Dorfe die Nachricht verbreitet, daß
das Elsli von der reichen Frau Stanhope angenommen worden sei und mit
ihr schon morgen nach ihrem schönen Gut am Rhein verreise. Die Nachricht
brachte einen ungeheuren Eindruck hervor. Wo zwei einander antrafen auf
dem Wege, standen sie still, um das Glück zu besprechen, das so
unerwartet dem Elsli zuteil wurde. Die Kinder in der Schule konnten vor
Aufregung gar nicht mehr still sitzen, es war, als erwarteten sie alle
durch diesen Glücksfall irgend etwas Unerhörtes. Sogar Herr Bickel wurde
durch das Ereignis zu einem ungewöhnlichen Schritt veranlaßt. Er nahm
seinen Stock zur Hand und sagte: »Frau, es schickt sich, daß wir jetzt
der Frau Stanhope einen Besuch machen und ihr zeigen, daß das Kind denn
doch auch noch rechte Verwandte hat. Vielleicht braucht sie auch einen
Rat, das Kind betreffend; da bin ich ihr Mann. Es kann auch sein, Frau,
daß wir einen Besuch bei den Verwandten machen, wenn sie dann daheim
sind – denn es gibt dort in ihrer Gegend große Spinnereien –, und
vielleicht hat die Frau Stanhope Beziehungen mit solchen Häusern, da
wäre denn etwas für das Geschäft zu machen.« Aber Herr Bickel mußte noch
einmal seinen Stock hinstellen, denn so schnell war seine Frau nicht in
dem Zustande der Vervollkommnung angelangt, in dem allein sie einen
solchen Besuch unternahm.
Die größte Aufregung und Freude über das Ereignis herrschte aber im
Hause des Arztes. Mutter und Tante waren voller Lob und Dank, daß das
zarte Kind in so freundliche Hände kommen und es ihm auf einmal so gut
gehen sollte. Es lag ja nun ein ganz neues Leben vor ihm; was konnte nun
auch aus dem bildsamen Kinde gemacht werden! Sie mußten immer wieder
davon sprechen. Die Kinder hatten gar keinen anderen Gedanken mehr.
Oskar ging den ganzen Tag in tiefem Sinnen umher; er suchte den Punkt
auf, von wo aus er das neue Ereignis für seine Pläne verwerten könnte.
Es lag dem Oskar fortwährend schwer auf dem Gemüt, daß die schöne
brodierte Fahne unbenutzt liegen bleiben und nicht irgendein Fest in
Aussicht stehen sollte, welches die Anwendung der herrlichen Fahne
durchaus erheischte.
In einem ähnlichen Zustand des Sinnens und Trachtens lief die Emmi den
Tag durch hin und her, und der schlaue Fred sagte ein paarmal, wenn sie
in seine Nähe kam: »Die hat etwas im Sinn.« Er selbst saß an dem Tag
längere Zeit in eine Arbeit vertieft am Tisch. Es war eine lange, lange
Liste von den Namen aller derjenigen Raupen, Käfer und Schnecken, die er
als Bewohner der Rheinlande und deren Umgebungen kannte. Um der größeren
Klarheit willen setzte er immer auch den lateinischen Namen des Tieres
neben den deutschen hin.
Am Abend dieses Tages saß das Elsli auf der langen Bank in der Stube;
man konnte es aber nicht sehen, denn mitten auf ihm saß der feste
Hanseli, und zu beiden Seiten saßen der Heirli und der Rudi, jeder auch
noch so weit auf dem Elsli, als er Platz fand. Es ließ ganz geduldig
sich fast erdrücken; es war ja der letzte Abend, für lange Zeit das
letzte Mal, daß die drei auf ihm sitzen würden.
Das Elsli wußte jetzt wohl, was mit ihm geschehen sollte, und es freute
sich darüber. Die gute Klarissa hatte in der kurzen Zeit das Herz des
Kindes so ganz gewonnen, daß es sich zu ihr wie zu einer Mutter halten
konnte, und mit ihr konnte es so voller Zutrauen reden, wie es nur mit
der Nora, sonst noch mit niemand hatte reden können. So wollte es gern
mit ihr fortziehen und bei ihr bleiben, und wenn auch Frau Stanhope ihm
immer noch ziemliche Scheu einflößte, so war sie ja die Mutter der Nora
und das Elsli war schon deswegen ihr sehr anhänglich; auch war sie ja
immer gut zu ihm gewesen, nur nicht so vertraulich, wie Klarissa es war.
Was aber sein künftiges Leben sein werde, davon konnte das Elsli sich
keine Vorstellung machen, und leise kam ihm schon ein ängstlicher
Gedanke: wie es dann auch sein werde, wenn es so weit weg sei, und ob es
auch alles recht tun könne, was es dann zu tun habe. Aber es hatte den
festen Glauben, daß die Nora es dorthin führe, und das gab ihm Hoffnung
und Freude ins Herz. Aber auf das Weggehen hatte es doch ein wenig
Kummer und solchen noch besonders im Gedanken an den Fani, von dem es
nun so weit wegkam und den es vielleicht jahrelang nicht mehr sehen
sollte. Wie das Elsli so in seinen Gedanken dasaß und nicht einmal
merkte, daß der Hanseli schon längere Zeit ungeduldig mit Händen und
Füßen um sich schlug, kam auf einmal die Emmi in die Stube
hereingerannt.
»Elsli«, rief sie schon unter der Tür, »morgen gehst du, ich muß dir
noch etwas Wichtiges sagen. Stell doch den Hanseli auf den Boden und
komm schnell mit mir!«
»Er schreit«, wandte das Elsli ein. Schon hatte er auch begonnen. Aber
der Emmi flößte das keinen Schrecken ein. Sie stellte den Hanseli fest
auf den Boden und zog das Elsli fort, hinaus, ums Haus herum und hinter
den großen Apfelbaum.
»Hier«, sagte nun Emmi, »das mußt du mitnehmen, Elsli«, und sie streckte
ihm eine dicke Rolle entgegen, »und jetzt will ich dir etwas erklären.
Siehst du, auf eurer Reise kommt ihr auch nach Basel, das habe ich
gehört –«.
»Glaubst du?« unterbrach sie das Elsli mit leuchtenden Augen.
»Ja, ja, es ist sicher«, fuhr Emmi fort, »und nun, weißt du, zu der Frau
Stanhope mußt du nichts sagen, sie ist jetzt so traurig, daß sie nicht
zuhört; aber der Frau Klarissa, die so gut ist, mußt du erzählen, daß
der Fani dort in Basel ist und daß du ihm gern wolltest Lebewohl sagen.
Dann geht sie gewiß geschwind mit dir zu ihm, und dann gibst du ihm dies
von mir und sagst, ich lasse ihn grüßen, und hier hast du auch seine
Adresse.«
»O, ich bin so froh, daß du mir das gesagt hast, Emmi«, sagte das Elsli,
und eine große Freude glänzte in seinen Augen. »Glaubst du auch, daß ich
es sagen darf?«
»Gewiß mußt du es tun, ganz sicher, denk, wie wird es den Fani freuen!
Versprich, daß du es sicher tun willst –«.
Das Elsli konnte nichts mehr versprechen, eben kam der Oskar
herangelaufen und nahm es gleich bei der Hand: »Ich habe dich
allenthalben gesucht, Elsli«, rief er eilig; »jetzt find’ ich dich
endlich! Komm mit mir, ich habe dir etwas zu sagen!« Damit zog er das
Elsli ohne weiteres fort, von neuem ums Haus herum und hinter die
Haselnußhecke; hier blieb er stehen. Die Emmi folgte nicht nach, sie
fand es besser, den Oskar nicht noch zu reizen. Da sie soeben alle
Bleistifte im ganzen Hause zusammengerafft und für den Fani fortgenommen
hatte samt allem weißen Papier, das ihr und den Brüdern zu ihren
verschiedenen Zwecken übergeben und immer zu schnell verschwunden war,
sah sie ohnedies einem Zornesausbruch von seiten der Brüder entgegen.
»Jetzt hör, Elsli, was ich dir erkläre«, sagte Oskar eindringlich; »es
ist für dich selbst sehr wichtig. Siehst du, jetzt kommst du ins Ausland
und da bist du dann zuerst fremd. Aber es hat dann schon auch noch
Schweizer an dem Ort, und da könnt ihr dann einen Verein gründen, einen
Vaterlandsverein; da kommt ihr dann jede Woche einmal zusammen und
sprecht so von allem im Vaterland –«.
»Ja, aber ich weiß dann gewiß nichts zu sagen«, warf das Elsli etwas
ängstlich dazwischen.
»Das ist gleich, die anderen reden dann schon«, fuhr Oskar eifrig fort;
»aber jetzt hör die Hauptsache. Im nächsten Sommer, wenn du dann
heimkommen darfst, da mußt du mit allen den Mitgliedern, die dann auch
kommen, einen Ort verabreden, wo ihr dann zusammenkommen wollt, da wird
dann das Stiftungsfest gefeiert. Dann kommt man scharenweis von allen
Seiten, und ich komme mit einer prachtvollen Fahne, und es gibt ein
ungeheures Fest mit einem Umzug. Schreib mir dann, sobald der Verein
gegründet ist.«
»Ja, ich will schon«, sagte das Elsli ein wenig zaghaft, denn es sah
noch nicht recht klar vor sich, wer den Verein gründen würde. Es konnte
aber keine weiteren Fragen tun, denn eben kam der Fred dahergestürmt mit
einem langen Papierbogen in der Hand; hinter ihm her keuchte das Rikli.
Oskar ging seiner Wege.
»Elsli, komm, lies«, rief jetzt der Fred; »sieh, alle diese schönen
Raupen und die seltenen Käfer und diese Schneckenart, die wirst du alle
dort unten finden, am Rhein und in der Umgegend. Du mußt nur auf den
Spaziergängen immer in die Hecken hineinkriechen und überall ein wenig
den Boden aufscharren, dann kommen die Kerle schon heraus, und dann
schickst du mir alle Exemplare, die du fangen kannst, nicht wahr? Ich
schicke dir dann auch etwas Schönes zurück. Du kannst nur alles
durcheinander in die Tasche stecken, bis du vom Spaziergang daheim bist,
und dann so die Hand obendrauf halten, daß sie nicht unterdessen
herauskrabbeln, siehst du, so, wie ich es immer mache«, und Fred
breitete die Hand beispielsweise weit aus über seine Tasche, so als
wollte es überall darunter hervorkrabbeln.
Das Rikli schauderte über und über.
Elsli wollte so gern dem Fred den Gefallen tun, aber der Auftrag war ihm
nicht viel klarer, als der von Oskar, und es sagte demütig: »Ich wollte
es gewiß gern tun, Fred; aber wie muß ich es denn machen, daß ich die
Käfer und die Raupen kenne, die so heißen?«
Das war ein völlig klarer Einwurf. Fred erkannte die Wahrheit dieses
Hindernisses; aber er war nicht der Mensch, so bald vor Hindernissen
zurückzuweichen. Er schaute seinen Bogen an. Wenn er zu jedem Namen das
Tier hinzeichnen, dann malen würde? Richtig!
»Morgen früh, eh’ du abreisest, komm’ ich noch einmal«, rief er und
stürzte fort.
Das Rikli, das so teuer seine Lehre bezahlt hatte, schrie wirklich nie
mehr unsinnig auf, wenn der Fred sich mit einem Tierchen nahte; aber es
bewachte sorgfältig alle Bewegungen des Bruders, daß nicht einmal
unversehens aus dessen Faust oder Tasche ein grünäugiger Frosch ihm
entgegenspringe. Aber ohne den Fred konnte das Rikli doch nicht sein, es
lief ihm überall nach. Nun er sich entfernt hatte, trat es schnell zum
Elsli heran und sagte eindringlich: »Aber nicht lebendig, die vielen
schrecklichen Käfer und Schnecken; nur ausgestopft mußt du sie schicken,
weißt du, Elsli.«
In diesem Augenblick kam der Feklitus herangeschritten im Sonntagsstaat.
Zu gleicher Zeit erscholl die Stimme der Mutter aus der Stube heraus, wo
der Hanseli ohne Unterlaß in seinem Geschrei verharrte: »Es nimmt mich
nur wunder, Elsli, ob du heut’ auch noch einmal ins Haus hereinzubringen
bist!«
Das Rikli lief davon. Der Feklitus aber hatte schon das Elsli beim Arm
gepackt und hielt es fest: »Ich muß einen Besuch machen auf dem
Eichenrain bei der fremden Frau und sagen, daß ich dein Vetter bin und
daß wir dann einmal dich besuchen wollen dort unten am Rhein«, knurrte
er, »aber ich geh’ nicht allein, das geniert mich, du mußt mit.«
»Laß mich los, du hörst es ja, ich muß ins Haus hinein, ich kann nicht
mit dir«, sagte das Elsli und suchte sich loszumachen.
»Du mußt«, rief der Feklitus, faßte noch fester an und zog das Elsli mit
Gewalt davon, denn etwas so Ungewöhnliches unternahm der Feklitus nicht
allein.
Oskar, Emmi, Fred und Rikli erhielten alle den gleichen Empfang, wie sie
so eins nach dem anderen heimgelaufen kamen. Auf den Stufen vor dem Haus
stand die Kathri und rief einem nach dem anderen mit abwehrender Gebärde
zu: »Bsch! bsch! Mach keinen solchen Lärm! Die Frau Stanghopf ist
drinnen und nimmt Abschied.«
Elsli war von den Aufträgen und Eindrücken dieses Abends und den
Gedanken an den folgenden Morgen so erfüllt, daß seine Augen keinen
Schlaf fanden in dieser letzten Nacht im Elternhause, und wie im Traum
fuhr in der Frühe des folgenden Morgens das Kind, mit den beiden Frauen
in dem großen Wagen sitzend, durch die noch ganz stille Landschaft der
Hauptstraße zu. Auf einmal flog ein groß gefaltetes Papier, mit einem
Steinchen beschwert, um nicht danebenzufallen, in die Kutsche hinein.
»Leb wohl, Elsli, ich wollte, ich könnte mit«, tönte es dazu von der
Seite her. Es war Fred, der mit seinem Werk nicht eher fertig geworden
war und in aller Frühe noch die letzten Schnecken gemalt hatte und nun
seinen Bogen nur noch in dieser Weise dem Elsli übergeben konnte.
Dieser letzte Gruß brachte dem Elsli die Tränen in die Augen. Jetzt
fühlte es auf einmal klar, daß es von der Heimat fort und weit, weit weg
zog. Die gute Klarissa hatte alles bemerkt; sie faßte das Elsli
freundlich bei der Hand und hielt es fest, so daß es fühlen konnte, es
zog mit einer Mutter fort. –
Die nächsten zehn Tage lang waren alle Reden und Gedanken der vier
Geschwister mit den Ereignissen der vergangenen Woche beschäftigt, von
der Ankunft der kranken Nora an bis zu der Reise des Elsli, und wenn
alle die damit zusammenhängenden Tatsachen von allen Seiten beleuchtet
und gründlich durchgesprochen waren, dann fing man wieder von vorn an.
Am zehnten Tag kam ein großer Brief vom Elsli an, der brachte eine neue
Bewegung in die Gesellschaft. Mutter und Tante sahen mit Verlangen den
Nachrichten entgegen. Die Kinder steckten alle vier ihre Köpfe über dem
Brief zusammen; jedes begehrte zuerst zu wissen, was darin stand. Er war
an Emmi adressiert. Sie zog sich aus dem Knäuel zurück, machte den Brief
auf und rief: »Ich will ihn vorlesen! Acht Seiten ist er lang!« Dann
begann sie zu lesen:
»Lindenhalde am Rhein, 28. Sept. 18–.
»Liebe Freundin!
»Ich danke Dir viel tausendmal, daß Du mir den guten Rat gegeben hast,
denn wenn Du es mir nicht so gesagt hättest, so hätte ich nie ein Wort
vom Fani sagen dürfen.