Oskar war sehr herabgestimmt; aber er sah ein, daß da für einmal nichts

Neues zu gründen war, und folgte der Tante ziemlich niedergeschlagen ins

Haus hinein; er sah mit Besorgnis dem Nachtessen entgegen, da der Papa

seine Fragen über das Fest von morgen wieder aufnehmen und so die ganze

Enthüllung von dessen ruhmlosem Ausgang herbeiführen könnte. Eben schoß

Emmi beim Anblick der Tante aus ihrem Hinterhalt hervor, um zu

vernehmen, was die Tat, bei der sie so sehr beteiligt war, für Folgen

haben konnte; aber auch sie mußte in unsicherem Bangen verharren, denn

eben trat auch der Vater ins Haus hinein, und unmittelbar darauf mußte

man sich zum Nachtessen hinsetzen. In ihren beklemmenden Erwartungen

saßen Oskar und Emmi tief auf ihre Teller gebeugt am Tisch und keines

von ihnen hob auch nur ein einziges Mal den Kopf auf, denn sie hofften

in dieser Stellung am ehesten unbemerkt zu bleiben. Fred hatte schon ein

paarmal forschende Blicke zu den beiden hinübergesandt; jetzt sagte er

bedeutsam: »Es gibt auch einen Vogel, er heißt Strauß, #struthio#, der

steckt den Kopf vornüber in den Sand hinein, denn er denkt, so sieht ihn

der Jäger nicht. Diese Vögel leben in Afrika; bei uns kommen sie nur

selten vor und nähren sich von Kartoffelsalat.«

Oskar, der eben, mit seinen Gedanken beschäftigt, in seiner Portion

Kartoffelsalat herumstocherte, nahm die Beschreibung des Straußes mit

ungewohnter Ruhe hin, und der Vater, der jetzt nach ihm hinschaute,

lachte ein wenig und sagte: »Den drücken wohl die Festfreuden nieder?«

Als aber keine weiteren Nachforschungen erfolgten und das Nachtessen

auch ohne alle Nachfragen nach dem Fani vorüberging, standen Oskar und

Emmi mit sehr erleichterten Herzen vom Tisch auf, denn wenn auch für

Oskar die Gefahr eines sehr empfindlichen Hohnes und für Emmi diejenige

eines strengen Tadels nicht vorüberwar, so war doch nun Zeit gewonnen,

und da war ja immer die Tante, bei der man neuerdings Rat und Hilfe

finden konnte.

[Illustration]

Achtes Kapitel.

Beim Sonnenuntergang.

Seit dem Tage, da das Elsli zum ersten Male bei der kranken Nora

eingetreten war und sie sich bald gut verstanden hatten, war das Kind

die tägliche Gesellschaft der Nora geblieben. Von Auslaufen und

Besorgungen Machen war nie eine Rede gewesen, denn Nora konnte es

täglich kaum erwarten, daß das Elsli erschien, und bis zum letzten

Augenblick seines Bleibens ließ sie es nicht von ihrer Seite weg. Die

Mutter, die keine größere Freude kannte als die, ihrem Kinde einen

Wunsch zu erfüllen, freute sich an dem neuen Interesse der Nora und

gewährte gern die Bitte, daß das Elsli ganz nur zu ihrer Gesellschaft da

sein möchte. Frau Stanhope sah auch mit großer Befriedigung, wieviel

lebendiger und fröhlicher die Nora geworden war, seit sie diese tägliche

Gespielin hatte, und hieß darum auch das Elsli kommen, so oft es nur

konnte, auch am Sonntag, und hielt es gut in ihrem Hause. So kam es, daß

das Kind jede Stunde des Tages außerhalb der Schule und bald auch den

ganzen Sonntag, vom Morgen bis zur Nacht, unzertrennlich mit der Nora

zubrachte. Es ging dabei eine große Veränderung mit dem Elsli vor. Es

war ein so bildsames Geschöpfchen, daß es unwillkürlich in seiner

Erscheinung, im Ton seiner Stimme, in allen Gebärden so wurde, wie seine

Umgebung war. Nun sich die Nora, mit solcher Lebendigkeit und solcher

Freude an seinem empfänglichen Wesen, täglich stundenlang mit ihm

beschäftigte und alles, was sie dachte und hoffte, alles, was in ihrem

Inneren vorging, dem Elsli mitteilte und es ganz und gar mit ihrem

eigenen Leben erfüllte, kam es so, daß auf das Elsli auch äußerlich nach

und nach gänzlich die Art der Nora übergegangen war. Es hatte den Ton

ihrer Stimme, es sprach in ihren Worten, es machte die Bewegung ihrer

Hand, das ganze Elsli war verändert. Auch für die Schule war eine große

Veränderung mit dem Elsli vor sich gegangen. Wenn es jetzt unmittelbar

nach der Schule zu Nora kam, wurden gleich zuerst alle Bücher und Hefte

ausgepackt und die Arbeit der Schulaufgaben unternommen. Die Nora hatte

viel und gut gelernt und es war ein ganz neues Interesse für sie, der

aufmerksamen Schülerin nachhelfen und alles erklären zu können, was sie

nicht verstand. Für das Elsli war es eine nie gekannte Freude, endlich

einmal seine erfüllten Aufgaben, wie die anderen Kinder, in die Schule

bringen zu können und nun wiederholt von dem Lehrer die Worte zu hören,

die er in so freundlichem Tone sagte: »Das hast du gut gemacht, Elsli,

mit dir bin ich nun sehr zufrieden.«

Waren die Schularbeiten beendigt und auch das Abendessen vorüber, dann

saßen die Kinder ganz nah zusammen und fingen ihre Gespräche an, deren

sie niemals müde wurden. Nora erzählte von dem schönen Lande, wohin sie

gehen wollten, und das Elsli folgte mit ganzem Entzücken jedem Worte,

denn die Nora erzählte so, als sehe sie alles vor sich, so daß auch vor

dem Elsli alles lebendig dastand und es nie genug bekam von der

beglückenden Unterhaltung. Zuletzt sagte Nora immer noch ihr Lied, und

auch das konnte das Elsli nie genug anhören. Wenn dann der Abend zu Ende

war und das Elsli gehen mußte, kam ihm jedesmal zum Schluß noch ein

trauriger Gedanke, und es sagte ängstlich: »Wenn du nur nicht einmal

allein gehst, Nora, und ich zurückbleibe; was müßte ich dann machen?«

Aber die Nora tröstete es jedesmal und sagte, der liebe Gott rufe ihm

dann schon, wenn sie ihn im Himmel recht darum bitte, was dann das Elsli

wieder beruhigte, so daß es jeden Abend mit einem glücklichen Herzen,

wie es vorher nie gekannt hatte, heimkehrte.

So waren die sonnegoldenen Tage des Septembermonats herangekommen. Die

Kinder saßen zusammen und schauten durch das offene Fenster, an dem

Noras Lehnstuhl stand, nach dem Abendhimmel hin, wo die Sonne untergehen

wollte. – Nora war den ganzen Tag müde gewesen und hatte wenig geredet.

Ganz still saßen auch jetzt die Kinder nebeneinander und schauten nach

dem golden leuchtenden Himmel hin. Jetzt strahlten die Flammen der

scheidenden Sonne noch einmal glühend empor, und wie ein goldener Strom

ergoß sich das Leuchten über Bäume und Hügel auf die Wiesen herab.

»Sieh, sieh! Elsli!« rief Nora aus und ihre Augen leuchteten, wie Elsli

sie noch nie gesehen hatte; »sieh, dort kommt der kristallene Strom

herübergeflossen! O ich möchte dorthin und weit über den Strom gehen, o

wie wird es schön dahinter sein, wo alle die Blumen und die glücklichen

Menschen sind und wo sie so froh herumgehen und niemals müde werden!

Aber jetzt bin ich so müde, Elsli, komm ein wenig näher zu mir, willst

du?« Elsli rückte ganz nah heran und Nora legte ihren Kopf auf seine

Schulter. »O, so bin ich gut«, setzte sie leise hinzu, »so sehe ich

mitten, mitten hinein. O sieh, es ist, wie wenn der Himmel ganz offen

stünde, und man sieht, wie es leuchtet drinnen und schimmert und glänzt.

O wie schön! O wie schön!« – Auch das Elsli hatte noch nie ein solches

Leuchten am Himmel und solchen Goldglanz auf allen Hügeln gesehen. In

stummem Erstaunen schaute es darauf hin, und regungslos lagen die Kinder

lange, lange da, bis gegen Abend hin aller Glanz erloschen war und leise

ein weißer Nebel unten vom Tal aufstieg und sich über die Wiese legte.

Jetzt trat Frau Stanhope ins Zimmer; sie hatte, wie nun oft geschah,

Elslis Anwesenheit benutzt, in einem anderen Zimmer ihre Briefe zu

schreiben. Sie nahte sich der Nora, die immer noch ganz still auf Elslis

Schulter ruhte.

»Gott im Himmel«, schrie die Mutter auf, »Nora, mein Kind! Es ist nicht

möglich! Erwache! Gib mir Antwort!«

Frau Stanhope war niedergekniet; sie zog die Nora an sich; einen

Augenblick schaute sie auf das bleiche, stille Gesichtchen, dann warf

sie sich über das Kind und schluchzte in Verzweiflung.

Schneeweiß vor Schrecken stand das Elsli da. Was konnte mit der Nora

begegnet sein, das ihre Mutter so unglücklich machte?

»Hol den Arzt, Kind! Lauf, soviel du kannst!« stieß jetzt die

schluchzende Mutter hervor. Elsli eilte fort. Der Arzt war nicht zu

Hause; seine Frau gab dem Elsli Bescheid. Es mußte ihr alles erzählen,

was sich zugetragen hatte. Dann sagte sie teilnehmend: »Ich glaube, der

kranken Nora ist für immer wohl, die ist gewiß im Himmel.«

Das Elsli stand wie vom Schlag getroffen. »Ist sie nun schon gegangen?«

fragte es tonlos. Dann stürzten ihm die Tränen unaufhaltsam die Wangen

herunter und vor großer Erschütterung hatte ein Zittern seinen ganzen

Körper erfaßt.

»Du armes Elsli«, sagte die Frau Doktorin, das Kind bei der Hand

nehmend, »komm, setz dich einen Augenblick hier nieder!« Aber das Elsli

war so von seinem Eindruck überwältigt, daß es nicht sitzen konnte. Es

hielt sein Schürzchen vor die Augen und lief wieder fort, ganz kläglich

vor sich hin jammernd: »O! o! Nun ist sie schon gegangen und ohne mich!«

Als es bei Frau Stanhope eintrat, fand es diese noch in derselben

Stellung über ihr Kind gebeugt und verzweiflungsvoll weinend und

klagend. Elsli setzte sich auf den Schemel hin, den die Nora eben noch

gebraucht hatte, und weinte ganz still. So verfloß wohl eine Stunde,

dann kam der Doktor. Nachdem er eine kurze Zeit den Platz der Frau

Stanhope eingenommen und sich über die Nora gebeugt hatte, wandte er

sich zu der Mutter. »Frau Stanhope«, sagte er in rascher, aber

teilnehmender Weise, »ich habe nichts mehr zu tun hier, suchen Sie das

Unabänderliche zu tragen, das Kind ist tot. Ich will Ihnen meine Frau

schicken.« Dann ging er.

Nach einer Weile kam die Frau Doktorin. Aber kein Wort des Trostes, das

sie in ihrer herzlichen Teilnahme aussprach, fand Eingang bei der

verarmten Mutter. Sie hatte sich wieder über ihr Kind geworfen und sah

und hörte nicht, was um sie her vorging. Als die Frau Doktorin bemerkte,

daß es für einmal unmöglich war, sich der trostlosen Frau zu nähern,

trat sie zu dem Elsli heran, das immer noch auf seinem Schemel saß und

leise fortweinte; sie faßte das Kind sanft bei der Hand und zog es auf.

»Komm mit mir, Elsli«, sagte sie freundlich, »es ist Zeit für dich,

heimzugehen. Wir wollen dich auch nicht vergessen, Elsli, und der liebe

Gott vergißt keins seiner Kinder. Du mußt dich zu trösten suchen und

denken, wie wohl es der Nora nun ist, da sie gar nie mehr krank sein

wird.«

»O, wenn sie mich nur mitgenommen hätte«, schluchzte das Elsli, denn der

Gedanke hatte sich so lange und tief bei ihm festgesetzt, daß sie dann

miteinander gehen würden, und nun war die Hoffnung dahin und es war

zurückgeblieben und nun so allein! Leise weinend ging es an der Seite

der Frau Doktorin dahin, und auch als diese bei dem aufsteigenden

Wiesenwege sagte: »Nun trennen wir uns; schlaf wohl, Elsli, und komm

bald einmal zu uns«, zog es sein Schürzchen nicht von den Augen weg.

Leise sagte es: »Gute Nacht!« und ging den Fußweg hinan, und immer

hörbarer wurde sein Schluchzen, je weiter es von der freundlichen

Begleiterin wegkam und je einsamer der Weg wurde, den es zu gehen hatte.

Die Mutter trat mit einem traurigen Herzen in das Haus ein, wo sie die

Kinder alle um die Tante gelagert fand, stiller und nachdenklicher, als

sie gewöhnlich waren. Die Tante hatte ihnen erzählt, daß die Nora

gestorben und in den Himmel gegangen sei, was ihnen einen tiefen

Eindruck gemacht hatte, jedem in einer besonderen Weise. Fred hatte

gleich eine Menge Fragen und wollte genau wissen, wie Menschen sterben

und wieder leben können. Emmi war sehr niedergeschlagen, denn es kam ihr

nun in den Sinn, daß sie niemals mehr zu Nora zurückgekehrt war und ihr

gar keine Freundlichkeit erwiesen hatte. Ganz still zogen sich heute die

Kinder zurück, und als am späten Abend Mutter und Tante noch allein

zusammensaßen, mußte die erstere der teilnehmenden Schwester noch den

ganzen Kummer ausschütten, der ihr Herz so schwer machte. Da war die

arme Mutter, die ihr einziges Kind in die Erde legen mußte und der mit

keinem Worte des Trostes beizukommen war. Da war das zarte Elsli, das

nun an die harte Arbeit zurückkehren mußte, die vielleicht so sehr über

seine Kräfte ging, daß es sie nicht lange aushalten konnte. Dazu war es

nun doppelt verwaist; die nahe Freundin, durch die es in ein neues Leben

eingetreten war und in der es ganz gelebt hatte, war für immer

weggegangen, und der Bruder Fani, an dem es mit aller Liebe hing, war

fort, und vielleicht ja auch für immer fort; wer konnte wissen, wo der

bleiben würde! Diese letztere Sache lag der Mutter auch als eine Last

auf dem Herzen; war ja doch Emmi schuld daran und das ganze Unternehmen

so unsicher, daß man nicht einmal die Zuversicht haben konnte, Fani

lerne da wirklich etwas Rechtes, das ihm für seine Zukunft von Nutzen

sein konnte. Die Tante hatte einer Bekannten nach Basel geschrieben und

sie gebeten, den Mann aufzusuchen, bei dem Fani eingetreten sein mußte,

und ihr Nachricht über den Charakter des Mannes und das ganze Verhältnis

zu geben. Es war auch schon eine Antwort gekommen, sie war aber nicht

gemacht, große Hoffnungen für Fani zu erwecken. Der Dekorationsmaler

hatte den Fani wirklich in seinen Dienst genommen, da er Gefallen an dem

offenen Wesen des Jungen fand, der ihm so zugelaufen kam und gleich

seine ganze Geschichte erzählte. Der Maler hatte aber nur einen Buben

gesucht, der ihm die großen Pinsel und Farbtöpfe nachtrage und ihm alles

reinigen helfe und für ihn auslaufe. Dafür bekam er seinen Unterhalt von

dem Meister, für seine Kleider sollte er aber selbst sorgen. Das war nun

gar keine glänzende Anstellung für den Fani, und die Mutter riet

bekümmert hin und her, was nun wohl das Beste wäre, das man tun könnte.

Für einmal waren seine Eltern ja freilich damit einverstanden, daß er

fortbleibe, da er keine bestimmte Anstellung habe; aber sie nahmen an,

er verdiene wenigstens so viel, daß sie in keiner Weise mehr für ihn zu

sorgen hätten, daß er im Gegenteil nächstens für sie eine Nachhilfe sein

werde. So hatte die gute Mutter zu den alten immer wieder neue Sorgen

zu tragen, und manchmal schon wäre ihr diese große Last zu schwer

geworden, wenn die Tante nicht immer mitgetragen und durch ihre frohe

Gemütsart jedem Kummer gleich auch eine erfreuliche Seite abgewonnen

hätte. So hatte sie auch heute manches tröstende, erheiternde Wort für

die Mutter, so daß auch diese zuletzt wieder mit Hoffnung und Zuversicht

auf die kommenden Tage sehen und alles Sorgenerregende dem lieben Gott

anheimstellen konnte.

Am folgenden Morgen bat Emmi etwas niedergeschlagen um die Erlaubnis,

der Nora Blumen bringen und auf ihr Bett legen zu dürfen. Die Mutter

erlaubte es gern und auf Freds Ansuchen hin auch, daß er Emmi begleite.

Später wollte auch sie selbst nachkommen und Frau Stanhope besuchen. Die

Kinder wurden eingelassen und vom Mädchen in das Zimmer geführt, wo Nora

auf einem schneeweißen Bette lag, sie selbst so weiß und still, wie sie

noch niemand gesehen hatte. Am Bette kniete die Mutter; sie schaute

nicht auf und blieb regungslos auf ihrem Platze, das Gesicht auf das

weiße Lager gedrückt. Emmi legte still ihre Blumen auf das Bett hin,

dann erfaßte sie die Hand der Nora zum Abschied. Jetzt stürzten der Emmi

die Tränen aus den Augen, denn da lag nun die Nora, kalt und schweigend

für immer, und Emmi konnte ihr nie mehr etwas Freundliches tun, und da

sie noch am Leben war, hatte es Emmi nie getan und war am liebsten gar

nicht zu ihr gegangen, und doch war Nora so krank gewesen und so viel

allein und hatte wenig Freuden gehabt. Das kam der Emmi nun sehr übers

Herz und sie weinte leise fort, als sie nun mit Fred das Zimmer verließ.

Einige Zeit nachher trat die Frau Doktorin in das stille Zimmer ein.

Frau Stanhope erhob sich, sie hatte die Eintretende erkannt. Jetzt

verwandelte der dumpfe Schmerz der Trauernden sich in einen ungeheuren

Jammer. »O, können Sie es begreifen, wie ganz verarmt ich bin?« rief sie

unter einem Strom von Tränen aus. »O, warum mußte der liebe Gott mir

dieses einzige Kind nehmen? Hätte er mir Hab und Gut, allen Reichtum,

alles, was ich besitze, weggenommen und mir mein Kind gelassen, ich

hätte ja nicht gehadert, ich hätte ja gern alles entbehrt und alles

getragen, wenn ich nur mein Kind behalten hätte! Das ist das Härteste,

das mir widerfahren kann, das Allerhärteste; o warum muß ich gerade mehr

als alle anderen leiden?«

»Liebe Frau Stanhope«, sagte hier die Frau Doktorin, indem sie

besänftigend die Hand der Jammernden ergriff, »ich begreife wohl Ihren

großen Schmerz, aber denken Sie auch an ihr Kind! Es ist doch nicht das

größte Leiden, an sein Kind zu denken, das der liebe Gott zu sich

genommen und für immer von seinen Schmerzen befreit und zur ewigen

Freude eingeführt hat. Wie die bittere Armut tut, das können Sie nicht

ermessen, und welche Leiden die Mütter durchzumachen haben, die schon in

frühen Jahren die Kinder zu harter Arbeit anhalten müssen, die ihnen

keine Freuden zu bieten, nur Entbehrungen aufzulegen haben, die für sich

und die Kinder nichts anderes kennen, nichts anderes vor sich sehen, als

schwere Tage und herbe Sorgen, das kennen Sie nicht. Nehmen Sie Ihren

Schmerz aus Gottes Hand an und messen Sie nicht. Jedem ist ja das Leiden

das größte, das in seinem Herzen brennt; aber unser Vater im Himmel

weiß, warum Er jedes auf dem Wege führt, den es zu gehen hat.«

Frau Stanhope war stiller geworden, doch lag der Ausdruck eines

trostlosen Schmerzes fortwährend auf ihrem Angesicht. Nach einer Weile

des Stillschweigens teilte sie dann der Frau Doktorin mit, daß sie ihr

Kind mit fortzunehmen gedenke, damit es in ihrer Nähe und in der Nähe

seines vorangegangenen Bruders ruhe. Diese traurige Reise allein zu

machen, dazu könne sie sich nicht entschließen, sie habe die treue

Wärterin ihres Kindes, Klarissa, herberufen, daß sie alles Äußere für

sie besorge und ihr zur Seite bleibe.

Diese Nachricht war für die besorgte Frau Doktorin eine große

Beruhigung; nun wußte sie, daß, was von außen her der armen Mutter an

Trost und Hilfe konnte geboten werden, ihr bald und am wohltuendsten

durch diese treue alte Freundin zuteil werden würde. Diese allein hatte

ja die entschlafene Nora gekannt und auch geliebt wie eine zweite

Mutter. So kehrte die Frau Doktorin mit ein wenig erleichtertem Herzen

zurück, denn da war nun doch die Aussicht auf eine wohltuende Umgebung

für die vereinsamte Frau. Das mußte sie gleich der Tante mitteilen, denn

auch diese hatte ja eine so herzliche Teilnahme für die verarmte Mutter.

Aber die Tante war nirgends zu finden. Emmi, die ganz gegen ihre

Gewohnheit still in einer Ecke saß, berichtete, der Fred habe lange die

Tante gesucht, er habe sie gewiß zu einer Käferschau nötig gehabt und

fortgeholt. Die Mutter dachte auch, es werde so sein, und setzte sich zu

Emmi hin, die gern noch von der Nora wollte erzählen hören. Es war ihr

ein Bedürfnis, von der Mutter zu hören, daß die Nora froh und zufrieden

gewesen war ohne sie und daß ihr ihre Gesellschaft nicht gemangelt

hatte, denn sie fühlte jetzt wohl, daß sie nur an sich selbst gedacht

hatte bei dem Besuch und gar nicht daran, was sie für die einsame,

kranke Nora tun könnte.

Fred war wirklich längere Zeit der Tante nachgelaufen und hatte sie

endlich festnehmen können und nun weit hinunter nach dem entferntesten

Gartenhaus mit sich gezogen, denn er wollte ganz allein mit ihr reden.

Hier setzte er sich neben sie auf die Bank und sagte ernsthaft: »Siehst

du, Tante, ich muß dir etwas sagen, aber nur dir allein. Heute habe ich

die Nora gesehen; sie ist ganz tot und ich kann nicht begreifen, daß sie

einmal wieder erwachen und leben kann im Himmel.«

»So? das kannst du nicht begreifen, Fred? Siehst du, ich auch nicht«,

sagte die Tante; »aber der liebe Gott hat noch viele Dinge gemacht, die

du auch nicht begreifen könntest und ich ebensowenig, und doch sind sie

da. Wenn uns nun aber einer, dem wir fest glauben können, verspricht,

daß wir wieder leben werden nach dem Tode dieses Körpers, so wollen wir

glauben, bis wir begreifen; und ich glaube zuversichtlich daran, Fred.«

»Aber«, fing dieser in seiner gewohnten Zähigkeit noch einmal an, »ich

habe doch immer gedacht, das Lebendigsein ist in dem Menschen wie in den

Tieren, und wenn ein Tierchen keine Bewegung mehr macht, so ist es ganz

tot und fängt nie mehr zu leben an; das habe ich beobachtet.«

Hier wurde das Gespräch zwischen Fred und der Tante unterbrochen, da der

heimkehrende Vater an dem Gartenhäuschen vorbeikam und die Tante

aufforderte, mit ihm durch das Äckerchen zu wandern, um die prachtvollen

Kohlköpfe zu bewundern, die sich da entfaltet hatten. Fred ging still

seiner Wege, denn Kohlköpfe konnte er nicht bewundern, die ließen ihn im

Gegenteil viel schwere Augenblicke voraussehen, da er den grünen Stoff

auf seinem Teller erblicken würde.

[Illustration]

Neuntes Kapitel.

Eine letzte und eine erste Reise.

Eben war ein großer Reisewagen am Hause des Arztes vorübergefahren,

worin ganz allein eine schwarze Frau saß. Das mußte die Klarissa sein,

die gekommen war, Nora heimzuholen. Die Doktorskinder standen alle vier

im Garten und schauten still dem Wagen nach, denn sie empfanden, wie

traurig diese Reise sein mußte. Die Tante stand oben am Fenster und

schaute mit ihnen dem Wagen nach. Als er unten um die Ecke verschwunden

war, winkte sie dem Fred, heraufzukommen; sie stand in seinem Zimmer. Er

kam augenblicklich heraufgerannt.

»Sieh, Fred, ich räume dir ein wenig auf, du hast hier eine ziemliche

Unordnung, und Dinge, die keinen Wert haben, wollen wir nicht

aufbewahren. In dieser Schachtel ist ein totes Tierchen, das werfe ich

nun fürs erste fort.« Die Tante ging ans Fenster mit der Schachtel.

»Um’s Himmels willen, Tante, was willst du machen?« schrie Fred auf und

stürzte sich auf die Schachtel; »das ist meine schönste Raupe, das gibt

ja den prachtvollen Totenkopf nachher, das ist der allerschönste

Schmetterling mit der wundervollsten Zeichnung auf den Flügeln.«

»Ach was noch gar«, sagte die Tante, »dies Tier hier ist ganz tot und

bewegt sich gar nicht mehr, da ist ja alles fertig.«

»Aber Tante, weißt du denn gar nichts von der Geschichte der Raupe? Das

ist ja schrecklich!« rief Fred in großer Aufregung aus, die Schachtel so

fest als möglich in seiner Hand haltend. »Siehst du, hier liegt sie

jetzt eingepuppt und ist ganz wie tot; und diese Hülle, die du siehst,

ist auch tot, die wird nachher zurückgelassen. Aber siehst du, darunter,

zu allerinnerst, ohne daß du es sehen kannst, ist doch etwas lebendig

geblieben, denn auf einmal, wenn es Zeit ist, verläßt es diese Schale,

denn die gehört nun nicht mehr zu ihm, und auf fliegt es mit schönen

Flügeln und ist ein ganz neues, prächtiges Geschöpf.«

»Das kann ich aber nun wirklich nicht begreifen, Fred«, sagte die

Tante, »wie es zugeht, daß ein Wurm, der immer an der Erde gekrochen

hat, erst ganz tot daliegt und dann auf einmal schöne Flügel hat und

davonfliegt als ein neues Geschöpf und den alten Leib, mit dem er an der

Erde kriechen mußte, zurückläßt. Kannst du das begreifen, Fred?«

»Nein, ich begreife es schon nicht«, entgegnete Fred; »aber es ist ja

gewiß so, Tante, ganz gewiß, wenn man schon nicht begreift, wie das so

sein kann.«

»Fred«, sagte die Tante ernsthaft, »wenn nun das Innerste, das in der

Nora lebendig war, gerade so die tote Hülle verlassen hätte und

aufgestiegen wäre zu fernen, schönen Höhen, um dort als ein neues,

herrliches Wesen fortzuleben?«

Fred wurde ganz nachdenklich. »Daran habe ich gar nicht gedacht«, sagte

er dann, »jetzt muß ich ganz anders an die Nora denken. Die wird aber

froh gewesen sein, so frei aufzufliegen, da sie doch so krank gewesen

war in der ersten Haut! Aber gelt, Tante, du bist auch froh, daß du nun

die Geschichte der Raupe so klar weißt, die ist doch sehr merkwürdig.«

»Gewiß ist sie, Fred. Man kann auch so gut daraus sehen, daß es Dinge

gibt, die wir nicht begreifen und erklären können und die doch

geschehen, die auch kein einziger Gelehrter noch ergründet hat. Darum,

wenn du dann einmal ein Gelehrter wirst, Fred – und das kannst du schon

werden in deinem Fach, wenn du so eifrig fortfährst –, und du auf die

unbegreiflichen Dinge stößest, dann sage dir nur jedesmal demütig: ›Da

ist etwas, das ich nicht erklären kann, da kommt der liebe Gott!‹ Und

dann bewundere seine Größe, die weit über dich hinausgeht.«

Wo Gritlis Kinder hingekommen sind Geschichten für Kinder und auch für solche, welche die Kinder lieb haben, 8. Band · 第 6 / 8 段