Der Feklitus hatte mit Genugtuung die Festrede übernommen und zu Hause
die Mitteilung von dem bevorstehenden Ereignis gemacht. Diese Mitteilung
machte einen großen Eindruck auf Herrn Bickel und seine Frau, und sie
beschlossen beide, dem Feste beizuwohnen, denn sie wollten doch den
Feklitus anhören, wenn er zum ersten Male öffentlich sprechen würde. Es
wurde auch sofort für den Redner ein nagelneuer Anzug angeordnet, der
dem Anlaß entsprechen sollte, und noch an demselben Abend wurde der
Schuhmacher beschickt und neue Stiefel wurden angemessen.
Den Feklitus sah man seit dem Tage schweigend und tiefsinnig umhergehen,
und man konnte wohl erkennen, daß er mit außerordentlichen Gedanken
beschäftigt war.
Eben war er aus der Schule herausgekommen, und zwar mit einem großen,
unfreiwilligen Satz, denn die Nachfolgenden drängten so ungestüm, daß
ein Luftsprung von den Vorderen gemacht werden mußte; da war keine Zeit,
die Treppe Schritt um Schritt hinunterzugehen. Aber man konnte gut
sehen, daß der Feklitus nicht gestimmt war, fröhliche Sprünge zu machen,
denn er kam mit großen Runzeln auf der Stirn unten an und rannte nicht
mit dem Siegesgeschrei erprobter Krieger, wie die anderen, davon,
sondern langsam und stumm ging er um die Ecke des Schulhauses herum und
stellte sich da auf die Lauer. Als nun alle Buben vorbeigerannt waren,
kamen die Mädchen dahergelaufen, einmal zwei und wieder zwei und dann
eine ganze Gruppe, und dann kam allein und ganz eilig das Elsli heran.
Es hatte sich schon ein wenig verspätet, denn es hatte noch sehr genau
seine Schulaufgaben für morgen aufgeschrieben. Plötzlich wurde es von
hinten festgehalten und auf die Seite gezogen.
»Laß mich gehen, Feklitus, ich muß schnell zur Nora, sie erwartet mich«,
sagte es, als es nun sah, daß es der Feklitus war, der es gepackt und
mit einem starken Ruck hinter das Schulhaus gestoßen hatte.
»Ich will dich zuerst etwas fragen, dann kannst du gehen«, entgegnete er
gebieterisch und hielt das Elsli an seinem Jüppchen fest.
»So mach geschwind, ich muß gewiß gehen.«
»So sag einmal«, hub jetzt der Feklitus forschend an, »wenn du einmal an
einem Sängerfeste eine Rede halten müßtest, wie würdest du dann
anfangen?«
»Ach, das ist ja etwas Dummes, das muß ich ja mein Lebtag nicht«, rief
das Elsli und riß am Röcklein, um fort zu können. Aber der Feklitus
hatte eine feste Faust, es half nichts.
»Ich habe nicht gesagt, daß du es einmal müssest«, fuhr er fort; »ich
habe nur gesagt wenn, wenn – und wenn kann man zu allem sagen. Jetzt
antwort: Wie würdest du anfangen, wenn du am Sängerfest eine Rede halten
müßtest?«
»Das weiß ich ja nicht, von dem weiß ich gar nichts, ich habe ja nie an
so etwas gedacht«, und das Elsli riß wieder.
»So denk jetzt daran! Du mußt sagen, wie du anfangen würdest, oder ich
lasse dich nicht los, bis es dunkel Nacht ist«, und Feklitus hielt das
Röckchen immer fester. »Ich will dir’s jetzt noch leichter machen und
dir anfangen, dann aber fahre fort, oder dann wart nur! So fängt’s an:
›Hochgeehrte Herren und Brüder!‹ Jetzt fahr fort!«
»Laß mich doch los, sieh, ich muß gewiß gehen«, bat das Elsli; »ich kann
ja doch nichts Rechtes sagen.«
»Du halsstarriges Elsi du« – brach jetzt der Feklitus zornig los –,
»wart nur, du mußt deinen Lohn schon haben! Wart du nur, bis du in die
Fabrik kommst, es geht jetzt nicht mehr lang’, dann wirst du’s erfahren,
wart nur!«
Unbestimmte Schrecken stiegen in Elslis Einbildung auf; es riß nicht
mehr, ganz folgsam stand es da und besann sich. Nach einer kleinen Weile
sagte es: »So würde ich dann so anfangen: ›Hochgeehrte Herren und
Brüder! Da wir nun so schön gesungen haben, so wollen wir uns nun
darüber freuen und ein großes, langes Fest feiern –‹«
Wie ein Pfeil schoß hier das Elsli davon, denn es hatte wahrgenommen,
daß im Eifer des Zuhörens der Feklitus seine Faust aufgemacht hatte. Er
schaute dem Elsli grimmig nach, es war aber schon zu weit weg, um
verfolgt zu werden. So ging er endlich nachdenklich seiner Wege.
Am Sonntag sollte das große Sängerfest stattfinden, denn bis dahin
hatte die Tante versprochen, die Fahne fertig zu machen. Vorher aber
sollte eine Probe ausgeführt werden, um zu hören, wie die Rede
abgehalten würde, und auch um die Bewegung des Zuges zu ordnen. Anstatt
der Fahne könnte für einmal ein Tischtuch an die Stange befestigt
werden, die Tante würde schon eins liefern. Am Samstagnachmittag sollte
die Probe abgehalten werden, so hatte Oskar mit seiner Gesellschaft
festgesetzt.
Am Samstag war denn auch kaum das nötige Essen am Mittagstisch
hinuntergeschluckt, als Oskar schon unruhig umherschaute, ob er wohl
bald aufstehen und sich entfernen dürfe. Noch unruhiger gebärdete sich
Emmi, die schon von Anfang an ihre Gedanken ganz anderswo als bei ihrer
jetzigen Beschäftigung hatte, denn alles schluckte sie wie im Fieber
herunter, schaute alle Augenblicke nach der Wanduhr und gab einmal ums
andere verkehrte Antworten. Sobald der letzte Bissen von des Vaters
Teller verschwunden war, fragte sie dringlich: »Kann ich gehen, Mama?«
»Ich auch, Mama?« setzte Oskar blitzschnell ein. Es wurde erlaubt.
»Was müssen denn die beiden wieder gründen und stiften, daß sie’s so
eilig haben?« fragte der Vater.
Emmi war schon zur Tür hinaus.
»Morgen wirst du’s schon sehen, Papa«, sagte Oskar mit
vielversprechender Miene; »heute noch wird die Rednerbühne errichtet und
der Festumzug geordnet. Du wirst gewiß erstaunen. Willst du auch die
Festrede von Feklitus hören, Papa?«
»Danke bestens! Am Abend will ich dann mit Mutter und Tante auf dem
Festplatz erscheinen. Gehörst du auch zu den Festfeiernden, Fred?«
fragte der Vater.
»Nein, ich habe Nützlicheres zu tun«, entgegnete ernsthaft der Fred. »Es
ist nützlicher, den geringsten Sumpffrosch zu finden und kennen zu
lernen, als tausend Sängerfeste zu feiern.«
Das Rikli rückte schnell ein wenig von Fred weg, vielleicht wollte er
gleich einen von den Fröschen als Muster zeigen. Oskar warf dem Bruder
einen mitleidigen Blick zu und ging.
Friedlich saßen am Nachmittag Mutter und Tante im Garten; vor ihnen auf
dem Tisch stand der große Flickkorb und während die fleißigen Hände die
Schäden alle der großen und kleinen Strümpfe gutmachten, besprachen sie
die Ereignisse des Tages und das Leben und Wesen der Kinder, für die sie
dieselbe Liebe und dasselbe Interesse hatten.
»Es ist merkwürdig, wie die Dinge sich wiederholen in diesem Leben«,
sagte jetzt die Mutter. »Wenn die Kinder so erzählen, wie der Feklitus
so häufig dem Elsli nachrennt, wenn keiner begreift, warum, stehen mir
immer die langvergangenen Zeiten vor Augen. Du weißt doch noch, wie
Elslis Mutter, das lebensfrohe Gritli, beständig von dem kurzen, dicken
Fekli verfolgt, so leicht und lustig dahinrannte und sich immer von Zeit
zu Zeit umkehrend, ihm mit Lachen zurief:
›Faß mich ab! Faß mich ab,
Fekli mit dem Bärentrab!‹«
Die Tante erinnerte sich dieser Szenen sehr gut; sie mußte herzlich
lachen, als sie ihr wieder so deutlich vor Augen traten. »Das Gritli
hatte freilich seinen Sang nicht selbst gedichtet«, fügte sie bei,
»unser Bruder hatte ihm denselben eingeblasen; du erinnerst dich doch,
wie er sich an diesen vergeblichen Jagden ergötzte?«
Die Mutter konnte nicht weiter antworten, denn in diesem Augenblick
erhob sich ein so Mark und Bein durchdringendes Geschrei, daß die beiden
Frauen ganz zusammenschraken.
»Es ist wieder das Rikli, das ist ganz sicher«, sagte die Mutter, die
erst samt der Tante aufgesprungen war, sich nun aber wieder hinsetzte
und die Tante auch dazu aufforderte. »Wir müssen wirklich dableiben«,
fuhr sie fort; »das Kind soll nicht meinen, daß es für jedes Käferchen,
das ihm nahe kommt, einen solchen Lärm aufschlagen darf und uns so zu
seiner Hilfe herbeizwingen kann; es muß wissen, daß sein Geschrei für
nichts keine Teilnahme mehr erweckt.«
»Gewiß hält ihm der Fred wieder irgendeinen großäugigen Frosch unter die
Augen, der es unbarmherzig erschreckt«, sagte mitleidig die Tante; »aber
du hast schon recht, das Zetergeschrei muß es zu überwinden suchen.«
In diesem Augenblick ertönte ganz von der anderen Seite her ein Gesang,
der an großem Lärm mit dem fortdauernden Schreien wetteiferte. Es war
unverkennbar Freds Stimme, die, dem Kreischen antwortend, sang:
»Das Rikli und der Hanseli
Sind ganz wie zwei Geschwister;
Sie singen wie die Amseli,
Nur unerhört viel wüster.«
»Fred kann es nicht sein, der das Kind erschreckt, er singt ja auf einer
ganz anderen Seite«, sagte die Mutter, sichtlich ein wenig erschüttert
in ihrem Vorsatz, Rikli einmal schreien zu lassen, ohne ihm zu Hilfe zu
kommen. Jetzt nahm das Geschrei aber einen so unverkennbaren Charakter
der Verzweiflung an, daß Mutter und Tante zugleich aufsprangen und dem
Orte zustürzten. Erst erblickten sie gar nichts, obschon das Wehgeschrei
dicht vor ihnen ertönte. Aber jetzt, da vor ihnen, unten im Graben, lag
das verzweiflungsvoll schreiende Rikli in einem wirklich jämmerlichen
Zustand. Fast bis an den Hals hinauf stak es in dem grünen
Schlammwasser; die Arme streckte es krampfhaft empor, wie um sie zu
schützen vor der Berührung mit den kleinen grünen Fröschen, die hier und
da lustig in dem Sumpfwasser herumplätscherten. Die Tante war die
nächste beim Graben. Rasch stieg sie einige Tritte hinunter, erfaßte das
Kind bei den Armen und zog es mit einiger Anstrengung heraus. Als sich
nun das Rikli von zärtlicher Besorgnis umgeben fühlte und auf die
überstandenen Schrecken zurückschaute, fing es erst recht kläglich zu
weinen und zu jammern an, und einmal ums andere stöhnte es: »O, warum
seid ihr auch nicht gekommen?« Aber da wurde nicht viel Antwort gegeben,
der Zustand erforderte ein schnelles Eingreifen. Mutter und Tante faßten
das Kind je an einer Hand und eilten mit ihm dem Hause zu, wo das
schlammüberzogene Rikli ohne Verzögerung in die Badewanne gesteckt
wurde. Die Mutter war abgerufen worden, die Tante aber setzte sich
neben das badende Kind hin und sagte: »So, jetzt will ich dir auf deine
Frage antworten.« Und nun erklärte ihm die Tante die Sache und sagte
ihm, daß es schon so oft dasselbe fürchterliche Geschrei ausgestoßen
habe, wenn der Fred mit einem harmlosen Käferchen oder kleinen Frosch
sich ihm nur genaht habe, daß weder sie noch die Mutter dieses Gebaren
unterstützen und ihm mehr zu Hilfe kommen wollten. Einzig Freds Gesang
hätte es gerettet, der bewies, daß er nicht bei dem Rikli sei; sonst
wäre niemand zu seiner Hilfe gekommen und es hätte noch lange, lange
Zeit in dem Schlammwasser stecken können. Dann ermahnte die Tante das
Rikli ernstlich, an diese Erfahrung zu denken, denn sonst könnte es noch
einmal auf viel längere Zeit und noch erschrecklichere Weise unter die
Frösche versetzt werden. Das Rikli hörte die Worte aufmerksam an, und
diesmal machten sie mehr Eindruck, als ähnliche Ermahnungen gemacht
hatten, bevor es etwas so Grauenvolles erlebt hatte, wie das war, ganz
verlassen und ungehört mitten unter den Fröschen im Sumpf zu stecken.
Während dieser Zeit hatte Oskar seine Schar versammelt und war mit ihr
auf den Festplatz gezogen. Hier sollte zuerst die Festrede als Probe
abgehalten werden, dann sollte der große Umzug und hernach die
Schlußfestlichkeiten mit Bankett folgen, heute nur als Probe, morgen
aber mit richtigem Johannisbeersaft und Lebkuchen; das hatte die Tante
samt der Fahne zu liefern versprochen. Die Rednerbühne war aus vier in
die Erde gesteckten Holzpfosten und vier darüber gelegten Brettern
kunstvoll errichtet. Jetzt bestieg sie der Feklitus und begann:
»Hochgeehrte Herren und Brüder! Da wir nun so schön gesungen haben,
wollen wir uns darüber freuen und ein großes, langes Fest feiern und mit
den Gläsern anstoßen.«
Der Feklitus kam von der Bühne herunter.
»Mach doch fort!« schrieen ihm die nächsten Zuhörer zu.
»Die Rede ist fertig, nachher stößt man mit den Gläsern an«, sagte
Feklitus, befriedigt von seiner Leistung und daß sie vorüberwar. Aber
unter der Versammlung erhob sich ein großer Lärm, denn die meisten
fanden die Rede zu kurz und wollten den Feklitus zur Fortsetzung wieder
auf die Bühne hinaufdrängen. Nur Oskar, der doch sonst alles regierte,
stand so dumm und verblüfft da, als hätte er etwas ganz Besonderes
vernommen. Die Worte hatten ihm auch einen großen Eindruck gemacht: Wie
konnte auch der Feklitus zu einem Gedanken gekommen sein, der ihm
selbst gar nicht eingefallen und der doch von solcher Wichtigkeit war
für das Fest, daß sie zu feiern hatten. Es mußte ja doch gesungen
werden, daß man merken konnte, es sei ein Sängerfest. Nachdem Oskar den
ersten Ärger verschluckt hatte, daß er nicht der Urheber des Gedankens
war, stürzte er sich mit einem Male in die lärmende Menge und rief aus
vollen Kräften: »Still! Jetzt muß man vor allem wissen, wer singen kann;
wir müssen nun ein schönes Lied einstudieren.«
Aber da fand es sich denn, daß keiner von ihnen singen konnte, auch der
Feklitus nicht; der behauptete aber, es sei ja nicht nötig. Oskar selbst
konnte keine Note richtig nachsingen, das wußte er wohl, aber er hatte
erkannt, daß da gesungen sein mußte, und er rief nun mit Heftigkeit nach
dem Fani und die anderen schrieen mit, denn es kam den meisten in den
Sinn, daß der Fani singen konnte. Er war aber nicht zu finden, er war
entschieden nicht bei der Schar, und auf einmal lief Oskar in
gestrecktem Galopp davon, alle anderen nach, und jeder lief nach seiner
Seite hin, so daß in einem Nu der ganze Festplatz leer stand und einsam
die Rednerbühne darauf emporragte. Oskar stürzte nach Hause; er war in
der größten Aufregung: was sollte nun aus seinem laut verkündeten Feste
werden! Denn das war ihm nun ganz klar, vor allem mußte gesungen werden
am Sängerfest, und das mußte er zustande bringen! Wie würde der Papa
über seine Gründung spotten! Wie würde der Fred sticheln und sich
überheben mit seinen stets überdachten Handlungen! – Nein, das konnte
nicht sein, der Fani mußte auf den Platz, der konnte vorsingen, dann
sängen die anderen schon nach. Zu Hause angekommen, rannte er der Stube
zu, wo er eben die Emmi eintreten sah.
»Wo ist der Fani, Emmi?« rief er ihr aufgeregt zu; »hast du ihn wieder
aufgestiftet, uns untreu zu werden und mit dir auszuziehen?«
Emmi wurde ein wenig rot, sagte aber nichts; sie tat so, als hörte sie
nicht so recht, was er wollte. In diesem Augenblick streckte die Kathri
den Kopf zur Tür herein. »Die Marget ist draußen, sie fragt, ob niemand
wisse, wo der Fani sei, sie suche ihn allenthalben, es pressiere«, rief
sie in einem Atemzug herein und verschwand wieder. Jetzt wurde Emmi
dunkelrot bis unter die Haare hinauf und fing an, ängstlich an der Tante
zu zupfen. Diese merkte auch gleich, daß etwas Unrichtiges begegnet war;
sie nahm Emmi an der Hand und ging zur Tür hinaus. Die Mutter folgte, um
nachzusehen, was die Marget so eilig hergebracht hatte. Diese erzählte
in großer Aufregung, daß der Vetter Fekli gekommen sei, um ihr zu sagen,
er habe im Sinn, den Fani gleich in der Fabrik anzustellen für eine
besondere Arbeit, die der Bube gut machen könne und die ihm an den
Schulferien-Nachmittagen und auch in mancher anderen Stunde eine
Beschäftigung geben werde, die ihm ein schönes Stück Geld einbringe. Nun
habe er gleich mit dem Fani reden wollen, aber den habe sie nun hin und
her gesucht und nirgends finden können; und den Vetter dürfe sie auch
nicht mehr warten lassen, der werde jetzt gewiß recht böse, wenn der
Fani nicht einmal mitkomme, nachdem sie nun so lange fortgeblieben sei,
nur um ihn zu suchen.
Die Mutter rief sofort den Oskar herbei und hieß ihn nach allen Seiten
auslaufen, um den Fani zu suchen, er würde ihn wohl am besten finden
können, meinte sie, und die Marget könne dann ruhig nach Hause gehen,
Oskar würde den Fani dann gleich heimschicken.
Unterdessen hatte die Tante Emmi in ihre Schlafstube geführt, und sobald
sie drinnen waren, umklammerte Emmi krampfhaft den Arm der Tante und
flehte angstvoll: »Hilf mir doch, Tante, hilf mir doch, daß es nichts
Schlimmeres gibt und daß der Papa nicht böse wird; hilf doch, daß Fanis
Mutter es begreift, wie gut es ihm nun gehen wird und daß er ein großer
Maler werden könne. Heut ist er nach Basel verreist.«
»Was sagst du, Emmi? Was sagst du? Es wird ja, will’s Gott, nicht wahr
sein!« rief die Tante in großem Schrecken aus.
»Doch, es ist gewiß wahr, Tante; geh doch zu Fanis Mutter und mach, daß
es ihr recht ist und daß sie nicht klagt beim Papa«, flehte Emmi. »Ich
will dir alles erzählen, dann kannst du’s schon sehen und der Marget
sagen, wie gut es dem Fani jetzt gehen kann. Siehst du, im Blatt stand
eine Anzeige vor ein paar Tagen, die hieß so: ›Ein Dekorationsmaler in
Basel würde einen Knaben von elf bis zwölf Jahren zu sich nehmen gegen
leichte Beschäftigung, er könnte auch das Handwerk erlernen.‹ Dann war
noch die Adresse dabei. Das habe ich schnell dem Fani gezeigt, denn wir
haben schon lange nachgesonnen, wie er ein Maler werden könnte und nicht
in die Fabrik gehen müßte, und das war gerade das Rechte, denn du
hattest ja gesagt, das hieße Verzierung und der Fred hat noch gesagt, es
heiße auch Theaterwand. So wußte ich ja schon, daß der Fani da schöne
Bäume und Blumen und Kränze machen müßte, und habe ihm das alles gesagt,
und er wollte schrecklich gern gehen. Zuerst wollten wir es seiner
Mutter sagen, aber er sagte, dann könne er gewiß nie, nie gehen, denn
sie sage, das sei keine Arbeit, sondern nur Lumperei, und sie wolle
nichts davon wissen. Dann haben wir ausgemacht, er solle jetzt nur
einmal gehen, ich wollte dann schon sagen, wo er sei, wenn sie fragen,
und dann würde er schnell schreiben und sagen, daß er jetzt ein Maler
werden kann.«
»Aber, um’s Himmels willen, was richtest du doch für Zeug an, Emmi«,
brach die Tante hier aus; »es ist ja wirklich schrecklich! Wo wird der
Junge nun hinkommen und wie kann er ohne Geld nur nach Basel gelangen?«
Emmi sagte, sie habe ihm alles Geld gegeben, das sie besessen, er komme
gewiß nach Basel, wenn nur die Tante jetzt mit der Mutter reden wollte,
weil sie gerade so eifrig den Fani suche, wie sonst nie. Auch die Tante
fand, das sei das erste, was sie tun müsse. Dann wollte sie sogleich
nach Basel schreiben, um zu wissen, ob der Fani wirklich dort angelangt
und in was für Händen er sei. Die Tante verlor keine Zeit. Sie schlug
ihr Tuch um und eilte hinaus dem Wäldchen zu, hinter dem der Weg zu
Heiris Häuschen niederstieg. Aus der niederen Haustür trat eben noch
Herr Bickel, als die Tante sich nahte. Er bemerkte abschließend: »Wie
gesagt, das Vagabundieren, das er im Brauch hat, hört dann auf, ich
ziehe ihm jede vergeudete Zeit am Lohn ab.«
[Illustration]
»Er wird, denk’ ich, erst Lohn haben müssen, eh’ man ihm davon abziehen
kann«, sagte Marget halblaut, während Herr Bickel gewichtigen Schrittes
davonging. – Die Tante trat in das Häuschen ein. Man kam von der Straße
unmittelbar in die Küche und von da in die Stube. Die Tür dahin stand
offen, und nahe dabei standen in der Stube zwei uralte Wiegen, eine für
das Kleine und eine für den Hanseli, und auf der anderen Seite in der
Küche stand der Waschzuber, den die Marget dahin gerückt hatte, um zu
gleicher Zeit ihrer Arbeit obliegen zu können und die drei Buben samt
dem Kleinen unter den Augen zu haben. Obschon der Hanseli zwei Jahre alt
war, hatte er noch seine Wiege, und diese diente zu gleicher Zeit als
Bettstatt und als Beruhigungsmittel für ihn. Schlug er jetzt, seit
Elslis Wegbleiben, sein bekanntes Geschrei auf, so legte ihn die Mutter
auf der Stelle in die Wiege hinein, wo er, durch die schaukelnde
Bewegung beruhigt, alsbald vom Schlaf übermannt wurde. Eben jetzt stand
der Heirli auf der einen und der Rudi auf der anderen Seite der
beweglichen Bettstatt und beide stießen aus Leibeskräften die
heranschaukelnde Wiege immer einer dem anderen zu, so daß der
darinliegende Hanseli längst in den tiefsten Schlaf versunken war und
darin erhalten wurde. Die Tante setzte sich auf den hölzernen Schemel
neben den Waschtrog hin und forderte die Marget auf, fortzufahren an
ihrer Arbeit; sie habe mit ihr zu reden, das könne aber neben dieser
Arbeit geschehen. Sie fing nun ganz zahm und behutsam an, der Marget
beizubringen, wohin der Fani gekommen sei, und fügte auch gleich bei,
sie werde unverzüglich nach Basel schreiben, um inne zu werden, wo er
hingekommen sei und was der Meister mit ihm im Sinne habe. Sie würde ihn
auch gleich wiederkommen lassen, wenn der Vater und die Mutter es haben
wollten. Die Marget stand noch unter dem Eindruck des Lohnabziehens. Der
Vorteil für den Fani und die ganze Haushaltung schien ihr schon nicht
mehr so groß zu sein, wie sie zuerst gedacht hatte. Wenn nun der Fani da
unten sein Essen und seine Kleider verdienen könnte und so unversehens
ein Handwerk erlernte und vielleicht bald sein eigenes Auskommen hätte,
so wäre das doch eigentlich besser als alles, was er daheim erreichen
könnte, und man hätte so keine Sorgen bei dem ganzen Verlauf. Diese
Gedanken gingen der Marget schnell hintereinander durch den Kopf, und es
währte gar nicht lange, so sagte sie der Tante, es wäre gewiß dem Vater
so recht, wie ihr selbst, wenn die Tante alles in die Hand nehmen und
nachfragen wollte, wie es der Fani habe, und wenn sie ein wenig dazu
sehen könnte, daß der Bub’ etwas Rechtes lerne. Sie wollte dann schon
noch mit dem Vater reden und nachher den Bericht bringen, was er dazu
sage; aber die Marget schien ganz überzeugt zu sein, daß er dieselbe
Meinung haben werde, die sie habe. Die Tante fühlte sich sehr
erleichtert, denn sie hatte nicht gewußt, wie die Sache von der Marget
aufgenommen würde und ob sie nicht vielleicht einen großen Lärm machen
würde über das Fortlaufen des Buben, was doch im Grunde Emmi verschuldet
hatte. Sie fragte noch dem Elsli nach und hörte, daß es zwischen der
Schule durch und bis zur Stunde des Schlafengehens seine ganze Zeit auf
dem Eichenrain zubringe. Für sie sei es gar keine Hilfe mehr; mit den
beiden Buben mache sie’s nun, wie sie könne, und beklagen könne sie sich
nicht, denn die Mutter des kranken Kindes sei eine gute und vernünftige
Frau, die wisse, daß die armen Leute auch etwas brauchen, um leben zu
können. Das Elsli bringe jeden Abend einen Taglohn mit, den es gewiß
nicht verdienen könne, und dazu so viel Kleider von dem kranken Kinde,
daß sie dem Elsli für lange Zeit nichts anzuschaffen habe. Diese
Nachricht erfreute die Tante sehr und mit frohem Herzen kehrte sie
zurück, denn es war alles so viel leichter abgegangen, als sie erwartet
hatte.
Schon auf dem halben Wege kam der Oskar ihr entgegengelaufen. Er hatte
bemerkt, daß Emmi schon seit einiger Zeit an der Hausecke stand und auf
jemand wartete, das mußte ohne Zweifel die Tante sein; aber er hatte so
dringende Geschäfte mit ihr abzutun, daß er sie durchaus zuerst sehen
mußte. Er lief heimlich hinten ums Haus herum und eilte dem Wäldchen zu.
Sobald er der Tante ansichtig wurde, stürzte er auf sie los und goß nun
seine ganze Geschichte von dem verunglückten Sängerfest über sie: wie er
vergessen hatte, daß noch gesungen werden sollte, und wie furchtbar alle
Leute sie auslachen würden, und vor allen der Papa, wenn sie nun kämen
und wollten dem Feste beiwohnen; das sah er nun ganz klar ein. Aber er
hatte jetzt einen neuen, ganz herrlichen Gedanken: wenn man nun das
Sängerfest schnell in ein anderes umwandeln würde, daß es morgen doch
könnte abgehalten werden, eins, zu dem man die Fahne doch gebrauchen
könnte und in der Festrede ja nur einige Worte zu ändern hätte? Die
Tante wußte ja gewiß einen guten Rat zu geben, welches Fest an die
Stelle des unausführbaren zu setzen sei, und Oskar schien auch nicht
abgeneigt, die Sache so zu bearbeiten, daß schließlich anzunehmen wäre,
er habe eigentlich absichtlich das Sängerfest in ein anderes verwandelt.
Aber die Tante war nicht derselben Meinung. Sie erklärte ihm nun, was
eigentlich der Sinn eines Festes sei, und daß man immer zuerst etwas
Besonderes müsse geleistet haben, um nachher ein Fest darüber zu feiern.
Da das nun aber nicht geschehen sei, so sollte Oskar warten, bis es
einmal der Fall wäre, dann wollte die Tante ihm zu einer glänzenden
Festfeier verhelfen.