Am späteren Abend, als Mutter und Tante noch beieinander saßen und die

Strümpfe stopften, erkundigte sich die Mutter, was die eifrigen

Mitteilungen der Emmi gewesen seien, und vernahm nun, daß der Besuch bei

der kranken Nora ganz fehlgeschlagen hatte, daß Emmi ganz überzeugt sei,

die Nora begehre nicht, daß sie wiederkomme, daß ihr selbst das aber im

geringsten nichts mache, sondern daß sie froh sei darüber, denn sie habe

gar nichts mehr zu reden gewußt mit der Kranken und diese habe auch

nichts mehr gesagt. Das war nun ein ganz neuer Fall für die Mutter und

setzte sie sehr in Erstaunen, denn bis jetzt war der Emmi noch nie das

Wort ausgegangen in keinerlei Gesellschaft, und die Sache war der Mutter

nicht recht, denn sie hatte sich so in den Gedanken eingelebt, Emmi

könnte der armen Kranken manche fröhliche Stunde bereiten, und wiederum

könnte der Umgang der feinen Nora auf das etwas laute und unruhige Wesen

der Emmi einen sehr heilsamen Einfluß ausüben. Für einmal konnte da nun

nichts getan werden, die Sache zu ändern; doch meinte die Mutter, es

könne ja von selbst noch ganz anders kommen, die Freundschaften unter

den Kindern schließen sich wohl manchmal auf der Stelle, aber andere

Male müssen sich diese auch erst eine Zeitlang aneinander gewöhnen. Die

Tante schüttelte zwar den Kopf zu dieser Hoffnung, denn was ihr Emmi

erzählt hatte, machte ihr ganz den Eindruck, als gingen diese zwei Wesen

in allen ihren Anlagen und Bestrebungen, ihren Freuden und Interessen so

weit auseinander, daß sie nie zusammenkommen könnten. Dann besprachen

die Schwestern noch Elslis neue Aussichten, und die Mutter war ganz

glücklich in dem Gedanken, daß sie ein paar Wochen lang nicht mehr den

schweren Hanseli auf dem Arm des fast zusammenbrechenden Kindes

erblicken müsse.

[Illustration]

Sechstes Kapitel.

Die Tante wird neuerdings in Anspruch genommen.

Am folgenden Tag trat das Elsli nach elf Uhr ganz leise in das Haus auf

dem Eichenrain ein. Die Tür des Wohnzimmers stand offen, und Nora, die

in ihrem Sessel saß, schaute eben auf die Seite der offenen Tür hin und

erblickte auf einmal das Elsli; hereintreten hatte sie es nicht gehört.

Nora schaute erstaunt nach dem Kinde hin. Das Elsli sah anmutig aus; es

hatte sich heute sorgsam seine hellbraunen Haare glatt gestrichen, nur

um die Stirn herum kräuselte es sich leicht. Die Mutter hatte auch ein

sauberes Schürzchen und ein Tüchlein um den Hals erlaubt, weil es zu der

Herrschaft gehen mußte. Das schmale Gesichtchen war blaß und sah

ernsthaft aus, schüchtern schauten die sanften blauen Augen zu Nora

hin. Sie konnte sehen, das Kind wußte nicht, ob es in das Zimmer

eintreten durfte oder nicht.

»Komm«, winkte ihm Nora, und als nun das Elsli vor sie getreten war,

ebenso leise, wie es seinen Eintritt ins Haus gemacht hatte, fragte sie:

»Bist du das Kind, das die Ausgänge für uns machen soll?«

Elsli bejahte es. Seine Stimme hatte einen leisen, weichen Ton und das

ganze Elsli hatte etwas Leises, Zartes an sich, das der Nora gefallen

mußte. Auf einmal streckte sie ihm ihre Hand entgegen und sagte: »Komm,

sitz hier zu mir her, wir wollen ein wenig reden miteinander.«

Das Elsli gehorchte.

»Nicht wahr, du heißest Elsli?« fing die Nora wieder an. »Die Mama hat

dich kommen lassen, daß du Seide holst und Eier und Bleistifte für mich

und noch einiges; aber jetzt kannst du schon noch ein wenig hier bei mir

bleiben; oder wirst du dann etwa zu müde, wenn du noch alles holen mußt

vor Mittag?«

»O nein, davon werde ich nicht müde«, entgegnete das Elsli, »ich würde

schon anders müde daheim, denn ich müßte gleich mit den Buben hinaus und

den Hanseli auf den Arm nehmen.«

»O dann weißt du gewiß gut, wie es ist, wenn man müde ist, so recht

müde, nicht wahr?« fragte Nora ganz gespannt.

»O ja, das weiß ich schon ganz gut«, versicherte das Elsli. »Ich bin

fast immer müde, aber manchmal so stark, daß ich am liebsten nur

niederliegen wollte und gar nicht mehr aufstehen. Der Hanseli wird jetzt

so furchtbar schwer, daß ich ihn fast nicht mehr tragen kann; aber er

will nicht auf den Boden, er will auf meinem Arm sein, sonst schreit er

ganz laut und wird furchtbar bös.«

»O Elsli, so weißt du so gut, wie es ist, so schrecklich müde zu sein!«

rief Nora ganz erfreut aus über das Verständnis, das sie gefunden hatte.

»O ich bin so froh, jetzt kann ich so gut mit dir von allem reden, du

weißt nun ganz, wie es ist. Ja, nicht wahr, man möchte nur niederliegen

und gar nicht mehr aufstehen, bis etwas ganz anderes käme, etwas ganz

Neues, daß man nicht mehr müde sein könnte, nicht wahr, Elsli?«

»Es käme nichts Neues, zuletzt müßte man doch wieder aufstehen«, meinte

das Elsli.

»Nein, ich meine nicht so, wie du meinst; ich meine: niederlegen und

sterben, möchtest du nicht auch gern sterben, Elsli?«

»Nein, ich meine, ich wollte lieber nicht, ich habe nie daran gedacht.

Warum meinst du?«

»O, dann weißt du nur nicht, wie es dann sein wird. Die Klarissa hat mir

alles so schön erzählt, und wir haben immer miteinander davon geredet.

Aber mit Mama darf ich nie davon reden, sie weint gleich so schrecklich

und wird traurig für viele Tage. Aber dir will ich nun alles erzählen,

und du wirst sehen, wie du dich freuen wirst, in den Himmel zu gehen.

Und das schöne Lied von der Klarissa will ich dich auch lehren; soll ich

dir’s gleich jetzt sagen?«

Elsli war ganz bereit, das Lied anzuhören; aber jetzt trat Frau Stanhope

in das Zimmer ein und begrüßte das Kind mit einigem Staunen, denn sie

konnte sich nicht erklären, wie es kam, daß die beiden Kinder so nah

zusammensaßen und so vertraut miteinander redeten, als hätten sie sich

schon lange gekannt. Noch mehr aber mußte sie sich verwundern, als Nora

gleich sagte: »O Mama, nicht wahr, mit der Seide kannst du schon warten,

und die Bleistifte brauch’ ich gewiß heute nicht, und nach den Eiern

habe ich auch schon keine Lust mehr, und das andere kann ja wohl nachher

das Küchenmädchen besorgen; ich wollte so gern, daß Elsli jetzt bei mir

bliebe.«

»Gewiß soll das Kind bei dir bleiben, wenn es dir Freude macht«, sagte

die Mutter, selbst erfreut, daß die gewöhnlich teilnahmlose Nora einmal

wieder mit Lebhaftigkeit nach etwas verlangte. »Überdies«, fügte sie

hinzu, »kommt auch am Abend das Kind wieder, da bleibt immer noch Zeit

zum Ausgehen.«

Diese Mitteilung machte die Augen der beiden Kinder zu gleicher Zeit

aufleuchten. Nora sah die langen, bangen Stunden des Tages von einem

neuen, herzerwünschten Verkehr belebt; dem Elsli kam es vor wie ein

großes Fest, so in Ruhe und Stille neben der Nora sitzen zu dürfen, die

so freundlich zu ihm war. Da die Mutter aber dablieb, fing Nora nicht

mehr von ihrem Lied zu reden an; sie wußte ja so gut, was die Mutter

betrübte, und wich sorgfältig aus, ihr von diesen Dingen zu sprechen.

Das machte aber die Nora oft stiller, als die Mutter wünschte, denn in

seinen Gedanken bewegte das Kind immer wieder alles, was die gute

Klarissa schon seit langer Zeit mit den lebendigsten Farben in sein Herz

einzuprägen gesucht hatte. Klarissa war erfahren in vielen Dingen; sie

hatte den Zustand der hinschwindenden Nora wohl erkannt und wollte dem

Kinde das Land, wohin es ging, so lieb machen, daß es ihm nicht schwer

werden sollte, von der Erde wegzugehen. Und da die Liebe und Hoffnung

zu jenem Lande das Leben der Klarissa selbst erfüllten, war es ihr nicht

schwer geworden, sie auch in dem empfänglichen Herzen der Nora

wachzurufen.

Das Elsli sollte nun von seinem Leben daheim und von seinen Geschwistern

erzählen, und dadurch kam es denn gleich auf seinen Bruder Fani zu

sprechen und hörte gar nicht wieder auf damit, solange es überhaupt

erzählen mußte. Für den Fani hatte das Elsli eine solche Liebe und

Bewunderung, daß es nie genug bekam, zu schildern, wie gut und nett und

wie geschickt der Fani sei und wie er ihm in seinen Schularbeiten

beistehe und wie es gar nicht wüßte, wie es ohne den Fani leben könnte.

Es könnte dann auch gewiß nie mehr fröhlich sein; aber wenn es noch so

müde und traurig sei und der Fani dann heimkomme, so könne er es gleich

wieder froh machen, weil er selber immer so sei und so schöne Sachen

immer vor sich sehe in der Zukunft, und so voller Freude und Erwartung

davon reden könne, daß es auch gleich das Vertrauen ins Herz bekomme,

wenn es gerade noch gedacht habe, es könne nie, nie mehr froh werden und

es müsse immer Angst und Sorge haben und so müde sein.

Frau Stanhope hörte gern zu, wie das Elsli mit seiner leisen Stimme und

dem sanften Ausdruck der tiefblauen Augen von seinem Leben erzählte.

Nora folgte ganz gespannt jedem Worte, das es sprach; sie dachte

sichtlich den Worten viel weiter nach, als das Elsli selbst tat im

Erzählen, und man konnte sehen, daß sie mit dem größten Interesse und

Wohlgefallen Elslis Mitteilungen anhörte. Als Frau Stanhope zuletzt

sagte: »Du kannst nun nach Hause gehen, Kind, nach vier Uhr erwarten wir

dich wieder«, da fügte die Nora gleich bei: »Komm dann auch bald, Elsli,

und sag deiner Mutter, daß du erst um acht Uhr heimkommst.«

Elsli versprach, gehorsam alles zu tun, und ging mit frohem Herzen

davon; es hatte erwartet, die fremde Kranke würde kaum mit ihm reden und

es müßte nur allerlei Sachen herbeiholen. Nun war das kranke Kind so

freundlich zu ihm gewesen, und die Dame, vor der es sich ein wenig

fürchtete, auch, so daß es ein großes Dankgefühl im Herzen hatte. Um

vier Uhr lief das Elsli schleunigst vom Schulhaus weg und sagte nicht

einmal der Emmi Lebewohl, vor Furcht, es könnte noch aufgehalten werden,

und es hatte ja versprochen, sogleich nach dem Eichenrain zu kommen. Die

Befürchtung war auch nicht umsonst: es hörte, wie jemand ihm mit aller

Macht nachrannte und seinen Namen rief. Es war der Feklitus, Elsli

kannte seine Stimme wohl.

»Wart! wart! Willst du warten, wenn ich etwas mit dir will?« rief er

befehlend hinter ihm her.

»Nein, nein, ich kann nicht«, rief das Elsli zurück, »ich habe

versprochen«, und es rannte davon wie ein Reh. Eine Zeitlang rannte der

Feklitus nach, sichtlich in großem Zorn, der ihn zu fortwährenden

Drohworten drängte, die er dem Elsli nachrief, was aber seinen Lauf nur

erschwerte; keuchend und zornglühend stand er endlich still und erkannte

nun, daß er das dahinfliegende Elsli doch nicht erreichen würde. Nun

kehrte er grollend um, er hatte sichtlich einen besonders triftigen

Grund gehabt, dem Kinde nachzulaufen, um so mehr war er über die

vereitelte Bemühung ergrimmt.

Das Elsli mußte erst lang Atem holen, ehe es in das Haus auf dem

Eichenrain eintreten konnte; denn es war ohne Aufenthalt aus allen

Kräften dahingelaufen, aus Angst, der Feklitus komme ihm noch nach und

wolle es zwingen, etwas anderes zu tun.

Nora hatte schon lang am Fenster nach ihm ausgeschaut. Als sie es

heranrennen und nun stillstehen sah, rief sie ihm voller Verlangen zu:

»Komm, Elsli, komm, du kannst schon hier oben ausruhen, du mußt nicht

mehr auslaufen.«

Das Elsli gehorchte. Nora war ganz allein oben im Zimmer und hieß voller

Freuden Elsli willkommen. Es mußte sich gleich wieder zu ihr hinsetzen,

und sie erklärte ihm nun, daß es gar nicht ausgehen müsse; sie habe die

Mutter gebeten, daß es bei ihr bleiben dürfe den ganzen Abend, und die

Mutter habe es gern erlaubt; diese sei nun auch selbst ein wenig

fortgegangen, was sie sonst nie tun wolle, wenn Nora allein sei.

»Jetzt habe ich dir auch so viel zu sagen, Elsli«, fuhr Nora fort; »du

hast wohl gar noch nie daran gedacht, wie es dann sein wird, wenn wir

von der Erde weggehen und in den Himmel kommen?«

Das Elsli schüttelte den Kopf. »Nein, das habe ich nicht.«

»O! o!« fuhr Nora ganz belebt fort, und während des Sprechens wurde sie

immer lebendiger: »Da weißt du vielleicht gar nicht, wie schön es dann

sein wird? Viel schöner als alles, was du bis jetzt gesehen hast, und

gar keine kranken Menschen gibt es mehr da, nicht einen, und keiner ist

mehr müde, alle sind so glücklich, und hier und da am Strom unter den

Blumen treffen sie sich an und freuen sich; – aber wart, ich will dir

das Lied der Klarissa sagen, du wirst sehen, wie schön da alles ist.«

Die großen Augen der Nora wurden immer glänzender und ein immer tieferes

Rot kam auf ihre sonst so blassen Wangen, während sie ihr Lied sagte:

»Es fließt ein Strom kristallenklar

Durch immer grüne Auen,

Da glänzt der Lilien weiße Schar

Im Duft, dem himmelblauen,

Und Rosen duften, Rosen glühn

Auf sonnengoldner Wiese,

Und Vögel jauchzen laut im Grün:

Wir sind im Paradiese!

Und immer milde Lüfte wehn

Auf all den Blumenwegen,

Und Menschen wie im Traume gehn

Und kommen sich entgegen,

Und grüßen sich allüberall

In Staunen und in Wonne.

Sie kommen aus dem dunkeln Tal

Ins Land der ew’gen Sonne,

Und ziehen selig hin und her

Und wissen nichts von Leide,

Die kennen keine Tränen mehr,

Die kennen lauter Freude.«

Das Elsli schaute immer verwunderter auf die Nora, die ganz verändert

aussah mit ihren glänzenden Augen und dem so ungewohnt belebten

Angesicht. Dazu war Nora so von dem erfüllt, was sie durch die Worte

ihres Liedes vor sich sah, daß ihre Stimme zitterte vor innerer

Bewegung. Das Elsli blieb stumm und regungslos sitzen vor Erstaunen und

tiefgehendem Eindruck von all dem Neuen.

»Gefällt dir denn das Lied nicht, Elsli?« fragte Nora nach einer

längeren Pause.

»O doch, gewiß«, versicherte das staunende Kind.

»Wolltest du denn nun nicht auch gern mit mir dorthin gehen, wo es so

schön ist?« fragte Nora weiter.

»Gehst du denn?« fragte Elsli seinerseits etwas unsicher.

»Ja, ich gehe«, entgegnete Nora ganz zuversichtlich; »Klarissa hat mir

schon lange davon erzählt, wie Philo gegangen ist und ich dann bald auch

gehe. O, und so viel hat sie mir noch erzählt, wie schön es dann sein

wird und wie alle Müden sich freuen und herumgehen am Strom und durch

die Blumen und nie, nie mehr müde werden. Das erzähl’ ich dir dann alles

nach und nach, und noch so vieles! Nicht wahr, Elsli, du siehst nun,

wie es ist, und du willst auch am allerliebsten mit mir gehen, wenn ich

gehe?«

»Ja, ich möchte wohl«, sagte das Elsli, mehr und mehr von den

beglückenden Hoffnungen hingerissen, die in Noras Augen leuchteten;

»aber glaubst du denn, wir könnten nur so gehen, wann wir wollten?«

»O nein! So ist es nicht, Elsli; der liebe Gott ruft jedes, wann es

kommen soll. Ich wollte nur wissen, ob du auch so gern gehen willst wie

ich, daß wir so recht miteinander reden können davon; und vielleicht

ruft uns der liebe Gott gleich beide miteinander, weil du ja auch so

müde bist. Klarissa hat mir gesagt, darum wisse sie, daß der liebe Gott

mich bald zu sich rufen wolle. Denk, Elsli, wie schön, wenn wir beide

zusammen gingen und miteinander in den schönen Himmel kämen und da so

froh und ganz gesund immer zusammen umhergehen könnten durch die Rosen

und Lilien an dem glänzenden Strom, und nie, nie mehr müde werden

könnten!«

Auch Elslis Augen wurden jetzt immer größer, denn immer lebendiger sah

es das Land in seiner Herrlichkeit vor sich, von dem Nora immer weiter

sprach und so viele schöne, herzerfreuende Dinge zu erzählen wußte, daß

dem gespannt lauschenden Elsli eine ganz neue Welt aufging und den

Kindern beiden die Stunden verrannen, daß sie es gar nicht merkten.

Während die zwei so in der Stille zusammensaßen, ging es im Hause des

Arztes ziemlich laut und lebendig zu. Nach der Schule waren Oskar, Emmi

und Fred sofort auseinandergestoben und nach drei verschiedenen

Richtungen hingerannt; jeder mußte ein eigenes Interesse im Auge haben.

Fred lief nach Hause, er hatte schon den ganzen Tag im Sinn gehabt, der

Tante eine höchst spannende Darstellung von einem wenig bekannten

Tierlein vorzulesen, und war nie dazu gekommen. Nun er die beiden

Ältesten so davonrennen sah, war er sehr erfreut und eilte nun aus allen

Kräften, die Lage zu benutzen. Als er auf dem Wiesenweg den Feklitus

erblickte, wie er mit Rufen und Drohen hinter dem fliehenden Elsli

dreinsprengte, rief ihm Fred mit pfiffigem Lächeln nach: »Feklitus,

gelt, es ist gut, daß es ein Elsli gibt, vor dem man sich nicht genieren

muß?« Denn der Fred hatte herausgefunden, daß der Feklitus immer, wenn

sich bei ihm eine Schwierigkeit des Verständnisses gezeigt hatte,

nachher gleich dem Elsli nachsetzte; daraus zog er den Schluß, daß der

Feklitus eine Aufklärung suche, aber vor den Großen der Schule nicht die

Rede haben wollte, daß er sie brauche. Dann stürzte Fred weiter und

langte in der kürzesten Zeit daheim in der Hausflur an, von wo er durch

die offene Küchentür die Tante erblickte, die dort am Tische stand und

in einem Puddingteig herumrührte. Sie las eben aufmerksam auf dem

Papierchen, das vor ihr auf dem Tische lag: »Nimm vier große Eier, zwei

Löffel Mehl und eine Zitronenschale –« und fuhr sehr erschrocken

zusammen, als sich Fred plötzlich auf sie stürzte mit einem lauten

Freudenschrei, daß er das Feld ganz leer fand und die Tante völlig für

sich in Anspruch nehmen konnte. »O wie herrlich! Jetzt hör nur, Tante«,

rief er aus und setzte sich gleich ganz bequem auf den Küchenschemel

hin, das beliebte Buch auf seinen Knieen ausbreitend. »Du weißt doch,

daß Papa einmal eine Rohrdommel gefangen hatte? Jetzt hör ihre

Geschichte und ihr Leben. Eben bin ich darauf gekommen: Rohrdommel,

#Stellaris#. Hörst du auch zu, Tante?«

»Ja, ja, ich höre schon, nur weiter!«

»Ist rotgelb mit schwarzen Querflecken, die Federn am Hals kragenartig.

Wohnt im gemäßigten Europa, ist trübsinnig und mürrisch, stößt nachts

ein eigentümliches Gebrüll aus. Die gewöhnliche Stimme lautet: Krauy!

krauy! Jenes Gebrüll aber: Üprumb! üprumb! Gegen Verfolger wird er

heftig. Das Weibchen legt vier große Eier – hörst du auch zu, Tante?

Weißt du, was ich zuletzt gelesen habe?«

»Ja, ja wohl: Das Weibchen legt vier große Eier, zwei Löffel Mehl und

eine Zitronenschale«, sagte die Tante, unversehens ihre Gedanken

verfolgend.

Fred schaute sehr erschrocken mit weit aufgerissenen Augen zu der Tante

empor, denn sie hatte ganz trocken und ohne allen Spaß so geredet.

»Ach so«, fiel die Tante gleich wieder ein, die so viel auf einmal zu

bewältigen hatte und nun ihren Irrtum gewahr wurde, »ich bin nur in das

Rezept hineingekommen, fahr nur fort.«

»Ja so, das ist etwas anderes«, bemerkte Fred beruhigt, »denn du wirst

doch nicht meinen, Tante, daß Vögel Zitronenschalen legen. Jetzt weiter:

Das Fleisch schmeckt nach –«

Hier wurde die Vorlesung unterbrochen. Im Sturmschritt kam Oskar zur Tür

herein und gleich hinter ihm her stürzte Emmi heran, und während sich

Oskar auf die rechte Seite der Tante stellte, so nah als möglich, um

sich ihr recht verständlich zu machen, drängte die Emmi sich von links

an sie heran, so, daß die arbeitende Tante ihre Kelle fast nicht mehr in

dem Becken herumbewegen konnte. Oskar war in großer Aufregung: »Denk,

Tante, denk nur«, rief er laut und durch die Steigerung des Gefühls

immer lauter, während Emmi auf der anderen Seite der Tante direkt ins

Ohr hineinflüsterte, um auch verstanden zu werden, – »nun will der

Feklitus auf einmal den alten Vers nicht mehr auf die Fahne, weil er

einen anderen gehört hat von einem Feste her; der gefällt ihm viel

besser und den will er durchaus auch auf unsere Fahne haben! Was meinst

du nun, Tante? Was muß man denn machen? Du weißt nicht, wie störrig der

Feklitus ist, wenn er etwas zwingen will, und wenn man nicht nachgibt,

so macht er gleich nicht mehr mit.«

»Emmi, sei einen Augenblick still, ich komme dann auch zu dir«, sagte

wehrend die Tante. »Nun, Oskar, sag einmal den Vers, so können wir

sehen, ob er so schön ist.«

»So heißt er:

›Freiheit, Gleichheit, Brüderschaft,

Liederklang und Rebensaft!‹«

berichtete Oskar weiter.

»Ist das alles?« fragte die Tante.

Oskar bejahte.

»Das wird nun jedenfalls nicht auf die Fahne brodiert«, versicherte die

Tante. »Sag du dem Feklitus, es sei ja nicht einmal ein Zeitwort in dem

Satz, den könne man nicht brauchen, er solle nur den Herrn Lehrer

fragen. Und weißt du was, Oskar, wenn der Feklitus durchaus einen

geistigen Beitrag zu dem Feste liefern will, so fordere du ihn auf, die

Festrede zu halten.«

Das war ein herrlicher Gedanke! Oskar ergriff ihn mit großem

Enthusiasmus. Eine Festrede! Daran hatte er noch gar nicht gedacht.

Gleich schoß er auf und davon, denn noch heute Abend mußte er die

Mitteilung machen und alles in Gang bringen.

»Nicht wahr, Tante, nicht wahr?« wiederholte Emmi dringend ein Mal ums

andere, nun Oskar fort war und sie Gehör finden konnte.

»Ich weiß nicht recht, was du mir sagtest, ich konnte nicht auf beiden

Seiten zugleich hören«, erwiderte jetzt die Tante. »Was meintest du

eigentlich, Emmi?«

»Ich meine – und gelt, Tante, das meinst du doch gewiß auch? – daß es

furchtbar schade wäre, wenn der Fani in die Fabrik gehen müßte und gar

keine Zeit zum Zeichnen mehr hätte. Er sollte doch gewiß ein Maler

werden, Tante, nicht wahr, Fani sollte ein Maler werden, so schnell als

möglich, daß er nicht in die Fabrik eintreten muß und dann nie mehr

herauskommt und alles zu spät ist?«

»Das geht nicht so leicht, Emmi, so ein Maler und Künstler zu werden.

Auch weiß man gar nicht, ob der Fani wirklich genug Talent dazu hätte;

da braucht es dann noch etwas ganz anderes, als in der Schule ordentlich

zeichnen zu können.«

»Ja aber, Tante, ich wollte nur gern, daß du mir sagtest, daß du doch

auch so denkst, daß der Fani viel lieber ein Maler werden soll, wenn er

kann, als daß er in die Fabrik gehen soll. Nicht wahr, das ist doch ganz

gewiß deine Ansicht, Tante?« Emmi war so dringend, als hätte die Tante

die Frage gerade jetzt zu entscheiden.

Begütigend sagte sie: »Wenn Fani wirklich Aussicht hätte, ein Maler zu

werden, so wäre ich schon dafür und möchte es ihm herzlich gönnen; aber

davon ist ja doch keine Rede, Emmi.«

»Kann ich endlich fortfahren, Tante? Emmi schwatzt ja nur unnützes

Zeug«, fiel der Fred hier ein. Aber Emmi ließ ihn noch nicht aufkommen.

»Tante, erklär mir nur noch ein Wort«, bat sie dringend; »was heißt das:

Dekoration?«

»Das heißt Verzierung, Emmi. Was hast du mit Dekorationen zu schaffen?«

fragte die Tante.

»Es heißt auch Theaterwand«, ergänzte Fred.

»O, das ist recht!« rief Emmi erfreut aus und rannte sehr unternehmend

davon.

Einen Augenblick saß Fred nachdenklich da, dann sagte er forschend:

»Tante, hast du nicht gemerkt, daß Emmi etwas im Sinn hat? Glaubst du,

sie wollte mit einer Theatertruppe fortgehen?«

»Nein, Fred, das glaube ich nun wirklich nicht«, entgegnete die Tante,

ohne Unruhe über diese Aussicht; »solches Zeug hat denn doch Emmi nicht

im Kopf.«

»Tante, glaub du mir«, sagte der Fred ernsthaft, wie einer, der seine

Erfahrungen gemacht hat; »die Emmi hat etwas im Sinn, denn es ist ihr

ganz gleich, was die Worte bedeuten, wenn sie nicht etwas damit machen

will, denn die Emmi ist nicht wißbegierig. Siehst du wohl, wie es ist,

Tante?«

Die Tante konnte nicht mehr antworten, denn jetzt ertönte draußen von

der Treppe her ein nicht unbekanntes, aber fürchterliches Geschrei:

»Eine Schlange! Eine Schlange! Eine Schlange!« Augenblicklich griff Fred

in seine Tasche, dann stürzte er hinaus. Die Tante atmete auf. Endlich

konnte sie mit freien Armen und mit gesammelten Gedanken ihren Pudding

vollenden, und es war die höchste Zeit. Aber nein! Das Geschrei auf der

Treppe nahm einen so schreckenerregenden Charakter an, daß sie Becken

und Kelle von sich stieß und hinauseilte. Draußen, in der Mitte der

Treppe, stand auf einer Stufe das Rikli, mit Zetergeschrei auf die

folgende Stufe blickend, wo ein zierliches, grünes Eidechschen in

höchster Geschwindigkeit sich hin und her schlängelte. Noch eine Stufe

höher saß beschaulich der Fred und wartete ab, was des Geschreies Ende

sein würde.

»Aber wie einfältig, Rikli«, sagte die Tante sanftmütig; »wenn du doch

einen solchen Schrecken vor diesem Tierchen hast, so kehr doch um und

lauf fort.«

»Es läuft mir nach, es läuft mir nach, es ist eine Schlange!« schrie das

Rikli und zappelte angsthaft auf demselben Fleck herum.

»Fred, nimm die Eidechse weg, du siehst ja, wie das Kind sich aufregt«,

sagte die Tante; »ursprünglich wird sie wohl auch irgendwie von dir

herstammen.«

»Gewiß, Tante«, betätigte Fred; »ich hatte sie in meine Tasche gesteckt,

sie muß sich dann, während ich vorlas, leise entfernt haben. Aber dieses

Rikli sollte doch zu einem vernünftigen Wesen erzogen werden; darum

wollte ich warten, bis der Schrecken in eine Freundschaft für die

Eidechse übergegangen wäre.«

Die Tante war einverstanden, das Rikli müsse wirklich noch erzogen

werden; aber der Versuch, den Fred unternommen, führe nur endloses

Geschrei herbei. Man müsse an eine ernstliche Kur denken, durch welche

das Rikli geheilt werden könne; jetzt aber solle es die Treppe

hinaufgehen und Fred mit seiner Eidechse hinunter, daß der Lärm aufhöre.

Dann ging die Tante in die Küche zurück und konnte endlich den Pudding

vollenden.

[Illustration]

Siebentes Kapitel.

Wo Gritlis Kinder hingekommen sind Geschichten für Kinder und auch für solche, welche die Kinder lieb haben, 8. Band · 第 4 / 8 段