»Hier! hier!« sagte Emmi und wies mit ihrem Zeigefinger auf den Tisch.

Da spazierte ganz gravitätisch ein grünschimmernder Goldkäfer über das

weiße Papier hin, der soeben der Tasche des unermüdlichen Sammlers

entstiegen war.

»Aber Fred, in der Tasche trägt man doch nicht lebende Käfer umher«,

mahnte die Mutter; »dafür hast du doch Behälter. Bedenke nur, welchen

Unannehmlichkeiten alle deine Nachbarn, auch du und die armen Tiere

selbst, ausgesetzt sind!«

»Fred war immer ein wandernder Menageriekäfig, dem kein ordentlicher

Mensch nahe kommen darf«, bemerkte Oskar über sein Buch hin.

»Ja, aber meine Sammlungen fallen denn nicht alle Augenblicke in nichts

zusammen, wie deine Vereine«, warf Fred zurück; »und siehst du, Mama, es

ist ein so schönes und nützliches Tier, ich will dir nur gleich lesen,

was darüber steht«, und Fred langte schnell sein Buch herbei, das er

immer in der Nähe hatte. »Der Goldkäfer, #auratus#, mit gewölbten

Flügeldecken und starken Freßzangen, nährt sich von Raupen, Larven und

anderem Ungeziefer, wodurch er sehr nützlich wird. Statt, wie er

verdient, geschont zu werden, wird er überall vom Unverstand verfolgt

und zertreten. – Siehst du wohl, Mama?«

»Wir wollen ja deinen Käfer gar nicht mit Unverstand verfolgen, nur

gehört er anderswohin, als in deine Tasche und auf den Tisch; trag ihn

weg«, befahl die Mutter.

»Und du, Rikli«, winkte die Tante durch die offene Tür, »komm du wieder

herein und gebärde dich nicht, als ob ein Käferchen dich gleich

umbringen könnte. Sieh, wenn du fortwährend um solcher Kleinigkeiten

willen ein so furchtbares Geschrei erhebst, so wirst du einmal gestraft

werden, denn jeder wird denken, wenn er dich hört: das hat nichts zu

bedeuten, und man sieht nicht nach dir, wenn dir auch wirklich etwas

begegnen sollte, daß du mit allem Grund schreien könntest.«

Rikli kam herein und Fred wollte eben mit seinem Käfer hinaustreten;

unter der Tür kamen sie zusammen. Fred sagte im Vorbeigehen: »Auf dich

will ich einmal ein Gedicht machen, weil du so schöne Töne von dir

gibst; du hast auch noch einen Bruder in der Kunst.«

»Ja, ja, Fred«, eiferte das Rikli, »man kann auch ein Gedicht darauf

machen, wie die gräßlichen Käfer aus deiner Tasche kommen und mit so

dünnen, furchtbaren Beinen über den Tisch kriechen.«

»Das kann man«, bestätigte Fred und ging, seinen Käfer in eine Schachtel

einzulogieren.

Als die Kinder zusammenpackten, um sich zurückzuziehen, sagte die

Mutter: »Morgen nachmittag habt ihr frei, da darfst du die kranke Nora

besuchen, Emmi, und so immer an den freien Nachmittagen und auch am

Sonntag; sie freut sich auf deinen Besuch.«

»Das ist doch ein Glück, daß Emmi endlich eine Freundin bekommt; so hört

sie einmal auf, anderer Leute Freunde für sich in Anspruch zu nehmen«,

sagte Oskar mit Befriedigung.

Emmi erwiderte nichts, sondern ging ganz ruhig ihrer Wege, sie hatte

aber nicht im leisesten im Sinn, etwas von ihrer Freundschaft mit dem

Fani abzugeben.

Als der Zug sich die Treppe hinauf nach den Schlafzimmern bewegte, voran

Oskar, dann Emmi, dann die Tante und zuletzt die beiden Jüngsten

nebeneinander, sagte Fred, zu seiner Nachbarin gewandt: »So, jetzt paß

einmal recht auf, Rikli!« Dann sang er mit lauter Stimme nach

selbstgemachter Melodie:

»Das Rikli und der Hanseli

Sind ganz wie zwei Geschwister;

Sie singen wie die Amseli,

Nur unerhört viel wüster.«

Eben wollte das Rikli mit klagendem Geschrei die vergleichende Dichtung

beantworten, als die Tante sich umkehrte und es bei der Hand nahm.

»Nein, Rikli, heute nicht mehr«, sagte sie bestimmt, »und lieber gar

nicht wieder! Zeig du dem Fred, daß er völlig unrecht hat mit seiner

Vergleichung.«

Wenn die Mutter nicht, wie so oft geschah, um diese Zeit zum

heimgekehrten Vater oder zu Krankenbetten oder zu anderen

Hilfsbedürftigen abgerufen wurde, so machte sie die Wanderung zu den

oberen Räumen mit, und die Kinder konnten sich dann in Mutter und Tante

teilen, um am Schluß des Tages noch alles, was ihnen auf dem Herzen lag,

bei der einen oder anderen abzulegen. War aber, wie oft und auch heute,

die Mutter abgerufen und die Tante allein zum Begleit da, so hatte sie

sehr zu wehren, daß es zu keinem Kampf kam, denn jedes meinte, das

andere habe die Tante länger an seinem Bette festgehalten. Heute kam es

aber dem Fred auch gar zu arg vor, wie lange erst die Schwestern drüben

und nun noch Oskar die Tante für sich behielten, und als sie endlich zu

ihm herantrat, sagte er statt aller Mitteilungen: »Am liebsten wollte

ich, Tante, man könnte dich in zwei Hälften teilen und dann mit vier

multiplizieren, dann gäbe es für jeden zwei Tanten; so käme man doch

einmal zu seinem Recht.« Die Tante wollte auch dem Fred sein Recht noch

werden lassen, aber schon rief unten die Kathri mit solcher

Dringlichkeit nach ihr, daß sie aufbrechen mußte, nicht ohne dem Fred zu

versprechen, morgen abend zuallererst an sein Bett zu kommen.

[Illustration]

Fünftes Kapitel.

Auf dem Eichenrain.

Als der Arzt vom Rhein seinem Freunde in Buchberg geschrieben hatte, er

möchte für die kranke Nora eine geeignete Wohnung auf der gesunden Höhe

seines Heimatortes auffinden, damit sie den Sommer zu ihrer Stärkung da

zubringen könnte, hatte dieser die Sache gleich seiner Frau übergeben,

die sofort mit der Tante zu beraten begann. Ihr erster Gedanke war das

große Haus des Herrn Bickel gewesen, wo so viele unbewohnte Zimmer sich

befanden, und sogleich war die Frau Doktorin hingegangen; aber sie war

nicht gut angekommen. Frau Bickel hatte gleich erklärt, das sei ganz

unmöglich, daß sie von ihren Zimmern hergeben könnten, die brauchten sie

selbst; sie hatte auch kaum ihre Entrüstung verbergen können über ein

solches Ansinnen, daß in die Zimmer, wo nie ein Mensch hereinkam, jetzt

auf einmal ganz fremde Leute hinein sollten und da wohnen. Die Frau

Doktorin hatte sanftmütig gesagt, Frau Bickel möge es ihr nicht übel

nehmen, es sei nur eine Anfrage gewesen, es sei eben sehr schwer, eine

Wohnung mit mehreren Zimmern zu finden. Frau Bickel hatte sich aber noch

lange nicht beruhigen können und nachher noch von Zeit zu Zeit zu Herrn

Bickel sagen müssen: »Es nimmt mich nur wunder, was eigentlich auch die

Frau Doktorin meint; wir werden wohl unser Haus nicht für andere Leute

gebaut haben!« Herr Bickel war auch gleich ihrer Ansicht gewesen und

fügte zu diesen Bemerkungen immer bei: »Und dann noch für Leute, von

denen man nicht einmal weiß, ob sie nur auch etwas haben, oder gar

nichts. Da könnte man schön ankommen!« Der Frau Doktorin war dann auf

einmal ein Gedanke gekommen: auf dem Eichenrain stand seit dem Frühjahr

ein neues Häuschen fertig, dessen ersten Stock der Bauer bezogen hatte,

dem es gehörte; den oberen Stock sollte sein Sohn beziehen, der auf den

Herbst seinen eigenen Haushalt gründen wollte; so standen die Zimmer

noch leer. Das Haus stand auf der Höhe des Rains und hatte eine

wundervolle Aussicht hinüber auf die grünen Hügel mit den Schneebergen

dahinter und gegen Abend hinunter auf das rauschende Flüßchen im

waldigen Talgrund. Augenblicklich war die Frau Doktorin nach dem

Eichenrain hinaufgegangen, und zu ihrer Freude hatte sie in der

kürzesten Zeit mit den willigen Bauersleuten alles festgestellt; wenige

Tage nachher sahen durch ihre Beisteuer an Betten und Möbeln die

sauberen, hellen Stübchen ganz wohnlich und einladend aus und standen

zum Empfang der Fremden bereit.

Jetzt waren schon einige Tage vergangen, seit Frau Stanhope mit ihrem

kranken Töchterchen eingezogen war, und nur der Herr Doktor und auch

einmal seine Frau waren noch dagewesen, denn Nora war von der Reise so

angegriffen, daß sie noch keinen Besuch hatte empfangen dürfen. Aber auf

heute war ihr Emmis Besuch von ihrem Vater versprochen worden, und nun

saß Nora an dem Fenster, das gegen Abend ging, wo sie immer am liebsten

saß. Von dort konnte sie auf die hellen, schäumenden, rastlos wandernden

Wellen des Bergflusses sehen, und gegen Sonnenuntergang schaute sie so

gern nach dem leuchtenden Abendhimmel und den golden schimmernden Hügeln

davor.

[Illustration]

Jetzt erblickte Nora ein Mädchen, das den Hügel herauf ihrem Hause

zueilte. Sollte das die Emmi sein? Mit größter Verwunderung sah Nora,

wie das Kind, ohne abzusetzen, in Sprüngen den ganzen Rain heraufgerannt

kam. Das war ihr unbegreiflich; sie meinte, nun müsse es umfallen vor

Erschöpfung. Aber im nächsten Augenblick klopfte es, und hereingelaufen

kam dasselbe Kind mit glühend roten Wangen und einem großen Strauß von

roten und blauen Blumen in der Hand, den ein dicker, runder Arm sofort

der blassen Nora entgegenstreckte. Die Eingetretene war Emmi. Frau

Stanhope begrüßte sie freundlich und hieß sie sich zu Nora hinsetzen,

die dankend den Strauß in Empfang genommen hatte. Die beiden Kinder

boten einen sehr verschiedenen Anblick dar, wie sie so einander

gegenübersaßen. Die rotbackige Emmi, mit ihren vollen, runden Armen und

dem ungestümen Leben in jeder Bewegung, ließ die zarte, schmächtige Nora

noch schmaler und durchsichtiger erscheinen, so als könnte ein leiser

Windhauch sie wegwehen wie ein zartes Rosenblättchen. Frau Stanhope

schaute eine kleine Weile auf die Kinder, dann wurden ihre Augen naß und

sie ging in das anstoßende Zimmer hinüber.

»Wo hast du die frischen Blumen geholt?« fragte jetzt Nora ihren Gast.

»Auf der Wiese, jetzt im Herkommen«, entgegnete Emmi; »o, jetzt hat es

so viele rote Margeriten und Glitzerblumen und blaue Vergißmeinnicht, o,

so viele, du solltest nur sehen, ganze Büsche! Sobald du gesund bist,

gehen wir miteinander in die Vergißmeinnicht und dann in die Erdbeeren

und nachher in die Heidelbeeren.«

Nora schüttelte den Kopf, und mit großen, ernsten Augen sagte sie:

»Darauf kann ich mich nicht freuen.«

Emmi war sehr erstaunt, denn sie kannte nichts Herrlicheres; doch jetzt

kam ihr ein erklärender Gedanke.

»Das kennst du gewiß alles gar nicht, Nora, vielleicht hat es bei euch

keine Vergißmeinnicht und Erdbeeren, aber wart nur, bis du kommen

kannst, du wirst dich einmal freuen! Du begreifst nicht, wie es dann

zugeht; man kann fast nicht mehr heim, so schön ist’s dann immer.«

»Ja, man meint nur immer, es ist so schön draußen«, sagte Nora

nachdenklich; »aber wenn man draußen ist, wird man gleich so müde, so

schrecklich müde, und alle Freude ist aus.«

Emmi schaute so verwundert auf die Nora, als spreche diese auf einmal

eine Sprache, die ihr völlig unverständlich war. Emmi war niemals müde;

jeden Abend war ihr größtes Leid, daß der Tag schon wieder zu Ende war

und sie nicht noch dahin und dorthin rennen konnte, auch wenn sie schon

den ganzen Tag umhergerannt war. In ihrer großen Verwunderung schaute

sie die Nora eine ganze Weile an. Da mußte ihr denn aus ihrem Anblick

ein Gedanke klar geworden sein; auf einmal sagte sie ganz erleichtert:

»O, jetzt weiß ich schon, warum du das meinst; weißt du, du bist nun

krank, aber wart nur, bis du wieder gesund bist, dann kommt’s ganz

anders, dann hast du’s wie ich und wirst gar nie mehr müde.«

Aber Nora schüttelte wieder den Kopf: »Das war nie so bei mir, ich war

immer müde, ich kann mich gar nicht darauf freuen, daß es so werde, wie

bei dir; es kommt doch nicht.«

Der Emmi wurde es ganz angst. »Ja, aber du mußt dich doch auf etwas

freuen können, man muß doch jeden Abend an etwas denken, worauf man sich

freuen kann für den folgenden Tag; und darum mußt du es glauben, daß

dich mein Papa ganz gesund machen wird, sonst kannst du dich ja auf gar

nichts freuen, und dann wirst du immer trauriger.«

»Ich freue mich schon auf etwas, und immer wenn ich so müde bin und die

anderen so lustig springen sehe, wie dich eben den Berg hinauf, denk’

ich daran und freue mich darauf, wie es dann im Himmel ist, noch viel

schöner, als hier; so schöne Blumen sind dort, Rosen und Lilien, die gar

nie welken, und alle Menschen sind froh und gesund für immer. Freust du

dich nicht auch, in den Himmel zu gehen?«

Emmi wußte nicht recht, was sagen. Sie glaubte schon, daß es im Himmel

so schön sei, aber sie wollte eigentlich doch lieber dableiben; da gab

es ja so vieles für sie, sich daran zu freuen, daß sie gar nicht darüber

hinauskam. Nora schaute sie erwartend an, sie verlangte sichtlich nach

ihrer Antwort. Endlich sagte Emmi: »Ich habe noch nie daran gedacht.«

Enttäuscht schaute Nora auf ihre neue Freundin.

»Das ist schade«, sagte sie mit einem Tone großer Niedergeschlagenheit;

»nun kann ich auch mit dir nicht von dem schönen Leben im Himmel reden,

von dem mir Klarissa so viel erzählt hat, weil es dich nicht freut, und

mit gar niemand kann ich davon reden, denn Klarissa kommt nicht hierher,

und zu Mama darf ich gar nicht davon sprechen; wenn ich nur ein Wort vom

Himmel sage, so muß sie gleich weinen und wird so traurig, daß ich

nichts mehr sagen darf. Dann habe ich gedacht, mit dir könnte ich ganz

fröhlich darüber reden, wie mit der Klarissa, aber nun hast du keine

Freude daran.«

Emmi antwortete nicht gleich. Sie grübelte sichtlich nach, wie da ein

Mittel zur Ausgleichung zu finden wäre. Auf einmal rief sie hoch erfreut

aus: »Jetzt weiß ich etwas, und darauf kannst du dich auch freuen. Nun

währt es gar nicht mehr lange, so fängt man an zu heuen; dann liegen die

schönen, trockenen Heuhäufchen auf der Wiese herum und man kann gehen

und hineinliegen; da kannst du gar nicht müde werden, und wir gehen alle

Tage miteinander ins Heu.« Aber Nora schüttelte ungläubig den Kopf und

sagte nichts mehr. Nach einer kleinen Weile stand Emmi auf und schickte

sich zum Fortgehen an. Unterdessen war Frau Stanhope wieder

hereingetreten, und als sie nun das Kind zum Weggehen gerüstet sah,

meinte sie, damit habe es doch noch keine Eile; die Mutter wisse ja

schon, wo Emmi sei, sie solle sich doch noch ein wenig niederlassen.

Nora blieb ganz still und unterstützte das Gesuch der Mutter nicht, und

Emmi schien sehr pressiert zu sein; sie behauptete ein wenig unsicher,

es sei doch schon ziemlich spät, und hatte kaum mehr Zeit, recht

Abschied zu nehmen. Draußen vor der Tür nahm sie einen großen Anlauf und

rannte dann ohne Aufenthalt bergab und wieder bergan und langte so bald

darauf keuchend daheim an der Haustreppe an. Hier kam ihr in den Sinn,

daß sie eigentlich viel früher wieder da sei, als sie und alle anderen

im Haus erwartet hatten, und daß gewiß die Brüder einige Bemerkungen

über ihre schnelle Rückkehr machen würden, die sie gar nicht wünschte.

Sie überlegte, wie sie sich am besten aus der Sache ziehen könne. »Die

Tante suchen«, kam ihr gleich als hilfreiches Mittel in den Sinn. Ihr

wollte sie alles erzählen, wie der Besuch abgelaufen war – eigentlich

nicht so, wie sie sich vorgestellt hatte – und wie sie so gegen das Ende

nicht mehr recht gewußt habe, was sie mit der Nora reden sollte. Die

Tante würde gewiß gleich verstehen, wie es war, und dann die Sache schon

zurechtlegen, daß die Brüder nicht spotten konnten. Sie sprang also die

Treppe hinauf, stieß aber gleich darauf mit dem Bruder Fred zusammen,

der von oben heruntergerannt kam.

»Aha, da hat’s was gegeben mit der neuen Freundin, sonst wärst du noch

lang’ nicht da«, rief Fred im Vorüberrennen. Emmi gab keine Antwort und

lief der Stube zu. Eben trat die Mutter heraus, denn sie war in die

Küche gerufen worden, und drinnen im Zimmer saß die Tante allein am

Nähtisch. Eilig drückte sich Emmi an ihre Seite, damit nicht eins der

Geschwister komme und ihr den Platz raube, bevor sie ihre Angelegenheit

bei der Tante niedergelegt hatte.

Draußen in der Küche stand die Marget; die Frau Doktorin stellte ihr

einen Stuhl zum Tisch hin und schaute nach, ob sich nicht noch ein wenig

Kaffee vorfinde, und da sie noch solchen fand, setzte sie der Marget

eine Tasse voll vor, setzte sich dann zu ihr hin und sagte: »Nehmt Euch

einen Augenblick Zeit, Marget; ich hätte schon lang’ gern einmal mit

Euch geredet. Es ist nicht nur um der Sachen willen, daß ich Euch habe

kommen lassen, es ist um des Elsli willen. Das Kind liegt mir recht am

Herzen; es sieht gar zu zart und bleich aus, und immer sehe ich es mit

dem schweren Hanseli auf dem Arm, und die anderen kleinen Brüder hangen

daneben noch so an ihm, daß sie es fast zu Boden reißen. Das kann das

zarte Kind gewiß nicht lange aushalten; seht es nur auch an, es ist ja

zum Umblasen dünn und schmächtig. Ihr müßt wirklich zusehen, daß das

Kind den kleinen Buben nicht mehr immer auf dem Arm halten und die

anderen beiden noch dazu fortschleppen muß.«

»Ja, ja, Frau Doktorin, das ist bald gesagt«, fiel jetzt die Marget ein;

»aber was kann denn unsereins machen? Ich habe alle Hände voll zu tun

vom Morgen bis in die Nacht hinein, daß nur auch jedes täglich etwas auf

den Leib und etwas in den Löffel hat; da kann ich nicht noch alle die

kleinen Schreihälse auf mir haben; wie sollte ich dann arbeiten? Da ist

aber niemand, als das Elsli, das mir mit ihnen helfen kann; wer sollte

es tun? Der große Bub’, der Fani, könnte ihm etwa helfen, aber er

vergißt’s, er ist nicht bösartig, aber er denkt nicht dran und ist nie

da. Das Kind hat es ein wenig streng, ich weiß schon, aber es muß sich

gewöhnen, es kommt ja später nur immer strenger.«

»Aber Marget«, nahm die Frau Doktorin wieder auf, »das Kind ist nicht

kräftig, wie jedes andere, es hält diese Lebensart nicht aus, und wenn

es Euch krank und elend wird, was habt Ihr dann?«

»Ja, dann in Gottes Namen, ich weiß nicht, was dann; unsereins hat genug

an dem, was jetzt gerade zu tragen ist, und kann nicht noch für das

sorgen, was kommen kann. Ich weiß nur, daß ich dem Elsli nicht ersparen

kann, daß es jetzt dran muß, und je älter es wird, je schwerer wird’s

kommen, denn sobald es einen Batzen verdienen kann, muß es in die

Fabrik, das ist keine leichtere Arbeit als die Buben hüten. Da kommt

aber zuerst der Fani dran; der Vetter Fekli hat den schon im Aug’ für

Ostern, er hat mir schon zwei-, dreimal gesagt, er wolle sobald als

möglich an dem Buben etwas tun und ihn in die Fabrik nehmen. Freilich,

wenn der Schneiderli-Fekli nicht seinen Profit absähe bei der Arbeit des

Buben, so nähm’ er ihn nicht, das weiß ich schon; ohne Profit tut der

Vetter Fekli nichts.«

»Seid ihr wirklich verwandt mit dem Herrn Bickel, Marget?« fragte die

Frau Doktorin.

»Freilich bin ich«, gab Marget zurück; »wir sind nur zu dritten Kindern,

vom Großvater her. Er hat es jetzt ein wenig vergessen, seit er ein Herr

ist; aber das ist mir ganz gleich, ich tue, wie ich’s gewohnt bin, und

wenn ich ihn sehe, so sage ich: ›Guten Tag, Vetter!‹ Und wenn er sich

dann ein wenig umkehrt, so als habe er nichts gehört, und nachher mich

so begrüßt, als wisse er kaum recht, wie ich heiße, so ist das seine

Sache. Mir ist’s recht, daß er den Fani so gut kennt und ihn im Auge

hat; so kann man bald auf einen Batzen bares Geld hoffen, es ist gewiß

notwendig.«

Jetzt holte die Frau Doktorin den Sack herbei, den das Elsli dagelassen

und in den die verschiedenen Kleidungsstücke gesteckt worden waren, und

übergab ihn der Frau.

»Aber denkt doch daran, Marget«, sagte sie, als diese sich zum Weggehen

anschickte; »schont das Kind, wo Ihr könnt; versprecht es mir, ich helfe

Euch ja auch gern, wo ich kann.«

»So viel ich’s kann, will ich’s schon tun«, versprach die Marget, setzte

aber gleich hinzu: »Sie müssen aber ja wohl begreifen, daß ich meiner

Arbeit nach muß, und es muß eben mit den Buben fertig werden, wie es

kann. Jetzt sind wir alle gesund, und doch braucht’s alle Hände, daß nur

jedes sein bißchen Essen bekommt jeden Tag. Was kann ich da viel

erleichtern? Kommt einmal wieder Krankheit ins Haus, wie auch schon, da

muß ja jedes noch ganz anders dran. Kann ich das ändern? Mich trifft’s

zuerst. Es weiß eben kein Mensch, wie die Armut tut, der nicht da

durchgegangen ist, und ich muß manchmal denken: Unserem Herrgott sind

seine Kinder nicht alle gleich lieb.«

»Nein, Marget, das müßt Ihr nicht denken«, sagte die Frau Doktorin mit

sanftem Ton, denn das schwere Leben der armen Leute ging ihr sehr zu

Herzen. »Es gibt noch viel andere Leiden außer der Armut, die noch

bitterer weh tun können. Der liebe Gott muß wissen, warum sie uns kommen

müssen. Aber ich weiß auch, daß die Armut bitter ist, und es ist mir

schwer genug, daß ich nicht überall helfen kann, wie ich möchte.«

Die Marget nahm nun ihren Sack zusammen und ging.

Mit schwerem Herzen trat die Mutter in die Stube zurück; sie fühlte

wohl, daß nach wie vor das Elsli seine Last herumzuschleppen hatte und

daß das Kind mit dem schmächtigen Körperchen das nicht lange aushalten

würde. Sie setzte sich seufzend neben die Tante hin, um bei ihr den

drückenden Eindruck niederzulegen, den sie von den Worten der Marget,

das Elsli betreffend, empfangen hatte. Die Tante hatte ja auch immer

irgendeinen tröstlichen Gedanken und eine erheiternde Aussicht in allen

schwierigen Lagen des Lebens. Aber bevor noch Emmis immer noch strömende

Mitteilungen gedämpft waren und die Mutter beginnen konnte, steckte die

Kathri den Kopf zur Tür herein und rief: »Frau Doktorin, Sie müssen

herauskommen, es ist schon wieder eine da!«

»Eine! Wer denn, Kathri?« fragte die Frau Doktorin mit leisem Vorwurf.

»Wer ist es denn?«

»Ja, wenn ein Mensch solche Namen behalten könnte!« gab die Kathri

zurück.

»Ist es etwa Frau Stanhope, die Ihr so draußen stehen laßt?« fragte die

Tante.

»Gerade die ist’s«, bestätigte die Kathri und fuhr ärgerlich fort: »Wenn

sie Hopfstange hieße, so könnte man sich doch noch etwas denken dabei;

aber so auf den Kopf gestellt kann kein Mensch einen Namen behalten.«

Von dem Augenblick an wußte aber die Kathri den Namen der Dame ganz

genau, denn das Bild von der Hopfenstange, die auf dem Kopf steht, kam

ihr nun immer gleich in den Sinn.

Die Mutter war hinausgegangen und hatte Frau Stanhope ins gute Zimmer

geführt. Diese kam, um die Frau Doktorin zu fragen, ob sie ihr nicht

einen jungen Boten verschaffen könnte, der ihr die vielen Kleinigkeiten,

die man immer bedürfe, täglich ein paarmal zu besorgen käme, da das

Dienstmädchen unmöglich so viel auf der Straße sein könnte. Es wäre ja

vielleicht ein Kind zu finden, das zwischen den Schulstunden durch Zeit

zu dieser Tätigkeit hätte.

Augenblicklich stand das bleiche Elsli vor den Augen der Frau Doktorin

und sie überdachte gleich, wieviel besser es für das Kind sein würde,

eine Zeitlang leicht und frei herumlaufen zu können, anstatt immerfort

unter seiner Bürde zu bleiben. Auch dachte sie sich, wenn dadurch

täglich einige Batzen in die Hände der Marget gelangten, würde diese

wohl suchen, die Sache möglich zu machen.

»Ich wüßte ein sehr nettes, anständiges kleines Mädchen, das Ihnen

gefallen würde«, sagte jetzt die Doktorsfrau; »nur bin ich nicht ganz

sicher, ob die Mutter ihre Einwilligung dazu gibt, sie kann selbst das

Kind gut brauchen daheim.«

»Versprechen Sie ihr einen guten Lohn«, sagte Frau Stanhope erfreut, »am

allerliebsten möchte ich ein solches Mädchen haben; es soll die Mutter

nicht gereuen, sie soll nur sagen, was sie haben will.«

Diese Aussicht für das Elsli erfreute das eben noch so bekümmerte Herz

der Frau Doktorin so sehr, daß sie gleich selbst noch zu der Marget

hingehen und womöglich die Sache in Ordnung bringen wollte. Sie

begleitete denn auch Frau Stanhope ein gutes Stück Weges und lenkte dann

in den Feldweg ein, der zum Häuschen des Tagelöhners Heiri führte.

Die Marget war allein zu Hause und stand am Waschtrog. Hier stellte die

Frau Doktorin sich neben sie hin und fing an, die Sache mit ihr zu

besprechen. Es ging nicht lange, so waren die Frauen einig, denn die

Marget fand bald, ein wenig bares Geld, das ihr ja immer mangelte,

helfe ihr in manchem nach und sie könne dann selber eher etwa zu den

Kindern sehen; auch sei ja das Elsli damit nicht aus der Welt, meinte

sie. So wurde festgesetzt, gleich am folgenden Tag sollte das Elsli nach

der Schule um elf Uhr sich bei der Frau Stanhope einfinden, um seine

neue Tätigkeit anzutreten.

Wo Gritlis Kinder hingekommen sind Geschichten für Kinder und auch für solche, welche die Kinder lieb haben, 8. Band · 第 3 / 8 段