genau, und da es sich fand, daß Oskar zwei Tage älter war als Feklitus,
so bekam jener den ersten Platz. Um keinen Preis aber hätte der Feklitus
den zweiten eingenommen, sondern er setzte sich auf den ersten der
zweiten Bank, und da die Klasse so groß war, daß sie beide Bänke in
Anspruch nahm, ließ ihn der Lehrer gewähren. So war es denn durch alle
Klassen bis zur sechsten hinauf geblieben, denn die Zahl der Schüler
hatte sich nicht verändert. Dem Oskar war diese Einrichtung eben recht,
denn dadurch kam der lustige Fani, des Tagelöhners Heiri Sohn, neben ihn
zu sitzen, der jederzeit zu allen Unternehmungen aufgelegt war, die
Oskar nur erfinden konnte, zu den gewagtesten am allerliebsten. Daneben
hatte die äußere Erscheinung dieses Buben etwas Ansprechenderes für den
Oskar, als die des breitschulterigen Feklitus, der stets in einem
schönen Tuchwams mit hohem Kragen steckte, in einer Weise, daß von
seinem Hals, der ohnehin kurz war, gar nichts mehr gesehen wurde und der
ganze Feklitus aussah, als habe man ihn in ein Futteral gesteckt, in dem
er sich nicht mehr recht bewegen konnte. Fani war schmal und gewandt,
wie eine Eidechse, und trug er auch den ganzen Sommer nichts auf sich,
als sein Hemd und seine leinenen Höschen, so stellte er sich so leicht
und gefällig hin, daß jeder mit ihm vergaß, wie spärlich er gekleidet
war. Strich er seine langen, dunkeln Haare, die so fort wuchsen, weil
niemand sie ihm abschnitt, mit seinen beiden Händen über die Stirn
zurück und schaute dann mit den großen, glänzenden Augen so
erwartungsvoll um sich, wie er zu tun pflegte, dann fiel dem Oskar
gleich ein neuer Plan zur Gründung irgendeiner Gesellschaft ein, denn
der Fani wäre zu so manchem zu gebrauchen, wie er bemerkte, z. B. als
Künstler, oder als edler Räuberhauptmann, oder als Schauspieler. Das war
für den Oskar besonders ansprechend, denn er war immer entweder mit dem
Gedanken beschäftigt, etwas Großartiges zu gründen, Vereine,
Verbindungen, Gesellschaften, und dazu brauchte er gerade Leute, wie
Fani war; oder er hatte eben etwas gegründet und hatte alle Hände voll
zu tun mit der Durchführung der Sache, – da war Fani wieder der rechte
Mann zur Hilfe, überall brauchbar, weil immer willig und mit einem
offenen Verständnis begabt, wie kein zweiter in der Klasse. Die meisten
Schwierigkeiten bereitete ihm bei allen seinen Plänen der Feklitus, der
immer erst dann in die Sache einging, wenn ihm dabei eine Hauptrolle
zuteil wurde, oder es so herauskam, als habe er an dem Plan gerade so
viel erfunden, als Oskar. Feklitus aber mußte für die Dinge gewonnen
werden, sonst machte seine ganze Partei nicht mit und die Pläne fielen
dahin, denn die Klasse war in zwei fast gleich große Parteien geteilt;
ja so durchgängig hatte dieses Parteiwesen um sich gegriffen, daß
eigentlich alle Klassen, bis zu den harmlosen Erstkläßlern hinunter, in
zwei verschiedene Heere geteilt waren, die Oskarianer und die
Feklitusianer. Oskar hatte alle unabhängigen Leute für sich, alle
gutgestellten Bauernsöhne, alle Handwerkersöhne, die in die Fußtapfen
der Väter zu treten gedachten, und alle diejenigen, die einen bestimmten
Weg im Sinne hatten, vom Fuhrknecht bis hinauf zum künftigen Lehrer.
Alle anderen waren Anhänger des Feklitus, denn dieser hatte ein
Schreckenswort, das viele Unschlüssige sogleich unter seine Fahne
brachte, wenn er es ertönen ließ: »Warte nur, bis du in die Fabrik
kommst!« drohte Feklitus, sobald er sah, daß einer unschlüssig war,
wohin er sich wenden wollte, was denn auch manchen auf seine Seite
brachte, der sonst nicht zu ihm gehalten hätte; aber je weniger man
wußte, was dann begegnen konnte, wenn man in die Fabrik kam, desto
unheimlicher tönte die dunkle Drohung in die Ohren. Nur dem Fani war
alles Drohen und alle Aussicht auf unbestimmte, schreckliche Dinge ganz
einerlei. Er war entschieden der Fabrik verfallen, und zwar schon auf
kommende Ostern, wann seine Schulzeit zu Ende ging, das wußte er sehr
gut; aber er hielt immer und auf der Stelle zu Oskar, und wenn in seinem
Ärger darüber der Feklitus ihm etwa entgegenrief: »Wart du nur, bis du
in die Fabrik kommst!«, so drehte sich Fani lachend rundum und rief
zurück: »Ja, ja, ich warte schon, es pressiert mir nicht.« Dafür hatte
aber Feklitus auch einen Zahn auf den Fani und dachte entschieden daran,
ihm allerhand Schwierigkeiten zu bereiten, sobald er drüben in der
Fabrik arbeiten würde. Meistens fanden sich aber die Parteien doch
befriedigt zusammen, denn es lag dem Oskar daran, den Feklitus gut zu
stimmen, da er zum Gedeihen seiner Gründungen vieler Leute bedurfte und
daher für die Eintracht war. Gerade jetzt herrschte ungestörter Friede
und Übereinstimmung. Oskar hatte einen großartigen, allgemeinen
Sängerverein gegründet. Aus allen Klassen sollte daran teilnehmen, wer
nur Lust hatte, und vor allem wurden nun gleich alle Vorbereitungen auf
das große Sängerfest getroffen, das ja infolge der Gründung des Vereins
kommen mußte. Er hatte den Feklitus gleich für diese Unternehmung
gewonnen, indem er ihn zum Mitarbeiter an den Zurüstungen für den großen
Tag ernannt hatte. Eine brodierte Fahne stand auch fest in Aussicht –
denn die Tante hatte ja versprochen mitzumachen; das war eine ganz
andere Sicherheit, als nur Emmi für die Sache gewonnen zu haben –; Fani
sollte Fahnenträger werden. Heute mußte aber eine Sitzung stattfinden,
kündete Oskar an, als eben am Schluß der Schulstunden sechs bis acht der
Jungen auf einmal sich zur Tür hinausdrängen wollten, was das
Herauskommen merklich verzögerte, so daß die Aufforderung zu der Sitzung
gleich noch nach allen Richtungen hin verbreitet werden konnte. Draußen
auf dem freien Platz wand sich die Masse der Buben sofort in einen
Knäuel zusammen; so fanden bei ihnen die Sitzungen statt. Oskar teilte
gleich der Versammlung mit, daß noch kein Spruch auf die Fahne gewählt
worden sei, daß er aber einen sehr schönen wisse, der auf die
Gelegenheit passe, nämlich den:
»Gesang verschönt das Leben und macht den Menschen froh.«
Feklitus aber war nicht einverstanden. Er sagte, er habe schon oft
solche Feste gesehen und viel schönere Sprüche da gefunden als diesen;
er wisse einen, der töne ganz anders, den müsse man annehmen:
»Das Vaterland soll leben, die Freiheit lebe hoch!«
Oskar sagte, der passe zu einem anderen Fest, nicht zu dem; aber der
Feklitus blieb bei seiner Ansicht und rief seine Getreuen auf, sie
sollten ihm helfen, und nun entstand ein betäubender Tumult, und
Oskarianer und Feklitusianer schrieen so grimmig durcheinander, daß
keiner den anderen mehr verstand. Jetzt packte Oskar den Feklitus am Arm
und zog ihn weithin auf die Seite, bis dahin, wo man wieder etwas
verstehen konnte, und sagte mit Entrüstung: »Weißt du, Ruhestörer, daß
du das Geschrei hervorgerufen hast, und das ist ganz miserabel von dir!
Was gewinnst du dadurch? Nichts! Was verdirbst du? Alles! Damit du aber
siehst, daß ich nicht einer bin, wie du, so will ich dir jetzt einen
Vorschlag machen. Wir wollen unsere Sprüche beide brauchen, und es ist
gut, daß sie sich noch aufeinander reimen; dann heißt die Inschrift so:
›Gesang verschönt das Leben und macht den Menschen froh,
Das Vaterland soll leben, die Freiheit lebe hoch!‹«
Jetzt war der Feklitus einverstanden; aber um keinen Preis hätte er den
schönen Gedanken darangegeben, den er selbst gefunden und in seinem Kopf
behalten hatte. Nun wurde den anderen die Übereinkunft verkündigt, die
Sitzung war geschlossen. Mit einemmal stob der ganze Knäuel in hohen
Luftsprüngen auseinander, und nach allen Richtungen hin erscholl durch
den Sommerabend die Freude des überstandenen Tagewerks. Oskar allein
ging still und mit einer großen Falte auf der Stirn nach Hause, denn er
trug einen Ärger mit sich. Wieder war der Fani, wie schon so oft, gleich
nach der Schule verschwunden und er hatte doch gehört, daß noch eine
wichtige Besprechung stattfinden sollte. Das nahm Fani alles viel zu
leicht; es war der einzige große Fehler, den Oskar an ihm kannte: Fani
ging zu leicht von einer Sache in eine andere über, sobald diese ihn
wieder ansprach, und Oskar wußte jemand, der den Fani darin sehr
unterstützte und ganz war wie er, das war seine Schwester Emmi.
Eigentlich war diese noch ärger, denn sie brachte den Fani immer wieder
auf etwas Neues und stiftete ihn überhaupt immer zu irgend etwas an. Das
kannte Oskar wohl an ihr und es war ihm sehr ärgerlich, daß der Fani
immer so schnell auf ihre Empfindungen einging. Gewiß hatte sie ihn auch
heut’ abend zu irgend etwas aufgestiftet und er war gleich darauf
eingegangen, da er so bald verschwunden war. Das verdroß den Oskar sehr.
Bei seiner Ankunft zu Hause traf er gleich auf den Fred, der am
Gemüsebeet auf dem Boden kauerte und mit beiden Händen wie ein gieriger
Schatzgräber in der Erde herumwühlte.
»Wo ist Emmi?« rief ihm Oskar entgegen; »aber rühre mich nicht an mit
deinen Händen.«
»Du wirst wohl kein Samenkäfer sein, nach dem ich mit meinen Händen
herumsuche«, war die Antwort. »Wo Emmi ist, weiß ich nicht; aber das
weiß ich, daß eins von euch, du oder Emmi, schon wieder alles Papier
genommen hat, so daß kein Mensch seine Aufgaben machen kann, wenn er
noch so gern wollte.«
»Ich habe gar keins gebraucht«, erklärte Oskar; »daß sie wieder etwas
angestiftet hat, das weiß ich nun schon, und das Papier hat sie auch
gebraucht, und was sie noch alles anstellen wird, das kann man dann
sehen, wenn man ihr nicht einmal das Handwerk legt.« Mit dieser
Prophezeiung trat Oskar ins Haus hinein.
[Illustration]
Viertes Kapitel.
Von weiteren Zuständen in Buchberg.
Oskar hatte richtig geraten: durch die geöffnete Schulzimmertür war der
gewandte Fani unter den ersten hinausgeschlüpft, und Emmi, die auch
überall durchkam und schon draußen stand, nahm ihn gleich in Beschlag.
»Komm schnell, Fani, ich weiß einen prachtvollen Baum, den du zeichnen
kannst, und Papier habe ich schon und alles.«
Fani ging gleich mit großer Freude in den Vorschlag ein, und sofort
rannten die beiden davon, erst den Weg hinunter und dann dem grünen
Hügel zu, an dem ein schmaler Fußweg zwischen den blumenreichen Wiesen
emporführte. Hier beim langsamen Bergansteigen besprachen die Kinder nun
ihr Vorhaben, und Emmi erklärte dem Gefährten, wohin sie ihn führen
wolle. Es hatten nämlich heute früh die Unterrichtsstunden des Zeichnens
stattgefunden, welche die beiden obersten Klassen immer zusammen
erhielten. In der fünften Klasse saßen Emmi und Elsli, sowie auch der
studienbeflissene Fred, der zwar ein Jahr zu jung war für diese Klasse,
aber der Lehrer hatte ihn dahin versetzt, weil er den sämtlichen
Vierkläßlern weit voraus war, ja sogar in der fünften Klasse war er noch
weitaus der Geschickteste. Nur im Zeichnen nicht, da war Fani allen
anderen so weit überlegen, daß der Lehrer öfter bemerken mußte, wenn er
seine Zeichnungen ansah: »Siehst du, Fani, wie du’s kannst, wenn du
willst! Du könntest auch anderes noch besser machen, wenn du dich mehr
anstrengtest und nicht so gleichgültig und leichtsinnig wärest!« Heute
nun hatte der Lehrer bemerkt, es wäre ihm recht, wenn die Kinder hier
und da etwas nach der Natur abzeichneten, einen Baum oder eine Blume,
und hatte den Fani noch besonders aufmerksam gemacht, wie gut er die
Bäume zu machen verstehe, er sollte sich einen schönen aussuchen. Das
war nun der Emmi gerade recht, so etwas ausfindig zu machen, denn an
Fanis Zeichnungen hatte sie schon immer eine besondere Freude gehabt. Er
hatte ihr auch schon allerhand gezeichnet: Rosen und Erdbeeren und
einen Fischer, mit einer Angelrute unter einem Baum am Wasser sitzend;
diese Bildchen konnte man als Buchzeichen so schön gebrauchen. Jetzt
erzählte ihm Emmi, daß sie auf der Stelle nachgedacht habe, welchen Baum
er zeichnen könne; da sei ihr auf einmal die große Eiche in den Sinn
gekommen, die sehe jetzt so schön aus; noch vor wenig Tagen habe sie’s
gesehen, denn sie sei mit der Mutter auf dem Eichenrain gewesen, um der
fremden Dame willen. Unter diesen Mitteilungen waren die Kinder nun auf
dem Hügel angekommen, welcher, um des schönen alten Baumes willen, der
Eichenrain hieß. Der reichbelaubte Baum stand am Abhang des Hügels und
warf seinen Schatten weithin über das kurze Gras des Weidebodens. Fani
schaute verwundert in das reiche Gezweig hinauf.
»O, wie schön«, sagte er; »ich bin froh, daß du den gewußt hast, Emmi,
der ist prächtig zum Zeichnen! Ich will gleich anfangen, aber ein wenig
weiter weg, da oben, hier.« Fani hatte sich den Hügel hinan Schritt für
Schritt etwas weiter von dem Baum entfernt, bis er ihm zum Zeichnen
paßte. Hier setzte er sich auf den Boden, Emmi gleich darauf neben ihn,
indem sie anfing, aus ihrer großen Schultasche einen ziemlichen Reichtum
an Papier und Bleistiften herauszukramen.
»O, da kann man viel zeichnen mit so viel Papier und Bleistiften«, sagte
Fani und schaute mit sehnsüchtiger Bewunderung auf all das schöne
Material.
»Ich gebe dir dann noch mit heim davon«, versprach Emmi; »ich habe schon
daran gedacht, daß du dann wieder ändern mußt und vielleicht noch einmal
anfangen, aber komm, da suche selbst einen Bleistift aus!«
Mit Wonne tat Fani, wie er geheißen war. So reichliches Material zu
haben, daß man so darauflos zeichnen konnte, wie man wollte, schien dem
Fani das Höchste zu sein. Nachdem er noch ein paarmal seinen neuen
Bleistift und sein weißes Papier mit Wohlgefallen angeschaut hatte,
setzte er sich zurecht und begann seine Arbeit. Emmi war nun ganz still
und schaute aufmerksam der Entstehung des Baumes zu.
»O, o! Jetzt ist die Eiche schon ganz kenntlich! Nein, was du aber für
schöne Zweige und niedliche Blättchen machen kannst!« rief Emmi jetzt
ganz entzückt aus; »nein, so schön hast du gewiß noch nie einen Baum
gemacht! Du wirst sehen, was der Lehrer sagen wird; gewiß hast du die
allerschönste Zeichnung von allen. Wie machst du’s denn nur, Fani? So
etwas könnte ich gar nie machen.«
»Ich mache es nur nach«, sagte Fani, dessen Augen beständig hin und her
gingen, jetzt zu dem Baum hinauf und jetzt wieder auf das Papier zurück,
und ganz flammten vor Eifer. »Sieh nur auch die schönen Zweige, die er
hat, und die prächtigen Blätter; kein Blatt ist so schön wie das
Eichenblatt. O, und sieh nur oben, wie das so prachtvoll rundum geht,
gerade als hätte man expreß die Zweiglein so gemacht, daß es die schöne
Form gibt. O, wenn ich nur den ganzen Tag da sitzen könnte und immerfort
an dem Baum zeichnen, es gibt gar nichts Schöneres auf der Welt.«
»Jetzt weiß ich etwas«, rief Emmi aus, so als habe sie auf einmal einen
großen Fund getan; »du mußt gewiß ein Maler werden, Fani. So fängt es
an, wenn einer ein Maler werden muß, das weiß ich bestimmt; sonst
könntest du gar nicht sagen, das Schönste auf der Welt wäre, einen
ganzen Tag lang vor einem Baum zu sitzen und zu zeichnen, das wäre doch
jedem anderen furchtbar langweilig.«
»Ja, du hast gut sagen, ich soll ein Maler werden«, entgegnete Fani mit
einem Seufzer; »im nächsten Frühling komm’ ich aus der Schule, und dann
muß ich in die Fabrik und muß den ganzen Tag spulen vom Morgen bis am
Abend; da kannst du dann ein Maler werden, ich wüßte nur gern, wie?«
»Aber wolltest du denn nicht gern alles tun, um ein Maler zu werden,
Fani? Denk nur, wie herrlich! Wenn du doch selbst sagst, es wäre das
Schönste auf der Welt, da wolltest du doch gern alles wagen, wenn du nur
dazu kommen könntest, oder nicht?«
»Freilich wollt’ ich, gewiß, aber da ist ja gar nichts zu wagen; was
könnte ich denn tun?«
»Wart du jetzt nur, Fani, ich will nun schon anfangen zu denken, was du
machen könntest. O denk nur, wenn du dann ein ganz geschickter Maler
würdest und gar nichts anderes mehr tun müßtest, als nur immer zeichnen
und malen, da hättest du doch gar nichts mehr als Freude, dein Leben
lang; Fani, glaubst du nicht?«
Emmi war jetzt so ins Feuer hineingekommen durch alle die Pläne und
Aussichten, die ihr jetzt schon vorschwebten, daß sie auch den Fani
angezündet hatte. Sein Stift war ihm aus der Hand gefallen und seine
Augen waren nicht mehr forschend auf die Eichenzweige gerichtet, sondern
rollten hin und her, als suchten sie da und dort etwas, was nicht zu
sehen war.
»Glaubst du’s sicher, Emmi, glaubst du gewiß, das könnte sein?« fragte
er jetzt in großer Aufregung. »Was meinst du denn, das ich tun könnte?
Ich wollte es am liebsten auf der Stelle tun; aber was? aber was?«
»Das weiß ich jetzt noch nicht, aber es kommt mir dann schon in den
Sinn; du mußt nur ein wenig warten, vielleicht kann ich dir’s morgen
schon in der Schule sagen. Aber komm, mach noch deinen Baum fertig, und
das Papier und die Bleistifte kannst du dann mitnehmen, daß du noch
andere Bäume machen kannst. Weißt du, sie werden dann am Examen gezeigt,
und weil du nur so graues Papier hast und doch die allerschönsten
Zeichnungen machst, so wäre es ja schade dafür.«
Fani war sehr erfreut, denn oft schon hätte er zu Hause gern eine
Zeichnung gemacht, aber da war nichts zu finden, was man dazu brauchte;
so war ihm das schöne weiße Papier samt den zwei Bleistiften ein wahrer
Schatz. Er ging nun noch einmal an seine Arbeit, und Emmi schaute zu und
lobte und bewunderte. Unterdessen war aber die Sonne untergegangen, und
leise kam die Dämmerung heran und erinnerte die Kinder daran, daß die
Zeit der Heimkehr gekommen sei.
Fred hatte schon seit einiger Zeit seine Nachforschungen nach den
Samenkäfern beendigt. Jetzt stand er auf dem Wege außerhalb der Hecke,
die den Garten einfaßte, und schaute mit Spannung nach der Schwester
Emmi aus, die doch endlich einmal heimkommen mußte und mit der er
Abrechnung zu halten gedachte. Innerhalb der Hecke, im Garten, lief
Oskar mit demselben Vorhaben hin und her, nur in viel größerer
Aufregung, denn den ganzen Abend hatte er vergebens nach Fani
herumgesucht. Dieser war völlig verschwunden und kein Mensch wußte,
wohin, und da waren noch so viele wichtige Dinge zu besprechen, bevor
das Sängerfest stattfinden konnte. Mit dem Feklitus waren solche
Besprechungen unmöglich, er faßte zu langsam und hatte nie einen
Gedanken. Da war Fani ein ganz anders schneller und erfindungsreicher
Genoß. Sicher hatte Emmi den wieder abgefangen, um ihn zu etwas
anzustiften, denn dafür war sie bekannt; aber er wollte ihr schon
dahinterkommen, was sie heute ausgeführt hatte, und ihre Tätigkeit ein
wenig beschneiden, denn das konnte ihm nicht länger passen, daß Emmi den
Fani so für sich in Anspruch nehmen sollte. Durch diese Gedanken nahm
die Aufregung bei Oskar immer zu, und in immer größeren Schritten ging
er im Garten auf und nieder. Jetzt sah draußen der lauernde Fred etwas
den Weg heraufkommen; das konnte aber nicht wohl Emmi sein, denn es war
eine ziemlich breite Masse, die fast den Weg von einer Seite zur
anderen ausfüllte; in der Mitte war sie ein wenig höher, als an beiden
Enden. Fred staunte; er konnte nicht erraten, was sich da heranbewegte,
es konnte aber eine naturgeschichtliche Merkwürdigkeit sein; Fred lief
schnell ein wenig entgegen. In der Nähe erkannte er das Elsli, dem auf
der einen Seite der vierjährige Rudi am Röckchen hing, auf der anderen
der dreijährige Heirli; auf dem Arm saß ihm der zweijährige Hanseli mit
dem dicken Kopf und den festen Armen und Beinen. So keuchte das Elsli
mit seinen drei Brüderchen heran, denn das Gewicht von allen dreien hing
schwer an ihm.
»Stell doch diesen dicken Hans auf den Boden, du mußt ja fast
ersticken«, sagte Fred, indem er die Anstrengungen der drei Brüder, das
Elsli umzureißen, mißbilligend betrachtete.
»Ich darf nicht, er fängt gleich an zu schreien und wird bös«,
entgegnete Elsli fast ohne Atem und schleppte sich vorwärts, den Weg
hinauf.
»Willst du zu uns?« fragte Fred folgend.
»Ja, etwas holen, da hinein«; Elsli hob seinen Arm ein wenig in die
Höhe, an dem ihm noch ein großer Sack hing.
»Du kannst ja nichts mehr tragen; stell doch jetzt einmal den Dicken
auf den Boden, er drückt dich ja fast zusammen«, sagte Fred mit Ärger.
Sie waren nun oben angekommen und standen am Hause.
»Ja, einen Augenblick muß ich ihn gewiß niederstellen, nur bis mir der
Arm nicht mehr so weh tut.« Mit diesen Worten stellte das Elsli den
Hanseli hin, der augenblicklich in ein so durchdringendes Zetergeschrei
ausbrach, daß aus der Stube Mutter und Tante und aus der Küche die
Kathri herbeieilten.
»Dich wollt’ ich lehren!« bemerkte die letztere mit einer schwingenden
Bewegung der flachen Hand und zog sich wieder zurück. In großem
Schrecken hatte das Elsli den Buben gleich wieder auf den Arm genommen;
er schrie aber noch eine Weile fort über das Unrecht, das ihm geschehen
war.
»Mama, sag doch dem Schreihals, daß er auf dem Boden stehen soll, er
drückt ja das Elsli ganz zusammen«, rief Fred zornig aus.
Auf diesen Ausspruch hin schrie der Hanseli noch viel ärger und drückte
nun seinen Kopf noch so schwer auf Elslis Schulter nieder, daß es sich
kaum mehr aufrechthalten konnte.
»Du darfst ihn wirklich auf den Boden stellen, Elsli«, sagte die Mutter
hier; »er wird sich wohl zufriedengeben, komm!« und die Mutter wollte
helfen, den kleinen Hans von dem Kinde abzulösen und auf den Boden zu
stellen; aber es war schwere Arbeit: er hielt sich mit Armen und Beinen
fest und zappelte und schlug aus mit den Füßen. Endlich aber stand er
doch unten; nun aber erhob er ein so wütendes Geschrei und riß so heftig
an dem Elsli herum, daß es in seinem Schrecken ihn schnell wieder auf
den Arm nahm, und mit Ergebung in sein Schicksal sagte es: »Er will
nicht, er wird immer bös, wenn ich ihn nur einen Augenblick hinstelle,
und wenn ich aus der Schule heimkomme, so muß ich ihn auf der Stelle auf
den Arm nehmen, sonst fängt er gleich so zu tun an.«
»Aber der schwere Hans ist ja längst zwei Jahre alt, er muß ganz gut
gehen, nicht nur stehen können«, sagte nun die Mutter ein wenig unwillig
über den kleinen Tyrannen, »und dann ist ja das Kleine noch da, das
wirst du auch herumtragen müssen. Wie machst du’s denn, Elsli?«
»Ja, da wird er noch viel böser, wenn er sieht, daß ich das Kleine
nehme; dann schlägt er drein und stößt mit den Füßen und schreit so
furchtbar, daß es die Mutter an allen Orten hört, wo sie ist, und es
macht sie böse, wenn er so tut. Dann ruft sie gleich, ich soll machen,
daß der Lärm aufhöre, ich werde doch wohl den kleinen Buben noch zum
Schweigen bringen können; aber er hört nie auf zu schreien, bis ich das
Kleine wieder in die Wiege lege und ihn auf den Arm nehme; dann stoß’
ich eben die Wiege hin und her, so lange, bis das Kleine dann wieder gut
ist oder einschläft.«
»Komm einen Augenblick herein, Elsli, du siehst ja so müde aus«, sagte
die Mutter teilnehmend; »und du, Hanseli, stehst jetzt auf deine Füße
und wanderst selbst hinein, das kannst du ganz gut, und drinnen liegt
ein schönes Stück Brot und ein Apfel, das bekommst du.«
»Wenn du aber nicht gehen willst«, fügte hier die Tante bei, »so lassen
wir dich hier stehen, aber Rudi und Heirli kommen gern mit und holen
sich Brot und Äpfel, nicht wahr? Und das können sie auch ganz gut tun,
ohne das Elsli halb umzureißen; komm mit mir!«
Die beiden liefen gleich der Tante nach, und der kleine eigensinnige
Hans hatte den Sinn der Rede auch gefaßt; er war ganz still, als das
Elsli ihn nun wieder vom Arm heruntergleiten ließ, und wackelte ohne
Widerrede an der Hand der Schwester neben der Frau Doktorin her ins Haus
hinein. Hinterdrein kam Fred und schwang ein Weidenrütchen in der Hand,
so, als wollte er damit andeuten, daß es ein Mittel gebe,
widerspenstige Buben zum Marschieren zu bringen. Drinnen in der Stube
angekommen, sperrten die drei Buben ganz weit die Augen auf, denn sofort
ging die Mutter an den Schrank und holte den großen Brotkorb heraus und
schnitt vier ungeheure Stücke von dem mächtigen Laib herunter; auf jedes
legte sie einen schönen, roten Apfel, den sie nur aus dem Schrank
herausholen konnte; da lagen sie wohl schon für die eigenen Kinder
bereit. Jetzt wurde jedem der Buben und auch dem Elsli sein Stück mit
dem Apfel gereicht, und Fred sagte: »Nun, frisch, beißt einmal los!«
Augenblicklich gehorchten alle drei und knackten und knusperten nun
darauflos, daß es jedem Lust gemacht hätte, mitzuhalten. Elsli sagte
nun, warum es gekommen sei, und zeigte seinen Sack. Die Mutter hatte es
geschickt, die Sachen, welche ihr die Frau Doktorin versprochen hatte,
in dem Sack heimzuholen.
»Nein, Kind, davon ist keine Rede«, sagte diese bestimmt; »wie könntest
du noch einen Sack mit Kleidern tragen! Sag du deiner Mutter, daß sie
selbst einmal kommen soll; ich muß auch sonst mit ihr reden, dann nimmt
sie die Sachen mit.«
»Elsli, hast du denn gar keine Lust zu deinem Apfel? Und magst du auch
kein Bröckchen Brot essen?« fragte hier die Tante, die gesehen hatte,
wie das Kind sorgfältig seinen Apfel in die Tasche gesteckt hatte,
während es das Brot unberührt in der Hand hielt.
Elsli wurde ein wenig rot, so als habe es etwas getan, das vielleicht
nicht erlaubt war, und sagte schüchtern: »Ich möchte nur gern mit dem
Fani teilen, er bekommt doch heut’ nichts mehr.«
»Das darfst du schon sagen, Elsli, daß du dem Fani davon geben willst,
das ist ganz recht«, sagte die Tante freundlich; »aber warum bekommt
denn der Fani heut’ nichts mehr?«
»Wir haben nun schon zu Nacht gegessen, gerade eh’ wir kamen, und der
Fani ist wieder nicht heimgekommen, wie schon manchmal, und dann ißt man
die saure Milch alle auf und auch die Erdäpfel, weil sonst schon nicht
so viel sind, und der Vater sagt: ›Wer nicht da ist, hat keinen Hunger.‹
Aber der Fani hat freilich Hunger; ich weiß schon, er vergißt nur, daß
es Zeit ist.«
»Wo ist er denn aber? Muß er dir nicht etwa helfen, die kleinen Buben zu
hüten am Abend?« fragte die Tante weiter.
»Nein, nein, das kann er nicht. Die Mutter sagt, sie tun nur viel ärger,
wenn er dabei ist, er solle nur laufen; und so kommt er so manchmal um
sein Nachtessen, und ich kann ihm nichts behalten, und doch ist er immer
so gut mit mir. Wenn er dann heimkommt, macht er mir immer meine
Aufgaben mit den seinigen, weil ich das nie kann; ich habe zu tun, bis
die Mutter das Licht nimmt und ich ins Bett muß.«
»Der Fani kommt eigentlich nur aus Leichtsinn um sein Nachtessen, das
könnte er ja anders haben, und von den Aufgaben, die du nicht selbst
machst, wirst du auch nicht viel profitieren, Elsli«, sagte die Tante.
Elsli wurde ganz rot und seine sanften, blauen Augen füllten sich mit
großen Tränen.
»Ich weiß schon«, sagte es zaghaft; »darum bin ich auch so ungeschickt
in der Schule, fast das Ungeschickteste in der ganzen Klasse.«
»Nein, nein, das bist du noch lange nicht«, fiel Fred beschützend ein;
»du kannst nur deine Aufgaben nie, was wir auswendig lernen müssen und
nachlesen, und jetzt weiß ich auch, warum, und wenn dich noch ein
einziges Mal einer auslacht, so will ich ihm dann zeigen, mit wem er es
zu tun hat.«
Auf dem Elsli lag so viel, das ihm schwer machte und ihm weh tat, daß es
fast nie recht froh und lustig aussah, wie die anderen Kinder. Auch
jetzt schaute es wohl dankbar für seinen Trost den Fred an, aber es kam
keine Fröhlichkeit auf sein schmales Gesichtchen; und wie es nun
aufstand und seine Bürde wieder auf sich lud – denn der Hanseli hatte
schon lange an ihm gerissen, um zu verstehen zu geben, daß er wieder auf
den Arm wolle –, da sah das Kind so matt und müde aus, daß es den Frauen
recht zu Herzen ging. Sie schauten ihm nach, wie es mühsam die Treppe
hinunter und über den Platz ging, Rudi und Heirli auf beiden Seiten an
ihm hangend, der schwere Hanseli auf ihm liegend.
»Ach Gott, wenn doch ein Sonnenschein in dieses freudlose Kinderleben
fallen wollte«, seufzte die Mutter, und die Tante wollte eben mitfühlend
einstimmen, als ein auffallender Lärm ertönte und immer lauter herankam.
Emmi war eben den Weg heraufgekommen und beide Brüder waren sofort auf
sie eingedrungen und schrieen nun gegenseitig auf sie los, immer einer
den anderen überschreiend. »Warum hast du den Fani abgefangen?« – »Was
hast du wieder mit allem Papier angefangen?« – »Wozu hast du ihn jetzt
wieder aufgestiftet?« – »So kann ja kein Mensch seine Aufgaben machen,
und daran bist du schuld!« – »Sag, wo du ihn hingelockt hast, daß er
sein Versprechen nicht hält, zur Sitzung zu kommen?« – »Sag, wo das
Papier ist, so kann man endlich etwas tun!«
Die Schreienden, mit Emmi in ihrer Mitte, waren nun an der Haustreppe
angekommen. Die Mutter war eben abgerufen worden; die Tante trat zu den
Kindern heran.
»Still! still! Nicht solchen Lärm machen!« wehrte sie. »Emmi kann euch
ja nicht einmal Rechenschaft geben, wenn ihr unaufhörlich beide
miteinander auf sie losschreit.«
Emmi rettete sich augenblicklich zu der Tante und flüsterte ihr in die
Ohren, wozu sie das Papier alles gebraucht habe, und bat dringend: »Hilf
mir doch, Tante, bitte! bitte! Du weißt ja, sonst tut der Oskar noch
ärger!«
Die Tante fand die Anwendung des Papiers nicht so schlimm und erklärte,
sie werde gleich anderes Papier herbeischaffen, und nun sollten alle
hereinkommen und an die Aufgaben gehen und es solle Ruhe und Stille
herrschen; und um ihren Worten Nachdruck zu geben, fügte sie bei:
»Gleich wird auch der Papa nach Hause kommen; ihr wißt, daß er keinen
Lärm hören will!« Das wirkte besänftigend. Alle traten ins Haus ein, und
bald nachher saßen die Kinder alle vier, schweigend und eifrig
arbeitend, um den Tisch herum, denn die Tante hatte neues Papier
hergeschafft, auch dem Oskar erklärt, daß Fani um seiner Schularbeiten
willen verschwunden sei. Nun schien der Abend in Frieden und Stille zu
Ende gehen zu wollen. Aber auf einmal erhob Rikli ein Mark und Bein
durchdringendes Geschrei, warf seinen Sessel zurück und stürzte durch
die ganze Stube und weit in den Gang hinaus, nicht anders, als liefe ein
Ungeheuer hinter ihm her. Alle Köpfe erhoben sich, und mit Schrecken
schaute jeder um sich, die Ursache des Wehegeschreis zu entdecken.