Wo
_Gritlis Kinder_
hingekommen sind.
Eine Geschichte für Kinder
und
auch für solche, welche die Kinder lieb haben.
Von
Johanna Spyri.
Neunte Auflage.
_Mit vier Bildern._
Gotha.
Friedrich Andreas Perthes A.-G.
Alle Rechte vorbehalten.
Inhalt.
Seite
1. Im Landhaus am Rhein 1
2. Im Hause des Arztes 14
3. Im Dorf und in der Schule von Buchberg 33
4. Von weiteren Zuständen in Buchberg 46
5. Auf dem Eichenrain 68
6. Die Tante wird neuerdings in Anspruch genommen 86
7. Was der Oskar gründet und die Emmi anstiftet 107
8. Beim Sonnenuntergang 129
9. Eine letzte und eine erste Reise 145
Wo Gritlis Kinder hingekommen sind.
[Illustration]
Erstes Kapitel.
Ein Landhaus am Rhein.
Die Junisonne leuchtete auf das schöne steinerne Haus nieder, an dem die
eben aufgeblühten roten Rosen sich in Fülle emporrankten und ringsum
einen süßen, würzigen Duft verbreiteten, dem von Zeit zu Zeit der
frische Morgenwind noch andere würzige Düfte beimischte, die er von dem
reich besetzten Blumengarten am Hause emportrug und durch die offenen
Fenster ins Haus hineinwehte. Mitten im großen Blumengarten lag ein
weites Wasserbecken, von dem ein hoher Strahl zum blauen Himmel aufstieg
und wieder in den schimmernden Teich zurückfiel. Buntfarbige
Schmetterlinge flogen in Menge in der blauen Luft herum und setzten sich
da und dort auf die duftenden Blumen, und auf allen Zweigen der dicht
belaubten Bäume, die ringsumher im Garten ihren Schatten über alte
steinerne Bildsäulen mit Wasserschalen auf den Armen oder über
verborgene Ruheplätzchen breiteten, sangen und zwitscherten die Vögel
und wiegten sich lustig hin und her in der luftigen Höhe.
An einem der hohen Fenster des Hauses saß ein bleiches Mädchen und
schaute hinaus in den leuchtenden Morgen, aber es konnte all das Blühen
und Duften des herrlichen Gartens nicht eintrinken, denn das Fenster war
geschlossen. Mit verlangenden Blicken schaute das Kind durch die großen
Scheiben hinaus auf die leuchtenden Blumen und weiterhin auf die
schimmernden Wellen des dahinziehenden Rheines, der am Ende des Gartens,
wo die Terrasse niederstieg, in seinen grünen Wellen die tief
herunterhängenden Zweige der alten Lindenbäume badete und dann
vorüberrauschte. Man konnte vom Fenster aus die reich belaubten hohen
Bäume unten am Wasser noch erblicken, aber man konnte nicht mehr sehen,
wie dort im kühlen Schatten eine steinerne Bank stand, von der man
gerade in die grünen Wellen hinuntersah, und über welche sich als
schützendes Laubdach die dichten, alten Äste breiteten, die nachher bis
hineinhingen in das schimmernde Wasser und wohlig eine Weile mit den
Wellen dahinschwammen. Es war ein wonniges Plätzchen und lieblich in
sonnigen Nachmittagen dort zu sitzen und träumend den vorübereilenden
Wellen zuzuschauen. Das bleiche Mädchen mußte es wohl kennen, denn seine
Augen blieben auf jener Stelle haften und nahmen einen immer
verlangenderen Ausdruck an.
»O, Mama«, sagte es jetzt mit bittender Stimme, »kann ich bald in den
Garten hinuntergehen? Kann ich heute bis zur Bank am Rhein und unter die
Lindenbäume gehen?«
Schon seit einer Stunde, da die Mutter ihr krankes Kind in das Zimmer
hereingeführt und zu seinem Lieblingsplatz am Fenster gebracht hatte,
waren ihre ängstlichen Blicke kaum von dem farblosen Gesichtchen
gewichen, aus dem die zwei großen Augen so verlangend in den sonnigen
Garten hinausblickten.
»Liebes Kind«, sagte sie jetzt mit angstvoller Zärtlichkeit, »du weißt,
du wirst am Morgen so müde; wir wollen warten bis Nachmittag, dann
können wir vielleicht bis zum Rhein hinuntergehen. Nicht wahr, mein
Kind, so ist dir’s auch recht?«
»Ach ja«, seufzte das Mädchen und schaute wieder schweigend auf die
sonnenbeschienenen Blumen und die leise wiegenden Baumwipfel hinaus.
»O, es ist so schön draußen, können wir nicht jetzt schon gehen, Mama?«
bat das Kind nach einer Weile wieder, und so verlangend folgten seine
Augen den fortziehenden schimmernden Wellen drüben, daß die Mutter nicht
widerstehen konnte. Sie stand auf. In dem Augenblick trat eine ältere
Frau ins Zimmer, die so pünktlich und geordnet aussah, daß man hätte
denken können, sie habe weiter nichts zu tun, als die schönen grauen
Haare mit dem schneeweißen Häubchen darauf und den einfachen, tadellosen
Anzug in Ordnung zu bringen; sie hatte aber das ganze Haus mit allen
verschiedenen Gliedern der Dienerschaft zu lenken und zu regieren. Kaum
war sie eingetreten, als Mutter und Tochter ihr zugleich entgegenriefen:
»O, Klarissa, es ist gut, daß du kommst!« Und beide brachten nun ihre
Angelegenheit vor, die Mutter ängstlich fragend, ob sie meine, ein Gang
durch den Garten dürfte schon gewagt werden, das Töchterchen dringend
bittend, sie möchte doch ja sagen dazu. Die alte Klarissa war eine
Persönlichkeit, bei der jeder im ganzen Hause, von der Herrin bis
hinunter zum jungen Laufburschen, Rat und Hilfe suchte in jeglicher Not
und Verlegenheit. Wer auch nur einmal in die freundlichen, guten Augen
der alten Klarissa schaute, der mußte gleich ein Vertrauen zu ihr
fassen, denn jedes Menschenkind schaute sie liebevoll, wie mit den Augen
einer Mutter an. »Klarissa, sag, daß wir hinausgehen können«, bat das
kranke Kind noch einmal inständig.
»Liebe Frau Stanhope, wollen wir es nicht versuchen?« sagte nun
Klarissa, zu der Mutter gewandt. »Die Luft ist lieblich und alle Vögel
singen, als wollten sie uns hinausrufen.«
»Nun, wenn du denn meinst, Klarissa, so wollen wir es tun«, stimmte die
Mutter bei, und nun wurde der Friedrich herbeigeholt, der langjährige
Bediente; der hatte das kranke Töchterchen die Treppe hinunterzutragen,
damit es nicht schon ganz ermüdet im Garten ankomme, denn seine Kräfte
waren so bald erschöpft. Unten angekommen, nahmen die beiden Frauen das
Kind in ihre Mitte und führten es durch den sonnigen Garten. Auf allen
Zweigen zwitscherten lustige Vögelein, die Rosen dufteten und ganze
Scharen von bunten Schmetterlingen flatterten fröhlich in der lauen Luft
umher.
»Nora, fühlst du dich wohl hier?« fragte die besorgte Mutter.
»O ja, es ist so schön«, entgegnete das Kind, »aber ich möchte so gern
zu der steinernen Bank hinunter und in die Wellen schauen, wo die Zweige
hineintauchen.«
Der Weg wurde fortgesetzt, die grünen Rasenterrassen hinab bis unter die
alten Lindenbäume, wo die steinerne Bank stand, fast verborgen von den
tief herunterhängenden Ästen, deren blätterreiche Enden leise auf dem
schimmernden Wasser sich wiegten. Die Lindenbäume standen in der Blüte
und erfüllten ringsum die Luft mit süßem Duft. Nora saß nun auf der Bank
und schaute still den Zweigen im Wasser und den forteilenden Wellen zu.
»O, wenn ich auch so fortziehen könnte, Mama; aber ich bin immer müde.
Ich möchte auch so flink umherhüpfen und so fröhlich singen, wie die
Vögel da oben in den Linden! O, es ist so schön da, aber ich bin immer
müde.«
»Liebes Kind, du wirst ja kräftiger werden«, tröstete die Mutter; aber
sie sah so aus dabei, als habe sie selbst am nötigsten, daß ihr der
Trost werde, den sie zu geben versuchte. »Heute kommt auch der Arzt, und
wir fragen ihn, was wir den Sommer zu deiner Stärkung tun sollen. Jetzt
müssen wir wohl wieder ins Haus zurückkehren; du bist so bleich
geworden, Nora, was ist dir?«
Nora versicherte, daß sie nur müde sei. Es war auch immer so: nach
jeder größeren Anstrengung kam auf ihr bleiches Gesichtchen eine noch
größere Blässe. Sie erreichte auch nur mit Mühe das Haus wieder, und
nachdem sie von Friedrich die Treppen hinaufgetragen worden war, wurde
sie auf das Sofa gelegt, wo sie eine Zeitlang ganz still und ohne Regung
lag, um von der Anstrengung auszuruhen.
Gegen Mittag kam der erwartete Arzt. Auf der Mutter eingehenden Bericht
über die überhandnehmende Kraftlosigkeit ihres Töchterchens erklärte er,
es müsse eine Luftveränderung stattfinden, und zwar die Versetzung in
eine stärkende Bergluft für den ganzen Sommer. Nach einigem Nachsinnen
fügte der Doktor bei, er werde sich gleich schriftlich an einen
Studienfreund wenden, der in der Schweiz lebe, und ihn um Rat fragen,
denn zu hoch hinauf dürfe die junge Kranke auch nicht gebracht werden.
Sobald er Antwort von seinem Freunde erhalten hätte, würde er
wiederkommen, um Frau Stanhope davon Mitteilung zu machen. Damit
verabschiedete sich der Arzt.
Gegen Abend saß Nora wieder in ihrem Lehnstuhl am Fenster und schaute
still mit müden Blicken hinaus, wo die Abendsonne goldene Streifen über
den grünen Rasen warf und die Rosenblätter durchleuchtete, die hier und
da von den Strahlen getroffen wurden. Die alte Klarissa saß am
Arbeitstischchen der Nora vorüber, und ihre treuen Augen erhoben sich
von Zeit zu Zeit von der Arbeit und folgten den Blicken des kranken
Kindes.
»Klarissa«, sagte Nora jetzt, »sag mir einmal wieder das alte Lied vom
Paradies.«
Klarissa legte ihre Arbeit weg. »Einmal wollen wir es wieder zusammen
singen, Kind, wenn du etwas kräftiger bist; jetzt will ich dir’s sagen«,
und sie legte ihre Hände ineinander und begann:
»Es fließt ein Strom kristallenklar
Durch immer grüne Auen,
Da glänzt der Lilien weiße Schar
Im Duft, dem himmelblauen.
Und Rosen duften, Rosen glühn
Auf sonnengoldner Wiese,
Und Vögel jauchzen laut im Grün:
Wir sind im Paradiese!
Und immer milde Lüfte wehn
Auf all den Blumenwegen,
Und Menschen wie im Traume gehn
Und kommen sich entgegen.
Und grüßen sich allüberall
In Staunen und in Wonne.
Sie kommen aus dem dunkeln Tal
Ins Land der ew’gen Sonne.
Und ziehen selig hin und her
Und wissen nichts von Leide,
Die kennen keine Tränen mehr,
Die kennen lauter Freude.«
Als Klarissa geendet hatte, war eine Zeitlang alles still; Nora schien
in Gedanken vertieft zu sein.
»Klarissa«, sagte sie nach einer Weile, »das ist so schön, und macht mir
so große Lust, zu gehen.«
»Geh nur gern, du liebes Kind, ja geh nur gern«, sagte Klarissa mit
Tränen der Freude in den Augen, »dann wandelst auch du fröhlich unter
den leuchtenden Blumen hin und singst:
›Wir kennen keine Tränen mehr,
Wir kennen lauter Freude.‹
Und wir kommen dir bald nach, erst ich, und dann die Mama.«
In diesem Augenblick trat die Mutter herein. Klarissa stockte, sie wußte
ja wohl, Frau Stanhope konnte den Gedanken nicht ertragen, daß Nora sie
verlassen und in den Himmel gehen könnte. Aber die Mutter hatte die
letzten Worte der Klarissa wohl verstanden und schaute mit erneuter
Sorge auf ihr Kind, das sie auch so blaß und müde aussehend fand, daß
sie gleich darauf drang, es sollte zur Ruhe gebracht werden, was dann
auch ausgeführt wurde.
Als am späten Abend die Mutter mit der alten Freundin allein noch im
Zimmer saß, begann sie ängstlich zu fragen, was denn Klarissa dazu
gebracht habe, mit Nora solche Gespräche zu führen; das Kind sei doch
nicht so krank, daß man an das Allertraurigste denken müßte, und warum
denn davon reden.
»Nora wollte gern mein altes Lied hören«, entgegnete Klarissa, »und,
liebe Frau Stanhope, lassen Sie mich nur eins sagen: Wenn unser liebes
Kind so einsam und kraftlos fortleben sollte, was hätte es doch an
diesem Leben? Nicht das geringste von allen reichen Gütern, die es
umgeben, wird ihm zur Freude, ja nicht einmal einen kurzen Gang durch
den schönen Garten kann es genießen, alles wird ihm vergällt und
verwandelt sich dem armen Kinde in Schmerz und Leid. Sollten wir ihm
nicht die Heimkehr gönnen in ein schönes Land, wo kein Leid und keine
Schmerzen mehr sind?«
»Ich kann es nicht hören, Klarissa, ich kann es nicht ertragen, daran zu
denken, es kann nicht sein. Kann denn nicht alles noch ganz anders
werden und unsere Nora neue Kräfte bekommen?« jammerte die Mutter, und
so schmerzlich wurde sie von diesen Gedanken aufgeregt, daß sie nicht
weitersprechen konnte. Sie zog sich zurück, und mit schwerem Herzen ging
auch die treue Klarissa nach ihrem Gemache. Bald stand das schöne
steinerne Haus in dem herrlichen Garten still und lichtlos da; aber von
oben leuchtete der Mond darüber, und wer so die hohen, weißen Säulen
durch die dunkeln Bäume schimmern sah, der dachte: »Dort drinnen muß es
herrlich sein«; denn den Kummer, der drinnen wohnte, konnte keiner
sehen.
Frau Stanhope bewohnte ihr väterliches Haus am Rhein. Sie hatte sich
sehr jung nach England verheiratet und dort nach wenigen Jahren ihren
Mann verloren. So war sie mit ihren zwei kleinen Kindern, dem
lieblichen, braunäugigen Philo und der zarten, blondlockigen Nora, in
ihr väterliches Haus zurückgekehrt, das einsam und verlassen dastand,
denn ihre Eltern waren unterdessen beide gestorben, und Geschwister
hatte sie keine. Überallhin hatte die treue Klarissa, die Pflegerin
ihrer Kindheit, sie begleitet, und wie eine Mutter hatte sie ihr im
fremden Land über alles Neue und Ungewohnte hinweggeholfen und stand ihr
nun wieder im vereinsamten Vaterhaus als sorgende Mutter und Pflegerin
ihrer Kinder zur Seite. Mehrere Jahre waren so für die friedliche
Familie in dem schönen Landhause in Freuden und Sorgen dahingegangen,
denn die zarten Kinder ließen keine ungestörte Fröhlichkeit aufkommen.
Nun waren es bald zwei Jahre, als auf das Haus ein tiefer Schatten
gefallen war: der liebliche Philo hatte seine fröhlichen braunen Augen
für immer geschlossen und lag nun unter den weißen Rosen begraben unten
im Garten bei den alten Lindenbäumen. Philo, der Bruder, war der Ältere
gewesen, doch nur um ein Jahr der Nora voran, die jetzt in ihrem elften
Jahre stand. –
Etwas mehr als eine Woche mochte seit dem sonnigen Tage vergangen sein,
als der Arzt wieder erschien. Er hatte die gewünschte Auskunft gefunden.
Sein Freund selbst bewohnte eine waldumkränzte, gesunde Berggegend. Er
wollte den geeigneten Ort ausfindig machen, wo Frau Stanhope mit ihrem
Töchterchen in seiner Nähe den Sommer zubringen konnte. Er war sicher,
das Gewünschte zu finden; Frau Stanhope konnte nach Belieben ihre Reise
antreten und bei ihm erscheinen, es mußte alles zu ihrem Empfang sich
vorbereitet finden.
Gleich in den folgenden Tagen wurden alle Vorbereitungen zur Reise
getroffen. Klarissa sollte dableiben und das Haus verwalten; nur das
junge Zimmermädchen sollte mit auf die Reise genommen werden, und schon
acht Tage nachher saß Frau Stanhope mit ihrem Töchterchen im Wagen,
um die Reise nach der Schweiz anzutreten, begleitet von den tausend
Glück- und Segenswünschen, welche die sorgliche Klarissa immer und immer
noch einmal in den Wagen hineinbot. Jetzt rollte dieser die weiße Straße
entlang und Klarissa trocknete sich die Tränen weg, die sie im letzten
Augenblick nicht mehr zurückzuhalten vermocht hatte. Mit gefalteten
Händen trat sie in das stille Haus zurück, und leise sagte sie vor sich
hin:
»Die kennen keine Tränen mehr,
Die kennen lauter Freude.«
[Illustration]
Zweites Kapitel.
Im Hause des Arztes.
Die Abendsonne schien lieblich auf die hellgrünen Blättchen der jungen
Gemüse, welche in den zwei großen Beeten, die an den Blumengarten
grenzten, emporkeimten und eine besondere Freude der Hausfrau waren.
Wenn sie auch mit größerer Wonne zwischen all den duftenden Blumen des
Gartens hin und her ging, so schaute sie doch immer zum Schluß mit einer
besonderen Teilnahme nach den grünen Kräutchen, die sie alle selbst
gesät und vom ersten zarten Keime an bewahrt und gepflegt hatte. Der
Blumenkohl schien in diesem Jahr besonders wohl geraten zu wollen, denn
mit großem Wohlgefallen schaute die Besitzerin auf ihre junge Pflanzung
hin, die weithin frisch und unberührt dastand; nirgends waren die
verderblichen Spuren gefräßiger Raupen zu sehen.
»Guten Abend, Frau Doktorin«, tönte es jetzt vom Wege herüber, der durch
eine Hecke von den Beeten getrennt war. »Sie haben doch immer das
schönste Gemüse; man sieht wohl, daß dazu gesehen wird.«
Die Frau Doktorin war an die Hecke hingetreten, und über diese herein
streckte jetzt der Taglöhner Heiri seine schwielige Hand, denn er war
ein alter Bekannter und wußte wohl, daß er das Recht zu einem guten
Händedruck hatte. Er war ja schon mit der Frau Doktorin zur Schule
gegangen, und wie oft war er seitdem bei ihr eingekehrt, um Trost und
Rat von ihr zu empfangen!
Sie erwiderte freundlich seinen Gruß und fragte dann teilnehmend: »Und
wie geht’s denn, Heiri; immer viel Arbeit? Ist alles wohl zu Hause, Frau
und Kinder?«
»Ja, ja, gottlob!« entgegnete Heiri, indem er die schweren Werkzeuge,
die er auf der Schulter trug, auf den Boden legte; »Arbeit gibt’s immer,
ich muß mit dem Zeug noch in die Schmiede. Aber es braucht auch Arbeit,
die Haushaltung wächst an.«
»Eure drei kleinen Buben sehen gut aus, ich habe sie gestern wieder
gesehen mit dem Elsli«, fuhr mit freundlicher Teilnahme die Frau
Doktorin fort. »Aber das Kind, das Elsli, ist gar so bleich und
schmächtig. Ihr vergeßt doch nicht, woran seine Mutter gestorben ist,
Heiri? Man darf das Kind gewiß nicht überanstrengen, es ist zu zart und
jetzt im strengsten Wachsen. Ihr müßt beizeiten dazu sehen, Heiri, Ihr
habt’s erfahren, wie bald es mit einem jungen Leben aus sein kann.«
»Ja, ja, das hab’ ich, und das vergess’ ich auch nicht, wie’s war! Ich
konnte es nicht sehen, wie sie das Gritli in den Boden hineintaten, so
jung noch, so jung! Die Marget ist eine währschafte Frau und brav, aber
das Gritli kann ich doch nicht vergessen.« Heiri wischte mit seiner Hand
ein paar Tränen weg.
Der mitfühlenden Frau kamen auch die Tränen in die Augen. »Ich vergesse
es auch nicht, Heiri; wie gern wäre das arme Gritli noch bei Euch und
seinen zwei kleinen Kindern geblieben. Es ging auch so unerwartet
schnell mit ihm. Freilich sah es ja immer dünn und schmächtig aus, und
ich kann sein Kind, das kleine, gute Elsli, nie sehen, ohne daß es mir
Sorge macht, ob es auch nicht zu sehr angestrengt wird; es kann nicht
viel aushalten, das ist wohl zu sehen.«
»Ja, es ist schon ein Schmales und Mageres«, stimmte Heiri bei, »aber
sonst schlägt es mehr mir nach, es ist so nicht gerade das Hurtigste und
so eher überdacht. Der Bub’ ist sonst mehr wie das Gritli selig und hat
immer so etwas im Kopf und sitzt nicht gern still, und dann kann er’s
nicht leiden, wenn die kleinen Buben nicht gerade besonders sauber sind,
und sagt etwa, man müsse sie alle drei unter die Brunnenröhre stellen,
denn darin ist er punktum wie das Gritli selig; er kann nicht sehen, was
wüst ist und unsauber. Aber dann fangen die Buben an zu rufen und zu
schreien, bis die Mutter kommt, und dann gibt’s noch mehr Spektakel, und
so komm’ ich fast nie heim am Abend, daß mir die Marget nicht sagt, ich
müsse dem großen Buben Ohrfeigen geben, weil er die Kleinen immer plage
und mache, daß sie von der Arbeit weg müsse. Aber wenn der Bub’ dann so
vor mir steht und mich akkurat mit seinen Augen ansieht, wie das Gritli
tat, so kann ich ihm keine Ohrfeige geben; das macht dann die Marget bös
und es gibt scharfe Worte, und mir ist es auch nicht recht, weil sie
sonst eine brave und schaffige Frau ist. Ich habe schon manchmal
gedacht, wenn Sie ihr etwa über die Ohrfeigen ein Wort sagen wollten,
Frau Doktorin, so wäre ich froh; sie würde eher auf Ihre Worte hören,
und Sie haben ja auch Buben aufzuziehen und wissen, was man mit ihnen
etwa machen muß. Sie würden ihr gewiß einmal ein Wörtlein sagen, wenn
sie etwa vorbeikommt, nicht wahr, Frau Doktorin?«
»Ja, das will ich schon gern tun; und wie ist es denn mit den Elsli,
kann es die Mutter gut mit ihm?«
»Ja, sehen Sie, das ist so«, und der Heiri kam, um sich recht
verständlich zu machen, noch ein wenig näher an die Hecke heran; »das
Kind ist mehr so wie ich und gibt nach und hat nicht so seine eigenen
Sachen im Kopf, wie das Gritli sie hatte, und so seinen Eigenwillen. Es
tut akkurat, was die Marget will, und hat kein Widerwörtlein den ganzen
Tag und klagt nie, und wenn es auch von dem an, daß es aus der Schule
kommt, bis es ins Bett muß, immer zu helfen hat und die Buben hüten und
das Kleine herumtragen muß.«
»Nur auch nicht zu viel, Heiri«, mahnte bekümmert die Frau Doktorin; »es
ist mir eine rechte Sorge mit dem Kinde. Schickt mir die Marget bald
einmal vorbei, ich möchte auch darüber ein Wort mit ihr reden; sagt ihr,
ich habe ihr für die Kinder etwas abzugeben, entwachsene Röckchen von
den meinigen.«
»Das will ich gern tun, und nun will ich, denk’ ich, wieder weiter. So
schlafen Sie wohl, Frau Doktorin, und nichts für ungut und wünsche nur,
daß alles gut weiter gedeihe im Gemüsegarten.«
»Danke! Gute Nacht, Heiri!« Noch einmal wurde über die Hecke hin ein
Händedruck gewechselt, dann zog Heiri seine Straße weiter.
Die Frau Doktorin blieb sinnend zwischen den Gemüsebeeten stehen; aber
ihre Gedanken waren nicht mehr mit den grünen Kräutlein beschäftigt, auf
die ihre Augen niederschauten. Heiris Erscheinung und Gespräch hatte
frühere Tage in ihrer Seele wachgerufen. Sie sah ein fröhliches
Kindergesicht mit großen braunen Augen neben sich und schaute eben mit
Verwunderung zu, wie zwei gewandte Hände ein Vergißmeinnicht vorn ins
Röckchen und nun noch eins ins Haar steckten, und wie gut das aussah.
Das Kind war das Gritli, das neben ihr am Bache saß, wo sie beide eben
die blauen Blumen in Fülle gepflückt hatten und sie nun zu Sträußen
banden. Das Gritli war armer Leute Kind, aber immer sah es gut und
außerordentlich sauber und glatt gekämmt aus, und immer hatte es da und
dort ein Blümchen oder ein Schleifchen aufgesteckt, und immer sah es
aus, als sei es zu einem kleinen Fest geschmückt, wenn es noch so
einfache Kleider auf sich trug. Viele schalten das Gritli darum und
andere verlachten es; das änderte aber nichts: es war ein tiefes
Bedürfnis in dem Gritli, etwas Schönes an sich zu haben, und was auch
die Leute sagten, unausgesetzt ging das Gritli mit einem Blümchen oder
Bändchen geschmückt einher und sah aus, als komme es eben vom Maler, der
es zurechtgeputzt, um ein Bildchen aus ihm zu machen. Mit achtzehn
Jahren heiratete es den gutmütigen Heiri, der das Gritli schon immer
gern gehabt und ihm oftmals gesagt hatte, er wolle schon für beide
arbeiten, wenn es nur seine Frau werden wolle. Schon nach fünf Jahren
welkte das zartgebaute Gritli an der Schwindsucht dahin. Seine beiden
Kinder, der vierjährige Stephan und das dreijährige Elsli, waren von der
jungen Mutter vom ersten Augenblick an so schmuck und sauber gehalten
worden, daß es den Kindern tief eingeprägt blieb. Der Heiri mußte aber
für seine zwei kleinen Kinder wieder eine Mutter haben, und die Leute
sagten ihm, er müsse die Marget zur Frau nehmen, denn sie werde ihm gut
helfen in aller Arbeit. So wurde die Marget seine Frau und war tüchtig
und fest in jeder Arbeit; aber auf Schmuck und Blumen hielt sie nichts
und eine besondere Sauberkeit sah sie für unnötig und als eine
Zeitvergeudung an, und so bekam Heiris Haushalt einen anderen Charakter.
Die drei kleinen Buben und das Kleine in der Wiege sahen nicht aus, wie
der Fani und das Elsli ausgesehen hatten als kleine Kinder und auch
jetzt noch aussahen, denn die erste Gewohnheit war ihnen geblieben.
Aus diesen Gedanken, die so einer nach dem anderen in der sinnenden Frau
aufgestiegen waren, wurde sie durch ein fürchterliches Geschrei
aufgeschreckt, das vom Hause her ertönte. Jetzt stürzte, fortwährend aus
vollem Halse schreiend, das achtjährige Rikli, um die Ecke kommend, auf
sie los, hinter ihr her der Bruder Fred, ein großes Buch unter dem
linken Arm, den rechten mit geschlossener Faust ausstreckend.
»Rikli, nicht so maßlos«, mahnte die Mutter; »komm doch zu dir. Was ist
denn geschehen?«
Rikli schrie fort und steckte ihren Kopf ins Kleid der Mutter hinein.
»Jetzt sieh doch, Mama, warum das vernunftlose Wesen sich so gebärdet«,
berichtete der herzugerannte Fred; »hier sieh, dieses niedliche
Fröschlein habe ich gefangen und dem Rikli unter die Augen gehalten, daß
es das Tierlein bewundern könne, und nun will ich dir gleich lesen,
welch ein merkwürdiges Exemplar es ist. Sieh nur, sieh!« Fred hielt
seine offene Hand hin, aus der ein grüner Frosch glotzte.
»Rikli, nun sei ganz still, es ist genug«, gebot die Mutter dem immer
noch fortschreienden Kinde, »und du, Fred, weißt wohl, daß das Kind sich
allerdings unvernünftig vor deinen Tieren fürchtet; warum mußt du diese
gerade ihm unter die Augen halten?«
»Es war zunächst bei mir«, erklärte Fred, »und hör nur, wie interessant
die Beschreibung ist, Mama!« Fred hatte sein Buch aufgemacht und las:
»Der grüne oder Wasserfrosch, #esculenta#, ist gegen drei Zoll lang,
grasgrün mit schwarzen Flecken. Seine Augen haben einen Goldglanz, die
Zehen der Hinterfüße eine Schwimmhaut. Seine Stimme, die er besonders in
warmen Sommernächten hören läßt, lautet: Brekekekex! Den Winter bringt
er im Schlamm zu. Er nährt sich –«
In diesem Augenblick kam ein Wagen herangefahren.
»Es ist die Dame mit dem kranken Mädchen, laß mich, Fred, laß mich«,
sagte die Mutter, eilig den Fred etwas beiseite schiebend, der ihr den
Weg versperrte. Er rannte ihr aber nach: »Mama, so hör nur noch, du
weißt ja noch nicht, womit er sich nährt, er nährt sich von –«
Der Wagen war schon da. Aus dem Stalle kam der Hans, aus der Küche die
Kathri gelaufen in einer sauberen weißen Schürze; denn man hatte ihr
gesagt: wenn ein Wagen vorfahre, habe sie herauszukommen, um ein krankes
Mädchen die Treppe hinaufzutragen. Fred und Rikli waren ein wenig
zurückgetreten und standen jetzt mäuschenstill an der Hecke, mit
gespannter Erwartung dem Weiteren entgegensehend. Erst trat eine Dame
aus dem Wagen und winkte Kathri heran. Dann hob diese eine weiße, zarte,
fast durchsichtige Gestalt aus dem Wagen heraus und trug sie die Treppe
hinauf ins Haus hinein. Die beiden Frauen folgten gleich nach.
»Das Kind ist viel größer als du, wenn schon die Mama gemeint hat, es
sei nur acht oder neun Jahre alt«, erklärte jetzt Fred seiner Schwester
Rikli. »Das gibt eine Freundin für Emmi und man kann ihm auch ansehen,
daß es sich für ein Geschrei bedanken würde, wie du es machst.«
»Ja, ja, es hat auch nicht immer Frösche und Spinnen und Raupen in der
Tasche, wie du«, wehrte sich Rikli und wollte eben noch einiges
beifügen, das die Berechtigung ihres Geschreies beweisen mußte, als Fred
die Hand aufmachte, um nach seinem Frosch zu sehen, und dieser mit einem
großen Satz gegen das Rikli hin entsprang. Mit einem durchdringenden
Geschrei rannte das Kind ins Haus hinein, wo es aber nicht weit
vordringen konnte, denn die Kathri schoß ihm mit einem ganz
überwältigenden »Bsch! Bsch!« entgegen. »Wenn ein Krankes drinnen ist,
so zu tun!«
»Wo ist die Tante?« fragte Rikli; eine Frage, welche die Kathri
beantwortete, bevor sie recht ausgesprochen war, denn sie kannte diese
Frage, die des Tages viele hundert Male in dem Hause gehört wurde.
»In der anderen Stube; hier drinnen ist das Kranke, geh nicht dahinein,
die Mama hat’s verboten; und das Schreien wie von einem angestochenen
Spanferkelchen ist auch nicht erlaubt im Hause drinnen«, fügte die
Kathri aus eigener Beurteilung hinzu.
Rikli eilte in die andere Stube hinein, um der Tante die Geschichte mit
dem Frosch zu klagen, denn es konnte nicht darüber wegkommen, daß er ihm
fast ins Gesicht gesprungen war. Aber die Tante war schon in Anspruch
genommen: Oskar, der älteste Bruder, saß neben ihr, in ein ernsthaftes
Gespräch vertieft.
»Weißt du was, Tante? Wenn der Feklitus nicht nachgibt, so könnte man
beide Sprüche zusammensetzen; dann wäre doch der unsere da und die
anderen hätten den ihrigen auch, meinst du nicht?«
»Ja, das könnte man tun«, stimmte die Tante bei; »so ist allen geholfen
und die Verse sind gedankenreich, wie es bei solchen Gelegenheiten sein
muß.«
»Hilf du dann auch der Emmi brodieren, Tante«, bat Oskar; »weißt du, sie
macht sonst die Fahne nie fertig, sie läuft gewiß hundertmal davon weg,
etwas anderem nach.«
Die Tante versprach ihre Mithilfe. Hocherfreut sprang Oskar auf und
davon, denn er mußte seinen Freunden schnell noch Mitteilung über den
glücklich gefundenen Ausweg mit den Sprüchen und das erfreuliche
Versprechen der Tante machen. Bevor aber Rikli noch zu Worten kam für
seine Froschgeschichte, war schon die ältere Schwester Emmi
hereingestürzt und rief in großer Aufregung: »Tante! Tante! Sie gehen
alle in die Erdbeeren, ein ganzer Trupp; darf ich noch mit? Sag doch
schnell ja, ich kann nicht zur Mama und es pressiert.«
»Einmal in die Veilchen und einmal in die Erdbeeren und einmal in die
Heidelbeeren und immer in etwas, so ist’s bei dir, Emmi. So geh, aber
komm nicht spät heim.«
Emmi war schon draußen.
»Ich auch! Ich auch!« schrie Rikli und lief der Forteilenden nach. Aber
Emmi war in zwei Sätzen die Treppe hinunter und rief zurück: »Nichts!
nichts! du kannst nicht mit, im Wald hat’s Käfer und rote Schnecken.«
Rikli kehrte schleunig um, aber zum Ersatz wollte es nun einmal seine
bedauerliche Geschichte erzählen. Doch jetzt kam Fred hereingelaufen mit
seinem Buch unterm Arm. Er setzte sich sogleich so nah als möglich zu
der Tante hin und schlug das Buch auf. »Das ist gut, daß du da bist,
Tante, die Mama hat gar nicht zu Ende hören können, und es ist ein gar
merkwürdiges Tier, ich hatte ein prachtvolles Exemplar gefangen. Aber du
mußt nicht zu kurz kommen, Tante, morgen such’ ich schon wieder einen
und bring’ ihn dir.«
»Nein, nein!« schrie das Rikli auf; »sag nein, Tante, er springt einem
fast ins Gesicht und hat gelbe Augen, wie ein Drache und –«
Fred hatte aus seiner leeren Hand eine Faust gemacht, hielt diese
plötzlich dem Rikli vor das Gesicht und schnellte sie auf; mit Geschrei
sprang das Kind weg und zur Tür hinaus. »So, jetzt kann man doch ruhig
lesen«, sagte Fred, befriedigt über die Wirkung, legte seine Hand auf
das Buch und begann: »Der grüne oder Wasserfrosch, #esculenta# –«
In dem Augenblick ging drüben die Tür auf, man hörte Schritte und
Stimmen.
»Komm«, sagte die Tante, »wir müssen das kranke Kind abfahren sehen, wir
kehren nachher zum Frosch zurück.« Sie ging ans Fenster. Auf das Gesicht
der Tante kam ein trauriger Ausdruck, als sie sah, wie das Kind in den
Wagen gehoben wurde.
»O, wie blaß und krank sieht das liebliche Gesichtchen aus! Du armes
Kind! Nein, du arme Mutter!« korrigierte sie sich, als ihr Blick auf die
Dame fiel, die herzlich der Hausfrau die Hand drückte, während ihr große
Tränen die Wangen hinabflossen. »Ach Gott!« seufzte die Tante noch
einmal. Der Wagen rollte fort. Fred hatte sein Buch wieder ergriffen;
aber die Geschichte des Frosches konnte nicht mehr aufgenommen werden,
denn jetzt kam die Mutter herein und war sehr erregt von dem eben
Erlebten. Sie mußte gleich der Tante Mitteilung davon machen, hatte
diese doch von jeher alles mit ihr durchgelebt, was in Freud’ oder Leid
sie bewegte. Die Tante gehörte auch so ganz und gar zu ihrem Haus, daß
die Kinder alle sich ein Haus ohne Tante eigentlich gar nicht vorstellen
konnten, denn diese war doch so notwendig da wie ein Papa und Mama. Fred
nahm schnell der Tante noch das Versprechen ab, vor dem Augenblick des
Aufrufs zum allgemeinen Rückzug nach den Nachtquartieren noch die
Lebensweise des Frosches anhören zu wollen; dann befolgte er die
Anweisung der Mutter, sich ein wenig hinauszubegeben. Die Mutter
erzählte nun, welche tiefe Teilnahme die fremde Dame, Frau Stanhope, und
ihr krankes Töchterchen ihr eingeflößt haben. Sie fand, das zarte
Geschöpfchen mit den großen, blauen Augen und dem feinen, farblosen
Gesichtchen sehe aus, als ob es nur noch halb der Erde angehöre. Die
arme Mutter aber könne sichtlich diesen Gedanken nicht ertragen, denn
schon beim ersten Wort der herzlichen Teilnahme, das sie, die
Doktorsfrau, ihr ausgesprochen hatte, sei sie in schmerzliche Tränen
ausgebrochen und habe gesucht, sich selbst zu täuschen mit dem Trost,
die Reise habe ihre Nora so sehr angegriffen, daß sie nun gar so blaß
und durchsichtig aussehe. Jetzt in der frischen Bergluft werde es gewiß
bald anders werden, darauf hatte sie ihre ganze Hoffnung gesetzt.
Soweit hatte die Mutter berichtet, als sie den Hufschlag eines Pferdes
vernahm; sie wußte, es war ihr Mann, der von seinen ärztlichen Besuchen
heimkehrte. Augenblicklich ging sie ihm entgegen und benachrichtigte ihn
davon, daß die erwartete Dame mit dem kranken Kinde angekommen sei. Der
Doktor machte sich auch, nachdem er vom Pferde gestiegen, gleich wieder
auf den Weg, um seinen ersten Besuch bei der neuen Patientin zu machen.
Er hatte eine Wohnung gefunden, die, soweit es überhaupt in dieser
ländlichen Gegend möglich war, den Wünschen entsprach, welche sein
Freund, der Arzt am Rhein, für die Kranke und ihre Mutter ausgesprochen
hatte. Erst spät am Abend kehrte der Doktor wieder zurück, als die
Kinder schon verschwunden waren, nicht ohne daß Fred noch seinen Zweck
erreicht hatte. Die letzte halbe Stunde lang war er unausgesetzt mit
seinem Buch unterm Arm der Tante auf Schritt und Tritt nachgegangen, um
den geeigneten Augenblick zur Mitteilung wahrzunehmen, was heute, wie
schon öfter, längere Zeit erforderte, denn die Tante war wieder einmal
von allen Geschwistern zugleich in Anspruch genommen, während auf der
einen Seite die Mutter und auf der anderen die Kathri zu gleicher Zeit
noch einen Rat von ihr begehrten. Aber Fred hatte viel Beharrlichkeit
und er konnte auch heute sich beruhigt niederlegen, denn er hatte die
Tante trotz allen Nebenansprüchen an sie noch mit den sämtlichen
Lebensbedingungen des Wasserfrosches bekannt gemacht.
Der Doktor hatte sich jetzt zu seinem Nachtessen gesetzt. Mutter und
Tante saßen neben ihm und erwarteten mit Spannung seine Mitteilungen
über die junge Kranke: wie er ihren Zustand gefunden habe und ob er die
Hoffnung hege, der Sommeraufenthalt werde die gewünschte Genesung
bringen. Aber der Doktor schüttelte den Kopf. »Da ist wenig zu hoffen«,
sagte er, »es ist keine Lebenskraft in dem Pflänzchen. Es handelt sich
nicht um heruntergekommene Kräfte, sondern um den völligen Mangel
derselben von Anfang an. Ob unsere Bergluft Wunder tun kann, wollen wir
sehen; ohne ein solches ist keine Hilfe.«
Diese Nachricht stimmte die Frauen sehr traurig; sie hatten ja beide
gesehen, wie schwer der armen Mutter die Trennung von ihrem Kinde werden
würde. Sie hielten beide noch an der Hoffnung fest, die stärkende Luft
werde ihre wohltuende Wirkung auf das kranke Kind um so eher ausüben,
als sie für dasselbe ganz neu und ungewohnt war.
»Emmi soll das Kind besuchen und es kurzweilen und aufheitern«, sagte
der Doktor wieder; »die hat ja immer zuviel Zeug im Kopf, da kann sie
etwas ablagern und stiftet unterdessen keine ihrer beliebten
Unternehmungen an, die alle in irgendein Unheil auslaufen. Dieses Wesen
wird sie höchstens zum Erstaunen bringen, aber gewiß zu keiner
Mitwirkung hinreißen; so ist es für beide gut, wenn sie recht oft
hingeht.«
Die Mutter stimmte bei, Emmi sollte so oft als möglich die kranke Nora
besuchen; der Gedanke war der Mutter selbst sehr lieb; sie zweifelte
nicht daran, daß zwischen den Kindern ein Freundschaftsverhältnis
entstehen werde, das für beide sehr wohltätig werden müßte. Die stille,
zarte Nora könnte einen besänftigenden Einfluß auf das rasche und
stürmische Wesen ihrer Emmi ausüben, und diese mit ihrer frischen,
lebendigen Weise müßte neue, frohe Gedanken und Erheiterung in das
einförmige Leben der jungen Kranken bringen.
Als später der Doktor auf seiner Stube noch allerlei Vorbereitungen für
den folgenden Tag traf, saßen Mutter und Tante wie gewöhnlich beim
großen Flickkorb zusammen, besprachen die Ereignisse des Tages und
erzählten sich gegenseitig alle Erlebnisse, die sie heute mit den
Kindern gehabt, und alle Beobachtungen, die sie an ihnen gemacht hatten.
Dies war für die Schwestern die einzige Zeit des Tages, daß sie zu einem
ruhigen Aussprechen kamen, was ihnen ein großes Bedürfnis war; denn da
waren so viele Angelegenheiten, für die sie gemeinschaftlich lebten und
handelten. Vor allem die Kinder mit all ihren Freuden und Schmerzen,
ihren Wünschen und Bedürfnissen, dann die Kranken, die von nah und fern
ins Haus kamen, und endlich alle Trost- und Hilfsbedürftigen der ganzen
Umgegend, die mit allen ihren Bedrängnissen dahin kamen, wo sie einer
warmen Teilnahme und der Unterstützung mit Rat und Tat allezeit sicher
waren. So hatten Mutter und Tante an diesem wie an jedem anderen Abend
so viele Dinge zu verhandeln und zu besprechen, daß unter ihren
fleißigen Händen die Haufen der heilsbedürftigen Strümpfe im großen
Flickkorb unbemerkt zusammenschmolzen und Mutter und Tante sich endlich
eines späten, aber wohlverdienten Feierabends freuen konnten.
[Illustration]
Drittes Kapitel.
Im Dorf und in der Schule von Buchberg.
Das Dorf Buchberg bestand aus vielen zerstreuten Bauernhöfen und
größeren und kleineren Gruppen von Häusern und Häuschen, die da und dort
hinter den reichbelaubten Fruchtbäumen hervorguckten. In der Nähe der
Kirche standen nur einige Häuser: das Schulhaus, die Küsterwohnung, das
feste alte Haus des Gemeindepräsidenten und einige kleinere
Bauernhäuser. Für sich allein in einiger Entfernung, der waldigen Anhöhe
zu, stand das Haus des Arztes. Die größten Gebäude von Buchberg aber
standen unten an der großen Landstraße, die ungeheure Fabrik und daneben
das geräumige Haus des Fabrikbesitzers, der beide Gebäude selbst hatte
errichten lassen. Zwischen der Landstraße und dem Wohnhause lag ein
sehr sonnereicher Garten; da war kein Baum noch Busch hineingepflanzt,
denn so hätte man ja das schöne Haus von der Straße aus nicht recht
sehen können. Der Besitzer dieses schönen Hauses und der Fabrik war der
ausnehmend reiche Herr Bickel, der mit seiner Frau und dem einzigen
Sohne die unteren Räume des Wohnhauses bewohnte, indes die oberen –
sechs große, prächtige Zimmer – immer fest abgeschlossen waren mit
grünen, glänzenden Jalousieladen. Da kam auch nie ein Mensch hinein, als
nur Frau Bickel, wenn sie hinging, den Staub von den schönen Möbeln
wegzunehmen und diese bei dem Anlaß mit stiller Feierlichkeit zu
bewundern. In solchen Augenblicken durfte auch das Söhnchen etwa
eintreten, nachdem es seine Schuhe vor der Tür hatte ausziehen müssen,
und so stand es dann in dem Halbdunkel mit einer Art andächtigen
Schauers und starrte die unentweihten Sessel und Kommoden an. Herr
Bickel war ein sehr angesehener Mann in der Gemeinde, denn in seiner
Fabrik fanden viele große und kleine Leute Arbeit, welche Herr Bickel
hinwiederum sehr wohl zu gebrauchen wußte. Er war auch so eifrig in
seinem Geschäft, daß er jeden Menschen darauf ansah, ob er in seiner
Fabrik zu gebrauchen wäre oder nicht, und ihn je nach dieser
Eigenschaft oder dem Mangel derselben schätzte. Auch wenn in Buchberg
ein Kind auf die Welt kam, berechnete er gleich, in welchem Jahr es
unter die Zahl seiner Arbeiter könnte aufgenommen werden. Fast alle
Kinder in Buchberg wußten auch, daß sie einmal unter die Herrschaft des
Herrn Bickel kommen würden, und wichen immer scheu und respektvoll zur
Seite, wenn er daherkam mit dem dicken Stock, auf dem ein großer,
goldener Knopf saß, und mit der massiven, weithin glänzenden, goldenen
Uhrkette, an der ein ungeheures Petschaft majestätisch hin und her
baumelte.
Aus dem schönen Hause trat jeden Morgen der Sohn des Herrn Bickel, der
junge Feklitus, und wanderte die Straße hinauf, der Schule zu. Auf
seinem Rücken trug er den Ledertornister mit dem wundervollen Deckel,
auf dem, mitten unter schönen Rosengirlanden, groß und hervortretend die
Buchstaben F. B. zu sehen waren. Diesen Deckel hatte Frau Bickel dem
Sohn auf Weihnachten brodieren lassen. Zu seinem etwas ungewohnten Namen
Feklitus war er folgendermaßen gekommen. Sein Großvater war ein
Schneider gewesen, und da dieser klein von Statur war und auch von ferne
nie in einer Stellung sich befand, wie einst sein Sohn sie einnehmen
sollte, sondern ein blutarmes Schneiderchen war, das sich kaum
durchbringen konnte, so hieß er allgemein: der Schneiderli. Als er nun
seinem Sohn in der Taufe den Namen Felix gab, wurde dieser gleich nach
der Sitte der Gegend zu einem Fekli und hieß nun fortan zur näheren
Bezeichnung: der Schneider-Fekli. Diesem aber, der früh ein Vorgefühl
seiner einstigen Bedeutung hatte, war dieser Name anstößig und wurde ihm
immer mehr zuwider, je höher er in Reichtum und Ansehen stieg. Aber die
Buchberger waren nicht davon abzubringen: wenn sie einmal an einen Namen
gewohnt waren, so blieben sie unveränderlich dabei und trugen ihn von
einem Geschlecht aufs andere über. So noch zur Stunde; obschon jeder,
der mit Herrn Bickel zusammentraf, wohl sagte: »Guten Tag, Herr Bickel!«
– so nannte ihn doch kein einziger, wenn er von ihm redete, anders als:
der Schneiderli-Fekli. Davon hatte Herr Bickel eine Ahnung, und die
Sache war ihm sehr empfindlich. Als er nun schon ein großer Herr war und
mit der Frau Bickel in dem neuen, schönen Hause wohnte und ihm dann ein
Söhnlein geschenkt wurde, da konnte er sich sehr lange nicht
entschließen, es taufen zu lassen, denn er suchte und suchte und fand
immer den Namen nicht, der zu gleicher Zeit die Stellung und alle
Aussichten dieses Sohnes andeuten und auch das Übertragen des verhaßten
Namens unmöglich machen würde. Nun hatte Herr Bickel um diese Zeit als
Schulvorsteher dem Examen in Buchberg beizuwohnen. Da traf es sich, daß
der Lehrer den Kindern eben die Bedeutung des Namens Fortunatus
auseinandersetzte. Freudestrahlend kam Herr Bickel nach Hause. »Der Name
ist gefunden, jetzt wird getauft«, rief er seiner Frau entgegen; und so
geschah es. Das Söhnchen wurde von Vater und Mutter Fortunatus genannt
und jedesmal mit besonderem Genuß, denn der Name entsprach vollkommen
seiner Stellung im Leben, und Herr Bickel war überzeugt, er habe damit
den alten, ihm anstößigen Namen ausgerottet. Sobald aber sein Söhnchen
in die Schule eintrat, fand es sich, daß der Name Fortunatus den Kindern
zu lang war; sofort wurde er in »Tus« abgekürzt, und gleich darauf zur
näheren Bezeichnung wurde der »Schneiderli-Fekli-Tus« daraus, welcher
lange Name dann mit der Zeit in »Fekli-Tus« überging, wobei man blieb,
und schließlich glaubte jedermann in Buchberg, der Name heiße wirklich
Feklitus, und fand es natürlich, um der Abstammung willen.
Feklitus saß mit Oskar auf der Schulbank der sechsten Klasse, das heißt,
sie saßen auf zwei Schulbänken in derselben Klasse; denn als sie vor
sechs Jahren miteinander in die Schule eintraten, setzte sich Oskar
gleich oben an, denn er war ein herrschsüchtiges Bürschchen, das
allenthalben gern regieren wollte. Aber Feklitus blieb neben ihm stehen
und sagte: »Das ist mein Platz«; denn er war mit dem Bewußtsein seiner
Stellung in die Schule gekommen und sein Vater hatte ihm auch gesagt:
»Du gehörst dann obenan.«