Es besteht eine ewige Verbindung zwischen uns und der Welt, weil diese

Welt in unserm Bewußtsein erst ihre volle Verwirklichung findet.

Ohne dies Bewußtsein und ohne das höchste Bewußtsein als Quelle und

Mittelpunkt, könnte es keine Welt geben.

Gottes Kraft strahlt von ihm aus und strömt als Bewußtsein in mir und

in der Außenwelt. Wir selbst trennen gewöhnlich diese beiden Welten,

aber in Wahrheit sind sie zwei Seiten derselben Schöpfung, sie sind

gleichen Ursprungs und daher eng miteinander verbunden.

So vergegenwärtigt mir diese Betrachtung, daß mein Bewußtsein und die

weite Welt außer mir eins sind. Und worin besteht diese Einheit?

Sie besteht in der großen Kraft, die zugleich mich und die Welt

außerhalb meiner mit Bewußtsein durchströmt.

Durch solche Versenkung erwerbe ich nicht etwas für mich, sondern ich

gebe mich selbst auf und werde eins mit der ganzen Schöpfung.

Dies ist also unser Text, und wir richten unsre Gedanken ganz auf ihn

und wiederholen ihn immer wieder, bis unsre Seele still ist und nichts

uns mehr zerstreut. In diesem Zustand kann kein Verlust, keine Angst,

kein Schmerz uns berühren, wir sind frei. Dies bedeutet also religiöse

Versenkung: wir tauchen ganz ein in die höchste Weisheit, wir leben und

weben in ihr und haben in ihr unser Sein.

Ein anderer Text, der in unsrer Schule den Knaben zu ihrer täglichen

Andachtsübung dient, lautet:

_Om. Pitā no 'si, pitā no bodhi. Namas te 'stu[17]._

_Pitā no 'si._ Du bist unser Vater.

_Pitā no bodhi._ Gib uns das Bewußtsein, das Erwachen zu der Gewißheit,

daß du unser Vater bist.

_Namas te 'stu._ Für _namaḥ_ läßt sich schwer ein genau entsprechendes

Wort finden, vielleicht kommt »Verneigung« oder »Verehrung« seiner

Bedeutung am nächsten.

Meine Anbetung dir -- laß sie wahr werden.

Dies ist der erste Teil des Textes unsrer Andachtsübung. Ich will

versuchen, zu erklären, was ich darunter verstehe.

_Pitā no 'si._ Der Text beginnt mit der Versicherung, daß Gott in

Wahrheit unser Vater _ist_.

Aber diese Wahrheit ist in unserm Leben noch nicht als solche erfaßt

und zum Ausdruck gekommen, und das ist die Ursache all unsrer

Unvollkommenheiten und Sünden und all unsres Elends. Daher beten wir,

daß sie in unserm Bewußtsein Wirklichkeit werde.

Dann schließt der Vers mit _Namas te_. Laß meine Anbetung wahr werden!

Weil Anbetung die Haltung ist, die uns ihm gegenüber gebührt. Wenn

ich diese große Wahrheit -- _Pitā no 'si_ -- vollkommen erkannt habe,

dann bringt mein Leben sein wahres Wesen zum Ausdruck, durch demütige

Selbsthingabe und anbetende Verehrung.

Beim Gebet brauchen wir mitunter Worte, die zwar unserm Empfinden

Ausdruck geben, die wir aber doch nur mechanisch äußern, ohne uns in

dem Augenblick ihre volle Bedeutung klarzumachen. Solch ein Wort ist

»Vater«.

Daher versuchen wir in dieser Betrachtung seinen Sinn in seiner ganzen

Tiefe zu erfassen und unser Herz in Einklang mit seiner Wahrheit zu

bringen.

Wir können diese Welt als das nehmen, als was sie uns erscheint. Wir

können in unserm Geiste die Vorstellung haben, sie sei eine Welt der

Kraft und des Stoffes; dann wird unsre Beziehung zu ihr die rein

mechanische Beziehung der Naturwissenschaft. Aber auf diesem Wege

gelangen wir nie zu der höchsten Wahrheit, die im Menschen offenbar

wird. Denn was ist der Mensch? Er ist ein persönliches Wesen. Das

Naturgesetz kümmert sich darum nicht. Das Naturgesetz hat es mit

der Physiologie und Psychologie, mit dem Mechanismus unsrer Natur

zu tun. Und wenn wir zu unserm persönlichen Wesen kommen, so finden

wir kein Naturgesetz, das es uns erklären könnte. Daher hat die

Naturwissenschaft keine Ahnung von dem, was die Grundlage unsres Wesens

ist. Für sie wird die ganze Welt zur Maschine, und so kann sie nicht

auf den Gedanken kommen, in dem Schöpfer den Vater zu sehen oder »die

Mutter«, wie wir Inder ihn oft nennen.

Wenn wir in der Welt nur ein Zusammenwirken verschiedener Kräfte

sehen, so kann von Anbetung keine Rede sein. Aber wir sind nicht nur

Gegenstände der Physiologie und Psychologie. Wir sind Männer und

Frauen. Und wir müssen versuchen zu erkennen, welchen Sinn es für uns

und für die ganze Welt hat, daß wir Menschen sind.

Die Existenz meines Körpers erklärt die Naturwissenschaft aus

allgemeinen Gesetzen. So erkenne ich, daß mein Körper nicht eine

isolierte Schöpfung ist, sondern ein Teil eines großen Ganzen. Dann

komme ich zu der weiteren Erkenntnis, daß auch das Denken meines

Verstandes im Einklang mit allen Vorgängen in der Welt steht, und so

kann ich mit Hilfe meines Verstandes all die großen Gesetze, die das

Weltall regieren, erkennen.

Aber die Naturwissenschaft verlangt, daß ich hier stehen bleibe. Für

sie haben Körper und Geist ihren Hintergrund in dem Weltall, aber für

die Persönlichkeit gibt es keinen solchen Hintergrund. Jedoch unser

Gefühl wehrt sich gegen solche Behauptung. Denn wenn diese unsre

Persönlichkeit keine ewige Beziehung zur Wahrheit hat, wie alles

andre, was für eine Zufallserscheinung ist sie denn? Wozu ist sie denn

überhaupt da und wie ist ihr Dasein möglich? Diese Tatsache meiner

Persönlichkeit bedarf zu ihrer Stütze der Wahrheit der unendlichen

Persönlichkeit. Durch die unmittelbare Wahrnehmung des Ichs in uns sind

wir zu der großen Entdeckung gekommen, daß es ein unendliches Ich geben

muß.

Dann stellt sich uns die Frage: Wie ist unsre Beziehung zu diesem

unendlichen Ich? In seinem innersten Herzen findet der Mensch die

Antwort, daß es die engste aller Beziehungen, daß es die Beziehung der

Liebe ist.

Es kann keine andere sein, denn es gibt keine vollkommene Beziehung

außer der der Liebe.

Die Beziehung zwischen König und Untertan, zwischen Herr und Diener,

zwischen dem Gesetzgeber und denen, die dem Gesetz gehorchen, -- alle

solche Beziehungen sind einseitig und dienen einem besonderen Zwecke.

Sie umfassen nicht das ganze Wesen. Aber die Beziehung zwischen dem

Einzel-Ich und dem Welt-Ich muß vollkommen sein. Denn nur in der Liebe

findet unsere Persönlichkeit vollkommene Befriedigung, und daher muß

auch unsre Beziehung zu der unendlichen Persönlichkeit die der Liebe

sein. Und so hat der Mensch gelernt zu sagen: »Unser Vater«. Gott ist

nicht nur unser König oder unser Herr, er ist unser Vater.

Das heißt, es ist etwas in Ihm, woran wir teilhaben, etwas Gemeinsames

zwischen diesem ewigen Ich und dem endlichen kleinen Ich.

Aber man könnte noch fragen, warum wir denn das Wort Vater gebrauchen,

das doch eine persönliche Beziehung zwischen menschlichen Wesen

ausdrückt? Warum suchen wir nicht nach einem anderen Wort? Ist dies

nicht zu klein und begrenzt?

Das Wort Vater schließt in unsrer Sanskritsprache den Begriff Mutter

mit ein. Sehr oft gebrauchen wir dies Wort in seiner Dualform

_Pitarau_, das» Vater und Mutter« bedeutet. Der Mensch wird in die Arme

der Mutter geboren. Wir kommen nicht einfach so auf die Erde, wie der

Regen aus der Wolke kommt. Das Große für uns ist, daß wir von Vater und

Mutter ins Leben geleitet werden. Es zeigt, daß unsre Beziehung zur

Welt von vornherein eine persönliche ist. Und so finden wir auch unsre

Beziehung zum Unendlichen. Wir wissen, daß wir aus der Liebe geboren

sind, unsre ersten und nächsten Beziehungen sind die der Liebe, und wir

fühlen, daß unser Verhältnis zu den Eltern das wahre Symbol ist für

unser ewiges Verhältnis zu Gott. Diese Wahrheit müssen wir uns jeden

Augenblick gegenwärtig halten. Wir müssen wissen, daß wir auf ewig mit

unserm Vater verbunden sind. Dann erheben wir uns über die Nichtigkeit

der Dinge, und die ganze Welt bekommt für uns einen Sinn.

Daher ist das erste Gebet, daß wir Gott als Vater erkennen. Du, der

du die unendliche Welt von Sternen und Welten schaffst, ich kann dein

Wesen nicht erfassen, und doch weiß ich eines ganz gewiß: Du bist

_Pitā_, bist mein Vater.

Das Kindchen weiß noch nicht viel von dem, was die Mutter tut, aber es

weiß, daß es seine Mutter ist.

So weiß ich auch sonst nichts von Gott, aber das Eine weiß ich: Er ist

mein Vater.

Laß mein ganzes Bewußtsein von diesem Gedanken durchglüht sein: Du bist

mein Vater. Jeden Tag laß dies das eine Zentrum all meiner Gedanken

sein, daß der Höchste, der das ganze Weltall regiert, mein Vater ist.

_Pitā no bodhi._ Laß mich im Licht dieser großen Wahrheit erwachen: Du

bist mein Vater.

Laß mich all meine Gedanken wie ein nacktes Kind in deine Arme legen,

daß du sie den Tag über behütest und beschützest.

Und dann: _Namaḥ_.

Meine völlige Selbsthingabe wird Wahrheit werden. Hierin findet die

Liebe des Menschen ihre höchste Freude.

_Namas te, namaḥ_ -- Anbetung dir -- laß es wahr werden!

Ich bin mit dem unendlichen Ich verbunden, und daher ist meine wahre

Haltung nicht Stolz oder Selbstzufriedenheit, sondern Selbsthingabe.

_Namas te 'stu._

Dies ist noch nicht der ganze Text, der meinen Schülern zu ihren

Gebeten und Betrachtungen dient.

Dies Gebet ist nämlich verschiedenen Stellen unserer ältesten

Schriften, der Veden, entnommen. Es steht nirgends im Zusammenhange.

Aber mein Vater, der sein Leben dem Dienste Gottes weihte, sammelte

diese Worte aus dem unerschöpflichen Schatzhaus unsterblicher Weisheit,

den Veden und Upanischaden.

Der nächste Vers lautet:

_Mā mā hiṃsi._ Triff mich nicht mit dem Tode.

Wir müssen uns genau den Sinn dieses Gebetes klar machen. Ich sagte,

daß der erste Vers lautete: »Du bist mein Vater.« Dies ist der Anfang

und das Ende aller Wahrheit. In sie müssen wir ganz hineingeboren

werden, wenn unser Leben seine Erfüllung finden soll.

Doch wenn es auch wahr ist, daß wir mit unserm Vater in alle Ewigkeit

verbunden sind, so ist doch eine Schranke da, die uns hindert, diese

Wahrheit ganz zu erfassen und dies ist die größte Quelle unsrer Leiden.

Die Tiere haben auch ihre Schmerzen, sie leiden durch die Angriffe von

Feinden und durch physische Unvollkommenheit, und dies Leiden spornt

sie noch mehr an, nach Befriedigung ihrer natürlichen Lebensbedürfnisse

zu streben und gegen Hindernisse anzukämpfen. Dies Streben und Kämpfen

an sich ist Freude. Und wir können sicher sein, daß sie in Wahrheit

ihr Leben genießen, weil durch jenen Ansporn ihre ganze Lebensenergie

geweckt wird. Sonst würde ihr Leben wie das der Pflanzenwelt sein. Das

Leben braucht zu seiner Erfüllung Hemmnisse, um im beständigen Kampf

gegen diese materiellen Widerstände sich seiner eigenen Überlegenheit

und Würde bewußt zu werden. Aber all diese Hemmnisse werden von den

Tieren als Schmerz empfunden.

Allein der Mensch hat noch eine tiefere Leidensquelle. Auch er muß

seinen Lebensunterhalt suchen und sich gegen all die Feindseligkeiten

der Natur und der Menschen behaupten. Aber das ist nicht alles. Das

Wunder ist, daß der Mensch, der in derselben Welt geboren ist, wie

die Tiere, der dieselben Lebensprobleme zu lösen hat wie sie, noch

etwas anderes hat, um das er kämpft und sorgt, obgleich er es nie ganz

zu erfassen vermag. Nur in flüchtigen Augenblicken spürt er seine

unmittelbare Berührung, und mitten im Genuß seines Reichtums, in Luxus

und äußerem Behagen, umgeben von allen Schätzen dieser Welt fühlt der

Mensch doch immer, daß diese Dinge ihm nicht genügen, und aus der Tiefe

seines Herzens ringt sich das Gebet, das er nicht an die Naturkräfte

der Erde richtet, an Luft oder Feuer, sondern an ein Wesen, das er nur

dunkel ahnt -- das Gebet: »Rette mich, triff mich nicht mit dem Tode!«

Wir meinen damit nicht physischen Tod, denn wir alle wissen, daß wir

sterben müssen. Der Mensch fühlt instinktiv, daß dies Leben nicht sein

endgültiges Leben ist, daß er nach einem höheren Leben trachten muß.

Und dann ruft er zu Gott: »Laß mich nicht in diesem Tal des Todes.

Hier findet meine Seele keine Befriedigung. Ich esse und schlafe, und

finde doch weder Sättigung noch Ruhe. Ich darbe mitten in all diesem

Reichtum.« Wie das Kind nach der Nahrung schreit, die aus dem eigenen

Leben der Mutter quillt, so schreit unsre Seele nach der ewigen Mutter:

»Errette mich vom Tode, gib mir Leben von deinem Leben. Ich darbe! Hier

finde ich keine Nahrung, und der Tod breitet schon seine Schwingen über

mich. Errette mich!«

_Vī́śvāni deva savitar duritā́ni párā suva!_[18]

O Gott, mein Vater, nimm diese Welt von Sünden von mir! Wenn dies

Selbst alles für sich zu gewinnen sucht, dann stößt es sich beständig

wund. Denn das Leben der engen Selbstsucht ist gegen seine wahre Natur;

sein wahres Leben ist ein Leben der Freiheit, und daher verletzt es

unaufhörlich seine Flügel an den Käfigwänden. Das Selbst kann in

solchem Gefängnis kein Genüge und keinen Sinn finden. Es ruft aus:

»Ich gelange nicht zu meiner Erfüllung!« Es schlägt gegen die Stäbe

des Käfigs, und seine Schmerzen sagen uns, daß nicht das Leben des

Ichs, sondern das weitere Leben der Seele sein wahres Leben ist. Dann

rufen wir: »Zerbrich dies Gefängnis, ich sage mich los von diesem Ich.

Zerbrich alle seine Sünden, all sein selbstsüchtiges Wünschen und

Trachten, und nimm mich als dein Kind an, -- dein Kind, nicht das Kind

dieser Welt des Todes.«

_Yád bhadráṃ tán na ā́ suva[19]!_ Gib uns das, was gut ist. Sehr oft

sprechen wir dies Gebet und bitten unsern Vater, uns das zu geben, was

gut ist, aber wir wissen nicht, wie Furchtbares uns zuteil würde, wenn

Gott uns unsre Bitte in vollem Maße gewährte. Es gibt nur sehr wenige

unter uns, die, wenn sie erkennen, was das höchste Gute ist, noch darum

bitten können. Nur der kann es, der sein Leben gereinigt und es aus den

Ketten des Bösen befreit hat, der furchtlos Gott bitten kann, sein Werk

an ihm zu tun. Er, der sagen kann: »Ich habe meinen Geist von allen

selbstsüchtigen Impulsen und von aller Angst und Sorge des engen Lebens

im Ich befreit,« und nun kann ich voll Zuversicht beten: »Gib mir, was

gut ist, in welcher Gestalt es auch sei, sei es Leid, Verlust, Schmach,

Verlassenheit -- ich werde es mit Freuden hinnehmen, denn ich weiß, es

kommt von dir.«

Aber wie schwach wir auch sein mögen, dies muß unser Gebet sein. Denn

wir wissen, daß, wer in Gott seinen Vater erkannt hat, alles, was aus

seinen Händen kommt, willig hinnimmt, und müßte er auch in Leid und

Elend versinken. Das ist wahre Freiheit. Denn Freiheit ist nicht da,

wo nur äußeres Glück ist. Sondern wenn wir Gefahr und Tod, Mangel und

Leid Trotz bieten können und uns doch frei fühlen, wenn wir nicht den

geringsten Zweifel haben, daß wir in unserm Vater leben, dann kommt

alles wie eine frohe Botschaft zu uns, und wir können es mit Demut und

Freude empfangen und unser Haupt in Dankbarkeit beugen.

_Námaḥ śambhavā́ya_[20].

»Anbetung dir, von dem alle Freuden des Lebens kommen.« Wir heißen sie

froh willkommen, all die verschiedenen Ströme der Freude, die du durch

verschiedene Kanäle uns zuleitest, und wir neigen uns in Anbetung vor

dir.

_Mayobhavā́yaca_.

»Anbetung dir, von dem die Wohlfahrt der Menschen kommt.« Wohlfahrt

enthält beides, Freude und Leid, Gewinn und Verlust. Dir, der du mit

Schmerz, Sorge und Not unser Leben segnest, -- dir sei Anbetung.

_Námaḥ śivā́ya ca śivátarāya ca_[20].

»Anbetung dir, dem Gütigen, dem Allgütigen.«

Dies ist der vollständige Text. Der erste Teil ist das Gebet um

Erkenntnis, daß wir nicht nur in der Welt der Natur, in der Welt von

Erde, Luft und Wasser leben, sondern in der wahren Welt der Seele, in

der Welt der Liebe. Und wenn wir erkannt haben, daß wir von dieser

Liebe getragen werden, dann empfinden wir die Disharmonie unsres

Lebens, das von Liebe nichts weiß. Wir empfinden sie erst, wenn

wir Gott als unsern Vater erkannt haben. Aber sobald wir zu dieser

Erkenntnis gekommen sind, fühlen wir die Disharmonie unsres Lebens so

stark, daß sie uns vernichtet und wir dies Leben als Tod empfinden. Wir

können es nicht mehr ertragen, sobald wir uns bewußt werden, daß die

Liebe unsres Vaters uns umgibt.

Dann kommt das Gebet um Befreiung aus der Gewalt der Dinge und um das

höchste Gut, um die Freiheit in Gott.

Und dann der Schluß. Wir beugen uns in Anbetung vor Ihm, in dem alle

unsre Freuden sind, in dem die Wohlfahrt unsrer Seele ist, in dem das

Gute ist:

_Om, S̀āntiḥ, S̀āntiḥ, S̀āntiḥ. Om._

DIE FRAU

Wenn die männlichen Geschöpfe ihrer natürlichen Neigung zum Kämpfen

nachgeben und einander töten, so läßt die Natur dies zu, weil die

weiblichen Wesen ihrem Zweck unmittelbar, die männlichen ihm dagegen

nur mittelbar dienen. Sparsam, wie sie ist, liegt ihr nicht besonders

an der Erhaltung der hungrigen Brut, die mit zänkischer Gefräßigkeit

über alles herfällt und doch sehr wenig dazu beiträgt, die Rechnung der

Natur zu bezahlen. Daher können wir beobachten, wie in der Insektenwelt

die Weibchen dafür sorgen, daß die männliche Bevölkerung sich auf die

kleine Zahl beschränkt, die zur Erhaltung der Art unbedingt notwendig

ist.

Weil nun aber den männlichen Wesen in der Menschenwelt so wenig

Pflichten und Verantwortung der Natur gegenüber blieben, so waren sie

frei, anderen Beschäftigungen und Abenteuern nachzugehen. Man definiert

den Menschen als das Tier, das Werkzeuge macht. Dies Werkzeugmachen

liegt nicht mehr im Plan der Natur. Ja, durch unser Vermögen, Werkzeuge

zu machen, sind wir imstande, der Natur Trotz zu bieten. Der männliche

Mensch, der den größten Teil seiner Kräfte frei hatte, entwickelte dies

Vermögen und wurde furchtbar. So ist es gekommen, daß, wenn auch auf

den Gebieten des natürlichen Lebens das Weib noch den Thron behauptet,

den die Natur ihr zuerkannt, auf geistigem Gebiet der Mann seine eigene

Herrschaft errichtet und ausgedehnt hat. Denn zu diesem großen Werk

brauchte er Bewegungsfreiheit und innere Ungebundenheit.

Der Mann machte sich diese verhältnismäßige Freiheit von physischer und

seelischer Gebundenheit zunutze und ging unbelastet an die Erweiterung

seines Lebensgebiets. Hierbei beschritt er den gefahrvollen Weg

gewaltsamer Umwälzungen und Zerstörungen. Immer wieder wurde von Zeit

zu Zeit alles, was er mit großem Fleiß angehäuft, hinweggefegt und der

Strom des Fortschritts an der Quelle verschüttet. Und wenn auch der

Gewinn beträchtlich war, so war im Vergleich damit der Verlust noch

ungeheurer, besonders wenn man bedenkt, daß mit dem Wohlstand eines

Volks oft auch seine Geschichte unterging. Aus diesen wiederholten

Katastrophen hat der Mensch die Wahrheit gelernt, wenn er sie sich

auch noch nicht völlig zunutze gemacht hat, daß er bei allem, was er

schafft, das sittliche Gleichmaß wahren muß, wenn sein Werk nicht

untergehen soll; daß ein bloßes unbegrenztes Anhäufen von Macht nicht

zu wahrem Fortschritt führt; daß Ebenmaß des Baues und Harmonie mit

seiner Basis zu wirklichem Gedeihen nötig sind.

Dies Ideal der Festigkeit und Dauerhaftigkeit ist in der Natur der Frau

tief gegründet. Es macht ihr niemals Freude, nur immer weiterzueilen

und dabei Pfeile eitler Neugierde mitten ins Dunkel hinein zu schießen.

Sie wirkt instinktiv mit allen ihren Kräften dahin, die Dinge zu einer

gewissen Vollendung zu bringen, -- denn das ist das Gesetz des Lebens.

Wenn auch in der Bewegung des Lebens nichts endgültig ist, so ist doch

jeder Schritt desselben ein vollständiges rhythmisches Ganze. Selbst

die Knospe hat ihr Ideal vollkommener Rundung, ebenso die Blume und die

Frucht. Aber ein unvollendetes Gebäude hat nicht das Ideal der Ganzheit

in sich. Wenn es sich daher unbegrenzt immer weiter ausdehnt, so wächst

es über sein Maß hinaus und verliert das Gleichgewicht. Die männlichen

Schöpfungen intellektueller Kultur sind babylonische Türme, sie wagen

es, ihrer Basis zu trotzen, und stürzen daher immer wieder ein. So

wächst die Menschheitsgeschichte auf Trümmerschichten empor, es ist

kein ruhig fortschreitendes Wachsen unmittelbar aus der mütterlichen

Erde. Der gegenwärtige Krieg gibt ein Bild davon. Die wirtschaftlichen

und politischen Organisationen, die nur mechanische Kraft darstellen,

die aus dem Intellekt geboren ist, sind geneigt zu vergessen, daß ihr

Schwerpunkt in dem Mutterboden des Lebens liegen muß. Die Gier, Macht

und Besitz anzuhäufen, die ihr Ziel niemals vollständig erreichen kann,

die nicht im Einklang steht mit dem Ideal sittlicher und geistiger

Vollkommenheit, muß schließlich mit eigener Hand ihren schwerfälligen

Bau einreißen.

Im gegenwärtigen Stadium der Geschichte ist die Kultur fast

ausschließlich männlich; es ist eine Kultur der Macht, welche die

Frau abseits in den Schatten gedrängt hat. Daher hat diese Kultur ihr

Gleichgewicht verloren und taumelt nur von einem Krieg zum anderen.

Ihre Triebkräfte sind zerstörender Art, und ihr Kultus fordert eine

erschreckende Zahl von Menschenopfern. Diese einseitige Kultur stürzt

eben wegen ihrer Einseitigkeit mit ungeheurer Schnelligkeit von

Katastrophe zu Katastrophe. Und endlich ist die Zeit gekommen, wo

die Frau eingreifen und diesem rücksichtslosen Lauf der Macht ihren

Lebensrhythmus mitteilen muß.

Denn die Aufgabe der Frau ist die passive Aufgabe, die der Erdboden

hat, der nicht nur dem Baum hilft, daß er wachsen kann, sondern auch

sein Wachstum in Schranken hält. Der Baum muß die Freiheit haben,

sich ins Leben hineinzuwagen und seine Zweige nach allen Seiten

auszubreiten, aber all seine tieferen Bande werden vom mütterlichen

Boden geborgen und festgehalten, und nur dadurch kann der Baum leben.

Unsre Kultur muß auch ihr passives Element haben, auf dem sie tief

und fest gegründet steht. Sie muß nicht bloßes Wachstum, sondern

harmonische Entfaltung sein. Sie muß nicht nur ihre Melodie, sondern

auch ihren Takt haben. Dieser Takt ist keine Schranke, er ist das,

was die Ufer dem Fluß sind: sie geben seinen Wassern, die sich sonst

im Morast verlieren würden, dauernden Lauf. Dieser Takt ist Rhythmus,

ein Rhythmus, der die Bewegung der Welt nicht hemmt, sondern sie zu

Wahrheit und Schönheit rundet.

Die Frau ist in weit höherem Maße mit den passiven Eigenschaften der

Keuschheit, Bescheidenheit, Hingebung und Opferfähigkeit begabt als der

Mann. Die passiven Eigenschaften der Natur sind es, die ihre ungeheuren

Riesenkräfte zu vollendeten Schöpfungen der Schönheit umwandeln, --

die die wilden Elemente zähmen, daß sie mit zarter Fürsorge dem Leben

dienen. Diese passiven Eigenschaften haben der Frau jene große und

tiefe Seelenruhe gegeben, die so nötig ist, um das Leben zu heilen, zu

nähren und zu hegen. Wenn das Leben sich nur immerfort ausgäbe, so wäre

es wie eine Rakete, die in einem Blitzstrahl aufsteigt und im nächsten

Augenblick als Asche niederfällt. Das Leben aber soll einer Lampe

gleichen, die noch weit mehr Leuchtkraft in sich birgt, als ihre Flamme

zeigt. Und die passive Natur der Frau ist es, in der dieser Vorrat von

Lebenskraft aufgespeichert ist.

Ich habe an einer anderen Stelle gesagt, daß man bei der Frau des

Westens eine gewisse Ruhelosigkeit beobachtet, die nicht ihrer

wahren Natur entsprechen kann. Denn Frauen, die besonderer und

gewaltsamer Anregung in ihrer Umgebung bedürfen, um ihre Interessen

wachzuhalten, beweisen nur, daß sie die Berührung mit ihrer eigenen,

wahren Welt verloren haben. Offenbar gibt es im Westen eine große

Anzahl von Frauen, die, ebenso wie die Männer, alles, was gewöhnlich

und alltäglich ist, verachten. Sie sind immer darauf aus, etwas

Außergewöhnliches zu finden, und strengen alle ihre Kräfte an, eine

unechte Originalität hervorzubringen, die, wenn sie auch nicht

befriedigt, doch überrascht. Aber solche Anstrengungen sind nicht das

Zeichen wahrer Lebenskraft. Und sie müssen den Frauen verderblicher

sein als den Männern, weil die Frauen mehr als die Männer die Träger

der Lebenskräfte sind. Sie sind die Mütter des Menschengeschlechts, und

sie haben ein lebendiges Interesse an den Dingen, die sie umgeben, eben

an den Dingen des alltäglichen Lebens; wenn sie dies Interesse nicht

hätten, müßte die Menschheit untergehen.

Wenn sie dadurch, daß sie beständig Anregung von außen suchen, einer

Art geistiger Trunksucht verfallen, so daß sie ohne ihre tägliche Dosis

sensationeller Erregung nicht mehr auskommen können, so verlieren sie

das feine Empfinden, das sie von Natur haben, und mit ihm die schönste

Blüte ihrer Weiblichkeit, und zugleich die Kraft, die Menschheit mit

dem zu versehen, was sie am nötigsten braucht.

Persönlichkeit · 第 8 / 9 段