nicht die bloße Verwirklichung meiner Theorien, so wandelten sich ihre
Ideale auch während ihres Reifens, wie eine reifende Frucht nicht nur
größer wird und sich tiefer färbt, sondern auch in der Beschaffenheit
ihres Fleisches Veränderungen erfährt. Als ich anfing, hatte ich
die Idee, daß ich einen wohltätigen Zweck verfolgte. Ich arbeitete
angestrengt; doch die einzige Befriedigung, die ich hatte, war, daß ich
mir ausrechnete, welche Opfer an Geld und Kraft und Zeit ich brachte,
und dabei meine unermüdliche Güte bewunderte. Aber was dabei herauskam,
hatte wenig Wert. Ich baute nur immer ein System auf das andere auf, um
nachher alles wieder umzureißen. So tat ich im Grunde nichts anderes,
als meine Zeit ausfüllen; was ich schuf, war innerlich leer. Ich weiß
noch, wie ein alter Schüler meines Vaters kam und zu mir sagte: »Was
ich hier sehe, ist wie ein Hochzeitssaal, wo alles bereit ist, nur
der Bräutigam fehlt.« Der Fehler, den ich gemacht hatte, war, daß ich
meinte, mein eigener Zweck sei dieser Bräutigam. Aber allmählich fand
mein Herz diesen Mittelpunkt. Er war nicht in der Arbeit, nicht in
meinen Wünschen, sondern in der Wahrheit. Ich saß allein auf der oberen
Terrasse des Hauses Santi-Niketan und schaute auf die Baumwipfel der
Salallee vor mir. Ich löste mein Herz los von meinen eigenen Plänen
und Berechnungen, von den Kämpfen des Tages, und hob es schweigend
hinauf zu dem, dessen Gegenwart und Frieden den Himmel durchflutete,
und allmählich wurde mein Herz von ihm erfüllt. Ich begann, die Welt
rings um mich her mit den Augen meiner Seele zu sehen. Die Bäume
erschienen mir wie stille Lobgesänge, die aus dem stummen Herzen der
Erde aufstiegen, und das Rufen und Lachen der Knaben, das durch die
Abendluft zu mir herauftönte, erklang mir wie ein Quell von lebendigen
Tönen, der aus der Tiefe des Menschenlebens aufstieg. Ich vernahm die
Botschaft in dem Sonnenlicht, das meine Seele in ihrer Tiefe berührte,
und ich fühlte ein süßes Gestilltsein in den Lüften, die das Wort des
alten Meisters zu mir sprachen: »_Ko hy evānyāt kaḥ prānyāt yady eṣa
ākāśa ānando na syāt._«[15] »Wer könnte je in dieser Welt leben und
hoffen und streben, wenn der Raum nicht mit Liebe gefüllt wäre.« Und
als ich dann den Kampf um Erfolg und meinen Ehrgeiz, andern wohlzutun,
aufgab und das eine, was not tut, begriff; als ich fühlte, daß der, der
sein eigenes Leben in Wahrheit lebt, das Leben der ganzen Welt lebt, da
klärte sich die trübe Atmosphäre äußeren Kampfes, und die natürliche
Schöpferkraft brach sich Bahn zum Kern aller Dinge. Und wenn es jetzt
noch mancherlei Oberflächliches und Wertloses im Betrieb unsrer Anstalt
gibt, so hat es seine Ursache in dem Mißtrauen gegen den Geist, das
uns noch immer anhaftet, in der unausrottbaren Überzeugung von unsrer
eigenen Wichtigkeit, in der Gewohnheit, die Ursache unserer Fehlschläge
anderswo als bei uns zu suchen, und in dem Bestreben, alle Lockerheit
und Schlaffheit in unsrer Arbeit dadurch wieder gutzumachen, daß wir
die Schrauben der Organisation fester anziehen. Aus eigener Erfahrung
weiß ich, daß da, wo der Eifer, andere zu belehren, allzu groß ist,
besonders wenn es sich um geistige Dinge handelt, das Ergebnis dürftig
und nicht ganz wahr ist. Alle Heuchelei und Selbsttäuschung bei unsern
religiösen Überzeugungen und Übungen sind die Folge von dem Übereifer
geistlicher Mentoren. Auf geistigem Gebiet ist Erwerben und Spenden
eins; wie die Lampe andern Licht gibt, sobald sie selbst leuchtet.
Wenn ein Mensch es zu seinem Beruf macht, seinen Mitmenschen Gott zu
predigen, so wird er viel mehr Staub aufwirbeln, als zur Wahrheit
führen. Religion läßt sich nicht in der Form von Unterricht mitteilen,
sondern nur durch religiöses Leben selbst. So bewährt sich das Ideal
der Waldkolonie jener Gottsucher auch heute noch als die wahre Schule
religiösen Lebens. Religion ist nicht etwas, was man in Stücke zerlegen
und in bestimmten Wochen- oder Tagesrationen austeilen kann als eins
der verschiedenen Fächer des Schulprogramms. Sie ist die Wahrheit
unsres ganzen Seins, das Bewußtsein unsrer persönlichen Beziehung zum
Unendlichen; sie ist der wahre Schwerpunkt unsres Lebens. Sie kann
uns in unsrer Kindheit zuteil werden, wenn wir ganz an einem Orte
leben, wo die Wahrheit der geistigen Welt nicht durch eine Menge von
Notwendigkeiten verdunkelt wird, die sich Bedeutung anmaßen; wo das
Leben einfach ist und reich an Muße, an Raum und reiner Luft und an dem
tiefen Frieden der Natur, und wo die Menschen in festem Glauben den
Blick auf das Ewige gerichtet haben.
Nun wird man mich fragen, ob ich in meiner Schule das Ideal erreicht
habe. Ich muß darauf antworten, daß die Erreichung unsrer höchsten
Ideale sich schwer nach äußern Maßstäben messen läßt. Ihre Wirkung
läßt sich nicht gleich an Resultaten nachweisen. Wir tragen in unsrer
Einsiedelei den Ungleichheiten und Mannigfaltigkeiten des menschlichen
Lebens in vollem Maße Rechnung. Wir versuchen nie, eine Art äußere
Gleichförmigkeit zu erzielen, indem wir die Verschiedenheiten der
Anlage und Erziehung unsrer Schüler auszurotten suchen. Einige von uns
gehören zur Sekte des Brāhma Samādsch, einige zu andern Hindu-Sekten,
und einige von uns sind Christen. Da wir uns nicht mit Bekenntnissen
und Dogmen beschäftigen, entstehen aus der Verschiedenheit unsres
religiösen Glaubens durchaus keine Schwierigkeiten. Auch weiß ich,
daß das Gefühl von Ehrfurcht für das Ideal dieser Schule und für das
Leben, das wir hier führen, unter denen, die sich in dieser Einsiedelei
versammelt haben, an Ernst und Tiefe sehr verschieden ist. Ich weiß,
daß unsre Begeisterung für ein höheres Leben doch noch immer nicht
weit hinausgekommen ist über unser Trachten nach weltlichen Gütern und
weltlichem Ruhm. Und doch bin ich vollkommen gewiß und habe zahlreiche
Beweise dafür, daß das Ideal unsrer Einsiedelei von Tag zu Tag immer
mehr in unsrer Natur Wurzel faßt. Ohne daß wir es merken, werden die
Saiten unsres Lebens zu immer reinerem, seelenvollerem Klang gestimmt.
Was es auch war, das uns zuerst hierher führte, durch alle Disharmonie
tönt doch unaufhörlich der Ruf: _śāntam, śivam, advaitam_ -- du Gott
des Friedens, Allgütiger, Einziger! Die Luft scheint hier von der
Stimme des Unendlichen erfüllt, die dem Frieden des frühen Morgens und
der Stille der Nacht tiefen Sinn gibt und durch die weißen Scharen von
_shiuli_-Blumen im Herbst und _mālatī_-Blumen im Sommer das Evangelium
von der Schönheit predigt, die anbetend sich selbst als Opfer darbringt.
Es ist schwer für die, die nicht Inder sind, sich klar zu machen,
welche Vorstellungen sich alle mit dem Wort _āśrama_, Waldheiligtum,
verbinden. Denn es blühte wie die Lotusblume in Indien unter einem
Himmel, der freigebig ist mit Sonnenlicht und Sternenglanz. Indiens
Klima ruft uns ins Freie; die Stimme seiner mächtigen Ströme ertönt
in feierlichem Gesang; die endlose Weite seiner Ebenen umgibt unsre
Heimstätten mit dem Schweigen einer andern Welt; die Sonne steigt am
Rand der grünen Erde auf wie eine Opferflamme, die das Unsichtbare auf
dem Altar des Unbekannten entzündet, und sie steigt am Abend im Westen
herab wie ein prächtiges Freudenfeuer, mit dem die Natur das Ewige
begrüßt. In Indien ist der Schatten der Bäume gastlich, der Staub der
Erde streckt seine braunen Arme nach uns aus, die Luft schlägt liebend
ihren warmen Mantel um uns. Das sind die unwandelbaren Tatsachen, die
immer wieder zu unsrer Seele sprechen, und daher empfinden wir es als
Indiens Aufgabe, durch diese Verbundenheit mit der Seele der Welt die
menschliche Seele als eins mit der göttlichen Seele zu erkennen. Diese
Aufgabe hat in den Waldschulen der alten Zeit ihre natürliche Form
gefunden. Und sie treibt uns an, das Unendliche in allen Gestalten
der Schöpfung, in den Beziehungen menschlicher Liebe zu suchen; es zu
fühlen in der Luft, die wir atmen, in dem Licht, dem wir unsre Augen
öffnen, im Wasser, in dem wir baden, in der Erde, auf der wir leben und
sterben. Daher weiß ich -- und weiß es aus eigener Erfahrung --, daß
die Schüler und Lehrer, die sich in dieser Einsiedelei zusammengefunden
haben, an Freiheit des Geistes täglich wachsen und immer mehr eins
werden mit dem Unendlichen, nicht durch irgendwelchen Unterricht oder
äußere Übungen, sondern kraft der unsichtbaren geistigen Atmosphäre,
die diesen Ort umgibt, und des Andenkens an einen frommen Mann, der
hier in inniger Gemeinschaft mit Gott lebte.
Ich hoffe, es ist mir gelungen, darzulegen, wie das bewußte Streben,
das mich leitete, als ich meine Schule in der Einsiedelei gründete,
allmählich seine Selbständigkeit verlor und eins wurde mit dem Streben,
das die Seele dieses Ortes ist. Mit einem Wort: mein Werk erhielt
seine Seele durch den Geist der Einsiedelei. Aber diese Seele hat ohne
Zweifel ihre äußere Gestalt in der Einrichtung der Schule. Und ich habe
alle diese Jahre hindurch versucht, in dem Lehrsystem dieser Schule
meine Erziehungstheorie zu verwirklichen, die sich auf meine Erfahrung
von der Kindesseele gründet.
Ich glaube, wie ich schon vorher andeutete, daß das unbewußte Empfinden
bei den Kindern viel tätiger ist als das bewußte Denken. Eine große
Menge der wichtigsten Lehren ist uns durch jenes vermittelt. Die
Erfahrungen zahlloser Generationen sind uns durch seine Wirksamkeit
in Fleisch und Blut übergegangen, nicht nur ohne uns zu ermüden,
sondern so, daß sie uns froh machten. Diese unterbewußte Fähigkeit des
Gewahrwerdens ist ganz eins mit unserm Leben. Sie ist nicht wie eine
Laterne, die man von außen anzündet und putzt, sondern wie das Licht,
das der Glühwurm durch die Ausübung seiner Lebensfunktionen erzeugt.
Zu meinem Glück wuchs ich in einer Familie auf, wo der Sinn für
Literatur, Musik und Kunst instinktiv geworden war. Meine Brüder
und Vettern lebten im freien Reich der Gedanken, und die meisten
von ihnen hatten natürliche künstlerische Anlagen. Durch solche
Umgebung angeregt, begann ich früh zu denken und zu träumen und meine
Gedanken zum Ausdruck zu bringen. In bezug auf religiöse oder soziale
Anschauungen war unsre Familie frei von aller Konvention, da sie
wegen ihrer Abweichung von orthodoxen Glaubenslehren und Sitten von
der Gesellschaft in den Bann getan war. Dies machte uns furchtlos in
unsrer geistigen Freiheit, und wir wagten neue Versuche auf allen
Gebieten des Lebens. So war die Erziehung, die ich in meiner frühesten
Kindheit hatte, Freiheit und Freude in der Übung meiner geistigen
und künstlerischen Kräfte. Und weil dies meinem Geist lebhaft zum
Bewußtsein brachte, wo sein natürlicher Nährboden war, wurde die
Schleifmühle des Schulbetriebes so unerträglich für mich.
Diese Erfahrung aus meiner frühen Kindheit war alles, was ich an
Schulerfahrung hatte, als ich an mein Unternehmen ging. Ich fühlte, daß
das Wichtigste und Notwendigste nicht die äußere Lehrmethode, sondern
der lebendige Odem der Kultur selbst war. Zum Glück für mich gewann
Satish Chandra Roy, ein hochbegabter junger Student, der sich auf sein
Staatsexamen vorbereitete, lebhaftes Interesse für meine Schule und
machte es sich zur Lebensaufgabe, meine Idee auszuführen. Er war erst
neunzehn Jahre alt, aber ein Mensch von hohem Geistesfluge, mit einer
für alles Große und Schöne wunderbar empfänglichen Seele. Er war ein
Dichter, der sicher unter den Unsterblichen der Weltliteratur seinen
Platz gefunden hätte, wenn er am Leben geblieben wäre; aber er starb
schon mit zwanzig Jahren und konnte so unsrer Schule seine Kraft nur
ein kurzes Jahr lang widmen. Bei ihm hatten die Knaben nie das Gefühl,
auf ihr Unterrichtsfach beschränkt zu sein, sondern es war, als öffnete
er ihnen alle Tore der Welt. Mit ihm gingen sie in den Wald, wenn im
Frühling die Salbäume in voller Blüte standen; dann deklamierte er
ihnen, ganz berauscht von Begeisterung, seine Lieblingsgedichte. Er
las ihnen Shakespeare und selbst Browning -- denn er war ein großer
Verehrer Brownings -- und erläuterte ihnen mit wunderbarer Kraft des
Ausdrucks die Dichtungen in bengalischer Sprache. Niemals zweifelte
er an der Verständnisfähigkeit der Knaben, er sprach und las ihnen
über jeden Gegenstand, der ihn selbst interessierte. Er wußte, daß
es durchaus nicht nötig war, daß die Schüler alles wörtlich und
genau verstanden, sondern daß ihr Geist aufgerüttelt und ihre Seelen
geweckt wurden, und dies gelang ihm immer. Er war nicht, wie andre
Lehrer, ein bloßer Vermittler von Bücherwissen. Er gestaltete seinen
Unterricht persönlich, er schöpfte aus seiner eigenen Tiefe, und daher
war das, was er den Schülern bot, lebendige Nahrung, die die lebendige
menschliche Natur sich leicht aneignet. Der wahre Grund seines Erfolges
war seine intensive Teilnahme an dem Leben, an den Ideen, an allem
um ihn her, vor allem an den Knaben, die mit ihm in Berührung kamen.
Er schöpfte seine Begeisterung nicht aus Büchern, sondern aus der
unmittelbaren Berührung seiner empfänglichen Seele mit der Welt. Der
Wechsel der Jahreszeiten hatte auf ihn dieselbe Wirkung wie auf die
Pflanzen. Er schien in seinem Blut die unsichtbaren Boten der Natur zu
spüren, die immer durch den Weltenraum eilen, in der Luft schweben,
am Himmel schimmern und aus den Wurzeln der Grashalme aus der Erde
herauftönen. Seine Literaturstudien hatten nicht den Modergeruch der
Bibliothek an sich. Er hatte die Gabe, die Ideen so greifbar deutlich
und lebendig vor sich zu sehen, wie er seine Freunde sah.
So hatten die Knaben unsrer Schule das seltene Glück, ihren Unterricht
von einem lebendigen Lehrer und nicht aus Büchern zu erhalten. Haben
nicht unsre Bücher, wie die meisten Dinge des täglichen Gebrauchs,
sich zwischen uns und unsre Welt gestellt? Wir haben uns gewöhnt, die
Fenster unsres Geistes mit ihren Seiten zu verdecken und Bücherphrasen
als Pflaster auf unsre geistige Haut zu kleben, so daß sie für jede
direkte Berührung der Wahrheit unempfindlich geworden ist. Wir haben
uns aus einer ganzen Welt von Bücherweisheit eine Festung gebaut
mit hohen Ringmauern, wohinter wir uns verschanzt haben und vor der
Berührung mit Gottes Schöpfung sicher sind. Gewiß würde es töricht
sein, den Wert von Büchern im allgemeinen zu bestreiten. Aber man
muß auch zu gleicher Zeit zugeben, daß Bücher ihre Grenzen und
ihre Gefahren haben. Jedenfalls sollten den Kindern in den ersten
Jahren ihrer Erziehung die Wahrheiten, die sie zu lernen haben, auf
natürlichem Wege, das heißt durch die Menschen und die Dinge selbst
vermittelt werden.
Da ich hiervon überzeugt bin, habe ich alles, was ich konnte, getan, um
in unsrer Einsiedelei eine geistige Atmosphäre zu schaffen. Ich mache
Lieder, aber ich mache sie nicht eigens für die Jugend zurecht. Es
sind Lieder, die ein Dichter sich zu seiner eigenen Freude singt. So
sind die meisten meiner Gitanjali-Lieder hier entstanden. Diese Lieder
singe ich, so wie sie mir erblühen, den Knaben vor, und sie kommen
scharenweise, um sie zu lernen. Sie singen sie in ihren Mußestunden,
in Gruppen unter freiem Himmel sitzend, in Mondscheinnächten oder im
Schatten der drohenden Juliwolken. Alle meine späteren Dramen sind
hier entstanden und unter Teilnahme der Knaben aufgeführt. Ich habe
ihnen lyrische Dramen für ihre Jahresfeste geschrieben. Sie dürfen
immer dabei sein, wenn ich den Lehrern irgend etwas von meinen neuen
Sachen in Prosa oder Versen vorlese, welchen Inhalts es auch sei.
Und von dieser Erlaubnis machen sie Gebrauch, ohne daß der geringste
Druck auf sie ausgeübt wird, ja, sie sind sehr traurig, wenn sie nicht
aufgefordert werden. Einige Wochen vor meiner Abreise von Indien las
ich ihnen Brownings Drama »Luria« und übertrug es, während ich las,
ins Bengalische. Es nahm zwei Abende in Anspruch, aber die zweite
Versammlung war ebenso zahlreich wie die erste. Wer gesehen hat,
wie diese Knaben ihre Rollen spielen, ist überrascht, wie stark sie
als Schauspieler wirken. Das kommt daher, weil sie nie eigentlichen
Unterricht in dieser Kunst gehabt haben. Sie erfassen instinktiv den
Geist der Dichtung, obgleich diese Dramen keine bloßen Schuldramen
sind und ein feines Verständnis und Mitempfinden erfordern. Bei aller
Ängstlichkeit und überkritischen Empfindlichkeit, die ein Dichter der
Aufführung seines Stückes gegenüber hat, war ich nie enttäuscht von
meinen Schülern, und ich habe selten einem Lehrer erlaubt, die Knaben
in ihrer eigenen Darstellung der Charaktere zu stören. Häufig schreiben
sie selbst Stücke oder improvisieren sie, und dann werden wir zu der
Aufführung eingeladen. Sie haben ihre literarischen Vereine und haben
mindestens drei illustrierte Zeitschriften, die von drei Gruppen der
Schule geleitet werden. Die interessanteste dieser Zeitschriften
ist die der »Kleinen«. Eine ganze Anzahl unsrer Schüler haben ein
beachtenswertes Talent für Zeichnen und Malerei gezeigt. Wir entwickeln
dies Talent nicht mit Hilfe der alten, hier in den Schulen noch immer
üblichen Kopiermethode, sondern lassen die Schüler ihrer eigenen
Neigung folgen und helfen ihnen nur dadurch, daß wir hin und wieder
Künstler zu uns einladen, die die Knaben durch ihre eigenen Arbeiten
anregen und begeistern.
Als ich meine Schule anfing, zeigten die Knaben keine besondere Liebe
zur Musik. Daher stellte ich zuerst noch keinen Musiklehrer an und
zwang die Knaben nicht, Musikstunden zu nehmen. Ich sorgte nur für
Gelegenheiten, wo die, die für diese Kunst begabt waren, sie üben
und zeigen konnten. Dies hatte die Wirkung, daß das Ohr der Knaben
sich unbewußt übte. Und als nach und nach die meisten von ihnen große
Neigung und Liebe zur Musik zeigten und ich sah, daß sie bereit sein
würden, regelrechten Unterricht darin zu nehmen, berief ich einen
Musiklehrer.
In unsrer Schule stehen die Knaben des Morgens sehr früh auf,
bisweilen vor Tagesanbruch. Sie besorgen selbst das Wasser für ihr
Bad. Sie machen ihre Betten. Sie tun alle die Dinge, die den Geist der
Selbsthilfe in ihnen entwickeln.
Ich glaube an den Wert regelmäßiger religiöser Betrachtung, und ich
setze morgens und abends eine Viertelstunde dafür an. Ich halte
darauf, daß diese Zeit innegehalten wird, ohne jedoch von den Knaben
zu erwarten, daß sie so tun, als ob sie in religiöse Betrachtungen
versenkt wären. Aber ich verlange, daß sie still sind, daß sie
Selbstbeherrschung üben, wenn sie auch, statt an Gott zu denken, die
Eichhörnchen beobachten, die die Bäume hinauflaufen.
Jede Schilderung solcher Schule kann nicht anders als unzulänglich
sein. Denn das Wichtigste von ihr ist ihre Atmosphäre und die Tatsache,
daß es keine Schule ist, die den Knaben von autokratischen Behörden
aufgezwungen ist, in der sie ihr eigenes Leben leben sollen. Sie nehmen
teil an der Schulverwaltung, und in Straffällen verlassen wir uns
meistens auf ihren eigenen Gerichtshof.
Zum Schluß möchte ich meine Zuhörer warnen, ein falsches oder
übertriebenes Bild von dieser Einsiedelei mit nach Hause zu nehmen.
Wenn man so seine Ideen vorträgt, so erscheinen sie ganz einfach und
vollkommen. Aber ihre Verkörperung in der Wirklichkeit ist nicht
so klar und vollkommen, weil das Material lebendig und mannigfach
und immer wechselnd ist. Es treten uns Hindernisse entgegen sowohl
in der menschlichen Natur wie in den äußeren Umständen. Einige von
uns vergessen nur zu leicht, daß die Geister der Knaben lebendige
Organismen sind, und andere sind von Natur geneigt, das Gute mit
Gewalt durchsetzen zu wollen. Die Knaben ihrerseits sind nicht alle
in gleichem Maße empfänglich, und so haben wir manchen Mißerfolg zu
verzeichnen. Vergehen treten unerwartet auf, die uns an der wirkenden
Kraft unsrer Ideale zweifeln lassen. Es kommen trübe Zeiten, voll von
Rückschlägen und Zweifeln. Aber dies Schwanken und diese Konflikte
gehören nun einmal zum wahren Bilde des wirklichen Lebens. Lebendige
Ideale können nicht als Uhrwerk aufgezogen werden, das nun jede Sekunde
genau angibt. Und wer den festen Glauben an ein Ideal hat, muß die
Wahrheit desselben dadurch beweisen, daß er sich durch die niemals
ausbleibenden Widerstände und Mißerfolge nicht vom Wege abbringen läßt.
Ich für mein Teil halte mehr von dem Prinzip des Lebens, von der Seele
des Menschen, als von Methoden. Ich glaube, daß das Ziel der Erziehung
die sittliche Freiheit ist, die nur auf dem Wege der Freiheit erreicht
werden kann, obgleich die Freiheit ihre Gefahren und ihre Verantwortung
hat, wie das Leben überhaupt sie hat. Ich weiß gewiß, wenn auch die
meisten Menschen es vergessen zu haben scheinen, daß Kinder lebendige
Wesen sind, lebendiger als Erwachsene, die schon in einer Rinde von
Gewohnheiten stecken. Daher ist es für ihre geistige Gesundheit und
Entwicklung unbedingt nötig, daß man sie nicht in Schulen steckt, deren
einziger Zweck der Unterricht ist, sondern daß sie in einer Welt leben,
deren leitender Geist die persönliche Liebe ist. Solch eine Welt ist
die Einsiedelei, der _āśrama_, wo die Menschen sich im Frieden der
Natur zu dem höchsten Lebensziel vereint haben; wo sie sich nicht nur
frommen Betrachtungen hingeben, sondern auch mit offenen Augen in die
Welt schauen und tätig wirkend in ihr schaffen; wo man den Schülern
nicht unausgesetzt den Glauben beibringt, daß die Selbstvergötterung
der Nation das höchste Ideal für sie ist; wo sie begreifen lernen,
daß diese Menschenwelt Gottes Königreich ist, dessen Bürger zu werden
sie streben sollen; wo Sonnenauf- und -untergang und die stille
Herrlichkeit der Sterne nicht täglich unbeachtet bleiben; wo der
Mensch freudig teilnimmt an den Festen, die die Natur mit ihren Blüten
und Früchten feiert, und wo jung und alt, Lehrer und Schüler sich an
denselben Tisch setzen und das tägliche Brot wie das Brot des Lebens
miteinander teilen.
RELIGIÖSE BETRACHTUNG
Es gibt Dinge, die wir von außen bekommen und als Besitz an uns nehmen.
Aber mit der religiösen Betrachtung ist es umgekehrt. Hier treten wir
mitten in eine große Wahrheit ein und werden von ihr in Besitz genommen.
Laßt uns im Gegensatz dazu sehen, was Reichtum ist. Geld repräsentiert
eine entsprechende Summe von Arbeit. Vermittelst des Geldes kann ich
die Arbeit vom Menschen loslösen und sie in mein Eigentum verwandeln.
Ich erwerbe sie von außen und wandle sie in eigene Kraft um.
Oder nehmen wir das Wissen. Es gibt eine Art, die wir von andern
übernehmen, und eine andre Art, die wir uns durch Beobachtung,
Experimente und Nachdenken erwerben.
Alles dies sind Versuche, uns etwas, was wir nicht haben, zu eigen zu
machen. Bei diesen Dingen sind unsre geistigen und physischen Kräfte in
ganz entgegengesetzter Weise tätig als bei der religiösen Betrachtung.
Die höchste Wahrheit können wir nur erfassen, indem wir uns in sie
versenken. Und wenn unser Bewußtsein ganz in sie eingetaucht ist, dann
wissen wir, daß sie kein bloßer Besitz ist, den wir erworben haben,
sondern daß wir eins mit ihr sind.
So werden durch solches Versenken, wo unsre Seele ihre wahre Beziehung
zur höchsten Wahrheit findet, auch alle unsre Handlungen und Worte,
unser ganzes Wesen wahr.
Ich möchte hier einen Text anführen, der uns in Indien zu solcher
Versenkung dient.
_Om bhūr bhuvaḥ svaḥ.
tát savitúr váreṇyam
bhárgo devásya dhīmahi
dhíyo yó naḥ pracodáyāt[16]._
_Om._ Das heißt Vollkommenheit; es ist in der Tat das symbolische Wort
für das Unendliche, Vollkommene, Ewige. Der Laut an sich schon ist
vollkommen und stellt die Ganzheit aller Dinge dar.
All unsre religiösen Betrachtungen beginnen mit Om und enden mit Om. Es
soll den Geist mit der Ahnung der ewigen Vollkommenheit erfüllen und
ihn aus der Welt der engen Selbstsucht befreien.
_Bhūr bhuvaḥ svaḥ._
_Bhūr_ bedeutet die Erde.
_Bhuvaḥ_ bedeutet die mittlere Region, den Luftraum.
_Svaḥ_ bedeutet die Region der Sterne.
Erde, Luft- und Sternenraum. Mitten ins Herz dieses Weltalls sollst
du deinen Geist richten. Du sollst dir gegenwärtig halten, daß du im
Unendlichen geboren bist, daß du nicht nur einem besonderen Fleck
dieser Erde angehörst, sondern der ganzen Welt.
_Tát savitúr váreṇyam bhárgo devásya dhīmahi._ Laßt uns nachdenken
über die anbetungswürdige Kraft des Weltschöpfers. Das Wort Schöpfer
ist durch beständigen Gebrauch abgegriffen. Aber wir müssen uns die
Unermeßlichkeit des Weltalls ins Bewußtsein rufen, wenn wir sagen,
daß Gott das Weltall aus seiner unendlichen Schöpferkraft erschafft,
nicht durch eine einmalige Schöpfungstat, sondern unaufhörlich, jeden
Augenblick.
Alles dies ist ein Ausdruck des ewigen Schöpferwillens. Dieser ist
nicht wie das Gesetz der Schwere oder andere Naturgesetze etwas
Abstraktes, das wir nicht verehren können und das auf unsre Verehrung
keinen Anspruch erheben kann. Sondern unser Text sagt, daß jene Kraft
»anbetungswürdig« ist, daß sie unsre Verehrung fordert, weil sie einem
höchsten Wesen angehört und keine bloße Abstraktion ist.
Wodurch offenbart sich diese Kraft?
Auf der einen Seite durch Erde, Luftraum und Sternenhimmel, auf der
andern durch unser Bewußtsein.