Wir sind in diese Welt gekommen, nicht nur, daß wir sie kennen, sondern

daß wir sie bejahen. Macht können wir durch Wissen erlangen, aber zur

Vollendung gelangen wir nur durch die Liebe. Die höchste Erziehung ist

die, welche sich nicht damit begnügt, uns Kenntnisse zu vermitteln,

sondern die unser Leben in Harmonie bringt mit allem Sein. Aber wir

finden, daß man diese Erziehung zur Harmonie in den Schulen nicht

nur systematisch außer acht läßt, sondern daß man sie konsequent

unterdrückt. Von klein auf werden wir so erzogen und unterrichtet, daß

wir der Natur entfremdet und unsre innere und äußere Welt in Gegensatz

zueinander gestellt werden. So wird die höchste Erziehung, die Gott

uns bestimmte, vernachlässigt, und man nimmt uns unsre Welt, um uns

dafür einen Sack voll Wissen zu geben. Wir berauben das Kind seiner

Erde, um es Erdkunde zu lehren, seiner Sprache, um es Grammatik zu

lehren. Es hungert nach Heldengeschichten, aber man gibt ihm nüchterne

Tatsachen und Daten. Es wurde in die Menschenwelt geboren, aber es

wird in die Welt lebender Grammophone verbannt, um für die Erbsünde,

in Unwissenheit geboren zu sein, zu büßen. Die Natur des Kindes lehnt

sich mit der ganzen Kraft des Leidens gegen solch Elend auf, bis sie

schließlich durch Strafen zum Schweigen gebracht wird.

Wir alle wissen, Kinder lieben den Staub der Erde; Leib und Seele

dieser kleinen Geschöpfe dürsten nach Luft und Sonnenschein wie die

Blumen. Sie sind immer bereit, den Einladungen zu unmittelbarem Verkehr

zu folgen, die fortwährend aus der Welt an ihre Sinne gelangen.

Aber zum Unglück für die Kinder leben ihre Eltern in ihrer eigenen

Welt von Gewohnheiten, wie sie ihr Beruf und die gesellschaftliche

Tradition mit sich gebracht haben. Das läßt sich in mancher Beziehung

nicht ändern. Denn die Menschen sind durch die Verhältnisse und durch

das Bedürfnis nach sozialer Gleichförmigkeit gezwungen, sich nach einer

bestimmten Richtung hin zu entwickeln.

Aber unsre Kindheit ist die Zeit, wo wir noch frei sind -- oder sein

sollten -- frei von dem Zwang, uns innerhalb der engen Grenzen zu

entwickeln, welche berufliche und gesellschaftliche Konventionen

aufgerichtet haben.

Ich erinnere mich noch sehr gut, welch unwilliges Erstaunen ein

erfahrener Schuldirektor, der den Ruf hatte, vorzügliche Disziplin

zu halten, zeigte, als er sah, wie einer meiner Schüler auf einen

Baum kletterte, um oben auf der Gabelung eines Astes seine Aufgaben

zu lernen. Ich mußte ihm zur Erklärung sagen: die Kindheit ist die

einzige Zeit, wo ein zivilisierter Mensch noch die Wahl hat zwischen

den Zweigen eines Baumes und einem Wohnzimmerstuhl; sollte ich, weil

mir als einem Erwachsenen dies Vorrecht versagt ist, es darum dem

Knaben rauben? Überraschend ist es, daß derselbe Direktor ganz damit

einverstanden war, daß die Knaben Botanik studierten. Er legt Gewicht

auf eine unpersönliche Kenntnis von dem Baume, weil das Wissenschaft

ist, aber er hält nichts von einer persönlichen Bekanntschaft mit ihm.

Diese wachsende Erfahrung bildet allmählich den Instinkt, der das

Ergebnis der Methode ist, nach welcher die Natur ihre Geschöpfe lehrt.

Die Knaben meiner Schule haben eine instinktive Kenntnis von der

äußeren Erscheinung des Baumes gewonnen. Durch die leiseste Berührung

wissen sie, wo sie auf einem scheinbar ungastlichen Baumstamm Fuß

fassen können; sie wissen, wie weit sie sich auf die Zweige wagen

dürfen, wie sie ihr Körpergewicht verteilen müssen, um den jungen Ästen

nicht zu schwer zu werden. Meine Schüler verstehen es, den Baum auf

die bestmögliche Weise zu benutzen, sei es nun, daß sie seine Früchte

pflücken, auf seinen Zweigen ausruhen oder sich vor unerwünschten

Verfolgern in ihnen verbergen. Ich selbst bin in einem gebildeten

städtischen Heim aufgewachsen und habe mich mein ganzes Leben lang so

benehmen müssen, als ob ich in einer Welt lebte, in der es keine Bäume

gäbe. Daher betrachte ich es als einen Teil meiner Erziehungsaufgabe,

meinen Schülern in vollem Maße begreiflich zu machen, daß Bäume in

diesem Weltsystem eine wirkliche Tatsache sind, daß sie nicht nur dazu

da sind, um Chlorophyll zu erzeugen und die Kohlensäure aus der Luft zu

nehmen, sondern daß sie lebendige Wesen sind.

Von Natur sind unsre Fußsohlen so gemacht, daß sie die besten Werkzeuge

zum Stehen und Gehen auf der Erde sind. Von dem Tage an, wo wir

anfingen, Schuhe zu tragen, setzten wir die Bedeutung unsrer Füße

herab. Dadurch, daß wir ihre Verantwortlichkeit verminderten, nahmen

wir ihnen ihre Würde, und jetzt lassen sie sich Socken und Pantoffeln

von allen Preisen und Formen oder Unformen gefallen. Es ist, als ob wir

Gott Vorwürfe machten, daß er uns nicht Hufe gegeben hat, statt der mit

schöner Empfindungsfähigkeit ausgestatteten Sohlen.

Ich will gar nicht die Fußbekleidung völlig aus dem Gebrauch der

Menschen verbannen. Aber ich möchte doch dafür eintreten, daß man den

Fußsohlen der Kinder die Erziehung, die ihnen die Natur kostenlos gibt,

nicht vorenthalten soll. Von allen unsern Gliedern sind die Füße am

geeignetsten, mit der Erde durch Berührung vertraut zu werden. Denn die

Erde hat ihre fein geschwungenen Konturen, die sich nur ihren echten

Liebhabern, den Füßen, zum Kusse darbieten.

Ich muß wiederum gestehen, daß ich in einem respektablen Hause

aufwuchs, wo meine Füße von klein auf sorgfältig vor der nackten

Berührung mit dem Staube gehütet wurden. Wenn ich versuche, es meinen

Schülern im Barfußgehen gleichzutun, dann wird es mir schmerzhaft klar,

welch dicke Schicht von Unwissenheit in bezug auf die Erde ich unter

meinen Füßen trage. Ich suche mit unfehlbarer Sicherheit die Dornen

aus, um darauf zu treten, in einer Weise, daß es eine wahre Lust für

die Dornen ist. Meinen Füßen fehlt der Instinkt, den Linien zu folgen,

die am wenigsten Widerstand bieten. Denn selbst die ebenste Erdfläche

hat ihre winzigen Hügel und Täler, die nur fein gebildete Füße spüren.

Ich habe mich oft gewundert über das scheinbar zwecklose Zickzack

von Wegen, die über vollkommen ebene Felder führten. Und es ist noch

unbegreiflicher, wenn man bedenkt, daß ein Fußpfad nicht durch die

Laune eines Einzelnen entsteht. Wenn nicht die meisten Fußgänger genau

dieselbe Laune hätten, so könnten solche augenscheinlich unzweckmäßigen

Steige nicht entstehen. Aber die wahre Ursache liegt in den feinen

Eingebungen von seiten der Erde, denen unsre Füße unbewußt folgen.

Die, denen solche natürlichen Beziehungen nicht abgeschnitten sind,

können die Muskeln ihrer Füße mit großer Schnelligkeit dem geringsten

Winke anpassen. So können sie sich gegen das Eindringen von Dornen

schützen, selbst wenn sie auf sie treten, und sie können ohne das

geringste Unbehagen barfuß über einen Kiesweg gehen. Ich weiß, daß

es in der Praxis heutzutage ohne Schuhe, ohne gepflasterte Straßen

und ohne Wagen nicht geht. Aber sollte man die Kinder nicht in ihrer

Erziehungszeit die Wahrheit erfahren lassen, daß die Welt nicht überall

Gesellschaftszimmer ist, daß es so etwas wie Natur gibt, und daß ihre

Glieder für den Verkehr mit ihr wunderbar geschaffen sind?

Es gibt Leute, welche glauben, daß ich durch die Einfachheit der

Lebensweise, die ich in meiner Schule eingeführt habe, das Ideal der

Armut, das das Mittelalter beherrschte, predigen will. Ich kann diesen

Gegenstand an dieser Stelle nicht nach allen Seiten erörtern; aber wenn

wir ihn vom Standpunkt der Erziehung aus betrachten, müssen wir da

nicht zugeben, daß die Armut die Schule ist, in der der Mensch seinen

ersten Unterricht und seine beste Erziehung empfängt? Selbst der Sohn

eines Millionärs wird in hilfloser Armut geboren und muß die Aufgabe

seines Lebens von Anfang an lernen. Er muß gehen lernen wie das ärmste

Kind, wenn er auch die Mittel hat, ohne Beine durch die Welt zu kommen.

Die Armut bringt uns in die engste Berührung mit dem Leben und der

Welt, denn als Reicher leben, heißt meistens durch Stellvertreter leben

und infolgedessen in einer Welt von geringerer Wirklichkeit. Dies mag

gut sein für unser Vergnügen oder unsren Stolz, aber nicht für unsre

Erziehung. Der Reichtum ist ein goldener Käfig, in dem den Kindern

der Reichen ihre natürlichen Gaben künstlich ertötet werden. Daher

mußte ich in meiner Schule, zum Entsetzen der Leute mit kostspieligen

Gewohnheiten, für diese große Lehrmeisterin -- diese Dürftigkeit der

Ausstattung -- sorgen, nicht um der Armut selbst willen, sondern weil

sie zu persönlicher Welterfahrung führt.

Mein Vorschlag ist, daß jedem Menschen in seinem Leben ein begrenzter

Zeitraum vorbehalten sein müßte, wo er in ursprünglicher Einfachheit

das Leben des Naturmenschen lebt. Die geschäftigen Kulturmenschen

müssen das ungeborene Kind noch in Frieden lassen. Im Leib der

Mutter hat es Muße, die erste Entwicklungsstufe vegetativen Lebens

durchzumachen. Aber sobald es geboren ist, ausgerüstet mit allen

Instinkten für die nächste Stufe, nämlich für das natürliche Leben, da

stürzt sich sofort die Gesellschaft mit ihren kultivierten Gewohnheiten

darauf und reißt es aus den offenen Armen von Erde, Wasser und Himmel,

von Luft und Sonnenlicht. Zuerst sträubt es sich und weint bitterlich,

und dann vergißt es allmählich, daß Gottes ganze Schöpfung sein Erbe

ist; dann schließt es seine Fenster, zieht die Vorhänge herab und ist

stolz auf das, was es auf Kosten seiner Welt und vielleicht gar seiner

Seele angehäuft hat.

Die Welt der Zivilisation mit ihren Konventionen und toten Dingen

beherrscht die Mitte des täglichen Lebenslaufs. Anfang und Ende

desselben sind nicht ihr Reich. Ihre ungeheure Kompliziertheit und ihre

Anstandsregeln haben ihren Nutzen. Aber wenn sie sie als Selbstzweck

ansieht und es zur Regel macht, daß dem Menschen kein grünes Fleckchen

bleibt, wohin er aus ihrem Gebiet von Rauch und Lärm, von drapierter

und dekorierter Korrektheit, fliehen kann, dann leiden die Kinder,

und bei der Jugend entsteht Weltmüdigkeit, während das Alter es

verlernt, in Frieden und Schönheit alt zu werden, und nichts weiter als

verfallene Jugend ist, die sich ihrer Löcher und Flicken schämt.

Es ist jedoch gewiß, daß die Kinder, als sie bereit waren, auf dieser

Erde geboren zu werden, kein Verlangen hatten nach einer so eingeengten

und verhangenen Welt äußeren Anstands. Wenn sie geahnt hätten, daß

sie ihre Augen dem Licht nur öffneten, um sich in der Gewalt des

Schulbetriebes zu finden, bis sie die Frische ihres Geistes und die

Schärfe ihrer Sinne verloren haben, so würden sie es sich noch einmal

überlegt haben, bevor sie sich auf die menschliche Lebensbahn wagten.

Gottes Einrichtungen haben nicht die Anmaßung spezieller Einrichtungen.

Sie haben immer die Harmonie der Ganzheit und des ununterbrochenen

Zusammenhanges mit allen Dingen. Was mich daher in meiner Schulzeit

quälte, war die Tatsache, daß die Schule nicht die Vollständigkeit der

Welt hatte. Sie war eine besondere Einrichtung für den Unterricht. Sie

konnte nur für Erwachsene passen, die sich der besonderen Notwendigkeit

solcher Orte bewußt und bereit waren, mit dem Unterricht die Trennung

vom Leben in den Kauf zu nehmen. Aber Kinder lieben das Leben, und es

ist ihre erste Liebe. Es lockt sie mit all seinen Farben und seiner

Bewegung. Und sind wir unsrer Weisheit so sicher, wenn wir diese Liebe

ersticken? Kinder werden nicht als Asketen geboren, daß sie geeignet

wären, sich sogleich der Mönchszucht zu unterwerfen, indem sie ihr

Streben ganz auf den Erwerb von Kenntnissen richten. Ihr erstes Wissen

sammeln sie durch ihre Liebe zum Leben, dann entsagen sie dem Leben,

um Wissen zu erwerben, und endlich kehren sie mit reicher Weisheit zum

volleren Leben zurück.

Aber die Gesellschaft hat ihre eigenen Einrichtungen getroffen, um den

Geist der Menschen nach ihrem besonderen Muster zuzustutzen. Diese

Einrichtungen sind so dicht gefügt, daß es schwer ist, eine Lücke zu

finden, wo die Natur hineinkommen kann. Eine ganze Reihenfolge von

Strafen droht dem, der es wagt, gegen irgendeine dieser Einrichtungen

zu verstoßen, und gelte es auch sein Seelenheil. Daher heißt, die

Wahrheit erkennen, noch nicht, sie praktisch anwenden, da der ganze

Strom des herrschenden Systems ihr entgegenläuft. So kam es, daß ich

bei der Frage, welche Erziehung ich meinem Sohn geben sollte, in

Verlegenheit war, wie ich sie praktisch lösen könnte. Das erste, was

ich tat, war, daß ich ihn aus der städtischen Umgebung fortnahm und

in ein Dorf brachte, wo er, soweit es heutzutage möglich ist, ein

Leben in natürlicher Freiheit leben konnte. Da war ein Fluß, der als

gefährlich bekannt war; hier konnte er nach Herzenslust schwimmen

und rudern, ohne durch die Ängstlichkeit der Erwachsenen gehindert

zu werden. Er verbrachte seine Zeit draußen im Feld und auf den

unbetretenen Sandbänken, und niemand stellte ihn zur Rede, wenn er zu

spät zum Essen kam. Er besaß keinen von jenen Luxusgegenständen, die

Knaben seines Standes sonst haben und von denen man meint, daß sie sie

anständigerweise haben müssen. Ich bin sicher, daß die Leute, denen

die Gesellschaft die Welt bedeutet, ihn wegen dieser Entbehrungen

bemitleideten und seine Eltern tadelten. Aber ich wußte, daß

Luxusgegenstände für Knaben eine Last sind, die Last der Gewohnheiten

anderer, die Last, die sie um des Stolzes und Vergnügens ihrer Eltern

willen tragen müssen.

Doch als Einzelner, mit beschränkten Mitteln, konnte ich meinen

Erziehungsplan nur zum Teil ausführen. Immerhin hatte mein Sohn

Bewegungsfreiheit; es waren nur sehr wenige von den Schranken

geblieben, die der Reichtum und die Gesetze äußeren Anstandes zwischen

den Menschen und der Natur aufrichten. So hatte er eine bessere

Gelegenheit, diese Welt wirklich kennen zu lernen, als ich sie je

gehabt habe. Aber eine Frage beschäftigte mich, die mir wichtiger

schien als alles andere. Das Ziel der Erziehung ist nicht, dem Menschen

einzelne Kenntnisse zu vermitteln, sondern ihn zur Erkenntnis der

Wahrheit als Ganzes zu führen. Früher, als das Leben noch einfach war,

da waren all die verschiedenen Elemente des Menschen in vollständiger

Harmonie. Aber als das Intellektuelle sich vom Seelischen und

Physischen trennte, legte die Schulerziehung den ganzen Nachdruck auf

die intellektuelle und physische Seite des Menschen. Wir widmen unsre

ganze Aufmerksamkeit der Vermittlung von Kenntnissen und bedenken

nicht, daß wir durch diese einseitige Ausbildung des Intellekts einen

Bruch herbeiführen zwischen dem intellektuellen, physischen und

seelischen Leben des Kindes.

Ich glaube an eine geistige Welt, nicht als etwas, was außerhalb dieser

Welt ist, sondern als ihre innerste Wahrheit. Mit jedem Atemzuge müssen

wir diese Wahrheit fühlen: daß wir in Gott leben. Als Kinder dieser

großen Welt, die erfüllt ist von dem Geheimnis des Unendlichen, können

wir unser Dasein nicht als eine flüchtige Laune des Zufalls ansehen,

das auf dem Strom der Materie einem ewigen Nichts zutreibt. Wir können

unser Leben nicht ansehen als Traumgebilde eines Träumers, für den

es nie ein Erwachen gibt. Wir sind als Persönlichkeiten geschaffen,

für die Stoff und Kraft nichts bedeuten, wenn sie nicht auf eine

unendliche Persönlichkeit bezogen werden, deren Natur wir in gewissem

Maße wiederfinden in der menschlichen Liebe, in der Größe des Guten,

im Martyrium der Heldenseelen, in der unaussprechlichen Schönheit der

Natur, die nicht eine rein physische Tatsache, sondern nur der Ausdruck

einer Persönlichkeit sein kann.

Die Erfahrung dieser geistigen Welt, die uns nicht zuteil wird, weil

wir von klein auf gewöhnt werden, sie zu übersehen, müssen die Kinder

dadurch gewinnen, daß sie ganz darin leben; sie kann ihnen nicht

durch theologische Belehrung zugänglich gemacht werden. Aber wie dies

geschehen soll, ist heutzutage ein schwieriges Problem. Denn die

Menschen haben es fertig gebracht, ihre Zeit so zu besetzen, daß sie

gar nicht Muße haben, darüber nachzudenken, wie ihre ganze Tätigkeit

nur Bewegung ist, ohne wahren Sinn, und wie heimatlos ihre Seele ist.

In Indien halten wir noch die Überlieferung von den Waldkolonien großer

Lehrer in hohen Ehren. Diese Orte waren weder Schulen noch Klöster im

heutigen Sinn des Wortes. Sie bestanden aus Heimstätten, wo Männer

mit ihrer Familie lebten, deren Ziel war, die Welt in Gott zu sehen

und ihr eigenes Leben in ihm zu begreifen. Obgleich sie außerhalb der

menschlichen Gesellschaft lebten, so waren sie ihr doch, was die Sonne

den Planeten ist, der Mittelpunkt, von dem sie Leben und Licht empfing.

Und hier wuchsen die Knaben auf im nahen Anschauen des Ewigen, bevor

man sie für geeignet hielt, Haupt einer Familie zu werden.

So war im alten Indien Schule und Leben vereinigt. Da wurden die

Schüler nicht in der akademischen Atmosphäre von Gelehrsamkeit

und Wissenschaft oder in dem verstümmelten Leben mönchischer

Abgeschlossenheit erzogen, sondern in der Atmosphäre lebendigen Wirkens

und Strebens. Sie brachten das Vieh auf die Weide, sammelten Brennholz,

pflückten Obst, waren gütig zu allen Geschöpfen und nahmen zu an Geist

zugleich mit ihren Lehrern. Dies war möglich, weil der Hauptzweck

dieser Orte nicht der Unterricht war, sondern denen Zuflucht und Schutz

zu bieten, die ein Leben in Gott leben wollten.

Daß diese Überlieferung von dem familienhaften Zusammenleben von

Lehrern und Schülern nicht eine bloße romantische Erdichtung ist,

sehen wir noch an vereinzelten Schulen, die ein Überbleibsel dieses

einheimischen Erziehungssystems sind. Dies System ist, nachdem es

Jahrhunderte hindurch seine Unabhängigkeit bewahrt hat, jetzt im

Begriff, der bureaukratischen Kontrolle der Fremdherrschaft zu

erliegen. Diese _catuspāṭhī_, wie man auf Sanskrit die Universitäten

nennt, haben nicht den Charakter einer Schule. Die Schüler leben im

Hause ihres Lehrers wie die Kinder des Hauses, ohne für Wohnung, Kost

und Erziehung zu bezahlen. Der Lehrer geht seinen eigenen Studien nach,

indem er ein Leben der Einfachheit lebt und seinen Schülern bei ihrem

Studium hilft, was er nicht als sein Geschäft betrachtet, sondern als

einen Teil seines Lebens.

Dies Ideal einer Erziehung, die darin besteht, daß der Schüler an dem

Leben und hohen Streben seines Lehrers teilnimmt, ließ mich nicht los.

Die kerkerhafte Enge unsrer Zukunft und die Trostlosigkeit unsrer

beschnittenen Möglichkeiten drängten mich nur noch mehr zu seiner

Verwirklichung. Die in anderen Ländern mit unbegrenzten Aussichten auf

weltlichen Gewinn begünstigt sind, können sich solche Dinge zum Ziel

der Erziehung setzen. Der Spielraum ihres Lebens ist mannigfach und

weit genug, um ihnen die Freiheit zu gewähren, die sie zur Entfaltung

ihrer Kräfte brauchen. Aber wenn wir die Selbstachtung bewahren sollen,

die wir uns und unserm Schöpfer schulden, so darf unser Erziehungsziel

nicht hinter dem höchsten Ziel des Menschen überhaupt, der größten

Vollkommenheit und Freiheit der Seele zurückbleiben. Es ist kläglich,

wenn man nach kleinen Gaben irdischen Besitzes haschen muß. Laßt

uns nur trachten nach dem Zugang zum Leben, das über alle äußeren

Lebenslagen erhaben ist und über den Tod hinausgeht, laßt uns Gott

suchen, laßt uns leben für jene endgültige Wahrheit, die uns frei macht

von der Knechtschaft des Staubes und uns den wahren Reichtum gibt:

nicht Reichtum an toten Dingen, sondern an innerem Licht, nicht an

Macht, sondern an Liebe. Solche Befreiung der Seele haben wir in unserm

Lande gefunden bei Menschen, denen jede Bücherweisheit fehlte und die

in vollständiger Armut lebten. Wir haben in Indien das Erbe dieses

Schatzes geistiger Weisheit. Laßt das Ziel unsrer Erziehung sein, es

vor uns auszubreiten und die Kraft zu gewinnen, im Leben den rechten

Gebrauch davon zu machen, auf daß wir es einst, wenn die Zeit kommt,

der übrigen Welt darbieten als unsern Beitrag zu ihrem ewigen Heil.

Ich war ganz in meine literarische Tätigkeit vertieft, als dieser

Gedanke mich mit schmerzhafter Heftigkeit packte. Ich hatte plötzlich

ein Gefühl wie jemand, der unter einem Alpdruck stöhnt. Nicht nur meine

eigene Seele, sondern die Seele meines Landes schien in mir nach Atem

zu ringen. Ich fühlte klar, daß das, was uns not tut, nicht materieller

Art ist, nicht Reichtum, Behagen oder Macht, sondern ein Erwachen zum

vollen Bewußtsein unsrer seelischen Freiheit, der Freiheit, ein Leben

in Gott zu führen, wo wir nicht in Feindschaft leben mit denen, die

nicht anders können als kämpfen, und nicht im Wettbewerb mit denen,

deren einziges Ziel Geldgewinn ist, wo wir vor allen Angriffen und

Schmähungen sicher sind.

Zum Glück hatte ich schon einen Platz bereit, wo ich meine Arbeit

beginnen konnte. Mein Vater hatte auf einer seiner zahlreichen Reisen

sich diesen einsamen Ort erwählt, der ihm geeignet schien zu einem

Leben stiller Gemeinschaft mit Gott. Diesen Ort hatte er mit allem,

was zum Lebensunterhalt nötig war, denen gestiftet, die Ruhe und

Abgeschlossenheit für religiöse Übungen und Betrachtungen suchten. Ich

hatte etwa zehn Knaben bei mir, als ich dorthin ging, und begann mein

neues Leben ohne irgendwelche frühere Erfahrung.

Die Gegend, die unsre Einsiedelei umgibt, ist weites offenes Land, ganz

kahl bis an den Horizont hin, nur daß hier und da ein paar verkümmerte

Dattelpalmen oder Dornsträucher die Ameisenhügel zu überragen suchen.

Jenseits der Felder und tiefer als diese erstreckt sich eine Fläche

mit zahllosen Erdhügeln und kleinen Hügelchen von rotem Kies und

Kieseln von allen Formen und Farben, die von schmalen Regenrinnen

durchschnitten wird. In geringer Entfernung nach Süden zu, nahe beim

Dorfe, sieht man durch eine Reihe von Palmen hindurch die stahlblaue

Fläche des Wassers glitzern, das sich in einer Vertiefung des Bodens

angesammelt hat. Ein Pfad, den die Dorfleute benützen, wenn sie ihre

Einkäufe in der Stadt machen, schlängelt sich durch die einsamen

Felder und schimmert rötlich in der Sonne. Die Reisenden, die diesen

Pfad hinaufkommen, können schon in der Ferne auf dem höchsten Punkt

des welligen Hügellandes die Spitze eines Tempels und das Dach eines

Gebäudes sehen. Denn hier liegt inmitten von Myrobalanenhainen die

Einsiedelei Santi-Niketan, zu der eine Allee von stattlichen Salbäumen

hinanführt.

Und hier hat sich nun seit mehr als fünfzehn Jahren die Schule

entwickelt. Manchen Wechsel und manche ernste Krisis hat sie erlebt.

Da ich den üblen Ruf hatte, ein Dichter zu sein, wurde es mir sehr

schwer, das Vertrauen meiner Landsleute zu gewinnen und dem Verdacht

der Bureaukratie zu entgehen. Wenn ich am Ende einen gewissen Erfolg

hatte, so liegt es daran, daß ich ihn nie erwartete, sondern meinen

eigenen Weg ging, ohne auf Beifall, Rat oder Hilfe von außen zu warten.

Meine Mittel waren außerordentlich gering, da das Unternehmen mich tief

in Schulden gestürzt hatte. Aber diese Armut selbst gab mir Kraft und

lehrte mich, mein Vertrauen auf die Macht der Idee zu setzen, statt auf

äußere Hilfsmittel.

Persönlichkeit · 第 6 / 9 段