So ist auch die Geburt der Seele in die geistige Welt nicht die

Auflösung der Beziehung zu dem, was wir Natur nennen, sondern

vollkommene Verwirklichung dieser Beziehung in der Freiheit.

In der Natur sind wir blind und lahm wie ein Kind vor seiner Geburt.

Aber im geistigen Leben sind wir frei geboren. Und sobald wir aus der

blinden Knechtschaft der Natur befreit sind, steht sie uns im hellen

Licht gegenüber, und wo wir bisher nichts als Hülle sahen, erkennen wir

jetzt die Mutter.

Aber was ist das Endziel der Freiheit, zu der des Menschen Leben

gelangt ist? Sie muß ihren Sinn in etwas haben, über das hinaus wir

nicht zu forschen brauchen. Die Antwort ist dieselbe, die uns das Leben

des Tieres gibt, wenn wir nach seinem letzten Sinn fragen. Wenn die

Tiere ihren Hunger und ihre andern Begierden befriedigen, so fühlen

sie, daß sie sind. Und das ist auch unser Sinn und Ziel: zu wissen, daß

wir sind. Das Tier weiß es, aber sein Wissen ist wie Rauch, nicht wie

Feuer, es kommt als blindes Gefühl, nicht als Erleuchtung, und wenn es

auch die Wahrheit aus ihrem Schlummer aufweckt, so läßt es sie doch im

Dunkel. Es ist das Bewußtsein, das anfängt, das Ich vom Nicht-Ich zu

unterscheiden. Es hat gerade genug Umfang, um sich als Mittelpunkt zu

fühlen.

Auch das letzte Ziel der Freiheit ist zu wissen, daß »ich bin«. Doch

dieses Ich-Bewußtsein ist ein anderes: es ist das Bewußtsein der

Einheit mit dem All im Gegensatz zu dem der Abgesondertheit von allem

andern. Diese Freiheit findet ihre Vollendung nicht in der Extensität,

sondern in der Intensität, in der Liebe. Die Freiheit, zu der das Kind

gelangt, wenn es aus dem Mutterleibe geboren wird, besteht nicht darin,

daß es sich seiner Mutter völliger bewußt wird, sondern daß es zum

intensiven Bewußtsein ihrer in der Liebe gelangt. Im Mutterleibe wurde

es genährt und warm gehalten, aber es war in seiner Einsamkeit ganz

auf sich selbst beschränkt. Nachdem das Kind in die Freiheit geboren

ist, bringt die wechselseitige Beziehung der Liebe zwischen Mutter

und Kind dem Kinde die Freude des vollkommensten Bewußtseins seines

Ichs. Diese Mutterliebe gibt seiner ganzen Welt ihren Sinn. Wenn das

Kind nur ein vegetierender Organismus wäre, dann brauchte es sich nur

mit seinen Wurzeln in seiner Welt festzuklammern und könnte gedeihen.

Aber das Kind ist eine Persönlichkeit, und diese Persönlichkeit strebt

nach vollkommener Verwirklichung, die nie in der Gefangenschaft des

Mutterleibes geschehen kann. Sie muß frei sein, und diese Freiheit

findet ihre Erfüllung nicht in sich selbst, sondern in einer andern

Persönlichkeit, und dies ist Liebe.

Es ist nicht wahr, daß die Tiere keine Liebe empfinden. Aber sie ist

zu schwach, um das Bewußtsein so weit zu erleuchten, daß es ihnen die

ganze Wahrheit der Liebe offenbaren könnte. Ihre Liebe ist ein leises

Glühen, das ihr Ich erhellt, aber nicht die Flamme, die über das

Geheimnis des eigenen Ichs hinausgeht. Ihr Bereich ist zu eng umgrenzt,

um bis an die paradoxe Wahrheit zu reichen, daß die Persönlichkeit,

die das Bewußtsein der Einheit im eigenen Selbst ist, doch erst in der

Einheit mit andern ihre ganze Wahrheit findet.

Diese Paradoxie hat den Menschen zu der Erkenntnis geführt, daß die

Natur, in die hinein wir geboren werden, nur eine unvollkommene

Wahrheit ist wie die Wahrheit des Mutterleibes. Die volle Wahrheit ist,

daß wir im Schoß der unendlichen Persönlichkeit geboren werden. Unsere

wahre Welt ist nicht die Welt der Naturgesetze, der Gesetze von Kraft

und Stoff, sondern die Welt der Persönlichkeit. Wenn wir das vollkommen

erkannt haben, haben wir unsre wahre Freiheit gefunden. Dann verstehen

wir das Wort der Upanischad:

»Erkenne alles, was in der Welt lebt und wirkt, als von Gott

umschlossen, und genieße, was er dir hingibt[14].«

Wir haben gesehen, daß das Bewußtsein der Persönlichkeit mit dem

Gefühl der Abgesondertheit von allen andern beginnt und in dem Gefühl

der Einheit mit allen gipfelt. Selbstverständlich ist das Bewußtsein

der Abgetrenntheit auch zugleich mit einem Bewußtsein der Einheit

verbunden, denn es kann nicht für sich allein existieren. Das Leben,

wo das Bewußtsein der Abgesondertheit an erster und das der Einheit

an zweiter Stelle steht, und wo infolgedessen die Persönlichkeit eng

und vom Licht der Wahrheit nur matt erleuchtet ist, -- dies Leben ist

das Leben des Ichs. Aber das Leben, wo das Bewußtsein der Einheit der

erste Faktor ist, und wo daher die Persönlichkeit weit und vom Licht

der Wahrheit hell erleuchtet ist, dies Leben ist das Leben der Seele.

Die ganze Aufgabe des Menschen liegt darin, vom Ich-Bewußtsein zum

Seelenbewußtsein zu gelangen, seinen inneren Kräften die Richtung

auf das Unendliche zu geben und so von der Verengung des Ichs in der

Begierde zur Ausweitung der Seele in der Liebe fortzuschreiten.

Dies Seelenbewußtsein, das das bewußte Prinzip der Einheit, der

Mittelpunkt aller Beziehungen ist, ist das wahre Sein und daher das

letzte Ziel alles Strebens. Ich muß auf diese Tatsache den größten

Nachdruck legen, daß diese Welt nur in ihrer Beziehung zu einer

zentralen Persönlichkeit Wirklichkeit hat. Ohne diesen Mittelpunkt

fällt sie auseinander, wird zu einem Haufen von Abstraktionen, wie

Kraft und Stoff, und selbst diese, die blassesten Spiegelungen des

Seins, würden in absolutes Nichts verschwinden, wenn das denkende Ich

im Mittelpunkt, zu dem sie durch eine gewisse Vernunftharmonie in

Beziehung stehen, fehlte.

Aber es gibt unzählige solche Zentren. Jedes Wesen hat seine eigene

kleine Welt, deren Zentrum es ist. Daher stellt sich uns unwillkürlich

die Frage: »Gibt es ebensoviele unüberbrückbar voneinander verschiedene

Wirklichkeiten?«

Unsre ganze Natur lehnt sich auf gegen die Bejahung dieser Frage. Denn

wir wissen, daß das Prinzip der Einheit in uns die Grundlage alles

wahren Seins ist. Daher ist der Mensch vom trüben Dämmerlicht seiner

Fragen und Vorstellungen durch all seine Zweifel und Erörterungen

zu der Wahrheit gekommen, daß es einen ewigen Mittelpunkt gibt, zu

dem alle Persönlichkeiten und daher die ganze Welt der Wirklichkeit

ihre Beziehung hat. Dies ist »_Mahān puruṣaḥ_«, die eine höchste

Persönlichkeit; es ist »_Satyaṃ_«, die eine höchste Wahrheit; es ist

»_Jn̆ānaṃ_«, der die höchste Erkenntnis in sich hat und daher sich

selbst in allem erkennt; es ist »_Sarvānubhūḥ_«, der die Gefühle aller

Wesen in sich und daher sich in allen Wesen fühlt.

Aber dieser Höchste, der Mittelpunkt alles Seins, ist nicht nur ein

passives, rezeptives Wesen, er ist _ānanda-rūpam amṛtaṃ yad vibhāti_

-- die Freude, die sich in Formen offenbart. Sein Wille ist es, der

schafft.

Der Wille findet seine höchste Erfüllung nicht in der Welt des

Gesetzes, sondern in der Welt der Freiheit, nicht in der Welt der

Natur, sondern in der geistigen Welt.

Dies erkennen wir an uns selbst. Unsre Sklaven tun, was wir ihnen

befehlen, und versehen uns mit dem, was wir brauchen, aber unsre

Beziehung zu ihnen ist unvollkommen. Wir haben unsre Willensfreiheit,

die nur in der Willensfreiheit anderer ihre Harmonie finden kann.

Wo wir selbst Sklaven sind, in unsern selbstsüchtigen Begierden, da

befriedigt uns das Sklaventum in andern. Denn die Sklaverei entspricht

unserm eigenen Sklaventum und läßt uns in ihm Genüge finden. Als daher

Amerika seine Sklaven befreite, befreite es in Wahrheit sich selbst.

Wir finden unsre höchste Freude in der Liebe. Denn in ihr sehen wir die

Willensfreiheit anderer verwirklicht. Bei unsern Freunden begegnet ihr

Wille unserm Willen in vollkommener Freiheit, nicht im Zwang der Not

oder der Furcht; daher findet unsre Persönlichkeit in dieser Liebe ihre

höchste Verwirklichung.

Weil die Wahrheit unsres Willens in seiner Freiheit besteht, daher ist

auch reine Freude nur in der Freiheit möglich. Wir finden Freude in

der Befriedigung unsrer Bedürfnisse, aber diese Freude ist negativer

Art. Denn das Bedürfnis ist eine Sklaverei, von der wir durch die

Befriedigung des Bedürfnisses befreit werden. Aber damit ist auch die

Freude zu Ende. Es ist anders mit unsrer Freude an der Schönheit. Sie

ist positiver Art. Im harmonischen Rhythmus finden wir die Vollendung.

Dort sehen wir nicht die Substanz oder das Gesetz, sondern die

reine Form, die mit unsrer Persönlichkeit in Harmonie ist. Aus der

Knechtschaft bloßen Stoffes und bloßer Linien geht das hervor, was

über alle Schranken hinaus ist. Wir fühlen uns sogleich frei von der

tyrannischen Sinnlosigkeit der Einzeldinge, -- jetzt geben sie uns

etwas, was zu unserm eignen Selbst in persönlicher Beziehung steht.

Die Offenbarung der Einheit in ihrer passiven Vollkommenheit, die wir

in der Natur finden, ist die Schönheit; die Offenbarung der Einheit in

ihrer aktiven Vollkommenheit, die wir in der geistigen Welt finden,

ist die Liebe. Diese besteht nicht in der Harmonie der äußeren Formen,

sondern in der Harmonie der Willen. Der Wille, der frei ist, bedarf zur

Verwirklichung seiner Harmonie andrer Willen, die auch frei sind, und

darin liegt die Bedeutung des religiösen Lebens. Der ewige Mittelpunkt

alles Seins, das höchste Wesen, das seine Freude ausstrahlt, indem es

sich in Freiheit hingibt, muß andre Freiheitszentren schaffen, um sich

mit ihnen in Harmonie zu einen. Die Schönheit ist die Harmonie, die

sich in Dingen verwirklicht, die durch das Naturgesetz gebunden sind.

Die Liebe ist die Harmonie, die sich in Willen verwirklicht, welche

frei sind.

Im Menschen sind solche Freiheitszentren geschaffen. Er soll kein

bloßer Empfänger von Gaben der Natur sein; er soll sich voll

ausstrahlen im Schaffen seiner Kraft und in der Vervollkommnung

seiner Liebe. Sein Ziel muß der Unendliche sein, wie der Unendliche

in ihm sein Ziel hat. Die Schöpfung der natürlichen Welt ist Gottes

eigene Schöpfung, wir können sie nur empfangen und dadurch uns zu

eigen machen. Aber bei der Schöpfung der geistigen Welt sind wir

Gottes Partner. Bei dieser Arbeit muß Gott warten, daß unser Wille

mit dem seinen übereinstimmt. Nicht Macht ist es, was diese geistige

Welt aufbaut; nirgends, auch nicht in dem entferntesten Winkel, gibt

es in ihr Passivität oder Zwang. Das Bewußtsein muß alle Nebel der

Täuschung abgestreift haben, der Wille muß von allen Gegenkräften

der Leidenschaften und Begierden befreit sein, bevor wir an Gottes

Schöpfungswerk teilnehmen. Solange wir nur Empfänger seiner Gaben sind,

hat unser Verhältnis zu ihm noch nicht seine volle Wahrheit gefunden,

denn es ist einseitig und daher unvollkommen. Wie er uns aus seiner

eigenen Fülle gibt, sollen auch wir ihm von unserm Überfluß geben.

Daraus quillt reine Freude, nicht nur für uns, sondern auch für Gott.

In unserm Lande haben die Wischnusänger diese Wahrheit erkannt und sie

kühn verkündet, indem sie sagten, erst in den Menschenseelen fände

Gott die Erfüllung seiner Liebe. In der Liebe muß Freiheit sein, daher

muß Gott nicht nur warten, bis unsre Seele freiwillig den Einklang

mit seiner Seele sucht, sondern er muß auch leiden, wenn sie dieser

Harmonie widerstrebt und sich gegen ihn auflehnt.

Daher hat es bei der Schöpfung der geistigen Welt, an der der Mensch

in Gemeinschaft mit Gott arbeiten muß, Leiden gegeben, von denen die

Tiere keine Ahnung haben können. Beim Stimmen der Instrumente haben

die Saiten oft in schrillen Dissonanzen aufgeschrien, und oft sind

sie gerissen. Wenn wir die Mitarbeit des Menschen am Werke Gottes von

dieser Seite sehen, so erscheint sie uns sinnlos und schädlich. Das

Ideal, das im Herzen dieser Schöpfung ist, läßt uns jeden Fehler und

Mißton wie einen Dolchstoß empfinden, und die Seele stöhnt und blutet.

Oft hat die Freiheit sich in ihr Gegenteil gewandelt, um zu beweisen,

daß sie Freiheit ist, und der Mensch hat gelitten, und Gott mit ihm,

auf daß diese Welt des Geistes geläutert und rein aus ihrem Feuerbade

hervorgehen möge, mit leuchtenden Gliedern wie ein göttliches Kind.

Es hat Heuchelei und Lüge gegeben, grausame Überhebung, die sich

über die Wunden entrüstet, die sie selbst geschlagen, geistlichen

Hochmut, der im Namen Gottes den Menschen schmäht, Machthochmut, der

Gott lästert, indem er ihn seinen Verbündeten nennt; jahrhundertelang

hat man den Schmerzensschrei der Gequälten gewaltsam erstickt und

Menschenkinder ihres rechten Armes beraubt, um sie für alle Zeit wehr-

und hilflos zu machen; man hat die Felder mit dem blutigen Schweiß der

Sklaverei gedüngt, um Leckerbissen darauf zu bauen, und seinen Reichtum

aufgerichtet auf Mangel und Hungersnot. Aber ich frage: Hat dieser

Riesengeist der Verneinung gesiegt? Ist das Leiden, das er im Herzen

des Unendlichen hervorgerufen hat, nicht seine größte Niederlage?

Und wird sein gefühlloser Stolz nicht in jedem Augenblick seines

aufgeblasenen Daseins selbst durch das Gras am Wege und die Blumen auf

dem Felde beschämt? Trägt nicht das Verbrechen an Gott und Menschen

seine Strafe selbst als Krone der Häßlichkeit auf dem Haupte? Ja, das

Göttliche im Menschen läßt sich durch Erfolg oder Organisationen seines

Gegners nicht einschüchtern; es setzt sein Vertrauen nicht auf die

Größe seiner Macht und auf kluge Vorsicht. Seine Stärke liegt nicht in

Muskel- oder Maschinenkraft, nicht in Klugheit der Politik, noch in

Robustheit des Gewissens, sondern in seinem Streben nach Vollendung.

Wenn auch das Heute es verhöhnt, so hat es doch die Ewigkeit des Morgen

auf seiner Seite. Dem Anschein nach ist es hilflos wie ein neugebornes

Kind, aber seine nächtlichen Leidenstränen setzen alle unsichtbaren

Kräfte des Himmels in Bewegung, sie rufen in der ganzen Schöpfung die

Mutter wach. Kerkermauern fallen ein, ungeheure Berge von Reichtümern

stürzen, vom Mißverhältnis ihrer eigenen Last umgerissen, kopfüber in

den Staub. Die Geschichte der Erde ist die Geschichte von Erdbeben

und Sintfluten und vulkanischen Ausbrüchen, und doch ist sie bei

alledem die Geschichte der grünen Felder und der murmelnden Bäche, der

Schönheit und des fruchtbaren Lebens. Und die geistige Welt, die aus

dem Leben des Menschen und dem Leben Gottes emporwächst, wird diese

Zeit der ersten Kindheit, wo sie immer wieder hilflos zu Fall kommt

und sich verletzt, hinter sich lassen und eines Tages in der Kraft

der Jugend auf festen Füßen stehen, in frohem Genuß der Schönheit und

Freiheit ihrer Bewegung.

Das Leiden gerade ist unsre größte Hoffnung. Denn es ist der

Sehnsuchtsschrei der Unvollkommenheit, der von ihrem Glauben an

Vollkommenheit zeugt, wie der Schrei des Kindes von dem Glauben an die

Mutter. Dies Leiden treibt den Menschen dazu, mit seinem Gebet ans Tor

des Unendlichen, des Göttlichen in ihm zu pochen und so seinen tiefsten

Instinkt, seinen unmittelbaren Glauben an das Ideal zu beweisen, den

Glauben, mit dem er dem Tode mutig entgegentritt und allem entsagt,

was zu seinem engeren Selbst gehört. Gottes Leben, das sich in seine

Schöpfung ergießt, hat das Leben des Menschen berührt, das nun auch

der Freiheit zuströmt. Immer wenn in die Harmonie des Schöpfungsliedes

hinein eine Dissonanz schrillt, ruft der Mensch aus: »_Asato mā sad

gamaya_«, »Hilf mir aus dem Nichtsein zum wahren Sein.« Er gibt

sein Selbst hin, daß es für die Musik der Seele gestimmt werde. Auf

diese Hingabe wartet Gott, denn die geistige Harmonie kann nur durch

Freiheit entstehen. Daher ist die freiwillige Hingabe des Menschen an

den Unendlichen der Anfang der vollkommenen Vereinigung mit ihm. Erst

dann, durch das Medium der Freiheit, kann Gottes Liebe voll auf die

Menschenseele wirken. Diese Hingabe besteht in der freien Wahl unsrer

Seele, ihr Leben dem Werke Gottes zu weihen, die Welt des Naturgesetzes

in eine Welt der Liebe umzuwandeln.

In der Geschichte des Menschen hat es Augenblicke gegeben, wo sein

Leben mit der Musik von Gottes Leben in vollkommener Harmonie

zusammenklang. Wir haben gesehen, wie des Menschen Persönlichkeit in

restloser Selbsthingabe aus überquellender Liebe ihre Vollendung fand,

indem sie selbst göttliches Wesen erlangte. Es sind Menschen in dieser

Welt der Natur geboren, mit menschlichen Begierden und Schwächen,

die dennoch bewiesen haben, daß sie in der Welt des Geistes atmeten,

daß die höchste Wirklichkeit die Freiheit der Persönlichkeit in der

vollkommenen Vereinigung der Liebe ist. Sie machten sich frei von allen

selbstsüchtigen Wünschen und Begierden, von allen engen Vorurteilen der

Kaste und der Nationalität, von der Menschenfurcht und der Knechtschaft

der Glaubensdogmen und Konventionen. Sie wurden eins mit ihrem Gott im

freien, tätigen Wirken mit ihm. Sie liebten und litten. Sie boten ihre

Brust den Pfeilen des Bösen und bewiesen, daß der Geist unsterbliches

Leben hat. Große Königreiche wechseln ihre Formen und verschwinden

wie Wolken, Institutionen zerfließen in der Luft wie Träume, Nationen

spielen ihre Rolle und versinken in Dunkel, aber jene Einzelwesen

tragen das unsterbliche Leben der ganzen Menschheit in sich: Ihr Leben

fließt wie ein ewiger, gewaltiger Strom durch grüne Felder und Wüsten

und durch die langen, dunklen Höhlen der Vergessenheit in die tanzende

Freude des Sonnenlichts hinein und bringt im endlosen Lauf der Jahre

Wasser des Lebens an die Türen von Millionen Menschen, das ihren Durst

löscht und ihre Leiden heilt und sie reinigt vom Staub des Alltags, und

singt mit heller Stimme durch den Lärm der Märkte das Lied des ewigen

Lebens, das Jubellied:

Dies ist der höchste Pfad,

Dies ist der höchste Schatz,

Dies ist die höchste Welt,

Dies ist die höchste Wonne.

MEINE SCHULE

Als ich mich den Vierzigern näherte, eröffnete ich eine Schule in

Bengalen. Das hatte man sicherlich nicht von mir erwartet, der ich den

größten Teil meines Lebens damit zugebracht hatte, Verse zu machen.

Daher dachten die Menschen natürlich, daß diese Anstalt wohl keine

Musterschule werden würde; jedenfalls aber würde sie etwas unerhört

Neues sein, da ich mich so ganz ohne alle Erfahrung an das Unternehmen

gewagt hatte.

Dies ist der Grund, warum ich so oft gefragt werde, was denn eigentlich

die Idee ist, die meiner Schule zugrunde liegt. Die Frage setzt

mich sehr in Verlegenheit, denn ich darf nichts Alltägliches darauf

antworten, wenn ich die Erwartung der Fragenden befriedigen will. Ich

will jedoch der Versuchung, originell zu sein, widerstehen und mich

damit begnügen, nur wahr zu sein.

Ich muß gleich gestehen, daß es schwer für mich ist, diese Frage

überhaupt zu beantworten. Denn eine Idee ist nicht etwas wie ein festes

Fundament, worauf man ein Gebäude errichtet. Sie ist mehr wie ein

Samenkorn, das auch nicht gleich, so wie es anfängt zu keimen und zu

wachsen, auseinandergelegt und erklärt werden kann.

Nun aber verdankt diese Schule ihren Ursprung gar nicht irgendeiner

neuen Erziehungstheorie, sondern einfach der Erinnerung an meine eigene

Schulzeit.

Wenn diese Zeit für mich eine unglückliche war, so liegt der Grund

dafür nicht nur in meiner persönlichen Anlage oder in den besonderen

Übelständen der Schulen, die ich besuchte. Es kann schon sein, daß

ich, wenn ich etwas robuster gewesen wäre, mich dem Druck allmählich

angepaßt und es schließlich bis zum Abschluß des Universitätsstudiums

gebracht hätte. Aber Schulen sind nun einmal Schulen, wenn auch einige

besser sind als andere, je nach dem Maßstab, den sie an sich legen.

Die Vorsehung hat dafür gesorgt, daß die Kinder sich von der Milch der

Mutter nähren. Sie finden ihre Mutter und ihre Nahrung zu gleicher

Zeit, und Körper und Seele kommen zugleich zu ihrem Recht. So lernen

sie gleich die große Wahrheit, daß die wahre Beziehung des Menschen zur

Welt die persönliche Liebe ist und nicht das mechanische Kausalgesetz.

Einleitung und Schluß eines Buches haben ähnlichen Charakter. In

beiden wird die Wahrheit als Ganzes vor den Leser hingestellt, ohne

daß die Einzelheiten entwickelt werden. Der Unterschied ist nur, daß

diese Wahrheit uns in der Einleitung einfach erscheint, weil sie noch

nicht analysiert ist, und am Schluß, weil die Analyse vollständig ist.

Zwischen beiden entfaltet sich die Wahrheit, hier verwickelt sie sich,

stößt sich an Hindernissen und bricht ganz auseinander, um sich endlich

in vollkommener Einheit wiederzufinden.

So wird auch dem Menschen gleich beim Eintritt in die Welt der

Weisheit letzter Schluß in dieser einfachen Form offenbart. Er wird

in eine Welt geboren, die für ihn intensivstes Leben ist, wo er als

Einzelwesen die volle Aufmerksamkeit seiner Umgebung in Anspruch nimmt.

Wie er heranwächst, geht ihm die naive Sicherheit in der Auffassung

der Wirklichkeit verloren, er kann sich in der Kompliziertheit der

Dinge nicht mehr zurechtfinden und trennt sich von seiner Umgebung,

oft im Geiste des Widerspruchs. Doch wenn so die Einheit der

Wahrheit zerbricht und ein hartnäckiger Bürgerkrieg zwischen seiner

Persönlichkeit und seiner Umgebung anhebt, so kann Sinn und Ziel doch

nicht ewige Zwietracht sein. Um diesen Sinn und den rechten Schluß für

sein Leben zu finden, muß er über den Umweg des Zweifels wieder den Weg

zur schlichten, vollkommenen Wahrheit finden, zur Einheit mit der Welt

durch das Band unendlicher Liebe.

Daher sollte man dem Menschen in seiner Kindheit sein volles Maß vom

Trunk des Lebens geben, nach dem ihn so unaufhörlich dürstet. Das

junge Gemüt sollte ganz von dem Gefühl durchdrungen werden, daß es

hineingeboren ist in eine Menschenwelt, die in Harmonie ist mit der

umgebenden Welt. Und dies gerade ist es, was unsere herkömmliche

Schule mit überlegener Weisheitsmiene streng und hochmütig übersieht.

Sie reißt die Kinder mit Gewalt aus einer Welt, die voll ist von dem

geheimnisvollen Wirken Gottes, voll von Hindeutungen auf persönliches

Leben. Aus bloßen Gründen der Schulzucht weigert sie sich, das

einzelne Kind zu berücksichtigen. Sie ist eine Fabrik, die eigens

dazu eingerichtet ist, Waren von möglichst gleichförmigem Schliff

herzustellen. Sie zieht eine gerade Linie nach dem Durchschnittsmaß,

und dieser Linie folgt sie, wenn sie die Kanäle des Unterrichts gräbt.

Aber das Leben hält sich nicht an die gerade Linie, es hat seinen Spaß

daran, mit dieser Durchschnittslinie auf- und abzuwippen, und lädt

so den Zorn der Schule auf sein Haupt. Denn nach der Auffassung der

Schule ist das Leben vollkommen, wenn es sich behandeln läßt, als ob

es tot sei, so daß man es nach Belieben symmetrisch zerlegen kann. Das

war es, worunter ich litt, als ich zur Schule geschickt wurde. Denn

plötzlich entwich meine Welt rings um mich her und machte hölzernen

Bänken und geraden Wänden Platz, die mich mit dem leeren Blick des

Blinden anstarrten. Der Schulmeister hatte mich nicht geschaffen, das

Unterrichtsministerium war nicht zu Rate gezogen, als ich in diese Welt

kam. Aber war das ein Grund, das Versehen meines Schöpfers an mir zu

rächen?

Doch die Sage lehrt uns ja, daß man nicht im Paradiese bleiben darf,

wenn man vom Baum der Erkenntnis ißt. Daher müssen die Kinder der

Menschen aus ihrem Paradiese in ein Reich des Todes verbannt werden,

in dem der Geist der Uniform herrscht. So mußte mein Geist sich in die

enge Hülle der Schule zwängen lassen, die wie die Schuhe der Chinesin

meine Natur bei jeder Bewegung überall drückte und quetschte. Ich war

glücklich genug, mich ihrer zu entledigen, bevor mein Gefühl ganz

abstarb.

Obgleich ich nicht die volle Bußzeit abzudienen brauchte, die die

Menschen meines Standes auf sich nehmen müssen, um Zutritt zu der

Gesellschaft der Gebildeten zu erlangen, so bin ich doch froh, daß mir

ihre Plage nicht ganz erspart blieb. Denn so habe ich an mir selbst das

Unrecht erfahren, das die Kinder der Menschen erleiden.

Die Ursache dieses Unrechts ist, daß der Erziehungsplan der Menschen

dem Plan Gottes zuwiderläuft. Wie wir unsre Geschäfte betreiben, ist

unsre Sache, und daher können wir in unserm Geschäftsbureau schaffen

und wirken, wie es unserm besonderen Zweck entspricht. Aber solch ein

Geschäftsbetrieb paßt nicht für Gottes Schöpfung. Und die Kinder sind

Gottes eigene Schöpfung.

Persönlichkeit · 第 5 / 9 段