Des Menschen soziale Welt gleicht einem Nebelsternsystem; sie besteht

zum größten Teile aus abstrakten Begriffen wie: Gesellschaft,

Staat, Nation, Handel, Politik und Krieg. Im dichten Nebel dieser

Begriffe ist der Mensch verborgen und die Wahrheit verwischt. Die

ganz unbestimmte Idee des Krieges allein schon verdeckt unserm Blick

eine Menge von Elend und trübt unsern Wirklichkeitssinn. Die Nation

ist schuld an Verbrechen, die uns entsetzen würden, wenn man einen

Augenblick den Nebel um sie verscheuchen könnte. Die Idee Gesellschaft

hat zahllose Formen von Sklaverei geschaffen, die wir nur dulden,

weil sie unser Gefühl für die menschliche Persönlichkeit abgestumpft

hat. Und im Namen der Religion konnten Taten verübt werden, für die

die Hölle selbst nicht Strafen genug haben kann, weil sie fast den

ganzen fühlenden Leib der Menschheit mit einer gefühllos machenden

Kruste von Glaubensbekenntnissen und Dogmen überzogen hat. Überall

in der Menschenwelt leidet die Gottheit darunter, daß die lebendige

Wirklichkeit des Menschen unter der Last von Abstraktionen erstickt

wird. In unsern Schulen verbirgt der Begriff Klasse die Individualität

der Kinder, sie werden _nur_ Schüler. Wir empfinden es gar nicht mehr,

wenn wir sehen, wie das Leben der Kinder in der Klasse erdrückt wird,

wie Blumen, die man in einem Buch preßt. In der Regierung hat die

Bureaukratie es nur mit Klassenbegriffen und nicht mit Menschen zu

tun, und so verübt sie unbedenklich Grausamkeiten im großen. Sobald

wir einen wissenschaftlichen Grundsatz wie den der »natürlichen

Auslese« als Wahrheit anerkennen, verwandelt er sofort die ganze

Welt der menschlichen Persönlichkeit in eine trostlose Wüste von

Abstraktionen, wo alle Dinge furchtbar einfach werden, weil sie ihres

Lebensgeheimnisses beraubt sind.

Auf diesen weiten Nebelstrecken erschafft die Kunst ihre Sterne. Durch

sie erkennen wir uns als Kinder des Unsterblichen und als Erben der

himmlischen Welten.

Was ist es, das dem Menschen trotz der unleugbaren Tatsache des

Todes doch die Gewißheit der Unsterblichkeit gibt? Es ist weder

seine physische noch seine geistige Organisation. Es ist jene innere

Einheit, jenes letzte Geheimnis in ihm, das aus dem Zentrum seiner

Welt nach allen Seiten ausstrahlt, das in seinem Körper und in seinem

Geiste ist und doch über beide hinausgeht, das sich durch alle Dinge,

die ihm gehören, offenbart und doch etwas anderes ist als sie; das

seine Gegenwart füllt und die Ufer seiner Vergangenheit und Zukunft

überflutet. Es ist die Persönlichkeit des Menschen, die sich ihrer

unerschöpflichen Fülle bewußt ist, die den scheinbaren Widerspruch in

sich trägt, daß sie mehr ist als sie selbst, mehr als von ihr sichtbar

und erkennbar ist. Und dies Unendlichkeitsbewußtsein im Menschen strebt

immer nach unvergänglichem Ausdruck und sucht sich die ganze Welt zu

eigen zu machen. Die Werke der Kunst sind Grüße, die die menschliche

Seele dem Höchsten als Antwort sendet, wenn er sich uns durch die

dunkle Welt von Tatsachen hindurch in einer Welt unendlicher Schönheit

offenbart.

DIE WELT DER PERSÖNLICHKEIT

»Die Nacht ist ein dunkles Kind, das eben vom Tag geboren ist.

Millionen von Sternen stehen dicht gedrängt um seine Wiege und

beobachten es, regungslos, damit es nicht aufwacht.«

So will ich fortfahren, aber die Naturwissenschaft unterbricht mich

lachend. Sie nimmt Anstoß an meiner Behauptung, daß die Sterne

stillstehen.

Doch wenn ich mich irre, so bin nicht ich schuld daran, sondern die

Sterne selbst. Es ist ganz offenbar, daß sie stillstehen. Es ist eine

Tatsache, die sich nicht wegdisputieren läßt.

Allein die Wissenschaft hat nun einmal die Gewohnheit, zu disputieren.

Sie sagt: »Wenn du meinst, daß die Sterne stillstehen, so beweist dies

nur, daß du zu weit von ihnen entfernt bist.«

Ich antworte prompt: »Wenn ihr sagt, daß die Sterne umherrasen, so

beweist das nur, daß ihr ihnen zu nahe seid.«

Die Naturwissenschaft ist erstaunt über meine Verwegenheit.

Aber ich bleibe hartnäckig bei meiner Behauptung und sage, daß, wenn

die Naturwissenschaft sich die Freiheit nimmt, den Standpunkt der

Nähe zu wählen und den der Ferne zu mißachten, sie mich nicht tadeln

darf, wenn ich den entgegengesetzten Standpunkt einnehme und die

Glaubwürdigkeit der Nähe bezweifle.

Die Naturwissenschaft ist unerschütterlich überzeugt, daß der Anblick

aus der Nähe der zuverlässigste ist.

Aber ich zweifle, ob sie in ihren Ansichten konsequent ist. Denn als

ich sicher war, daß die Erde unter meinen Füßen flach sei, da belehrte

sie mich eines Bessern, indem sie mir sagte, daß der Anblick aus der

Nähe nicht das richtige Bild gäbe und daß man Abstand nehmen müsse, um

zur vollkommenen Wahrheit zu gelangen.

Ich will ihr gern zustimmen. Denn sehen wir nicht an uns selbst,

daß wir, wenn wir unserm Ich zu nahe bleiben, es mit den Augen der

Selbstsucht sehen und eine flache und isolierte Ansicht von uns

gewinnen, aber wenn wir über uns hinausgehen und uns in andern sehen,

so erhalten wir ein rundes und zusammenhängendes Bild, das uns unser

wahres Wesen zeigt?

Aber wenn die Naturwissenschaft überhaupt glaubt, daß der Abstand von

den Dingen uns ein richtigeres Bild von ihnen gibt, so muß sie auch

ihren Aberglauben von der Ruhelosigkeit der Sterne aufgeben. Wir Kinder

der Erde gehen in die Schule der Nacht, um einen Blick auf die Welt

als Ganzes zu werfen. Unser großer Meister weiß, daß wir den vollen

Anblick des Weltalls ebensowenig ertragen könnten wie den Anblick der

Mittagssonne. Wir müssen sie durch ein geschwärztes Glas sehen. Die

gütige Natur hält das dunkle Glas der Nacht vor unsre Augen und läßt

uns das Weltall aus der Ferne sehen. Und was ist es, was wir sehen? Wir

sehen, daß die Welt der Sterne stillsteht. Denn wir sehen diese Sterne

in ihrer Beziehung zueinander, und sie erscheinen uns wie Ketten von

Diamanten um den Hals einer schweigenden Gottheit. Aber die Astronomie

reißt wie ein neugieriges Kind einen einzelnen Stern von der Kette los

und stellt dann fest, daß er umherrollt.

Wem soll man nun glauben? Die Glaubwürdigkeit der Sternenwelt kommt

nicht in Frage. Man braucht nur seine Augen aufzuheben und ihnen

ins Antlitz sehen, so muß man ihnen glauben. Sie bringen keine

scharfsinnigen Beweisgründe vor, und das erscheint mir immer als bester

Beweis der Zuverlässigkeit. Sie geraten nicht außer sich, wenn man

ihnen nicht glaubt. Aber wenn ein einzelner von diesen Sternen von

der Tribüne des Weltalls heruntersteigt und der Mathematik verstohlen

sein Geheimnis ins Ohr flüstert, so sehen wir, daß die Sache sich ganz

anders verhält.

Daher wollen wir kühn behaupten, daß beide Aussagen gleich wahr

sind. Laßt uns annehmen, daß die Sterne auf der Ebene des Abstands

stillstehen und auf der Ebene der Nähe sich bewegen. Auf die eine Weise

angesehen, sind die Sterne in Wahrheit regungslos und auf die andere in

Bewegung. Nähe und Ferne sind die Hüter zweier verschiedener Reihen von

Tatsachen, aber beide sind _einer_ Wahrheit untertan. Wenn wir daher

uns auf Seite der einen stellen und die andere schmähen, so verletzen

wir die Wahrheit, die beide umfaßt.

Von dieser Wahrheit sagt die Ischa-Upanischad[7]: »Sie bewegt sich. Sie

bewegt sich nicht. Sie ist fern. Sie ist nahe.«

Der Sinn ist der: Wenn wir die Wahrheit in ihren einzelnen Teilen, die

uns nahe sind, verfolgen, so sehen wir sie sich bewegen. Wenn wir die

Wahrheit von einem gewissen Abstand aus als Ganzes überblicken, so

steht sie still. Es ist, wie wenn wir ein Buch lesen: alles in ihm ist

in Bewegung, so lange wir den Inhalt von Kapitel zu Kapitel verfolgen,

doch wenn wir damit fertig sind, wenn wir das ganze Buch kennen, steht

es still und umfaßt zugleich alle Kapitel in ihren gegenseitigen

Beziehungen.

Es gibt im Geheimnis des Daseins einen Punkt, wo Gegensätze sich

vereinen, wo Bewegung nicht nur Bewegung und Ruhe nicht nur Ruhe ist,

wo Idee und Form, Inneres und Äußeres eins werden, wo das Unendliche

endlich wird, ohne seine Unendlichkeit zu verlieren. Wenn diese Einheit

aufgehoben ist, verlieren die Dinge ihr wahres Wesen.

Wenn ich ein Rosenblatt durch ein Mikroskop betrachte, sehe ich es

ausgedehnter als es mir gewöhnlich erscheint. Je mehr ich seine

Ausdehnung vergrößere, um so unbestimmter wird es, bis es im

unendlichen Raum weder ein Rosenblatt noch sonst etwas ist. Es wird

erst ein Rosenblatt, wo das Unendliche in einem bestimmten Raum

Endlichkeit wird. Wenn wir die Grenzen dieses Raumes weiter oder enger

ziehen, so beginnt das Rosenblatt seine Wirklichkeit zu verlieren.

Wie mit dem Raum, so ist es auch mit der Zeit. Wenn ich durch

irgendeinen Zufall die Schnelligkeit der Zeit in bezug auf das

Rosenblatt steigern könnte, indem ich, sagen wir, einen Monat in eine

Minute verdichtete, während ich selbst dabei auf meiner normalen

Zeitebene bliebe, so würde es mit solcher rasenden Geschwindigkeit vom

Punkt des ersten Erscheinens bis zum Punkt des Verschwindens eilen,

daß ich nicht imstande wäre, es wahrzunehmen. Wir können sicher sein,

daß es Dinge in dieser Welt gibt, die andre Geschöpfe wahrnehmen, aber

die für uns nicht da sind, da ihre Zeit der unsern nicht entspricht.

Unsre Geruchsnerven halten nicht Schritt mit denen des Hundes, daher

existieren viele Erscheinungen für uns gar nicht, die ein Hund als

Geruch wahrnimmt.

Wir hören zum Beispiel von mathematischen Wunderkindern, die in

unglaublich kurzer Zeit schwierige Aufgaben ausrechnen. Ihr Geist

arbeitet in bezug auf mathematische Berechnungen auf einer andern

Zeitebene nicht nur als unserer, sondern auch als ihrer eigenen in den

übrigen Lebensgebieten. Es ist, als ob der mathematische Teil ihres

Geistes auf einem Kometen lebte, während die andern Teile Bewohner

dieser Erde sind. Daher ist der Vorgang, durch den sie zu ihrem

Resultat kommen, nicht nur uns unsichtbar, sondern auch sie selbst

sehen ihn nicht.

Es ist eine ganz bekannte Tatsache, daß unsre Träume oft in einem

Zeitmaß dahinfließen, das ganz verschieden von dem unsres wachen

Bewußtseins ist. Fünfzig Minuten der Sonnenuhr unsres Traumlandes sind

vielleicht fünf Minuten unsrer Stubenuhr. Wenn wir von dem Terrain

unsres wachen Bewußtseins aus diese Träume beobachten könnten, so

würden sie wie ein Schnellzug an uns vorbeirasen. Oder wenn wir vom

Fenster unsrer schnell dahinfliehenden Träume aus die langsamere Welt

unsres wachen Bewußtseins beobachten könnten, so würde sie mit großer

Geschwindigkeit hinter uns zurückzuweichen scheinen. Ja, wenn die

Gedanken, die sich in andern Hirnen bewegen, offen vor uns lägen, so

würden wir sie anders wahrnehmen als jene selbst, da unser geistiges

Zeitmaß ein anderes ist. Wenn wir den Maßstab unsrer Zeitwahrnehmung

nach Belieben vergrößern oder verkleinern könnten, so würden wir den

Wasserfall stillstehen und den Fichtenwald wie einen grünen Niagara

schnell dahinrauschen sehen.

So ist es fast ein Gemeinplatz, wenn wir sagen, die Welt ist das,

als was wir sie wahrnehmen. Wir bilden uns ein, unser Geist sei

ein Spiegel, der mehr oder weniger genau das zurückwirft, was sich

draußen ereignet. Im Gegenteil, unser Geist selbst ist der eigentliche

Schöpfer. Während ich die Welt beobachte, erschaffe ich sie mir

unaufhörlich selbst in Zeit und Raum.

Die Ursache der Mannigfaltigkeit der Schöpfung ist, daß der Geist die

verschiedenen Erscheinungen in verschiedener zeitlicher und räumlicher

Einstellung wahrnimmt. Wenn er die Sterne in einem Raum sieht, den man

bildlich als dicht bezeichnen könnte, so sind sie nahe beieinander

und bewegungslos. Wenn er die Planeten sieht, so sieht er sie in weit

geringerer Raumdichtigkeit, und da erscheinen sie weit voneinander

entfernt und in Bewegung. Wenn wir die Moleküle eines Eisenstückes in

einem ganz andern Raum sehen könnten, so würden wir sehen, wie sie sich

bewegen. Aber da wir die Dinge in ihren bestimmten Raum- und Zeitmaßen

sehen, ist Eisen für uns Eisen, Wasser ist Wasser und Wolken sind

Wolken.

Es ist eine ganz bekannte psychologische Tatsache, daß durch Änderung

unsrer geistigen Einstellung Gegenstände ihr Wesen zu verändern

scheinen; was uns angenehm war, wird uns zuwider, und umgekehrt. In

einem gewissen Zustande der Verzücktheit haben die Menschen in der

Kasteiung ihres Fleisches Genuß gesucht. Die außerordentlichen Leiden

der Märtyrer scheinen uns übermenschlich, weil wir die geistige

Haltung, unter deren Einfluß man sie ertragen, ja ersehnen kann, noch

nicht an uns erfahren haben. In Indien hat man oft gesehen, daß Fakire

über glühendes Eisen gingen, wenn solche Fälle auch wissenschaftlich

noch nicht untersucht sind. Man kann verschiedener Meinung sein über

die Wirksamkeit der Glaubensheilung, die den Einfluß des Geistes auf

die Materie zeigt, aber seit den frühesten Zeiten haben Menschen an sie

geglaubt und danach gehandelt. Unsre sittliche Erziehung gründet sich

auf die Tatsache, daß durch unsre veränderte geistige Einstellung unsre

Perspektive, ja in gewisser Hinsicht die ganze Welt eine andre wird,

worin alles einen andern Wert bekommt. Daher wird das, was für einen

Menschen wertvoll ist, solange er sittlich unentwickelt ist, schlimmer

als wertlos für ihn, wenn er zu einer höhern Sittlichkeit gelangt.

Walt Whitman zeigt in seinen Gedichten eine große Geschicklichkeit,

seinen geistigen Standpunkt zu wechseln und damit seiner Welt eine

neue und von der der andern Menschen verschiedene Gestalt zu geben,

indem er die Verhältnisse der Dinge umordnet und ihnen dadurch eine

ganz neue Bedeutung gibt. Solche Beweglichkeit des Geistes wirft alle

Konventionen über den Haufen. Daher sagt er in einem seiner Gedichte:

Ich höre, man macht mir den Vorwurf, ich wolle die Institutionen

zerstören.

Doch was sind mir Institutionen?

Was habe ich mit ihnen zu schaffen, und was sollte mir ihre

Zerstörung?

Nur _eine_ Institution gibt es, die ich gründen will,

In dir, Mannahatta, und in jeder Stadt dieser Staaten, im

Binnenlande und an der Küste,

In Feldern und Wäldern und auf der See, über jedem Kiel, der ihre

Wasser durchschneidet;

Ich will sie gründen ohne Haus, ohne Hüter und ohne Satzungen:

Die Institution treuer Bruderliebe.

Solide Institutionen von massivem Bau lösen sich in der Welt dieses

Dichters in Dunst auf. Sie ist wie eine Welt von Röntgenstrahlen, für

die manche festen Dinge als solche nicht bestehen. Dagegen hat die

Bruderliebe, die in der gewöhnlichen Welt etwas Fließendes ist, wie die

Wolken, die über den Himmel hinziehen ohne eine Spur zurückzulassen,

in der Welt des Dichters mehr Festigkeit und Dauer als alle

Institutionen. Hier sieht er die Dinge in einer Zeit, wo die Berge wie

Schatten dahinschwinden und wo die Regenwolken mit ihrer scheinbaren

Vergänglichkeit ewig sind. Hier erkennt er, daß die Bruderliebe wie die

Wolken, die keines festen Fundamentes bedürfen, Halt und Dauer hat,

ohne Haus, ohne Hüter und ohne Satzungen.

Whitman steht auf einer andern Zeitebene, seine Welt fällt noch nicht

in Trümmer, wenn man sie aus den Angeln hebt, weil sie seine eigene

Persönlichkeit zum Zentrum hat. Alle Geschehnisse und Gestalten dieser

Welt haben ihre Beziehung zu dieser zentralen schöpferischen Kraft,

daher sind sie auch ganz von selbst untereinander verbunden. Seine Welt

mag wohl ein Komet unter Sternen sein und ihre eigene Bewegung haben,

aber sie hat auch ihre eigene Gesetzmäßigkeit durch die Zentralkraft

der Persönlichkeit. Es mag eine verwegene, ja eine tolle Welt sein,

deren exzentrischer Schweif eine ungeheure Bahn beschreibt, aber eine

Welt ist es.

Doch mit der Naturwissenschaft ist es anders. Denn sie versucht, jene

zentrale Persönlichkeit ganz auszuschalten, durch die die Welt erst

eine Welt wird. Die Naturwissenschaft stellt einen unpersönlichen und

unveränderlichen Maßstab für Raum und Zeit auf, der nicht der Maßstab

der Schöpfung ist. Daher wirkt seine Berührung so vernichtend auf die

lebendige Wirklichkeit der Welt, daß sie zu einem leeren Begriff wird

und ihre Dinge sich in Nichts auflösen. Denn die Welt ist etwas anderes

als Atome und Moleküle oder Radioaktivität und andere Kräfte, der

Diamant ist etwas anderes als Kohlenstoff, und Licht ist etwas anderes

als Schwingungen des Äthers. Auf dem Wege der Auflösung und Zerstörung

wird man nie zur Wahrheit der Schöpfung gelangen. Nicht nur die Welt,

sondern Gott selbst wird von der Naturwissenschaft seiner Wirklichkeit

entkleidet; sie unterwirft ihn im Laboratorium der Vernunft, wo jede

persönliche Beziehung aufhört, einer chemischen Analyse und verkündet

als Resultat, daß man nichts von ihm weiß noch wissen kann. Es ist eine

bloße Tautologie, zu behaupten, daß Gott unerkennbar ist, wenn man den,

der ihn allein kennt und kennen kann, die menschliche Persönlichkeit,

ganz außer Betracht läßt. Es ist, als ob man von einer Speise sagte,

sie sei ungenießbar, wenn niemand da ist, sie zu essen. Unsre trocknen

Moralisten machen es ebenso, sie lenken unser Herz von dem Ziel seiner

Sehnsucht ab. Statt uns eine Welt zu erschaffen, in der die sittlichen

Ideale in ihrer natürlichen Schönheit leben, versuchen sie, unsre Welt,

die wir uns, wenn auch noch so unvollkommen, selbst erbaut haben, zu

verkümmern. Statt menschlicher Persönlichkeiten stellen sich moralische

Grundsätze vor uns auf und zeigen uns die Dinge im Zustande der

Auflösung, um zu beweisen, daß hinter ihrer Erscheinung abscheulicher

Trug ist. Aber wenn man die Wahrheit ihrer äußern Erscheinung beraubt,

so verliert sie damit den besten Teil ihrer Wirklichkeit. Denn die

Erscheinung ist es, durch die sie zu mir in persönlicher Beziehung

steht, sie ist eigens für mich da. Von dieser Erscheinung, die nur

Oberfläche zu sein scheint, die aber von dem innern Wesen Botschaft

bringt, sagt euer Dichter:

Der erste Schritt schon brachte mir soviel Freude!

Das bloße Bewußtsein, all diese Formen, die Kraft der Bewegung,

Das kleinste Insekt oder Tier, die Sinne, das Schauen, die Liebe --

Was brachte der erste Schritt schon an Staunen und Freude!

Ich bin noch nicht weiter gegangen und möcht' es auch kaum,

Ich möchte nur immer verweilen und in ekstatischen Liedern

lobpreisen!

Unsre wissenschaftliche Welt ist unsre Welt des Verstandes. Sie hat

ihre Größe und ihren Nutzen und ihre Reize. Wir wollen ihr gern die

ihr gebührende Huldigung erweisen. Aber wenn sie sich rühmt, die

wirkliche Welt erst für uns entdeckt zu haben und über alle Welten der

einfältigen Geister lacht, dann erscheint sie uns wie ein Feldherr,

der, durch seine Macht berauscht, den Thron seines Königs usurpiert.

Denn die Welt in ihrer lebendigen Wirklichkeit ist das Reich der

menschlichen Persönlichkeit und nicht des Verstandes, der, mag er noch

so nützlich und groß sein, doch nicht der Mensch selbst ist.

Wenn wir ein Musikstück als das, was es in Beethovens Geist war,

vollkommen erkennen könnten, so könnten wir selbst jeder ein Beethoven

werden. Aber weil wir sein Geheimnis nicht ergründen können, so

können wir auch bezweifeln, daß etwas von Beethovens Persönlichkeit

in seiner Sonate lebt, -- obgleich wir uns wohl bewußt sind, daß ihr

wahrer Wert in ihrer Wirkung auf unsre eigene Persönlichkeit besteht.

Doch es ist noch einfacher, diese Tatsachen zu beobachten, wenn diese

Sonate auf dem Klavier gespielt wird. Wir können die schwarzen und

weißen Tasten der Klaviatur zählen, die Länge der Saiten messen, die

Kraft, Geschwindigkeit und Reihenfolge in den Bewegungen der Finger

feststellen und dann triumphierend behaupten, dies sei Beethovens

Sonate. Und nicht nur das, wir können vorhersagen, daß, wo und wann

auch immer der Versuch in der beobachteten Weise wiederholt wird, auch

genau dieselbe Sonate wieder ertönt. Wenn wir die Sonate nur immer von

diesem Gesichtspunkt aus betrachten, so vergessen wir leicht, daß ihr

Ursprung und ihr Ziel die menschliche Persönlichkeit ist und daß, wie

genau und vollkommen auch die technische Ausführung sein mag, diese

doch noch nicht die letzte Wirklichkeit der Musik umfaßt.

Ein Spiel ist ein Spiel, sobald ein Spieler da ist, der es spielt.

Natürlich hat das Spiel seine Regeln, die man kennen und beherrschen

muß. Aber wenn jemand behaupten wollte, daß in diesen Regeln das wahre

Wesen des Spiels läge, so müßten wir das ablehnen. Denn das Spiel ist

das, was es für die Spieler bedeutet. Es wechselt seinen Charakter

nach der Persönlichkeit der Spieler: für einige hat es den Zweck, ihre

Gewinnsucht zu befriedigen, andern dient es zur Befriedigung ihres

Ehrgeizes; einigen ist es ein Mittel, die Zeit hinzubringen, und andern

ein Mittel, ihrem Hang zur Geselligkeit zu frönen; und noch andere

gibt es, die ganz frei von eigennützigen Zwecken nur seine Geheimnisse

studieren wollen. Und doch bleibt bei allen diesen mannigfachen

Gesichtspunkten das Gesetz des Spiels immer das gleiche. Denn die Natur

des wahren Seins ist die Einheit in der Mannigfaltigkeit. Und die Welt

ist für uns wie solch ein Spiel, sie ist für uns alle die gleiche und

doch nicht die gleiche.

Die Naturwissenschaft hat es nur mit der Gleichartigkeit zu tun, mit

dem Gesetz der Perspektive und Farbenzusammenstellung und nicht mit

dem Gemälde --, dem Gemälde, das die Schöpfung einer Persönlichkeit

ist und sich an die Persönlichkeit dessen wendet, die es sieht. Die

Naturwissenschaft will aus ihrem Forschungsgebiet die schöpferische

Persönlichkeit ganz ausschalten und ihre Aufmerksamkeit nur auf das

Medium der Schöpfung richten.

Was ist dieses Medium? Es ist das Medium der Endlichkeit, durch das

der Unendliche sich uns offenbaren will. Es ist das Medium, das seine

selbstauferlegten Begrenzungen darstellt, das Gesetz von Zeit und Raum,

Form und Bewegung. Dies Gesetz ist die Vernunft, die allen gemeinsam

ist, die Vernunft, die den endlosen Rhythmus der schöpferischen Idee

leitet, wenn sie sich uns in immer wechselnden Formen offenbart.

Unsre Einzelseelen sind die Saiten, die bei den Schwingungen dieser

Weltseele mitschwingen und in der Musik von Raum und Zeit Antwort

geben. Diese Saiten sind untereinander verschieden an Tonhöhe und

Klangfarbe und sind noch nicht zur Vollkommenheit gestimmt, aber ihr

Gesetz ist das Gesetz der Weltseele, des Instrumentes, auf dem der

ewige Spieler seinen Schöpfungstanz spielt.

Durch diese Seeleninstrumente, die wir in uns haben, sind auch wir

Schöpfer. Wir schaffen nicht nur Kunst und soziale Organisationen,

sondern auch uns selbst, unsre innere Natur und unsre Umgebung, deren

Wesenserfüllung von ihrer Harmonie mit dem Gesetz der Weltseele

abhängt. Freilich sind unsre Schöpfungen bloße Variationen der großen

Weltmelodie Gottes. Wenn wir Dissonanzen hervorbringen, so müssen

sie sich entweder in Wohlklang auflösen oder verstummen. Unsre

Schöpferfreiheit findet ihre höchste Freude darin, daß sie ihre eigene

Stimme in den Chor der Welt-Musik einfügt.

Die Naturwissenschaft traut dem gesunden Verstand des Dichters

nicht recht. Sie weist die paradoxe Behauptung, daß das Unendliche

Endlichkeit annehme, zurück.

Ich kann zu meiner Verteidigung sagen, daß diese Paradoxie viel älter

ist als ich. Es ist dieselbe Paradoxie, die an der Wurzel allen Seins

liegt. Sie ist ebenso geheimnisvoll und einfach zugleich wie die

Tatsache, daß ich imstande bin, diese Wand wahrzunehmen, was im letzten

Grunde ein unerklärliches Wunder ist.

Kehren wir noch einmal zu der Ischa-Upanischad zurück, um zu hören, was

der Weise über den Widerspruch des Unendlichen und des Endlichen sagt.

Er sagt:

»Die geraten ins Dunkel, die sich nur mit der Erkenntnis des Endlichen

beschäftigen, aber die geraten in ein noch größeres Dunkel, die sich

nur mit der Erkenntnis des Unendlichen beschäftigen.«

Wer die Erkenntnis des Endlichen sucht um ihrer selbst willen, wird

die Wahrheit nicht finden. Denn diese Erkenntnis ist ihm nur eine tote

Mauer, die ihm das Drüben verbaut. Sie hilft ihm nur zu materiellem

Gewinn, aber sie leuchtet ihm nicht. Sie ist wie eine Lampe ohne Licht,

wie eine Geige ohne Musik. Man kann ein Buch nicht kennen lernen, wenn

man es mißt und wägt und seine Seiten zählt oder sein Papier chemisch

untersucht. Eine neugierige Maus kann sich in das Innere eines Klaviers

hineinnagen und zwischen seinen Saiten herumstöbern, soviel sie will,

der Musik kommt sie dadurch nicht näher. So machen es die, die das

Endliche um seiner selbst willen suchen.

Persönlichkeit · 第 2 / 9 段