Aber die Upanischad lehrt uns, daß das alleinige Streben nach

Erkenntnis des Unendlichen in ein noch tieferes Dunkel führt. Denn

das schlechthin Unendliche ist Leere. Jedes Endliche ist etwas.

Vielleicht ist es nur ein Scheckbuch ohne Guthaben auf der Bank. Aber

das schlechthin Unendliche hat weder Geld noch Scheckbuch. Wie tief

das geistige Dunkel des primitiven Menschen auch sein mag, der in der

Überzeugung lebt, daß jeder Apfel nach seiner Laune zu Boden fällt, es

ist noch nichts gegen die Blindheit dessen, der sein Leben im Grübeln

über das Gesetz der Schwere verbringt, ohne den fallenden Apfel zu

sehen.

Daher lehrt die Ischa-Upanischad:

»Wer da weiß, daß die Erkenntnis des Endlichen und Unendlichen eins

ist, überschreitet den Abgrund des Todes mit Hilfe der Erkenntnis

des Endlichen und erringt Unsterblichkeit durch die Erkenntnis des

Unendlichen.«

Das Unendliche und das Endliche sind eins wie Lied und Gesang. Das

Singen ist das Endliche, das durch beständiges Streben das Lied, das

vollkommen ist, hervorbringt. Das schlechthin Unendliche ist wie Musik

ohne alle bestimmten Töne und daher ohne Sinn.

Das schlechthin Ewige ist Zeitlosigkeit, ein leeres Wort, das nichts

sagt. Die Wirklichkeit des Ewigen umfaßt alle Zeiten.

Daher heißt es in der Upanischad:

»Die geraten ins Dunkel, die nur nach dem Vergänglichen streben. Aber

die geraten in ein noch tieferes Dunkel, die nur nach dem Ewigen

streben. Wer da weiß, daß Vergängliches und Ewiges eins sind, der

überschreitet den Abgrund des Todes mit Hilfe des Vergänglichen und

gewinnt Unsterblichkeit mit Hilfe des Ewigen.«

Wir haben gesehen, daß die Formen der Dinge in ihrem mannigfaltigen

Wechsel keine absolute Wirklichkeit haben. Ihre Wirklichkeit ist nur

in unsrer Persönlichkeit. Wir haben gesehen, daß ein Berg oder ein

Wasserfall etwas ganz anderes oder auch nichts mehr für uns sein würde,

wenn unser Geist seine Einstellung in bezug auf Zeit und Raum änderte.

Wir haben ebenfalls gesehen, daß diese relative Welt keine Welt der

Willkür ist. Sie ist persönlich und allgemein zugleich. Meine Welt ist

meine eigene, eine Welt meines Geistes, und doch ist sie nicht etwas

ganz anderes als die Welt der andern. Sie hat also ihre Wirklichkeit

nicht in meinem Einzel-Ich, sondern in einem unendlichen Ich.

Wenn wir das Naturgesetz an die Stelle dieser Wirklichkeit setzen, so

löst sich die ganze Welt in Abstraktionen auf; dann besteht sie nur

noch aus Elementen und Kräften, Ionen und Elektronen; sie verliert ihre

äußere Erscheinung, man sieht und spürt sie nicht mehr; das Welt-Drama

mit der Sprache der Schönheit verstummt, die Musik schweigt, die Bühne

steht im Dunkel da wie ihr eigenes Gespenst, ein wesenloser Schatten,

dem der Zuschauer fehlt.

Hier möchte ich wieder den Dichterpropheten Walt Whitman reden lassen:

Als ich den gelehrten Astronomen hörte,

Als seine Zahlen und Beweise in langen Reihen mich anstarrten,

Als ich die Sternkarten und Zeichnungen nun selbst vergleichen und

messen sollte,

Als ich dasaß im Hörsaal und den Astronomen

Mit großem Beifall seinen Vortrag halten hörte,

Wie ward mir da so seltsam müde und elend zumute!

Bis ich mich hinausschlich und einsam meines Weges ging,

Hinaus in das geheimnisvolle Dunkel der feuchten Nacht,

Und nur von Zeit zu Zeit einen stillen Blick

Nach oben sandte zu den Sternen.

Die Prosodie der Sterne, ihre rhythmische Bewegung, läßt sich durch

Zeichnungen an der Wandtafel darstellen, aber die Poesie der Sterne

liegt in der schweigenden Begegnung der Seele mit der Seele, beim

Zusammenfluß von Licht und Dunkel, wo das Unendliche die Stirn des

Endlichen küßt, wo wir die Musik des großen Welt-Ich von dem gewaltigen

Orgelwerk der Schöpfung in endloser Harmonie erbrausen hören.

Es ist vollkommen klar, daß die Welt Bewegung ist. (Das Sanskritwort

für Welt bedeutet »die sich Bewegende«.) All ihre Formen sind

vergänglich, aber das ist nur ihre negative Seite. Durch all ihre

Wandlungen geht eine Kette von Verwandtschaft, die ewig ist. Es ist

wie in einem Geschichtenbuch, ein Satz folgt auf den andern, aber

das positive Element des Buches ist der Zusammenhang der Sätze in

der Geschichte. Dieser Zusammenhang offenbart, daß in dem Verfasser

ein persönlicher Wille wirksam ist, wodurch eine Harmonie mit der

Persönlichkeit des Lesers hergestellt wird. Wenn das Buch eine Sammlung

losgelöster Worte ohne Bewegung und Sinn wäre, so könnten wir es mit

Recht ein Zufallsprodukt nennen, und in diesem Fall würde es in der

Persönlichkeit des Lesers keinen Widerhall finden. Ebenso ist auch

die Welt in all ihren Wandlungen kein flüchtiger Schein, der uns

entgleitet, sondern offenbart uns gerade durch ihre Bewegung etwas, was

ewig ist.

Zur Offenbarung einer Idee ist Form unbedingt nötig. Aber die Idee,

die unendlich ist, kann nicht in Formen ihren Ausdruck finden, die

schlechthin endlich sind. Daher müssen die Formen sich beständig

wandeln und bewegen, sie müssen vergehen, um das Unvergängliche zu

offenbaren. Der Ausdruck als Ausdruck muß bestimmt sein, und das kann

er nur in der Form; aber als Ausdruck des Unendlichen muß er zugleich

unbestimmt sein, und das kann er nur in der Bewegung. Daher geht die

Welt in allen ihren Gestalten immer über diese hinaus, sie zerbricht

immer wieder achtlos ihre eigenen Formen, um zu sagen, daß sie ihren

ganzen Sinn doch nie fassen können.

Der Moralist schüttelt traurig den Kopf und sagt, daß die Welt eitel

ist. Aber diese Eitelkeit ist nicht Leere, nein, diese Eitelkeit

selbst schließt Wahrheit in sich. Wenn die Welt stillstände und

damit endgültig würde, dann würde sie zu einem Gefängnis verwaister

Tatsachen, die die Freiheit der Wahrheit verloren hätten, der Wahrheit,

die unendlich ist. Daher hat der moderne Denker darin recht, daß in der

Bewegung der Sinn aller Dinge liegt, weil dieser Sinn nicht gänzlich

den Dingen selbst innewohnt, sondern dem, worauf sie hindeuten, wenn

sie über ihre Grenzen hinauswachsen. Dies meint die Ischa-Upanischad,

wenn sie sagt, daß weder das Vergängliche, noch das Ewige für sich

einen Sinn hat. Erst wenn wir sie im Einklang miteinander erkennen,

gelangen wir über das Vergängliche hinaus und erfassen das Ewige.

Weil diese Welt die Welt unendlicher Persönlichkeit ist, ist es das

Ziel unsres Lebens, uns in eine vollkommene und persönliche Beziehung

zu ihr zu setzen. So lehrt die Ischa-Upanischad. Daher beginnt sie mit

dem Verse:

»Wisse, daß alles, was in dieser Welt lebt und webt, von der

Unendlichkeit Gottes getragen wird, und genieße das, was er dir

hingibt. Begehre keinen andern Besitz.«

Das heißt, wir sollen erkennen, daß die Bewegungen dieser Welt nicht

sinnlos und zufällig sind, sondern zu dem Willen eines höchsten Ich in

Beziehung stehen. Ein bloßes Wissen um die Wahrheit ist unvollkommen,

da es unpersönlich ist. Aber Freude ist persönlich, und der Gott

meiner Freude ist Bewegung, Handeln, Selbsthingabe. In dieser Hingabe

hat der Unendliche die Gestalt des Endlichen angenommen und ist daher

Wirklichkeit geworden, so daß ich meine Freude in ihm haben kann.

Im Schmelztiegel unsrer Vernunft verschwindet die Welt der

Erscheinungen, und wir nennen sie Täuschung. Dies ist die negative

Seite des Erlebens. Aber unsre Freude ist positiv. Eine Blume ist

nichts, wenn wir sie zergliedern, aber sie ist in Wahrheit eine Blume,

wenn wir uns an ihr freuen. Diese Freude ist etwas Wirkliches, weil sie

etwas Persönliches ist. Und die Wahrheit kann in ihrer Vollkommenheit

nur durch unsre Persönlichkeit erkannt werden.

Und daher lehrt die Upanischad: »Weder Verstand noch Worte können ihn

fassen. Aber wer die Freude Brahmas erkannt hat, für den gibt es keine

Furcht mehr.«

Das Folgende ist die Übersetzung eines andern Verses aus der

Ischa-Upanischad, der von der passiven und aktiven Natur Brahmas

handelt:

»Er, der Fleckenlose, Körperlose, Unverwundbare, Reine, dem kein Übel

anhaftet, geht in alles ein. Der Dichter, der Beherrscher des Geistes,

der in allen Gestalten Lebende, aus sich selbst Geborene, spendet den

endlosen Jahren vollkommene Erfüllung.«

Die negative Natur Brahmas ist Ruhe, die positive ist Bewegung, die in

alle Zeiten wirkt. Er ist der Dichter, dessen Instrument die Seele ist,

er offenbart sich in Schranken, und diese Offenbarung hat ihren Grund

nicht in irgendeinem äußern Zwange, sondern in der Überfülle seiner

Freude. Daher ist er es, der durch endlose Zeiten all unser Verlangen

stillen kann, indem er sich selbst hingibt.

Mit dieser Erkenntnis haben wir auch den Sinn und Zweck unsres Daseins

gefunden. Beständige Selbsthingabe ist die Wahrheit unsres Lebens, und

je vollkommener unsre Selbsthingabe ist, um so vollkommener ist unser

Leben. Wir müssen dies unser Leben in all seinen Ausdrucksformen zu

einem Gedicht gestalten; es muß von unsrer Seele zeugen, die unendlich

ist, und nicht nur von unserm irdischen Besitz, der keinen Sinn in

sich selbst hat. Das Bewußtsein des Unendlichen in uns tut sich in

der Freude kund, mit der wir uns aus der Fülle unsres Überflusses

hingeben. Dann ist unser Leben ein unaufhörliches, selbstentsagendes

Sichausströmen wie das Leben des Flusses.

Laßt uns leben. Laßt uns die wahre Lebensfreude kosten, die Freude des

Dichters, dessen Seele sich in sein Gedicht ergießt. Laßt uns unser

unvergängliches Wesen in allen Dingen um uns her zum Ausdruck bringen,

in der Arbeit, die wir tun, in den Dingen, die wir gebrauchen, in den

Menschen, mit denen wir zu tun haben, in unsrer Freude an der Welt, die

uns umgibt. Laßt unsre Seele alles um uns her mit ihrem Wesen füllen

und in allen Dingen Gestalt werden und ihren Reichtum offenbaren, indem

sie das hervorbringt, was der Menschheit ewig Bedürfnis ist. Dies unser

Leben ist mit den Gaben des unendlichen Gebers angefüllt. Die Sterne

singen ihm ihr Lied, der Morgen überströmt es täglich mit segnendem

Licht, die Früchte bieten ihm ihre Süße dar, und die Erde breitet

ihren Grasteppich aus, damit es darauf ruhe. So laßt seine Seele bei

dieser Berührung der unendlichen Seele in den vollen Strom ihrer Musik

ausbrechen.

Daher sagt der Dichter der Ischa-Upanischad:

»Wenn du in dieser Welt schaffst und wirkst, so solltest du wünschen,

hundert Jahre zu leben. So und nicht anders soll dein Wirken sein. Laß

nicht dein Werk an dir haften.«

Nur wenn wir unser Leben voll leben, können wir darüber hinauswachsen.

Wenn die Lebenszeit der Frucht erfüllt ist, die Zeit, wo sie im Winde

tanzend und in der Sonne reifend den Saft aus dem Zweige sog, dann

fühlt sie in ihrem Kern den Ruf des Jenseits und bereitet sich zu

einem weiteren Leben. Aber die Weisheit des Lebens besteht in dem,

was uns die Kraft gibt, es aufzugeben. Denn der Tod ist das Tor zur

Unsterblichkeit. Daher heißt es: Tu deine Arbeit, aber laß nicht deine

Arbeit dich festhalten. Denn die Arbeit ist nur Ausdruck deines Lebens,

solange sie mit seinem Strom fließt; doch wenn sie sich festklammert,

wird sie zum Hemmnis und zeugt nicht von deinem Leben, sondern nur

von sich selbst. Dann ist sie wie der Sand, den der Fluß mitführt:

sie hemmt den Strom deiner Seele. Die Tätigkeit der Glieder gehört

zur Natur des physischen Lebens, doch wenn die Glieder sich im Krampf

bewegen, so sind die Bewegungen nicht in Harmonie mit dem Leben,

sondern eine Krankheit, wie eine Arbeit, die einen Menschen umklammert

und seine Seele erdrosselt.

Nein, wir dürfen unsre Seele nicht töten. Wir dürfen nicht vergessen,

daß unser Leben das Ewige in uns zum Ausdruck bringen soll. Wenn wir

unser Bewußtsein des Unendlichen entweder durch Trägheit verkümmern

lassen oder durch leidenschaftliches Jagen nach vergänglichen

und nichtigen Dingen ersticken, so sinken wir ins Ur-Dunkel des

Gestaltlosen zurück wie die Frucht, deren Same tot ist. Das Leben ist

unaufhörliche Schöpfung, es findet seinen Sinn, wenn es über sich

hinaus ins Unendliche wächst. Doch wenn es stillsteht und Schätze

aufhäuft und immer wieder zu sich selbst zurückkehrt, wenn es den

Ausblick auf das Jenseits verloren hat, so muß es sterben. Dann wird es

aus der Welt des Wachstums ausgestoßen und zerfällt mit all seiner Habe

in Staub. Von solchem Leben heißt es in der Ischa-Upanischad: »Die ihre

Seele töten, gehen dahin ins Dunkel der sonnenlosen Welt.«

Auf die Frage: »Was ist die Seele?« gibt die Ischa-Upanischad folgende

Antwort:

»Sie ist das Eine, das, obgleich bewegungslos, schneller ist als der

Gedanke; die Sinne können es nicht erreichen; während es stillsteht,

überholt es die, die dahineilen; in ihm sind die fließenden Kräfte des

Lebens enthalten.«

Der Geist hat seine Schranken, die Sinnesorgane sind jedes für sich

mit seinen Aufgaben beschäftigt, aber es ist ein Prinzip der Einheit

in uns, das über die Gedanken des Geistes und über die Funktionen der

Körperorgane hinausgeht, das in seinem gegenwärtigen Augenblick eine

ganze Ewigkeit umfaßt, während durch seine Gegenwart der Lebenstrieb

die Lebenskräfte immer weiterdrängt. Weil wir dies Eine in uns fühlen,

das mehr ist als alles, was von ihm umfaßt wird, das im beständigen

Wandel seiner Teile sich gleich bleibt, können wir nicht glauben, daß

es sterben kann. Weil es eins ist, weil es mehr ist als seine Teile,

weil es ein beständiges Überleben, ein beständiges Überfließen ist,

fühlen wir, daß es jenseits der Schranken des Todes ist.

Dies Bewußtsein der Einheit und Ganzheit über alle Schranken

hinaus ist das Bewußtsein der Seele. Und von dieser Seele sagt die

Ischa-Upanischad: »Sie bewegt sich, und sie bewegt sich nicht. Sie ist

fern, und sie ist nah. Sie ist in allem, und sie ist außerhalb von

allem.«

Dies heißt, die Seele erkennen als jenseits aller Schranken des Nahen

und Fernen, des Innen und Außen. Ich habe dies Wunder aller Wunder

erkannt, dies Eine in mir, das das Zentrum alles wahren Seins für mich

ist. Aber ich kann mit meiner Erkenntnis hier nicht stehenbleiben. Ich

kann nicht sagen, daß es über alle Grenzen hinausgeht und doch von mir

selbst begrenzt wird. Daher heißt es in der Ischa-Upanischad:

»Wer alle Dinge in der Seele und die Seele in allen Dingen sieht, der

braucht sich nicht mehr zu verbergen.«

Wir sind in uns selbst verborgen, wie eine Wahrheit in den einzelnen

Tatsachen verborgen ist. Wenn wir wissen, daß dies Eine in uns zugleich

das Eine in allen ist, dann erst haben wir die letzte Wahrheit erkannt.

Aber diese Erkenntnis von der Einheit der Seele darf kein bloßes

abstraktes Wissen sein. Nicht jene negative Art des Universalismus,

die weder sich selbst noch andern angehört. Nicht eine abstrakte

Seele, sondern meine eigene Seele muß ich in andern erkennen. Ich muß

erkennen, daß, wenn meine Seele ausschließlich mein wäre, sie noch

nicht zu ihrem wahren Wesen gelangt wäre, daß aber wiederum, wenn sie

nicht zuinnerst mein wäre, sie überhaupt keine Wirklichkeit hätte.

Auf dem Wege der Logik wären wir niemals zu der Wahrheit gelangt, daß

die Seele, die das Prinzip der Einheit in uns ist, in der Vereinigung

mit andern ihre Vollendung findet. Wir haben diese Wahrheit durch die

Freude, die sie gibt, erkannt. Denn unsre Freude ist, uns in andern

wiederzufinden. Wenn ich liebe, mit andern Worten, wenn ich mein

eigenes Wesen wahrer und reiner in andern erkenne als in mir selber,

dann bin ich froh, denn das Eine in mir kommt zu seiner Verwirklichung,

indem es sich mit andern vereint, und darin hat es seine Freude.

Daher braucht das Prinzip der Einheit in Gott die Vielen, um die

Einheit zu verwirklichen. Gott gibt sich in Liebe allen hin. Die

Ischa-Upanischad sagt: »Du sollst genießen, was Gott hingibt.« Er gibt

beständig hin, und ich bin voll Freude, wenn ich fühle, daß er sich

selbst hingibt. Denn diese meine Freude ist die Freude der Liebe, die

aus meiner Selbsthingabe an ihn entspringt.

Da, wo die Upanischad uns ermahnt, diese Hingabe Gottes zu genießen,

fährt sie fort: »Laß dich nicht gelüsten nach dem Besitz anderer.«

Denn die Begierde hemmt die Liebe. Sie geht in einer der Wahrheit

entgegengesetzten Richtung und gelangt zu der Täuschung, daß unser Ich

unser letztes Ziel sei.

Daher hat die Verwirklichung unsrer Seele eine sittliche und

eine religiöse Seite. Das Sittliche besteht in der Übung der

Selbstlosigkeit, in der Zügelung der Begierden; das Religiöse in

Mitgefühl und Liebe. Beide Seiten sollten nie getrennt, sondern immer

vereint geübt werden. Die Entwicklung der rein sittlichen Seite

unsrer Natur führt uns zu Engherzigkeit und Härte, zu Intoleranz und

Pharisäertum; die einseitige Entwicklung des Religiösen führt uns zum

Schwelgen im ungezügelten Spiel der Phantasie.

Indem wir dem Dichter der Upanischad soweit gefolgt sind, haben wir

den Sinn alles wahren Seins gefunden: Die Endlichkeit ist die Form,

in der sich der Unendliche hingibt. Die Welt ist der Ausdruck einer

Persönlichkeit, ebenso wie ein Gedicht oder ein anderes Kunstwerk.

Der Höchste gibt sich selbst in seiner Welt und ich mache sie zu der

meinen, wie ich mir ein Gedicht zu eigen mache, indem ich mich selbst

darin wiederfinde. Wenn meine eigene Persönlichkeit das Zentrum meiner

Welt verläßt, so verliert diese in einem Augenblick ihr ganzes Wesen.

Daraus erkenne ich, daß meine Welt nur in Beziehung zu mir existiert,

und ich weiß, daß sie meinem persönlichen Ich durch ein persönliches

Wesen gegeben ist. Die Naturwissenschaft kann wohl ihre Feststellungen

darüber machen, wie dieses Geben vor sich geht, aber die Gabe selbst

erfaßt sie nicht. Denn die Gabe ist die Seele, die sich der Seele

schenkt, daher kann nur die Seele sie sich durch Freude zu eigen

machen, aber nicht die Vernunft durch Logik.

Daher ist es immer das sehnlichste Verlangen des Menschen gewesen, den

Höchsten zu erkennen. Vom Anfang seiner Geschichte an hat der Mensch in

der ganzen Schöpfung die Berührung eines persönlichen Wesens gespürt

und versucht, ihm Namen und Gestalt zu geben; er hat sein Leben und das

Leben seines Geschlechts mit Sagen von ihm umwoben, ihm Altäre gebaut

und durch unzählige heilige Bräuche Beziehung zu ihm hergestellt.

Dies Ahnen und Fühlen eines persönlichen Wesens hat dem zentrifugalen

Triebe im Menschenherzen den Impuls gegeben, in einem unerschöpflichen

Strom von Gegenwirkung hervorzubrechen in Liedern und Bildern und

Gedichten, in Statuen und Tempeln und Festlichkeiten. Dies Gefühl

war die Zentripetalkraft, die die Menschen bewog, sich in Haufen und

Stämmen und Gemeindeorganisationen zusammenzuschließen. Und während der

Mensch seinen Acker pflügt und seine Kleider webt, heiratet und Kinder

aufzieht, sich um Reichtum abmüht und um Macht kämpft, vergißt er

nicht, in Worten von feierlichem Rhythmus, in geheimnisvollen Symbolen,

in majestätischen Steinbauten zu verkünden, daß er im Herzen seiner

Welt dem Unsterblichen begegnet ist. Im Leid des Todes und im Schmerz

der Verzweiflung, wenn das Vertrauen verraten und die Liebe entweiht

wurde, wenn das Dasein fade und sinnlos wird, streckt der Mensch, auf

den Trümmern seiner Hoffnungen stehend, die Hände zum Himmel, um durch

das Dunkel seiner Welt hindurch die Berührung dieses Einen zu spüren.

Der Mensch hat die Beziehung seines Ichs zu diesem Welt-Ich auch

unmittelbar erfahren, unmittelbar, nicht durch die Welt der Formen

und Wandlungen, die Welt der Ausdehnung in Raum und Zeit, sondern in

der innersten Einsamkeit des Bewußtseins, in der Welt der Tiefe und

Intensität. Durch diese Begegnung hat er die Schöpfung einer neuen Welt

gefühlt, einer Welt von Licht und Liebe, die keine Sprache hat als die

Musik des Schweigens.

Von dieser Welt hat der Dichter[8] gesungen:

Es gibt eine endlose Welt, o mein Bruder,

Und ein namenloses Wesen, von dem nichts gesagt werden kann.

Nur der, der ihre Ufer erreicht hat, weiß:

Sie ist anders als alles, wovon man hört und sagt.

Da ist nicht Form, nicht Stoff, nicht Länge, nicht Breite,

Wie kann ich dir sagen, welcher Art sie ist?

Kabir sagt: »Keine Zunge kann sie mit Worten schildern, und keine

Feder kann sie beschreiben.

Wie soll der Stumme auch klar machen, welche Süße er gekostet hat?«

Nein, es kann nicht geschildert, es muß erlebt werden; und wenn dem

Menschen dies Erlebnis zuteil geworden ist, singt er[9]:

Das Innen und das Außen sind zu #einem# Himmel vereint,

Das Unendliche und Endliche sind eins geworden;

Ich bin trunken vom Anblick des Alls.

Der Dichter hat das wahre Sein erlangt, das unaussprechlich ist, wo

alle Widersprüche sich in Harmonie gelöst haben. Denn dies wahre

Sein, die letzte Wirklichkeit, liegt in der Persönlichkeit, nicht

in Gesetz und Stoff. Und der Mensch muß fühlen: wenn dies Weltall

nicht die Offenbarung einer höchsten Persönlichkeit wäre, so wäre es

ein ungeheurer Betrug und eine beständige Schmach für ihn. Er muß

wissen, daß unter einer solch ungeheuren Last von Fremdheit seine

eigene Persönlichkeit gleich am Anfang zermalmt und zu einer leeren

Abstraktion geworden wäre, für die selbst die Grundlage eines Geistes

fehlte, der sie hätte konzipieren können.

Der Dichter der Upanischad bricht am Ende seiner Lehren plötzlich in

ein Lied aus, das in seiner tiefen Schlichtheit das lyrische Schweigen

der weiten Erde in sich trägt, wenn sie die Morgensonne anschaut. Er

singt:

»In dem goldnen Gefäß verbirgt sich das Antlitz der Wahrheit. O du

Spender des Lebens, decke es auf, daß wir das Gesetz der Wahrheit

erkennen. O du Spender des Lebens, der du aus eigener Kraft wirkst

und schaffst, der du die Schöpfung lenkst, du Herr aller Kreaturen,

breite aus deine Strahlen, sammle all dein Licht, laß mich in dir das

heiligste aller Wesen schauen, -- den Einen, der da ist, der da ist,

das wahre Ich[10].«

Und am Schluß singt dieser Dichter der unsterblichen Persönlichkeit vom

Tode:

»Der Lebensodem ist der Odem der Unsterblichkeit. Der Leib wird zu

Asche. O mein Wille[11], gedenke deiner Taten! O mein Wille, gedenke

deiner Taten! O Gott, o Feuer, du kennst alle Taten. Führe uns auf

guten Wegen zur Vollendung. Halte die Sünde von uns fern, die krumme

Wege wandelt. Dir bieten wir unsern Gruß.«

Hiermit endet der Dichter der Upanischad, der vom Leben zum Tode und

vom Tode wieder zum Leben gepilgert ist; der die Kühnheit gehabt hat,

in Brahma das unendliche Sein und das endliche Werden zugleich zu

sehen; der verkündet, daß wahres Leben Arbeit bedeutet, Arbeit, in der

sich die Seele ausdrückt; der uns lehrt, daß unsre Seele ihr wahres

Wesen in dem höchsten Wesen findet, indem sie sich selbst aufgibt und

eins mit dem All wird.

Die tiefe Wahrheit, die der Dichter der Upanischad verkündet, ist die

Wahrheit des einfältigen Herzens, das das geheimnisvolle Leben mit

tiefer Liebe liebt und nicht an die Endgültigkeit jener Logik glauben

kann, die mit ihrer zersetzenden Methode das Weltall an den Rand der

Auflösung bringt.

Erschien mir nicht das Licht der Sonne heller, der Glanz des Mondes

weicher und tiefer, wenn mein Herz in plötzlicher Liebe aufwallte

in der Gewißheit, daß die Welt eins ist mit meiner Seele? Wenn ich

die heraufziehenden Wolken besang, so fand der prasselnde Regen

seinen leidenschaftlichen Ausdruck in meinen Liedern. Vom Anfang der

Geschichte an haben die Dichter und Künstler dieses Dasein mit den

Farben und der Musik ihrer Seele getränkt. Und dies gibt mir die

Gewißheit, daß Erde und Himmel aus den Fibern des Menschengeistes, der

zugleich der Allgeist ist, gewoben sind. Wenn dies nicht wahr wäre,

so wäre Poesie Lüge und Musik Täuschung, und die stumme Welt würde

des Menschen Herz für immer in Schweigen erstarren machen. Der große

Meister spielt die Flöte: der Atem ist sein, das Instrument ist unsre

Seele, durch die er seine Schöpfungslieder ertönen läßt; und daher

weiß ich, daß ich kein bloßer Fremdling bin, der auf der Reise seines

Daseins in der Herberge dieser Erde Rast macht, sondern ich lebe in

einer Welt, deren Leben mit dem meinen eng verknüpft ist. Der Dichter

wußte, daß das Sein dieser Welt ein persönliches Sein ist, und sang[12]:

Die Erde ist seine Freude, seine Freude ist der Himmel;

Seine Freude ist der Glanz von Sonne und Mond;

Seine Freude ist der Anfang, die Mitte und das Ende;

Seine Freude ist das Schauen, das Dunkel und das Licht.

Ozean und Wogen sind seine Freude;

Seine Freude ist die Sarasvati, die Jamuna und der Ganges.

Er ist der All-Eine: und Leben und Tod,

Vereinigung und Trennung sind Spiele seiner Freude.

DIE WIEDERGEBURT

Persönlichkeit · 第 3 / 9 段