VII. 1, 29. Menzel, Vorchristl. Unsterblichkeitslehre, 2, 243.

Im aargauer Frickthale pflegen die Kinder dem Kukuk zu rufen:

Gugger uf em grüene Ast,

Du, mi liebe, schüeche Gast:

Gugg mer doch, bis au so guet,

Wie mängis Jahr no han i z'guet?

Wer während dem ungerades Geld bei sich trägt und auf den Sack schlägt,

dem geht es das Jahr über nicht aus, eine Volksmeinung, von welcher der

Berner Volksdichter G.J. Kuhn (Volkslieder 1819, 93) ein Liebespaar

also reden lässt:

Hans ghört di z'erst, er gryft i Sack

u sucht sys Geld: "O tusi Drack (Drache!),

dass i kei Batze by mer ha,

jetz wird's mer wol s'ganz Jahr so ga!"

Un Aenni lost und fraglet di:

Wie mängs Jahr ächt no leben i?

Von der gleichen Frage eines alten Weibes berichtet der Zürcher Chirurg

Rud. Gwerb, Leuth- und Vychbesägnen, Zürich 1646, 13: "Vnd da der

guckguck Fünffe herfür geschrauwen, da vermeinte das thorachte alte weyb

anders nichts, dann das sy noch fünff jahre zu leben hette. Sie fiel

aber bald in eine schwäre krankheit und da sie zum sterben sich

zuzerüsten vermanet worden, wolte sie nicht dran, dann der guckguck

hette jhren anders verheissen. Vnd ob es gleichwol mit jhren auff dem

letzten gepfiffen, bliebe sie doch jmmer auff jhrer meinung und als sie

jetz kein wort mehr reden kondte, streckte sie noch fünft finger auff,

andeutende, dass sie, nach des guckgucks gesang noch fünff jahr zu leben

habe. Das heisset auff das vogelgeschrey achten!"

Von demjenigen, dessen Leben augenscheinlich zu Ende geht, sagt man, der

hört auch den Kukuk nicht mehr; was man verwünschen will, das soll des

Kukuks werden, sich zum Kukuk scheren. Der die Lebensdauer weissagende

Vogel wird also damit zum Propheten des Todes. "Der Kukuk auf dem Dache

bringt den Tod ins Haus." Hahn, Albanes. Studien l, 158. Als Vogel der

Trauer gilt er in kleinrussischen Liedern. Myth. 646. Nach serbischem

Glauben verwandeln sich die Seelen Verstorbener in Kukuke, man findet

daher auf den hölzernen Grabkreuzen in Serbien so viele Kukuke

abgebildet, als Angehörige um einen Todten trauern, und von einem

Serbenmädchen, dem der Bruder gestorben war, wird erzählt, dass es nie

mehr habe den Kukuksruf hören können, ohne nicht in heftiges Weinen

auszubrechen. Friedreich, Symbolik 534, nach Hanusch, Slaw. Mythus.

317. Dieselbe Rolle des Leichenvogels ist ihm im finnischen Epos

Kalewala zugetheilt; da klagt die alte Mutter, deren Tochter Aino beim

Frühlingsbade ertrunken, im nächsten Frühjahre:

Aelter wird mein Ellenbogen,

Schwächer wird mein Handgelenke,

Ja, der ganze Körper zittert,

Wenn des Kukuks Ruf ich höre!

Schiefner's Uebers. 24. Kukuk und Specht treffen auch in ihrem ältesten

Mythus überein. Altpolnisch hiess der Kukuk Zywie und war ein

verwandelter Gott: opinabantur enim, supremum hunc universi moderatorem

transfigurari in cuculum. Myth. 643. Dasselbe behauptet auch das griech.

und römische Alterthum vom Specht. In Kreta zeigte man sein Grab und

eine Säule dabei mit der Aufschrift: Hier liegt nach seinem Tode Picus

der Zeus (Pikos ho Zeus), und ebenso hatte er nach altrömischer Mythe

die ausgesetzten Zwillingssöhne des Mars, Romulus und Remus, aufgeässt

und hiess davon Picus Martius. In der tiroler Gemeinde Wangen ist sein

Name "der Wangener Gott". Zingerle, Tir. Sag. no. 1064. Die berühmte

Springwurzel, vor welcher die Thüren der Schatzkammern und Gefängnisse

aufspringen, liegt in seinem Neste; statt seine Jungen mit ihr zu

füttern, lässt er sie von dem Baume fallen, unter den man ein rothes

Tuch breitet. Wer sie dann in den Mund nimmt, versteht aller Vögel

Sprache. Wie Zeus sich in den Kukuk verwandelt und sich auf den

Scepterstab der Here setzt, so wird der Specht auf Gertrudens Stab

weissagend gesessen haben; dieser Stab selbst wird theils zur erlösendem

Springwurzel, theils zur Spindel, theils verwandelt er deren Flachs in

Gold. Ueberdies verleiht der Specht (ableitend von ahd. spahi, prudens,

der spähende) seinen Namen eben jenem Spessart (urkundl. spechtes-hart),

welcher der Schauplatz war von Gertrudens Thätigkeit in Ostfranken, und

so heisst das Thier mit wiederholtem Nachdruck Gertrudenvogel.

Wie diese eben beschriebnen Frühlingsthiere, weil sie dämonische sind,

aus Glücksboten sich in vorahnende Todesboten verkehren, so geschieht

dies vornemlich mit Gertrudens besonderem Gefolgsthiere, der Maus. Die

Seelen der Abgeschiedenen werden zuerst von Gertrud empfangen, um sich

da entweder in gute oder in böse Elbe zu verwandeln; als solche

erscheinen sie hierauf wieder als schädigende oder als bescherende

Mäuse. Diesen Satz aus der Lehre von der Seelenwanderung nehmen wir

nunmehr in Ausführung.

Wie Holda-Berchta die unmündig Verstorbenen, und Valfreyja die in der

Schlacht Gefallenen zu sich nimmt, so haben nach älterem Kirchenglauben

die Seelen der Abgeschiedenen ihre erste Herberge bei St. Gertrud zu

nehmen. Hievon handelt eine Handschrift des XV. Jahrh., welche Grimm

Myth. 54 citirt: Aliqui dicunt, quod, quando anima egressa est, tunc

prima nocte pernoctabit cum beata Gerdrude, secunda nocte cum

archangelis, sed tertia nocte vadit sicut diffinitum est de ea.

Erweitert findet sich dieser merkwürdige Glaubenszug in Nik. Gryse's

niederd. _Spegel_, auf welchen Schiller, Meklenburger Thier- und

Kräuterbuch 3, 41 verweist: Se geven ock vor, wenn de Seele vth dem

Minschen varet, so moth se de erste Nacht Herberge hebben by S.

Gerderuten, darumme ock S. Gerderuten Kercke gemeinlyken vor de Döre der

groten Stede gebuwet syn; und darnâ moth se uouer dat Leuuer-Meer.

Dieser hier das Lebermeer genannte Todtenstrom war auf jenem vorhin

schon erwähnten Münstergemälde dargestellt, das den Bischof Wilderolf

und St. Gertrud zu Schiffe zeigte, und wird in der Sage von Hattos

Mäusethurm zum Rheinstrom. Hievon später. Gertrudens Kirche und die von

den Geistern darin abgehaltene Todtenmesse spiegelt sich ab in der

Nürnberger Sage von der Jungfrau Gertraud Stromer. Der Patrizier Imhof,

an dem dieser Jungfrau ganzes Herz hieng, war, weil sie ihm ihre Liebe

verhehlt hatte, ihrer Freundin zu Theil geworden, starb nach kurzer Ehe

und auch Gertraud überlebte ihn nicht lange. Drei Wochen nach diesem

letzteren Todesfall gieng am Allerseelentag 1430 die Wittwe Imhof vor

Tag in die Frühmesse nach St. Lorenz, hier aber befiel sie der

unheimliche Eindruck, als wären statt der Gemeinde und Geistlichkeit

lauter Verstorbene versammelt. Als sie nun, um anzufragen, aus ihrem

Stuhle trat und eine vor ihr knieende Jungfrau leise auf die Schulter

klopfte, erkannte sie in dieser ihre vor drei Wochen begrabne Freundin

Gertraud. Auf deren Rath verliess sie so eilig die Kirche, dass sie

ihren Mantel vergass, floh heim, erkrankte heftig und trat darauf ins

Klarissenkloster. Hier starb sie nach etlichen Jahren und zwar

gleichfalls am Morgen des Allerseelentages. Schöppner, Sagb. no. 1147.

Die Heilige ist hier zu einer gleichnamigen Nürnberger Patrizierin

geworden, welche über das stumme Todtenheer, in dessen Mitte sie ist,

allein Auskunft zu geben vermag, deren Herzenszug aber noch immer die

Liebe ist zu dem ehemaligen Geliebten. Von diesem Naturell der Walküre

liefert die Gertrudensage noch mehrere nachher zu behandelnde

Einzelheiten; hier ist vorerst der Glaube zu zeigen, dass die

Abgeschiedenen die Gestalt von Mäusen annehmen.

Die Seelenherrin selbst ist die Weisse Frau und auch sie erscheint als

Weisse Maus. Müller-Schambach, Niedersächs. Sag. S. 269; dazu ebendas.

no. 7. 264. Lübecks Stadtwahrzeichen ist eine in dortiger Marienkirche

abgebildete Maus, die an der Wurzel eines Baumstrunkes nagt; sie sei ein

Weib gewesen, die über dem Wunsche, niemals zu sterben, zu

mehrhundertjährigem Alter kam, zur Grösse einer Maus zusammenschrumpfte

und unter einem Glaskästchen in dortiger Kirche aufbewahrt wurde.

Bechstein DSagb. no. 212. Letzteres stimmt mit der Sage vom thebanischen

Seher Tiresias, der fünf, ja sogar neun Menschenalter gelebt haben und

nach seinem Tode in eine Maus verwandelt worden sein soll. Nork,

Realwtb. 4, 382. Die Blocksbergsscene im Göthe'schen Faust schildert das

plötzliche Ende der gespenstischen Tänzerin: "Mitten im Gesange sprang

ein weisses Mäuschen ihr aus dem Munde." Im aargauer Volksglauben finden

sich folgende Sätze. Wenn der von Gemeinde wegen aufgestellte Feldmauser

drei weisse Mäuse fängt und tödtet, so kommt er in die Hölle. Wer eine

weisse Maus quält, dem fressen die übrigen das Korn von der Schütte. Vor

der französ. Invasion 1798 waren im Hauptgange des Rathhauses zu Aarau,

wo die Schildwache stand, in jeder Nacht auf Himmelfahrt zwölf weisse

Mäuse zu erblicken, die man für zwölf verwünschte Rathsherren hielt; so

erzählt uns die Bauernfrau Schenker aus solothurnisch Däniken.--Weisse

Mäuse, berichtet V. Grohman über Böhmen, geniessen in diesem Lande eine

Art religiöser Verehrung, man macht ihnen ein Lager zwischen den

Stubenfenstern und pflegt sie, damit nicht mit ihnen das Glück des

Hauses sterbe. Ein Nest weisser Mäuse zu finden ist nur Sache eines

Sonntagskindes. Auf Schloss Drazic werden sie eigens gezüchtet, und

lässt man ihrer eine in die Kornscheune laufen, so schüttet da das

Getreide um die Hälfte mehr als sonst. Wer eine Maus zertritt, der führt

den Teufel ins Haus. Zingerle, Tirol. Sitt. S. 55. Je weisser der Zahn,

von dessen Ausfall man träumt, um so näher verwandt der Freund, dessen

Tod drauf erfolgt (Aargau).[18] Dem Aberglauben gelten auch die rothen

Mäuse in einem ähnlichen Sinne. Der Zauberer in Obermumpf vermochte

einem mit offnem Munde Schlafenden als rothes Mäuschen bis ins Herz

hinunter zu schlupfen. Aargau. Sag. 2, S. 152. Dagegen ereifert sich der

niederd. Pfarrer Männling in seinen Curiositäten, Frkf. 1713: "Ists

nicht schreckliche Dummheit, dass man sich bereden lässt, die Seele des

Menschen sei eine rothe Maus, welche, wenn man schlafe, aus dem Munde

heraus spaziere!" Eben solcherlei Sagen von in Gestalt der Mäuse

auswandernden Seelen wollen wir nun folgen lassen.

Einer thüringer Magd, die in der Gesindestube über der Arbeit

entschlafen ist, kommt ein _rothes Mäuschen_ zum Munde heraus und geht

durchs offenstehende Fenster davon. Ein mit zuschauendes Dienstmädchen

rüttelt die Schlafende von ihrer Stelle, ohne sie erwecken zu können.

Das Mäuschen kehrte hierauf zurück, suchte hin und her nach der vorigen

Stelle, fand sie nicht mehr und verschwand zuletzt. Nun aber erwachte

die Schlafende nicht wieder, sondern blieb todt. Grimm, DS. 1, S. 335.

In Gestalt eines _weissen Mäuschens_ kommt der Alb durchs Schlüsselloch

ins Schlafzimmer und drückt den Sohn. Die Mutter, welche vorsorglich

schon ein Tuch über die Brust des Schlafenden gebreitet hat, legt es

nun, da sie ihn stöhnen hört, an den vier Enden zusammen, thuts in die

Schublade der Kommode und lässt den Schlüssel dran stecken. In derselben

Stunde war im Nachbarorte ein Mädchen plötzlich gestorben und sollte

nach drei Tagen begraben werden. Da traf sichs, dass der Sohn, der seit

dieser Zeit vom Alb frei geblieben war, am dritten zufällig den

Schlüssel von der Schublade abzog, worin jenes Tuch lag. Sogleich

schlupfte ein weisses Mäuschen durchs Schlüsselloch und lief zur Thür

hinaus. Gleichzeitig hatte man im Nachbarorte schon den Sarg schliessen

wollen, als ein Mäuschen zur Thüre herein und in den Mund der Leiche

gelaufen kam, diese öffnete die Augen und gehörte wieder dem Leben an.

Wolf, Hess. Sag. no. 95. Dieselbe Begebenheit in Sommers Thüring. Sag.

no 40. In gleicher Gestalt kommt die Nachtmahr zum schlafenden Gesellen

geschlichen und wird in gleicher Weise von ihm gefangen; kaum hat er das

Schlüsselloch der Kammerthüre verstopft, so sieht er statt der Maus ein

wunderschönes Mädchen splitternackt hinter dem Ofen sitzen. Ibid. no.

96. Kuhn, Westfäl. Sag. no. 247. Wenn der Bergmeister Hinten auf dem

Harze seinen Nachmittagsschlaf zu machen pflegte, kam eine Maus aus

seinem Munde gekrochen und schlupfte in die Erde, doch zur vorbestimmten

Minute erschien sie wieder und kroch in den Mund zurück. Alsdann wachte

der Bergmeister unter heftigem Schnarchen auf, zog rasch seinen

Fahrhabit an und fuhr in den Schacht. Dies that er nie vergeblich, denn

sicher hatte er jedesmal durch die Maus Nachricht erhalten, dass die

Knappen falsch gearbeitet oder gar die Grube verlassen hatten. Pröhle,

Harzsagen 1, S. 68. Die Wache der Landsknechte sieht ihrer einen in der

Mittagsrast einschlafen, da kommt ein kleines weisses Thierlein, gleich

einer Wiesel, aus seinem Munde dem nächsten Bächlein zugelaufen und will

hinüber. Der zuschauende Knecht legt sein entblösstes Schwert wie eine

Brücke über den Graben, das Thierlein geht darüber hin und verschwindet.

Nach einer kleinen Weile wieder kommend, findet es jenseits die vorige

Brücke nicht mehr, da mittlerweile der Kriegsknecht sein Schwert

weggethan. Also brückte dieser ihr abermals, das Thierlein kam herüber,

näherte sich dem Schlafenden und kehrte in seine vorige Herberge ein.

Als die Spiessgesellen den Erwachenden befragten, was ihm im Schlafe

begegnet, antwortete er: Mir träumte, ich wäre gar müd und hellig von

wegen eines fernen weiten Weges, den ich zog, und auf dem Wege musste

ich zweimal über eine eiserne Brücke. Grimm, DS. no. 455. Ebenfalls als

Wiesel fährt die Seele eines schlafenden Hirtenknaben aus. Wolf, Hess.

Sag. no. 98. Der Prototyp dieser Sage ist nach der Aufzeichnung von

Paulus Diaconus 3,34 und Aimoinus 3,3: der Frankenkönig Guntram, dessen

Seele in eines Schlängleins Gestalt aus des Schlafenden Munde kommt,

auf einem Schwerte den Bach überschleicht, in einen Berg schlieft und

rückkehrend über die nämliche Schwertbrücke in den Mund des Königs

zurück geht. Der Erwachende erzählt, vom grossen Flusse mit Eisenbrücken

geträumt und im hohlen Berge den Hort der Ahnen erblickt zu haben.

Grimm, DS. no. 428 (zweite Aufl. no. 433).[19] Einige ähnliche Sagen aus

Böhmen theilt Grohmann mit in Apollo Smintheus pg. 22. Die ausfahrende

Seele nimmt auch noch anderer Thiere Gestalt an, zumal geflügelter. Aus

dem Munde schlafender Hexen bricht eine Fliege (Grimm, DS. 2. Aufl. no.

408), eine Hummel, Wespe, ein Schmetterling hervor. Grimm, Myth. 1031,

und Vonbun, Beiträge 2, 83. So viel von den Mäusen als ausfahrenden und

umwandernden Menschenseelen. Sind die Mäuse damit Geister, so können sie

sowohl Segens- als auch Rachegeister werden, den Freund beschützen und

den Feindseligen vertilgen, und daraus wird ihr Erscheinen überhaupt den

Völkern allgemein zum Omen. Das Gleichgültigere sei hier wiederum

vorangestellt, um zum historisch Wichtigen emporzuführen. Unser

übelverstandner Ausdruck maustodt, anstatt mhd. murztot, holländ.

morsdood, spielt auf Maus und Scheermaus an, deren Stossen im Wohnhause

auf den Tod des Hausherrn gedeutet wird. Träumt man von Mäusen, so wird

es nächstens etwas Ungerades geben; klettert die Maus an der Zimmerwand,

so entsteht Hauszank; raschelt sie im Bettstroh, so betrifft den

Schläfer schon am Morgen Unheil; nagt sie an seinem Kleide, so stirbt

dieser bald. Verlassen sämmtliche Mäuse mit einem Male das Haus, so ist

dies mit Aussterben bedroht; man sagt: viel Müs, wenig Lüt. Salom.

Landolt, Reime und Lieder, Aarau 1845, sagt S. 326 von der Maus:

Der Aberglaube redt re noh,

(Me cha zwar uf das G'schwätz nid goh,

Glaubt' i's, i müesst mi schäme):

Verlöi die Fründi d'Wohnig ganz,

Geb's i dem Hus en andre Tanz,

Das heisst, es g'hei bald z'säme.

Mäuse verkündeten den Ausbruch des marsischen Krieges, als sie die

Silberschilde zu Lanuvium benagten, und den Tod des Feldherrn Carbo, als

sie dessen Schuhriemen zerbissen. Cicero de Divin. 2, 27. Plinius HN. 8,

82. Als die Philistäer die Bundeslade geraubt und in Dagons Götzentempel

aufgestellt hatten, schlug Jehovah sie mit der Beulenpest und ihre

Felder mit dem Mäusefrasse (percussit inimicos in posteriora. Psalm 77,

66). Nach sieben Monaten lieferten sie die Arche wieder zurück und

übersandten dazu in einem Kästlein als Sühnkleinode fünf goldne Mäuse

und fünf goldne Aerse, beides nach er Zahl der mit der Doppelplage

heimgesucht gewesnen philistäischen Landschaften. 1. Sam. 6, 4.

Aehnliche Sühnbilder sind dem ganzen antiken Alterthum gemeinsam. Der

Priesterkönig Sethon, der die Pest abgewendet hatte, erhielt dafür eine

Bildsäule, welche in der einen Hand eine Maus hielt. Herodot 2, 141.

Vergoldete Aehren und goldne Mäuse wurden der phönizischen Ceres zum

Sühnopfer gebracht. Welcker, Griech. Götterl. 1, 484. Im kretensischen

und im äolischen Dialekt bedeutet Apollos Beiname Smintheus eine

Feldmaus, Münzen von Tenedos stellen ihn mit dem Pestpfeil und der Maus

dar, sowie auch eine Münze von Metapont die sechszeilige Gerstenähre

zugleich mit der Wanderheuschrecke und der Maus aufweist. O Heer,

Pflanzen der Pfahlbauten. Selbst Athene, wie man sie auf Gemmen

dargestellt sieht (Tassie no. 1585), trägt die Maus auf dem

Brustharnisch oder auf der Schulter. Menzel, Vorchristl.

Unsterblichkeitslehre 1, 22. In allen diesen Sinnbildern ist mithin die

Pestseuche an den Misswachs, dieser an den Mäusefrass geknüpft, und die

agrarischen Gottheiten nehmen das ihnen in Form einer Maus dargebrachte

Opfer an und heben die herschenden Uebel auf, indem sie die Mäuse

vertilgen. Dieselbe Abhülfe wird nun aber auch durch die hl. Gertrud

gewährt, welche, indem sie die Mäuseplage aufhebt, zugleich die Seuchen

abwendet. So lange schon Gertrud ein Standbild in der Kapelle zu

baierisch Hermatshofen besitzt, hat sie von diesem Orte stets die

Viehseuchen abgehalten. Panzer, BS. 2, 157. Dahin gehört die allbekannte

Sage vom Rattenfänger zu Hameln. Da sich an sie die Geschichte von der

magischen Pfeife knüpft, mit deren Tone die Mäuse vertrieben werden, und

hiervon noch später bei Gelegenheit der in Mausform gebackenen

Erntenudel wiederum die Rede sein muss, so folgt hier diese Hamelner

Geschichte in der Fassung nach, wie sie Balth. Becker in der Bezauberten

Welt lib. 4, S. 157 des Mart. Tschockius Fabula Hamelensis nacherzählt.

Als die Stadt Hameln a.d. Weser im J. 1284 mit einem Haufen Mäuse und

Ratten geplagt war, die alle Frucht wegfrassen, kam man mit einem

fremden Mann überein, der sich gegen Geld erbot, sie aus der ganzen

Gegend wegzuschaffen. Er holte aus seiner Henktasche eine Pfeife hervor

und sowie er darauf spielte, kamen die Mäuse aus den Hauswinkeln,

Dächern und Dachrinnen zu Haufen hervor und folgten ihm zur Weser. Er

trat sein Kleid aufschürzend in den Strom, die Thiere ihm nach und

ertranken. Nach verrichteter Sache begehrte er den bedungenen Lohn.

Allein die Bürger waren nicht geneigt zu bezahlen. Da erschien er am

folgenden Mittag wieder, diesmal in Jägertracht, sein Hut war

purpurfarbig, seine Gestalt von erschreckender Länge, und nun spielte er

eine andere, von der gestrigen weit verschiedene Pfeife. Da liefen ihm

binnen einer Stunde alle Kinder der Stadt zu, vom vierten bis zum

zwölften Altersjahre, die führte er, 130 an der Zahl, in eine Höhle des

vor dem Thor gelegenen Koppenberges, und keins von ihnen ist nach diesem

wieder gesehen worden. Man sagt, er habe sie zweihundert Meilen weit

unter der Erde fort his nach Siebenbürgen und dorten erst wieder ans

Licht geführt; denn seitdem spricht man in diesem Lande

niedersächsisch.--So lassen sich auch in Wolfs Hess. Sag. no. 14 die

Bauern um Lorsch alles Feldungeziefer und alles Gewitter, durch einen

Einsiedler aus dem Lande pfeifen, als sie ihm aber den Lohn dafür

vorenthalten, ist der Ameisen- und Grillenregen nebst dem Mäuseheere

wieder da. Von neuem wird der Mann berufen, nun kommen jedoch auf

seinen Pfiff alle Schafe und Schweine des Dorfes ihm in den Lorschersee,

und zuletzt alle Kinder in den Tannenberg nachgelaufen und bleiben

verloren.

Dieselbe Sage ist auch in dem bei Paris gelegnen Dorfe Drancyles-Nouis

lokalisirt gewesen, wo im J. 1240 der Mönch Angionini mit dem Erbieten

erschien, den Ort von seinen Ratten und Mäusen zu befreien. Er lockte

alle diese Thiere in einen Fluss, wo sie ertranken. Doch da man ihm den

versprochnen Lohn vorenthielt, stiess er in ein Horn, worauf sich alle

Zuchtthiere des Dorfes, Pferde, Rinder, Schweine und Gänse, um ihn

sammelten, mit denen er davon gieng. Nork, Myth. der Volkssag. 392. Die

Uebereinstimmung dieser Erzählungen lehrt, dass die Mäuse, weil sie

Geister sind, nur dem magischen Ton der Pfeife gehorchen und damit

hinweggelockt werden. Wie man mit der Bastpfeife im Frühling den

Fruchtkeim in die Pflanze zu blasen meint (Alemann. Kinderl. S. 182);

wie der Seefahrer dem Fahrwinde pfeift, so glaubt man, die pfeifende

Maus werde durch sanfte Musik angezogen, durch schreiende verjagt. Du

singst mir alle Mäuse aus dem Hause, sagt man abmahnend dem zur Unzeit

singenden Kinde. Zur Vertreibung der Mäuse bedient man sich folgenden

Mittels. Aus dem Hinterfusse einer gefangnen Ratte schneidet man ein

Pfeifchen und umgeht damit blasend am Charfreitag das Haus, oder man

hängt dem gefangnen Thiere ein Glöckchen an und lässt es laufen; es

springt aus dem Hause und alle übrigen folgen ihm. Grohmann, Bedeut. d.

Mäuse, S. 26. Abergl. aus Böhmen S. 62. 66. Denselben Zweck hatten die

Pfeifchen im Schweife der hölzernen Spielrösschen und die thönernen, die

man an der Stelle des Schwänzleins in die Erntenudel der gebacknen

Mäuschen steckt. Dass damit magisch fortgelockt werden sollte, ergiebt

die Umschrift an der grossen Abteiglocke in würtembergisch Weingärten;

die Glocke wurde 1490 gegossen und ihre Umschrift lautet nach Sauten

(Kloster Weingarten, 1857, 48):

Osanna heiss ich, den Todten pfeif ich.

Es ist daher gewiss ein lautredender Zug der Sage, wenn Bischof Hatto in

seinem Thurm zu Bingen von den Mäusen bei lebendigem Leibe gefressen

wird, weil er bei einer Hungersnoth die Armen unter dem Vorgeben einer

Brodvertheilung in eine Scheune lockte, sie sammt dieser verbrannte und

der Sterbenden Geschrei mit den Worten verhöhnte: Höret, wie meine Mäuse

pfeifen! Hattos Tod im J. 973 und seine Verhasstheit bei den Unterthanen

wird nebst der eben berührten Sage von Trithemius in der Hirsauer

Chronik 1, 116 erzählt und zur Unterstützung dieser Begebenheit, wie es

scheint, dorten S. 140 ein ähnlicher Fall vom J. 995 hinzugefügt über

einen Grafen von Rotenburg in Franken. Auch der Schlossherr einer am

thurgauer Seeufer versunken liegenden Wasserburg Güttingen soll sich

desselben Frevels schuldig gemacht haben und ebenso von den Mäusen

aufgefressen worden sein. Puppikofer, Gesch. des Kt. Thurgau, 121. Es

haben W. Menzel (Odin 229); Felix Liebrecht (Ztschr. f. Myth. 2, 405. 3,

307), und jüngsthin besonders ausführlich Grohmann (Apollo Smintheus, S.

78 ff.) über diesen Mythus und dessen zahlreiche Sagen gehandelt, in der

Erklärung desselben aber sich keineswegs geeinigt. Der Sinn kann kein

zweifelhafter sein. Der Erntegott schickt Undankbaren die Mäuseplage und

damit die Hungersnoth ins Land. Der um seine Vorräthe besorgte

Gewaltsherr entledigt sich der bei ihm Brod suchenden Unterthanen mit

Gewalt, aber die Geister der von ihm Gemordeten verfolgen ihn in Gestalt

der Mäuse bis in seine Wasserburg, wo er der gemeinsamen Seuche erliegt.

Mäuse werden daher Gottes Heerzug genannt, weil sie sich mit jeder

Seuchenzeit einstellen. Das Brüderpaar, das sich vor der Pest auf den

Irchelberg flüchtet, erwürgt sich da in der Hungersnoth um einer

gefangenen Maus willen. Bluntschli, Memorabilia Tigurina 1, 117. Zur

Zeit des Beulentodes war es in den Hexenprozessen eine stehende

Inquisitionsfrage, ob die angeklagte Person auch Mäuse gehext habe.

Aargau. Sag. 2, 172. Und daher stammt die gegen jeden Flausenmacher

gebräuchliche Phrase: Mach mir keine Mäuse. "Die Festung macht Mäuse und

will sich nicht ergeben", heisst es ebenso in Göthes Bürgergeneral, 9.

Auftritt.

Die den Körper in Mausgestalt verlassende und wieder besuchende Seele

hat zu dem Spielreim Anlass gegeben, bei dem man mit den Fingern über

die Brust des Kindes hinauf tippt, sprechend:

Kommt ein Mäuschen,

will ins Häuschen,

da 'nein, da 'nein!

Aus demselben Glaubensgrunde dachte aber die Vorzeit verpflichtet zu

sein, den Mäusen Recht und Gericht halten zu sollen. Bei dem Prozesse,

welchen die tiroler Gemeinde Stilfs 1590 gegen die Schädigung der

Lutmäuse beim Amte Glurns anhängig machte, erhielten beide Parteien

ihren Procurator, das Gericht war mit eilf namhaften Männern besetzt,

für Anklage und Entlastung wurden Zeugen abgehört und der Beschluss

lautete: Die Lutmäuse seien gehalten binnen 14 Tagen den Landstrich

gänzlich zu verlassen, jedoch unter freiem Geleite gegen Hund, Katze und

jeden andern Feind; "wo aber ains oder mehr der Tierlein schwanger wäre,

oder Jugend halber nicht fortkommen möchte, dieselben sollen ein

weiteres sicheres Geleit fernere 14 Tage lang haben." Zingerle, Sag. no.

708. Aehnliches geschah auch vor dem Rathscollegium zu Autun 1540,

welches die Mäuse als Saatenverwüster anklagen und verurtheilen liess;

der Mäuse Anwalt jedoch, Barthol. Cassanäus, nachmaliger Präsident des

Pariser Parlaments, machte den Einwurf, die Verurtheilten seien noch

nicht dreimal vorgeladen und könnten, so lange die Strassen durch Hunde

und Katzen unsicher seien; füglich auch nicht erscheinen. Diebolt,

Histor. Welt, 1715, S. 1117.

Von hier aus übergehend zu den der Kornmaus dargebrachten Ernteopfern,

findet sich Raum zur Einschaltung der an dies Thier geknüpften

volksmedizinischen Bräuche, deren allverbreiteter gleichfalls auf ein

Opfer hinausläuft. Bekanntlich wirft das Kind beim Zahnschichten den

Wechselzahn ins Mausloch und verlangt dafür von der Maus einen neuen,

dessen Dauerhaftigkeit nach Stein, Bein, Eisen, Silber und Gold bestimmt

wird.[20] In Pforzheim spricht man (Grimm, Abgl. no. 631): Mäuschen, da

hast du einen hölzernen Zahn, gieb mir einen beinernen dran.--In

Schlesien: Mäusel, ich geb dir ein Beindel, gieb mir ein

Steindel.--Mäuschen, ich geb dir einen knöchernen Zahn, gieb du mir

einen eisernen. Kuhn, Westfäl. Sag. 2, S. 34. Im Aargau heisst es

(Alemann. Kinderl. S. 338):

Müsli, Müsli, nimm de Zah,

gim-mer en schöne goldige dra,

frei en schöne wîsse,

ass ech's Brod cha bîsse.

Das Kind wirft seinen ausgefallenen Zahn, wenn ihn die Mutter nicht

selber verschluckt, hoch gegen Himmel:

Seh, liebe Herrgett, en Zah!

Gieb mer wider en andre dra.--

In Würtemberg wirft es ihn über sich und spricht beim Schneidezahn:

Se, Mäusle, has du dean Za,

sez mer derfür en andra na!

Beim Mahlzahn heisst es:

Wolf, Wolf, da has en Za,

gi mer derfür no koen Biberza!

Birlinger, Schwäb. Sag, 1, no. 570. _Biber_ ist schwäbisch Name des

wälschen Hahns (Birlinger, Schwäb. Wörtb. 61) und bedeutet hier: lass

mir den Zahn nicht krumm wie einen Vogelschnabel wachsen. Ein

altarabischer Spruch in Rückerts Morgenländ. Sagen 2, 264 opfert den

Schichtzahn gleichfalls der Sonne:

Liebes Kind, nimm deinen Zahn,

Der dir ausgefallen,

Wirf ihn zu der Sonn' hinan,

Sprich mit frohem Lallen:

Gieb mir einen bessern dran!

Und du wirst von allen

Neuen Zähnen keinen Zahn

Schwarz und schief und stumpf empfahn,

Sondern jeden wohlgethan.

Kind, so lehrt' es mich dein Ahn.

Dem Sonnengotte Freyr ward von den Göttern die Sonne, Lichtalfenheim,

zum Zahngebinde geschenkt. Grimm, GDS. 154. Der Zahn ist also eine

Himmels- und Sonnengabe; der ausfallende erste Milchzahn heisst in

Süddeutschland Wölfle (Alemann. Kinderlied, S. 337), Wolfszähne werden

dem zahnenden Kinde umgehangen, vielleicht in altheidnischer Rücksicht

auf den Sonne und Mond verschlingenden Weltenwolf, dem auch Gott Freyr

zum Opfer fällt.

In Hahns Griechisch-albanes. Märchen no. 10 und 101 lässt sich die

Prinzessin, die einen Zahn verloren, bald einen goldnen, bald einen

silbernen einsetzen, besiegt darauf ihres Vaters Feinde, befreit das

Land und wird des fremden Prinzen Gemahlin. Dass der erste Wechselzahn

wirklich in Gold gefasst und so am Armring getragen wurde, ist nebst

anderen dahin einschlägigen Bräuchen des Alterthums im eben genannten

Alemann. Kinderliede pag. 338 bereits geschichtlich nachgewiesen. Der

hellfunkelnde, unverwüstliche Zahn des im Boden oder in Höhlen wohnenden

Thieres soll auch dem jungen Menschen zu Theil werden, wenn er seine

Zähne in den Boden säet; darum streut auf Athenes Geheiss Kadmos die

Zähne des erschlagnen Drachen in die fruchtende Ackererde, und aus ihnen

erwachsen die Stammväter des kadmeischen Thebens. Den Schneidezahn wirft

man der Maus hin, den Mahlzahn dem Wolfe, heisst es; der erste Zahn

heisst in Süddeutschland Wölfle, und wölfen ist zahnen: Aus Wolfs- und

Rosszähnen bestand die Halsschnur, die man zahnenden Kindern sonst

umhieng, und selbst unter den Fundstücken, die man seit 1857 aus den

Pfahlbauten des Bodensees erhebt, zeigen sich die Zähne des Bären und

Wolfes, durchbohrt, um an Schnüren als Amulette getragen zu werden.

Zürch. Antiq. Mitthll. 12, Heft 3, 139. Damit stimmt die doppelte Notiz

bei Plinius überein HN. 28, cap. 78, und 30, cap. 7: Wolfzähne werden

zahnenden Kindern gegen Erschreckung, und Pferden gegen Ermüdung

angehängt, ausgerissene Maulwurfszähne gegen Zahnschmerz. Weil die Maus

Alles benascht, streut man dem naschenden Kinde heimlich eine gepulverte

Maus auf die Speise, damit soll der eine Dieb den andern abschrecken.

Höchst auffallend aber bleibt der sg. Maustrank, ein Volksmittel, von

welchem die älteste und die neueste Zeit zu erzählen hat. Das

Pönitentiale des hl. Bonifacius und dasjenige von Angers (Poenitentiale

Andegavense) schreiben dem Priester vor, die Frage an sein Beichtkind zu

stellen, ob es von dem zauberhaften Maus- oder Wieseltrank genossen

habe: edisti de liquore, in quo mus aut mustella mortua invenitur? Das

Verbot gegen diesen Trank wird von mehreren Kirchenschriftstellern,

darunter Regino und Burchard von Worms wiederholt, zugleich den

Bischöfen aufgetragen, bei der jährlichen Kirchenvisitation strenge

Nachforschung hierüber anzustellen. Auffallender Weise aber lebt die

Unsitte bis heute fort. In baierisch Rosenheim gilt als probates Mittel

gegen Epilepsie eine Maus, die gewiegt, gekocht und verspeist werden

muss, und ein sehr verbreitetes kostspieliges Geheimmittel, welches von

Frankreich aus in Ruf gekommen ist, besteht nach neuerlich angestellter

Analyse aus pulverisirten Mäusen. Bavaria 1, 464. Nun behauptet zwar die

uns persönlich umgebende schweizerische Volksmedicin, Bettnässer seien

dadurch zu heilen, dass man ihnen eine in Wein destillirte Maus zu

trinken gebe; allein man lasse sich hiebei nicht dadurch irreleiten,

dass auch schon Plinius NG. 30, c. 47 den Kindern, welche den Harn nicht

verhalten können, gepulverte Mäuse unter der Speise zu essen verordnet;

denn diese Heilmethode gründet sich auf ein blosses Wortspiel und steht

nicht in entfernter Beziehung zu jenem dem Thiere beigemessenen,

dämonischen Charakter. Nach dem Medicinischen Lehrsatze, Gleiches mit

Gleichem zu vertreiben, schlägt nemlich Plinius vor, die Muskelschwäche

am Halse der Harnblase durch eine eingenommene Maus zu heilen, da

latein. musculus beides ist, Muskel und Mäuslein. Die deutsche Medicin

nahm nicht bloss diese gleiche Benennungsweise, sondern auch die daran

geknüpfte Heilmethode an, um so mehr, als beides ursprünglich unter dem

Einflusse der wälschen Universitäten zu Padua und Montpellier stand.

Peter Vffenbachs Newes Artzneybuch ist eine Uebersetzung der Chirurgie

des Hieron. Fabricius ab Aquapendente, Professors zu Padua, und schreibt

daher (Frankfurter Ausgabe von 1605, S. 127) wörtlich nach: "Das

Bettharnen der Kinder entsteht, wenn das Mäusslin, so umb den Hals der

Harnblasen herumbliegt, verletzt wird und dem Willen des Menschen nicht

mehr gehorchen kann." Die späteren Aerzte gebrauchen denselben Ausdruck

und pflanzen den daran geknüpften Aberglauben fort. "Der Geist kumpt

durch die müssly vnd neruen vssgespreitet zum hirn", schreibt der

Zürcher Arzt Jak. Rueff, von Empfengknussen, Zürich 1554, Blatt 126b;

Johann von Muralt lehrt in seinem Hippocrat. Helvet., Basel 1692, 45:

"Wann die junge Kinder so hart verstopft, also dass jhnen der Leib

auflauft, so gib jhnen ein wenig Mausskoht mit der Muttermilch ein."

Ein ähnliches Wortspiel scheint nach Nork, Realwörterb. 3, 125, der

schon vorhin erwähnten Stelle l. Sam. 6, 5 zu Grunde zu liegen, weil die

dorten enthaltenen Stichwörter Pestbeule und Maus im Hebräischen

stammverwandt sind und Maus im Syrischen auch ein Geschwür bedeutet.

Der Name Maus, sanskrit mûscha, abgeleitet von der Wurzel mûsch,

stehlen, bezeichnet einen Dieb, weshalb denn das indische Gesetzbuch

Yajnavalkya III, 214 (übers. von Stenzler) zustimmend besagt: "Eine Maus

wird der Getraidedieb sein, denn wie die verschiednen Gegenstände sind,

so sind auch die Gattungen der lebenden Wesen." Das Wort behält diesen

Begriff in allen indogermanischen Sprachen bei: mausen bedeutet stehlen.

Quasi mures semper edimus alienum cibum, lässt Plautus in den Gefangenen

den Schmaruzer sagen. In des Hieron. Bock Teutscher Speisekammer, 1555,

sagt das Vorwort:

Mein frischgebachen brot

muoss leiden vil der not

von hunden vnd von katzen,

von meusen vnd von ratzen,

zerhülchen's, schliefen drein,

wolt, sie schwimmen im Rhein!

Die Regeln der Haus- und Landwirthschaft setzen daher seit ältester Zeit

für bestimmte Zeitfristen allgemein beobachtete Ueblichkeiten fest,

durch die man dem schädlichen Einfluss des Thieres zuvorzukommen

glaubte, indem man theils ihm selbst, theils den Geistern opferte, in

deren Gefolge es erschien. Deutliche Spuren hievon liegen noch in

unseren Fasnachts- und Erntebräuchen. Man darf um Weihnachten und

Fasnacht, wo die Elben in Mausgestalt ihre Julzeit, halten (Volksglauben

in der Mark), oder wo nach oberdeutschem Glauben Berchta-Holla ihren

Umzug hält, nicht spinnen, sonst zerzausen die Mäuse den Flachs. Das

Mäuslein beisst! ist ein besonderes Drohwort, gleichwie im Gedichte von

den Sieben Schwaben der gewichtigste Fluch lautet: Dass dich das

Mäuslein beisst! denn alles was man in der Fasnacht spinnt, das fressen

die Mäuse (Aargau). Man darf alsdann die Mäuse auch nicht bereden, sonst

stehlen sie das Korn von der Schütte. Anstatt Maus sagt man dann (nach

Kuhns Nordd. Sag. pg. 411) Bönlöper, Scheunenbodenläufer, in Dänemark

Tede, die Kleinen. Noch im vorigen Jahrhundert hielt man diesen Brauch

so fest, dass der dänische Ortspfarrer Laurids Muns (gestorben 1774)

während der berufenen Weihnachtszeit bei seinen Pfarrkindern stets nur

Herr Tede genannt wurde. Handelmann, Nordalbing. Weihnacht. pg. 13. Die

Rindfleischsuppe, die vom Fasnachtsdienstag im Kochkessel übrig bleibt,

schüttet man gegen die Kornmäuse in die Mauslöcher. H.L. Fischer, Buch

v. Abgl. 1790. 1, 237. In Grochwitz bei Torgau bäckt man die

Fasnachtsküchlein. in einer Eisenform, von der es heisst, man stosse mit

ihr dem wühlenden Maulwurf die Schnauze ab. Man erkauft also hier das

Gedeihen der künftigen Ernte mit einem Opferbrode voraus. Dasselbe gilt

in Altbaiern; hier wird dem Gesinde des Hofbauern die Mehlspeise der

gebacknen Mäuschen als Fasnachtsgericht aufgesetzt; dafür hat es theils

bei Nacht, theils schon vor Sonnenaufgang die Strohbänder für die Garben

der Ernte vorauszuflechten; da die Mäuse dieser Nachtarbeit nicht mit

zusehen können, so werden auch die Garben vor ihnen sicher bleiben,

jedoch vermehren sich die Mäuse, wenn man ihnen über dieser Arbeit

flucht. Bavaria 2, 300.

Beim Einbringen des Korns stellt man drei Garben mit den Aehren nach

unten gekehrt in die Tenne; dies gehört den Mäusen, die hiemit sich

begnügen und den Geizigen heimsuchen mögen. Die Beinchen vom

Osterfleischkuchen, welcher aus Teig mit gehacktem Kalbfleisch besteht,

streut man gegen das Wühlen des Maulwurfs in dessen frische Gänge.

Grohmann, Böhm. Abgl. S. 58. In böhmisch Raudnitz hebt man vom Schmalz,

worin man die Fasnachtskrapfen bäckt, bis zur Ernte auf und salbt damit

die Räder des Erntewagens. Sobald dieser vor der Scheune ankommt, fragt

der abladende Knecht den Fuhrmann: Was fährst du? Dieser antwortet: Die

Katze für die Mäuse. Alsdann werden keine Mäuse in die Scheune kommen.

Schon die Brosamen vom Weihnachtsmahl schüttet man in die Scheunentenne

und spricht: Mäuschen, esst diese Bröckchen und lasset das Getreide in

Ruhe! Grohmann, Apollo Smintheus 38. 27. Im Wittgensteinischen wird in

die erste Scheunengarbe ein Käse gebunden und der sie Abladende fragt

den Fuhrmann Wann haben wir Christtag? Antwort: Ich weiss es nicht. Ei,

erwiedert Jener, so wissen die Mäuse auch nicht, wo ich meine Gerste

hinlege. Kuhn, Westf. Sag. 2, S. 187. In des Albertus Magnus Egypt.

Geheimnissen Heft 3, 73 heisst es: "Wann du das Korn zum ersten

einführst, so nimm die erste Garbe, die du in den Baren legst, in deine

rechte Hand und sprich:

Da leg ich dem Menschen das Brot

und allen Mäusen den bittern Tod."

Meklenburger Erntebrauch ist, den ersten Kornwagen nicht abzuhalmen, auf

dass die Mäuse das Korn nicht fressen. Schiller, Thier- und Kräuterb.

3, S. 9a.

Hier folgt nun eine Beschreibung der zu verschiednen Jahreszeiten in

Mausform gebackenen Zweckbrode.

Mit erstem Frühlingsbeginn nimmt die oberdeutsche Bäuerin junge

Salbeiblätter, wickelt sie in Eierteig und bäckt sie in Butter ab;

hinten muss dann der Blattstiel gleich einem Mausschwänzchen aus der

Nudel vorstehen. Die um dieselbe Zeit für den Marktverkauf gebackenen

grösseren Brodnudeln haben eben dieses Schwänzchen, doch ist es ein

thönernes, damit die Kinder darauf pfeifen können. Marx Rumpolts

Kochbuch von 1581, Bl. 167b wählt zur Einlage in dieses Mehlmäuslein die

Pflanzen Bertram, Borrag und U. Frauen Blätter. Noch älter ist folgende

Notiz in der Inkunabel Kuchenmaistrey, o.O.u.J. Blatt 19. 20: ein gutz

gebachen von Salvey. nim dür leutzbiren vnd mach sie schôn. seüd sie

weich vnd stoss sie in einem morsser. bestreich ein saluenblat damit vnd

deck ein anders daruber, druck sie auch sitlichen zusammen, dz sie auch

bey einander bleiben. mach ein straubenteiglein mit honig vnd wein,

zeuch es dardurch vnd bach es. Auch Fischart im Gargantua cap. 8 singt

von dieser Nudel:

Bachen wir ein Küchelein,

Meuselein und Streubelein

Und trinken auch den kühlen Wein,

Kaku-kaka-nai,

Dass man fröhlich sei.

In A. Corrodi's Zürcher Idyll De Dokter (Winterthur 1860, S. 45) heisst

es von der städtisch bereiteten gezuckerten Mausnudel:

Müsli, weischt, du kännsch es ja wol, sind gar nid z' verachte,

Wämmä de Zucker nid spart und wämmä cha gnueg devu esse.

Beim aargauer Landvolke im Frickthal und im Hallwiler Seethal wird nach

beendigtem Kornschnitte dem Gesinde die Müslinudel aufgestellt, aus

Kernenmehl, schmalzgebacken. Unter demselben Namen wird sie in Altbaiern

demjenigen unter den Dreschern heimlich zugeschoben, auf den der letzte

Drischelschlag gefallen war, und er heisst davon beim Dreschermahl

scherzweise der Maushüter. Panzer, BS. 1, no. 405. In Frankreich schätzt

man einen in Arras, Béthune und St. Quentin einheimischen

Käse-Pfannkuchen Namens Ratons, beides bezeichnend, Ratte und

Eierkuchen. Ein Steinbild in der Nürnberger Lorenzokirche mit einer

eignen Sage wird für eine Ratte mit der Bratwurst angesehen. Schöppner,

Sagb. no. 641.

Gertruds Name verräth sich zwar bei diesen Erntespeisen nicht, wohl aber

werden die ihr geweihten Pflanzen und Wappenthiere in den weiteren

Erntebräuchen, besonders beim Heuschnitt erwähnt. In Schwaben sammelt

man am Himmelfahrtstage Mausöhrleinkraut, gnaphalium dioicum, und hängt

es gegen Blitzschlag in Haus und Stall. Meier, Sag. 2, 399; in Baiern

wirft man Frauenschühlein, melilotus, und Gertrudenkraut gegen Abwendung

des Hagelschlags ins Sonnewendfeuer. Panzer, BS. 1, 212. Gertruds Wagen

und Gespann ist in nachfolgenden Sagen hervorgehoben. In der Stadt

Grimmen fährt in der Walburgisnacht ein mit vier Mäusen bespannter Wagen

umher, dessen Kutscher hahnenfüssig ist. Temme, Volksag. von Pommern

und Rügen 329. Hier ist in des Kutschers Gestalt Donars Erntehahn nicht

zu verkennen. Beim Prinzessinnen- oder Teufelsstein, einem Felsblock bei

Köpenick, erscheint abwechselnd der Geist eines alten Mütterleins, das

gebückt am Stabe geht, oder einer Prinzessin, die ihr Haar kämmend sich

im Spiegel des dortigen Sees beschaut und dreimal um die Köpenicker Flur

getragen zu sein verlangt; dabei kommt ein schwer geladner Heuwagen

heran, von vier kleinen Mäusen gezogen. Kuhn, Märk. Sag. no. 111. Bei

Marne in Südditmarschen fliesst der Geldsot, in welchem ein Braukessel

mit einem grossen Schatz versenkt liegt; nächtlich kommt dorten ein

Fuder Heu gefahren, von sechs weissen Mäusen gezogen und vom

Schimmelreiter begleitet. Letzterer aber ist bekanntlich Wuotan selbst.

Bechstein, DSagb. no. 171. Wie hier der Geldsot eine Wunderquelle ist,

so kennt solche nach Gertrud benannte Heilquellen besonders die Legende

der Rhön- und Spessartgegenden, wo die Heilige als Karls des Grossen

Tochter gilt. In den gekräuselten Wellen der Mainströmung glaubt man

dorten nächtlicher Weile Gertrudens Fussspuren schimmern zu sehen;[21]

wo sie zum Gebete niedergekniet hat im Felde bei Rohrlaha, bleibt die

Stelle ewig unbebaut (Herrlein, Spessartsag. 68. 126. 127. 131.) Ihr

daselbst kirchlich verwahrter Mantel wird Frauen umgehängt, welche

Mütter zu werden wünschen. Das Gebet zu ihr lindert die Geburtsschmerzen

und fördert die Geburten. Jac. Schmid, Leben hl. Hirten und Bauern, 3.

Th. 52. Der Kinderbringer Storch ist daher unter ihren Attributen und

sitzt an den ihr geweihten heilkräftigen Quellen. Zingerle,

Gertrudenminne S. 50. Schöppner, Bair. Sagb. n. 976. In der

Gertrudenkapelle zu Bamberg hörte jener Edelknabe, der auf den "Gang zum

Eisenhammer" (Schillers Ballade) geschickt war, erst noch die Messe und

entgieng darüber dem Tode. Schöppner, no. 207. Während sie auf Schloss

Karleburg am Main einen Frauenconvent gründete, wurde ihrem Priester

Atalong von Schulknaben die Stelle verrathen, wo die Leiche des hl.

Kilian unrühmlich verscharrt in einem Rossstalle lag. Da Atalong dieser

Nachricht misstraute, so liess ihn dafür der Heilige erblinden, stellte

ihn jedoch alsbald wieder her, nachdem er einer ihm zu Theil gewordenen

Vision Folge gegeben hatte. So meldet die alte Aufzeichnung (bei Ign.

Gropp, Collectio Scriptor. Wirceburg. 799), ohne jedoch den Vorgang der

Heilung Atalongs zu berichten; letzteres thut die lebende Sage. Gertrud

gieng eines Tages von der Karleburg nach dem benachbarten Waldzell, an

dessen Klösterlein sie Stiftungen gemacht hatte, und blieb erschöpft und

dürstend in der Einsamkeit stehen, als plötzlich ein Storch vor ihr

aufflog. Zur Stelle entsprang die Gertrudisquelle, deren Wasser kranke

Augen heilt. Bavaria IV. 1, 493. Archiv des histor. Vereins von

Unterfranken 13, 154.

Nun ist noch des Brauches zu gedenken, der altherkömmlich,

weitverbreitet, und langandauernd gewesen ist: Gertrudis Minne zu

trinken.

Der Germane weihte dem Angedenken (ahd. minni ist memoria) seiner Götter

und Stammhelden bei Opfern, Hochzeiten, Abschiedsschmäussen feierlich

den ersten oder letzten Becher. Wie die Alemannen eine Kufe Bier sotten,

um sie auf Wuotans Minne zu trinken, meldet aus der ersten Hälfte des

siebenten Jahrhunderts die Lebensbeschreibung des hl. Columban. Nach der

Bekehrung trank das unter christlicher Hülle fortlebende Heidenthum

"Krists, Michaels, Marien, Gertruden und Johannis-minni." Grimms Myth.

53 ff. hat darüber aus unsern einheimischen Quellen vom 11. Jahrhundert.

an eine Reihe Belegstellen gesammelt, deren Ergebniss ist, dass es im

Mittelalter vorzugsweise zwei Heilige waren, zu deren Ehre Minne

getrunken wurde, Gertrud und Johannes der Evangelist. Dasselbe zeigt

auch J.V. Zingerle's Schriftchen: Johannissegen und Gertrudenminne

(Wiener Jahrbücher 1862). Heut zu Tage scheint diese kirchliche Sitte

nur, noch für Johannis zu gelten (so z.B. im Kanton Wallis);

Gertrudenminne zu trinken war in Holland und Belgien allgemein üblich

gewesen und soll dorten aus Abscheu vor dem Andenken an den Verräther

Gysbrecht abgekommen sein, dem sein Schlachtopfer, Graf Floris von

Holland, vergeblich Gertrudenminne zugetrunken hatte. Wolf, Ndl. Sag. S.

699. Den Johannissegen pflegt man heute des Reiseschutzes wegen zu

trinken; mit dem Gertrudensegen aber glaubte man für den Fall, dass der

Scheidende von seiner Reise nicht mehr zurück kehre, sich eine _gute

Herberge_ jenseits zu sichern, da der abgeschiednen Seele ihre erste

Nachtruhe eben bei St. Gertrud angewiesen ist; und darum wurde diese

Heilige aus einer Seelenherrin später eine Patronin der Reisenden. Das

Glas, aus dem man in den Niederlanden ihre Minne trank, hatte die Form

eines Schiffchens (Wolf, Beitr. 2, 108), als Andeutung nicht bloss der

weiteren Reisen, die man in den Niederlanden zu Schiffe machte, sondern

jener weitesten, welche über den Todesstrom führt und unsern Ausdruck

Absegeln für Sterben zur Folge hat. Von dieser Seelenüberfahrt handelt

Deutscher Glaube und Brauch 1, 173, und dorten ist die redende Stelle

aus einer Einsiedler Handschrift angeführt: "wenn die menschen sterbend,

so far die sel durch das wasser." Darum auch zeigte das schon erwähnte

Strassburger Kirchengemälde St. Gertrud mit zu Schiffe, und die

Gertrudenlegende (A. SS. sec. II. pag. 465) berichtet, wie die Schiffer

des Klosters Nivelles bei heiterem Wetter einem wundersam grossen

Fahrzeuge begegnen, das sich rasch in ein stürmendes Meerungeheuer

verwandelt und ihnen den Untergang droht, aber sogleich versinkt, als

sie dreimal Gertrudens Hilfe anrufen. Aus solchem schiffähnlichem

Trinkgeschirre schenkte Gertrud den Schatten den Erinnerungstrank, wie

Freyja und ihre Walküren den Asen den Meth. Ein Nachklang an dieses in

Walhall ausgeübte Mundschenkenamt liegt noch in der Gertrudenlegende der

Bollandisten, A. SS. tom. I. ad diem VI. Januarii, wornach eine andere

Gertraud, welche hier nur Venerabilis genannt ist, in ihren jüngeren

Jahren Kellnerin in verschiednen Wirthshäusern Hollands gewesen war; sie

trägt den Beinamen Von Osten, weil sie unter den Zechliedern der

Wirthsgäste das geistliche Lied "Es taget auf von Osten" gedichtet und

öfters hergesungen hat. Sie war ein Bauernkind aus dem Dorfe Voorburch,

zwischen Delfft und Grafenhaag, trat mit ihren beiden Freundinnen Lielta

und Diewardis, die gleichfalls Dienstmädchen gewesen, in das Beginenhaus

zu Delfft und starb hier 1358. Bei andern Autoren wird sie abwechselnd

eine Beata und Sancta genannt.

Die in der Figur Gertruds enthaltenen Züge der Walküre sind ausser ihrem

schon anfangs erklärten mythischen Namen nachfolgende.

Sie ist des von ihr erwählten Mannes schützender Gefolgsgeist, seine

Fylgja, lässt sich mit ihm in ein Ehebündniss ein, schützt ihn mit

Gefahr ihres eignen Lebens vor den feindlichen und den höllischen

Waffen, reitet für ihn ins Gefecht und hinterlässt ihm, wenn sie nach

dem Schluss des Schicksals verschwinden muss, einen gesegneten Besitz

und tüchtige Nachkommenschaft. Die elbische Waldfrau, welche des

Hofbauern Untermoser Eheweib geworden war, hatte diesem untersagt, sie

je um ihren Namen zu befragen. Einst aber war er Ohrenzeuge, wie ein an

der Wiese vorbeigehendes Waldfräulein im Gespräche mit seinem Weibe

dieses Gertrud nannte; unvorsichtig wiederholte er ihr diesen Namen und

weinend musste sie hierauf Mann und Kinder für immer verlassen.

Scheidend ergriff sie einen Eisenstab, stiess ihn ins Feld und sprach:

So lange von dem Stecken noch eine Ader bleibt, wird jeder Untermoser

gut hausen. Und dies Wort ist bis heute in Erfüllung gegangen. Panzer,

BS. 2, S. 46. In Wolfs Ndl. Sag. no. 42 und 358 ist ein ähnliches

Bündniss im Tone der Ritterzeit erzählt. Riddert von Berkhof hatte sich

dem Teufel verschrieben, veranstaltete nach abgelaufener Frist seinen

Freunden ein grosses Abschiedsmahl; trank ihnen zum Schlusse einen

Becher Geerdenminne zu und ritt darauf der Linde beim Kirchhofe von

Heppener entgegen, wo der Böse bereits seiner wartete; doch der Satan

konnte ihm nichts anhaben, denn nun sass hinter Riddert die hl.

Gertrud, deren Minne er vorhin getrunken, selbst mit zu Rosse. Dieser

Vorfall war später in der Heppener Kirche künstlich gemalt zu sehen.

Mittelhochd. Dichtungen tragen ähnliches auf die hl. Maria über, die als

Schutzgeist eines Gefährdeten hinter ihm mit zu Rosse sitzt; mehrfache

deutsche Sagen lassen sie sogar mit oder für den Schutzbefohlnen aufs

Turnier ziehen und in Gefechten mitkämpfen. Wolf, Beitr. 1, 192, folgert

daraus, dass Maria hier an die ursprüngliche Stelle der kriegerischen

Frouwa getreten sei, welche als Valfreyja zwar auf ihrem Götterwagen mit

zum Kampfe fuhr, allein als Vorsteherin der reitenden Walküren

gleichfalls das Schlachtross besteigt und sich ins Schlachtgetümmel

mischt; eben dahin sei denn auch jene Kirche in Vorderditmarschen zu

deuten, deren Name ist Unse leve Fru up dem perde.

* * * * *

Im Jahre 1867 hat J.V. Scheffel, der Verfasser des Ekkehart, auf einem

gallorömischen Grabfelde zu Rheinzabern das Stellfigürchen einer aus

Terracotta geformten Maus nebst demjenigen eines Hähnchens ausgegraben

und beides uns zu einem höchst schätzbaren Andenken übersendet. Der

Fundort, das alte Tabernae Rhenanae, der ergiebigste an römischen

Alterthümern in der ganzen Rheinpfalz, hat jüngst auch zur Entdeckung

eines wohlerhaltnen Brennofens geführt; man erhob daselbst eherne

Legionsadler, Broncefigürchen, Meilensteine, Münzen aus dem 4.

Jahrhundert. Im benachbarten Orte Hert wurde 1829 ein dem unsrigen ganz

gleiches Hähnchen aus Glas gefunden. Die Figur der Maus ist phallisch

dargestellt und entspricht dadurch dem Hahn, dem Symbol der

Regenerationskraft. Die Maus trägt eine Schelle um den Hals gebunden;

denn nach Apollodor (Fragmente) wurde für Sterbende Erz an einander

geschlagen und die Spartaner geleiteten ihre Könige unter Glockenton zu

Grabe; "der Erzklang sollte die Seele reinigen und entzaubern von der

Macht der Dämonen." Creuzer 4, 401. Ebenso verkündet das Krähen des

Hahnes das Licht des neuen Tages.

Ein zweites Abbild, die Maus mit den vier Jungen, ist uns durch Hn.

Hermann Brunnhofer aus Oxford überbracht worden. Die Figur ist aus

ungesäuertem Teig gebacken und mit Eierklar glasirt. Die Landleute aus

der Umgegend von Oxford pflegen derlei Brodfigürchen auf den dortigen

Weihnachtsmarkt zum Verkauf zu tragen. Sie sind zwar nicht zum Essen

bestimmt, sonder dienen als Zierat auf Thür- und Kamingesimse, finden

aber ihr Ende zuletzt doch im Kindermagen.

* * * * *

Drei Gaugöttinnen · 第 22 / 23 题