FUSSNOTEN:

[5]

A Solodoro igitur

discedens proficiscitur,

ubi Rhenus labitur,

Zurziacham graditur.

Verena-Hymnus im Constanzer Breviarium von 1509, gedr. bei Eberhardus

Ratdolt.

[6] Diabolus quendam tyrannum sub potestate Romani nominis inflammavit,

sagt die Originallegende; erst später wird der Name Hirtacus dazu

gefügt. Auch das mhd. Gedicht nennt ihn einfach Richter.

* * * * *

Dritter Abschnitt.

Verena, die Geburtshelferin.

Ihre örtlichen Kleinkinderbrunnen, Taufbrunnen und Wasserkirchen; die

ihr geopferten Mädchen- und Brautkränze; ihr Geburtsgürtel, Haarkamm und

Waschkrug; ihre örtlichen und kirchlichen Heilquellen. Gesundheitsregeln

am Verenentage. Mythische Nachklänge von der Gewitterriesin: das

Vrenelisgärtli am Glärnisch u.s.w.

Wir beginnen mit dem Kindersegen, welchen die Heilige verleiht, und

stellen hiefür diejenigen Erzählungen voran, welche der ältesten

zwischen die Jahre 1005 bis 1032 fallenden Aufzeichnung der

Verenalegende (bei Pertz 6, 457) angehören. Diese von G. Waitz

nachgewiesene Zeitbestimmung gilt namentlich auch für diejenigen

Thatsachen, über welche der Verfasser jener Bruchstücke entweder als

Augenzeuge berichtet, oder die er an bekanntere Herschernamen jener

Periode anknüpft.

Der Burgundenherzog Konrad war mit seinem Eheweibe Machthilde lange

kinderlos geblieben. Sie wallfahrteten endlich nach Zurzach ins

Verenenstift, beteten hier und vertheilten reichliches Almosen, und in

der ersten Nacht nach der Heimkehr empfieng die Herzogin einen

Thronfolger.

Heriman, der zweite Alemannenherzog dieses Namens (997), hatte Gerbirga

geehlichet, des vorhin erwähnten Burgundenherzogs Konrad Tochter, und

obwohl schon mehrere Töchter, doch noch keinen Sohn bekommen. Sobald

aber die Eltern zum Grabe Verenas wallten, wurden sie auch mit einem

solchen beglückt. Dieser war, wie Casp. Lang beifügt (Histor. theol.

Grundriss der christl. Welt 1692. 1, 477), Herman III., der indess nicht

zu seinen Jahren kam und schon 1012 wieder starb.

Reginlinda, des Alemannenherzogs Burkhard II. Wittwe, lebte in zweiter

Ehe mit dem Herzog Heriman, der jenem Burkhard 826 in der Regierung

nachgefolgt war. Zu gleichem Zwecke, wie die Vorigen, machten die beiden

Neugetrauten einen Kirchgang nach Zurzach und übernachteten daselbst im

Stifte. Hier träumte Reginlinda von der Empfängniss, die sie sich

wünschte, und gebar darauf die Tochter Ida, die nachmals Liudolf, Kaiser

Ottos I. Sohn, zum Weibe nahm.

Eine adelige Frau im Elsass hatte früherhin in kinderloser Ehe gelebt,

hierauf sich zur hl. Odilia verlobt und dann drei Töchter bekommen.

Durch die hl. Verena hingegen erhielt sie erst noch Zwillingssöhne, denn

diese Heilige besonders ist es, welche die Eltern mit Mädchen und Knaben

begnadet. So war ein kinderloser Frankengraf öfters von den Zurzacher

Stiftsherren eingeladen worden, er möchte sich zu ihnen begeben, die

Heilige anflehen und ihr einen wenn noch so geringen Theil seines

Reichthums opfern, dafür werde er seinen Wunsch nach Söhnen erfüllt

sehen. Jedoch er spottete mit seiner Frau dieses Rathes. Was sollen uns

diese Pfaffen helfen? pflegte er zu sagen, sind sie nicht selbst die

Unvermögenden und an Mannesart die Allerletzten? Darauf wurde sein Weib

vom Blitz erschlagen und er starb hin ohne Leibeserben.

Ein Höriger des Stiftes hatte ein an Abkunft ihm gleiches Weib

geheiratet, allein von dem Erbe, das ihnen beiden mehrfach zufiel,

entrichteten sie dem Stifte nicht nur keinerlei Zins, sondern sie

liessen sich auch in allerlei Schmähungen über derlei Pflichtigkeiten

aus und machten sich sammt ihren Kindern zuletzt ganz aus der Gegend

fort. Dafür starben er und sein Weib eines jähen Todes, und seine

Nachkommenschaft, die jetzt noch unter uns lebt, leidet durchgängig an

Gliederlähmung.

So viel erzählen die ältesten Aufzeichnungen der Legende über den durch

Verena gespendeten Ehesegen; nicht besonders mit erwähnt aber ist, dass

derselbe herstammt aus der in dortiger Stiftskirche fliessenden

Heilquelle. Man steigt zu ihr durch die Sakristei auf mehreren Stufen

hinab und schöpft das Wasser mit einem bereit stehenden Zieheimer; es

wird flaschenweise heimgetragen und als Waschmittel gegen Haut- und

Augenübel gebraucht, Kindbetterinnen soll es besonders dienlich sein;

auch das Abgestandene wird noch auf das Krautfeld gesprengt und vertilgt

das Ungeziefer. Von diesem Umstande scheint nachfolgende Ortssage zu

handeln, die man der Mittheilung des Kandidaten E. Schmid von Zurzach,

gestorben zu Heidelberg, verdankt.

Eine Zurzacher Frau war Wöchnerin und schickte ihren Mann bei Nacht in

das Städtchen Klingnau hinüber, um eine Ammenfrau herbeizuholen, deren

es im damaligen Dorfe Zurzach noch keine gab. Der Weg dahin geht

stundenweit über den sehr wilden, 700 F. hohen Achenberg. Auf engen

Felsentreppen ersteigt man die letzte Höhe zum Rothen Kreuz, einer

einzelnen Station der hier errichteten Wallfahrt zur Schmerzhaften

Mutter Gottes. Diese Stelle ist jedoch ein gefürchteter Spukort. Wer

seine hierher angelobte Wallfahrt zu thun versäumt hat, muss nach dem

Tode hier umgehen; davon kommen die feurigen Männer her, die man ein

knarrendes Wägelchen über die Waldwipfel hinfahren sieht, oder die ledig

laufenden Rosse, die sich vom Begegnenden an das Halstuch binden

lassen, dann aber zu einer Grösse anschwellen, dass weder Tuch noch Hand

mehr zu ihnen emporreicht. Als der ausgeschickte Mann diese ihm sonst

wohlbekannte Höhe erreichte, soll, wie man berichtet, dichtes Gebüsch

ihm den Durchweg versperrt haben, so dass er verirrte und statt nach

Klingnau an die Aare hinab, weitab bis zu deren Mündung in den Rhein

gerieth. Denn am andern Morgen fanden ihn Schiffer des Dorfes Koblenz

oberhalb des dortigen Laufen, eines Rheinstrudels, todt am Ufer. Diese

Erzählung scheint ein Fingerzeig zu sein, dass man die Geburtshülfe

zunächst bei der Heiligen in Zurzach selbst, und nicht in dem fremden

Aarthale zu Klingnau hätte suchen sollen. Denn dafür eben fliesst in der

Zurzacher Stiftskirche jener heilkräftige Brunnen. Die hier

hinabsteigenden Wallfahrer dürfen sich einen Krug voll unentgeltlich

schöpfen, dagegen erkaufen sie sich das Oel aus der hier brennenden

Gruftlampe und wenden es daheim gegen Augenübel an; letzteres ein Brauch

aus der frühesten Zeit des Christenthums, dem schon Gregorius von

Nazianz das Wort redet. So heilte Oel, aus der Kirchenlampe zu. St.

Gallen geholt, gleichfalls kranke Augen. Casp. Lang, Theol. histor.

Grundriss (1692) 1, 513. 1036. Ein gleiches Mirakel ist in der

Gertrudislegende erzählt, A. SS. sec. II, pg. 470: Ein blindes Eheweib

wird von ihrem Gemahl ans Gertrudengrab in der Nivellerkirche geführt

und kommt hier zufällig unter eine der Kirchenlampen zu stehen, welche

trieft und des Weibes Mantel beschüttet. Die Umstehenden nehmen daraus

Anlass, der Blinden Augen damit zu bestreichen, und diese wird dadurch

auf der Stelle sehend.

Noch einen solchen Brunnen von gleichfalls befruchtender Wirkung besitzt

die Heilige in den Bädern der Stadt Baden. Dies ist das Verenabad, das

von je her ein Freibad gewesen war, dessen sich Arme und Presthafte

unentgeltlich bedienen konnten. Vormals lag es unter offnem Himmel;

nunmehr hat es Einwandung und Bedachung; in seinem unmittelbar über der

Quelle gebauten Bassin finden gegen hundert geduldige Menschen zusammen

Platz, die aus allen Kantonen auf Staatskosten hieher geschickt werden.

Der heisse Sprudel tritt unmittelbar aus dem Boden ins Bassin durch eine

Oeffnung, welche das Verenenloch heisst. Daran steht eine Steinsäule

errichtet mit der holzgeschnitzten bemalten Figur der Heiligen. Junge

Ehefrauen, die sich nach einem Erben sehnen, verschaffen sich hier des

Nachts, wenn das verbrauchte Wasser abgeflossen ist, durch den

Bademeister heimlich Zutritt; sie senken ein Bein in die Röhre hinab,

durch die der Sprudel emporwallt, lassen es recht durchwärmen und sind

der sicheren Hoffnung, dieses Verfahren helfe zur baldigen Erfüllung

ihrer mütterlichen Wünsche. Das Alter dieses Frauenbrauches erhellt aus

der 1578 zu Basel erschienenen, von Dr. Heinrich Pantaleon verfassten

"Wahrhaftigen und fleissigen Beschreibung der uralten Statt und

Graveschafft Baden, sampt ihren heilsamen warmen Wildbedern, so in dem

Ergöw gelegen"; hier heisst es auf S. 73: "Es ist aber hie ein

abergleubischer Won vorhanden. Dann es vermeinen hie jren vil, wann ein

unfruchtbare Fraw darinnen bade, vñ ein fuoss in dz loch stosse, da dz

wasser herfür quillet, es werde St. Verena bey Gott erwerben, dz sie

fruchtbar werde."--Dass dieser Wahn vormals ein weit verbreiteter

gewesen, lernt man aus Lynker, Hess. Sag. S. 17 kennen, wo es heisst vom

Teich der Frau Holle: "Frauen, die zu ihr in den Brunnen steigen, macht

sie gesund und fruchtbar, denn eben aus ihm kommen auch die neugebornen

Kinder." Diese mütterliche Göttin Holda gleicht also vollkommen der von

den Albanesen verehrten Geburtsgöttin Ora, einem Wünschelweibe, vermöge

deren Macht das Kind genau in derjenigen Gestalt geboren wird, in der es

gewünscht worden ist. Hahn, Griechisch-albanes. Märch. 1, S. 37. Holda

hütet die Seelen der Ungebornen unter dem Spiegel der Brunnen, übergiebt

sie als Fröschlein und Fischlein dem Seelenbringer Storch für die

gebärenden Mütter, damit sie ins leibliche Dasein eingehen können, und

nimmt die unmündig wieder Hinsterbenden abermals zu sich in die

kristallne Tiefe. Daher stammt die allverbreitete, überall lokalisirte

Sage von den Kinderbrunnen, wo die Kleinen um die Mutter Gottes spielend

herumsitzen und mit Honig und Erdbeeren aufgenährt werden. Schon

altdeutsche Dichter bedienten sich dieser Vorstellung zum Preise der

geheimnissvollen Geburt Jesu durch die hl. Jungfrau; so um 1260 der

Dominikanermönch Eberhart von Sax, der von der Mutter Gottes sagt:

du bist der gezeichent brunne,

darin schein diu lebendiu sunne.

Und Nachklänge solcher Gleichnisse leben im Kinderreim vom Storch fort:

Storch--Storch--Steine,

Mit dem langen Beine,

Mit dem kurzen Knie:

Jungfrau Marie

Hat ein Kind gefunden

In dem goldnen Brunnen.

Wer solls (aus der Taufe) heben?

Der Gothe und die Göthen.

Am Queckbrunnen zu Dresden stand schon 1312 ein Marienbild; jetzt ziert

ihn ein fliegender Storch, der sowohl im Schnabel, als auch in den

Fängen und zudem auf jedem Flügel je ein Wickelkind trägt. Dieses Wasser

macht unfruchtbare Frauen zu gesegneten Kindsmüttern. Schäfer,

Städtewahrzeichen 1, 120. Zu den in den Aargau. Sagen 1, S. 17 bereits

verzeichneten schweiz. Kleinkinderbrunnen lassen sich nachträglich noch

folgende aargauische anführen. In der Stadt Aarau war es bis zum Jahre

1812 obrigkeitlich festgesetzt gewesen, den Stadtbach alljährlich am

Verenatag abschlagen zu lassen. Da man der Annahme zufolge aus seinen

Brunnenstuben den Säuglingsvorrath holte, so steht dieser

Kleinkinderbach noch immer in besonderer Geltung. Sobald man nun den

abgestellten Bach eines Abends wieder anlaufen lässt, zieht ihm die

gesammte Stadtjugend unter Fackelschein mit laubumflochtnen Stäben

entgegen und ruft zum Takte der wirbelnden Knabentrommeln:

Der Bach chunnt, der Bach chunnt:

Sind mini Buebe-n-alli gsund?

Jo jo jo!

Der Bach ist cho, der Bach ist cho:

Sind mini Buebe-n-alli do?

Jo jo jo!

In der Stadt Rheinfelden holt man das neue Schwesterlein aus der

dortigen Brunnenstube; im benachbarten Laufenburg aus dem Stinkenden

Brünnli (über Gipslager ablaufend), am Fusse des Ebenberges; in

Oberfrick aus dem altverschütteten Spagenbrunn, im Dorfe Küttigen aus

dem Stampfelgraben des dortigen Mühlbaches, im Dorfe Koblenz aus der die

Gemeindegrenze bildenden Quelle. Zu den gleichbedeutenden in der übrigen

Schweiz gehören folgende: der Waldweiher Dreibrunnen in der

toggenburgischen Stadt Wyl (Sailer, Chronik von Wyl 1, 123); der

Dorfbach mit seinem Findlingsblock zu Aegeri im Kt. Zug; der Stempbach

in Stans, und der Seltenbach in luzernisch Escholzmatt, der noch dadurch

bemerkenswerth ist, dass er den Namen der deutschen Glücksgöttin Frau

Saelde trägt. Lütolf, Fünfort. Sag, S, 550.

Solcherlei Quellen mit altheidnischem Cultus mussten von den Bekehrern

entweder diabolisirt oder, wenn es die Umstände erlaubten, in

Taufbrunnen mit Taufkirchen umgewandelt werden. Der hl. Remaclus

vertrieb den Teufel aus einem Brunnen, in welchem er sich hatte huldigen

lassen (Schmitz, Eiflersag. 2, pag. 114), und macht nun auch jene Weiber

fruchtbar, die sich in die Fusstapfe hinein stellen, welche bei der

Quelle Groossbek zu Spaa seinen Namen trägt. Wulf, Ndl. Sag. S. 227.

Dass dieser vertriebne Brunnenteufel ein heidnisches Wasserweib gewesen

sein musste, erklärt uns die Kirche ausdrücklich. Abt Tritheim

beantwortet dem Kaiser Maximilian I. im J. 1508 achterlei Fragen über

die Geisterwelt (Liber octo questionum. Oppenheim, Joh. Hasselberg 1515,

20. Sept.) und entwickelt dabei über die Wassernixen folgende Theorie.

"Die in Seen und Flüssen hausenden Geister sind wie des Wassers Ungestüm

trügerisch, reizbar und grausam. Wollen sie sich sichtbar machen, so

erscheinen sie, wie es die Weichlichkeit des ihnen zur Wohnstatt

gegebnen feuchten Elementes bedingt, in Frauengestalt. Wie daher schon

das Alterthum den Najaden, Nereiden und Nymphen durchgehends weibliches

Geschlecht gab, so nennt sie auch unser Volksmund _Wasserfrawen_. Diese

lassen sich an Flüssen und Quellen blicken, kämmen ihr langes

Frauenhaar, reden die Menschen an und ziehen sie in ihre Spiele. Die

Heiligen und die Engel jedoch, deren Gemüthszustand unwandelbar ist,

nehmen insgesammt keine andere Erscheinungsweise an als die männliche,

und niemals ist davon zu lesen, dass ein reiner Geist sich in

Weibesgestalt gezeigt habe."--Die gegentheilige Anschauung greift aber

Platz, wenn die Kirche Ursache hat, gegen die heidnisch verehrte Quelle

tolerant zu sein; alsdann heisst es: Wer in eine Quelle spuckt, speit

dem lieben Gott ins Gesicht; und daher rührt es, dass in unsren an

Quellen, Strömen und Seen so reichen oberdeutschen Landschaften die

geschichtlich ältesten Christentempel Wasserkirchen heissen und sind.

Die zürcherische dieses Namens ist rings von den Seewellen umspült und

in ihrer Unterkirche fliesst das Heiligbrünnlein. Wasserkirchen sind

ferner diejenigen zu Konstanz, Lindau, Wettingen, Reichenau und Rheinau.

Auf der Rheininsel zu Säckingen siedelt sich der hl. Fridolin an, auf

derjenigen bei Stein wird der hl. Otmar begraben. Alle diese Orte sind

altchristliche Niederlassungen, theils schon aus der römischen, theils

aus der merowingischen Periode. Ufnau, des Zürchersees grösste Insel,

deren Kirche 1140 geweiht wurde und Mutterkirche war für einen grossen

Theil der Weiler und Höfe am untern See, war schon zur Zeit der irischen

Apostel ein Sitz des Christenthums. Diese Kirche sowohl wie auch die am

gegenüberliegenden Ufer zu Stäfa war der hl. Verena geweiht. Schweiz.

Anz. f. Gesch. 1859, 39. In der Stadt Zürich bestand bis zur Reformation

das kleine Nonnenkloster der Schwestern von Konstanz, welches hiess zu

_St. Verena in Brunngassen_; es wurde 1551 von dem berühmten Buchdrucker

Christoph Froschauer angekauft und heisst bis heute zur Froschau.

Beschert Verena die Kinder, so muss sie nothwendig auch die Schirmvögtin

der Ehebündnisse sein, und wir sehen dies deutlich aus den ihr kirchlich

geopferten Gegenständen, vornemlich den Brautkrönlein. Die katholischen

Landmädchen zwischen der untern Aare und dem Rheine tragen bei besondern

kirchlichen oder weltlichen Festanlässen den krönleinartigen Kopfschmuck

der Tschäppelein, chapelet. Er besteht aus einem mit Seidenblumen und

Goldflintern reich umsponnenen Drahtgeflechte, das sich sanft über den

Scheitel hin wölbt, oder statt dessen ist es auch ein kleines

Sammtkäppchen, oben napfförmig abgerundet und mit Korallen gestickt; es

ist so winzig, dass es oben mittels eines Seidenfadens über das Haar

gebunden werden muss. Ist nun in der Landschaft von Leuggern, das

Kirchspiel genannt, ein Mädchen getraut, so hat sie ans Verenagrab nach

Zurzach zu wallfahrten und hier am Grabgitter ihr Tschäppelein zum Opfer

aufzuhängen; es ist ein Dank dafür, unter die Haube gekommen zu sein.

Erscheinen dann im Herbste die Züge der übrigen Wallfahrerinnen, so

nehmen sie ein solches Brautkränzchen vom Gitter und setzen es während

ihres Gebetes selbst auf. Ein so grosser Vorrath von Käppchen häuft sich

hier an, dass man die veralteten darunter alljährlich am Charsamstag

abnimmt und in dem Osterfeuer, das vor der Kirche angezündet wird,

mitverbrennt. Etwas Aehnliches besteht auch im Fischerdorfe Koblenz, in

dessen Kapelle jener Mühlstein verwahrt liegt, auf dem Verena von

Solothurn auf der Aare hieher gefahren sein soll. Wird nun hier nach

alter Gepflogenheit alljährlich im Frühling der Gemeindebann von Jung

und Alt umschritten, so dürfen bei diesem Männergeschäfte die Mädchen

allein sich nicht mit anschliessen, sie sollen vielmehr die Krapfen für

die Heimkehrenden indess fertig backen. Alsdann aber brechen sie sich

Feldblumen und flechten in die Wette Kränze daraus ins Haar, die

gleichfalls Schäppeli heissen, tragen diese zur Dorfkapelle und

überhängen damit die Horizontalstäbe des Eisengitters, hinter welchem

Verenas Mühlstein geborgen liegt. Der Heiligen Schnitzbild, drei Fuss

hoch und bemalt, steht auf diesem Stein. Zum Schlusse erscheint der

Sigrist, setzt den schönsten der geopferten Kränze der Heiligen aufs

Haupt und schmückt mit den übrigen den Grundstein.

Unter den wenigen Reliquien Verenas, von denen man überhaupt Kunde hat,

ist es gerade ihr Gürtel, der sie als eine die Ehen und Geburten

beschirmende Heilige aufs deutlichste bezeichnet. Dieser war in dem

ehemaligen schwäbischen Reichsstifte Roth verwahrt, einem mit regulirten

Chorherrn besetzt gewesnen Gotteshause. Die Frage, wie er aus dem

entlegnen Zurzach bis dahin kommen konnte, beantwortet sich aus der

Grösse und Ausdehnung des ehemaligen Bisthums Konstanz, das wirklich bis

über den Neckar bei Marbach reichte. Dieser Gürtel, schreibt Richter

(Sigprangender Triumphwagen Verenae, Augsburg 1736, pg. 42 und 81), wird

nach allgemeinem Brauche den Frauen bei schweren Geburten gebracht. Des

römischen Kaisers Rudolf Sohn, Herzog Johannes, Landgraf in Elsass, ist

so durch Verenas vielvermögenden Beistand zur Welt geboren worden.

Hier folgt eine Reihe von Heilquellen, die im Aargau und dessen

Nachbarlandschaften unter Verenas Namen altverehrt sind.

Der Fussweg vom Rheinflecken Zurzach in das Städtchen Klingnau an der

Aare führt über den Achenberg. Auf der Hochebene dieses beträchtlichen

Bergzuges steht umgeben von tiefen Waldungen ein Bauernhof mit alter

Wirthschaftsgerechtsame, benachbart eine durch den Bischof Sigismund von

Konstanz 1062 eingeweihte Kapelle sammt Wallfahrt zur Schmerzhaften

Mutter Gottes. Jeden Samstag wird hier Messe gelesen, im Monat Mai eine

Feldprozession und ein Jahrmarkt abgehalten. Die günstige Jahreszeit,

des Berges wilde Schönheit mit seiner erstaunlichen Fernsicht ins Hegau

und Klettgau hinüber, die Wunderthätigkeit des Ortes und der den

andächtigen Besuchern gewährte päpstliche Ablass führt alsdann

zahlreiche Schaaren des Landvolkes aus dem Elsass und Schwarzwald hier

zusammen. Man kocht im Freien ab und lagert des Nachts um hohe Feuer.

Doch kein Wallfahrer verlässt den Berg, ohne nicht über eine in Felsen

gehauene Treppe zu der Schlucht beim Rothen Kreuz hinab zu steigen, wo

die Wegscheide in das Aarthal hingeht. Hier trinkt er am wunderthätigen

Verenabrünnlein und lässt auch für seine Kranken daheim ein Krüglein

voll anlaufen. Ueber diese Waldquelle geht folgende Sage.

Zur Zeit der ehemaligen Zurzacher Herbstmesse, die auf den 1. September

als den Festtag Verenae fiel und der Schliessmarkt hiess, kam ein wenig

bemittelter Mann aus dem Städtchen Klingnau hier bergan gestiegen in der

Absicht, seinen Kindern so wohlfeile Winterschuhe einzukaufen, als sie

auf jener berühmten Ledermesse Zurzachs zu haben waren. Das Geld aber,

das ihm dazu nicht ausreichte, hoffte er bei ein paar gutherzigen Leuten

daselbst vielleicht geliehen zu bekommen. In solchen unsichern

Betrachtungen erreichte er das Verenabrünnlein, traf hier einen ihn

freundlich anredenden Mann und theilte ihm seine heutige Absicht mit.

Der Unbekannte verwies ihn an die Bergquelle. "Schon mancher Andere,

sagte er, hat in deiner Lage hier die leere Hand in den Wassersprung

gesteckt und sie gefüllt herausgezogen; aber die Bedingung bleibt dabei,

dass man nicht vorwitzig nach oben schaue." Mit diesen Worten gieng der

Fremde seines Weges und der arme Mann hinab zur Quelle. Hier stand

wirklich ein Kistchen voll Geld, und so viel er mit zwei Händen fassen

konnte, nahm er sogleich heraus. Aber jenes Unbekannten Wort, Schau

nicht nach oben! kam ihm jetzt gar zu wunderlich vor; noch vor dem

Kistchen knieend, wendete er mit blinzelnder Neugier das Gesicht auf,

und ach! da hieng gerade über seinem Kopfe gewaltig sausend ein

umrollender Mühlstein. Eilends entsprang der Mann den Weg zurück nach

Klingnau, hatte seine Hand voll Geld auf den Bergmatten verstreut,

musste sich daheim zu Bette legen und soll bald hernach an einem

Zehrfieber gestorben sein.

Was soll hier dieser Mühlstein wohl besagen? Hinter ihm schwebt die

Müllerpatronin Verena und will in ihrer Mildthätigkeit nicht gesehen

sein. Es ist dies zwar ein öfters sich wiederholender Sagenzug, siehe

Aargau. Sag. no. 173; allein gerade auf die hl. Verena bezogen, findet

er sich auch im Luzernerlande wieder. Eine Dienstmagd aus dem Dorfe

Büttisholz im Entlebuch berichtet uns, dass in ihrer Pfarrkirche Verena

die erwählte Patronin sei. Man zeigt dorten mitten im Felde der

Gemeindemark eine Bodenvertiefung, in welcher sonst eine Quelle

entsprang Namens Goldloch und Verenaloch. Man schrieb derselben die

gleiche befruchtende Wirkung zu wie dem Verenabad der Stadt Baden, und

die Ortssage fügt bei, wer ehemals in der Abenddämmerung mit

abgewendetem Gesichte die Hand in dieses Wasser tauchte, empfieng aus

einer weiblichen ein Goldstück. Als nun Knaben von Büttisholz einst in

der Verabredung hieher gekommen waren, nach empfangenem Goldstücke

schnell sich umzuschauen, erblickten sie eine schöne Jungfrau, die nach

einem Augenblicke wieder verschwand; doch Tags darauf ergab es sich,

dass auch die Quelle versiegt war.

Fäsi, der seine Helvet. Erdbeschreibung im J. 1766 herausgegeben,

berichtet Bd. 2, 491, am Fusse des Aargauer Jurapasses Schafmatt sei

schon in ältester Zeit ein Bad gewesen zur Erquickung der Reisenden, die

über diesen steilen Berg wanderten. Aber man habe die Hauptquelle, die

auf des Berges Sommerseite am sg. Klopfen lag, abgegraben und in die

Badstube des Dorfes Oltigen hinabgeleitet. Dieser Quelle gegenüber

entspringe das Verenawasser. Ebenso hat Gabriel Walser im Kartenblatte

Kanton Basel des Homannischen Atlas an der Schafmatt bei Oltigen

angemerkt: _Verenaloch_; und es ist dies dasselbe, dessen die Aargauer

Sag. no. 1 mit dem Beifügen gedenken, dass die aus dem Elsass über den

Jura nach Einsiedeln ziehenden Wallfahrer betend auf die Kniee fallen,

sobald sie dieser Quelle nahen. Denselben Namen trägt, wie schon bemerkt

worden, auch der Sprudel im Freibad zu Baden.

Hier ist auch jene Verenakapelle zu erwähnen in der Nähe der Stadt Zug,

gelegen am Fusse des Kaminstals, einer Berghöhe an der alten Strasse,

die nach Aegeri und weiter nach Einsiedeln führt; auch hier ist ein

herkömmlicher Rastort der Wallfahrer. Am Altar dieses in Kreuzform

gebauten Kirchleins war früherhin eine Inschrift angebracht und meldete,

der Bau sei 1661 erneuert und 1684 durch den Konstanzer Bischof Müller

in Verenas Ehren eingeweiht worden; seither ist noch zweimal eine

Renovirung nöthig gewesen. Anfangs des vorigen Jahrhunderts wurde der

Zuger Rathsherr Merz nach Zurzach abgesendet, um im dortigen Stift einen

Reliquientheil vom Arme der Heiligen nebst einem Atteste über der

Reliquie Echtheit in Empfang zu nehmen. Nachdem die Zuger Klosterfrauen

diese neu erworbne Partikel kostbar gefasst hatten, wurde sie am 15.

Sept. 1709 aus der Oswaldskirche der Stadt in Prozession zur Kapelle

hinausgetragen "unter dem Knallen der Mörser und Doppelhaken".

Zahlreiche Votivtafeln an den Kapellenwänden verkündigen des Ortes

Wunderthätigkeit. Unweit des Kirchenportals stand bis zum Jahre 1810 das

St. Verenabrünneli, der Brunnenstock geschmückt mit der Figur der

Heiligen, allein die Brunnenleitung scheint von einem benachbarten

Hofbesitzer abgegraben worden zu sein. Gleichwohl haben damit die

Wallfahrten zur Kapelle nicht aufgehört, wie der Zugerkalender vom J.

1858, welchem diese Angaben entnommen sind, ausdrücklich berichtet:

"Bist du krank und die Gütterli (Arzneigläschen) des Doktors wollen

nicht anschlagen, so muss ich dir sagen, dass in dieser Kapelle wirksam

zu beten ist, besonders am Verenentage selbst. Da hast du alljährlich

Gelegenheit in einer Festpredigt das Lob der Heiligen zu hören. Auch

wird dir den Sommer hindurch so ein kühler Spaziergang in der Frühe

überaus gut thun. Du bekommst dadurch Appetit und findest Stärkung für

deine schwache Leber im nahen Röthelberg, sofern dir Verena nicht eins

aus ihrem Krüglein einzuschenken geruht."

Die dreierlei Statuen, die der hl. Verena in Zurzach, Baden und Herznach

errichtet stehen, stammen aus alter Zeit, sind zu kirchlichen Ehren

gesetzt und haben übereinstimmend die gleichen Attribute: die Heilige

trägt in der einen Hand die Krause, d.i. ein langhalsiges Weinkrüglein,

in der andern hält sie einen zweireihigen Haarkamm. Das Schnitzbild auf

dem Kapellenaltare zu Herznach im Frickthal[7] hat in der Rechten statt

des Krügleins zwar den langen Brodkipf, doch gleich daneben, auf der

Flügelthüre dieses Altars angemalt, ist dasselbe Bildniss wiederholt,

hier aber mit Kamm und Krug. Dasselbe Abzeichen ist auch in Blunschi's

Zugerkalender noch vom J. 1823 zu sehen, der für das nichtlesende

Landvolk bestimmt gewesen war und statt der Heiligennamen deren Figuren

oder Symbole in kleinen Holzschnitten giebt. Hier ist unterm 1.

September eine aufrecht stehende Katze zu sehen, die in den Vorderpfoten

den langgezahnten zweireihigen Haarkamm hält und zu Füssen ein

geschnäbeltes Giesskännlein stehen hat. Aus diesen beiden Attributen

Verenas hat die ältere Legende auf eine opferwillige menschenfreundliche

Jungfrau geschlossen die ihr Leben der Pflege Anderer so weit widmete,

dass sie sogar den Schmuz der verlassenen Armuth nicht scheute. Daher

hebt das von uns S. 108 ff. mitgetheilte mhd. Gedicht 106a den von ihr

geheilten Aussatz hervor:

auzsetzig behaft macht si slecht,

plint, chrump macht si gerecht.

In diesem Sinne erzählt dann auch Richter, Sigprangender Triumphwagen

Verenae, S, 51: "Sie that den Kranken die Speisen in den Mund, bereitete

ihnen die Betten, kehrte den Boden, säuberte die Kleider, wusch alte

Erbschäden aus und zwagete die mit Siechthum beladenen Häupter." Auf

solche Anschauung hin wurden nachmals die "Armenbäder", wie dasjenige in

der Stadt Baden, gegründet, jeder Gast hatte sein Krüglein mit Lauge und

seinen Kamm selber mitzubringen. Die dortige Verena-Bruderschaft, die

durch Papst Urban seit 1625 neu bestätiget worden, ist nach dem dritten

Paragraphen ihrer Satzungen verpflichtet, Erkrankte heimzusuchen, Armen

Almosen und bestimmte jährliche Spendmähler zu verabreichen.

Das Steinkrüglein Verenas wird in der ältesten Legendenaufzeichnung

gleichfalls mit einer besondern Wundergeschichte bedacht. Hirten fanden

dasselbe einst an jenem Rheinufer bei Zurzach, heisst es da, wo vormals

eine Römerstadt gestanden hatte, es war eine steinerne Urne, die man

hernach kirchlich aufbewahrte. Als einst eine treue Wittwe ihrem

verstorbnen Gemahl so lange nachweinte, dass sie darüber erblindete,

erschien ihr nachts die Heilige und sprach: "Noch ist der Steinkrug

vorhanden, der mir diente den Siechen das Haupt zu baden und den

Angesteckten die Kleider zu waschen, daraus wasche dich gleichfalls."

Die Frau suchte und fand an jenem Uferplatze die Urne, wusch sich daraus

und bekam das Augenlicht wieder. Die gleiche Hilfe gewährte dasselbe

einem Rosshirten, der von seinem unbarmherzigen Herrn geblendet worden

war. Auch auf die weibl. Fruchtbarkeit hat es Beziehung gehabt; der

Abgl. (Grimm no. 440, Ehstnisch no. 22) warnt schwangere Weiber, sich

auf eine Wasserkanne oder sonst auf ein Wassergefäss zu setzen, sie

würden sonst zu viel Töchter gebären. Ein Stück von diesem

Verenakrüglein hat nachmals der Fürstabt von St. Blasien erworben und

dafür den Zehnten im ganzen Amte Waldshut an das Zurzacher Stift

abgetreten. Darum erhob dieses letztere den Zehnten, bis zu dessen

allgemeiner Ablösung, in folgenden acht badischen Nachbargemeinden:

Kadelburg, Aettwil, Gortwil, Thiengen, Rheinheim, Küssennacht,

Dangstetten und Bechtisbohl. In der Krypta der Stiftskirche steht

Verenas steinernes Grabmal, ein von hohem Alter zeugendes, kunstloses

Werk; obenauf liegt in Lebensgrösse gehauen ihr Bild in

Matronenkleidung, doch zum Zeichen bewahrter Jungfräulichkeit in

fliegenden Haaren, es hält in der Linken den zweireihigen Kamm, in der

rechten einen Wasserkessel am eisernen Tragringe. Die den

Niedrigkeitsdiensten der Bade- und Wäschermagd aus Menschenliebe sich

unterziehende Heilige ist in Zurzach mehr als bloss kirchlich verehrt,

sie ist dorten zum Ortsgeiste geworden und heisst die Weisse Frau. Das

mitten im Marktflecken stehende Haus zum Weissen Rössli ist ihr

Aufenthalt. Aus dem Vorhöflein desselben schreitet um Mitternacht vor

hohen Festtagen eine stattliche schneeweisse Frau hervor und begiebt

sich zum mittleren Brunnen auf dem Marktplatze. Hier spült sie ihr

Weisszeug aufs sorgfältigste, und stolzen Ganges kehrt sie auf jenen

Vorhof zurück. Dass dieser Hausname zum Weissen Ross auf die dem

Verenadienste kirchlich geweiht gewesnen Rosse zu beziehen sein wird,

erklärt sich auch aus nachfolgender Ortssage. Die sogenannten vier

Gotteshöfe in der aargau. Gemeinde Reckingen sind ein Mannslehen,

welches auf vier dortigen Bauerngeschlechtern ruht, wofür diese

verpflichtet sind, dem Stifte Zurzach Zehnten und Bodenzins von den 80

Juchart haltenden Gütern zu entrichten, die Unterhaltung der dazu

gehörenden Antoniuskapelle zu bestreiten und für den Messpriester den

Messwein zu liefern. Seitdem nun Zehnten- und Bodenzinspflicht hier wie

sonst im ganzen Lande gesetzlich abgelöst worden ist, haben diese Höfe

ein dem Stifte Zurzach schuldendes Grundzinskapital von Fr. 6259 zu

verzinsen, die Verwaltung des Kapellenfonds aber ist aus geistlicher

Hand an den Gemeinderath von Reckingen übergegangen und hat seit dem

Jahre 1854 die gründliche Erneuerung der Kapelle zur Folge gehabt. Diene

letztere liegt in demjenigen Hofe, der nach seinem vierstöckigen

Meierhaus das Grosse Haus genannt wird. Aus ihm, erzählt man, kommt zu

gewissen Zeiten des Nachts ein Füllen gelaufen, umtrabt das Gebäude,

wird darüber zusehends grösser und ist mit einem male wieder unsichtbar.

Bemerkenswerth ist nun hiebei der angebliche Umstand, dass Frauen

niemals das Füllen erblicken, wohl aber statt dessen eine

weissgekleidete Frau, welche gleichfalls das Haus umgeht, an dessen vier

Ecken bedächtig stehen bleibt und hierauf ihren Weg in die

Antoniuskapelle nimmt, wo sie verschwindet.

Da Frau Hulle, welche gleich Verenen den Geburten hilfreich beisteht, in

Franken auf einem Rosse einher kommt, und Schwangere, welche nähig sind

("übergehen"), einem Schimmel Haber aus ihrer Schürze zu geben pflegen

(Wolf, Beitr. 2, 407), so werden jene Sagen darauf deuten, dass dem im

Dienste Verenas stehenden Priester ein Dienstross zu seinen

Amtsverrichtungen gestellt werden musste, und dass die Neuzeit diese

Stiftung aufgehoben hat. Dem Kloster Königsfelden wurde Ross und

Harnisch geopfert (Argovia 5, 32), auf ein gleiches Rüstpferd lässt die

Ortssage von Mittel-Schneisingen schliessen, wornach der dortige

Dorfgeist in der Kapelle des Ortes wohnt und Kapellenthierlein heisst.

Aargau. Histor. Tascheub. 1862, S. 54. Ortsgeister in Schweden heissen

Kirchenzaum und Kirchenhalfter weil dieses Reitzeug, zum Dienste des

Priesters bestimmt, in den dortigen Kapellen hieng. Das Ross, das Ludwig

der Baier im Treffen bei Ampfing geritten, vermachte er unmittelbar

darauf der Kapelle in Grünthal bei Vilsbiburg, die davon bis jetzt

Sattelkapelle heisst. Holland, Ludwig der Baier und sein Stift Ettal,

1860, 6.

Mit ihrem andern Attribute, dem Kamme, zeigt die sagenhafte Verena sich

in einem bei Ober-Siggenthal (Bez. Baden) liegenden Wäldchen, das nach

einem tief eingeschnittenen Wasserbette das Tobelhölzli heisst. Am

südlichen Waldrande, hart am Fusswege, der nach Kirchdorf geht, sprudelt

dorten eine schöne Quelle, an der ein uraltes Weibchen sitzt und sich

das Haar kämmt. Neben ihr grast das gespenstische, aber unschädliche

Nachmittagslamm. Auch das Mütterlein ist freundlich, nur will sie in

ihrem Geschäfte nicht gestört und von den Vorübergehenden nicht etwa

ausgelacht sein, sonst setzt es für den Spötter gewiss einen

geschwollenen Kopf ab. Das ist das Tobel-Vreneli. Anderwärts heisst sie

nach ihrem in der Sonne blitzenden Kamm das Strähl-Anneli, oder nach

ihrem buschigen Grauhaar das Heuel-Mütterli, denn Heuel bezeichnet den

verzausten Hollenkopf. Zu Tegerfelden erscheint sie sogar noch in vollem

Liebreize nackter Jungfrauenschönheit, zieht einen Goldkamm durch die

Locken und lässt ihr gelbes Ringelhaar bis auf die Spitze der Grashalme

niederfliessen. Von allen diesen Erscheinungsweisen berichten bereits

die Aarg. Sag. 1, S. 131. 240 und die Naturmythen S. 139. Einen

Silberkamm und eine Badstande hinterliess auch die hl. Wiborada aus

Klingnau im Aargau; jener wurde in der St. Galler Stiftskirche verwahrt

und gegen Kopfweh gebraucht, in dieser genasen Kranke wunderbar. Murer,

Helvetia sacra. Diese Wiborada war nicht bloss Verenas Landsmännin

gewesen, sie hatte sich auch dem gleichen Geschäfte gewidmet, die

Haarpflege zu leiten und den Aussatz zu heilen; somit besass also einst

der Aargau zwei weibliche Schutzpatrone gleicher Art. Es widerstrebt nun

zwar unsern ästhetischen Begriffen geradezu, eine so widerwärtige

Krankheit, wie der Aussatz ist, der Pflege der Schönheits- und

Liebesgöttin selbst zu unterstellen; das Alterthum aber, auch das

klassische, hatte Grund, hierin anders zu denken, und sprach sich

darüber eben so offenherzig aus, wie die Verenasage thut. Suidas, der

zum Namen Aphrodite bemerkt, dass die Römer ihre Bildsäule mit einem

Kamme in der Hand vorstellten, erzählt hiebei: Als einst die römischen

Frauen die Krätze befiel, mussten sie sich das Haar abschneiden und die

Kämme wurden ihnen entbehrlich. Darauf flehten sie zur Aphrodite, ihnen

die Haare wieder wachsen zu lassen, und ehrten sie mit einer Bildsäule,

die den Kamm trug.

Die landschaftlichen Gesundheitsregeln, mit welchen dieser Abschnitt

schliesst, zeigen nun die Verena zweifellos und wirklich in der ihr

beigeschriebenen Rolle: sie verleiht hier dem ihr folgsamen Mädchen das

schöne Haupthaar und zugleich den schönen Schatz. Am 1. September, als

dem kirchlich gefeierten Verenentage, ist es in der Altgrafschaft Baden,

deren Gebiet von der Limmat zum Zurzacher Rhein reicht, durchgehends

katholische Sitte, die Kinder frisch zu kleiden, wie es sonst nur um

Neujahr oder Ostern geschieht. Damit glaubt man die Kleinen auf ein

neues vor Krankheit geschützt zu haben. Am gleichen Tage ist es in jener

Landschaft Hausbrauch, dass die Mutter an allen Köpfen ihrer Kinder eine

gründliche Wäsche abhält, dem jüngsten Mädchen wird der erste Zopf

geflochten; das behütet vor Kopfweh und giebt einen feinen Haarwuchs.

Hält sich das Kind widerwillig unter dem Kamme, so gilt folgender Reim:

Chind, bis ietz still und fîn,

oder es chunnt Frau Vrin,

die het ne grosse Striegel

und zert di kech am Riegel.

Der Riegel bezeichnet in der Mundart den Haarbüschel. Die Frau Vrin ist

also hier eine Drohgestalt, wie in Schöppners Bair. Sagenb. no. 1282 die

lange Agnes, welche die Leute am Bache mit Bürste und Stahlkamm

behandelt, bis Haut und Haar abgeht. Man macht dem kleinen Mädchen dabei

weis, der neue scharfe Kamm und ein dreimaliges Abwaschen des Kopfes sei

nothwendig, wenn dereinst ein eben so saubrer Liebhaber sich anmelden

solle, und hiefür hat man folgendes Sprüchlein:

Ach mî liebi Jumpfere Vre',

gsehst, i ha kes Schätzeli meh,

strähl und wäsch mi doch au nett,

dass mî Hansli Freud ab mer het!

Auch in Segensformeln wird ihr Name noch genannt. Ein unter dem Namen

"Albertus Magnus Egyptische Geheimnisse" noch bei unserm katholischen

Landvolke verbreitetes Zauberbüchlein giebt in seinem 3. Hefte pg. 19

folgendes Mittel an, die Warzen (nicht aber die _Wanzen_, wie Simrocks

Mythologie III, 377 druckt) zu vertreiben: Man haucht im Namen der

Dreieinigkeit über die Warzen und spricht dreimal:

Frene, Frene, dorra weg!

In Verena veranschaulicht sich jene krankenpflegende, weise vorsorgende,

geduldig ausdauernde Barmherzigkeit, die eine Eigenthümlichkeit des

weiblichen Geschlechtes ist. Schon durch seine besondere, vorempfindende

Zartheit ist das Frauengemüth von hingebender Menschenliebe erfüllt.

Weil es mehr aufs Einzelne und Besondere achtet, so vermag es sieh mit

schneller Erkenntniss in die Schicksalslage Anderer zu versetzen; weil

es eine vorherschende Anlage zu besonnener praktischer Hilfe hat, so

übernimmt es freiwillig das Geschäft der Krankenpflege und vollzieht es

im Einzelnen mit grösserem Glücke als der Mann, da es weniger schnell

als er in Dienstleistungen ermüdet, mehr und länger als er zu dulden, zu

entbehren, auszudauern vermag in Mühen und Nachtwachen. So erscheint das

Weib allen Völkern während grosser allgemeiner Leiden als eine

heroische, opferwillige Seele, und ist daher mit Recht im Glauben und in

der Kunstdarstellung der Rettungsengel für die schmerzbehaftete Welt

geworden.

Mit Befriedigung erkennt der Forscher in diesen Charakterzügen Verenas,

wie es dem humanen Geiste der christlichen Lehre gelang, die zum Märchen

gewordne Gestalt einer heidnischen Hilfs- und Heilgöttin allmählich "zur

demüthigstillen Erscheinungsweise einer Grauen Schwester", wie Gelpke

(Schweiz. Kirchengesch. 1, 180) charakteristisch sagt, zu entgöttern und

zugleich wieder empor zu heben. Aber etliche Spuren der Heidengöttin

bleiben hinter dem kirchlichen Heiligenschein immer noch erkennbar, wie

denn Verena noch heute zuweilen den ihr geweihten Altar verlässt, um

unter mancherlei Namen und Gestalt draussen an den gewohnten Büschen und

Quellen des Waldes einer wilden Naturfreude nachzuschweifen. Kaum würde

man dann die Göttin oder die Heilige noch in ihr vermuthen, trüge sie

nicht ihren alten Namen oder ihre geweihten Abzeichen. Denn dann wird

sie wieder ein "alt heidnisch Wassergötzli", wie der Berner H.R. Grimm

(Schweizer Chronica 1786, 249) sie bezeichnend genannt hat, und schon

die rohe Härte, mit der sie ungläubigen Missethätern die Strafe zumisst,

lässt ihr und ihrer Legende hohes Alter erkennen. Als jener Knecht des

Zurzacher Priesters sie fälschlich der Veruntreuung im Haushalte

anklagt, muss nicht bloss er sogleich erblinden und zeitlebens vom

fallenden Weh geplagt sein, sondern auch keins seiner Blutsverwandten

stirbt hin ohne Siechthum, Lähmung, Blindheit und Tobsucht. Dafür, dass

ein Weib eigensinnig am Verenentag daheim bleibt und spinnt, während

Alles sich in die Kirche begiebt, wird sie von den Rückkehrenden im

fallenden Weh gefunden, die Kunkel noch in den Händen festgeklammert;

ebenso wuchs einem Manne, der am Festtage im Walde holzte, die Axt in

der erstarrten Hand fest. Gleichfürchterlich bestraft sie den Bauern,

der an ihrem Kirchenfest sein Heu auf der Wiese schobert, und so noch

Aehnliches. Dieses Uebermass barbarischer und leidenschaftlich

dreingreifender Körperstärke herscht besonders in den mehrfach von

Verena handelnden Gebirgssagen vor, wie solche sich in den deutschen und

rhätischen Alpen finden. Sie trägt in Bünden, Engadin und an der

bairisch-tirolischen Grenze den Namen _Verein_, gebildet wie die

rhätischen Ortsnamen Madulein (Bez. Zutz, im Oberengadin, urkdl. 1139

Madulene), oder wie Luzein und Valzein im Prätigau (urkdl. Valzena).

Eine solche Verein-Alpe liegt bei altbair. Mittenwald (Steub, Herbsttage

in Tirol, S. 251), eine andere an der weitläufigen Eiswüste des

Selvretta. Hier hat die "Fremd-Vereina" ihre zwei besondern

Höhlenwohnungen in der Col die Balma und Baretto-Balma. Die letztere ist

stets reingekehrt, wie ausgeblasen, und duldet auch kein bischen Laub,

Holz oder Stein in sich; es lässt nichts drinnen, sagen die Hirten und

staunen das Geheimniss an (Tscharner, Statist. v. Bünden 1, 140. 258.

Bündner VolksBl. 1832, 214). Am namhaftesten aber ist das bekannte

Vrenelisgärtli, jenes weithin durch die Schweiz schimmernde Firnfeld des

Glärnisch, 9,353 Fuss über Meer, das sich wegen der angeblichen

Ausschweifungen des Sennenvolkes aus blühenden Matten in ewige Gletscher

verwandelt hat.

Nachfolgende eigenthümliche Sage hierüber beruht auf der schriftl.

Mittheilung, die wir dem Hn. Heinr. Gessner, Lehrer in zürch. Lunnern,

zu verdanken haben. Bei letztgenanntem Orte im Bezirk Affoltern liegt am

südlichen Fusse des Albis der unheimliche Türlersee, der tiefste im

ganzen Zürcher Lande. Seinen Namen hat er von seiner Lage, da er an des

Berges Engpasse und Thore: turilin, gelegen ist. Er sammt der Umgegend

gehörte in der Vorzeit einer starken, herrischen und arbeitsrüstigen

Frau an, die beim Volk Frau Vrene hiess. Da begab es sich, dass die

Leute von Heferschwil, einem Weiler der Gemeinde Metmenstetten, wegen

einer fruchtbaren Gemarkung am Jungalbis mit dieser Frau in einen

heftigen Eigenthumsstreit geriethen, der kein Ende nahm, weil sie in

ihrem Stolze sich weigerte vor einem Richter des Landes zu erscheinen.

Mit Hülfe fahrender Schüler zog sie in einer einzigen Nacht einen tiefen

breiten Graben durch das ganze Jungalbis und schied so ihr Eigenthum für

immer vom Gelände der Gegner. Der Graben war gezogen bis zum Türlersee,

es fehlte nur noch der letzte Spatenstich, so würden die Wasser sich

über ganz Heferschwil ergossen haben. In diesem Augenblick aber erfasste

einer der fahrenden Schüler die Frau und entführte sie durch die Lüfte

auf die Westseite des Glärnisch, setzte sie hier auf einer weiten

grünenden Berghalde ab, wies ihr diese zum Aufenthalt an und sprach:

"Hier kannst du gartnen, Vrene!" Dorten hat sie darnach so lange Zeiten

gehaust, bis dieser schöne Alpengarten endlich sich in eine weite

Firnstrecke verwandelte. Noch steht Frau Vrene daselbst, den Spaten in

der Hand, zur Eissäule erstarrt, mitten in dem von Felsmauern

eingefassten Schneefelde, das bis ins Knonauer Amt herüberblinkt.

Dieser eben erwähnte Graben am Jungalbis ist rechtsgeschichtlich seit

alter Zeit bekannt und trägt in der Offnung von Borsikon (Grimm,

Weisthümer 1, S. 51) den auffallenden Namen Kriemhiltengraben. Nach

einer zweiten hievon handelnden Volkssage, mitgetheilt in Meyer's Zürch.

Ortsnamen no. 182, waren die Bewohner von Heferschwil mit jener

Kriemhilt gleichfalls in Zwist gerathen, und die Erzürnte schwur, sie

werde den Türlersee abgraben, seis nun Gott lieb oder leid. Durch einen

kleinen Berg, der zwischen dem See und dem Weiler liegt, begann sie den

Durchstich mit einer Schaufel, so gross wie ein Scheunenthor. Da erregte

Gott einen gewaltigen Sturm, der ihre Schaufel zerbrach und sie selbst

von der Erde fortriss bis auf den Glärnisch in Vrenelis Gärtli.

So reicht also die Verenasage in die unorganische primitive Steinzeit

zurück. Der erratische Block, aus dem Verena die Neugebornen hervorholen

lässt; der Mühlstein, auf dem sie wilde Ströme befährt; die Felsklüfte,

Hochalpen und Gletscher, die ihren Namen tragen; die heissen Sprudel,

die sie aus dem Boden stampft und mit dem Finger aus der Rheininsel

hervor bohrt--verkünden eine ursprüngliche Riesenjungfrau, deren roh

angelegte Gestalt später ins Satanische umgeschlagen haben würde, hätte

die Kirche sie nicht frühzeitig noch christianisirt. Statt der Heiligen

besässe man alsdann eine alles versteinernde Hexe; oder statt der

demüthig dienenden Priestermagd nur eine diebische Pfaffenkellnerin, die

der Unterschlagung beschuldigt entspringt, über die ganze Breite des

Thales setzt und ihre Fussspur drüben in die Felsenplatte der

jenseitigen Thalwand eindrückt.

* * * * *

Drei Gaugöttinnen · 第 18 / 23 题