[7] In dieser Herznacher Verenakapelle, und nachmals in dortiger
Pfarrkirche, waren pfarrgenössisch die Frickthaler Dorfschaften: Ueken,
Zeihen, Denspüren, Ober- und Niederasp, schliesslich auch Häner am
Schwarzwald, ob Laufenburg.
* * * * *
Vierter Abschnitt.
Verena als Frau Venus.
Das Tannhäuserlied in aargauischer Version; die Frau Venus-Vrene des
Volksliedes; die Venus-, Feens- und Vrenberge, die Venus- und
Vrenenhäuser, aus ihrer gegenseitigen Namensvertauschung zurückgeführt
auf den ursprünglichen Mythus.
Nachfolgender Liedtext wurde von einer im vorigen Jahrzehnt verstorbnen
Matrone, der Frau Meyer auf dem Tromsberge, im aargau. Bezirk Baden, auf
dem Siechbette ihrem Arzt Dr. Al. Minnig zu Baden in die Feder diktirt.
Der Text kommt demjenigen am nächsten, welcher einst von Stalder in
Entlebuch gleichfalls nach mündlicher Ueberlieferung aufgeschrieben und
an Lassberg übergeben wurde, der ihn im Anzeiger 1832, 240
veröffentlichte. Daraus entnahm ihn Uhland für seine Sammlung no. 297 C.,
und nach dieser Fassung sind hier unten alle Einzelverse unseres
Textes besonders bezeichnet, die mit jenem Stalderischen übereinstimmen.
Was die Literaturgeschichte des Tannhäuser-Liedes betrifft, die schon
von Uhland begonnen worden, so steht sie seither in Gödekes Deutsche
Dichtung im Mittelalter (1854, S. 580) bis zur Vollständigkeit
aufgeführt.
Tannhäuser war ein junges Bluet,
Der wot gross Wunder gschaue,[8]
Gieng auf Frau Vrenelis Berg
Zu selbige schöne Jungfraue.
Wo er auf Frau Vrenelisberg ist cho,
Chlopft er an a d'Pforte:
Frau Vrene, wend er mi inne loh,
Will halte eu'e Orde!
"Tannhäuser, i will der mi Gspile ge
Zu-m-ene ehliche Wib."[9]
Diner Gspilinne begehr ich nit,
Min Leben ist mer z'lieb.
Diner Gspilinne darf i nüt,
Es ist mir gar hoch verbotte,
Sie ist ob em Gürtel Milch und Bluet
Und drunter wie Schlangen und Chrotte.
Tannhauser sass am Figebaum,
Drunter er war entschlafe.
Es chunt em für i sinem Traum,
Er müess uf Rom wallfahrte.[11]
Wo er in d'Stadt Rom inne chunt
Wohl unters höchsti Thor,
Frogt er dem oberste Priester noh,
Wo in der Stadt Rom wär.
Wo er i d'Chille ie chunt,
Vor'm Pobst thet er sich gneige:
Gott grüeze eure Heilige, Pobst,
Mine Sünd will i eu azeige.
Der Pobst het do en düere-düere Stab,
Vo Dürri war er gspalte:
"So wenig de Stab meh z'grüene chunt,
So wenig magst du Ablass erhalte."[12]
Und wenn i nümme z'Gnade chum
Und nümme mag werde bihalte,
So gohn i uf Frau Vrenis Berg
Und leben bîn ihr im Walde.
Es goht nit meh als dritthalb Tag,
So fieng der Stab a z'gruene,
Er treit es Laub so grüen wie Gras,
Darzue drei schöni Blueme.[10]
De Pobst schickt sine Botten us,
Sie wüsset ehn niene meh z'gwahre;
Er schickt sie us in alli Land,
Der Tannhuser blibt verfahre.
Sie chömmet uf Frau Vrenelis Berg,
Chlopfet a d'Pforte und die ist gschlosse
Tannhuser soll do usse cho,
Sine Sünde eigen ehm nochg'losse!
"Zun-ech usse cho, das chan i nit,
Do muess i bliben inne.
Muess bliben bis am Jüngste Tag,
Dä gohts mer erst, wies cha und mag!"
Tannhuser sitzet am steinige Tisch,
Der Bart wachst ihm drum umme,
Und wenn er drümal ummen isch,
So wird der Jüngst Tag bald chumme.
Er frogt Frau Vreneli all Fritig spot,
Öb der Bart es drittmol umme goht
Und der Jüngsti Tag well chumme.
Ein im Sarganserthale gegen Ragaz hin gelegner Hügel, an dessen
südlichem Fusse vormals die Gerichtsstätte des Bezirks gewesen war und
wo Urkunden ausgefertigt wurden, von denen jetzt noch einige im dortigen
Oberlande vorhanden sind, heisst im Munde älterer Leute der Frau Vrenes
Berg und Frau Venesberg. Er gilt als ein Schloss voll feenhafter
Jungfrauen. Hier mitten unter romanischem Spracheinfluss behauptete sich
bis auf die Neuzeit das oberalemannische Verena-Tannhäuserlied, und
wurde nach einem zu jenem Feenschlosse angeblich gehörenden Thiergarten
"das Thiergetlied vom Vrenesberg" genannt. Mittheill. des St. Galler
histor. Vereines, Heft 4, 198. Wie aber kommt die hl. Verena an der
Stelle der Venus in das Tannhäuserlied und was ist der Sinn dieses
Liedes, wenn ihm die Heilige einverleibt werden konnte? Bereits Grimm
(Myth. 283. 913. 1212) hatte unter dieser doppelnamigen Frau Venus-Vrene
die Göttin Freyja gemuthmasst; seine Ahnung, wird durch die seither
weiter vorgerückte Sagen- und Sprachforschung bestätigt.
Die echte Göttersage hiezu ist erhalten in dem eddischen Liede von
Fiölsvinnr und erzählt also. Die Göttin Freyja war dem Halbgotte Odhr
vermählt und von diesem verlassen worden. Vordem hatte sie wegen ihres
berühmten Halsgeschmeides die Schmuckfrohe geheissen, Menglöd; nun aber
empfieng sie den neuen Namen die Thränenschöne, denn um den verlornen
Gemahl durchsuchte sie alle Länder und weinte ihm goldne Thränen nach.
Sie mied der Männer Gemeinschaft; erbaute sich auf einer Waldhöhe eine
Halle, über deren Schutzwehren Niemand einzudringen vermochte, und lebte
hier mit heilkundigen Mädchen einträchtig zusammen. "Hilfeberg heisst
die Höhe, wo sie wohnen, allen Lahmen und Siechen Hilfe schaffend; keine
Krankheit ist, die sie nicht zu wenden wüssten." Da kehrte der die Welt
durchreisende Odhr nachmals wieder zurück und sprach zum Wächter des
Berges: "Reiss auf die Thüre, Wächter! auf kalten Wegen komm ich her,
die Schicksalsschwestern sind an meiner langen Säumniss schuld, doch geh
und frag erst Menglöd, ob sie mich noch liebt?" Da emfieng sie den
Langersehnten mit Küssen und sagte: "Lang sass ich auf dem Berge, Tag
und Nacht nach dir blickend, endlich hat sich mein Sehnen erfüllt; mein
lieber Freund ist gekommen, nun sind wir beide fröhlich!" Die
Verwandtschaftszüge zwischen diesem Mythus und dem Tannhäuserliede sind
einstweilen folgende. Odhr-Tannhäuser wandert aus dein Waldberge der
Freyja-Vrene weit in die Welt fort bis nach Rom, kehrt aber, weil bei
allen Menschen verkannt und verstossen, wieder heim, wo inzwischen die
verlassne Geliebte mit ihrer Jungfrauenschaar den Orden heilkundiger,
hilfreicher Schwestern gestiftet hat, und pocht am Thore. Der Wächter
(der getreue Eckart) erkennt seinen Herrn und führt ihn in den Berg.
Draussen lässt er den dürren Wanderstab liegen, der sogleich an zu
grünen fängt; drinnen ruht er am Steintische und bemisst das nun nicht
mehr unterbrochne Glück nach der Länge des Bartes, der ihm dreimal um
den Tisch herumwachsen wird. Entzückt über diese doppelte Unendlichkeit
ewiger Zeit- und Liebesdauer, befragt er jeden Freitag seine
Freyja-Vrene, ob nun noch ein jüngster Tag gedenkbar sein könne. Zur
Bekräftigung dieser gegebnen Erklärung sowohl als der sogleich
mitzutheilenden Etymologie der bezüglichen Eigennamen, fügen wir ein
paar Sagenbruchstücke bei, die zu dem Kostbarsten gehören, was in der
letzten Zeit zu Tage kam. Pröhle's Harzsagen 2, S. 209-211 berichten: Es
war eine Frau, die wohnte im Walde auf einem königlichen Schloss und
hiess Frû Frêen und Frû Frîen. Sie war einmal im Himmel gewesen und da
von den Sterblichen um Rath befragt worden. Um ihren Freier aufzufinden,
durchzog sie die ganze Welt, doch da er ihr immer wieder verschwand,
brach sie in ein furchtbares Weinen aus. Davon hat man in Ilseburg noch
folgenden Reim:
Frû Frîen
wolle geren frîen
un konne keinen krien,
da feng se an de schrîen.
Noch Anfangs Juli 1855 wurde diese weissgekleidete Frau Freen von einen
Burschen aus Ilsenburg im dortigen Walde gesehen. Dieselbe um ihren
verschwundnen Gemahl trauernde Göttin heisst in Wolf's Hess. Sagen no.
12 die Huldgöttin, Frau Holl: "Bei Fulda im Walde liegt ein Stein, in
dem man Furchen sieht; da hat Frau Holl über ihren Mann so bittre
Thränen geweint, dass der harte Stein davon erweichte." Dass diese Holl
die Göttin Freyja wirklich ist, wurde neuerlich durch den aufgefundenen
Namen Friggaholda beurkundet (Mannhardt, Mythen 295). Freyja selbst ist
die von Paulus Diaconus als Gemahlin Wodans genannte Frêa (ahd. Frouwa,
domina) und lebt in den niedersächs. Sagen bald unter den diminutiven
Namensformen der Frau Freke und Frick, bald besonders um Halberstadt und
Drübeck als Frû Frîen, Frû Frêen fort. Kuhn, Nordd. Sag. no. 70 und S.
414. 519. Mit diesen niederdeutschen Namensformen und Sagen der
Schönheits- und Liebesgöttin stehen nun die oberdeutschen desselben
Wortstammes in sprechender und reicher Verwandtschaft. Dem altsächs.
frî, mulier formosa, entspricht das alemann. Adverb frein, frîn:
pulcher, venustus. "Bis mer hübsch frîn", sei mir hübsch artig, hübsch
sittsam, sagt das Berner Mädchen zu einem allzu stürmischen Liebhaber;
"de sim-mer jo die freinste Lüt", gar allerliebste Leute, heisst es
luzernerisch. Firmenich 2, 578. 594. Mit diesem Schönheitsprädikate
übereinstimmend bezeichnet in Hebels alemann. Gedichten der Frauenname
Vrene ausschliesslich die Geliebte und Schöne. Der Stamm des Wortes geht
durch die indogermanischen Sprachen; gothisch frijon ist amare, sanskrit
priya bedeutet angenehm und geliebt; die Pflanze Frauenhaar (capillus
Veneris) heisst irländisch Freyjuhâr, dänisch Fruêhâr und Venusgräs,
norwegisch Mariagras, weil die Schönheit das höchste Epithet bleibt, das
an Göttinnen hervorgehoben wird. Myth. 279. Es entgeht uns keineswegs,
dass hiebei die beiden von der Edda auseinander gehaltenen Namen und
Figuren der Göttinnen Freyja (Freyrs Schwester) und Frigg (Odhins
Gemahlin) wieder in eins zusammen fallen; allein dieselbe Verwechslung
war sogar schon den nordischen Quellen geläufig und hat darin ihre
Berechtigung, dass beide ursprünglich nur die in zwei Seiten auseinander
gegangene eine Himmels- und Herzensherrin eines älteren Göttersystems
gewesen sind, welches vor der Trennung der nordischen Götter in Asen und
Vanen bestanden hat. Aus der launenhaften Gemahlin Odhins Fricke, die
mit dem Gemahl als Windsbraut einherstürmt und Leichenfelder zehntet,
hat der auf die Naturreligion der Asenlehre folgende feinere Vanenglaube
eine familiäre, wirthschaftlich-besorgte Freyja gestaltet; in ihr ist
die frühere Grausamkeit veredelt als Tapferkeit, Sonnenschein und Regen
ist ihr unterthan, wo sie naht, trieft Segen auf Land und Menschen,
zeugend und zeitigend ist sie die Gottheit der Liebe und Ehe. So
urtheilt über die Vanengötter überhaupt Weinhold D. Frauen, 30.
Aus dem Vorausstehenden ergiebt sich also, dass die angeführten Namen
der Göttin, eddisch Freyja, langobardisch Frea, niederdeutsch Freen und
Frien, oberdeutsch Vren nur landschaftlich verschiedene Namensformen
einer und derselben Göttin sind. Seit wann aber ist die Frau Vrene des
schweiz. Tannhäuserliedes im hochd. Liedtexte eine Frau Venus im
Venusberge geworden? Seit den Ritterdichtungen des Mittelalters, in
denen die Minnegöttin modisch und gelehrt die frow Venus und ihr Palast
der Venusberg hiess, und seitdem dann auch die theologische Literatur
dieselbe Benennungsweise nachahmend in ihre zahllosen Teufels- und
Hexengeschichten übertrug. Geiler von Keisersberg, in den Predigten von
der Omeiss 36, lässt die Hexen in _Frau Fenusberg_ fahren; schon fünfzig
Jahre vor ihm nennt Joh. Nider (gestorben 1440) im Formicarius zum
gleichen Zwecke den _Venusberg_, und nach hessischen Hexenakten von 1628
regiert im Venusberg _Frau Holda_. Wolf, Ztschr. f. Myth. 1, 273. "Der
Teufel pflegt gemeiniglich seine Hochzeitleute auf dem Venusberg mit
_Kröten_ zu traktieren", schreibt der Arzt Lebenwaldt in seiner
Hausarznei, 1695, S. 262. Eben daher ist Frau Vrene im Tannhäuserliede
selber eine Verdammte, von welcher die Strophe 4 sagt:
Sie ist ob em Gürtel Milch und Bluet
Und drunter wie Schlangen und Chrotte.
Folgerichtig wurden dann seit dem 14. Jahrhundert die öffentlichen
Frauenhäuser Venushäuser genannt und nach der einmal vorhandenen
Namensverwechslung zugleich auch Vrenenhäuser. Ein Stadtquartier
Hamburgs mit einem besondern Hügel, das den Dirnen zum Wohnorte
angewiesen war, heisst Venusberg. Antiquarius des Elbstromes 1741, 761.
Zu Basel war die jetzige Malzgasse ehedem das Quartier der Malazen oder
Aussätzigen, und seit man letztere aus der Stadt wegwies, das
Dirnenquartier gewesen, und das dortige Frauenhaus hiess beiderlei,
Vrenen- und Venushaus. Davon sagt Pamphilus Gengenbach in der Gauchmatt
(ed. K. Gödeke, S. 151):
zuo Basel in der Malentz gassen
do hat sich fraw Venus nider glassen.
Auch dieser Umstand dient uns zur Erklärung einer sonderbar lautenden
Ueblichkeit. Der vorgeschriebne Weg, welchen die am Verenatag zu Zurzach
begangene Kirchenprozession einzuhalten hat, geht vom Stift zu der
ausserhalb des Ortes beim Rhein liegenden Moritzkapelle und führt an
einer alten Linde vorbei, deren zerklüfteter Stamm mit Ziegelsteinen
ausgemauert ist. Man sagt, dahinter sei einst die Pest vermauert worden.
An der Stelle dieses Baumes stand zu Verenas Lebzeiten das schon von der
ältesten Legendenaufzeichnung erwähnte Siechenhaus, das erst in diesen
fünfziger Jahren abgebrochen worden ist; neben demselben soll das offne
Frauenhaus gestanden haben, dessen Mitglieder in jenem die untersten
Dienstleistungen zu besorgen gezwungen waren. So oft nun nachmals der
Landvogt von Baden zur Eröffnung der Zurzacher Dult im Flecken einritt,
erwartete ihn unter dieser Linde "eine fahrende Dirne", mit der er einen
Tanz um den Baum thun musste. Dafür erhielt sie einen Gulden Zehrgeld,
gestiftet von jener Königin Agnes, die zum Seelenheile Albrechts, ihres
erschlagnen Vaters, das Kloster Königsfelden bei Brugg erbaut hatte.
Gerbert in seiner Taphographie thut dieses also entstandenen
"Metzentanzes" ebenfalls Erwähnung, verlegt ihn aber fälschlich unter
die Linde des Städtchens Brugg, also dem Stifte Königsfelden zunächst.
So war Verena die Patronin der Frauenhäuser und Metzen geworden.
Die Zeit der Entstehung der Zurzacher Jahrmärkte ist noch nicht
aufgehellt; Kaiser Sigismunds Bestätigungsbrief und Kaiser Friedrichs
hernach wiederholte Approbirung nennt schon die zwei dortigen
Jahresmessen, die erste mit dem Sonntag nach Pfingsten beginnend, die
andre mit dem zweiten Montag nach Bartholomäitag. Sie werden abwechselnd
Dult und Messe genannt. Der erstere Name stammt keineswegs aus dem
latein. indultum, der obrigkeitlichen oder kirchl. Erlaubniss, sondern
aus goth. dulds, ahd. tuld, das in den Glossen als ein zur Zeit des
Neumonds begangenes Fest übersetzt wird und mithin ein im Heidenthum
entsprungenes Wort ist. Grimm, GDS. 72. Somit könnte die Zurzacher Dult
schon mit einem heidnischen Verenafeste zusammengefallen sein, wie sie
hernach mit dem christlichen Feste daselbst wirklich und ausschliesslich
zusammenhieng. Kirchen und Klöstern wurde frühzeitig das Marktrecht
verliehen; die Kirche zu Magdeburg besass dasselbe schon 929, die
Elsasser Abtei Selz seit 982, und daher rührt der andere Marktname
Messe. Er bezeichnet den kirchlich begangenen Festtag eines örtlichen
Heiligen und den gleichzeitig abgehaltnen, von zahlreichen Pilgerzügen
besuchten Jahrmarkt. Alle orientalischen Karavanenzüge gehen von einer
Tempelstadt aus oder enden bei einer solchen; alle Jahrmärkte des
Abendlandes tragen Kalendernamen der Heiligen; daher denn im Worte Messe
der Doppelbegriff des Handelsverkehrs und des Gottesdienstes vereint
liegt.
Jedoch nicht hinter allen den Orts- und Geschlechtsnamen, welche häute
Venus heissen, ist ursprünglich diese wirklich zu suchen, und es ist bei
unserem gegenwärtigen Zwecke keineswegs überflüssig zu zeigen, wie
hierin das so vielfach wiederkehrende Wortmissverständniss sich erzeugt
hat. Veni heisst der neckende Berggeist am Trüdinger beim Dorfe Eib an
der Rezat, nächst der Stadt Ansbach; er wohnt hier auf dem Schlossberge
auf dem Venibuck im Veniloch, Die Eingebornen nennen diesen Ort
Venesberg, allein auf dem lithograph. neuen Steuerblatte steht er
bereits als Venusberg verzeichnet. Bavaria III, 2. S. 941. Das
Adelsgeschlecht der Feniberger war sesshaft zu Bogen, unterhalb
Regensburg am linken Donauufer; sein Wappenbrief aber vom J. 1662 zeigt
die Venus vor einem grünen Hügel stehend. Anz. des German. Museums 1860,
88. Das sächs. Dorf Venusberg, zwei Stunden von Wolkenstein, heisst
urkundl. Fenigs- und Feinigsberg. Grässe, Sag. v. Tannhäuser, 18. Ein
Finisloch, ausserhalb Marburg gelegen, heisst gleichfalls Venusloch.
Lynker, Hess. Sag. no. 152. Das Staatshandbuch des Grossherzgth. Weimar
führt nicht weniger als sechs Beamte des Namens Venus auf: Bechstein,
Mythe 1854, Heft 1, 53. Dass nun diese Namen unmöglich alle dem Latein
abgesehen sein können, empfand schon Fischart, der in seiner
Uebersetzung von Bodinus Dämonomanie, 1591, S. 67 vom Venusberg bei
Breisach berichtet und was man von den darin, schlafenden Rittern singt
und herumträgt; allein, fügt er bei, man pflegt im deutschen Volksliede
den Namen Venus aus dem Worte Fin und dieses wiederum aus jenem
abzuleiten. Hier nun ist die richtige Ableitung folgende. Aus dem
romanischen Worte Fee (fatua), ein weiblicher Schutz- und Gefolgsgeist,
bildet sich der mhd. Name Feine und aus diesem die Pluralform
Feenesleute, wie die Erdmännchen in Vernalekens Oesterreich. Mythen, 23
heissen. Die altfranz. Form Faye lebt noch im waatländer Patois fort,
Fayres bezeichnet da die gespenstischen Weissen Frauen und geht ins
Rhätische über, denn im Kt. Glarus heissen die Waldgespenster pluralisch
Fayer, gälisch Fairys. Wird also der Quarzfelsen auf der Spitze des
Feldberges im Taunus abwechselnd Brunnhildenbett, Teufelskanzel und
Venusstein genannt, so steht nun fest, dass der letztere Name die als
Feen dorthin verwünschten bösen Geister bezeichnet und dass sie
Veensleute sind. Nicht unter diese Namensreihe gehört jedoch der Name
des Grafen Rudolf von Fenis, ein Minnesänger, gestorben um 1196; dessen
Burg beim Bernerdorfe Vingelz zwischen dem Bielersee und dem Seelande
gelegen ist; sein und seiner Burg urkundlicher Name ist Fenils,
ableitend von latein. fenus, Ertrag, fenile, Heuboden, hier in der
örtlichen Bedeutung von Schlossscheune und Vorburg.
Das nun gewonnene Ergebniss ist einfach und befriedigend. Vrene, die
Liebesgöttin, wird vom höfischen Geschmacke zur Venus antikisirt, durch
die Kirche zur Patronin der Siechenhäuser, durch die Zeitsitte zur
Mutter der Frauenhäuser erhoben und erniedrigt, und durch romanischen
Spracheinfluss zur Königin der Feen gemacht, mit denen sie im
Zauberberge wohnt. Der mit der Liebesgöttin in ihrem schattigen Lusthain
(im Tann) hausende Gemahl heisst eben so erklärlich Tannhauser. Auf den
bairisch-salzburgischen Ritter und Minnesänger Tannhuser (gestorben um
1266) darf, obschon er ein Zeitgenosse des im Liede mitgenannten Pabstes
Urban ist (der IV. dieses Namens, gestorben 1268), schon deshalb nicht
geschlossen werden, weil sich die Tannhäusersage, wenn auch unter
anderem Namen, in Schottland und Schweden wiederholt. Belege hiefür
giebt Grimm Myth. 888.
* * * * *