[3] fiér, stark und stolz.
[4] zerzyaca: Zurzach.
* * * * *
Zweiter Abschnitt.
Verena, die Müllerpatronin.
Ihre Attribute: der schwimmende Mühlstein; ihre örtlichen
Kleinkindersteine; die Müllerpatronin als Ehegöttin, der in Stein
verwandelte Brodkipf und die unerschöpflichen Mehlsäcke.
Wirthschaftsregeln am Verenentage.
Alljährlich am Verenatage lassen die Müller im aargauer Surbthale die
Mühlsteine schärfen und die Mühlbäche putzen. Denn Verena, deren
Wahrzeichen: Kamm und Krüglein, an allen Mühlen und Banngemarkungen des
Surbthales eingehauen sind, hat einst ihre dreimalige Wohnstätte an den
Strömen zu Koblenz und Zurzach aufgeschlagen gehabt und gilt hier als
die den Gang aller Wassergewerke beeinflussende Patronin der Müller,
Schiffer und Fischer. Hiefür sei ein Einzelzug vorangestellt aus der
ältesten Aufzeichnung der Verenalegende vom J. 1005 in Pertz Mon. 6,
457. Unter den Gütern, die ein Mann zu seinem Seelenheile dem Zurzacher
Stifte abzutreten gelobt hatte, befand sich eine besonders werthvolle
Mühle. Als nun den Mann hinterher die gemachte Vergabung wieder reuete,
suchte er wenigstens noch etwas an ihr zu schmälern und änderte den Lauf
des Mühlebaches, indem er ihn auf seine Landstücke zog. Allein ohne
fremdes Zuthun und ohne dass es vorher einen Tropfen geregnet hatte,
schwoll der Bach plötzlich mit Macht an, riss dem Manne das Wohnhaus weg
und trat dann wieder in sein ursprüngliches Bette zurück. Nun kam Jener
eilends zum Altar der Heiligen und gab ihr alles treulich auf, was er
ihr so unklug hatte entfremden wollen.--Ebenso bändigt sie den Gläubigen
zu lieb die verheerenden Ströme. Beim Anschwellen der Gebirgswasser
stieg einst zur Zeit der Ernte der Rhein um Zurzach zu solcher Höhe,
dass er alle Kornfluren überschwemmte. Man suchte Abhilfe durch Gebet
und Feldprozession, allein da durfte Niemand wagen, mit Kreuz und Fahne
den Fluthen zu nahen, die über die ganze Feldbreite hinstürzten. Doch in
dem Augenblicke, als man zur Prozession auszog, trat der Rhein in sein
altes Bette zurück, und schon in der Mittagssonne standen die Aehren
wieder schön aufgerichtet und wohlbehalten da, die am Morgen bereits
entwurzelt schienen. Als eine Schnittermagd, vom Garbenbinden jenseits
des Rheines heimkehrend, auf der Ueberfahrt mit dem Weidling umschlug,
hielt Verena mit der einen Hand ihr den Mund zu und führte sie mit der
andern wie durch ein Gewölbe unter den Wellen weg ans Zurzacher Ufer.
Während die Heilige noch bei Solothurn in jenem Felsenthale wohnte, das
nun in den reizenden Park der Verena-Einsiedelei umgewandelt ist, war
sie zweifacher Verfolgung ausgesetzt: in der Stadt durch den hier
gebietenden heidnischen Präfekten Hirtacus[6] und in ihrer Klause durch
den Teufel. Dieser schleuderte einen Felsen gegen ihre Wohnung, jenen
ungeheuern erratischen Block, der dorten oberhalb dem Dache der Zelle zu
sehen ist und die Krallen des Bösen eingedrückt trägt. Eine friedlichere
Wohnstatt aufsuchend, nahm sie einen Mühlstein, der an der Solothurner
Aare zur Verladung lag, fuhr auf diesem den Fluss hinab durchs Aargau,
und landete auf einer Insel beim Fischerdorfe Koblenz, in dessen Nähe
die Aare in den Rhein mündet. In der Gegend wütheten eben Seuchen, von
den Ausdünstungen eines Leichenackers herrührend, den der Strom
unterwühlt hatte; aber die Krankheit hörte auf, indem Verena Heilquellen
aus dem Boden bohrte. Das benachbarte Stift Zurzach vernahm ihre Ankunft
und beeilte sich, eine so wohlthätige Frau zu sich heim zu führen.[5]
Auch ihren Mühlstein wollte man nicht zurücklassen. Man lud ihn auf
einen Wagen und hatte ihn bis zum Koblenzer Wegkreuz gebracht. Hier aber
blieb aller Vorspann erfolglos, man war nicht im Stande Wagen oder Stein
weiter zu schaffen; doch zurück nach Koblenz zogen ihn die Rosse
mühelos, wo er nun neben der Thüre der Kapelle in der Einsenkung der
Mauer hinter einer Vergitterung aufgestellt ist, geschmückt mit dem
Schnitzbilde der Heiligen. Man misst ihm übernatürliche Kraft bei. Auch
ist das Gewölbe, das ihn verwahrt, ganz allein unversehrt geblieben, als
1795 eine Feuersbrunst Dorf und Kapelle einäscherte; es hängt voll
wächserner Füsse und Aermchen, welche die Leute opfern, wenn einem ihrer
Kinder ein Schaden heilen soll. Seither ist die Kapelle erneut und
erweitert worden und dabei die Inschrift verschwunden, die sonst über
dem Steine zu lesen stand:
Auf diesem Stein hier aus der Aaren
Die heilig Verena ist gefahren
Ohne Ruder, Schiff und Schalten,
Wie solches geglaubt die frommen Alten.
Die Koblenzer sind seitdem bewährte Fischer und Fergen, die auf den Rath
der Heiligen die Stüdlerzunft gründeten; erst vor einigen Jahren ist sie
bei Aufhebung sämmtlicher Zünfte mit eingegangen. Dieser Genossenschaft
der Laufenknechte stand ein von allen Landvögten verbrieftes Fährrecht
mit der Obliegenheit zu, sämmtliche den Rhein zwischen Zurzach und Basel
befahrende Schiffe und Güter durch die dortigen Strudel (genannt Laufen)
zu führen. Am Gewölbe der Zurzacher Stiftskirche hängt daher ein
kunstreich geschmiedetes Votivschifflein. Eine aus Tatian von Grimm
Gramm. 3, 437 angeführte ahd. Glosse lautet: _verenna_ cymba; was sonst
ahd. verscif heisst, nhd. Fähre. Graff, Sprachschatz 3, 587 citiert aus
Tatian: _mit ferennu quamun_, navigio venerunt.
Allein Verena, die Müllerpatronin, übt zugleich auch das Geschäft der
Liebesgöttin; somit ist vorerst das Einheitliche im Wesen dieses
Doppelgeschäftes hier nachzuweisen, um damit einen besondern Theil des
heidnischen Cultus zu entblössen, der im Verenacultus nachklingt. Die
Ackerbau-Terminologie wird von jeher auf die geschlechtlichen
Beziehungen übertragen, die ehliche Verbindung auf die Erdbefruchtung,
auf die Demeter. Des Mannes That heisst griechisch ackern, besäen,
besamen; das weibliche Saatfeld heisst sabinisch sporium, der ihm
Entsprossene spurius, der Ausgesäete (Bachofen, Gräbersymbolik 204). So
hat auch Mahlen und Mühle in den Sprachen erotische Bedeutung. Bei
Theokrit (4, 58) ist myllos cunus; Festkuchen dieses Namens, aus Sesam
und Honig gebacken, wurden bei den grossen Thesmophorien den Göttinnen
zu Ehren in Syrakus umhergetragen. Athenäus XIV, 647 A. Den Sinn des
griech. myllo (coire) und des Wortspiels bei Petronius: molere mulierem,
drückt unsre eigne Sprache in gleicher Weise aus. In Simrocks
Volksliedern no. 285 erwiedert die Müllerin ihrem um Einlass anpochenden
Gemahl:
Ich steh fürwahr nicht aufe,
Ich lass dich nicht herein;
Ich hab die Nacht gemalen
Mit sechs jungen Knaben.
Davon bin ich so müd.
Der durch die Buhlin der Kraft beraubte Samson muss den Mahlstein
drehen: Richter 16, 21. Daher ist die Mühle in unsern ältesten Sagen der
Ort der Liebesabenteuer. Der Landpfleger Pilatus ist nach dem
gleichnamigen ahd. Gedichte vom rheinischen König ausserehelich mit der
Pyla erzeugt, des Müllers Atus Tochter. Ausserehlich ist Karl der
Grosse erzeugt und geboren auf der Reismühle am bair. Würmsee. Aretin,
Bair. Sag. 1803. Schöppner, Sagenb. no. 22. König Heinrich III. erbaute
Kloster Hirschau in der Nähe jener Mühle, darin er war geboren worden;
sie steht noch und gilt für eines der ältesten Gebäude in Hirschau. Vgl.
Schönhuth, Burgen Würtembergs 1, 88. Meier, Schwäb. Sag. S. 336. Ebenso
steht heute noch im würtemberger Schussenthale die Grieslemühle, in der
die eilf ausgesetzten Welfenkinder, die Ahnherren der Hohenzollern,
erzogen worden. Birlinger, Schwäb. Sag. no. 340. Aventins Chronik
berichtet, wie Herzog Ott von Baiern die Brandenburger Mark dem Kaiser
verkauft und die Kaufsumme daheim mit der hübschen Müllerin auf der
Gretelmühle lustig verzehrt. Grimm DS. no. 496. Vom Ehebruch der stolzen
Frau Müllerin erzählt alles Volkslied bis auf Göthes "Der Müllerin
Verrath". Vom Jahre 1322 bis 1802 galt zu Augsburg der Name Hahnreimühle
für eine der städtischen Mühlen. Im Mühlgraben liegt jener grosse Stein,
hinter dem die Amme die Kinder herausholt. Wolf, Ztschr. f. Myth. 3, 31.
Als alles Riesengeschlecht im Blute des erschlagnen Ymir ertrinken
musste, rettete sich der einzige Bergelmir sammt seiner Frau in einem
Mühlkasten. Myth. 426. Aber Mahlstein und Saatkorn gestalten sich dem
fortschreitenden Begriffe zum heiligen Religions- und Rechtssymbol.
Darum führen selbst die alles verleihenden Lichtgötter Apollo und Zeus
den Beinamen myleus, bei den eleusinischen Göttinnen wird ehliche Treue
beschworen, der Ceres legifera opfert die bräutliche Dido, der römische
Cerestempel diente als Gesetzesarchiv. Auf einem Mehlfasse hat die
wendische Braut zu sitzen, während sie von ihren Freundinnen zur
Hochzeit geschmückt wird. Haupt, Lausitzer Sagenb. 1, 183. In diesem
Sinne ist das Volkslied (bei Uhland 1, S. 76) von der Mühle zu
verstehen, welche reines Gold und treue Liebe mahlt:
Dort niden in jenem Holze
Leit sich ein Mülen stolz,
Sie malet uns alle Morgen
Das Silber, das rothe Gold.
Dort hoch auf jenem Berge
Da geht ein Mülenrad,
Das malet nichts denn Liebe
Die Nacht bis an den Tag.
Damit hört denn auch jene schreiende Unsinnlichkeit der Legende auf,
dass die Heiligen ihre Wasserreisen auf einem Mühlsteine machen, wie
Verena auf der Aare und der Wüstenheilige Antonius auf der Wolga. Auch
die Stadtpatronin Zürichs, zugleich die angebliche Gefährtin der
Thebäer, die hl. Regula, muss die gleiche Wunderfahrt gemacht haben,
denn ihr Mühlstein lag einst am Seeufer bei Herrliberg, da wo es
urkundlich _Im steinin Rad_ heisst. Reithard, Sag. a.d. Schweiz.--St.
Jakob von Compostella macht seine Meerfahrt in einem steinernen Troge
und landet damit zu Ira in Galizien; der hl. Quirinus, genannt Boicus,
wird mit einem Mühlstein am Halse in die Günz gestürzt und schwimmt
damit in diesem reissenden Gewässer. Rader, Bavaria Sancta 1, 23. Die
hl. Laurentia, mit einem Stein am Halse ins Meer versenkt, gieng auf dem
Wasser einher, als wäre es festes Feld. Sie wird alljährlich am 1. Okt.
in der Hauptkirche zu Ancona gefeiert, wo ihre Gebeine ruhen. Jac.
Schmid, Kleine Ehehaltenlegend 1, 86. Der Mühlstein der hl. Brigida ist
neben ihrer Kirche zu Kyldare in Schottland an der innern Klosterpforte
aufgestellt und wird bei Krankheitsfällen als wunderthätiger Heilstein
berührt. Canisius, Thesaur. Eccles. I, 414. seq. Die Flüsse und Seen
sind die Adern, durch welche die älteste Kultur in die Länder floss, und
die Mühle mit ihren Werkzeugen giebt die Bilder und Symbole her, unter
denen die Sprache diesen Vorgang bezeichnet. Bei dichtfallendem Schnee
sagt der Schwabe: das kommt durch den groben Beutel; der Franke: Müller
und Becken schlagen sich mit Säcken; der Aargauer: sie putzed (die
Himmlischen fegen das Korn), sie ritered (sieben es), der Staub flügt
(wie beim Worfeln des Ausdrusches), sie schüttid: schütten die Frucht
auf, die in dichtem Strome aus der Worfelmühle schiesst. Nach Kärntner
Volksrede entsteht der Donner dadurch, dass unser Herrgott Getreide in
den Kasten schüttet. Wolf, Ztschr. f. Myth. 3, 30. Im Liede von der
Himmelsmühle (Uhland, no. 344) knüpft Matthäus die Kornsäcke auf, Lukas
lässt reiben, Marcus schroten u.s.w. Damit steht denn auch zusammen,
dass die Mühle im alten Rechte als Freistätte gilt und ein in diesem
befriedeten Ort begangner Frevel mit dem Tode bestraft wird. Der
Schwabenspiegel bestimmt: diu müle hat ouch bezzer reht danne ander
hiuser. swer in der müle stilet korn oder mel vier phenninge wert, dem
sol man hût unde har abslahen. ist ez vier schillinge wert, man sol in
henken. Und eben daher stand auch dem Mühlstein eine besondere
Rechtsanwendung zu, auf welche Grimm RA. 935 verwiesen hat. Es findet
sich nemlich in einem alten Liede folgende Prüfung erwähnt über
Beschaffenheit und Abkunft eines noch ungebornen Kindes: Die Schwangere
steht am Ufer des Rheins, ein Mühlstein wird gerollt; fällt er rechts,
so trägt sie einen Knaben, links, ein Mädchen; geht er aber zu Grund, so
ists ein Metzenkind.--Der jungfräulichen Verena Mühlstein aber ist ein
_schwimmender_; unter ihrer Obhut steht alle rechtlich erworbene Frucht:
die auf dem Felde, in der Mühle und im Mutterschosse. Bereits sind in
der histor. Zeitschrift Argovia 3, 15 die mehrfachen örtlichen Felsen
und erratischen Blöcke des Aargaus aufgezählt, welche den Namen
Kleinkindersteine und eine dem gemässe Ortstradition an sich tragen.
Hier kommen nur die auf Verena bezüglichen in Betracht. Jener vorhin
erwähnte Felsblock in der Solothurner Verena-Einsiedelei trägt ein über
Faustgrösse ausgerundetes Loch, das man für die Spuren der Hacke der
Ammenfrau ausgiebt, die hier den Bedarf an Kindern für die Stadt
heraushackt. Wolf, Ztschr. f. Myth. 4, 1. Dasselbe gilt gleichfalls in
dem eben genannten Dorfe Koblenz vom Kalchofen, einem ofenförmig
gewölbten, isolirten Kalkfelsen am dortigen linken Rheinufer. Derselbe
Glaube herscht im Schwabenlande, weil bis dahin der Verenacultus
kirchlich gereicht hatte. Eine Felshöhle beim Bergschlosse Teck auf der
würtemberger Alb heisst Frena-Bubelinsloch und besitzt eine Sage über
zwei hier im Fels erzeugte und gross gewordne Knaben. Antiquarius des
Neckarstroms 1740, 46.
Ein fernerer auf die Korn- und Mühlengöttin hindeutender Zug ist
enthalten in dem Schicksale des Schwesternhauses, das die Heilige zu
Solothurn gegründet hatte. Es brach ein Hungerjahr ein, die Schwestern
konnten ihre Handarbeiten nicht mehr verkaufen und litten bittern
Mangel. Da geschah es, dass eines Morgens eine Reihe Säckchen Mehl von
unbekannter Hand vor die Thüre gestellt wurden und die aus diesem Mehl
gebacknen Brode wuchsen den Essenden unter dem Kauen. Im alten
Constanzer Breviar, das Erhard Ratdolt 1509 druckte, heisst es darüber:
Dum panis victus solitus
exhaustus fuit plenius,
farris pastus positus
est ad fores celitus.
Aber schon Notkers Legende (bei Canisius II, 3 Th. 170) giebt
wundersüchtig die bestimmte Zahl dieser Säcke an quadraginta sacci, und
Christoph Greuter zu Augsburg hat sie sogar in Kupfer gestochen; ein
Nachstich steht in Richters Schrift, Sigprangender Triumphwagen Verenae.
Augsb. 1736, 42. Der Notkerischen Fassung scheint unser mhd. Gedicht
(107a) nacherzählt zu sein:
vor der clause man ligen sach
viertzig sekche mit mele vol.
er gedacht ir not da wol,
wan daz prot wuchs in ier munde.
Dasselbe Wunder und, unter dem gleichen Namen unsrer Verena wird durch
Kuhns Nordd. Sag. no. 70 aus dem Bezirke von Halberstadt gemeldet. Wenn
da der Bauer zwischen Weihnachten und Dreikönig, zur Zeit der Zwölften,
sein Mehl von der Boitzenburger Mühle heimfährt, so begegnet ihm Frû
Freen und verlangt, dass er die Säcke öffne und ihren Hunden ausschütte.
Thut er dies folgsam, so findet er die Säcke wohlgefüllt des andern
Tages an derselben Wegstelle wieder. Hier ist Freens Name
zusammengefallen in den der Heidengöttin Frêa (wie Paulus Diaconus
Wodans Gemahlin nennt), welche zur Zeit der Zwölften sich an die Spitze
der Wilden Jagd stellt und unter dem Namen der alten Frick (ein
Diminutiv des Namens Freyja) mit ihren zwölf Jagdhunden das Land
durchstürmt. Der Name Frêne wird von Kuhn l.c. S. 414 und 415
ausdrücklich als um Halberstadt bestehend bestätigt, und der vierte
Abschnitt unsres vorliegenden Berichtes wird diese auffallende
Namensverwandtschaft zwischen Wodans Gemahlin und der aargauischen
Gauheiligen erläutern.
Verena ist zugleich eine der vielen Heiligen, welche abgebildet werden,
Brod und Wein überbringend. Bereits hat der spottlustige Nachbarscherz
sich dieses Zuges der Verenalegende zu seinen örtlichen Schwänken
bedient. Er erzählt, wie einst das kleine Städtchen Klingnau an der Aare
von einer Feuersbrunst so ganz zerstört worden, dass auch sämmtliche
Kirchenglocken mitverbrannten und man sich mit einer irdenen behelfen
musste, deren Schall denn nicht weit reichte. Mit dieser musste man
läuten, als die hl. Verena auf ihrer Reise nach Zurzach hier den Strom
herab gefahren kam. Kling au! rief man ärgerlich zur stummen Glocke
empor, in der Hoffnung, die Heilige werde dem Tone folgen und hier ihr
Absteigequartier nehmen. Allein diese wusste voraus, wie hier das
tägliche Brod schmeckt, und fuhr ihres Weges weiter. Seitdem gilt der
Spottreim:
Wenig Brod und sûre Wî:
ach Gott, wer möcht' au z'Klinglau sî!
Die Aargau. Sagen no. 491 berichten ferner, als Dienstmagd eines
Priesters in Zurzach habe sich Verena die tägliche Nahrung abgebrochen,
um die benachbart wohnenden Siechen damit zu speisen. Darüber der
Entwendung verdächtigt, tritt ihr der argwöhnische Priester plötzlich in
den Weg und untersucht. Doch der Wein in ihrem Krüglein ist nun in
Lauge, und der mitgenommene Brodkipf in einen Kamm verwandelt, beides
als zur Reinigung der Aussätzigen dienend. Daher kommt es, dass die
Bildsäulen Verenas bald Waschkanne und Kamm, bald Weinkrug und Brodkipf
in der Hand haben. Das Krüglein der Heiligen ist, wie die älteste
Aufzeichnung berichtet, ursprünglich steinern gewesen und hatte die Form
einer antiken Urne; seine Bestimmung musste damit nicht nothwendig die
des Wein- oder Waschnapfes sein, da auch das Trockengemässe vor Alters
steinern war. Das Zürcher Frauenmünsterstift berief sich 10. Christm.
1282 auf einen in seinem Kloster aufbewahrten Stein, in welchem der
Klostergründer König Ludwig das Mass eines _Kornviertels_ hatte aushauen
lassen. Geschichtsfreund 8, 19.
Hier ist Gelegenheit, eine Legenden-Parallele an der gleichfalls
unbeachteten Gestalt einer andern deutschen Gauheiligen aufzuzeigen. Es
ist dies die Kraichgauer und Tiroler Heilige Notburga, von deren Cultus
Schnezler, Bad. Sagb. 2, 587, und Zingerle, Tirol. Sitt. no, 964
berichten. Auch sie zähmte wilde Ströme, lehrte Acker- und Weinbau,
pflegte und speiste die Armen, verstand sich auf die Heilkunde, hat ihre
mehrfachen Grabkirchen und Taufbrunnen und lebt, wie die hl. Verena,
mehr in der stillen Volksverehrung als im theologischen Gedächtnisse
fort. Als Viehmagd diente sie im Tiroler Schlosse Rothenburg im untern
Innthal und hatte die Schweine zu füttern. Für jeden Armen sparte sie
sich eine Schürze voll Brod und einen Becher Weins auf; wenn aber ein
geiziger Späher sie darüber anhielt, verwandelte sich die Gabe in
Hobelscheiten und in Sautränke. Als sie auf dem Bauernhofe Eben im
Unterinnthal diente, kam dort mit ihr der alte Segen in den gesunknen
Hausstand zurück; wollte man sie jedoch über die Feierabendzeit im Felde
fortarbeiten lassen, so machte sie das Gesinderecht geltend, hob die
Sichel in die Höhe, liess sie aus und diese blieb in der Luft hängen.
Sie ist die Patronin der Dienstmägde geworden, wie sie selbst in ihrem
Geburtsdorfe Ameres als Magd gestorben ist. Vor ihren Leichenwagen
spannte man zwei weisse Stiere und liess sie gehen, wohin sie wollten.
Als sie an den brückenlosen Inn kamen, wich der Fluss zurück und liess
Wagen und Leichengefolge trocknen Fusses hinüberschreiten. Jenseits auf
dem Ebenberge, wo die Stiere anhielten, begrub man die Jungfrau und
errichtete eine Kapelle über dem Grabe, die seit 1434 zur
Wallfahrtskirche vergrössert wurde. Auch ihre ehemalige Magdkammer im
Schlosse Rothenburg ist in eine Kapelle umgebaut worden. Panzer, BS. 2,
no. 62. Als Notburga ins Kraichgau kam, überschwamm sie auf einem
schneeweissen Hirschen den Neckar und verbarg sich in einer Höhle, die
beim würtemberger Dorfe Hochhausen gezeigt wird. Vom Schlosse Hornberg
her überbrachte ihr der Hirsch täglich das Brod, ans Geweih gespiesst,
und mit seinem Geweih schaufelte er der Sterbenden ihr Grab. Jetzt noch
zeigen die Kraichgauer übers Feld hin den Weg, welchen das treue Thier
einschlug. Ueber die hl. Rategundis von bair. Wolfratshausen berichtet
Jac. Schmid, Leben hl. Hirten und Bauern (Augsb. 1750) 3, 16, als
Dienstmagd auf dem Schlosse Wellenburg bei Augsburg habe sie Milch und
Butter von ihrer täglichen Kost sich abgespart und den Aussätzigen des
nächsten Siechenhauses zugetragen; als der argwöhnische Schlossherr sie
auf dem Wege dahin betraf und untersuchte, verwandelte sich Butter und
Milch in ihrer Schürze in einen Strehl und in warme Lauge.
Zum Schlosse folgen einige obrigkeitliche Vorschriften und
landwirthschaftliche Regeln, die sich an den 1. September als den
Verenatag knüpften.
Der Verenatag begann den Herbst und war damit ein allgemeiner Zins-,
Frist- und Verfalltag. Das Schwyzer Landbuch (ed. Kothing, S. 76)
verbietet im J. 1519, "dass man vor sant Frenentag kein Murmotten
(Murmelthier), weder alt noch jung, fachen soll." Mit diesem Tage geht
noch im Kanton die gebannt gewesene Jagd wieder auf. In den V
Gerichtsbezirken des Altaargaus (Zofingen, Aarau, Kulm, Lenzburg und
Brugg) galt die Berner Gerichtssatzung und mit ihr also auch derselbe
Gerichts-Stillstand, Gerichts-Ferien. Eine dieser fünf "geschlossnen
Zeiten" dauerte acht Tage vor dem ersten Sonntag vor Verenentag bis acht
Tage nach dem auf Verena nächstfolgenden Sonntag. Die Berner Obrigkeit
hat im J. 1595 in Folge der Kirchenreformation vier jährliche
Communionszeiten und darunter die letzte auf den Verenentag angesetzt.
Polizeibuch der Stadt Bern, ad ann. 1655.--Das "Verzeichnuss der Statt
Aarow-Ordnungen und Breuch" von 1688 (Aarau. Stadtarchiv) setzt fol. 86
die obrigkeitlichen Visitationen der Weinkeller alljährlich auf Verena
und Martini an.
Von den Bauernregeln über die Witterung am 1. September sind unter
unserer Landbevölkerung folgende üblich.
Wenn's Vreneli z'morndes s'Chrüegli ûsleert, draejet, löset, umg'heiet,
brünnelet--und z'Abig s'Chitteli wider tröchnet, denn isch guet; denn
solch ein richtiger Witterungswechsel ist der Aussaat des Kornes und der
Keimung des Samens besonders günstig. Wenn es an Verena schön Wetter
war, so erzählen die Bauern im Frickthaler Dorfe Gansingen, so sassen
unsre Leute am Tische und assen ruhig ihr Vesperbrod; wenn es aber
regnete, so hiengen sie den Kornsack an und standen zum Säen hinaus.
Wenns a d'Verena regnet, muess de Bu'rsma s'Brod unter de Arm neh; wenn
aber nit, so chan er's frölich hinter'm Tisch esse. Der Solothurner
Bauer muss, wenn Verena Regen bringt, Tag und Nacht zu Acker fahren und
sein Brodsäcklein, das Zimmis-chörbli, worin der Abendimbiss ist, mit
ans Kummetscheit henken, ans Jochholz am Kummetkopf. Illustrirte Schweiz
1862, 259.--
Verenatag günnt d'Stiel ab jedem Hag; denn an diesem Tage, heisst es,
ist alles Obst reif und der Fruchtstiel abgetrocknet; ist es aber ein
strenger Regentag, so fault das Obst hernach auf den Hurden.
A d'Vrenetag got der Chabis uf e Rôt; der Krautskopf berathet sich, ob
er von diesem Tage an noch wachsen wolle; nimmt er nicht zu, so ist er
daheim geblieben und nicht mit in Rath gegangen. Vrein am Rain trägt s'
Abendbrod heim: das Vesperbrod wird von dieser Zeit an nicht mehr aufs
Feld gebracht, s' Vreneli zündt a, und s' Mareili löscht ab: die
Hausarbeiten bei Licht, die Kiltabende und Liebesnächte begannen mit 1.
Sept.; mit Mariae Verkündigung, 25. März, giengen sie wieder zu Ende.
Heute aber beginnen die Lichtarbeiten gewöhnlich erst mit 2. Nov. und
schliessen mit dem Josephstag, 19. März.
* * * * *