II.

Verena mit dem Kamme,

die Kindsmutter.

* * * * *

Erster Abschnitt.

Verena, eine Gauheilige.

Kirchliche Gestaltung und geographische Ausbreitung der Verenalegende;

ersteres bedingt durch die Legende von der Thebaischen Legion, letzteres

durch die Ausdehnung des Konstanzer Bisthums. Verena's Weihkirchen und

Altäre in der Schweiz. Ihr Doppelgrab und ihre Reliquien in Zurzach.

Mittelhochdeutsches Gedicht _von sand Verene_.

Die heidnische Verenasage wurde in ihrer Vereinsamung frühzeitig der

Kirchenlegende der Thebaischen Legion einverleibt und gewann dadurch

eine Verbriefung ihres eignen hohen Alters und ihren ersten Zusammenhang

mit der frühesten schweizerischen Kirchengeschichte. Bekanntlich ist die

Legende von der Thebaischen Legion aus Oberitalien und Savoyen her in

die Schweiz gedrungen, und hat sich von da Rhein abwärts weiter

ausgebreitet. Sie handelt von einer zu Thebae in Aegypten gestandenen

römischen Legion, welche dorten zum Christenthume übergetreten, dann

nach Italien und unter Constantius Chlorus nach Helvetien versetzt,

schliesslich zu Martinach, die Theilnahme an einem heidnischen Opfer

verweigernd, decimirt worden sein soll. Einzelne, diesem Blutbade

entronnen, gelangten an die Aare und den Rhein und erlitten hier,

unermüdlich den Christenglauben ausbreitend, gleichfalls den

Martyrertod. Wo dieses in Helvetien geschah, da sind denselben die

ältesten Stifte und Kirchen geweiht worden; so dem hl. Mauritius zu

Martinach in Wallis und zu Bern; dem Ursus und Victor zu Solothurn;

Felix, Exuperantius und Regula zu dritt in Zürich u.s.w. Die mit dieser

Soldatengeschichte ganz äusserlich vereinbarte Verenenlegende berichtet,

entkleidet ihrer märchenhaften Zuthaten, ungefähr Folgendes.

Verena, eine junge Christin zu Anfang des vierten Jahrhunderts,

begleitete jene Thebaische Legion, in welcher sie einige Verwandte

hatte, aus Afrika nach Italien und verblieb, beim Abmarsche der Truppen

nach Helvetien, zu Mailand, um sich hier der Krankenpflege gefangener

Christen zu widmen. Als sie jedoch die Kunde von dem gewaltsamen Tode

der Ihrigen vernahm, wanderte sie, um deren Gräber zu besuchen, über die

Alpen nach Martinach in Wallis und nach Solothurn. An diesem letzteren

Orte abermals die Armen und Kranken pflegend und die christliche Lehre

verbreitend, wurde sie vom römischen Statthalter in den Kerker geworfen,

jedoch wieder freigegeben, als ihr Gebet ihm Genesung von

lebensgefährlicher Krankheit erwirkt hatte. Zu neuer Uebung werkthätiger

Menschenliebe schifft sie hierauf auf der Aare nach dem Dorfe Koblenz;

begiebt sich von da in das benachbarte Zurzach, weil sie vernommen hat,

dass dorten bereits eine Christengemeinde besteht, und nimmt hier ihre

bleibende Wohnstatt. Sie besorgt als Dienstmagd, eines Priesters

Hauswesen und widmet ihre Zwischenzeit der Pflege der ausserhalb des

Ortes in einem Siechenhause sich selbst überlassnen Aussätzigen; ihnen

überbringt sie, was sie sich von ihrer eignen Nahrung abbricht, Brod und

Wein. Aber der Knecht jenes Priesters verdächtigt sie der Veruntreuung

im Haushalte. Während sie eines Tages sich wieder zu den Siechen begeben

will, tritt ihr argwöhnischer Herr unversehens hervor und stellt sie zur

Rede, der herzugeschlichene Knecht hebt den Deckel vom Krüglein, das sie

trägt. Siehe, da findet sich statt des Weines nichts als Lauge und statt

des Brodes ein Kamm, beides zur Reinigung der Kranken bestimmt. Für den

Rest ihrer Tage bezog sie eine Klause neben jenem Siechenhause und

setzte die Werke der Barmherzigkeit fort. Ueber ihrer Grabstätte ward

erst eine kleine Kapelle gebaut, nachmals wurden ihre Gebeine erhoben

und in die Zurzacher Stiftskirche versetzt. An der Hand der

Thebaer-Legende, die Anfangs des vierten Jahrhunderts spielt, wird das

Jahr von Verenas Ankunft zu Zurzach auf 323 und ihr Tod auf 344 mit

naiver Zweifellosigkeit angesetzt.

Die Thebaische Legende ist eine romanisch-katholische Sage über die

geschichtliche Thatsache, dass und wie die arianischen Burgundionen,

denen im J. 443 die Landschaft Sapaudia, d.h. die Gegend von Lyon, Genf

und Hochsavoyen, von Reichs wegen eingeräumt worden war, sich der

dortigen Römerchristen durch militärische Massen-Niedermetzelungen zu

entledigen versucht hatten. Die nachmalige Verquickung dieser Legende

mit dem hebräischen und dem antiken Sagenkreise begann der

romanisch-katholische Klerus und setzte der deutsche in

römisch-kirchlichem Interesse fort. Man lokalisirte sie daher in allen

denjenigen Städten und Stiften Deutschlands besonders, in denen zuerst

das politische und dann das kirchliche Römerthum das herrschende gewesen

war. Daher finden sich die Altäre, Reliquien und Historien der Thebäer

schon von Alters her vor in Bonn, Köln, Trier, Xanten, Mainz, Augsburg,

Regensburg, Sitten, Genf, Solothurn. Auch das kleine Zurzach war eine

solche Legionenstadt der Römer gewesen. Seit dem Jahre 1000 verfasst der

Klerus dieser Städte die sg. Weltchroniken, als deren Hauptwerk die

deutsche "Kaiserchronik" gilt, alle von den Thebäern entweder anhebend

oder zu deren Preise endigend. Dass auch die Schweiz in ihren Stiften

Tendenzchroniken dieser Art im Mittelalter besass, darüber sind

Nachweise gegeben in den Mittheill. des St. Gall. geschichtsforsch.

Vereines 1862, Heft 1. Von der hl. Verena ist jedoch in diesen Werken

noch nirgend die Rede; nicht desshalb, weil jene ursprünglich nicht zu

den Thebäern gehörte oder zu schwierig mit diesen zu vereinbaren gewesen

wäre, denn was hätte die phantastische Kühnheit dieser gelehrten Mönche

nicht mit einander verschwistert! sondern desshalb, weil Verena nur auf

alemannischem Boden ihre Giltigkeit gehabt hatte, hier als Gauheilige

nur allmählich kirchliche Anerkennung fand und in den übrigen

Kirchensprengeln unbekannt, ja förmlich ausgeschlossen blieb. Die

ritterlichen Thebäer wurden, volle 6666 Mann stark, der stummen Demuth

des barmherzigen Weibes vorgezogen. Recht auffallende örtliche

Missverhältnisse stellen dies ins Licht. Der Kirchenkalender des

Bisthums Sitten ist durchaus auf die zu Agaunum (angeblich St. Moritz in

Wallis) geschehene Enthauptung der Thebäer gegründet; allein er lässt am

1. Sept., als dem kirchlichen Gedächtnisstage, Verenas, nicht diese

feiern, sondern den hl. Egidius, der als Einsiedler die Rhonemoräste

bewohnt und urbar gemacht hatte. Das gleiche Missverhältniss findet auch

in der Diöcese Solothurn statt. Die beiden Thebäer Ursus und Victor sind

Patrone der Stadt Solothurn und werden dorten mit eignen Weihkirchen,

Prozessionen und Bruderschaften verehrt; nicht aber zugleich auch

Verena, die doch jenen beiden hieher nachgezogen war und hier unter

Verfolgungen gelebt und gewirkt hat. Zwar trägt die dortige am linken

Ufer der Aare liegende Einsiedelei noch den Namen Verenae und ist mit

einer gewölbten, von einem Eremiten gehüteten Kapelle versehen, einst

der Wohnort der Jungfrau; dennoch feiert die Solothurnische Kirche den

Verenentag nicht. Ja nicht einmal dasjenige Martyrologium; welches für

die Zurzacher Stiftsherren ursprünglich das massgebende war, enthält

Verenas Namen und Gedächtnissfest, wie dies unzweifelhaft aus des

Minoriten Paulus Schwenger Römischem Martyrologium erhellt, verbessert

von Pabst Benedictus XIV. Cöln 1753, S. 212 und Anhang S. 16. Diese

Thatsachen beweisen, dass Verenas kirchlicher Cultus überhaupt erst spät

in Aufnahme gekommen ist, dass die Heilige auf dem Gebiete von

Kleinburgund, obschon sie hier gewohnt, unbekannt geblieben und also mit

der dorten einheimischen Thebäerlegende ursprünglich gleichfalls nicht

verschwistert gewesen ist. Sie ist eine Alemannin, gehört dem Konstanzer

Sprengel an und hat erst diesem ihre kirchliche Reception zu verdanken.

Das Konstanzer bischöflich approbirte Breviar vom J. 1509 (gedruckt bei

Erhardtus Ratdolt, civis Augustensis, Calcographus) lässt die Heilige

nicht erst auf den vorhin geschilderten Umwegen, sondern gleich

anfänglich zu den Alemannen kommen und da heftig durch den Teufel

versucht werden: nam Alemanorum gens dyabolo subdita; es setzt den

Verenatag, 1. Sept., als einen doppelten Feiertag an und stellt ihm

jenen des hl. Egidius entweder nach oder verlegt diesen auf den Samstag

voran, wenn Verenatag auf einen Sonntag fiele.

Um daher zu erfahren, wie weit sich vordem der Verenacultus erstrecken

konnte, muss man die Grenzen des Konstanzer Sprengels betrachten. Das

Konstanzer Bisthum, das herkömmlicher Annahme zu Folge nach gänzlicher

Zerstörung Vindonissas, des ursprünglichen Bischofsitzes, um das Jahr

600 nach Konstanz verlegt und hier mit einer neuen Gebietsausdehnung

über einen grossen Theil Alemanniens begabt wurde, hatte den

wahrscheinlichen Zweck, die noch heidnischen Alemannen für den

Christenglauben zu gewinnen. Es war das ausgedehnteste aller Bisthümer.

Vom Gotthard reichte es über den Neckar bei Marbach und zum Kloster

Hirschau bei Calw, dreissig deutsche Meilen von Nord nach Süd, zwanzig

von Ost nach West, von Kempten bis gegen Strassburg. Vor der Reformation

zählte es 1760 Pfarrkirchen, 350 Klöster, 17,000 Priester und Mönche;

nach der Reformation war es noch immer in 66 Archidiakonate eingetheilt.

Diejenigen von letzteren, die für unsre lokale Frage belangreich, weil

im schweizerischen Theile des Bisthums gelegen sind, finden sich in Jak.

Rasslers zu Ende des 16. Jahrh. gelieferter Beschreibung genannt, es

sind folgende. Thurgau, Schaffhausen, Zürichgau, Aargau diesseits der

Aare, Luzern, Zug, Unterwalden, das Bernergebiet diesseits der Aare und

aufwärts über die Seen ins Oberhasle bis zu den Aarequellen; Uri mit

Ausnahme des Thales Urseren, das von jeher unter dem Bischof von Chur

gestanden; Schwyz, Glarus, Appenzell, der nördliche Theil des Kant. St.

Gallen mit Toggenburg, der Grafschaft Rapperswil, der March und Uznach;

ausgenommen waren hier Gaster, Sargans und das Rheinthal, als zu Chur

gehörend. Dazu zählte ferner: das Frickthal; Stadt Basel mit einem

kleinen Theile der rechtsrheinischen Landschaft; die Markgrafschaft

Baden mit dem Schwarzwalde; zwei Drittel des Herzogth. Würtemberg, die

beiden hohenzollerischen Lande, das baierische Algäu, der untere Theil

des österreich. Rheinthals nebst mehreren vorarlberg. Dekanaten und

Gotteshäusern. Dasselbe zählte in seinem schweizerischen Territorium

noch zu Anfang dieses Jahrhunderts bei einer Viertelmillion

Kommunikanten, also mit Ausschluss der Zahl der Kinder. Nüscheler,

Gotteshäuser der Schweiz, führt diejenigen schweiz. Ortskirchen an, in

denen die Heilige entweder Patronin war oder Altäre besass. Im Bisthum

Chur folgende: zu Niederurnen und Wesen (I, 139). Im Konstanzer Bisthum:

zu Kleinbasel. (II, 9), zu Gächlingen, Kt. Schaffhausen (19), zu

thurgauisch Ermatingen (52), zu Mülheim (55), Märstätten (57),

Langrickenbach (77), Wärtbühl (169), Rickenbach (172), Nesslau (182),

Wil (185), Matzingen (212), diese sämmtlich im Thurgau gelegen. Magdenau

im St. Gallerlande (97), zum Hl. Geist in der Stadt St. Gallen (127),

Ellikon und Stäfa im Kt. Zürich; Risch im Kt. Zug (Staub, der Kt. Zug

1869, S. 69). Von den übrigen im Aargau, in den Kantonen und den

deutschen Nachbarländern der Verena geweihten Kirchen, Kapellen,

Wallfahrten und Taufbrunnen wird im Verlaufe dieser Kapitel besonders

gehandelt werden; einige von ihnen werden des hohen Alters wegen

Heidenkirchen genannt und die Volkssage (Naturmythen S. 115) berichtet

von der Zurzacher, sie sei lange die einzige weitum auf beiden Ufern des

Rheines gewesen, und daher hätten zu ihren entfernt wohnenden

Kirchgängern selbst die Erdmännchen von Dangstetten im Schwarzwalde

gehört.

Uebergehend auf die Gründung und frühesten Schicksale der Zurzacher

Stiftskirche, muss voraus bemerkt werden, dass die ältesten

Stiftsurkunden in mehrfachen Feuersbrünsten und Verwüstungen verloren

gegangen und die noch vorhandenen immer noch nicht kritisch untersucht

sind. Das Stift wird im neunten Jahrhundert eine "kleine Abtei" genannt

(Neugart, C.D. 1, 427) und kommt auf folgende Weise frühzeitig an das

benachbarte Kloster Reichenau. Karl der Dicke hat auf Bitte seiner

Gemahlin Richardis, die nachmals in den Stiften Andlau und Seckingen

selber den Schleier nahm, in einer auf dem Schlosse Bodman am 14. Oct.

881 ausgestellten Urkunde Zurzach demjenigen Orte zur Einverleibung

bestimmt, in welchem einst seine Leiche begraben würde; und dieses

geschah nachmals zu Reichenau. Das Original dieser Urkunde ist längst

nicht mehr vorhanden und hat niemals auf seine Echtheit untersucht

werden können. Zwischen ihr und der nachfolgenden Urkunde, die abermals

nach Namen und Jahrzahl durchaus zweifelhaft bleibt, liegt eine ungemein

grosse Zeitlücke. Eberhard, Truchsess von Waldburg, der 48ste

Konstanzerbischof, soll im J. 1265 Stift und Marktflecken Zurzach von

Reichenau um 310 Mark Silbers angekauft haben. Inzwischen verarmte das

Kloster durch abermalige Feuersbrunst, so wie durch Krieg und Plünderung

dergestalt, dass es von den Mönchen verlassen wurde; des vorgenannten

Bischofs Nachfolger, der Habsburgergraf Rudolf II., soll es wieder

erbaut und 1279 in ein Collegiat- oder Chorherrenstift umgeändert haben,

und der auf den genannten folgende Konstanzerbischof Heinrich II. hat

1294 dem Stifte die Zurzacher Pfarrkirche incorporirt. Diese Angaben

sind zusammen entnommen: Casp. Lang, Histor.-theolog. Grundriss der

christl. Welt, 1692. Aber in diesem eben genannten Jahre 1294 werden

Chorherrnstift, Münsterkirche und Klostergebäude abermals in Asche

gelegt. Diese bis zum Ende des 13. Jahrhunderts so dürftig fliessenden

und so wenig bedeutsamen Quellen gewinnen indessen aus der ältesten

Ortslegende, deren Abfassung bis 1005 zurückgeht, einige werthvolle

Ergänzungen, die den damaligen Ort, seine Lage und Umgebung

unzweifelhaft richtig veranschaulichen. Eine dieser kleinen Erzählungen

führt sogleich auf die zwei bedeutendsten Punkte des dortigen

Verenakultus, auf die Moritzenkapelle und die Münsterkirche, damit aber

auf die Verena-Reliquien, auf deren Zahl, Bestand und Schicksal unsre

Untersuchung hernach überzugehen hat.

An jenem Rheinufer bei Zurzach, wo ehemals eine altrömische Stadt

gestanden hatte, wurde zu Ehren Verenas und der thebaischen Legion ein

Kirchlein erbaut und geweiht. Allein man liess hier aus Nachlässigkeit

das Ewige Licht ausgehen oder versäumte an den vorgeschriebnen Tagen

sogar die Messe zu singen. Da traten Warnungszeichen ein. Lichtschimmer

erfüllte Nachts die Umgegend, dass selbst der im jenseitigen Dorfe

wohnhafte Priester (in Rheinheim) ihn wahrnahm; Engelsstimmen erfüllten

die Luft mit Gesange, und wenn die Zurzacher Wächter darüber verwundert

dem Orte zueilten, fühlten sie sich wie gebannt und vermochten keinen

Schritt von der Stelle zu thun. Da kam einst der Alemannenherzog

Burchard (der zweite dieses Namens stirbt 826), in Verfolgung eines

kriegerischen Gegners begriffen, mit seinen Reisigen von jener

Uferstelle gegen die Stadt geritten, als hinter ihm vom Flusse her des

gleichen Weges strahlende Männer, im feierlichen Schritte Lieder

singend, nachrückten, die mit Kreuzen und Lichtern einen aufgebahrten

Sarg begleiteten. Plötzlich erhob sich der Zug von der Strasse in die

Luft, schwebte über das herzogliche Gefolge hinweg gegen den Flecken und

verschwand hier in dem Fenster an der Ostseite der (Marien-)Kirche, ohne

dass dasselbe offen gestanden oder nachmals eine Beschädigung gezeigt

hätte. Dieses Wunder ergriff den Herzog, unter Beistimmung seiner

Begleiter entzog er die Strasse, auf der er sich eben befand, dem

weltlichen Besitze und übergab sie der Ortskirche unter dem Namen

Wîhegazza, Heiliger Weg. Denn dies ist die Gasse gewesen, welche einst

täglich Verena gewandelt war, um den Kranken ihren Beistand zu leisten.

Diese kurze Erzählung berichtet, dass schon im 9. Jahrhundert Verenas

Reliquien von ihrer ursprünglichen Ruhestätte in der Mauritiuskapelle am

Rheinufer in die Marienkirche versetzt worden sind, die dann zur

Stiftskirche erhoben wurde, und gewährt eben damit volle Sicherheit über

den ältesten Ruheort der Heiligen, nemlich über die zehn Minuten vom

Flecken entfernte, am Zurzacher Rheinufer gelegene Aufburg. Dieser unser

Schluss wird unterstützt von dem Passionale der Würzburger Cartusia, das

bis ins 10. Jahrhundert zurückreicht und 1583 gedruckt worden ist; in

diesem heisst es: "In der Nähe von Zurzach lag noch ein anderer Ort am

Ufer des Rheines mit vielen Aussätzigen und Armen." Die vorhin genannte

_Weihegasse_ eben ist es, die von Zurzach nach diesem Orte führt, da

hinaus trägt Verena den Aussätzigen Speise und Trank, dorten erbaut sie

ihre Zelle und beschliesst ihr Leben. Aufburg und Kirchlibuck heisst

hier eine nördlich vom Flecken am hohen Rheinufer liegende Häusergruppe,

lauter Ruinentrümmer der Vorburg und des Brückenkopfes der römischen

Rheinfeste Tenedo. Die Constructionen dieses Kastells hat Ferd. Keller

in den Zürch. Antiquar. Mittheill. 12, 305 beschrieben. Nebenan am

Rheinufer stehen noch fünfzehn Eichenpfähle von der römischen

Jochbrücke, etliche davon sind beim günstigen Wasserstand des Jahres

1857 gehoben worden, nicht ohne grosse Mühe, denn sie staken mit ihren

eisernen Stiefeln in einem Gusslager von Kalkmörtel. Innerhalb des

römischen Kastellgrabens liegt der Hügel Kirchlibuck mit seiner kleinen

Mauritiuskapelle, bis heute ein Eigenthum der Verena-Bruderschaft,

zugleich ein Belustigungsort der Jugend, wo stabil das österliche

Eierpicken abgehalten wird. Hieher zieht am Osterdienstage die

Prozession der Stiftsherren und der religiösen Sodalitäten; derjenige

Priester, der dabei die Predigt zum Ruhme Verenas abzuhalten hat, trägt

zugleich der Heiligen rechte Hand in einer Silberkapsel und stimmt die

Auferstehungshymne an, und wie einst es Herzog Burchards Vision voraus

erblickte, so zieht dann die Prozession psalmensingend mit dem Heilthum

wieder in die Stiftskirche zurück.

Die urkundlichen Nachrichten über specielle, in Zurzach kirchlich

verwahrte Reliquien Verenas beginnen erst mit dem J. 1347 und knüpfen

sich hier an den Namen der Königin Agnes, Alberts Tochter und Wittwe des

Ungarnkönigs Andreas. Am 2. Sept. jenes Jahres erst wird die bis dahin

seit 1294 in ihren Brandtrümmern gelegne Stiftskirche in Gegenwart der

Königin neu geweiht. Als damals bereits vorhanden gewesne Reliquien

werden genannt Verenae Leib und Haupt nebst solchen der 11,000

Jungfrauen; die Fürstin fügt Peters- und Georgsreliquien hinzu, selbst

aber verehrt und schenkt sie nachmals dem Stifte Königsfelden 1357: ein

geschlagen silberin hovpt mit sant Verenen heiltum. Argovia 5, S. 98 und

133. Bei dem höchst ungeregelten Haushalte des Stiftes wurde es zu

Zurzach Sitte, Verenas "Reliquiensärglein" in Nothfällen aus der Kirche

zu nehmen und in Privathäuser zu tragen, und der Konstanzer Bischof

Heinrich III. muss diesen Missbrauch durch ein besondres Reskript

verbieten. Nach einem abermaligen Stiftsbrande 1471 und abermaliger

Einweihung wird ein Verzeichniss der Reliquien aufgenommen, welches

nunmehr in Hubers Gesch. des Stift. Zurzach, 1869, S. 45 wörtlich

mitgetheilt steht; es ergiebt für unsere Zwecke: In der runden

vergoldeten Monstranz sind damals Partikeln Verenae enthalten; in der

grossen kupfervergoldeten Monstranz ein Zahn Verenae; in der kleinen

silbernen Monstranz gleichfalls Partikeln, im kleinen Sarkophag

(Reliquienkiste) ein Zahn Verenae; in einem Eichenkistlein Asche und

Gebein derselben; im Sarge des 1465 verstorb. Probstes Lidringer eine

Partikel vom Kruge Verenae. Alle diese Ueberbleibsel wurden zerstreut

und vernichtet, als 1529 die Kirchenreform auch in Zurzach durchgesetzt

wurde. Den Hergang schildert Heinr. Küssenberg, seit 1521 Kaplan im

benachbarten Klingnau, wir folgen hier den aus seiner Handschrift

entnommenen Notizen Hubers l.c. 74-132. Stiftskirche, Pfarrkirche,

Moritzkapelle und Verenagruft wurden ausgeräumt, in letzterer jedoch die

Reliquien, wie es das Mehr der Gemeinde-Abstimmung beschlossen hatte,

unversehrt gelassen. Nach Eröffnung der Verenagruft fand sich nichts

anderes vor als "eine kleine Truhe, ein Stücklein von Verenas Krug und

Holztrümmer von Verenas Todtenbaum". Ihre übrigen Reliquien lagen in der

Sakristei im sg. Grossen Sarg. Dieser enthielt ein in einem hölzernen

Särglein (Schrein) eingeschlossenes zweites aus Eisen, in welchem nebst

Rückgratstrümmern vier apfelgrosse Lehmkugeln waren, zusammengebacken

mit Asche und Kohle.[Nachtrag 2] Während man Sarg und Inhalt ins Feuer

warf, wurden zwei dieser Kugeln durch einen Knaben aus der Flamme

gezogen und nachher von der Frau Rechburgerin dem Landvogt nach Baden

überbracht. Von den vier Reliquienbehältern blieben unversehrt ein

kleines vergoldetes Särglein, ein grosses und der Röhrknochen eines

Armes; diese drei Stücke wurden nachmals den Chorherren wieder

zugestellt und sind noch heutigen Tages zu Zurzach, der Röhrknochen wird

seitdem für Verenas Arm gehalten. Vom Haupte der Heiligen fand sich

nichts vor. Zwar wird von katholischer Seite behauptet, der damals

flüchtig gegangene, Apostat Stiftscustos Prugker habe Haupt und Arm

Verenas mit sich nach Luzern genommen, und beides sei dem Stifte

nachmals wieder zugestellt worden; besonders der damalige Libellist Joh.

Salat zu Luzern giebt vor: "1532 kam sant Vrenen Helltum und anderes, so

geflökt worden, wider gen Zurzach." Allein in eben diesem Jahre beklagen

sich die dortigen Stiftsherren bei der Tagsatzung über die erlittene

Beraubung, deren Schaden an blossem Kirchengeräthe mindestens 5,152 Gld.

betrage, und das mit eingereichte Verzeichniss der verlornen Gegenstände

schliesst mit der Betheuerung: "das hochwürdig Helthum St. Vrenen mag

mit keim gut bezalt werden, _dess wir beroubt sin worden_." Huber l.c.

93. Unverwüstet waren allein geblieben: "Eine kupferne Hand, ist

vergült, mit St. Verena strel; an St. Verena Bild ein beschlagen

Gürteli; Silber von St. Verena köpfli (d.i. Stauf)". Von dem Haupte der

Patronin hatte das Stift Jahrhunderte lang nur eine kleine Partikel

besessen, welche in der vorhin erwähnten Lateinurkunde von 1347

doppelsinnig genannt wird: caput, auro et lapidibus pretiose decoratum,

also eben dasselbe Bruchstück, welches der Stiftspropst Joh. Huber 1869

eine kleine "köstlich eingefasste Partikel" nennt, l.c. 131. Da erscholl

im J. 1657 die Kunde, das ganze Haupt liege verwahrt im tiroler

Damenstifte zu Hall. Auf die gestellte Anfrage, wie dasselbe dorthin

gekommen, antwortete das Haller Pfarramt, dies könne man bei so

vielerlei Heilthümern in specie nicht eigentlich wissen. Durch

Vermittlung eines Jesuiten wurde es gegen andere Reliquien ausgetauscht

und 1658 feierlich in die Zurzacher Stiftskirche übertragen, wobei jener

Jesuitenpater die Festpredigt hielt. Huber l.c. 131.

Dies ist die Geschichte von den Verena-Reliquien, von welchen die

Urkunde vom 1. April 1294 (Kopp, Eidgenöss. Bünde 3, 279) zuerst

Erwähnung thut und also sich ausdrückt: ecclesia Sancte Verene in

Zvrcach, in qua preciosus thesaurus corporis et reliquiarum gloriose

virginis Sancte Verene desiderabiliter requiescit. Hier wird sie vorfrüh

eine Heilige genannt, während sie 1290, als ihr der Zürcher Scholasticus

Berthold in der Konstanzer Johanniskirche einen Altar stiftet, erst nur

eine _selige_ Jungfrau heisst. Neugart, Episc. Const. 2, 666. Von noch

andern wunderthätigen Reliquien Verenas, die ausserhalb der Schweiz

kirchlich aufbewahrt sind, wird in den folgenden Abschnitten an

geeigneter Stelle die Rede sein. Ein zu Zurzach verloren gegangenes

ferneres Alterthum ist Verenas Fingerring. Jener Priester, in dessen

Hause sie als Magd dient, hat ihr einen goldnen gesteinten Fingerring

anvertraut. Diesen stiehlt ein Bösewicht, wirft, da der Priester darnach

forscht, aus Angst das Kleinod in den Rhein und zeiht die Magd der

Untreue. Da überbringen zwei Fischer einen Salmen, in dessen Magen sich

der Ring wieder findet. Diese vielen Völkern ohnedies gemeinsame Sage

erinnert hier jeden Leser an Polykrates von Samos, dessen vorsätzlich

ins Meer geschleuderter Ring gleichfalls im Bauche des Tafelfisches

wieder zum Vorschein kommt. Allein in der samischen Sage wird er

wettweise weggeworfen, um dadurch zu erweisen, wie das damit

leichtsinnig verschleuderte Glück nur um so gehäufter zum Glückskinde

zurückkehren müsse. Ein tieferer Sinn dagegen wohnt in der Verenasage.

Die arme Dienstmagd ist durch einen misstrauischen Priester und durch

die Tücke eines Schalks in ihrem guten Rufe beeinträchtigt; waffenlos

steht das Aschenbrödel dem sie vernichtenden Gerüchte ausgesetzt. Damit

trifft man eben auf den Lieblingszug der deutschen Sage: die Unschuld

wird eine Zeit lang dem äussern Elende preisgegeben, um dadurch

schliesslich in ein um so höheres Licht empor gerückt zu werden;

schweigende Frauendemuth erweist sich am Ende stärker als die

arglistigste Bosheit.

Durch das bisher Vorgetragene ist nachfolgendes Ergebniss gewonnen. Die

Alemannin Verena ist durch die romanische Kirchenlegende dem

Heiligenkreis der fremdländischen Thebäer zugesellt worden. Ueber ihrem

ersten Grabe erbaute man dem hl. Moritz und seinen Legionären die

Kapelle zur Aufburg, über ihrer späteren Gruft die der Maria geweihte

Stiftskirche mit den Altären der Thebäer. Ihre Reliquien sogar werden

mit denjenigen der 11,000 Jungfrauen verschwistert, nur vereinbart mit

deren Reihe aufbewahrt und aufgezählt. Deutlich verräth sich dadurch die

Bemühung, Verenas Namen und Kult zu einem kirchlich gerechtfertigten zu

stempeln, indem man sie mit dem männlichen und dem weiblichen Aufgebote

hier der 6666 Thebäer und dorten mit dem des Frauenheeres der hl. Ursula

verschmolz. Jedoch die nationale Mythe ist zäher als dieser

legendenbildende Mechanismus der Kirche. Stückweise streift Verena den

ihr geliehenen Fremdschmuck wieder ab, in dem sie umgebenden

Heiligengewimmel bleibt sie isolirt, wie sie es ursprünglich gewesen,

eine in der Wildheit ihrer Waldquellen und Gebirgsströme einsam

fortwaltende Naturgöttin. Als solche macht sie sich in den nachfolgenden

Abschnitten geltend.

Das hier beginnende mittelhochdeutsche Gedicht Von sand Verene ist

enthalten in no. 2677 der Wiener Handschriften. Dorten hatte Hoffmann v.

F. es eingesehen und mit den beiden Anfangsversen citirt in seinem

Berichte über die Wien. Hdss. no. 35. 42. Das Gedicht ist seither weder

im Auszug noch sonst wie bekannt gemacht. Auf meinen Wunsch liess es

Prof. Franz Pfeiffer in Wien (gestorben 29. Mai 1868) für vorliegende

Arbeit diplomatisch getreu copieren.

Drei Gaugöttinnen · 第 15 / 23 题