[2] Der immer gleichlautende Auskündungsspruch:
Heut zum Lehen,
Morgen zur Ehe,
Ueber ein Jahr zu einem Paar--
steht schon in Lersners Frankf. Chronik 3 B. 6 K. und wird dorten dem
von den Kaisern ausgeübten Ehezwangsrechte unterschoben, welches von
Heinrich VII. 1232 aufgehoben worden sein soll.
* * * * *
Vierter Abschnitt.
Maiengeding und Walbernzins.
Je nach der Eintheilung des Jahres in zwei, drei oder vier Jahreszeiten
waren eben so viele Volksversammlungen (Allding), allgemeine Opferfeste
und Gerichtszeiten des Jahres anberaumt. Zu zweit auf Sommer und Winter
verlegt, hiessen die Gerichte Maigeding und Herbstgeding, nach späterer
christlicher Benennungsweise Walburgis und Martini. Seit den
karolingischen Kapitularien werden drei ungebotene Gerichte durchgehends
üblich (tria generalia placita) und fallen auf Sommer (Walburgis),
Herbst (Martini), und Winter (Weihnachten). Ungebotene Gerichte hiessen
sie im Gegensatze der vom Gerichtsherrn den Unterthanen gebotenen, weil
erstere in ihrem Zusammentreffen mit gleichmässig vorausbestimmten
Fristtagen allgemein gewusst waren und keiner vorgängigen Ansagung
bedurften. Sie entschieden nicht bloss über Mein und Dein, sondern auch
über die Idealgüter von Freiheit und Ehre, somit über Krieg und Frieden,
und ihre Aussprüche waren die allgiltigen der Volkssouveränetät, wie sie
unsre Zeit in ihren Landsgemeinden, Ständeversammlungen und Parlamenten
anerkennt. Sie benannten sich nach Nächten, weil der Tag sich aus der
Nacht gebiert und daher der landwirthschaftliche Kalender nach Neumond
und Mondabnahme rechnet. Die Zeit der Zwölften (Weihnachten bis
Dreikönig) nennt man in Schwaben und dem angrenzenden Theile der Schweiz
Klöpfleinsnächte und Nidelnächte; in Baiern Rauch-, Löselnächte und
Gennachten; in Deutschböhmen Undernächte; bei den heidnischen
Angelsachsen hiessen sie Mutternächte. In gleicher Analogie spricht man
von Fasnacht, Rumpelnacht und der durch die Ortspolizei gewährten
Freinacht. So hiess denn auch das Maigericht Walburgisnacht, dänisch
noch Valdborg aften (Abend). "An sant Walipurg abent ze ingaende maien"
pflegt die Zeitbestimmung zu lauten in den Klingnauer Urkunden aus dem
14. Jahrhundert. Anfänglich steht das Walburgsgericht noch zu Zweit mit
dem Wintergerichte zusammen, erst später auch mit dem Herbstgerichte zu
Dritt. Die Offnung des Dorfgerichtes zu Sondernau von 1615 setzt
zweimaliges Jahresgericht fest, das Mertensgericht (11. Nov.) und das
Welbermael, Walburgismahlzeit am 1. Mai. Zöpfl, Alterth. des Deutsch.
Reichs und Rechts 1, 306. Dagegen sagt die Offnung des Dorfes Wettingen
(gedruckt im Wetting. Archiv 125): "Wir söllend ouch dry rechte geding
da haben, der soll eines sin vff Sannt Waldpurgen tag in Meyen acht tag
vor oder meh, das andere vff Sannt Martinstag, das dritt vff sannt
Hilarien." Dieselbe Bestimmung in dem Dinggerichte zu Dietikon und
Schlieren v.J. 1259 steht verzeichnet: Argovia 1, 78. Dabei blieb
Walburgis auch später in den Städten ein Termin der Aemter-Erneuerung;
"jerlichen zu Meyen, wann Statt und Ampt Räth zusammen schwerend",
heisst es im Zuger Recht 1566. Hds. Sammlung der Aargau. Histor.
Gesellsch. Die Taglöhner-Ordnung von Oppenheim von 1523 bestimmt nach
derselben Frist den Beginn der Zwischenrast bei der täglichen
Handarbeiten: "dass sich die tagloner ein stund schlafens underziehen an
iren tagarbeiten und das anheben, so der stock ein blatt überkompt, dass
einer ein aug domit bedecken müge, nemlich von Philipp Jacobi (1. Mai)
bis uf Margaretha (13. Juli)." Mone, Oberrhein. Ztschr. 1, 196. Im
Alterthum hatten die Gerichtsversammlungen mit Fest- und Trinkgelagen
geendet, die für die Verköstigung der weither gekommenen Mannschaft
nicht zu umgehen waren. Daraus entsprang der Brauch bei den späteren
Land- und Markgerichten, den Gerichtsherrn und seine Leute zu
beköstigen, den Schöffen Trank und Speise zu verabreichen und ihnen
einen Zinskuchen mit dem hineingebackenen Trinkpfenning auf den Heimweg
zu verehren. Die Kosten wurden aus den eingezogenen Bussen bestritten.
Hier folgt eine Kostenberechnung des Maiengerichtes im Fronhof zu Wolen
in den Freienämtern, v.J. 1620, handschriftl. im Archiv Muri, Scrin. L,
I. Das Stift Muri war zu Wolen Lebens- und Untergerichtsherr; der
obergerichtliche Entscheid stand beim Landvogt zu Baden, der daher nebst
Landschreiber, Weibel und Substituten mit anwesend sein musste. Das
Stift hatte ausser in Wolen auch noch in den Dörfern Muri, Boswil und
Bünzen dieselbe Judicatur. Wie hoch sich nun die Kosten dieser hier
jährlich _achtmal_ wiederholten Gerichtstage für den Lehensherrn
beliefen, zeigt folgendes Aktenstück.
Rechnung was Ao. 1620 im Meyengricht zu Wollen verzert und
verbrucht worden. Dass mal vnd Abentrunk 23 Gld. 38
Sch.--Ueberzehrung ob Ihr Herren verritten 2 Gld. 10 Sch.--Durch die
HHn. Landvogt, Landschryber, ire Diener, Pfarer vnd Weibel am
Nachtmal verzert 3 Gld. 10 Sch.--für Höuw vnd Haber über Nacht
1 Gld. 8 Sch.--Hrn. Landvogt Brämen v. Zürich verehrt an einem
Goldstuck 14 Gld. 2 Pf.--Sinem Diener 1 Kronen.--Hn. Landschryber
Zur Louben an einer Spanischen Dublon 7 Gld. 1 Pf.--Sinem
Substituten 1 Gld.--In die Kuchj 1 Gld. Summa 55 Gld. 36 Sch.
Alterthümlich und von naiver Umständlichkeit waren die Bräuche, unter
denen die Ortschaften jeweilen ihren Zins zu überbringen hatten.
Der Walpertszins musste vom hessischen Dorfe Salzberg am Knütl
alljährlich am Walburgistag zu Buchenau in Betrag von sechs Hellern
alter hessischer Münze bezahlt werden. Der Gemeindemann, der ihn
überbrachte, hiess das Walpertsmännlein. Er musste des Morgens früh
Schlag sechs Uhr in Buchenau eintreffen und auf einem besondern Stein an
der Schlossbrücke sich niedersetzen. Verspätete er sich, so verdoppelte
sich progressiv mit jeder Stunde der Zins, am Abend hätte ihn die ganze
Gemeinde nicht mehr zu zahlen vermocht. Vorsichtshalber schickte daher
die Gemeinde stets zwei Abgeordnete zusammen ab. Hatte das
Walpertsmännchen seine sechs Heller im Schloss bezahlt, so wurde es nach
Vorschrift hier drei Tage lang bewirthet. Schlief es während dieser Zeit
nicht ein, so waren die Zinsherren verpflichtet, es lebenslänglich zu
verpflegen; geschah jedoch das Gegentheil, so wurde es augenblicklich
aus dem Schlosse hinausgeschafft. Schon an dreihundert Jahre war diese
Zinszahlung im Gebrauche und bestand noch im Anfange dieses
Jahrhunderts. Lynker, Hess. Sag. no. 338. Grimm RA. 388. Dies war der
sg. Rutscherzins, welcher, wenn an vorbestimmter Tages- und Stundenfrist
abzutragen verabsäumt, nach Tagen und Stunden wuchs. Blieb der
Braunschweigische Maigassenzins, der nur 3 Mgr. 2 Pf. betrug, am
Zinstage aus, so verdoppelte er sich von Tag zu Tag. Im Dorfe Schernberg
hatte man ihn auf Philipp-Jacobi Mann für Mann auf einen breiten Stein
unter freiem Himmel zu erlegen, wer sich hier um eine weitere Stunde zu
spät einstellte, bezahlte ihn je doppelt und dreifach. (Grimm ibid.).
Aber auch dabei kamen dem Verspäteten noch mancherlei kleine Hilfsmittel
zu gut, welche gesetzlich erlaubt waren und ihn der drohenden Busse
wieder enthoben. Dass der Zinsende nach Herkommen ein Gegengeschenk
erhielt, welches mit der Zeit für ganze Gemeinden zu nicht
unbeträchtlichen Nutzniessungen sich gestaltete, lehren folgende Bräuche
und Sagen.
Walperherren hiessen vormals die vier Rathsmeister Erfurts, die jährlich
an Walburgis nach altem Rechte hinaus in den Wald Wagweide zogen,
welcher dem Churfürsten von Mainz zugehörte, und sich 4 Eichen schlugen.
Gleichzeitig kam dann sämmtliche Bürgerschaft ihnen dahin nach und hielt
in dem fürstlichen Schlosse ein dreitägiges Einlager bei Musik, Tanz und
Schmauss. Heut zu Tage begeben sich schon an Walburgis Vormittag alle
hammerführenden Gewerke der Stadt in jenen Wald und halten da bei Tanz
und Gesang bis tief in die Nacht aus, Bier wird fässerweise mitgefahren.
Mit Eichlaub bekränzt singt der heimkehrende Zug:
Willst du mit nach Walpern gehn,
Willst du mit, so komm!
Dies nannte man den Grünenmaitag. Aehnlich begeht daselbst die
Schusterzunft den grünen Montag, welcher der erste ist nach Jacobi. Sie
bekränzt nebst ihren Wohnhäusern die Strassen zum Paul, zu den Predigern
und die Schuhgasse. Dies Ehrenrecht soll ihnen von Kaiser Rudolf für die
Tapferkeit ertheilt worden sein, mit der sie und die übrigen
hammerführenden Gewerke ein Raubschloss im Steigerwalde zerstörten, von
dem aus die Orte des Thüringerwaldes lange belästigt worden waren. Zwei
Knaben, mit Goldketten und anderem Geschmeide geschmückt, pflegte man
sonst zu Pferde in der Stadt herum zu führen, es sollen die zwei
Söhnlein der Edelfrau jenes Schlosses gewesen sein (man benennt es
wechselnd bald Dienstberg, bald Greifenberg), die mit all ihren
Kostbarkeiten behängt die Sieger fussfällig um Schonung ihres Lebens
anflehten und Gnade fanden. So die Sage. Allein was in dieser die
angeblichen Raubritter geworden sind, waren ursprünglich die
Winterunholde, denen der Sommer abgewonnen wird. Denn die städtischen
Urkunden, so sagt der Erfurt. Stadt- und Landbote v. 1846, enthalten
nichts, was dieser Geschichte einer zerstörten Raubburg aufhelfen
könnte, wohl aber dass der Grünenmaitag ein Ueberrest des sg.
Schwörtages ist, an welchem die Handwerker jährlich der vom Mainzer
Bischof neugesetzten Obrigkeit huldigen mussten. Der Bischof bestätigte
ihnen dagegen neuerdings ihre Rechte, wofür die Schuster dem
Schultheissen zwei Paar bunte Schuhe überreichten, gemacht aus dem Filz,
den die Hutmacher gleicherweise abzuliefern hatten. Berlepsch, Chron. d.
Gewerke 4, 157. Der Sinn solcher pseudohistorischer Sagen von einem
gelungenen Kriegszuge der Bürger und Bauern gegen das Herrenschloss,
oder einer militärischen Execution gegen den Herrschaftswald ist einfach
der, dass mit dem Entrichten des Walburgiszinses örtliche Holzrechte
verbunden waren. In einem niederl. Volksliede (Uhland in Pfeiffers
Germania V.) bringt der Zinsbauer (wahrscheinlich für die Nutzung
überlassener Ländereien) seinem Lehensherrn ein Fuder Holz und zugleich
der Frau "den kühlen Mai".
Wie sich der Sieg Gideons über die Midianiter (Richter 6, 37) an den
Thau knüpft, der auf Gideons ausgebreitetes Fell so reichlich fällt,
dass man des Morgens eine Schale Wassers daraus zu füllen vermag, so ist
auch in den deutschen Lokalgeschichten aus dem Glauben an die
Wunderkräftigkeit des Maienthaues, und aus dem Brauche, beim
Maigerichte bewaffnet zu erscheinen, den Walburgiszins Mann für Mann
gemeindeweise zu entrichten, die häufig sich wiederholende Tradition
entstanden, dass an eben diesem Zinstage die politische Unabhängigkeit
der Landschaft durch einen glücklichen Waffenstreich errungen worden
sei. Die Maifahrt wird zur Kriegsfahrt umgestempelt. Die Friesen- und
die Schweizersage trifft hier zusammen. Den Unterwaldnern werden die
"Walperkühe" (Grimm, RA. 822), die sie dem Zwingherrn zinsen, der
Anlass, die Vögte auf Sarnen und Rozberg zu vertreiben und deren Burgen
zu brechen; die Ditmarschen datiren ihren Freiheitstag von dem Zinskorn,
das sie nicht länger auf das Schloss der Walburgsaue liefern wollen. Die
Unterwaldnersage ist allbekannt, noch unbeachtet aber folgende
ditmarsische, die in Neocorus Chronik steht, Ausgabe von Dahlmann. Das
älteste und festete Gebäu im Ditmarschenlande war die Grafenburg
Bocklenburg in der Wolberaue gelegen. Ihr älterer Name war Walburg, sagt
Dahlmann im Neocorus 1, 565; ein Eigenthum der Grafen von Stade, in
unmittelbarer Nähe des jetzigen Kirchdorfes Burg; ihre Zerstörung durch
die aufständischen Bauern fällt 15. März 1145. Müllenhoff, Glossar zum
Quickborn 1856, S. 315. Der Graf hatte den reichen Bauern Heine zu Gast
geladen, ihn reichlich bewirthen und mit Saitenspiel ergötzen lassen,
wofür der Bauer nun wiederum den Grafen zu sich bat. Aber statt auf die
Polsterbank setzte er ihn auf strotzende Kornsäcke, statt der Tafelmusik
musste Schwein, Schaf, Kuh und Ross den Hof durchlärmen. Solcher
Wohlstand reizte die habsüchtige Gräfin Walburg und sie beredete ihren
Gemahl, dass er die Schatzung, die er den Bauern schon seit Jahren
nachgesehen hatte, gerade jetzt zur Zeit einer Theuerung in allen
Rückständen einforderte. Am Martinsabend führten denn die Bauern eine
lange Reihe von Kornwagen zum Schlosse hinauf. Auf dem ersten sass eine
schöne Dirne, dem Grafen zu Willen bestimmt; allein in den Säcken des
zweiten Wagens lagen Bewaffnete eingenäht. Als der Zug das Schlossthor
erreicht und gesperrt hatte, ertönte das Losungswort:
Rühret die Hände, Zerschneidet die Gebände!
Damit schnitten die Verborgnen sich aus den Kornsäcken, zuckten die
Waffen und nahmen das Schloss ein. Der Graf war in das innerste Gemach
entsprungen, allein seine zahme Elster kam schreiend ihm nachgeflogen
und verrieth ihn, er wurde aus dem Verstecke gerissen und erstochen. Die
Gräfin sprang aus dem Fenster in die vorbeifliessende Aue hinab und hat
mit ihrem Tode dieser Trift den Namen Wolbersaue gegeben. Und dieses
Landstück, fügt Neocorus bei 1, 264, ist von solcher Fruchtbarkeit
gewesen, dass man einmal 14 Tonnen Buchweizen darauf erntete. Auch eine
Wallfahrt zum Haupte St. Peters war daselbst. Ein kupfernes Kreuz, das
dorten ein Bauer aus dem Boden gepflügt und daheim aufbewahrt hatte,
entsprang ihm wieder und stellte sich in die Wallfahrtskirche, wo es
heilkräftige Wirkungen that: it wolde in de Kerken unnd S. Peter
sterken.
So wird Walburgs Göttermythe zur Kirchenlegende, ihre Burg zur
Wallfahrtskirche, sie selbst zur hartherzigen Gaugräfin und Burgfrau,
mit deren Untergang die Steuer der Leibeignen aufhört und die politische
Selbständigkeit des Gaues beginnt. Noch ein kleiner Schritt weiter, und
die hartherzig Zins eintreibende Gräfin Walburg verwandelt sich an einem
oder jedem der drei altgebotenen Zinstage zur saatenvertilgenden
Walburgishexe, aus der Tagfahrt zu Gericht wird eine Nachtfahrt auf den
Broken. _Dreimal_ des Jahres müssen die Hexen ihre drei hohen
Tagsatzungen abhalten, sagt Prätorius Blockesberg (1668) 499, und
zergrübelt sich über die Frage, warum doch dieser Heiligen Kirchtag so
sehr vom Teufel entweiht werde; darum wohl, meint er, weil diese Heilige
dem Satan so viel Abbruch gethan; nun halte er alle Jahre Abrechnung mit
ihr und lasse von seiner Burse ihren Feiertag verschimpfiren.
Eine ähnliche Frühlingssage, bei welcher jedoch noch deutlicher der
Nachdruck auf das Walburgisfeuer und die Maibraut fällt, theilt W.
Menzel (Vorchristl. Unsterblichkeitslehre 1, 128) mit aus Curickens
Beschreibung von Danzig 1688 S. 39, und aus Temme-Tettau's Ostpreuss.
Sag. no. 208. 209. Auf dem Hagelsberge, an dessen Fusse nun Danzig
liegt, hatte der böse König Hagel eine Burg erbaut, von wo aus er die
Fischer an der Weichselmündung brandschatzte und ihre Weiber und Töchter
entehrte. Dazu hatte er seine eigne Tochter Berchta dem Sohne des
Schultheissen Hulda verlobt, weigerte sich aber nachher, sie ihm zu
geben. Da kam der Abend, an welchem der Sitte gemäss ein grosses Feuer
auf dem Berge angezündet und der übliche Reigentanz um das Feuer
gehalten wurde. Diesen unschuldigen Vorwand benutzte Hulda mit andern
Jünglingen, sich der Burg zu nähern und dieselbe plötzlich zu
überfallen. König Hagel, der dem Tanze des Volkes mit Vergnügen
zugesehen hatte, wurde ermordet und rief sterbend: O Tanz, o Tanz, wie
hast du mich verrathen! Und davon soll das nachmals erbaute Danzig
seinen Namen erhalten haben.
Der Name der Frühlingsgöttin Holda-Berchta ist hier in der Sage zwischen
Bräutigam und Braut getheilt. Damit diese Beiden, nachdem sie bereits
ins Mailehen gegeben sind, ein Paar werden können, wird der winterliche
Tyrann, König Hagel, vertrieben und seine Burg beim Walburgisfeuer
zerstört. An ihre Stelle tritt eine gewerbfleissige grosse Stadt.
* * * * *
Fünfter Abschnitt.
Der Mythus vom Maienthau.
Von der Adventzeit bis zu Ostern lässt die katholische Kirche täglich
die Rorate-Messe singen, die ihren Namen trägt von der Stelle Jesaia's
45, 8: Rorate, coeli, desuper et nubes pluant justum; thauet, Himmel,
den Gerechten! Wolken, regnet ihn herab! Diesen vom Himmel fallenden
Segen erhoffte das Heidenthum von der Thaugöttin selbst und sah ihn
erfüllt mit deren Ankunft in der Walburgis- und Johannisnacht. Nur von
der ersteren ist hier die Rede.
Mit banger Erwartung geht unser Landmann in der Walburgisnacht zu Bette
und beim ersten Tageslicht tritt er vor sein Haus; ist da kein
reichlicher Thau zu sehen oder hat es gereift, so ist seine Hoffnung auf
eine erkleckliche Jahresernte schon halb dahin. Selbst wenn ihm im
Heumonat darauf noch soviel Futter wächst, er traut demselben keine
Nahrungskraft zu, es hat ja keinen Maithau bekommen; es ist ohne Salz
und Schmalz. Lieber ist er daher nur mit halb so viel Heu zufrieden, als
mit einem doppelten Heuerträgniss ohne Maienthau oder ohne Regen an
Walburgis. "Regen auf Walburgisnacht hat stets ein gutes, Jahr gebracht.
Walburgisfrost ist schlimme Post". In Meklenburg heisst es vom
Walburgisregen, er bringe ein unfruchtbares Jahr, weil mit ihm (vgl.
Wolf, Beitr. 2,367) von den göttlichen Mächten die Festfeuer
zurückgewiesen werden. Wenn es dagegen an den drei ersten Maitagen
reichlich thauet, so braucht es den ganzen Monat über keinen mehr.
Maienthau macht grüne Au. Oder, der Bauer rechnet auch in arithmetischer
Progression also: Thaut es im Mai fünfmal, so erwartet man eine
Viertelsernte; zehnmal, so giebts eine halbe; fünfzehnmal, so giebts
eine volle Ernte. Thau auf der Wiese ist Geld in der Truhe. Als König
Gustav III. von Schweden einem ostgothländer Bauern, der ihm vorgestellt
wurde, einen kostbaren Ring zeigte und ihn über dessen muthmasslichen
Werth befragte, meinte der Landmann lächelnd: doch wohl nicht so viel,
wie ein Schauer Regen im Mai. Kann man, sagt der Aargauer, am ersten Mai
genugsam Thau gewinnen, so kann man daraus Gold läutern. Daher trägt die
hl. Walburg feurige (goldne) Schuhe (Vernaleken, Alpensag. S. 92); daher
trägt bei den Hexenversammlungen eine der Frauen am rechten Fusse den
Goldschuh (Grimm, Myth. 1025); daher redet das Kindermärchen (Grimm 3,
no. 99) von der Lebenstinctur des Goldwassers; daher taucht in der
Walburgisnacht im Gewässer der Bode die goldne Krone der Prinzessin
Brunhilde hervor und schwimmt bis zum Morgen obenauf. Kuhn, Nordd. Sag.
no. 193; "daher sammeln die Alchimisten im Majo Regenwasser in grosse
Krüge, dass sie sich das ganze Jahr durch nach Bedürfniss damit behelfen
können." Coler, Almanach (Mainz 1645, 59). Den Slaven ist in einem
einzigen Tropfen Thau eine Wunderwelt enthalten, er soll des Menschen
ganze Lebensgeschichte enthüllen, wenn man ernstlich hineinschaut.
Haupt-Schmaler, Wend. Volksl: 1, S. 381. Die Perlenmuschel hat ihre
Perlen nicht vom Meer, sondern vom Himmel selbst, schreibt Konrad von
Megenberg im Buch der Natur (Augsb. bei H. Schönsperger 1499, Bl. pj und
piij): sy begeret des hymeltawes, recht als ein fraw jres liebes begert.
das ist, da das taw allermeyst fellt, so trinken sie das begeret taw in
sich und werdent schwanger. ist das taw klar vnd lauter, so werdent die
margariten gar fein. Aehnlich in Fr. Rückerts Vierzeilen:
Die Rose stand in Thau,
Es waren Perlen grau;
Als Sonne sie beschienen,
Da wurden sie Rubinen.
Aus Erde und Thau formte der Schöpfer Adams Fleisch und Blut; so sagen
die Evangelien der Vorauer Handschrift (ed. Diemer, Deutsche Ged. S.
319-330):
uon dem leime gab er ime daz fleisch,
der tow becechenit den sweihc.
übereinstimmend mit der Bibelstelle: Ich will Israel wie ein Thau sein,
dass es soll blühen wie eine Rose. In das Fruchtholz des Waldes flüchten
beim Weltuntergange die beiden letzten Menschen Lif und Lifthrasir,
Leben und Lebenskraft, und fristen sich da vom Morgenthau, bis neue
Menschengeschlechter aus ihnen hervorgehen. Das Fruchtholz, die Oesch,
kann ohne Thau nicht tragen; kein Maienthau, kein Holzwuchs, heisst es;
wenn man einen Baum im Maienthau schüttelt, so stirbt er ab. Der Ritter,
der die drei letzten Bäume bei seinem Hause fällen will, sieht des
Morgens unter ihnen drei Jungfrauen sitzen, die über den Untergang des
Waldes klagen und mit den zerrinnenden Thautropfen verschwinden. Er
liess hierauf die Bäume stehen und sein Geschlecht blieb in Wohlstand.
Wenn die Engel im Himmel weinen, um Gottes Erbarmen für die Menschen
rege zu halten, so entsteht daraus unser Thau; dies lautet in
Grieshabers Deutsch. Pred. 1, S. 42: wer sint diu wazzer ob dem
firmamente? daz sint die erwelten und die behaltenen. sieh und merke ain
grôz wunder. diu wazzer ob dem himmel, der kumet ain zeher niemer noch
niemer her ab, wan daz, sûmeliche maister wèn, daz daz tov daruz werde.
Ein unbethaut bleibender Ort ist ein verwünschter, wie hier hernach noch
des Weiteren zu berichten sein wird. Da Jonathan und Saul in der
Schlacht gefallen sind, wehklagt David: Ihr Berge zu Gilboa, es müsse
weder thauen noch regnen auf euch, Jonathan ist auf deinen Höhen
erschlagen! 2 Sam. 1, 21. Wo Gespenster und Hexen umgehen, wächst kein
Gras; daher in G. Bürgers Romanze:
Im Garten des Pfarrers von Taubenheim,
Da ist ein Plätzchen, da wächst kein Gras,
Das wird von Thau und von Regen nicht nass.
Wo neun Tage hinter einander kein Thau liegt, da liegt ein Schatz
(verzaubert) vergraben. Coler, Oeconomia. Auf dem Wiesenweg, welcher der
Sibilla Weiss Kirchgang gewesen, bleibt kein Thau und Reif behangen.
Panzer, BS. 2, pg. 54.
Maienthau ist eine Quelle der Körperschönheit, des Liebreizes und der
Langlebigkeit. Daher der Kinderspruch:
Wenns thaut, wirds grön,
werden alle Jungfern schön.
Mairegen, mach mich gross! pflegen die im Regen laufenden Knaben auf der
Gasse zu rufen. Eos hat täglich ihren altersgrauen Gatten Titon mit Thau
neu zu beleben. Hellfunkelnder Thau trieft perlend hernieder und
frischgrünende Hyacinthen sprossen empor, wo auf dem Ida Zeus die Hera
umarmt. Mit dem Wasser aus dem Paradiese, erzählt Konrad v. Würzburg in
seinem Trojan. Krieg--verjüngt Medea Jasons alten Vater. Die drei Marien
gehen zu des Herren Grab durch den Thau (Uhland, Volksl. 832, 3):
Es giengen drei heilige Frawen
zu Morgens in dem Tawe.
So schön ist die Geliebte, dass der Minnesänger Christian von Hameln dem
bethauten Anger keine hellere Zier zu schenken weiss als ihren nackten
Fuss darauf:
Her Anger, bitet, daz mir swaere sul buozen
ein wîp, nâch der mîn herze stê;
sô wünsche ich, daz si mit blôzen füezen
noch hiure müeze ûf iu gê.
Man bereitete daher im Mittelalter aus dem Thau der Blumen verschiedene
kosmetische Mittel, z.B. aus der Pflanze Sonnnenthau einen nach ihr
genannten Liqueur Ros solis, nun Rossoglio genannt. Der Zierbaum, den
man im bair. Lechrain in der Mainacht der Liebsten vors Kammerfenster
setzt, muss nebst Aepfeln und Bändern stets mit einer vollen
Rosogliflasche behangen sein. Leoprechting, Lechrain 177. Ans den Blumen
der zum Johannisfeste geflochtnen Johanniskronen kocht man in Sachsen
einen heilkräftigen Thee. Sommer, Thüring. Sag. 148. 156.
Die Alchemilla vulgaris, Thaumantel, Thauschüssel, Parasol und
Frauenmäntelchen genannt, bietet dem Sennen nicht nur das
milchergiebigste Gras, man destillirt das in ihrem Kelche sich sammelnde
Wasser als Heilmittel; zehn solcher Blumenkelche voll Thau stillen Jedem
den Durst. Schönwerth, Oberpfalz 2, 132. Die Salbe Oli-rongé wird zu
Saintes Maries in der Provence bereitet, indem man an Johannis zwischen
Morgenröthe und Sonnenaufgang aromatische Kräuter sammelt und sie in
Olivenölflaschen verschliesst. Wolf, Beitr. 2, 394. Um das ganze Jahr
frische Rosen im Zimmer zu haben, legt man Rosenknospen in einen mit
Wein gefüllten und verschlossnen "Walburgischen Krauss." Kunst- und
Wunderbüchlein, S. 233. Um seltne Küchenkräuter jahrelang frisch und
schmackhaft zu haben, verordnet die Kuchemaistrey (Incunabel o.O.D.u.J.)
Blatt 22: vach tawwasser mit einem reinen neugewaschnen leinentuch, das
keg auf einer wisen hin vnd her, druck es auz in ein sauber kandel vnd
bayz (beize) die kreüter darinnen. Eben diese Gewinnungsweise schreibt
Konr. v. Megenberg, Bl. e'3 gegen Ausschlag vor: so (der mensch) sich
denn wescht mit dem taw vnd darinn waltz des morgens, ee die Sunn den
taw benimpt, so wirt er rein an seiner haut. o Maria, hilf vnd taw mit
genaden auf vns reüdige menschen!
Eine Bernersage aus dem Habkerenthal wird mir also mitgetheilt. In einer
Höhle des Berges Harder, die vom Pfarrhause des Dorfes Habchen aus
erblickt wird, lebten ehemals Zwerge. Die Bauernschaft im Thale stand
mit diesen Erdmännlein in gutem Einvernehmen und nach altem Brauch
stellte man ihnen jedes Frühjahr einen Krug Maienthau an einen
bestimmten Ort, wo ihn die Zwerge abholten und in die Höhle trugen. Sie
badeten damit ihre neugebornen Kinder und wuschen sich Windeln und
Weisszeug; zum Entgelt dafür überschickten sie den Bauern Honigthau,
worauf die Bienenzucht im Thale besonders gedieh. Nun, nachdem die
Zwerge ausgewandert oder gestorben sind, hängt ihre Höhle voll
milchweisser Steinzapfen, lauter im Bad verspritzter Maienthau, der sich
zu Milch versteinert hat, und heisst davon das Mondmilchloch.
In der Normandie, der Bretagne und den Pyrenäen badet das Volk die
Fieber ab, indem es sich am Johannistage nackt im Thau des Haberfeldes
wälzt: se rouler ce jour-là le matin dans la rosée, ou se baigner dans
une fontaine guerit de la gale et de toutes maladies cutanées. De Nore,
Coutumes, mythes et traditions. 127. 231. 262. Dasselbe thun die
Saalfeldischen Mädchen Nachts in den Flachsfeldern. Grimm, Myth. Abgl.
no. 519. "Ich werde," schreibt Coler, Almanach 62, "von erfahrnen Leuten
berichtet, dass der Maienthau grindichten, scherbichten Leuten gesund
sein soll, wenn sie sich früh nacket drein wälzen. Die Medici nennen
solchen Thau rorem matutinum in vere, S. Walpurgisthau."--Isländer und
Schweden pflegten in Thau zu baden, um damit Krankheiten wundersam zu
heilen: Finn Magnusen, Lexikon mythol. 72. Die Engländer setzten eine
Metze Haber oder eine Korngarbe unter den Nachthimmel und wuschen sich
mit dem darauf gefallnen. Thau gegen Pestansteckung. Liebrecht, Gervas.
Tilbur. pg. 2. Der Altbaier wäscht sich im Maienthau, dazu sprechend:
Das hilft für's Gah,
für's Bläh,
für'n U'flat.
Das Gah ist gäher Tod und fallendes Uebel; Bläh die
Rinderaufgelaufenheit, Stillfülli; Unflat der Aussatz. Panzer, BS. 2,
30. "Morgenthau ist gut für abgehauene Füsse, gut für abgehauene Arme,
für ausgestochene Augen", so sprechen die drei himmlischen Jungfrauen,
bestreichen den Verstümmelten und alsbald ist er wieder ganz und heil.
"Benetze deine Augenhöhlen mit Morgenthau, der auf den Baumblättern
liegt", sprechen die drei Schwäne zu dem von der Stiefmutter geblendeten
Mädchen. Haltrich, Siebenbürg. Märch. S. 36. 216. "Heute Nacht fällt ein
Thau, sagt die Krähe, so wunderheilsam: wer blind ist und bestreicht
seine Augen damit, der erhält sein Gesicht wieder." Grimm, KM. no. 107.
Dies ist der im böhmischen Märchen "Nachttraum der hl. Walburgis" allen
Geblendeten verkündete Heilthau (bei Gerle 1, no. 7, citiert in Grimms
KM. 3, 342). So geschah es nach Ostern in der Weissen Woche in Beisein
des Frankengrafen Adalbert zu Monheim, dass ein Blinder am dortigen
Grabe Walburgis plötzlich wieder sehend geworden war. Act. SS. saec. 3,
pars 2, pag. 305.
Alle schwer Genesenden pflegt man gemeinlich auf den näher rückenden Mai
zu vertrösten als auf die Zeit ihrer gänzlichen Herstellung.
Stillschweigend ist also vorausgesetzt, dass dieser Termin die
besonderen Mittel gewähre, welche bislang dem Kranken gemangelt haben.
Da bereitet man folgende Nervensalbe. Man schneidet am 1. Maimorgen
Halme und Blätter aus dem Kornacker, zerwiegt sie und presst sie mit
heisser Maibutter zu einem Pflaster. Gegen Augenentzündung blickt man
eine halbe Stunde unbeschrieen in den Maithau. Gegen den Wolf (fratte
Schenkel) sitzt man nackt ins Feld hinein. Das Rind, das an der
Blutschwine, Abzehrung, leidet, wird in den Thau gestellt, das Zugvieh
und das Ross hineingetrieben, wenn es einen "Hauptfehler" hat. Die
Sommersprossen, Leberflecken und Merzensprickeln, die einem der Merz ins
Gesicht gespieen hat, reibt man am Maimorgen mit einem thaugetränkten
Tüchlein wieder weg. Vom Dorfe Leimen, im elsäss. Sundgau, eine halbe
Stunde entfernt, fliesst im Orte Helgenbronn neben der dortigen
Walburgiskapelle ein kräftiger Wasserquell, Helgenbronn und
Kinderbrunnen genannt. Am 1. Mai kommen die Mütter mit ihren siechen
Kindern hieher, um sie zu baden; häufiger noch geschieht es auch an
Johannis, 24. Juni, dass man hier die durch Sommersprossen verunstaltete
Haut wäscht. A. Stöbers briefl. Mittheil. Kaspar Scheidt, Mayenlob
(abgedruckt in Hubs Volksbb. des XVI. Jahrh. S. 316) beschreibt die
allgemeine Sitte ausführlich und anmuthig, ins Maienbad zu reisen; die
Bresthaften, die ihre Häuser nicht verlassen können, lassen sich im Mai
daheim warme Bäder zurichten, es fahren die jungen Weiber darein, wenn
sie noch keine Frucht zu erlangen vermochten, und wenn man daher ein
Bild des Maien malt, so pflegt man zwei Eheleute beisammen im Wasserbade
abzubilden, oder ein mit fröhlichen Leuten unter Trommel- und
Pfeifenklang dahin ziehendes Schiff, oder junge wettschwimmende
Gesellen.--König Albrecht hatte 1308 gerade seine Badefahrt beendet, im
Städtchen Baden das Maifest abgehalten und war auf dem Wege, seine
Gemahlin Elisabeth im benachbarten Rheinfelden abzuholen, als er am
linken Reussufer von seinem Neffen und dessen Mitverschwornen meuchlings
erschlagen wurde. Nicht lange, so ergieng gegen die Mörder die
Blutrache. Ihre Burgen wurden gebrochen, ihre Burgmannschaften
enthauptet, auch nicht die Kinder verschont. Agnes, des Ermordeten
Tochter, so erzählt die Sage, soll dazumal durch das Blut der drei und
sechzig Mann der Besatzung von Farwangen geschritten sein unter den
grausigen Worten: "Jetzt im Blute derer gehend, die mir meinen frommen
Herrn ermordet haben, bade ich in Maienthau". Die typisch gewesene
allgemeine Redensart, aus welcher diese Sage entstanden, wiederholt sich
z.B. in dem Liede vom baier. Krieg:
die Teutschen wurden wohlgemut,
sie giengen in der ketzer plut,
als wer's ain mayentawe.
Uhland, Schriften: "Sommer und Winter".
Auch symbolische Maibäder gab es, sowohl kirchlicher als bürgerlicher
Art. Noch vor etlichen Jahren giengen Schulmeister und Chorknaben in der
Kolmarer Gegend mit Weihwasser, genannt Heilwag, von Haus zu Haus, und
besprengten damit dreimal die Bewohner unter den Worten:
Heiliwog, Gottesgob,
Glück ins Hus, Unglück drus!
Stöber, Elsäss. Sag. no. 231. In der Oberpfalz lautet dieser Spruch,
nach Panzers BS. 2, 301:
O du guter Walbernthau,
Bringe mir, so weit ich schau,
In jedem Hälmlein Gras ein Tröpflein Schmalz!
Im Vinschgau werden am 1. Mai die "Madlen gebadet". Jedes Mädchen, das
sich am Wege zeigt, wird von den Burschen gegen ein Bächlein gejagt und
da begossen oder getaucht. Beim Schemenlaufen in der Perchtenmaskerade
darf die Kübelmarie, "Kübele-Maja", nicht fehlen, eine Maske, die in den
Brunnen springt und die Zuschauer begiesst. Zingerle, Tirol. Sitt. no.
747. 986. Wer zuerst vom Pflügen oder Aussäen heimkehrt, wird in der
Oberpfalz aus einem Verstecke heimlich mit einer Schüssel Wasser
begossen. Schönwerth 1, 400. Zu Wall in Böhmen bläst am 1. Mai der
Dorfhirte alle übrigen Hirtenjungen zusammen, die dann eiligst dem
Sammelplatze zulaufen. Wer zuletzt kommt, wird begossen. Reinsberg,
Festl. Jahr 138. In Marseille begiesst man sich zu Johannis gegenseitig
mit wohlriechenden Wassern. Simrock, Myth. 587. Am Himmelfahrts- und
Pfingsttage wurde durch jenes Loch des Kirchengewölbes, durch das die
hölzernen Figuren des Salvators und der Taube emporschwebten,
angezündetes Werg auf die Zuschauer herabgeworfen und Wasser gegossen.
Wiedemanns Chronik d. St. Hof.
Diese Züge führen über zum Thau- und Minnetrinken. Gervasius von Tilbury
(ed. Liebrecht, Otia imperialia, pg. 2) meldet aus dem 13. Jahrh., wie
zu seiner Zeit in England der Morgenthau selbst bei Vornehmen als
Pfingsttrank galt, und zugleich hat A. Kuhn (Nordd. Sag. S. 512)
nachgewiesen, dass dieser Brauch noch heutigen Tages in Edinburg auf dem
öffentl. Platze des Arthurssitzes begangen wird. In dasselbe 13. Jahrh.
fällt die Meldung von der Waldprozession, welche das Domkapitel zu
Evreux am 1. Mai abhielt und sich da Zweige hieb zur Ausschmückung des
Doms. Je zwei Tage vorher hatte es seit 1270 die Seelmesse für den
Cleriker Bouteille zu begehen. Hiebei war im Kirchenchor ein Leichentuch
aufs Pflaster ausgebreitet, an dessen vier Enden vier gefüllte
Weinflaschen mit der fünften in der Mitte standen, die den Chorsängern
preisgegeben wurden. Flögel, Gesch. des Groteskkomischen 170. 233.
Vielleicht, dass man diesen welschen Mönchsbrauch aus dem altrömischen
Feste der Anna Perenna (Ovid. Fast. 3, 523) ableiten möchte, wo an den
Merz-Iden das Volk aus der Stadt an die ländlichen Ufer des Tiber zog
und hier Laub- und Schilfhütten errichtete. So manchen Schluck da der
Trinker nach einander aus dem Weinbecher thun konnte, auf so viele
Lebensjahre hoffte er es zu bringen. Allein das vom Römerthum unberührt
gebliebne Skandinavien kennt gleichwohl eine ähnliche Sitte. Die
Bewohner Stockholms feiern den 1. Mai mit einer Art Auswanderung in den
Thiergarten, wo man sich in den vielfachen Wirthschaften "Mark in die
Knochen trinkt". Den Ursprung des Brauches kennt man dorten nicht mehr
und schiebt ihn auf den Befreier Gustav Wasa, der am 1. Mai seinen
Einzug in die Stadt hielt und sie von den Bedrängnissen einer langen
Belagerung rettete. Allg. Augsb. Ztg. 1858, no. 132. Die deutschen
Landschaften kennen ähnliche Wasser- und Weingelage, die altherkömmlich
auf dieselben Tage fallen. In der Gemarkung von hessisch Gambach fliesst
der Ehlborn (Oel lautet in dortiger Mundart Ehl), der ein so besonders
gutes Wasser hat, dass die zu Gambach Sterbenden darnach zu verlangen
pflegen. Wenn darum Kranke Wasser aus dem Ehlborn fordern, so gilt dies
als ein Zeichen ihres nahen Todes, denn ein solcher Trunk, sagen die
Leute, ist gleichsam die letzte Oelung. Wolf, Hess. Sag. no. 206. Dem
Pfingstborn bei der Hanauischen Stadt Steinau schrieb man besondere
Heilkraft zu, sammelte auf der dortigen Pfingstwiese den Maienthau,
trank denselben und wusch sich damit, und wenn alljährlich die Steinauer
Kinder mit ihren Eltern hier heraus zum Frühlingsfeste zogen, so trugen
sie eine Menge irdener kleiner Krüge mit, die ihnen als Trinkgefässe
dienten, Pfingstinseln genannt. Lynker, Hess. Sag. no. 329. Zum
Rimleinsbrunnen im Weissenburger Walde, wo Wilibald die Heiden taufte,
macht alljährlich die Eichstädter Schuljugend ihren Waldmarsch und
geniesst daselbst die für dies Jugendfest altgestifteten
Ergötzlichkeiten. Die Quelle, die an der alten Walburgskirche zu
holländisch Gröningen entspringt, ist unversiegbar und der Schatz der
Stadt. Bolland. 522. Des Jungbrunnens, welchen Walburgs anderer Bruder
Oswald am Ifinger in Tirol entspringen liess, ist schon im
Vorhergehenden gedacht worden. Damit der Ordelbach zu Eichstädt, der
über eine achtzig Fuss hohe Bergwand gegen das Walburgiskloster,
niedergeht, beim Anschwellen im Frühlinge sein Felsenbette nicht
sprenge, wird von den Nonnen heiliges Oel durch eine Felsenspalte in
sein Wasser hinab gegossen. Schöppner, Bair. Sagb. no. 1136. Beim
Brunnenkranzfeste zu Bacherach tragen Knaben und Mädchen die Symbole der
künftigen Ernte im Orte umher, Semmel und Speck an Säbel gespiesst, und
Eier und Butter in Körbchen. Die darauf gesammelten Gaben werden
folgenden Tages beim Brunnenmeister verzehrt "in dickem Brei mit gelben
Schnitten". Allverbreitet ist heute der dem Birkenbaume abgezapfte
Maitrank und der mit Waldmeister angesetzte Maiwein; jedoch wohin sie
beide und die vorhin genannten Maigetränke zielen, sagen uns einige im
Erblassen begriffene Traditionen. Auf dem Walpersberge bei Dresden sitzt
in der Walburgisnacht und zu beiden Sonnenwenden der Teufel auf hohem
Stuhle und vertheilt an die Anwesenden Schwerter, um zu kämpfen. Dieser
Teufel ist Odhin, die Versammelten sind die Einheriar, welche nach
beendigtem Schwertkampfe von den methschenkenden Schlachtjungfrauen
bedient werden. Menzel, Odin 240. Daher tritt an die Stelle Walburgis zu
dieser Festzeit oft auch die huldreiche Frau Holle und bietet den
Verjüngungstrank. Bei thüringisch Arnstadt liegt der kräuterreiche
Bergwald Walperholz, der einst auf seiner Höhe ein Walburgiskloster
getragen haben soll. An einer Waldecke, genannt zur Hohenbuche und
Jagdbuche, ist ein Rundplatz, wo niemals Gras und Kraut wächst, denn
dahin ist der Geist einer betrügerischen Bierzapferin gebannt. Sie
heisst Frau Holle, in altväterischer Tracht umgeht sie jene Buche und
ruft: Vollmass, Vollmass! Bechstein, DSagb. no. 587. Damit ist die
öl-und älschenkende Walburg als eine thauspendende Walküre angedeutet;
noch dazu waltet sie in jenem durch das schon erwähnte, hier abgehaltene
Maifest der Arnstädter bedeutsam gemachten Walde. Reynitzsch,
Truhtensteine 187, hat hievon geschrieben. Ausdrücklich erzählt die
Walburgislegende (Act. SS. tom. 2, pg. 301, cap. V), wie Fürstentöchter
an Walburgis Grabe zu Monheim den ankommenden Pilgern Trank und Speise
darreichen. Dabei kommt ein kostbares, im Kreise herum gebotenes
Trinkgefäss (hanapp) plötzlich abhanden und kann weder wieder zum
Vorschein gebracht, noch die Art seines Verschwindens ermittelt werden.
Doch als die Wallfahrer, wieder auf der Heimreise begriffen, sich über
jenen Verlust besprachen, stand es plötzlich unversehrt vor ihnen in
Mitte ihres Weges. Es wurde ins Kloster zurückgeschickt und hier als ein
neues Wunderzeichen aufbewahrt. Walburg heisst ferner ein runder
Steinthurm hohen Alters bei der unterfränkischen Stadt Eltmann, er war
von drei reichen Nonnen erbaut und konnte nicht anders eingenommen
werden als durch ein blindes Ross, das man drei Tage hatte dursten
lassen; alsdann verrieth es durch Stampfen den Belagerern die geheime
Wasserleitung. Im benachbarten Hahnenwalde ist die Sigfrieds- und
Drachensage lokalisirt. Panzer, BS. 1, no. 186. Walbele, Walberles- und
Walburgisberg sind die volksthümlichen Namen der Erenbürg, eines hohen
sattelförmigen Berges beim oberfränkischen Dorfe Wiesentau; das
urkundlich 1062 genannt wird und ein Bestandtheil des karolinger
Königshofes Forchheim gewesen war. Des Berges Gipfel ist mit Steinwällen
abgegrenzt, an seinem Fusse liegen Grabhügel, aus denen man antiquarisch
berühmtgewordene kupferne Streitäxte erhoben hat. Hier war das Schloss
von drei schönen Fräulein, die beim Trocknen die Wäsche nur in die Luft
warfen, so blieb sie hängen. Panzer, BS. 1, no. 157. Auf dem Giebel
steht eine Walburgiskapelle, bei der am 1. Mai Wallfahrt und Jahrmarkt
abgehalten wird; Tausende kommen von allen Seiten herauf, schon vor
Sonnenaufgang zieht man den Berg hinan. Die Aussicht über die
blüthenreiche Landschaft ist reizend; zahlreiche Wirthe sorgen für
unerschöpfliche Libationen bei den gleichzeitigen Brandopfern der
duftenden Bratwürste. So erfüllt sich der alttestamentliche Segensspruch
1. Mos. 27, 28, in allen Theilen:
Gott geb dir des Himmels Thau
Und die Fettigkeit der Au
Und die Fülle der Halmen
Und den Most der Palmen.
Die Festbräuche beim Sommerempfang, da man zu den wieder fliessenden
Brunnquellen in hellen Haufen hinausrückte, die darauf gegründeten
örtlichen Wasserrechte in Scheingefechten vertheidigte, mit Waldzweigen
geschmückt wie ein wandelnder Wald heimkehrte und die frischen Maien um
den Ortsbrunnen steckte--haben sich als das Fest der Bannbeschreitung,
der Oeschprozession und des Mairittes hier und da noch gefristet, und
vervollständigen diesen vorliegenden Abschnitt vom Maienthau nicht nur,
sondern schliessen ihn erst wirklich nachdrucksam ab.
Vom 1. Mai an werden in oberdeutschen Landgemeinden die
Grenzbesichtigungen des Bannkreises unter den verschiednen Benennungen
der Bereisung, Landleite, Bannbeschreitung, des Flur- und Fohrumganges
vorgenommen. Die ganze männliche Bevölkerung des Ortes, Jung und Alt,
ist verpflichtet daran Theil zu nehmen und wird den Tag über auf
Gemeindekosten verpflegt. Die dabei vorkommende symbolische
Gedächtnisschärfung, die an der mitziehenden Jugend bei jedem neuen
Marksteine mit Ohrenzupfen, Ohrfeigen und Einstutzen (auf den Stein
stossen) vorgenommen wird, ist hinlänglich bekannt; eben so wenig bedarf
es einer Beschreibung, wie viel Pulver dabei aus den Knabenpistolen
verknallt und welches Weinquantum vom Männerdurst weggetrunken wird, um
dann nach lustigem Tagwerke dem Küchleinbackwerk entgegen zu ziehen,
dessen würziger Duft vom Vaterorte her entgegen dampft. Die städtischen
Bürgerschaften pflügten ebenso unter grossem militärischen Aufwande ihr
Gebiet zu umgehen, haben jedoch seit dem Schlusse des vorigen
Jahrhunderts der Kosten wegen es in Vergessenheit gerathen lassen.
Dagegen haben sich katholischer Seits zu Stadt und Land die
Oeschprozessionen reichlich noch behauptet. So nennt man den auf 1. Mai
fallenden kirchlichen Flurumgang, bei welchem an vier in den
verschiednen Zelgen der Dorfflur errichteten Altären die vier Evangelien
abgelesen werden; der Priester besprengt die Flur mit geweihtem Wasser
und besegnet sie mit dem Wetter- oder Schauerkreuz. Unter den bei diesem
Bittgange durch Bischof Wessenberg seit 1805 vorgeschriebnen Versikeln
und Liedern schliesst ein von der ganzen Gemeinde gesungenes:
Deine milde Hand giebt Segen,
Giebt uns Sonnenschein und Regen.
So wird der Umgang im aargauer Frickthal und im jenseitigen Schwarzwalde
abgehalten. Anderwärts geschieht dies schon am Markustage, 25. Apr. In
Tirol glaubt man, diese Prozession sei älter als das Christenthum
selbst, denn schon der Heiland habe derselben beigewohnt. Zingerle,
Tirol. Sitt. no. 720; und allerdings findet sie sich unter dem Namen
Rogationes schon unter den Karolingern kirchlich eingeführt (Rettberg,
Kirchgesch. 2, 791) und war eine Fortsetzung der alten Robigalien; zur
Abwehr des Rostes im Getreide veranstaltet. Diese Bittgänge waren unter
dem Namen der Hagelfeier-Predigten selbst bei der protestantischen
Bevölkerung an der Elbe üblich und durch ein besonderes Volksgelübde
daselbst gestiftet gewesen. Die dortigen Lutheraner ruhten jährlich drei
halbe Werktage von aller Arbeit und begaben sich zur Anhörung einer
Predigt, durch die man zugleich dem Hagelschlag wehrte. Eine solche Rede
findet sich in Zerrenners Ackerpredigten, Magdeburg 1783, 282.
Ein sehr alter und imponirender Zweig dieser Feste war der Mairitt;
schon die Reimchronik von der Soester Fehde (bei Emminghaus, Memorabil.
Susat. 1749, 660) nennt ihn einen Brauch aus alter Zeit: Up Walpurgis,
als men in den meien plach tho riden na alter zede und gewonte. Die
Ankenschnittenprozession zu luzernisch Beromünster wird bereits in der
Urkunde von 1223 erwähnt bei Neugart, cod. diplom. no. 190. Sie wird am
Himmelfahrtstage von den Stiftsherrn, den Rathsgliedern des Ortes, der
Dragonermannschaft und den sich anschliessenden Wallfahrern zu Pferde
abgehalten, Kreuz, Fahnen und Monstranz folgen zu Rosse mit, vom Rosse
herab wird gepredigt. Der Ritt geht vom Städtlein weg auf aargauisches
Gebiet nach Maihausen, wo der Hofbauer nach alter, auf dem Gute
haftender Verpflichtung jedem beritten Mitkommenden eine frische
Ankenschnitte bereit halten muss, die dieser seinem Reitpferde ins Maul
stösst. Diese und ähnliche berittene Prozessionen sind bereits
ausführlich beschrieben in den _Naturmythen_ (Leipzig 1862) S. 17; nur
das mittlerweile neu gefundene Material wird hier nachgetragen. Der
Blutritt in Schwäbisch-Weingarten wird am sg. Wetterfreitag, am Tage
nach Himmelfahrt abgehalten. Mit Ausschluss der Wallfahrer zu Fusse hat
man dabei schon über siebentausend Reiter gezählt. Franz Sauter, Kloster
Weingarten 1857, 35. In den oberschwäbischen Dörfern findet der
Maithauritt am 1. Mai Morgens um 1 Uhr statt und kehrt mit Sonnenaufgang
wieder heim. Man lagert in einem Walde, ist guter Dinge und lässt am
Rückwege die bequem gelegnen Wirthshäuser nicht unbesucht. Birlinger,
Schwäb. Sag. 2, no. 123. Bei den Vlamingen heissen die am 1. Mai
veranstalteten kirchlichen Umritte Marienprozessionen, doch fällt
derjenige zu Anderlecht bei Brüssel auf Pfingsten, der in Haeckendover
bei Tirlemont auf Ostern. Bei letzterem wird unter zahlreichen
Pistolenschüssen dreimal die Kirche umritten, dann gehts mit verhängtem
Zügel quer über die Felder, indem man annimmt, dadurch werde die Ernte
eine gesegnetere. Ein Bauer, der sich diesem Herumtraben auf seinem
Felde widersetzte, fand nachher alle Aehren leer. Wolf, Ndl. Saga no.
345. In Anderlecht ward ehemals derjenige, welcher nach dreimaligem
Wettjagen der erste am Kirchenportal anlangte, zu Ross und mit dem
Bänderhut auf dem Haupte von dem ganzen Kapitel in die Kirche geführt,
da mit einem Rosenkranz geschmückt und feierlich wieder hinaus geleitet.
Reinsberg, Festl. Jahr. 140. Beim sg. Königsreiten in österreich.
Schlesien, wobei Dorfrichter, Geschworene und alle Pferdebesitzer der
Gemeinde, geistliche Lieder singend, die Ackerzelgen umreiten, wird der
beste Wettrenner König. In Sachsen gilt um Pfingsten das Kranzreiten
nach einem geschmückten Baum, ist aber in Nietleben bereits zum "Betteln
reiten" herabgesunken. Sommer, Thüring. Saga S. 154. Unsre
rechtgläubigen Bauern, bemerkt über die fränkische Bevölkerung in der
Ansbacher Gegend Reynitzsch (Truhtensteine 143), reiten ihre Pferde am
Ostertage ins Osterbad, gleichwie wir an demselben Tage uns neue Kleider
anschaffen und die Zimmer ausweissen lassen. Johannes Boem, genannt
Aubanus, von seiner Geburtsstadt Aub in Unterfranken, schrieb 1530 De
moribus, legibus et ritibus gentium, woraus Ign. Gropp (Collectio
Scriptor. Wirceburg.) den Abschnitt mittheilt, welcher das Frankenland
betrifft; hier ist der würzburgische Pfingstritt also beschrieben:
Pentecostes tempore ubique fere hoc agitur. Conveniunt quicunque equos
habent aut mutuare possunt, et cum Dominico corpore, quod sacerdotum
unus, etiam equo insidens, collo in bursa suspensum defert, totius agri
sui limites obequitant, cantantes supplicantesque, ut segetes Deus ab
omni injuria et calamitate conservare velit. Alljährlich zweimal, am 10.
Mai und am zweiten Pfingsttage, begeht das südfranzösische Dorf
Villemont das Kirchenfest seiner Ortsheiligen Solangia und trägt deren
Reliquien in Prozession hinaus auf die Almende, welche Solangiafeld
heisst und den von der Heiligen gegangenen Pfad noch aufweist, auf
welchem das Gras stets schöner und dichter steht als auf dem
angrenzenden Weideland. Da dieser Pfad die Zahl der Andächtigen, die oft
bis auf Fünftausend anwächst, nicht zu fassen vermag und folglich da und
dorten in die Saat hinausgeschritten wird, die um Pfingsten schon
ziemlich hoch steht, so nimmt diese dabei gleichwohl keinen Schaden,
sondern richtet sich schon zwei Tage nachher wieder selbst auf; ein
Wunder, von welchem sich Prinz Heinrich von Bourbon im J. 1637 mit
eignen Augen überzeugt haben soll. Das Gegentheil aber erfolgte an dem
Flachsacker eines Geizigen, als der Eigenthümer hier der Prozession den
Durchgang verweigerte; es fiel Mehlthau, der Sonnenstrahl schlug zu und
die Anpflanzung wurde brandig. Godefr. Henschenius in Actis SS. tom. II,
ad diem 10. Maii.
Solcherlei Frühlingsbräuche, die jungen Saaten prozessionsweise zu
umreiten und zu durchreiten, stützen sich auf heidnischen und auf
alttestamentlichen Glauben und wollen Abbilder sein eines den Göttern
selbst beigelegten gleichen Thuns. Die Psalmenstelle 65, 12--Du krönest
das Jahr mit deinem Gut und deine Fusstapfen triefen von Fett--liess
eine Gottheit erblicken, welche das reifende Kornfeld persönlich
beschreitet und mit ihrer Fussspur ertragsfähig macht, weshalb das
Kirchenlied von Nikolaus Hermann "Um gut Gewitter und Regen" Strophe 9
jene Worte nachdrücklich wiederholt:
Umkrön das Jahr mit deiner Hand,
Mit deinen Fussstapfen düng das Land.
Hier ist der hl. Benno durchgegangen, sagen die preussischen Wenden von
besonders gesegneten Feldern (Preusker, Vaterl. Vorzeit); von dem auf
den Bergwiesen striemenweise fetter und üppiger wachsenden Grase sagt
der Tiroler, hier ist der fromme Graf Leonhard geritten, hier ist der
Alpgeist mit schmalzigen Füssen drüber gegangen (Zingerle, Tirol. Sag.
no. 963. Tirol. Sitt. no. 314); hier ist der Kornweg des ausreitenden
Rodensteiners, sagt der Hesse von den durch die noch grüne Frucht
hinziehenden gelben Streifen vorreifender Kornähren. Wolf, Hess. Sag.
no. 31. 56. Von den über die Spitzen des Aehrenfeldes hinschwebenden
Hufen des Götterrosses versprach sich die Landwirthschaft vormals
denselben Vortheil, den sie heute von den Merzwinden erwartet, diese
haben nemlich dem jungen Halme Widerstandskraft gegen die sommerlichen
Strichregen und Windstösse zu geben, dann wird er sich weniger lagern
und die Aehre weniger ins giftige Mutterkorn schiessen. Auf eine ganz
nahverwandte landwirthschaftliche Erfahrung stützt sich auch der Ritt in
den Maienthau. Bekanntlich hängt die Befruchtung der Kornähren vom
Samenstaub ab, den der Wind durch die Bewegung der Blüthen ausschüttelt
und verbreitet. Diese Verbreitung geschieht aber bei der
Unregelmässigkeit der Bewegung nur unregelmässig, daher bleiben viele
Hülsen der Aehren taub. Der aargauer Bauer im Freienamte übt nun seit
alter Zeit folgende Methode zur künstlichen Unterstützung der
Befruchtung aus. Von beiden Breitseiten des Kornackers ziehen zwei
Männer ein Seil über der Höhe des blühenden Getreides hin und streifen
damit gelinde den Morgenthau ab. Dadurch werden nun einige der Aehren
zwar "ringrostig", nemlich etwas brandig gemacht, die übrigen aber gegen
das Sichlagern gestärkt und der ausfallende Samenstaub wird in ihnen
gleichförmig vertheilt. So wird also Brand und Mutterkorn verhütet, die
aus einer und derselben Ursache, aus nicht stattgefundner Befruchtung
entstehen. Dieser Naturvorgang ist von den Griechen vergöttert, in
Kunstgebilden dargestellt und bis auf die Athene übertragen worden.
Unterhalb der Akropolis zu Athen stand der Thurm der Winde, unter dessen
acht Relieffiguren auf einer seiner acht Seiten der Ostwind (Apeliotes),
der den gedeihlichen Saatregen mit sich führt, dargestellt war als ein
Genius mit heitrer Miene, geflügelt, mit flatterndem Gewande
einherschwebend, in den Falten seines Mantels einen Bienenkorb tragend
und neben reifenden Früchten eine Kornähre. Droben auf der Akropolis
stand die Athenestatue, die den Beinamen Pandrosos (Allesbethauende)
führte, als eine andere Demeter verehrt wurde und Aehren in der Hand
trug (Welcker, Griech. Götterl. 1, 313). Diesen ihren Beinamen hatte sie
nach demjenigen der drei Töchter des Cekrops, welche Aglauros
(Schimmernde), Herse (Thau) und Pandrosos (Allthauig) hiessen und den
Erysichthon (Ackermann) zum Bruder hatten, der auch Aithon (Brand und
Mehlthau) hiess. Die Thaufeste, Ersephorien, sollten dem Mehlthau
steuern und waren der Athene gewidmet.
Betrachten wir dieselben Anschauungen, wie sie in Sprache und Mythe
unsrer deutschen Vorzeit sich ausgedrückt haben.
Thau, goth. daggvus, ahd. touwi, gehört nach Kuhns Vermuthung (Weber,
Ind. Stud. 1; 327) zu sanskrit. dôha Milch, ableitend, von duh, ziehen,
ducere, so dass also im Vorgange des Thauens das Geschäft des Melkens
und Milchausdrückens erblickt wurde. Friesisch thavan, anglisch ton
heisst waschen. Hundertfältig stimmen nun Mythen und Bräuche in der
Annahme überein, aus dem rechtzeitigen Abstreifen des am Halme hängenden
Morgenthaues lasse sich Milch und Butter gewinnen, als gediegenes
Produkt fertig herauspressen, und das in diesen Thau getriebene
Milchthier ergebe doppeltes Milchquantum. Die Synode zu Ferrara 1612
verbietet, Tücher in der Nacht vor Johannis Baptistae unter den Himmel
zu breiten in der Absicht, den Thau aufzufangen. Liebrecht, Gervas.
Tilb. S. 230; gleichwohl ertheilt Schnurr im Oekonom. Kalender
besonderen Unterricht, wie man den Himmelsthau vom schossenden Getreide
mit subtilen Tüchern aufzufangen und diese in Gefässe auszuwinden habe,
denn solcher Thau sei unsres Landes Manna. Prätorius, Blockesberg S.
559. Grohmann, Böhm. Abergl. S. 132 berichtet Folgendes von einem nun
verstorbenen Simanek aus Kaurim. Er schmückte in der Walburgisnacht
seine Kuh mit grünen Zweigen und einer Decke, zog sich selbst nackt aus
und führte das Thier durch den Thau. Heimgekehrt drückte er die
thaubenetzte Decke in ein Gefäss aus, indem er dabei mit den vier
Zipfeln umgieng wie beim Melken, und gab das gewonnene Wasser den
Thieren unter die Tränke. Sie waren dann das ganze Jahr milchreich. Es
ist eine von Sachsen bis nach Ostfriesland nachgewiesne Sitte,
abwechselnd um Mai, Ostern oder Pfingsten, den Frühthau zu gewinnen,
indem man die Heerde hineintreibt oder ihn mit Wettritt und Wettlauf
feierlich abstreift. Die am frühesten ausgetriebene Weidekuh bekommt
einen langen Maibusch an den Schwanz gebunden, erhält den Preisnamen
Daufäjer, Dauschlöpper, das wettrennende Ross den Namen Thaustrauch,
weil sie den ersten Thau erfolgreich weggefegt haben, und werden mit
dem am Rennziel auf der Stange steckenden Blumenmaien oder Brodweck
beschenkt. Kuhn, Nordd. Sag. S. 380-88. Westfäl. Sag. 2, S. 165. Ebenso
gilt in Holland das Daauwtrappen und Daauwslaan. Allein die egoistische
Natur des Menschen, die bei jedem Begegnisse den Neid des Andern
voraussetzt, verkehrt den heiligen Thau zum Zaubermittel; darum gehen
denn auch die Hexen um Weihnachten in die Wintersaat und erhorchen die
Zukunft, auf Walburgis in das grüne Korn, auf Pfingsten ins Roggenfeld,
um in Thau zu baden, mit den hinter sich her gezogenen Tüchern ihn
aufzusammeln, daheim auszupressen und so die Milch jeder fremden
Weidekuh für sich zu gewinnen. Schönwerth, Oberpf. 3, 172. Daher heissen
die Hexen in Holstein Daustrîker. Die ao. 794 zu Frankfurt versammelten
Bischöfe erklärten eine letztjährige Hungersnoth daraus, dass der Teufel
den Leuten, welche den Zehnten nicht entrichten, damals die Aehren
ausgefressen habe: experimento enim didicimus in anno, quo illa valida
fames irrepsit, ebullire vacuas annonas a daemonibus devoratas et voces
exprobriationis auditas. Schmidt, Gesch. d. Deutsch. 1, 575. Niedlich
lauten die Histörchen von den Zwergen, die sich des gleichen Vortheils
zu bedienen suchen und darüber kläglich entdeckt werden. Wenn die Zwerge
im Harz in die Erbsenfelder giengen, hatten sie ihre unsichtbar
machenden Nebelkappen auf. Allein die Leute nahmen einen Pflugstrick
oder eine lange Stange und fuhren damit oben über das Feld hin. Damit
fielen den Zwergen die Nebelkappen vom Kopfe, sie wurden sichtbar und
konnten tüchtig durchgeprügelt werden. Pröhle, Harzsag. 1, 199. 210. Um
sich nun gegen die Nachstellungen der Hexen sicher zu stellen, kommt man
ihnen auf folgende Weise zuvor. Man breitet in der Walburgisnacht ein
weisses Tischtuch im Hofe aus, auf dem neunerlei Arten Kornes durch
einander geschüttelt liegen, lässt sie vom Nachtthau benetzt werden und
füttert damit sämmtliche Hausthiere vom Stier bis zum Huhn hinab.
Darstellungen aus dem Gebiet des Abgl., Grätz bei Kienreich 1801, S. 9.
Da auf ähnlich magische Weise auch der Butterraub ausgeübt wird, so ist
das Gegenmittel hier wiederum ein gleiches: am 1. Mai alle Speisen recht
stark zu schmalzen, Ankenschnitten, in der Schweiz eine dickgestrichene
_Ankenbrüt_, am Familientische zu essen, allen Hausthieren davon
zukommen zu lassen und dem Weidevieh beim ersten Austrieb ein solches
Stück zu geben. Vom hexenhaften Buttergewinn erzählt Jac. Sprenger im
Hexenhammer, pars 2, quaest. 1, cap. 14 folgende Begebenheit. An einem
Maitag empfanden mehrere zusammen über Feld Spazierende grosse Lust,
frische Maibutter zu geniessen. Sie standen zufällig an einem Flusse.
Ich will euch solche besorgen, sprach einer von ihnen, wartet nur ein
wenig. Er gieng in den Fluss, setzte sich mit dem Rücken gegen den Lauf,
rührte mit den Händen rückwärts und es dauerte nicht lange, so brachte
er eine förmliche Butterballe zum Vorschein, wie sie die Bauern im Mai
machen. Die Gesellen fanden sie beim Verkosten ganz trefflich
schmeckend.--Ein aargauer Bauernsprichwort sagt rationalisirend: Wer am
Maitag Gras häufelt, der kann an der Auffahrt schon eine Ankenballe in
seiner Matte bergen. Der gelehrte Abt Trithemius dagegen versichert in
seinem für Kaiser Max I. verfassten Liber octo questionum (gedruckt bei
Joh. Hasselberger 1515) alles Ernstes in der sechsten Frage: Exploratum
habemus, maleficas in fluminibus concitatis hausisse butyrum temporibus.
Daher heisst es, in der Walburgisnacht fliege der Drache um und trage
seinen Gläubigen Butter und Schmalz aus fremden Häusern zu. Was er nicht
weiter schleppen kann, speit er auf die Schwindgruben; die gelbweissen
Algen in Tellergrösse, die man auf dem Düngerhaufen zuweilen erblickt,
heissen daher Drachenschmalz. Schönwerth, Oberpfalz 1, 394. 396. Mit
demselben Morgenthau erwartet man auch den Honigregen; denn, sagt
Carrichter, des Kaisers Maximilian II. Leibarzt, in der Teutschen
Speisskammer (Strassburg 1614) S. 69: "Da die Bienen im Herbste, obschon
dann noch immer Blumen vorhanden sind, keinen Honig mehr eintragen
können, so ist daraus zu ersehen, dass der Honig nicht aus den Blumen,
sondern aus dem Thau bereitet wird, der zur Zeit des Siebengestirns auf
die Blumen fällt;" und daher erzähle Galenus, 3. B. de alimentis, die
Bauern hätten am Morgen, wenn sie Honig auf den Bäumen kleben gesehen,
ein Freudenlied gesungen: "der grosse Jupiter im Himmel droben regnet
uns Honig auf das Feld!" Unsre Bauernregel besagt: Viel Honigthau im Mai
giebt starke Bienenschwärme. Thau und Honigfall wird von einem Engel uns
zugebracht, er liefert, nach Hebels Alemann. Gedichten:
Mengmol e Hämpfeli Bluememehl,
Mengmol e Tröpfli Morgethau.
Da beides die ausschliessliche Nahrung der Unsterblichen ist, so ist sie
darum auch so süssschmeckend; denn, sagt Hebel:
Dört oben wachst kei Gras, dört wachse numme Rosinli.
Die böhmische Haingöttin Medulina hat ihren Namen vom Honigtranke Meth.
Sie ist eine Weisse Frau, die in der einen Hand ein Körbchen mit
Pflanzen, in der andern einen Strauss trägt. Im Frühlinge trägt das Volk
Honig in die Wälder, stellt ihn auf die Baumstöcke und spricht:
Medulina, da hast du, du giebst es übers Jahr wieder! Grohmann, Böhm.
Sagb. 1, 134. Im finnischen Epos Kalewala, 15. Gesang, wird erzählt, wie
der ertrunkene Lemminkäinen von der Mutter wieder ins Leben gebracht
wird. Alle Besegnungen und Heilmittel wollen ihm aber nicht wieder zum
Sprachvermögen verhelfen. Da fleht die Mutter ein Honigbienchen an, es
möchte hinauf in den neunten Himmel fliegen, wo Gott aus seinem
Honigkeller die zu Schaden gekommenen Kinder salbt. Das Bienchen bringt
von dieser Salbe herbei, die Mutter stillt des Sohnes Schmerzen und die
Sprache kehrt auf seine Zunge zurück.
Das grosse Kapitel des Hexenglaubens liegt nun zwar mit der
Walburgisnacht hier nahe genug zusammen; gleichwohl soll es nur so weit
berührt werden, als dadurch der innerliche Grund seiner missgestalteten
Meinungen an der Hand der bisher vorgetragnen Angaben zur Verdeutlichung
gebracht werden kann.
Füllt der Königssohn im Zauberschlosse drei Flaschen mit dem Wasser des
Lebens und heilt damit den alten kranken König (Grimm KM. 3, S. 178), so
taucht dagegen die Hexe am Walpernabend ihren Finger in sieben
Bouteillen, beschmiert sich damit und fährt so auf den Blocksberg. Kuhn,
Nordd. Sag. S. 192. Dies aber sind ursprünglich jene Zinnkannen und
silbernen Kannen, die beim Bergquell Salibrunnen an der Waldwohnung der
Erdmännchen stehen (Aargau. Sag. 1, S. 198), oder die nächtlicher Weile
vom Ritterschloss Breuerberg in der Wetterau zum zerstörten
Nonnenkloster Erlesberg hinüber wandern. Wolf DMS. no. 454.--Das Horn,
aus welchem zum Maienfest Minne getrunken wird, ist golden, wird in
verschiedenen Kirchen aufbewahrt und als Altarkelch gebraucht; selbst
das Bestehen ganzer Geschlechter ist an seine Erhaltung geknüpft
(Menzel, Odin 250-53); das Trinkhorn aber am Blocksberg ist ein Kuhfuss
und sein Inhalt ein seuchenträchtiger Satanstrank. Mit Fackeln wird Saat
und Gras aus dem Boden gezündet, unter Glockenklang mit Musik und Gesang
der Lenz geweckt, doch auch dieser dichterisch erfundene Brauch verkehrt
sich ins Dämonische und wird sein eignes Gegentheil. Dann heisst das
Entzünden der nächtlichen Freudenfeuer überall das Hexenbrennen, und aus
dem lustigen Frühlingsbrauch, die nun endlich in Ruhe kommenden Besen
und Schürgabeln in Flammen aufgehen zu lassen, macht der Unverstand
einen Luftritt der Zauberer auf dem Besenstiel und ein sich selbst
Verbrennen des Satans in Bocksgestalt. Während noch im J. 1839 das
Märzfest im Bergell unter Trommelschlag und Hörnerklang begangen wurde,
wobei ein jeder im Zuge Kuhschellen umgebunden trug und läutete, "_damit
das Gras wächst_" (Leonhardi, Rhätische Sitt. 1844), gilt im kathol.
Frickthal und in dem benachbarten badischen Schwarzwald kirchlich das
Reifläuten im Mai, wie das Gewitterläuten im Sommer. Im tiroler Innthale
umgeht am Jörgentage, 24. April, die russige Prozession die Felder. Mit
Kuh- und Hausglocken, mit Hafen und Pfannen lärmend, im unflätigsten
Sennenhemde und mit berusstem Gesichte, Kröten und Eidechsen zur Schau
tragend, durchstreifen die Bursche das Gemeindefeld und werden bei ihrer
Rückkehr ins Dorf dafür beschenkt. Und damit alle sittlichen
Vorstellungen so recht vom Gaul auf den Esel kommen, tritt an die Stelle
der rossetummelnden Saatenreiter die hässliche Bocksreiterei und der
teufelsverschworene Bilmesschnitter. Auf einem schwarzen Bocke, am Fusse
die Sichel angeschnallt, durchreitet und durchschneidet er den Aufwuchs
ganzer Ackerbreiten. J. Feifalik hat in der österreich. Gymnas. Ztschr.
1858, 410 aus einer Hds. des Olmüzer Archivs einen Segensspruch
veröffentlicht gegen "die Pylweisse om sent Wolbrygh-obent"; der
Besegner giebt dabei dem Stallthiere eine geweihte Kerze zu
verschlucken. "Es wor am Walburgisobende geschahn, wenn de Pülewesen
osfaren", schreibt hievon der Schlesier A. Gryphius, Dornrose 51 (nach
Weinholds Schles. Wörtb. 1855, 10). Mit Heilöl salbt die
Schlachtenjungfrau den wundgewordnen Krieger; mit dem aus ihrem
Brustbein fliessenden Oel heilt Walburg die Kranken; aber die zum Tanze
ausfahrende Walburgishexe bestreicht sich mit einem in den Oberpfälzer
Sagen Schönwerths 1, 372 ausführlich besprochnen Hexenöl, und wenn sie
darüber im fremden Stalle betroffen wird, "streicht ihr der Bauer dafür
den Buckel, dass sie Oel giebt". Alpenburg, Tirol. Sag. 1, 290. Thôrs
Tochter heisst Thrudhr, d.h. die Tretende; denn nachdem der Ackergott,
ihr Vater, das Korn hat reifen lassen, lässt sie die vollen Garben in
der Tenne austreten. Hierauf aber wird die Trud zum Alp, welcher den
Schlafenden auf die Brust tritt, dass er erstickt, oder, wenn ihr dieser
mangelt, die neubelaubten Bäume reitet, dass man alle Verkrüppelungen
an Eschen und Fichten Trudenpfötschen nennt. Das Stallthier wurde des
Milch- und Buttergewinnes wegen in den Maienthau hinaus getrieben, dass
es zuletzt dem thaumähnigen Rosse der jungfräulichen Walküren glich;
statt ihrer aber liess hierauf der grobe Aberglaube die Trude Nachts in
den Stall schleichen und die Thiere reiten, dass sie des Morgens
abgehetzt und voll Schweiss dastehen, nur Mähne und Schweif ist von
unbekannter Hand in zierliche Frauenzöpfchen geflochten. Statt die
Häuser mit Maien zu schmücken und den Walbernbaum aufzupflanzen, werden
so viele Ruthen auf den Düngerhaufen gesteckt, als man Rinder hat, die
Kinder machen sich aus Weiden kleine Galgen und überspringen sie in die
Wette; wer dabei nicht anstösst, in dessen Hause werden die Milchkühe
ergiebig. Haupt-Schmaler, Wend. Volksl. 2, 224. Ein förmliches
Treibjagen wird gegen die Hexen angestellt; mit knallenden Peitschen
werden sie aus der Dorfflur hinausgehauen, dies ist das Hexen-Tuschen,
Hexen-Auspletschen in der Oberpfalz (Schönwerth 1, 312), das
Maibutter-Ausschnellen in Tirol (Zingerle, Sitt. no. 783), das
Hinausblitzen in Deutschböhmen (Reinsberg, Festl. Jahr 137). Mit einem
tüchtigen Schuss Pulver schiesst man in die auf die Hausschwelle
gesetzte Milchschüssel, dass kein Tropfen davon drinnen bleibt; dann
hört die Kuh auf, blaue Milch zu geben. Darstell. aus d. Gebiet des
Abgl. (Grätz 1801) S. 126. So weit erstreckt sich die Umwandlung alles
Natürlichen ins Zauberhafte, so weit gieng die Gesunkenheit des
ursprünglich so gesunden Volksbegriffs. Aller lebensfrohe rüstige
Volksbrauch ist in Boshaftigkeit verkehrt. Wird im 13. Jahrhundert
vielfach gegen den Volksglauben an sg. Nymphen gepredigt, so heissen
diese doch immer noch schöne Jungfrauen, die mit brennenden
Wachslichtern in den Ställen die Thiere besorgen, dass des Morgens
Wachstropfen in den Mähnen der Rosse kleben; sie erscheinen unter
schattigen Waldbäumen, verbinden sich dem Getreuen in Liebe, stillen dem
Armen Hunger und Durst, ihre Herrin ist nach dem gelehrten Ausdrucke
jener Zeit latein. Abundantia, die romanische dame Abonde, die Königin
Habundia, unsre deutsche Göttin Fulla. Wo sie erscheinen, da bringt es
dem Hause Glück und Vorsput. So anfangs als Allgütige verehrt, sind sie
nun feindselig und gefürchtet; erst eine überirdisch schöne Holda, dann
eine triefäugige Unholdin; erst eine thaufrische Walburgis, unter deren
Schritt der Acker von Oel trieft, zuletzt eine Anna Walper von Wertheim,
die im peinlichen Protokoll v.J. 1644 bekennt, den Teufel beim
Hexentanze in einer eisernen Schellenkappe mitgesehen zu haben. Wolf,
Ztschr. f. Myth. 4, 23. Sogar zu der finnisch-ehstnischen Bevölkerung
ist dieser Name gedrungen, vermittelt durch die Schweden; der Heiligen
Festtag heisst Wolpripääw (Russwurm, Eibofolke 2, 263. 1, 74. 98). Die
Serben nennen den Hexenritt na Walporu. Haupt-Schmaler, Wend. Volksl. 2,
265. Noch bevor diese Satanisierung der deutschen Götter durch die
Kirche genugsam durchgeführt werden konnte, verwandelten sie sich mit
ihrer im Volksglauben nicht bezweifelten Macht erst ins Riesenhafte. In
rückwärtsschreitender Betrachtung unseres Gegenstandes zeigen wir nun
die Jöten- und dann die Walkürennatur Walburgis und sind damit am
Schlusse.
* * * * *
Sechster Abschnitt.
Walburg, die Göttin der Zeugung und Ernährung.
Der Ordensneid der Jesuiten gegen die von ihnen unabhängigen Diöcesen
und Stifte gab den ersten Anlass, die Walburgislegende in ihrem
Gesammtzusammenhang zu betrachten, während man sie bis dahin fast nur in
ihrer lokalen vereinzelten Tradition aufgefasst und dargestellt hatte.
Die Ingolstädter Jesuiten, unter ihnen Gretser voran, wollten der
niederdeutschen Walburg nicht die kirchliche Geltung der oberdeutschen
zuerkennen. Jene, behaupteten sie, sei die sg. Walburga Westfalica, eine
gewesene Nienheerser oder Herswender Nonne im Kloster bei Paderborn, die
Schwester des dortigen Bischofs Liuthard, die um 840 gelebt habe und
nebst ihrem Bruder 877 von den Vandalen erschlagen worden sei. Sie sei
nur selig gesprochen worden, dagegen die Eichstädter Walburg sei bereits
im J. 779 gestorben und canonisirt; erst ihr Ruhm habe jener
westfälischen Namensschwester zu einigem kirchlichen Ansehen verholfen.
Diesem Vorgeben steht indess in der Kirchengeschichte Niederdeutschlands
alles Mögliche entgegen. Der grössere Theil der dortigen alten
Stiftskirchen ist der hl. Walburg schon seit so alter Zeit geweiht, dass
man daselbst von der Walburgiskirche zu Gröningen behauptet, sie sei ein
Heidentempel der _Göttin_ Walburg gewesen, und dass man in der
Walburgiskirche zu Veurne (Diöcese Ypern) sogar noch die Stelle zeigt,
wo dieser Göttin Menschenopfer gebracht worden sein sollen. Wolf, Ndl.
Sag. no. 309, S. 696. Bollandisten l.c. 522. Die Annahme eines sehr
hohen Alters dieser Kirchen wird zugleich durch ihren Baustil
unterstützt; die zu Gröningen ist eine Rotunde mit thurmähnlichen Mauern
und steht auf einem Gange, welcher unterirdisch bis zum Nachbardorfe
Helgen führen soll. Diejenige zu Antwerpen, in der dortigen Altstadt
gelegen, heisst Burg (castrum), in ihrer Krypta soll Walburgis auf ihrer
Herreise aus England gewohnt und die Gastfreundschaft der Stadt genossen
haben. Je weiter man nun den Walburgiscult nordwärts verfolgt, um so
mehr tritt seine heidnische Abkunft hervor, und Walburg nimmt da nebst
ihrem bischöflichen Bruder die vergröberte Gestalt der Riesen an. Schon
im Harz wird _Wilibald_ ein Hüne genannt (Pröhle, Harzsag. 1, 275); um
Harlem aber gilt Walburg als die Heerden weidende und Strandräuber
vertilgende Riesin Walberech. Seeräuber ersäuft sie, Viehdiebe frisst
sie lebendig auf; dann nimmt sie ihre Ochsen unter den rechten Arm, ihre
Rosse unter den linken, steckt die Schafe zusammen in die Haare ihres
Hauptes und geht so in einem Schritte von Holland nach England hinüber.
Wolf, Ndl. Sag. no. 28. Als eine gleich ungestüme Heidenfrau,
menschliches Mass überschreitend, gilt Walburg in Schweden, wovon in
Wedderkop's Bildd. a.d. Norden, 2. Th. die Rede ist. Nicht anders
erzählt die, irische Legende von der Hexe Moll Wallbee in Beeckmakshire,
sie habe das Schloss Hao in einer Nacht erbaut und die Steine dazu von
Dollgellen in der Schürze hergetragen. Als ihr dabei im Laufen ein
Kiesel in den Schuh kam, schleuderte sie ihn heraus; er fiel auf den
Kirchhof von Clowes, drei Meilen von Dollgellen, da liegt er noch, neun
Fuss lang und einen dick. (Vulpius) Curiositäten Bd. 8, 240. Endlich hat
sich jene Walburga Westfalica sogar als eine Antwerpner Venus
herausgestellt, deren Abbildung in Wolfs Beiträgen 1, Tafel II, Figur 1,
lehrt, dass sie keineswegs die antike Venus gewesen ist, sondern ein
deren antiken Namen tragendes deutsches Götterbild. Es ist ein über dem
Antwerpner Steenport in die Mauer eingelassenes, halb erhaben gehauenes
Steinbild, das noch in seinen ursprünglichen Umrissen zu erkennen, in
seinen Besonderheiten aber abgemeisselt ist; dasselbe hat langes Haar,
hebt beide Arme bis zur Kopfhöhe anbetend empor und zieht die aus
einander gespreizten Beine herauf. Dass es ein Götterbild war, urtheilt
Wolf, l.c. 107, darin stimmen alle älteren Geschichtschreiber Antwerpens
überein, unter denen auch der berühmte Bollandist Papebrochius; dafür
spricht ferner die allgemeine Verehrung, deren es genoss, dafür zeugt
auch, dass unfruchtbare Frauen ihm Kränze und Blumen opferten, die
Manneszeichen, die es phallisch trug, abschabten und als Heilpulver
tranken, um bald des Mutterglückes theilhaftig zu werden. Davon
berichten Mart. Zeiller, Itin. Gall. Bl. 527; Goropius Becanus, Origin.
Antverp. pg. 26; J.B. Gramaye, Antiquitt. Antverp. lib. II, pg. 13, und
selbst die Bollandisten III, 521. Bei dem geringsten Zufalle, sagt
Becanus, welcher Antwerpner Frauen begegnet, ob sie ein Küchengeschirr
zerbrechen, oder sich die Zehe verstauchen, rufen sie ohne weiteres
dieses priapische Bild laut an, und selbst bei den Anständigsten ist
solche alte Unsitte noch im Schwange. Die Ortslegende, deren Gramaye
erwähnt, erzählt, dass der hl. Willibrord, als er hier die Bekehrung
begann, die heidnische Anbetung dieser steinernen Walburgis schon
vorgefunden und an ihrer Stelle den Dienst der hl. Walburgis eingeführt
habe. Die Heiden hätten jedoch von diesem Idol ihrer Venus nur sehr zähe
abgelassen, und daher rühre denn der bei den dortigen Weibern andauernde
schmutzige Brauch, deren Hartnäckigkeit in Sachen des Aberglaubens
allbekannt sei. Somit steht der Cult einer vorchristlichen,
norddeutschen Walburgis fest, welche in der Mönchsprache Venus und, da
sie phallische Abzeichen trug, Priapus genannt worden ist. Ihre
Hermaphroditengestaltung entspringt aus den ursprünglichen
Grundbegriffen der eddischen Götterlehre, zu Folge welcher die Gottheit
doppelgeschlechtig ist, um sich selbst ins Unendliche fort zu erzeugen.
Dem Urriesen Ymir erwuchs unter dem linken Arme Mann und Weib. Tuisco,
der vaterlose Stammgott, erzeugt aus sich selbst den Sohn Mannus. Die
Ackergöttin Walburg musste doppelgeschlechtig sein, wie die Pflanze und
das Samenkorn ein Zwitter ist. Als weiblicher Liebesgott erscheint sie
priapisch, gleich dem männlichen Liebesgotte Freyr, (ahd. Frô), welchen
Adam von Bremen Fricco unter der ausdrücklichen Beifügung benennt, er
werde phallisch abgebildet, walte über Regen und Sonnenschein und stehe
den Werken des Friedens und der Ehe vor: cujus simulachrum fingunt
ingenti priapo; si nuptiae celebrandae sunt, sacrificia offerunt
Fricconi. Sein Name gründet in der Wurzel prî = freien, woraus auch
Priapos, selbst stammt. Freyrs Schwester Freyja (gleich der
altslavischen Prija = Venus) ist daher die Ehefrau ausschliesslich. Es
ist nun gewiss ausserordentlich bedeutsam, dass sich ganz dieselbe
Verehrung heidnisch-phallischer Bildwerke im Eichstädter Gebiete, als
dem süddeutschen Schauplatze der Wirksamkeit der hl. Walburg, wieder
findet. In dem zwischen den Städten Eichstädt und Weissenburg am
Ausgänge des grossen Weissenburger Waldes gelegnen Dorfe Emmetsheim
findet sich unter mehrfachem römischem Grundgemäuer im Garten des
dortigen Wirthshauses ein antiker Steinwürfel, dessen eine Seite die
Grabinschrift einer römischen Ehefrau, die andere die eines
Merkuraltares trägt. Letztere zeigt die Herme einer stark gebrüsteten
Frau; auf der andern ist eine nackte Figur sitzend dargestellt mit aus
einander gespreizten Beinen, beide Hände am Phallus haltend. Beide
Figuren sind an den Einzeltheilen vorsätzlich verstümmelt. Noch im
vorigen Jahrhundert setzten sich unfruchtbare Weiber auf dieses
Steinbild, um dadurch zum Kindersegen befähigt zu werden, und als der
Markgraf von Ansbach am 7. April 1721 hier durchreisend den Stein besah
und um ihn für seine Kunstsammlung anzukaufen, sich an den Eichstädter
Bischof wendete, wurde ihm die Antwort, dass diese Gruppe als _Nahrung
des Wirthes_ in statu quo zu belassen sei. Sax, Gesch. v. Eichst. 1857,
S. 287. Von der Mönchsweisheit wurde dieses Bild abwechselnd bald der
Götze Miplezeth (1 Könige 15, 13), bald Priapus genannt. Falkenstein,
Nordgau. Alterth. 86. "Der Phallusdienst, sagt Grimm, Myth. 1209,
entspringt in der Kindheit der Völker aus einer schuldlosen Verehrung
des zeugenden Prinzips, die eine spätere, ihrer Sünde bewusste Zeit
ängstlich mied." Voltaire war der Urheber der tiefen Bemerkung, dass
schlüpfrige religiöse Ceremonien nichts gemeinsam haben mit schlüpfrigen
nationalen Sitten. In dem Essar sur les moeurs ch. 143, Oeuv. 17, 341
sagt er: "Unsre Vorstellungen über Wohlanständigkeit veranlassen uns zu
glauben, ein uns schamlos erscheinender Brauch könne nichts anderes als
eine Erfindung der Zügellosigkeit sein. Allein es ist unglaublich, dass
Sittenverderbniss jemals bei irgend einem Volke die Stifterin religiöser
Ceremonien gewesen wäre. Im Gegentheile ist es verbürgt, dass
dergleichen Bräuche bereits in den Zeiten der Sitteneinfalt entstanden
und dass man dabei keinen andern Gedanken hatte, als die Gottheit in dem
uns von ihr gegebnen Lebenssymbole zu verehren. Ein derartiger
Feierbrauch hatte den Zweck, die Jugend für ihre Reife zu begeistern und
kann nur einem ergreisten Gehirne in abgeklärten, abgefeimten oder
moralisch ruinirten Epochen lächerlich erscheinen."
Folgerichtig wurde nun die Göttin der Fruchtbarkeit nicht nur in ihrer
Körpergestalt priapisch gedacht, sondern auch die von ihr kommende
Frucht, in gleicher Weise künstlich geformt, zum Genusse dargeboten.
Daher weihte man den Gottheiten des Ackerbaues phallisch geformte
Kuchen. Priape, aus Weizenmehl gebacken, erwähnen Martial (XIV, 61:
Priapus siligneus; IX, 3: siligneus cunnus) und der Scholiast zu Juvenal
II, 53: membra virilia, de melle et fermento composita. Unseren eignen
Vorfahren war diese Sitte keineswegs fremd. Joh. Campegius De re cibaria
1560 schreibt: aliae placentae repraesentant virilia (si diis placet);
adeo degeneravere boni mores, ut etiam christianis obscoena et pudenda
in cibis placeant. Sunt etiam quos cunnos saccharatos appellent. Dass
solcherlei Kuchen (miches), die weiblichen Theile darstellend,
vorzugsweise in der Auvergne gebacken wurden, bemerkt Dulaur De
divinites generatrices 226 und fügt noch hinzu: dans plusieurs parties
de la France on fabrique des pains, qui ont la figure du Phallus.
Aehnliche Landesbräuche umgeben uns noch ringsum, man braucht nur die
Augen zu öffnen. Das Milchbrod der fränkischen Eierweckchen, in
bekannter zweideutiger Form gebacken, heisst in Ansbach Klärungsweck;
dieser Name wird daselbst nicht etwa von Eierklar abgeleitet, sondern
von der Clairon (gestorben 1803 zu Paris), des letzten Ansbacher
Markgrafen Hofmaitresse, deren Lieblingsspeise diese feine Brodgattung
gewesen sein soll. Archiv f. Oberfranken V. 2, 93. Das altbairische
breite Eierweckel wird als Geschenk nur an Mädchen gegeben, dagegen das
stangenartige Weissbrod des Kipferl nur an Bursche. Dass man in den
oberbair. Gegenden beiden Brodformen sexuelle Bedeutung unterlegt,
beweisen die um Rosenheim und im Chiemgau hierüber gesungenen
Schnaderhüpfeln, in denen das stuprum variirt wird. Aehnlich ist das
obscöne Gebildbrod der Meissner Fummeln, über welche Schäfer im ersten
Theil der deutschen Städtewahrzeichen 1858 gehandelt hat, und dasjenige
der verschiedenartig, stets schimpflich zubenannten Nonnenkräpflein.
Deutsche Festbrode, gebacken in Gestalt der in den Cannstatter
Grabhügeln aufgefundenen Frôbildchen, welche das gleiche Symbol des
Belebens und Wiedererweckens an sich tragen (Memminger, Beschreib. des
OA. Cannstatt, 18), heissen in Oberdeutschland Mannoggel, Nikolause,
Klausmänner, Hanselmänner, Grittebenze; in Niederdeutschland
Sengterklas, Klaskerlchen u.s.w. Die weibliche ähnlich gestaltete
Brodfigur wird gewöhnlich nur die Frau genannt. Beiden ist gemeinsam,
dass ihnen Augen, Brüste, Rockknöpfe aus Korinthen eingesetzt sind, dass
sie beide Arme in die Seite einstemmen und ihre Beine weit aus einander
spreizen; daher auch ihr Name Gritte, Grittebenz, altbair. Beingrattel,
varus oder valgus. Es ist in ihnen, also die Stellung der beiden vorhin
beschriebenen Steinbilder zu Antwerpen und Emmetsheim typisch
wiederholt. Alle diese Formen sind symbolische, dem mythischen Zeitalter
und den Urvorstellungen der Menschheit angehörende, und müssen eben
darum gegen unser Sittengesetz verstossen, weil dieses im Bewusstsein
des Naturmenschen noch gänzlich schlummert.
Bis hieher ist verspart geblieben, den Namen Walburg zu erklären und mit
den Hauptzügen seines Mythus in Verbindung zu bringen. Wie der bisher
vorgetragene Sagenkreis in zwei Hälften sich scheidet, in ein lichtes
Frühlingsgebiet und in ein dämonisches Nachtreich, so führt auch die
Etymologie des Namens in diese Doppelwelt. Die schönere Seite mache hier
den Beginn, weil sie sprachlich die ergiebigere ist.
Wenn der liebende Wuotan im Frühlingsbeginne seine Vermählung mit der
Himmelsherrin (Freyja, Frouwa) feiert, so trägt er den ahd. Beinamen des
Liebesgottes Wunscio, nordisch Oski, und ist begleitet von einem
Liebesheere von Brautjungfern, welche die schwanenweissen
Wünschelfrauen, Schwanenjungfrauen sind, nord. ôskmeyjar, Wunschmädchen.
Das Wort Wunsch stammt aus wunia, bedeutet Lust und Liebe, und führt uns
sogleich 1) auf Walburgis Mutter _Wunna_, aus deren Namen die
Lateinlegende eine Bona mater, und die niederdeutsche Legende eine _Frau
Guta_ bildete (Gretser 749), eine in der deutschen Heldensage
vielgenannte Ahnfrau der Heldengeschlechter. Sodann führt Wunsch 2) auf
den Namen eines der Brüder Walburgis, Wunnibald: der den Wonnewunsch
Gewährende.
Als Wunnas Oheim sodann wird in dem von Othlon verfassten Leben des
Bonifacius dieser Bekehrer Winfrid genannt (der Frieden Gewinnende);
diese beiden Namen alliteriren zum Namen Wunnibald und stellen also
durch gleichen Wortstamm und gleichen Anlaut, auch sprachlich eine Sippe
dar. Des andern Bruders Wilibald Name knüpft sich an den eddischen
Beinamen Odhins, Vili, opes und felicitas bedeutend. Dem Namen Winfried
entspricht der ahd. Frauenname Winburc, demjenigen Wilibalds eine ahd.
Wiliburc und Willahild; und vorgreifend sei bemerkt, dass die englische
Königstochter Werburga auch Walburg hiess: Wêrburga, Wulferi, Merciorum
regis et Ermenildae filia, quae saepius etiam Walpurga dicitur. Basnage
bei Canisius tom. II. 3, 266. Walburgis Vater heisst Richard, d.i.
dives, potens, wieder allmächtige Gott gleicherweise der Reiche genannt
wurde. Sämmtliche Namen in Walburgis' Sippschaft sind also
nächstverwandt mit den höchsten Götternamen. Der Himmel nun, in den
jenes Liebesheer geflügelter Jungfrauen das Götterpaar geleitet, ist
Walhall, nordisch Valhöll, und der silbergedeckte Saal darin heisst
Valaskiâlf, der Wunschhof, also eine Wahlburg, eine Burg der
Auserwählten. In gleicher Namensbildung wie Walburg besteht der
angelsächsische Name der Friedensgilde: Fridborg, d.i. Friedensbürgschaft.
Allein jenem Wonnemonat der Vermählung Odhins geht des Gottes stürmische
Brautwerbung im Mittwinter (den Zwölften) voraus, wo die
leidenschaftlich Wünschenden zu Verwünschten, die Liebenden zu
Wüthenden, ihre Hochzeitsreigen zu geschlechtlichen Hexentänzen werden
(Grimm, Ueber den Liebesgott). Dann ändert sich die Bedeutung des Wortes
wal (von valjan, eligere). Die Gemahlin Freyja wird eine Valfreyja, die
sich mit Odhin in die Leichen der auf der Walstatt Erschlagnen theilt,
die Jungfrauen ihres Gefolges sind die Walküren, welche die auf dem Wal
Gefallnen auswählen und für den Himmel erküren. Die Wolen, sonst nach
der Seherin Wala genannt, werden schicksalspinnende Parzen. Nun sind es
Schildjungfrauen, die unter Wetterleuchten durch den Nachthimmel
niederreiten. Sie stehen unter dem Helme, ihre Brünne ist blutbespritzt,
Feuer zuckt auf ihrem Speer. Noch fliesst Thau aus den Mähnen ihrer
Rosse herab und reiche Ernten trägt dann der wildbefeuchtete Boden; aber
zugleich flattert das Schlachtfeld von windgebauschten weissen
Kriegsmänteln, als fiele ein dichtes Schneegestöber, und von ihren
Zaubergesängen verwandelt sich der Nachtthau in Reif und Hagelschlag.
Noch ist ihre Gestalt schwanenweiss, geflügelt umschwebt Kara ihren im
Kampfe stehenden Helgi so nahe, dass dieser zum Hiebe ausholend, sie
selbst in den Fuss trifft. Allein dieser Schwanenfuss wird zugleich
verkehrt in den gegen die Hexen auf die Thüren gekreideten Trudenfuss,
oder es erscheint das leichenankündende Gespenst des Holzweibleins gar
in Gestalt einer weissen Gans (Schönwerth, Oberpf. Sag. 1, 268). Der
Schwanenfuss wird zum Gänsefuss verkrüppelt, aus der Königin Berta wird
eine Königin Gansfuss, Reine pédauque. Wollen sich die Bollandisten III,
516b erklären, warum die hl. Werburg so häufig mit der hl. Walburg
verwechselt werde, so sehen sie den Grund hievon darin, dass beiden die
Wildgänse gehorsam gewesen seien. Dahin gehören nun die vielfachen
Wunder, die am Walburgisgrabe zu Monheim an Klumpfüssigen geschehen, wie
z.B. eine Frau Manswind aus dem bairischen Markt Trutinga
(Wassertrüdingen) dorten Heilung ihres Klumpfusses gesucht und gefunden
hat. A. SS. l.c. 304. Die den Thau bescheerende, schwanenfüssige Walküre
und der für seinen gelähmten Fuss im Thau Heilung suchende Kranke
erscheinen sachverwandt; in der L. Bajuv. 4, 10 und 5, 16 wird der
Fussgelähmte nach alemannischem Ausdrucke tautragil genannt, der
Thauschlepper, wie in Friesland die Hexe daustrîker heisst, weil sie in
schädigender Absicht den Maienthau mit plumpem Fusse vom Grase streicht.
Grimm RA. 94. 630. An frühzeitigen Uebergängen des Namens Walburg in das
Gebiet des Dämonischen kann es daher nicht mangeln. Walahild heisst eine
der Walküren; Walgund ist die im Hugdietrich und im Wolfdietrich
besungene Königstochter; Walber eine nordd. Riesin; Walberan der riesig
starke, kriegsgewaltige König (im mhd. Gedichte König Laurin), welchen
Dietrich im Zweikampfe nicht zu besiegen vermag. Der Versammlungsplatz
der Hexen auf Island heisst Valakirkja und liegt am Ingolfsfjall, einem
hervorragenden Berge des dortigen Südlandes. Vala wird dorten die böse
Stiefmutter genannt im Märchen von Schneewittchen. Maurer, Isländ. Sag.
107. 280. Die niederd. Hexe Valrîderske ist eine Pferdemahr, die sich zu
ihrem Nachtritte fremder Rosse heimlich bedient, schweissbedeckt stehen
diese Morgens darauf im Stalle. Simrock, Myth. 421. So viel über den
Namen Walburg, insoweit er der Reihe der Bedeutungen nach zuerst die in
der Wünschelburg wohnende Götterjungfrau, dann eine steinschleudernde
Riesin, eine leichensammelnde Walküre, ein die Früchte und Thiere
zehntendes Zauberweib bezeichnet hat. Herabgesunken zur landschaftlichen
Sagengestalt, hat Walburg es im Hochnorden, gleich dem übrigen
Riesengeschlechte, ausschliesslich mit der Viehzucht zu thun und wird
darüber zur Göttin der W. Jagd. Bei dem 1588 zu Nürnberg abgehaltenen
grossen Fasnachtszuge erschien das Wilde Heer unter Anführung "der Frau
Holda auf einem schwarzen wilden Rosse; als die wilde Jägerin stiess sie
ins Horn, schwang die knallende Peitsche, schüttelte ihr Haupthaar wild
umher wie ein wahrer Wunderfrevel, und der mitzuschauende bamberger
Bischof sprach zum Markgrafen Albrecht von Ansbach: Das ist eure
Jagdgöttin; dieser aber erwiederte: Bannet das Ungethüm, aber nur heute
nicht!" Vulpius, Curiositäten, Bd. 10, S. 397. In Mitteldeutschland geht
sie mit dem Geschäfte des Flachsbaues und Spinnens um; in Süddeutschland
erst erscheint sie als Ackerbauerin und siedet Bier. Bei diesem
letzterwähnten Geschäfte nimmt sie den Namen der Frau Holle (die
Huldreiche) an. "Der gemeine Mann nennt sie Frau Holle und die Mägde auf
den Dörfern verstecken ihre Spindeln vor ihr", sagt im J. 1812 von ihr
ein thüringischer Bericht, Curiositäten, Bd. 2, 472; und eine schon
ältere Notiz in Prätorius, Blockesberg S. 457 lautet: "Am Walburgisabend
darf man weder spinnen noch auch das Garn nur auf der Spindel lassen,
sonst machen die Hexen Bratwürste daraus, d.h. ungleichfädiges Garn. Die
Thüringer geben vor, dann ziehe Frau Holla herum und verwirre oder hole
das Garn."--
Das schicksalwebende Wunschmädchen webt das Eheband, darum wird am
Garnfaden in der Walburgisnacht das S. 40 bereits erwähnte Liebesorakel
erforscht, und neun gesponnene Flachsknoten sind heilsam (Myth. 1182);
als flachsspinnende Schwanenjungfrau erscheint es ferner sowohl im Liede
von Wieland dem Schmied (Simrock, Myth. 345), als auch in der
schlesischen Spillaholle (die Spindelhulda), und diese wohnt im
Hollabrunn (Vernaleken, Alpensag. 121), um hier kinderlosen Eltern deren
Wunschkinder herauszuschöpfen.
In der Niederlausitz heisst Walburgis Holpurga (Pott, Familiennamen,
117), in der Oberpfalz nennt man die Hexenausfahrt zu Walburgis die
Hullfahrt, das Hullfahren, und der bezügliche Schimpfname ist
Hullsluder. Schönwerth 3, 177. Hier thut zugleich der Spirantenwechsel
das Seinige zur Namens-Umgestaltung; wie aus Wuotan ein niederd. Wôd und
Hoden wurde (englisch Robin Hood), so aus Walburg eine Frau Wulle und
Frau Hulle. Was in den Zwölften gesponnen wird, das besudeln Frau Holle
und Frau Wolle, Frau Hulle und Frau Wulle. Kuhn, NS. 417. Ebenda 418
heisst Frau Hilde _Verhellen_, bei Müllenhoff 178 _Ver-Wellen_. Der
bierschenkenden Frau Holle, welche im Walperholz bei Arnstadt Volles
Mass ausruft, ist schon im vorletzten Abschnitte gedacht worden, und mit
diesem Geschäfte Walburgis als einer den Maienthau spendenden,
älschenkenden Frühlingsgöttin werde hier abgeschlossen.
Im Herzen des bairischen Fruchtlandes werden jene drei letzten Aehren
oder Aehrenbüschel des Ackers, welche die Schnitter zum Opfer stehen
lassen, bekränzt, umbetet, umtanzt und eben so genannt, wie Walburgis
dritter Bruder heisst, Oswald, d.i. der allwaltende Ase. Dieses
Aehrenopfer ist in einer Passauer Urkunde des 13. Jahrh. Wûtfutter
genannt (Panzer BS. 2, 505), hat ebenso in Meklenburg unter denn Namen
Wode gegolten und war also in diesen beiden, geschichtlich sich
fremdgebliebnen Landstrichen ein dem Wuotan geweihtes Ernteopfer, bei
welchem man das _Wodelbier_ als Trankopfer darbrachte. Eben diese
heidnische Erinnerung ist christlich personificirt worden im hl. Oswald,
und so hat denselben Zingerle in seiner Ausgabe der Oswaldslegende pg.
74 nachgewiesen. Diese beiden leiblichen Geschwister, Oswald und
Walburg, tragen in ihrer Hand das Attribut der drei Aehren. Bruder
Oswald besitzt bei dem nach ihm benannten tiroler Dorfe eine geheiligte
Quelle, die als des Landes Jungbrunnen gilt (Zingerle, Sitten no. 936);
die Schwester Walburg spendet nebst solchen Heilquellen das besondere
Heilöl: es ist dies die Nährkraft des unter dem Einflusse des
Maienthaues sich bildenden Getreidekornes. Der Thau, der aus der Mähne
des Walkürenrosses trieft, verleiht dem Erdboden seine Lebens- und
Befruchtungsquellen; aus dem Trinkhorne bietet hierauf die Walküre
Oelrun den von ihr gebrauten Seligkeitstrank dem in den Himmel
Eingehenden. Wie war oder ist nun der Name dieses Trankes? Zum Meth
führt am Weissen Sonntag, 8 Tage nach Ostern, der altbair. Bursche sein
Mädchen, es soll sich dabei schön und stark trinken. Schmeller, Wörtb.
3, 360. Der Litthauer nennt sein Hausbier, das bei keinem häuslichen
Feste fehlen darf, Alus, das Bärtige, denn es wird aus der
grannenreichen Gerste gebraut; der Alus hat Hörner, sagt er von der
Stärke dieses Getränkes, ja Gerste bedeutet ihm überhaupt so viel wie
Getränk. Schleicher, Litthau. Märch. 1857, S. 3. 149. 160. Von der
Wirkung des Münchner Bockbieres pflegt der Baier eben dasselbe zu sagen:
der Bock hat ihn gestossen. Ob wir nun obige Walküre Oelrun in ihrem
Namen ableiten von Alarun, allwissend durch die um ihr Trinkhorn
geschrieben stehenden Runen, oder von Aelrun, die den Göttern den
Stärketrank kredenzende, so verschlägt diese doppelte Etymologie hier in
der Sache selbst nichts; Ael und Oel, beiderseits der Begriff der
Lebensnahrung, ableitend von goth. aljan lat. alere, ist hier längst in
den Eigennamen und in die bezüglichen Symbole eingedrungen. Der
Skandinavier nennt das Bier, das er im Heidenthum den Alfen opferte
(âlfablôt), heute das Engelbier: Engelöl (Mannhardt, Mythen 326). So
braut man seit Altem in England das Ale, in Rostock Oelbier (Coler,
Oeconomia lib. 2, pg. 23), in Breslau Schöps, in Wollin Bockhänger
(Klemm, Nahrung, 335), in München Bock, dessen Ausschank daselbst mit
dem 1. Mai beginnt und anzudauern hat bis Pfingsten. Er hält dorten
somit dieselben Termine ein, die kalendarisch für das Gedeihen der
Kornsaat und kirchlich für das Fliessen des Walburgisöles gegolten
haben.
Vorahnend hat Uhlands realistische Dichterphantasie den Inhalt des hier
abgeschlossnen Mythenkreises, wie folgt, umschrieben:
Auf den Wald und auf die Wiese,
Mit dem ersten Morgengrau,
Träuft ein Quell vom Paradiese,
Leiser frischer Maienthau.
Wenn den Thau die Muschel trinket,
Wird in ihr ein Perlenstrauss;
Wenn er in den Eichstamm sinket,
Werden Honigbienen draus.
Mit dem Thau der Maienglocken
Wäscht die Jungfrau ihr Gesicht,
Badet sie die goldnen Locken
Und sie glänzt vor Himmelslicht.
Selbst ein Auge rothgeweinet
Labt sich mit den Tropfen gern,
Bis ihm freundlich nieder scheinet
Thaugetränkt der Abendstern.
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