Wichtigste, was es für uns gibt, so muß es auch möglich sein, unsere
Handlungen durch freien Willensentschluß dem erkannten Sittengebot
gemäß zu bestimmen, d. h. _wir müssen frei sein_. Wir stellen weiter
die Forderung, daß der gute Wille _herrsche_. In dem kleinen Stück
Welt, das wir übersehen, ist das nun sicher nicht der Fall. Sehr oft
unterliegt der edlere Mensch dem rücksichtslosen Schurken, noch
öfter kämpft unser bestes Wollen vergeblich gegen die Widerstände
des Naturlaufs, gegen Krankheit, Mangel und Mißgeschick. Das Ganze
der Welt aber kennen wir nicht, wir wissen nicht, wie sich in diesem
Ganzen die Widersprüche ausgleichen. Indessen, aus der moralischen
Forderung folgt, daß es irgendwie eine solche Ausgleichung geben muß.
So gründet sich auf die Sittlichkeit der Glaube. Glauben bedeutet hier
nicht soviel wie »für wahrscheinlich halten«, vielmehr ist das Wort
im religiösen Sinne gemeint, etwa wie Luther es nach dem Hebräerbrief
erklärt hat: »Glaube ist die Gewißheit dessen, was man nicht siehet.«
Glaube ist Gewißheit, und weil diese Gewißheit aus den Forderungen
unserer Vernunft folgt, spricht Kant von Vernunftglauben; Glaube
ist aber die Gewißheit dessen, was man nicht sieht. Sehen, auch im
übertragenen Sinne des Wortes, können wir ja die Einrichtungen des
Weltganzen niemals. Wie die Gottheit regiert, wissen wir nicht; _nur_
=daß= _eine Gottheit regiert, ist uns moralisch gewiß_. Da wir nur im
moralischen Wollen ein wahres Verhältnis zur Gottheit haben, können wir
Gott auch nur durch rechtes Handeln dienen. Jeder Glaube, der durch
äußerliche Zeichen der Verehrung Gott wohlgefällig zu sein glaubt, ist
Aberglaube.
[Einheit der Kantischen Philosophie]
Sie erkennen, wie innerlich notwendig Kants theoretische und praktische
Philosophie zusammenhängen. Auch geschichtlich bilden beide Teile
eine untrennbare Einheit. Schon in der ersten Auflage der Kritik der
reinen Vernunft hat Kant auf die Ergänzung dieses Werkes durch die
Moralphilosophie hingewiesen. Es gab keine Zeit in Kants Leben, in
der er nur die negativen Teile seiner Philosophie besessen hätte. Ich
betone das, weil das Gegenteil oft behauptet wird. _Heinrich Heine_
hat einmal in seiner witzigen Art gesagt: Kant habe in der Kritik der
reinen Vernunft den lieben Gott totgeschlagen, dann aber habe der
Philosoph an seinen alten Diener Lampe gedacht, der ihm auf seinen
regelmäßigen Spaziergängen den Regenschirm nachtrug. Er habe überlegt,
daß Lampe ohne den lieben Gott nicht glücklich sein könnte, es sei
aber praktisch nötig, daß Lampe glücklich sei, und darum habe Kant in
der Kritik der praktischen Vernunft den lieben Gott wieder auferweckt.
Das ist ebenso amüsant wie falsch. Kant hat in der Kritik der reinen
Vernunft nicht etwa das Dasein der Gottheit widerlegt, sondern nur
falsche Beweise für dieses Dasein entkräftet und gezeigt, daß aus rein
theoretischen Gründen über die Gottheit gar nichts gefolgert werden
kann. Im Hintergrunde stand dabei die Überzeugung, daß es andere,
moralische Gründe gebe, durch die wir der Gottheit gewiß werden. Was
Heine witzig gesagt hat, wiederholte _Ernst Häckel_ später in trockenem
Lehrton; es ist aber dadurch nicht wahrer geworden. Natürlich hat
jeder denkende Mensch das Recht zu prüfen, ob der von Kant behauptete
Zusammenhang zwischen theoretischer und praktischer Philosophie
begründet ist. Aber die Behauptung, daß ein solcher Zusammenhang für
den Philosophen selbst nicht bestehe, daß Kant aus äußeren Gründen oder
aus innerer Feigheit seine Meinung geändert habe, beruht bestenfalls
auf grober Unkenntnis der Tatsachen.
Gegen meine Gewohnheit in diesen Vorträgen habe ich eben eine fremde
Auffassung schroff bekämpft. Ich mußte das tun, weil sie darauf
ausgeht, das Wertvollste, was Kants Philosophie nach meiner festen
Überzeugung für unser ganzes Leben geleistet hat, einem billigen
Hohne preiszugeben. Ich will Ihnen dieses Wertvollste jetzt noch in
einem großartigen Bilde vorführen. _Johann Gottlieb Fichte_, Kants
selbständigster Schüler, war zugleich eine lebendige Verkörperung von
Kants Moralphilosophie.
Die Betrachtung seiner Persönlichkeit rundet unsere Darstellung
gleichsam zum Kreise. Mit einer Philosophie, die ganz Leben war, habe
ich begonnen. Dann zeigte ich, wie sich mehr und mehr das Denken
zurückziehen mußte in den stillen Garten Platons und tiefer noch
in die einsame Studierstube der neueren Denker. Jetzt aber werde
ich zu Ihnen von einem Manne reden, der den Gewinn an Zusammenhang
und Gründlichkeit, wie das einsame Denken ihn bringt, wohl kannte,
der selbst einen großen Teil seines Lebens mit lebensfernen Studien
zubrachte, dann jedoch das so Errungene wieder ins Leben zurückführte
und dem Leben dienstbar machte.
_Johann Gottlieb Fichte_ wurde am 19. Mai 1762 als Sohn eines
Leinenwebers und Bandhändlers in dem Dorfe Rammenau, das zur
sächsischen Lausitz gehört, geboren. Obwohl die Handweber damals
noch nicht durch die Konkurrenz der Fabriken zum Hunger verurteilt
waren, ging es doch bei Fichtes Eltern dürftig zu, zumal dem ältesten
Sohne noch sieben Geschwister folgten. Während Fichte die Dorfschule
besuchte, mußte er zugleich als Gänsejunge zum Unterhalte der Familie
beitragen. Sein lebhafter Geist ergriff die einzige Anregung, die sich
ihm bot, mit Feuer: die sonntäglichen Predigten prägte er sich so gut
ein, daß er sie aus dem Gedächtnis herzusagen wußte. Eines Sonntags
kam zum Gutsherrn von Rammenau ein benachbarter reicher Edelmann, ein
Herr von Miltitz, zu Besuch. Als er bedauerte, die Predigt bereits
versäumt zu haben, machte man ihn auf die Fähigkeit des jungen Fichte
aufmerksam; er ließ ihn zu sich kommen und die Predigt wiederholen,
unterhielt sich darauf mit dem Knaben und fand, daß dieser nicht etwa
die Worte mechanisch hergesagt, sondern den Sinn vollständig erfaßt
hatte. Der Eindruck dieser Begabung war so stark, daß Miltitz sich
entschloß, Fichte auf seine Kosten ausbilden zu lassen.
[Fichtes Jugend]
Durch einen Pfarrer auf einem der Güter des Herrn von Miltitz
vorbereitet, trat er 1774 in die berühmte Anstalt Schulpforta ein.
Schulpforta ist ein Internat, d. h. die Zöglinge wohnen in der Anstalt.
Schon die strenge Disziplin, die hier herrschte, bedrückte den an
Freiheit gewöhnten Knaben; schlimmer aber war für sein empfindliches
Rechtsgefühl die Roheit der älteren Genossen gegen die jüngeren. Sie
trieb ihn zu einem Fluchtversuch, von dem ihn indessen der Gedanke
an seine Eltern bald zurückbrachte. So durchlief er die Anstalt und
begab sich, ausgerüstet mit gründlicher Bildung besonders in den alten
Sprachen 1780 nach der Universität Jena, die er bald mit Leipzig
vertauschte, um Theologie zu studieren.
Materielle Not, der Zwang, durch Stundengeben sein Brot zu verdienen,
beeinträchtigten sein Studium. Miltitz war gestorben; seine Erben
unterstützten ihn eine Zeitlang, aber diese stets unzureichende Hilfe
versiegte bald ganz. Die Nöte des Hauslehrer- und Hofmeisterdaseins
mußte Fichte bis auf die Neige auskosten, schließlich war er völlig
mittellos, seine Rechtlichkeit verbot ihm, Geld zu borgen, da er
nicht die Möglichkeit sah, es wiederzugeben. Aus dieser äußersten Not
befreite ihn 1788 der alte Dichter Chr. Felix Weiße, einst Lessings
Jugendfreund, indem er ihm eine Hauslehrerstelle bei einem Gastwirt in
Zürich verschaffte.
Indessen hinderte Fichte seine Selbstachtung und sein Pflichtgefühl, in
der Erziehung seiner Zöglinge eine bloße Versorgung für sich selbst zu
sehen; er faßte dieses Amt als echten Beruf auf und fühlte sich daher
berechtigt, alle Störungen in diesem Berufe zu bekämpfen. Als störend
empfand er vor allem die Schwächen der Eltern; daher legte er sich ein
Tagebuch an, in das er die bedeutendsten Erziehungsfehler der Eltern
einschrieb, und las es ihnen am Ende jeder Woche vor. Anderthalb Jahre
lang dauerte diese Tätigkeit Fichtes; und es spricht immerhin für den
Charakter jener Bürgersleute, daß das Verhältnis nicht auf ihren,
sondern auf Fichtes Wunsch gelöst wurde.
In Zürich fand Fichte nicht nur Erholung von seinen materiellen Nöten,
sondern auch zum erstenmal in seinem Leben einen ihm angemessenen
Verkehr. Besonders eng schloß er sich an einen Kaufmann Rahn an, der
einst ein Freund des Dichters Klopstock gewesen war, dessen Schwester
geheiratet hatte, und dem nach dem Tode seiner Frau die einzige Tochter
Johanna die Wirtschaft führte. Sie erkannte Fichtes hohen Wert, ihre
Liebe fand Erwiderung, und als ihr Verlobter verließ Fichte die Schweiz.
In Leipzig, wohin er zurückkehrte, erwartete ihn freilich die alte
Not, noch verschärft durch den Gegensatz gegen die hohe Meinung, die
Fichte von sich selbst hegte. Damals, am 20. Juni 1790, schrieb er
an seinen Vater: »Den gewöhnlichen Weg schleichen -- mich auf eine
Dorfpfarre setzen, kann ich einmal nicht, und Gott, der mir diesen Sinn
gab, weiß, daß ich es nicht kann.« Man gewinnt aus seinen Briefen und
seiner Lebensführung den Eindruck, daß Fichte sich zu Großem berufen
fühlte, aber noch nicht wußte, auf welchem Gebiete seine künftigen
Leistungen liegen würden. Da brachte ein scheinbar unbedeutendes
Ereignis die Entscheidung. Ein Student wünschte Unterricht von ihm in
der Kantischen Philosophie. Fichte konnte schon aus äußeren Gründen
solche Angebote nicht abweisen, und da er als gewissenhafter Mensch
doch genau kennen mußte, was er lehren sollte, vertiefte er sich in
Kants Werke. Eine neue Welt ging ihm auf. Am 5. März 1791 schrieb er an
einen seiner Brüder: »Aus Verdruß« (daß sich gewisse Aussichten nicht
erfüllten) »warf ich mich in die Kantische Philosophie, ..., die ebenso
herzerhebend als kopfbrechend ist. Ich fand darin eine Beschäftigung,
die Herz und Kopf füllte; mein ungestümer Ausbreitungsgeist schwieg:
das waren die glücklichsten Tage, die ich je verlebt habe. Von einem
Tage zum andern verlegen um Brot, war ich dennoch damals vielleicht
einer der glücklichsten Menschen auf dem weiten Runde der Erden.«
Was gab Fichte die Kantische Philosophie? Natürlich hatte er schon
vorher philosophiert; denn Philosoph wird nur, wer mit dem Verlangen
nach sicherem, einheitlichem Wissen geboren ist, und ein Mensch, in dem
der Drang des Fragens lebt, beginnt früh nachzudenken. Fichte kam dabei
zu Ansichten, die in manchem denen Spinozas ähnelten. Vor allem war er
überzeugt von der notwendigen einheitlichen Ordnung der Welt, in deren
durchgehender Bestimmtheit kein Platz für die Freiheit des Willens ist.
Gerade die Frage der Willensfreiheit hatte den tatendurstigen Jüngling
viel beschäftigt, er hatte darüber auch mit seinem Schwiegervater Rahn
diskutiert und den alten Mann zu seiner Überzeugung gebracht. Jetzt
schrieb er ihm, er erkenne, daß sie sich damals beide geirrt hätten;
denn sie seien von der unrichtigen Seite ausgegangen. Wir dürfen ja
nicht das Weltganze an den Anfang stellen, sondern wir müssen uns an
den Gesetzen und Aufgaben des Erkennens orientieren. Da das Weltganze
selbst ein Ziel für unsern Erkenntniswillen ist, täuschen wir uns,
wenn wir uns als unfreie Glieder dieses Ganzen fühlen. In Kants
Lehren findet Fichte gerechtfertigt, was sein stolzer Freiheitswille
forderte; zugleich weiß er nun, was der Kern seiner Begabung ist. Von
jetzt ab ist er ganz Philosoph; sein Ziel muß sein, das Leben nach den
Anforderungen der Philosophie zu gestalten.
Seine äußere Lage freilich war bedrängter als je, auch seine Heirat
rückte infolge geschäftlicher Verluste seines Schwiegervaters in
unbestimmte Ferne. Er mußte sich entschließen, noch einmal eine
Hauslehrerstelle anzunehmen und fand sie in einer gräflichen Familie
in Warschau. Dort traf er es indessen weit ungünstiger als bei jenen
Züricher Bürgersleuten, die sich dem Eindruck seiner Persönlichkeit
nicht hatten entziehen können. Die Gräfin, die ihren Gemahl völlig
beherrschte, sah in dem Hauslehrer nur einen Bedienten, von dem sie
Unterordnung unter ihre Launen und die Manieren eines französischen
Tanzmeisters verlangte. Gleich die erste Unterredung verlief so, daß
Fichte die Stellung nicht antreten konnte; die Entschädigung die er für
die Geld- und Zeitverluste der weiten Reise fordern mußte, erhielt er
erst, als er mit gerichtlicher Klage drohte.
[Fichtes philosophische Anfänge]
Da Fichte nach Empfang der Entschädigung einige Mittel besaß und sich
zudem nicht sehr weit von Königsberg befand, beschloß er, dort Kant
aufzusuchen, den er unter allen Lebenden am höchsten verehrte. Aber
dieser Besuch brachte ihm zunächst eine neue Enttäuschung. Der große
alte Mann, der oft von unbekannten Besuchern belästigt wurde, empfing
den Kandidaten der Theologie Fichte, wie dieser selbst schreibt, »nicht
sonderlich«. Um sich eine andere Aufnahme zu verdienen, blieb Fichte
nun in Königsberg und arbeitete in wenigen Wochen seine Gedanken über
Religionsphilosophie aus. Die Handschrift schickte er unter dem Titel:
»_Versuch einer Kritik aller Offenbarung_« an Kant, der daraus die
Begabung des Einsenders erkannte und Fichte bei einem neuen Besuche,
wie wir wiederum von diesem selbst wissen, »mit ausgezeichneter Güte«
aufnahm. Fichte war gezwungen, diese Güte für sein äußeres Leben in
Anspruch zu nehmen, da seine Mittel erschöpft waren. Kant gewährte
das erbetene Darlehn seinen Grundsätzen gemäß nicht, half aber in
viel gründlicherer und vornehmerer Weise dadurch, daß er Fichte einen
Verleger für seine Arbeit und eine passende Hauslehrerstelle bei einem
Grafen Krockow in der Nähe von Danzig verschaffte. Dort fühlte er sich
bei gebildeten Menschen wohl und hatte Muße, seine Schrift eingehend
durchzuarbeiten. Ostern 1792 erschien sie im Buchhandel; gegen
Fichtes Wunsch, aber vielleicht nicht ohne Nebenabsicht des Verlegers
anonym. Eines der ersten kritischen Blätter jener Zeit, die Jenaer
Literaturzeitung, erklärte, der erhabene Verfasser lasse sich gar nicht
verkennen, das Buch sei von Kant. Natürlich berichtigte Kant das sofort
und nannte als Verfasser den Kandidaten der Theologie Johann Gottlieb
Fichte. Dadurch war der unbekannte Hauslehrer plötzlich ein berühmter
Mann geworden; denn wer ein Buch schreiben konnte, das man für ein Werk
Kants hielt, hatte Anspruch auf allgemeine Beachtung.
Auch äußerlich wendete sich jetzt sein Geschick. Sein Schwiegervater
hatte wenigstens einen Teil seines Vermögens retten können, und Fichte
durfte nun endlich an die Heirat denken. Er ging nach Zürich und führte
am 22. Oktober 1793 seine Braut heim. Den Winter verbrachte das junge
Paar in der Heimat der Frau; Fichte lebte in einem angeregten Kreise
und lernte auch den großen Propheten echter Volksbildung _Pestalozzi_
kennen. Zugleich zeigte sich die Richtung seines Geistes, die
philosophischen Erkenntnisse für die Erfassung der Gegenwart nutzbar
zu machen, und seine Begeisterung für einen freien Staat in einer
Schrift über die Französische Revolution. Im Sommer des nächsten Jahres
folgte er einem Rufe an die Universität Jena und übte dort vom ersten
Tage an eine hinreißende Wirkung auf die Studenten aus. Von vornherein
zerfiel seine Lehrtätigkeit in zwei Teile: in umfangreichen Vorlesungen
bildete er die Kantische Philosophie in seiner Weise fort, während
er in kürzeren, allgemeinverständlichen Vorträgen im Geiste dieser
Philosophie auf die Menge der Studierenden einwirkte und ihnen die
echten Lebensaufgaben der gelehrten Stände vor Augen führte.
[Die Wissenschaftslehre]
Die theoretische Philosophie Fichtes ist zu schwierig, um hier
dargestellt zu werden. Nur was der Philosoph wollte, kann ich Ihnen
deutlich machen. Ich sagte vorher: Kants Philosophie gab ihm die
Möglichkeit, die Freiheit des Willens zu bejahen. Er sah nun ein, daß
zwei Weltanschauungen entstehen, je nachdem man von den Dingen, von der
Natur ausgeht oder von dem Ich, von seiner Tat im Erkennen und Handeln.
Die erste Weltanschauung hat Spinoza am folgerichtigsten durchgebildet,
Kant hat sie widerlegt. Aber Kant, obwohl er im erkennenden und
handelnden Ich das Zentrum aller Einsicht entdeckte, hat doch die
einzelnen Grundsätze nicht aus diesem Einheitspunkte abgeleitet. Das
will Fichte tun. Die Vielheit der Kategorien, die Anschauungsformen,
der Stoff sinnlicher Empfindungen stehen bei Kant nebeneinander, sie
sollen aus _einem_ Grundsatze abgeleitet werden. Gegenstand dieses
Grundsatzes kann nur das Zentrum des Erkennens, das Ich sein. Obwohl
Fichte nicht wie Spinoza von der Substanz ausgeht, von einem festen
Ganzen, das uns gegeben ist, sondern vom Handeln des Ich, begegnet ihm
doch die Schwierigkeit, die wir am Systeme des Spinoza aufgewiesen
haben: die Inhaltfülle der Welt aus einem Grundsatze abzuleiten. Er hat
sein Leben lang mit diesem Problem gerungen; wir können die Versuche
der Lösung nicht verfolgen, so wertvoll sie für den Fortschritt
philosophischer Erkenntnis sind. Eine befriedigende Lösung konnte
er nicht finden. Wichtig ist uns, daß Fichte in der Richtung seines
Denkens Kantianer bleibt, insofern er nicht von den Dingen, sondern
von der Erkenntnis der Dinge ausgeht. Philosophie ist also nicht
Weltweisheit, wie man früher wollte, sondern, wie Fichte sie nannte,
_Wissenschaftslehre_. Kant hatte an die einzelnen Voraussetzungen der
Wissenschaft angeknüpft, Fichte suchte den einheitlichen Zusammenhang
aller dieser Voraussetzungen abzuleiten. Gemeinsam ist ihnen allen,
daß sie Formen des Erkennens sind, ihre Einheit muß also die Einheit
des Erkennens sein. Eine solche Einheit der vereinzelten Eindrücke
und Vorstellungen haben wir im Sinne, wenn wir sagen: ich erkenne.
Uns selbst fühlen wir als Vereinigung, als Einheitsquelle aller
Einzelheiten. Aber als solche Einheitsquellen sind wir alle wesentlich
gleich, hierfür kommt die Verschiedenheit der Menschen voneinander
nicht in Betracht. Wir wissen ja bereits, daß die Vernunft nicht dem
einzelnen Menschen angehört. In uns finden wir, sobald wir auf uns
selbst reflektieren, diese allgemeine Vernunft als ein Handeln gemäß
der Forderung der Wahrheit. Wir finden uns als Einheit, als »Ich«,
nicht als bloße Summe von Eindrücken und Vorstellungen, sofern dieser
Einheitswille der Vernunft in uns lebt. An diese allgemeine Vernunft,
die den einzelnen erst zum Ich macht, denkt Fichte, wenn er in seiner
Philosophie vom Ich ausgeht, ganz und gar nicht an seine eigene
begrenzte Person. Der oft wiederholte Spott, daß Fichte sich selbst für
den Schöpfer der Welt gehalten habe, trifft also den Philosophen gar
nicht.
Indessen hat dieses reine Ich doch eine sehr innige Beziehung zu jedem
einzelnen Menschen; denn jedem von uns ist als Aufgabe gestellt, das
reine Ich, die Vernunft, zu verwirklichen. Auf zwei Wegen muß dies
geschehen: theoretisch durch immer vollkommenere Erkenntnis, praktisch
durch Unterwerfung der Welt unter den vernunftgeleiteten Willen.
Was wir äußere Welt nennen, kommt für uns nur als Material dieser
Tätigkeiten in Betracht.
Gemäß diesen Grundsätzen handelte Fichte und führte, was er für Recht
hielt, ohne irgendwelche Rücksichten durch. Konflikte konnten bei einer
solchen Denkungsart nicht ausbleiben. Bald geriet er in Streitigkeiten
mit zuchtlosen studentischen Verbindungen; von allgemeinerem Interesse
aber sind andere Kämpfe, durch die er gezwungen wurde, Jena zu
verlassen.
Fichte ließ in einer von ihm herausgegebenen philosophischen
Zeitschrift einen religionsphilosophischen Aufsatz abdrucken, dessen
Inhalt er mißbilligte, den er aber doch für beachtenswert hielt. Um
dabei seine abweichende Überzeugung geltend zu machen, veröffentlichte
er gleichzeitig eine eigene Arbeit über den gleichen Gegenstand, die
seine Auffassung von Kants Vernunftglauben entwickelte. Gott, so führte
er aus, kann von uns nur in Beziehung auf uns selbst erfaßt werden; ein
Recht, unserem Sein ewige Bedeutung und damit Beziehung zur Gottheit
zu geben, haben wir aber nur, sofern wir moralische Wesen sind. Die
Unvollkommenheit, deren wir uns immer bewußt bleiben, bedarf hier einer
Ergänzung, und da die Forderung der Moral das Allergewisseste ist,
sind wir auch dieser Ergänzung gewiß. Wir sind also überzeugt, daß die
Ordnung der Welt mit den Anforderungen der Moral übereinstimmt; diese
moralische Weltordnung und nichts anderes ist uns Gott. Die Mehrzahl
der Menschen glaubt in der Gottheit ein Wesen neben andern Wesen zu
haben, eine Macht, mit der sich verhandeln läßt, und die dazu da ist,
unsere Wünsche zu erfüllen, wenn wir ihr gewisse Dienste leisten.
Gegen einen solchen lohnsüchtigen, moralisch verwerflichen Glauben
wendete sich Fichte im Namen der wahren Religion. Der Gott, den jener
Aberglaube meint, existiert nicht.
[Atheismusstreit]
Aus solchen Äußerungen leiteten Fichtes Gegner ihren Vorwurf her,
daß der Philosoph ein Gottesleugner, ein Atheist sei. Eine anonyme
Broschüre giftigster Art warnte vor dem Verführer der Jugend und fand
trotz ihrer offenbaren Gehässigkeit Gehör; die Dresdner Regierung
forderte das Ministerium von Sachsen-Weimar zum Einschreiten gegen
Fichte auf. Im Weigerungsfalle drohte sie, ihren Untertanen den Besuch
der Universität Jena zu verbieten. Da eine solche Maßregel für die
Universität gefährlich geworden wäre, suchte man in Weimar nach einem
Ausweg, der die Dresdner Regierung beruhigte, ohne Fichte und die
Freiheit der Wissenschaft zu verletzen. Man hätte am liebsten alles
Aufsehen vermieden und der Form wegen Fichte einen Verweis erteilt,
ohne ihn im übrigen in seiner Freiheit einzuschränken. Der stolze Mann
aber war keineswegs geneigt, ungerechten Tadel hinzunehmen, zumal in
ihm die Freiheit der Wissenschaft angegriffen war; er durchkreuzte
daher alle Versuche diplomatischer Vertuschung, indem er sich zugleich
vor der Öffentlichkeit in einer Broschüre und vor der vorgesetzten
Behörde in einer ausführlichen Eingabe verteidigte. Das Recht stand
bis hierher vollständig und unzweifelhaft auf seiner Seite; leider
ließ er sich indessen durch den schlechten Rat eines Freundes dazu
verführen, in einem schroffen Brief an einen der vorgesetzten Beamten
zu erklären, daß er im Falle eines Verweises Jena verlassen müsse und
daß andere Professoren sich ihm anschließen würden. Die Drohung, die in
diesem Briefe lag, verletzte Goethe, der als weimarischer Minister die
entscheidende Stimme hatte, aufs tiefste. Aus seiner hohen Vorstellung
von dem Werte staatlicher Autorität heraus erklärte er, er würde seinen
eigenen Sohn maßregeln, wenn er einen solchen Brief an seine Regierung
zu schreiben wagte. Obwohl Fichte jenen unbesonnenen Schritt bereits
bedauerte, wurde ihm doch zugleich mit dem Verweis die angebotene
Entlassung erteilt. Da die kursächsische Regierung ihm sogar den
Aufenthalt in sächsischen und thüringischen Landen unmöglich zu machen
suchte, begab er sich nach Berlin. Auch dorthin verfolgten ihn seine
Gegner; aber der schlicht fromme König Friedrich Wilhelm III. soll, als
Fichtes Angelegenheit ihm vorgetragen wurde, gesagt haben: »Ist Fichte
ein so ruhiger Bürger, als aus allem hervorgeht, und so entfernt von
gefährlichen Verbindungen, so kann ihm der Aufenthalt in meinen Staaten
ruhig gestattet werden. Ist es wahr, daß er mit dem lieben Gotte in
Feindseligkeiten begriffen ist, so mag dies der liebe Gott mit ihm
abmachen, mir tut das nichts.«
[Der geschlossene Handelsstaat]
In Berlin war Fichte schriftstellerisch außerordentlich tätig. Unter
seinen Arbeiten aus dieser Zeit wollen wir nur eine näher betrachten,
weil sie für seine Übertragung der philosophischen Grundsätze auf die
Fragen des Lebens sehr bezeichnend ist. Sie ist unter dem Titel »_Der
geschlossene Handelsstaat_« 1800 erschienen.