Durchaus von Kantischen Grundsätzen ausgehend, wendet Fichte diese

doch in höchst eigenartiger Weise an. Kantisch ist die Bestimmung des

Verhältnisses von Staat und Sittlichkeit. Die Sittlichkeit besteht

nur in der Güte des Willens; der bloße Gehorsam gegen die Gesetze,

die Gesetzlichkeit oder Legalität, ist keineswegs Sittlichkeit.

Umgekehrt hat die äußere Macht, der Staat, gar keine Möglichkeit,

seine Bürger sittlich zu machen; das ist auch durchaus nicht seine

Aufgabe. Ihm kann es nur darauf ankommen, daß das äußere Zusammenleben

seiner Bürger geordnet sei. Für die Gesetze des Zusammenlebens, die

der Staat aufstellt, fordert er Gehorsam, ohne sich um die Gründe

dieses Gehorsams weiter zu kümmern. Aber unser ganzes Leben steht

im Dienste der sittlichen Aufgabe; auch der Staat, obwohl er nicht

direkt Wächter und Förderer der Sittlichkeit ist, hat doch mit der

ganzen äußeren Ordnung, die er aufstellt und schützt, nur als Diener

sittlichen Strebens Wert und Recht. Jeder Mensch ist verpflichtet,

die ihm gestellten sittlichen Aufgaben zu erfüllen, er kann das nur,

wenn er sich seinen Anlagen und Kräften gemäß betätigt. Aus Pflichten

entspringen nach Fichtes Überzeugung alle Rechte; denn jeder darf

fordern, daß er instand gesetzt werde, seine Pflicht zu erfüllen. Soll

der Mensch sich betätigen, so muß er leben und wirken können. Es ist

die Aufgabe des Staates, ihm diese Möglichkeit gegen äußere Eingriffe

zu gewährleisten. Jeder soll arbeiten; um zu arbeiten, muß er leben.

Darum gibt es ein unbedingtes Recht, ein Urrecht jeder Person, sofern

sie arbeitswillig oder arbeitsunfähig ist, auf den notwendigen

Lebensunterhalt. Ihr diesen Unterhalt zu gewähren, ist kein Almosen,

sondern Pflicht. »Daher hat der Arme ein absolutes Zwangsrecht auf

Unterstützung.« Aber da der Mensch nur als moralische Person, d. h.

als wollende und arbeitende, ein Recht auf Dasein hat, so soll jeder

auch nur von seiner Arbeit leben. Wenn der Staat die Aufgabe hat,

jedem dieses Recht zu sichern, so muß er auch die Mittel zur Erfüllung

dieser Aufgabe haben, d. h. er muß die Herstellung und Verteilung der

Lebensbedürfnisse überwachen; er muß etwa befehlen können, daß der

Boden zum Anbau von Getreide und nicht zu Jagdgründen benutzt wird,

er muß dafür sorgen, daß ein genügender Teil seiner Bürger sich mit

der Herstellung der nötigsten Nahrungsmittel beschäftigt usw. Soll der

Staat die Produktion regulieren, so muß er sie übersehen können. Das

vermag er indessen nur zu tun, wenn sein Wirtschaftsgebiet geschlossen

ist. Er kann doch z. B. nur dann die Herstellung einer Ware befehlen,

wenn zugleich für ihren Absatz gesorgt wird. Dann aber darf diese

Ware nicht durch billigere Produkte des Auslandes vom heimischen

Markte verdrängt werden. Darum also muß der Staat ein geschlossener

Handelsstaat sein. Vom Auslande ist nur zu beziehen, was das Inland

aus klimatischen oder ähnlichen Gründen nicht erzeugen kann und was

zugleich unentbehrlich ist. Den Einkauf dieser Waren im Austausch gegen

überschüssige Produkte des Inlands behält sich der Staat vor.

Fichte hat nicht etwa gemeint, daß diese Wirtschaftsordnung ohne

weiteres eingeführt werden könnte, er wollte nur ein Idealbild

aufstellen und forderte von dem wirklichen Staate, daß er sich diesem

Ideale allmählich nähere. Fichtes Idealstaat ist sozialistisch, sofern

die Staatsgewalt ein sehr weitgehendes Aufsichtsrecht über Erzeugung,

Verteilung und Verbrauch der Güter erhält. Kommunistisch freilich

ist er nicht; denn das Privateigentum, auch das Privateigentum an

Produktionsmitteln, bleibt bestehen. Außer durch diesen Umstand

unterscheidet sich Fichtes Sozialismus von der bei unseren

Sozialdemokraten herrschenden Richtung trotz mancher Ähnlichkeit

doch durch die Art seiner Begründung. Diese gibt jedem Menschen den

gleichen Anspruch auf Glück, für Fichte dagegen ist wie für seinen

Lehrer Kant nicht Glück, sondern sittliche Betätigung das Ziel des

Menschenlebens. Aus diesem Ziele leitet er auch das Eigentumsrecht

ab. Wir haben Eigentum im Grunde nur insofern an den Dingen, als

wir gewisse Handlungen an ihnen vornehmen dürfen. Ein Werkzeug

gehört mir, das bedeutet, ich habe ein Recht, es zu benutzen. Die

Ausschließlichkeit dieses Rechtes ist nötig, weil nicht mehrere

zugleich dieselben Handlungen mit demselben Dinge vornehmen können.

Diese Ausschließlichkeit oder das Eigentumsrecht im eigentlichen Sinne

des Wortes gibt es nur im Staat und durch den Staat; also hat der Staat

auch die Aufgabe, dieses Recht so zu bestimmen und zu beschränken, daß

es den Anforderungen der sittlichen Ordnung der Menschenwelt genügt.

Wir haben nicht zu untersuchen, ob und inwieweit die einzelnen

Vorschläge des geschlossenen Handelsstaates notwendig, zweckmäßig und

durchführbar sind. Philosophisch wichtig ist die Art ihrer Begründung,

und diese muß für solche Untersuchungen vorbildlich bleiben, mögen

auch alle Einzelheiten durch veränderte Verhältnisse und erweiterte

nationalökonomische Kenntnisse sich ganz anders darstellen.

Unwillkürlich werden Sie bei diesem Staatsideal an den platonischen

Staat zurückgedacht haben. Der Gegensatz fällt sofort in die Augen:

Platon hatte zwar für die oberen Stände das Privateigentum abgeschafft,

aber -- wenigstens im »Staat« -- keinen eigentlichen Sozialismus

gelehrt; denn die Eigentumsverteilung des wirtschaftlich arbeitenden

Volkes, die ganze Lage dieses Volkes war ihm gleichgültig gewesen.

Das hängt mit Platons Philosophie aufs engste zusammen; ihm kam es

überall nur darauf an, daß die Ideen sich rein in der Wirklichkeit

spiegeln, daher bestand für ihn die Aufgabe des Staates darin, die

Idee des Menschen, der kein einzelner gleichzukommen vermag, im

Großen darzustellen. Der Nährstand entsprach dabei den niederen

Begierden und Trieben, die zum Leben nötig sind, im übrigen aber

dienen müssen. So hoch diese Anschauung mit ihrer reinen Hingabe an

das Ideal auch steht, immer blickt sie auf den _Erfolg_, nicht auf den

_Willen_; wer jeder Menschenseele die Anlage zur vollen Sittlichkeit

zuspricht, wer im guten Willen unabhängig von der Höhe der Erkenntnis

und der Größe der Fähigkeiten den höchsten Wert sieht, kann solche

aristokratische Härte nicht gutheißen. Das Christentum, für das

jeder Mensch zur Gotteskindschaft berufen ist, mußte den starren

antiken Stolz schmelzen; erst auf seinem Boden konnte der Gedanke

von dem unvergleichlichen Werte jeder Seele wachsen, den die neuere

Philosophie zur Klarheit brachte. Die Idee der Menschheit liegt für

Kant und Fichte in jedem einzelnen Menschen, und darum hat jeder ein

Recht darauf, sich seinen Fähigkeiten gemäß als freie, sittliche

Persönlichkeit zu betätigen.

Fichte blieb mit Ausnahme einer kurzen Lehrtätigkeit an der damals

preußischen Universität Erlangen in Berlin. Er ließ seine Familie

dorthin nachkommen und verkehrte viel mit allen führenden Geistern der

preußischen Hauptstadt. Berlin besaß damals noch keine Hochschule, aber

dem Bildungsbedürfnis weiter Kreise kam man durch Vorlesungen entgegen.

So hielt auch Fichte öffentliche Vorträge, die sehr besucht waren.

In diesen Reden schmeichelte er der vornehmen und bildungsstolzen

Gesellschaft keineswegs, erfüllte vielmehr hier wie immer, wenn er

sich an die breitere Öffentlichkeit wandte, die Aufgabe, durch die

Philosophie auf das Leben bessernd zu wirken. Ja, er faßte diese

Aufgabe jetzt noch viel genauer. Er stellte nicht mehr bloß ein Bild

des Gelehrten, des Staates, des Menschen auf, wie er sein sollte,

sondern er fragte nach der besonderen Beschaffenheit seiner Zeit und

nach den Aufgaben, die aus dieser besonderen Beschaffenheit folgten.

[Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters]

Im Winter 1804--1805 hielt er Vorträge unter dem Titel: _Grundzüge

des gegenwärtigen Zeitalters_. Die Frage, was bedeutet unsere Zeit,

kann man nur beantworten, wenn man eine Überzeugung von der Bestimmung

des Menschengeschlechtes zugrunde legt und dann untersucht, wie

sich die bisherige Entwicklung zu dieser Bestimmung verhält. Das

Ziel des Menschen ist sittliches Handeln, d. h. ein Handeln aus

Pflichtbewußtsein und zugleich aus voller Pflichterkenntnis. Seine

Pflicht erkennen aber kann nur der Mensch, in dem das vernünftige

Denken frei und mächtig geworden ist. Auch soll er ja das Rechte

aus seiner eigenen Erkenntnis heraus tun, er soll autonom sein und

nicht einer fremden Autorität folgen. Wenn die Menschheit auf dieser

Stufe stehen wird, so werden auch alle äußeren Angelegenheiten

den Anforderungen der Vernunft gemäß geordnet sein. Das Ziel der

Menschheit ist also ein Zeitalter der Vernunftkunst. Wie verhält sich

nun die bisherige Entwicklung zu diesem Ziele? Der Mensch soll sich

zum Vernunftwesen entwickeln. Daraus folgt, daß er am Anfang seiner

Geschichte noch kein solches Vernunftwesen ist, aber doch die Anlage

dazu in sich hat. Die noch unbewußte Anlage bewährt sich zunächst in

einer für die früheren Zustände des Menschengeschlechts zweckmäßigen

Lebensordnung. Da diese Regelung nicht dem Denken entstammt, doch

aber zweckmäßig ist, spricht Fichte von einem Vernunftinstinkt. Noch

unfähig, sich selbst das Gesetz zu geben, unterwerfen sich die Menschen

einer äußeren Autorität. Ein bloß gesetzliches Handeln gewöhnt sie

an Beherrschung ihrer sinnlichen Triebe durch ein Gebot. Zugleich

bilden sich die äußeren Formen des menschlichen Zusammenlebens aus,

auch sie geschützt durch die Heiligkeit göttlicher Gebote. Da aber

der Mensch dazu bestimmt ist, frei zu werden, so muß er aus diesem

Zustande heraustreten, er muß dazu übergehen, selbst zu prüfen und

nur das zu befolgen, was er für recht erkannt hat. Diese Befreiungs-

und Aufklärungsbewegung führt zunächst zum Zweifel an dem Rechte

der Autoritäten, die bis dahin die egoistischen Triebe in Schranken

gehalten haben, und bald zur Leugnung dieses Rechtes. Da die Einsicht

in das Sittengesetz, in die Notwendigkeit der Vernunft fehlt, folgt

jeder seiner eigenen Selbstsucht. Nur die gegenseitige Furcht

hält die Ordnung der menschlichen Gesellschaft noch aufrecht. Aus

wohlverstandenem Eigennutz schont man Leben und Eigentum der andern,

damit diese uns die gleiche Rücksicht zuteil werden lassen; aber

niemand will für das Ganze, für große sittliche Ziele Opfer bringen.

Dieser Zustand kann nur überwunden werden, wenn das von seinen Fesseln

befreite Denken sich auf die in ihm selbst liegenden Befehle der

Vernunft besinnt, und wenn das durch keine Autorität mehr gebundene

Handeln sich aus Erkenntnis seiner Pflicht in den Dienst der großen

Ziele der Menschheit stellt. Noch, so sagt Fichte zu seinen Hörern, die

meist in dem Gefühle lebten, es herrlich weit gebracht zu haben, noch

fehlt den meisten diese Einsicht und dieser Entschluß, noch leben wir

im Zeitalter der vollendeten Sündhaftigkeit. Die Menschheit muß durch

diesen Zustand hindurch, aber nur solche Völker werden die allgemeine

Kultur fördern und selbst weiterbestehen, deren Mitglieder aus eigener

Freiheit sich sittlich bestimmen.

Denken wir an den Zeitpunkt jener Vorträge, so wirken sie fast

prophetisch. Schon 1806 brach der preußische Staat zusammen. Nach

der Schlacht bei Jena (14. Oktober 1806) verließ Fichte Berlin. Er

konnte nicht als Untertan des fremden Eroberers leben, der für ihn

eine Verkörperung kraftvoller Selbstsucht war, und dessen Sieg er sich

daraus erklärte, daß seine Gegner Selbstsucht mit Schwäche paarten.

In Königsberg, wohin Fichte dem König gefolgt war, faßte er, als

Preußen und Deutschland für immer vernichtet schienen, zugleich mit

wenigen andern Getreuen Entschluß und Plan der inneren Erneuerung. Der

Grundsatz seiner kraftvollen Sittlichkeit: »Du kannst, denn du sollst«,

hatte sich jetzt zu bewähren. Der lebenden Generation freilich traute

er die Kraft sittlichen Entschlusses nicht zu, sondern erwartete die

Besserung von einem besser erzogenen Geschlechte. Jetzt erkannte er die

volle Bedeutung der neuen Erziehungsweise, die er bei Pestalozzi in

Zürich kennengelernt hatte.

[Reden an die deutsche Nation]

Um die in Königsberg gefaßten Vorsätze zu verwirklichen, hielt er

in Berlin, wohin er nach dem Friedensschlusse zurückgekehrt war,

unter den Augen der französischen Spione im Winter 1807--1808 seine

berühmten _Reden an die deutsche Nation_. Kurz zuvor war in Nürnberg

der Buchhändler Palm standrechtlich erschossen worden, weil in seinem

Verlage eine gegen Napoleon gerichtete Broschüre erschienen war. Unter

dem Eindruck dieser Gewalttat schrieb Fichte am 2. Januar 1808 an

Beyme: »Ich weiß recht gut, was ich wage, weiß, daß ebenso wie Palm das

Blei mich treffen kann. Aber dies ist es nicht, was ich fürchte, und

für den Zweck, den ich habe, würde ich auch gerne sterben.«

Die Reden an die deutsche Nation knüpften unmittelbar an die

»Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters« an. Die Zeit der

vollendeten Sündhaftigkeit hat ihre Früchte gezeitigt, der Staat ist

zusammengebrochen. Jetzt hat es keinen Sinn mehr, über vergangene

Sünden zu rechten, sondern es kommt darauf an, einen neuen Entschluß

zu fassen. Denn sonst wird das deutsche Volk geknechtet bleiben, damit

aber wäre die Zukunft der ganzen Menschheit gefährdet.

Fichte hat sich, wie wir wissen, schon vorher der Wirklichkeit mehr

und mehr genähert. Jetzt, unter dem Eindruck der Vernichtung aller

deutschen Staaten, tat er den letzten entscheidenden Schritt. Schon

der Titel beweist das: er spricht nicht mehr zu Menschen schlechthin

oder zu Gelehrten schlechthin -- er spricht zu Deutschen. Fichte

hat die sittliche Notwendigkeit des besonderen deutschen Volkstums

in seinem Schmerz um den Zusammenbruch, in seinem Kampf um die

Umgestaltung erlebt. Aber wie er überall nicht vermag, die Anerkennung

des Gegebenen mit der Einheit der Vernunft zu verbinden, so gelingt

ihm auch hier die Erhebung seines Vernunftinstinktes zu einsichtigem

Bewußtsein nicht ohne Rest. Er kann nicht das Recht der geschichtlich

gewordenen Mannigfaltigkeit verschiedener Nationen anerkennen, die

auf verschiedenen Wegen dem Ziel des rechten Volkslebens nachstreben.

Vielmehr fordert seine Einheit heischende Vernunft _ein_ Volk, und

dies eine Volk sieht er jetzt in den Deutschen, weil sie allein unter

den Völkern germanischer Herkunft sich die Reinheit der Ursprache

bewahrt haben (die Skandinavier zählt er folgerecht zu den Deutschen).

Die anderen Völker können nur durch das Menschheitsvolk, durch die

Deutschen, zur Höhe der wahren Menschheit erhoben werden. Dabei denkt

Fichte freilich nicht an Gewalt oder politische Herrschaft, sondern

nur an geistige Einwirkung. Voraussetzung dazu ist aber die staatliche

Unabhängigkeit. Nur ein von äußerer Herrschaft freies Volk kann seine

Aufgabe erfüllen; auch der einzelne kann nur als Glied eines freien

Volkes erfolgreich wirken. Darum muß er mit Einsetzung aller Kraft

danach streben, daß das Volk, dem er angehört, dessen Sprache sein

Innenleben gebildet und genährt hat, auch nach außen seine Geschicke

selbst bestimmt, wenn nötig Gewalt der Gewalt entgegensetzend.

Freilich, der tiefste sittliche Wert des einzelnen ist vom Erfolge

unabhängig; er kann ohne Schuld sein, wenn sein Volk untergeht, er kann

und darf dann bei seinen vergeblichen Kämpfen Trost aus dem Glauben

schöpfen, daß auch erfolgloses, sittliches Wirken ewigen Wert hat und

irgendwie, auch wenn wir es nicht zu erkennen vermögen, der moralischen

Weltordnung dient. Aber dieser letzte Trost der Religion, der den

verzweifelten Kämpfer aufrechterhält, soll nicht die Schlaffheit

beschönigen. Gerade weil Fichte ganz von lebendiger Religion

durchdrungen war, hatte er scharfe Worte gegen die, die aus der ewigen

Seligkeit ein Schlummerkissen machen wollten. Wir sind auf der Erde,

um hier nach Kräften dem für recht Erkannten zum Siege zu verhelfen.

»Der natürliche, nur im wahren Falle der Not aufzugebende Trieb des

Menschen ist der, den Himmel schon auf dieser Erde zu finden, und ewig

Dauerndes zu verflößen in sein irdisches Tagewerk, das Unvergängliche

im Zeitlichen selbst zu pflanzen und zu erziehen.« In diesem Sinne

ruft Fichte hier die Deutschen auf. Jeder soll an der besseren Zukunft

mitarbeiten. Denn im Entschlusse jedes einzelnen liegt das Heil. »Diese

Reden sind nicht müde geworden euch einzuschärfen, daß euch durchaus

nichts helfen kann denn ihr euch selber.« Im energischen Willen allein

liegt die Möglichkeit einer Besserung.

Der Wille eines ganzen Volkes aber ist nicht auf einmal umzuwandeln.

Hier muß die Erziehung eintreten, und darum entwickelte Fichte in den

Reden an die deutsche Nation einen großgedachten Erziehungsplan, dessen

Einzelheiten ich nicht besprechen kann. Fichte knüpfte an Pestalozzis

Versuche an, jedem, auch dem ärmsten Kinde, zu freiem menschlichen

Bewußtsein, zur Beherrschung seiner Sinnes- und Verstandesgaben zu

verhelfen, den Geist jedes Kindes frei zu machen durch Arbeit, Einsicht

und Liebe. Wie Fichte diese Erziehung fern von der Verderbnis der ihn

umgebenden Welt durchgeführt denkt, ist uns weniger wesentlich. Das

Entscheidende ist, daß jeder zur Selbsttätigkeit und zur freiwilligen

Unterwerfung unter das für recht Erkannte erzogen werden soll. Nicht

dumpfe Knechte einer äußeren Autorität, nicht schlaffe Sklaven der

eigenen sinnlichen Triebe, sondern freie Diener des Vernunftgebotes,

autonome Menschen sollen gebildet werden.

Nicht in den Mitteln der Erziehung, wohl aber in dem Werte, den er

auf Erziehung und Bildung legte, und in dem hohen Ziele, das er der

Bildung gab, stimmte Fichte mit den Männern überein, die Preußen

damals von Grund auf erneuerten. Sie konnten das ungestört tun, denn

den politischen Wert der besseren Erziehung erkannte Napoleon nicht.

In diesem Sinne wurde unter Fichtes lebhaftester Anteilnahme die

Universität Berlin begründet. Auch diesmal entsprach die Wirklichkeit

nicht ganz den strengen und hohen Ansprüchen des Philosophen. Aber

Fichte wußte jetzt, daß wir in der Umgebung, in die wir hineingesetzt

sind, zu wirken haben trotz aller Widerstände; er ließ daher das Werk

nicht im Stich.

[Fichtes Tod. Rückblick]

Als dann 1813 der Befreiungskampf begann, wollte Fichte abermals wie

schon 1806 als religiöser Redner mit in den Krieg ziehen. Da ihm das

auch diesmal nicht gewährt wurde, blieb er in Berlin, übte seinen Beruf

weiter aus und ließ sich einexerzieren, um im äußersten Falle als

Soldat des Landsturms dem Vaterland zu dienen. Seine wackere Frau half

die zahlreichen Verwundeten und Kranken pflegen, die besonders seit den

Schlachten von Großbeeren und Dennewitz nach Berlin gelegt wurden. Sie

zog sich dabei selbst eine ansteckende Krankheit zu. Fichte pflegte

sie und ging, um ihr Leben bangend, am 3. Januar 1814 ins Kolleg. Er

las zwei Stunden über höchst abstrakte Fragen der reinen Philosophie,

während er fürchtete, seine Frau nicht mehr lebend anzutreffen. Als er

nach Hause kam, sagten ihm die Ärzte, daß die Krise vorüber und die

Kranke wahrscheinlich gerettet sei. Froh beugte er sich über sie und

empfing dabei vermutlich selbst den Keim der Krankheit, der er am 29.

Januar 1814 erlag, während seine Frau genas.

Obwohl dieser Tod Fichtes Leben gleichsam krönt, wäre es doch ganz

und gar nicht in seinem Sinne, mit dem Tode zu schließen. Fichtes

Philosophie ist eine Lehre des Lebens und seiner Gestaltung durch den

vernünftigen Willen. Diese Formel gemahnt an Sokrates und fordert zu

einem Rückblicke auf.

Sokrates hat als erster die Grundfrage nach den Zwecken unseres

Daseins in den Mittelpunkt des Nachdenkens gestellt und dadurch der

Philosophie ihren wahren Gegenstand bestimmt. In der Erkenntnis

glaubte er die Lösung aller Schwierigkeiten zu besitzen. Noch hing

er mit den Überlieferungen seines Volkes so eng zusammen, daß er

überzeugt war, durch sein Denken die alte Sitte und Religion nicht

umzustürzen, sondern erst in voller Reinheit zu erfassen. Platon, von

der Wirklichkeit zurückgestoßen, in seinen Reformversuchen erfolglos,

baute in großartiger Weise ein System menschlicher Ziele auf und

stellte es in eine Welt, die selbst ganz und gar nach den Ideen der

Vernunft gebaut ist. Die Wissenschaft der Neuzeit beweist im Gegensatz

dazu, daß unsere Naturerkenntnis nicht nach Zwecken, sondern nach

Ursachen fragen muß, wenn sie Erfolge erzielen will. Von neuem fordert

der Umsturz einer lange herrschenden Denkweise zu einer Prüfung der

Erkenntnisgrundlagen auf; Descartes findet in der Selbstgewißheit des

Denkens den festen Punkt, von dem aus er den Zweifel überwindet. In

ihm erreicht die Einsamkeit des Philosophen, seine Entfremdung von

Staat, Volk und Gesellschaft einen Höhepunkt; denn schon sein Schüler

Spinoza, durch das Schicksal ganz auf sich selbst gestellt, betont doch

wieder die Fragen des menschlichen Zusammenlebens. Er findet in der

Hingabe an eine ganz verstandesmäßig gedachte Gottnatur Befriedigung

seiner religiösen Sehnsucht. Aber so groß der Eindruck seines Systems

ist, der kritischen Vernunft hält es nicht stand. Wir haben an ihm

die Unmöglichkeit einer Metaphysik und damit zugleich einer Ethik

erkannt, die von einer Vorstellung des Weltzusammenhanges her den

Wert unseres Lebens bestimmen wollte. Kant erst macht vollen Ernst

damit, die Philosophie auf die Untersuchung der Voraussetzungen und

der Tragweite unseres Erkennens zu begründen. Er findet, daß die Welt

selbst unsere Aufgabe ist, daß wir sie als Ziel verstehen müssen, nicht

aus ihr unsere Ziele ableiten dürfen. Zugleich macht er mit seiner

Ethik des guten Willens der alten Einseitigkeit ein Ende, die glaubt,

daß durch die richtige Erkenntnis schon das richtige Handeln gewonnen

sei. So schafft er die Grundlagen, von denen aus wir nun von neuem

versuchen müssen, Klarheit über die Ziele unseres Lebens zu erlangen.

Als erster hat Fichte diese Aufgabe in ganz bestimmter Weise zu lösen

begonnen. Von allgemeinen Forderungen ausgehend, kam er schrittweise

zu der Erkenntnis, daß jedem Menschen nach seiner besonderen Stellung

in seiner Zeit und in seinem Volke besondere Aufgaben erwachsen. Die

Einheit mit seiner Umgebung, die in Sokrates trotz der beginnenden

Entfremdung noch naiv vorhanden ist, wird hier als Vernunftziel

gestellt. Dieser Gedanke ist für unsere Gegenwart besonders wichtig;

wir sind getrennt und zerspalten in Stände und Parteien, jeder von

uns ist auf ein kleines Lebens- und Arbeitsgebiet beschränkt und muß

es sein, wenn er etwas leisten will. Die enge und innige Einheit,

die eine als selbstverständliche Wahrheit hingenommene Überlieferung

früheren Jahrhunderten gab, ist unwiderbringlich verloren. Und doch

sollen wir ein echtes Volk, ein einheitlich fühlendes und handelndes

Volk _werden_; denn wir sind weit entfernt es zu sein. Wir können

das nur durch »Vernunftkunst«, um Fichtes Wort zu gebrauchen, durch

wissenschaftlich begründete und dem Leben angepaßte Überzeugungen

von dem, was wir sollen. Wir müssen dabei Fichtes Irrtum, die

Mannigfaltigkeit des Lebens aus der Einheit der Vernunft abzuleiten,

überwinden. Aber die Aufgabe, mit der er sein Leben lang kämpfte, die

Vereinigung reinsten Wollens und Erkennens aus ursprünglichster Kraft

mit Anerkennung des geschichtlich gewordenen Zusammenhangs ist auch die

unsere.

Ich konnte Ihnen nur den ersten Anfang des Weges zeigen, den man hier

gehen muß. Meine Absicht war, die Überzeugung von der Notwendigkeit

der Philosophie als einer Wissenschaft von den Zielen unseres Lebens

zu wecken und Ihnen die sicheren Grundsätze dieser Wissenschaft

mitzuteilen.

[Illustration: Fichte

Nach dem Bronzemedaillon von L. Wichmann an dem Grabdenkmal Fichtes.

(Alter Dorotheenstädtischer Kirchhof in Berlin.)]

Register.

(Die Philosophen, denen ein ganzer Vortrag gewidmet ist, sind nicht

aufgenommen.)

Akademie 28

Anschauungsformen 89

Aristoteles 40. 46

Assoziationsgesetz 80. 82

Attribut 67

Aufgabe 85. 91. 93

Autonom 96

Bacon, Francis 78

Begriff 15. 30

Bruno, Giordano 43

Christentum 41 f. 109

Denken 50. 52

Eigentum 108

Empirist 79

Ethik 64. 69. 94 f.

Ewigkeit 37

Glauben 98

Goethe 46. 71

Gott 34. 51. 65 f. 92 f. 105 f.

Gottesliebe 70

Gute (Idee des) 33

Heteronom 96

Hume 80 f.

Ich 50. 104 f.

Idealismus 94

Idee (Platon) 30 f. (Kant) 93

Jesuiten 41. 43

Imperativ (kategorischer) 97

Kategorien 30

Kausal 34. 46

Kausalgesetz 80

Kepler 46

Kirche 62

Kopernikus 43

Leibniz 74

Liebe, platonische 35 f.

Locke 56. 79

Luther 98

Mathematik 31. 45 f. 64. 87 f.

Mechanistische Auffassung der Körperwelt 47. 53. 68. 75

Metaphysik 73. 85 f. 90 f.

Führende Denker: Geschichtliche Einleitung in die Philosophie · 第 11 / 12 段