Die mathematischen Sätze leiten wir nicht aus einzelnen Erfahrungen

her; wenn wir z. B. beweisen wollen, daß die Winkelsumme des Dreiecks

zwei Rechte beträgt, so messen wir nicht die Winkel möglichst vieler

Dreiecke nach, sondern wir führen einen ganz allgemeinen Beweis,

der auf andere einfachere Sätze und schließlich auf unbeweisbare

Grundsätze zurückgeht. Das Dreieck, welches wir uns dabei vielleicht

aufzeichnen, dient nur zur Erleichterung des Verständnisses. Seine

besondere Beschaffenheit, ob es rechtwinklig, spitzwinklig oder

stumpfwinklig, ob es gleichseitig oder ungleichseitig ist, bleibt

ganz außer Betracht. Ja wir wissen genau, daß das gezeichnete Dreieck

den Anforderungen der Geometrie nicht völlig entspricht. Für unseren

Beweis sind seine Seiten ohne Breite, während jede gezeichnete Linie

eine gewisse Breite besitzt. In den mathematischen Wissenschaften

haben wir also eine Fülle von Sätzen, die rein, unabhängig von jeder

Erfahrung gelten. Diese Wahrheiten aber sind uns höchst wichtig; denn

wir sind überzeugt, daß alle unsere Erfahrungen über körperliche Dinge

diesen Sätzen entsprechen werden. Jeder Physiker oder Astronom setzt

bei seinen Messungen die Lehrsätze der Geometrie voraus. Wir haben

früher gesehen, wie Descartes und seine Nachfolger in der Geometrie das

Vorbild rein verstandesmäßiger Erkenntnis erblickten. Sie glaubten,

daß die geometrischen Sätze sich durch bloßes Denken gewinnen ließen

und hofften daher, in ähnlicher Weise ein System wahrer Sätze über Gott

und das Weltganze aufstellen zu können. Kant war mit ihnen einig darin,

daß die geometrischen Sätze nicht aus der Erfahrung abgeleitet sind.

Aber ebensowenig lassen sie sich aus dem bloßen logischen Denken heraus

gewinnen; wenn wir auch den Begriff der geraden Linie, des Punktes,

der Ebene und der Parallelen aufgestellt haben, können wir daraus noch

nicht den Grundsatz ableiten, daß in einer Ebene zu jeder geraden

Linie durch jeden Punkt außerhalb dieser Geraden eine und nur eine

Parallele gezogen werden kann. Die Überzeugung von der Wahrheit dieses

Satzes beruht auf den Grundeigenschaften unserer räumlichen Anschauung.

Ähnliches gilt von allen Grundsätzen der Geometrie. Hier steht also

zwischen dem Denken und den einzelnen sinnlichen Wahrnehmungen noch

etwas Drittes: der Raum. Jede unserer Wahrnehmungen von Körpern ist

räumlich, darum gelten von ihr die Grundeigenschaften des Raumes.

Hätte sie diese Form nicht, so könnten wir sie gar nicht in unsere

einheitliche Vorstellung einer Körperwelt einordnen. Diese allgemeine

Form des Raumes ist nicht aus einzelnen Erfahrungen abzuleiten; denn

die Erfahrung als Verknüpfung der einzelnen Empfindungen in eine

einheitliche Welt ist nur mit Hilfe des Raumes möglich. Aber die

Eigentümlichkeiten des Raumes, die in den geometrischen Grundsätzen

ausgesprochen werden, sind ebensowenig denknotwendig in dem Sinne,

daß es ein Widerspruch wäre, sie zu bestreiten. In Gedanken können

wir uns z. B. ganz gut mit Räumen von vier und mehr Dimensionen

beschäftigen. Wenn also der Raum weder Erfahrung noch denkerzeugter

Begriff ist, so bleibt nur eins noch übrig: er ist eine reine, d.

h. von aller Erfahrung unabhängige Form unserer äußeren Anschauung

oder, was dasselbe sagt, unserer Anschauung der Körperwelt. Die Sätze

der Geometrie sind allgemein gültig, weil alle unsere körperliche

Erfahrung nur in den Formen dieser Anschauung möglich ist. Was vom

Raum gilt, gilt ganz ähnlich auch von der Zeit, nur daß sie unserer

Erfahrung noch viel allgemeiner zugrunde liegt. Die Verknüpfung der

seelischen Vorgänge, der Gedanken und Gefühle, alles dessen, was

wir unsere innere Erfahrung nennen können, findet nicht im Raume,

wohl aber in der Zeit statt. Nach Kant steht die Arithmetik in einem

ähnlichen Verhältnisse zur Zeit wie die Geometrie zum Raum. Man kann

das verstehen, wenn man das Zählen als Vorbedingung der Zahl ansieht.

Doch führt das auf schwierige und sehr umstrittene Probleme, die hier

darzulegen unmöglich ist. Wir haben so zwei reine Anschauungsformen,

durch die alle einzelnen Erlebnisse geordnet sind. Die Gesetzlichkeit

dieser Formen sprechen wir in den Grundsätzen der Mathematik aus. Die

Geltung der Mathematik für alle Erfahrungen beruht auf diesen reinen

Anschauungsformen. Was nicht in Raum und Zeit angeordnet ist, bleibt

für uns schlechthin unerkennbar.

II. Wie ist reine Naturwissenschaft möglich?

Auch die Naturwissenschaft macht, wie wir schon bei unserer

Betrachtung des Kausalgesetzes sahen, Voraussetzungen, die nicht

aus der Erfahrung ableitbar sind. Alle einzelnen Naturgesetze zwar

enthalten Erfahrungsbestandteile, sind also in Kants Sinne keine reinen

Erkenntnisse, aber es ist möglich, jene vor aller Erfahrung gültigen

Voraussetzungen aller Naturwissenschaft für sich zu betrachten. Diese

Voraussetzungen und was ohne Anleihe an die besondere Erfahrung aus

ihnen folgt, nennt Kant _reine Naturwissenschaft_.

Durch Raum und Zeit erhält jedes Erlebnis eine bestimmte Stelle, die

für alle Menschen dieselbe ist. Aber die so geordneten Anschauungen

bilden doch ein bloßes Nebeneinander, wenn nicht noch andere Prinzipien

von ihnen gelten. Sie sollen ja nicht nur geordnet angeschaut,

sondern als gesetzmäßiger Zusammenhang gedacht werden. Dazu ist, wie

wir bereits sahen, die Geltung des Kausalgesetzes notwendig. Damit

aber die gesetzmäßigen Veränderungen der Natur von unserem Verstande

beherrschbar seien, müssen sie, wie wir schon früher erkannt haben, der

Rechnung unterworfen werden können. Alle Unterschiede in der Körperwelt

müssen auf quantitative Unterschiede, d. h. auf Verschiedenheiten der

Größe und Zahl zurückgeführt werden.

Soll ferner im Flusse der Ereignisse Einheit herrschen, so muß etwas

von allem Wechsel unberührt erhalten bleiben, und da es sich überall in

der Naturwissenschaft um meßbare Größen handelt, muß auch dieses Etwas

eine Größe sein. Als solche Erhaltungsgrößen hat die moderne Physik

Materie und Energie erkannt.

Es ist an dieser Stelle nicht möglich, alle Voraussetzungen der

Naturwissenschaft aufzuführen; welcher Art sie sind, zeigen die

behandelten Beispiele genugsam. Sehen wir sie uns noch einmal an, so

erkennen wir sofort, daß sie der Zeit zu ihrer Anwendung bedürfen.

Die Erhaltungsgesetze sagen aus, daß eine Größe in aller Zeit

bestehen bleibt, das Kausalgesetz macht aus der bloßen Zeitfolge der

Geschehnisse eine begreifliche Ordnung.

Die Sätze der reinen Naturwissenschaft enthalten also außer

den _Verstandesformen_, die Kant _Kategorien_ nennt, noch die

_Anschauungsformen_.

Fruchtbar wird diese reine Naturwissenschaft aber erst, indem sie sich

den Stoff der Empfindungen unterwirft. Diesen Stoff empfängt sie,

vermag ihn aber nicht aus ihren Grundsätzen abzuleiten, zu erzeugen.

III. Ist Metaphysik als Wissenschaft möglich?

Mit den letzten Sätzen ist diese Frage eigentlich schon verneint.

Man hatte geglaubt, aus dem reinen Denken heraus ohne Anleihe an die

Erfahrung Erkenntnisse über die Gottheit und ihr Verhältnis zur Welt

ableiten zu können. Wir wissen jetzt, daß zunächst jede inhaltlich

fruchtbare Anwendung der allgemeinen Verstandesformen nur mit Hilfe

der Formen der Anschauung, Raum und Zeit, möglich ist. Der Satz, daß

jede Veränderung ihre Ursache haben muß, hat nur innerhalb des Reiches

zeitlicher Geschehnisse Sinn. Wenn die frühere Metaphysik sagte: die

Welt ist da, also muß sie eine Ursache haben, so suchte sie den Begriff

der Ursache, statt ihn innerhalb der Welt anzuwenden, vielmehr auf

das Ganze der Welt und sein Verhältnis zu etwas außerhalb der Welt

auszudehnen. Damit überschritt sie das Reich möglicher Erfahrung, in

welchem allein die Formen unseres Denkens Halt und Erfüllung gewinnen.

Die Taube, die in der Luft fliegt und deren Widerstand fühlt, könnte

meinen, sie werde im luftleeren Raum, wo dieser Widerstand sie nicht

hindert, noch viel besser fliegen können. Sie weiß nicht, daß doch nur

der Widerstand der Luft ihren Flügelbewegungen Halt und Kraft gibt. So

meint der Metaphysiker ohne den widerstrebenden Stoff der Anschauungen

besser denken zu können, und vergißt, daß nur jener Stoff die Formen

des Denkens mit Inhalt erfüllt und anwendbar macht. Aus den Erfahrungen

metaphysische Schlüsse zu ziehen, ist erst recht unmöglich; denn aus

Erfahrungen können wir immer nur auf Dinge und Vorgänge schließen, die

den Erfahrungen ähnlich sind. Das seinem Begriff gemäß notwendigerweise

der Erfahrung unzugängliche _Ganze_ der Welt und die Gottheit bleiben

also unerkennbar. _Metaphysik als Wissenschaft ist nicht möglich_.

IV. Wie ist das Bedürfnis nach Metaphysik als Tatsache möglich?

All unser Erkennen ist eine fortschreitende Arbeit, immer neuen Stoff

der Wahrnehmungen fügen wir der wissenschaftlichen Erkenntnis ein,

immer einheitlicher suchen wir die Grundgesetze der Natur zu fassen,

immer vollständiger die Erlebnisse ihnen zu unterwerfen. Als Ziel

dieses Strebens schwebt dem Forscher eine einheitliche Welterkenntnis

vor. Gewiß, die Welt als Ganzes ist nicht gegeben, aber sie ist

doch aufgegeben. Wohl weiß der besonnene Denker, daß der endliche

menschliche Verstand jene unendliche Aufgabe nie wirklich lösen wird,

aber trotzdem gibt diese Aufgabe seiner unablässigen Arbeit Ziel und

Richtung. Ganz natürlich hat der Mensch die Sehnsucht, dieses Ideal

seines Erkenntnisstrebens sich bestimmter auszumalen. Sobald er es

versucht, erfährt er, daß seine irdischen Farben versagen. Aber die

Sehnsucht bleibt, und wir werden noch einsehen, wie wichtig die

Tatsache dieser Sehnsucht für unsere ganze Auffassung von Welt und

Leben sein muß. Vorläufig können wir unsere vierte Frage beantworten:

Die Tatsache des Bedürfnisses nach Metaphysik erklärt sich aus der

Natur unseres Erkennens als eines nach einem unerreichbaren Ziele

gerichteten Strebens.

[Gottesbeweise. Übergang zur Ethik]

Kants Kritik des Erkennens hat also ein doppeltes Gesicht. Das eine

positive ist der Erfahrungserkenntnis zugewendet: sie wird sicher

begründet durch die reinen Formen der Anschauung, Raum und Zeit, und

durch die Verstandesbegriffe, die Kategorien. Innerhalb der Erfahrung

gibt es Grundsätze, die sicherer sind als jede einzelne Erfahrung

und die das Ganze der Erfahrung erst möglich machen, nämlich die

Grundregeln unseres Anschauens und Denkens. Aber alle diese Regeln sind

nur anwendbar, soweit sie mit Erfahrungsstoff erfüllt werden können.

Jeder Behauptung, die jenseits des Erfahrbaren eine übersinnliche

Welt aus bloßen Verstandesbegriffen aufbauen will, wendet die

Erkenntniskritik ihr verneinendes, abweisendes Gesicht zu. Ein Begriff

des allervollkommensten Wesens z. B. kann von uns gar nicht erfaßt

werden. Descartes hatte diesen Gedanken zugleich mit dem Gefühl unserer

Unvollkommenheit aus dem ursprünglichen Zweifel abgeleitet, Spinoza

hatte sich bemüht, alle einzelnen Dinge und Ereignisse in diesem

allervollkommensten Wesen so zusammenzudenken, daß sie aus ihm mit

mathematischer Notwendigkeit folgen. Vergleicht man Kant mit diesen

beiden Philosophen, so kann man sagen: Er gibt Descartes zu, daß unser

Erkennen nur unvollkommen einem Ziel sich nähert, welches ihm als

unerreichbares Ideal vorschwebt. Aber von diesem Ziele vermögen wir nur

zu wissen, daß es unserem Denken als Ziel vorschwebt und Richtung gibt;

keineswegs dürfen wir behaupten, daß wir den Begriff einer Gottheit

in uns tragen, in der dieses Ziel erreicht ist. Auch der Schluß von

dem Begriffe eines allervollkommensten Wesens auf seine Wirklichkeit

ist falsch. Dieser angeblich sichere Beweis für das Dasein Gottes war

längst vor Descartes von mittelalterlichen Denkern aufgestellt worden

und lautet wesentlich so: Zum Begriffe des allervollkommensten Wesens

gehört jede einzelne Vollkommenheit. Nun ist aber Sein, Wirklichkeit

eine Vollkommenheit, also muß das allervollkommenste Wesen wirklich

sein, sonst könnte man ein Wesen denken, das zu allen übrigen

Vollkommenheiten noch die des Wirklich-Seins hätte, also vollkommener

wäre, als das allervollkommenste Wesen. Das aber widerspricht dem

Begriffe eines solchen Wesens und ist daher unmöglich. Kant sagt gegen

diesen Beweis, daß aus einem bloßen Begriff niemals die wirkliche

Existenz dessen, was in diesem Begriffe gedacht wird, erschlossen

werden kann. Wirklichkeit dürfen wir nur da behaupten, wo unsere

Erfahrung uns dazu das Recht gibt. Auch darf man nicht sagen, daß der

Begriff eines wirklich existierenden allervollkommensten Wesens den

Begriff eines nur möglicherweise existierenden allervollkommensten

Wesens an Vollkommenheit überträfe. Das wäre so, als wenn jemand

behaupten wollte, hundert Taler, die einer zu erwerben hofft, seien

ihrem Begriffe nach weniger, als hundert Taler, die er in der Tasche

hat.

Gerade diese zerstörende Seite der Kantischen Philosophie hat auf die

Zeitgenossen den größten Eindruck gemacht. Einer der bekanntesten

deutschen Denker jener Zeit, Moses Mendelssohn, hat Kant deshalb den

Alleszermalmer genannt. Für uns, die wir viel schärfere Verneiner

erlebt haben, ist Kant vor allem Begründer sicherer Erkenntnis und

Führer zu einer Lebensanschauung, die unter Verzicht auf täuschende

Phantasien doch die Ziele und Werte unseres Daseins uns sichert.

Wir können das Weltganze niemals wirklich begreifen, aber all unser

Erkennen entnimmt doch seinen Sinn der Aufgabe, die einzelnen

Erfahrungen zum Ganzen zu gestalten. Im Erkenntnisstreben, in der

Aufgabe liegt das einzige für uns faßliche Verhältnis zum Unendlichen

und Unbegreiflichen; im Erkennen selbst ist das Höchste eine Aufgabe,

eine Pflicht.

So hängt Kants Philosophie des Erkennens mit seiner Moralphilosophie

zusammen. Wir wissen nichts von einer übersinnlichen Welt, die unsre

Erfahrung überschreitet, d. h. wir dürfen nicht etwa eine solche Welt

leugnen, sondern wir dürfen gar nichts über sie aussagen. Aber eins

ist uns sicher bekannt, daß wir Pflichten und Aufgaben haben. Sollte

diese Erkenntnis uns nicht weiterführen? Am Anfang dieser Vorträge habe

ich die Frage: Was soll ich in dieser Welt? als die Grundfrage der

Philosophie bezeichnet. Diese Frage führte zu der andern: Was ist diese

Welt? Zuweilen mochte bei Ihnen während der vorangehenden Vorträge

die Meinung entstehen, daß diese beiden Fragen doch nur äußerlich

nebeneinander ständen; -- jetzt werden Sie ihren inneren Zusammenhang

erkannt haben. Keineswegs vermögen wir, wie z. B. Spinoza wollte, aus

einer Gesamterkenntnis der Welt heraus die Bestimmung unseres Daseins

abzuleiten; vielmehr wissen wir von dem Ganzen der Welt, von alledem,

was wir ihre Einheit, ihr Wesen nennen, nur so viel gewiß, daß es uns

als Aufgabe unseres Erkenntnisstrebens vor Augen schwebt, und zwar

als eine Aufgabe, deren volle Lösung nie gelingen kann. Ein solches

notwendig gefordertes und doch unerreichbares Ziel nennt Kant _Idee_.

Einheit, Wesen der Welt, das sind Ideen, denen sich unsere Erkenntnis

in steter pflichtbewußter Arbeit annähern soll. Das letzte Wort in

Kants theoretischer Philosophie, das Wort »sollen«, ist zugleich das

Haupt- und Schlagwort seiner Ethik; sie darzustellen ist die Aufgabe

unseres letzten Vortrages. Im Anschluß an sie wollen wir den Mann

betrachten, der diese Ethik ins Leben hinüberführte: _Fichte_.

[Illustration: Kant

Aus: Allgemeines Historisches Porträtwerk

(gemalt v. Döbler)]

Sechster Vortrag.

Fichte. (Kants praktische Philosophie.)

Bei der Schwierigkeit der Sache fassen wir die Ergebnisse des vorigen

Vortrags zweckmäßig in einige Sätze zusammen. Kant hat nachgewiesen:

1. Unser Erkennen ist ein Bearbeiten einer uns zufließenden Menge von

Empfindungen durch die notwendigen Gesetze unserer Vernunft. Diese

Vernunftgesetze sind anwendbar, weil wir unsere Empfindungen in der

anschaulichen Ordnung von Raum und Zeit wahrnehmen.

2. Die reinen Anschauungsformen Raum und Zeit ebenso wie die

Verstandesgrundsätze (Kategorien; z. B. Satz der Kausalität) sind nicht

der Erfahrung entnommen, vielmehr wird eine Erfahrung im Sinne einer

geordneten Verarbeitung der Empfindungen erst durch sie möglich.

3. Die Verstandesgrundsätze sind nur anwendbar, soweit für uns die

Möglichkeit der Erfahrung reicht. Erfahrbar sind uns nur einzelne Dinge

und Ereignisse. Wir haben die Aufgabe, sie immer vollständiger zu einem

einheitlichen Ganzen zusammenzudenken. Dieses Ganze selbst aber, die

Welt, vermögen wir als Ganzes nie zu erfassen. Die Welt ist uns nicht

_gegeben_, sondern _aufgegeben_.

4. Die Philosophie darf nicht von einer Behauptung über die Dinge

ausgehen, sondern sie muß sich an den Gesetzen des Erkennens

orientieren. Nennt man eine Lehre, die von den Dingen (~res~) ausgeht,

Realismus, eine solche, die von den Gedanken (~idea~) ausgeht,

Idealismus, so muß alle wahre Philosophie Idealismus sein. Das

bedeutet aber nicht, daß die Wahrheit abhängig ist von den zufälligen

Vorstellungen eines einzelnen Menschen. Vielmehr haben wir uns zu

stützen auf die Voraussetzungen des Erkennens, die _jeder_ einzelne

in gleicher Weise anerkennen _muß_, sofern er sich nur überhaupt die

Aufgabe der Erkenntnis stellt.

5. Die Grundsätze der Erkenntnis treten dem einzelnen Menschen als

Forderungen gegenüber. Wir _sollen_ z. B. zu jeder Veränderung ihre

Ursache suchen. Eine Forderung durchsetzen heißt handeln. So zeigt

sich das Erkennen (die theoretische Vernunft) selbst als eine Art

Handeln (griechisch ~prattein~, davon praktisch). Die Gewißheit des

Erkennens gründet sich auf die Überzeugung von Anforderungen, die an

unser geistiges Handeln gestellt werden. So mündet die theoretische

Philosophie in die praktische ein. Kant spricht daher von einem

Vorrechte (Erstlingsrechte, Primate) der praktischen Vernunft.

[Der gute Wille]

Wir wollen Wahrheit und einheitliche Welterkenntnis. Wir sollen sie

wollen und wir fühlen, daß dieses Sollen und der Gehorsam ihm gegenüber

mehr Wert hat als unser vergängliches Leben. Aber die Erkenntnis ist

doch gewiß nicht das einzige, was wir erstreben sollen. Wir müssen alle

bisherigen Betrachtungen durch eine noch tiefer sich versenkende, noch

weiter ausblickende ergänzen. Unser Streben nach Erkenntnis hat die

Reinheit der Absicht mit jedem sittlichen Streben gemein. Sittlich ist

überall ein Wille, der keine Nebenabsichten für sich selbst verfolgt,

sondern das Rechte um des Rechten willen tut. Kant stellt an die Spitze

seiner Moralphilosophie den berühmten Satz:

»_Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben

zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten

werden, als allein ein_ =guter Wille=.«

Kant geht hier nicht von der Handlung, noch weniger vom Erfolg,

sondern vom Willen selbst aus. Der Erfolg unserer Taten liegt oft gar

nicht in unserer Macht. Der Handlung, wie sie äußerlich erscheint,

kann man nicht ansehen, welchem Beweggrunde sie entstammt. Die letzte

Entscheidung darüber, ob wir recht oder unrecht gehandelt haben, gibt

uns stets nur das eigene Bewußtsein von der Natur unseres Willens,

das Gewissen. Ein guter Wille will, was er für recht erkannte. Diese

Bestimmung ist formal, sie gibt für sich allein keinen Aufschluß

darüber, wie im einzelnen Falle gehandelt werden soll. Ja, wir müssen

zuweilen den guten Willen, die moralische Absicht des Handelnden

zugeben in Fällen, in denen die Handlung selbst uns Abscheu einflößt.

Unter den russischen Revolutionären, deren Mordtaten wir mit Entsetzen

lesen, gibt es wohl wenigstens einzelne, die nicht aus niederen Motiven

(Rachsucht, Blutgier, Ruhmsucht), sondern aus der Überzeugung handeln,

daß der Mord ihre Pflicht ist. Dafür spricht, daß sie ihr eigenes Leben

opfern und daß sie, wo ihr Fanatismus sie nicht irreführt, mitleidig

und hilfsbereit sind. Wir werden sogar in solchen Fällen den guten

Willen anerkennen müssen und nur zu bedauern haben, daß dem sittlichen

Streben eine irregeleitete Vernunft beiwohnt.

Eine Handlungsweise, die wir als uns geboten erkannt haben, heißt

Pflicht. Ein guter Wille ist also ein pflichtbewußter Wille, er tut die

Pflicht um ihrer selbst willen. Ich sagte eben, eine Handlungsweise,

die wir als _geboten_ anerkennen, ist Pflicht. Woher stammt dieses

Gebot? Sicher nicht von einer äußeren, irdischen Gewalt. Äußere

Übermacht kann uns körperlich zwingen, ihr den Willen zu tun, sie

kann uns auch schrecken und auf unsere Schwäche wirken, aber sie kann

nicht machen, daß wir etwas gegen unsere freie, innere Überzeugung für

recht halten. Selbst ein göttliches Gebot kann das nicht bewirken. Wir

erkennen unsere Pflicht nicht durch irgendeine göttliche Offenbarung,

die in der Bibel oder sonst in einem Buch oder Ausspruch niedergelegt

ist, sondern umgekehrt: wir sehen in der Bibel nur göttliche

Offenbarung, weil und soweit unsere sittliche Einsicht ihren Geboten

beistimmt. Die Moral lehnt also jede fremde Gesetzgebung ab. Sie ist

_nicht heteronom_ (~heteros~ -- griechisch -- fremd, ~nomos~ Gesetz),

in ihr gibt sich unser innerstes Wesen selbst das Gesetz, sie ist

_autonom_ (~autos~ selbst). Man hat von Kants Moral gesagt, sie sei

eng, habe etwas von Kleinbürgerlichkeit und Polizeistaat an sich.

Ich glaube, Sie werden aus der Darstellung von Kants Grundsätzen

dieses Gefühl nicht gewonnen haben. Ganz im Gegenteil: es ist eine

Moral für mündige Menschen, eine strenge und stolze Sittlichkeit.

Polizeigeruch ist an ihr sicher nicht zu spüren. Die Polizei und

das Gericht des Staates können die inneren Vorgänge, um die es sich

für die Moral handelt, gar nicht sehen, sie sollen das auch nicht

versuchen. Ihre Aufgabe ist es, die sehr notwendige äußere Ordnung

der Gesellschaft aufrecht zu erhalten, sie kümmern sich daher nur um

die äußere Gesetzmäßigkeit der Handlungen. Ob jemand nicht stiehlt,

weil er Stehlen für unrecht erkannt hat oder weil er das Gefängnis

fürchtet, ist diesen äußeren Gewalten gleichgültig, soll und muß ihnen

als äußeren Gewalten gleichgültig sein. Ja, die äußere Gewalt müßte die

ordnungstörende Handlung selbst dann verfolgen, wenn sie aus einer vom

Irrtum mißleiteten sittlichen Gesinnung hervorgehen sollte, wie die

Mordtaten einzelner russischer Revolutionäre.

[Autonomie und kategorischer Imperativ]

Aus der Schätzung des guten Willens als des Höchsten, was es in der

Welt gibt, folgt nun aber, daß wir unsere Mitmenschen mit Achtung

zu behandeln haben; denn in jedem Menschen liegt wenigstens die

Möglichkeit, sich auf die Stufe des guten Willens zu erheben. Wir

dürfen selbst dem verkommensten Menschen die Möglichkeit nicht

absprechen, sich auf sein besseres Selbst zu besinnen, und sollen

deshalb einen Menschen nicht wie ein Ding als bloßes Mittel zum Zwecke

behandeln, vielmehr stets auf seinen Eigenwert Rücksicht nehmen. Vor

der moralischen Forderung endlich sind wir alle gleich. Wir dürfen

also hier kein Vorrecht für uns beanspruchen, sondern müssen so

handeln, daß wir die gleiche Handlungsweise von jedem in der gleichen

Lage fordern würden. Wenn wir etwa in die Versuchung kommen, ein

Versprechen nicht zu halten, sollen wir uns fragen, ob es denkbar wäre,

daß alle Menschen in der gleichen Lage ebenso handelten. Wenn jeder

sein Wort bräche, sobald Wort halten unbequem ist, so schwände alles

Vertrauen auf ein gegebenes Wort und damit Treu und Glauben in der

menschlichen Gesellschaft. Aus dieser Erwägung ergibt sich, warum der

Wortbruch unmoralisch ist. So versteht man die Formel, in die Kant das

Sittengesetz gebracht hat: »_Handle so, daß die Maxime deines Wollens

jederzeit Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung sein könnte._« Kant

nennt diese Forderung den _kategorischen Imperativ_ -- ein Ausdruck,

dessen Bedeutung Sie nun leicht verstehen werden. Jeder andere Befehl

(Imperativ) gilt nur unter gewissen Voraussetzungen. Der Arzt z. B.

befiehlt dem Magenkranken mäßig zu leben, falls er gesund werden will;

zieht jener Schlemmerei der Gesundheit vor, so gilt dieser Befehl nicht

mehr. Der römische Staat befahl den Christen, vor den Kaiserbildern zu

opfern; aber dieser Befehl band sie nur, solange sie leben wollten,

und die Märtyrer zogen den Tod einer Verletzung ihres religiösen

Gefühles vor. Alle solche Befehle gelten nur bedingt, hypothetisch; das

Sittengesetz ist der einzige Befehl, der unbedingt, kategorisch, den

Anspruch auf Befolgung erhebt.

Führende Denker: Geschichtliche Einleitung in die Philosophie · 第 9 / 12 段