zu lesen und zu verstehen. Es ist in einer Sprache geschrieben, der
man überall den Kampf um den richtigen und vollständigen Ausdruck der
Gedanken anfühlt. Auch mußte Kant, um überhaupt von seinen Zeitgenossen
verstanden zu werden, vielfach die Ausdrucksweise eben der Philosophie
gebrauchen, die er widerlegte. Davon abgesehen, gewinnt der Stil dieses
großen Werkes für den, der es wirklich versteht, einen ganz eigenen
Reiz. Unter der starren Maske fremder Worte fühlt man das geistige
Ringen und die beglückende, endlich erreichte Klarheit. Obwohl in der
Darstellung fast jede Spur von Persönlichem ausgeschieden ist, macht
sich die Persönlichkeit geltend. Von allem diesem Reize kann ich Ihnen
nichts mitteilen, da ich die besonderen Schwierigkeiten der Kantischen
Ausdrucksweise vermeiden muß. Auch der folgende Versuch, Kants
Grundgedanken in allgemein zugänglicher Sprache wiederzugeben, wird
an Ihre Aufmerksamkeit und an Ihre geistige Mitarbeit noch erhebliche
Ansprüche stellen. Ich kann Ihnen diese Schwierigkeiten nicht ersparen;
denn nur, wenn Sie einen Anteil an der Mühe der Wissenschaft gewinnen,
wird Ihnen die Wissenschaft inneren Vorteil bringen. Es gibt eine
Art von Popularisierung wissenschaftlicher Ergebnisse, die dem Hörer
nur den Schaum zu leichtem Genusse bietet. Sie erzeugt den falschen
Glauben, nun auf der Höhe wahrer Bildung zu stehen. Vergleichen
möchte ich diese Art mit der künstlerischen Schilderung von Bauern,
Seeleuten usw., die um die Mitte des 19. Jahrhunderts der erwachenden
Anteilnahme an dem Geschick breiterer Volksschichten entgegenkam. Man
stellte Landleute und Matrosen in sauberen, wie aus der Maskengarderobe
geliehenen Sonntagskleidern in friedlicher Feierstimmung dar. Wir
empfinden diese Kunst als Lüge. Wir wollen für das schwere Leben des
Bauern und Arbeiters, wie es wirklich ist, Verständnis gewinnen. Dazu
darf der Schmutz der Arbeit und die Schwielen an den Händen sowenig
fehlen wie der Gesichtsausdruck, den der Lebenskampf aufprägt. Ebenso
können Sie für die Wissenschaft Verständnis und Liebe nur gewinnen,
wenn Sie an ihren Anstrengungen teilzunehmen suchen.
[Rationalisten und Empiristen]
Um Kants Leistung zu verstehen, müssen wir vollständiger als
bisher wissen, woran er anknüpfte. Die Denker, die wir in den
vorangehenden Vorträgen behandelten, stimmen alle darin überein,
daß sie im vernünftigen Denken das Mittel des Erkennens erblicken.
Nach dem lateinischen Worte ratio, Vernunft, nennt man sie daher
_Rationalisten_. Aus reinem Denken heraus suchten sie sicheres
Wissen von der Gesamtheit der Welt zu gewinnen. Wir sahen an
Spinoza, in welche Schwierigkeiten ihr Streben sie verwickelte.
Nahe lag infolgedessen der Einwand, daß ihre Voraussetzung falsch,
daß das vernünftige Denken gar nicht die Grundlage sicheren Wissens
sei. Schon vor Descartes hatte der englische Denker und Staatsmann
_Francis Bacon_, mit dem praktischen Sinne seines Volkes das Nützliche
ergreifend, eine andere Ansicht vom Erkennen aufgestellt. Können wir
denn irgendeine noch so einfache wirkliche Einsicht aus der bloßen
Vernunft herausholen? Schnee schmilzt bei Erwärmung zu Wasser, Wasser
verdampft bei weiterer Erhitzung. Wir wissen das sicher -- aber
nur aus Erfahrung. Es gibt Flüssigkeiten, die -- wie das Weiße im
Hühnerei -- beim Erhitzen fest werden, nicht flüssig. Durch Sammlung
und Vergleichung solcher Erfahrungen werden wir reicher an Wissen;
die Erfahrung, Einzelheiten häufend, vom Einzelnen zum Allgemeinen
aufsteigend, gibt allein wahre Erkenntnis. Da Erfahrung auf griechisch
~empeiria~ heißt, nennt man diese Philosophen _Empiristen_. Von
Descartes und von der Naturwissenschaft Newtons beeinflußt, hatte _John
Locke_ den Empirismus ausgebildet und im Laufe des 18. Jahrhunderts
auch auf dem Festland Einfluß gewonnen. Indessen »Erfahrung« ist eine
recht komplizierte Sache -- der Satz, »erhitztes Wasser verdampft«,
ist ja augenscheinlich erst das Erzeugnis vieler Wahrnehmungen und
Überlegungen. Man hat zuerst das Wasser gesehen, seine Feuchtigkeit
gefühlt, dann hat man die Wärme des Feuers empfunden, beim Eintauchen
des Fingers wahrgenommen, wie das Wasser wärmer wurde, endlich sieht
man Nebel aus dem Wasser sich erheben und in der Luft vergehen,
das Wasser aufwallen und kochen, bemerkt schließlich, wie das
Wasser weniger wird. Alle diese einzelnen Wahrnehmungen, die sich
zu dem Satze »erhitztes Wasser verdampft« zusammenfinden müssen,
verdanken wir unsern Sinnesorganen, dem Auge, der Haut usw., es sind
Sinnesempfindungen. Alles Wissen beruht auf Erfahrung -- aber alle
Erfahrung ist zuletzt nur eine Summe von Sinnesempfindungen -- zu
dieser Lehre schreiten die englischen Denker und ihre französischen
Gefolgsmänner naturgemäß fort. Sofern sie diese Folgerung wirklich
ziehen, nennt man sie nach dem lateinischen Worte ~sensus~ = Sinn:
_Sensualisten_.
Nun ist ja gar nicht zu leugnen, daß jedem Erfahrungssatze
Sinnesempfindungen zugrunde liegen. Das wußten natürlich auch die
Rationalisten; aber sie behaupteten erstlich, daß es Erkenntnisse
gebe, die keine Erfahrungssätze seien, und zweitens, daß auch den
Erfahrungssätzen noch etwas mehr zugrunde liege als bloß einzelne
Sinnesempfindungen, und daß in diesem »Mehr« der eigentliche
Erkenntniswert der Erfahrung begründet sei. Wir sehen Farben, wir
fühlen Härte, Wärme, Kälte, wir hören Töne -- aber wir erfahren im
Sehen, Fühlen, Hören sichtbare, harte, tönende Körper und die Vorgänge
an diesen Körpern. Schon Platon hatte von solchen Tatsachen her die
dem modernen Sensualismus verwandte Erkenntnislehre des Protagoras
bekämpft. Die neueren Sensualisten suchten nun nachzuweisen, daß auch
die Vorstellungen von Dingen, Vorgängen usw. aus lauter einzelnen
Sinnesempfindungen bestehen. Wenn wir oft wahrnehmen, daß eine
bestimmte Farbe mit einer bestimmten Tastempfindung, einem Geschmacke
usw. zusammen da ist, so geben wir diesem Zusammensein einen Namen, wir
erwarten dann gewohnheitsmäßig, daß in künftigen Fällen die gleichen
Zusammenhänge wiederkehren, z. B. daß der harte, weiße, an den Kanten
durchscheinende Gegenstand, den wir ein Stück Zucker nennen, auch
wieder süß schmecken werde.
[Humes Kausaltheorie]
In ähnlicher Art erklärt _David Hume_, der bedeutendste unter den
englischen Sensualisten, auch das Zustandekommen unserer Vorstellungen
von Ursache und Wirkung. Wenn wir sagen: die Hitze bewirkt Verdampfen
des Wassers, so meinen wir, das gibt Hume zu, mehr zu sagen, als: wir
erleben erst Hitze und dann, unter Andauern der Hitze, Verminderung des
Wassers und Dampfbildung. Wir sind ja alle überzeugt, daß, wo und wann
wir auch Wasser in genügendem Grade erhitzen, wir seine Verwandlung
in Dampf mit ansehen werden. Umgekehrt, wo immer wir eine Veränderung
wahrnehmen, sind wir überzeugt, daß sie Folge einer bestimmten
Ursache ist. Die Voraussetzung, daß alles Geschehen sich aus Ursachen
erklärt, die notwendig immer dieselben Folgen hervorbringen, leitet
alles Forschen; wir nennen sie, nach dem lateinischen Worte ~causa~ =
Ursache, das Kausalgesetz. Wie kommen wir aber nun dazu, mit Hilfe des
Kausalgesetzes aus den einzelnen Empfindungen allgemeine Schlüsse zu
ziehen? Diese Frage muß der Sensualismus so beantworten, daß er das
Kausalgesetz selbst auf Empfindungen zurückführt. Um das zu leisten,
lehrt Hume: In unserem Geiste verbinden sich zwei Empfindungen, die
gleichzeitig oder unmittelbar nacheinander erlebt wurden, z. B. Hitze
und gesehener Dampf so, daß bei Wiederkehr der ersten Empfindung
eine Erinnerung an die zweite auftaucht. Die Vorstellungen verbinden
(assoziieren) sich. Wir haben ein »Assoziationsgesetz« vor uns, das
schon Aristoteles gekannt hat. Diese Verbindung wird um so enger,
je häufiger wir die beiden Empfindungen zusammen erlebt haben. Das
Auftreten der ersten läßt uns dann die zweite erwarten. Auf solchen
aus Gewohnheit entsprungenen Erwartungen beruht unser Glaube an einen
regelmäßigen Verlauf der Ereignisse. Nur Gewohnheit ist im Grunde
jenes Gefühl der Notwendigkeit, das wir mit dem Kausalgesetz verbinden.
Dieses Gefühl ist uns im Leben nützlich; es gibt unsern Handlungen die
sichere Grundlage. An der Zweckmäßigkeit der Erwartung regelmäßiger
Folgen zweifelt Hume gar nicht; aber er betont, daß es sich dabei nur
um eine nützliche Gewohnheit, durchaus nicht um eine in den Dingen und
Ereignissen liegende Notwendigkeit handelt.
Kant sagt einmal, Hume habe ihn aus seinem dogmatischen Schlummer
erweckt, d. h. dem ungeprüften Glauben an überkommene Lehrmeinungen
ein Ende gemacht. Wir verstehen leicht, daß gerade ein Angriff auf die
unbedingte Geltung des Kausalgesetzes geeignet war, als erschreckender
Weckruf zu wirken. Als naturwissenschaftlich gebildeter Mann wußte
Kant, wie sehr diese Wissenschaften auf der Kausalität beruhen, als
Anhänger der Wolffschen Philosophie war er gewohnt, das Dasein Gottes
mit Hilfe des Satzes zu beweisen: »Diese kunstvoll und zweckmäßig
eingerichtete Welt muß eine Ursache, und zwar eine nach Zwecken
wirkende Ursache haben.« Wissenschaft und Religion schienen zugleich
bedroht; Grund genug, Humes Lehre eingehend zu prüfen.
[Kritik an Hume]
Gerade dem Naturwissenschaftler mußten Einwände gegen Hume naheliegen.
Unsere Erwartungen auf regelmäßiges Verhalten der Dinge werden oft
getäuscht, aber in solchen Fällen zweifelt kein Forscher an der Geltung
des Kausalgesetzes, sondern er sucht die bisher noch unbekannte Ursache
jener Abweichung zu finden. Ein Stück Eisen, das man an einen Magneten
hält, fällt nicht, wie man nach dem Gesetz der Schwere erwarten
sollte, zur Erde, sondern wird schwebend erhalten. Niemand glaubt,
hier höre die Anziehung der Erde zu wirken auf, vielmehr sieht man
darin die Wirkung einer andern, ihr entgegen gerichteten Kraft, des
Magnetismus. Nur die Voraussetzung, daß auch scheinbare Durchbrechungen
des regelmäßigen Geschehens auf kausalen Gesetzen beruhen, hat aus
gelegentlichen Beobachtungen auffallender Erscheinungen das stolze
Gebäude der Lehre von der Elektrizität und dem Magnetismus entstehen
lassen. Man kann also den Satz, jede Veränderung muß eine Ursache
haben, nicht als Ergebnis unserer Erfahrungen ansehen, weil er vielmehr
Voraussetzung für alles Erfahrungswissen ist.
Noch mehr: Hume selbst setzt in seiner Ableitung des Kausalgesetzes
dieses Gesetz voraus, ohne es zu bemerken. Unsere Erwartung, daß
auf eine Vorstellung, auf die früher eine andere gefolgt war, auch
beim Wiederauftreten jene zweite folgen werde, beruht auf dem
Assoziationsgesetz. Dieses Gesetz aber spricht eine Regelmäßigkeit
im Verhalten unserer Vorstellungen aus, ist also selbst ein auf
Vorstellungen angewandter Sonderfall des Kausalgesetzes. Hume übersieht
trotz seines Scharfsinnes, daß er das Abzuleitende voraussetzt, weil
er die Frage, auf die es ankommt, verkennt. Der englische Denker
sucht sich Rechenschaft darüber zu geben, wie in uns die Vorstellung
der Kausalität zustande kommt, und glaubt auf diesem Wege eine
Entscheidung darüber zu gewinnen, ob diese Vorstellung notwendig gilt
oder nicht. Aber aus der Entstehung läßt sich auf die Geltung und den
Wert einer Erscheinung nie ein bindender Schluß ziehen. Selbst wenn
z. B. die Religion aus dem Glauben an Gespenster und der Furcht vor
ihnen entstanden sein sollte, wäre damit noch keineswegs bewiesen,
daß sie mit Aufhören des Gespensterglaubens ihr Recht verliert. So
ist die Rechtsfrage niemals durch eine Geschichte der Entstehung zu
beantworten, es sei denn, es handele sich um ein historisches Recht.
Humes Angriff auf die unbedingte Geltung des Kausalgesetzes war
damit zurückgewiesen. Keineswegs aber leugnete Kant die Bedeutung
der Erfahrung für die Erkenntnis und der Sinnesempfindung für die
Erfahrung. Gewiß: ohne Sinnesempfindungen kein Wissen -- aber ein
bloßer Haufe von Empfindungen gibt für sich allein gar keine Kenntnis.
Erfahrungen sammeln, heißt aus den einzelnen Empfindungen einen
geordneten Zusammenhang aufbauen, in dem jede neue Wahrnehmung ihren
bestimmten Platz findet. Das Kausalgesetz ist eine der notwendigen
Voraussetzungen, ohne deren Anerkennung wir bloß ein loses Nacheinander
unverbundener Eindrücke, keine Welt miteinander zusammenhängender
Geschehnisse hätten. Ein solcher Spreusand von Erlebnissen, der
unter dem Erleben ins Nichts zerstiebte, würde der Möglichkeit
der Erfahrung widerstreiten. Das Kausalgesetz gehört also zu den
logischen Voraussetzungen der Erfahrung oder unserer Erkenntnis einer
Wirklichkeit. Was wir erkennen sollen, muß unter den Bedingungen
unserer Erkenntnis stehen; was diesen Bedingungen widerspricht,
kann gar nicht Gegenstand der Erkenntnis werden. Descartes hatte
gezeigt, daß das Denken das Allergewisseste ist, Kant machte diesen
Satz fruchtbar, indem er bewies, daß jede andere Gewißheit von der
Gewißheit der Grundsätze des Erkennens abhängig ist. Damit wälzte er
die ganze Art und Richtung der Betrachtung um. Vorher war man von
den _Dingen_ ausgegangen. Auch Descartes hatte vom Denken gleich den
Übergang zur Gottheit gesucht und aus ihr dann alles übrige abgeleitet.
Spinoza fragte nach der einen ersten Ursache, aus der alles andere
mit mathematischer Gewißheit folgt. Kant sucht in unserem _Geiste_
die innere Notwendigkeit, die uns dazu treibt, zu jeder Veränderung
die Ursache aufzusuchen. Er selbst verglich diese Umstülpung der
Betrachtungsweise mit der Leistung des Kopernikus, der an Stelle der
Erde die Sonne in den Mittelpunkt gerückt hatte. So hat Kant, um bei
unserem Beispiel zu bleiben, an Stelle irgendeiner ersten Ursache in
der Welt (einer göttlichen Ordnung oder einer rein im Stoffe gelegenen
ewigen Gesetzlichkeit) den notwendig nach Ursachen fortschreitenden
Geist in die Mitte der Ursachenforschung gestellt. Man hat dieser
Lehre zuweilen vorgeworfen, sie mache alle Gewißheit vom Menschen
und damit von der Willkür abhängig. Ein stärkeres Mißverständnis ist
kaum denkbar. Schon als wir das Verhältnis von Sokrates zu Protagoras
betrachteten, sahen wir, daß die Vernunft und ihre Gesetze zwar
im Geiste jedes einzelnen Menschen sich finden, aber doch von den
Eigenschaften und Merkmalen, die ihn zu einem besonderen Menschen,
zu Peter oder Paul machen, ganz unabhängig sind. Wenn wir auch nur
den einfachsten, alltäglichen Vorgang erkennen wollen, so müssen
wir versuchen, von unseren besonderen persönlichen Beziehungen dazu
abzusehen. Wir dürfen z. B. nicht unserer Neigung folgen, einen uns
unsympathischen Mann für den Urheber einer Übeltat zu halten. Jeder
Richter soll objektiv sein, wie man sagt, d. h. von den besonderen
subjektiven Neigungen und Abneigungen, die er wie jeder andere
mitbringt, absehen. Aber von den allgemeinen Sätzen der Vernunft, die
in uns allen die gleichen sind, kann und soll er nicht absehen, im
Gegenteil, er soll ihnen durchaus folgen. Ganz ebenso ist es in der
Naturforschung. Eine Mondfinsternis ist ein auffallendes Ereignis;
wenn sich kurz nach einer solchen etwas anderes Auffallendes, z. B.
eine Schlacht ereignet, so ist der Mensch ursprünglich geneigt, diese
beiden auffallenden Ereignisse in Verbindung miteinander zu bringen.
In der Tat glauben die meisten Völker an solche Zusammenhänge. Hat man
aber eingesehen, daß die Mondfinsternis Folge einer bestimmten, mit
berechenbarer Regelmäßigkeit wiederkehrenden Stellung von Sonne, Mond
und Erde zueinander ist, während jene Schlacht sich aus Gegensätzen
zwischen Fürsten oder Völkern erklärt, die mit Mond und Sonne gar
nichts zu tun haben, so wird man einen solchen Zusammenhang leugnen.
Kant hat also nicht im geringsten nach Art der Sophisten alle Wahrheit
von der Laune und Stimmung des einzelnen Menschen abhängig gemacht,
sondern er hat gezeigt, daß die in allen Menschen angelegte, aber nicht
in allen gleichmäßig entwickelte Vernunft die notwendige Voraussetzung
aller Erkenntnis ist.
[Kausaltheorie]
Wir müssen uns aber, um Kant völlig zu verstehen, daran erinnern,
daß er den englischen Empiristen doch ein ganz bestimmtes Recht
zuerkannte. Jeder Naturforscher ist überzeugt, daß eine von ihm
beobachtete Veränderung eine Ursache hat; und wenn er diese Ursache
nicht findet, so wird er nicht etwa an dem Gesetze der Kausalität
irre, sondern hält seine Kenntnis der Tatsachen für unvollständig. An
diesem Verhalten soll uns deutlich werden, daß aus dem allgemeinen
Gesetze der Kausalität allein die besondere Ursache in irgendeinem
einzelnen Falle nicht erschlossen werden kann. So bequem haben
wir es nicht, vielmehr erfordert es sorgsame Beobachtung, mühsame
Experimente, vielfache Überlegung und Berechnung aller einzelnen in
Betracht kommenden Umstände, um auch nur einen einzigen Zusammenhang
besonderer Ursachen mit ihren Wirkungen zu erkennen. Fruchtbar also
wird der Grundsatz der Verbindung von Ursache und Wirkung nur durch
Erfahrungen. Alle Erfahrungen aber vermitteln uns unsere Sinnesorgane,
deren Leistungsfähigkeit die moderne Wissenschaft darum durch Fernrohr,
Mikroskop und viele andere Mittel zu erhöhen sucht. Indessen, zu einer
Erfahrung im wahren Sinne des Wortes werden diese Sinneswahrnehmungen
nur durch die Grundsätze des Verstandes, als deren Beispiel uns der
Satz der Kausalität gedient hat. Unser ganzes Erkennen besteht also
darin, daß wir den stets sich häufenden Stoff der Sinnesempfindungen
in immer exakterer und bestimmterer Weise den Grundgesetzen unseres
Geistes unterwerfen. Dabei klären sich zugleich jene Verstandesgesetze
selbst. Irgendwie nimmt auch der roheste Mensch an, daß jede
Veränderung eine Ursache hat. Selbst im Märchen geschieht nichts ganz
Willkürliches, mögen die Ursachen im einzelnen noch so phantastisch
gedacht werden. Auch in jeder praktischen Arbeit setzt der Mensch die
Geltung des Kausalgesetzes voraus. Wer mit dem Hammer einen Nagel in
ein Brett schlägt, erwartet, daß die Wucht des Werkzeuges die Spitze
des Nagels in die Fasern des Holzes hineintreiben wird. Wenn trotzdem
der Nagel sich krümmt, so sucht er die Ursache dafür entweder in einer
Verhärtung im Holze oder in einer Schwäche des Nagels. Daß aber die
Einheit der ganzen Welt durch die Einheitlichkeit des Kausalgesetzes
zustande kommt, sieht erst die Wissenschaft ein. Auch ihr wird diese
Einheitlichkeit nicht wie ein Geschenk gegeben, sondern sie bemüht
sich darum, immer mehr die Fülle der Erscheinungen durch einheitliche
Naturgesetze zu verbinden. Was wir aber Naturgesetz nennen, ist nichts
anderes als ein allgemeiner Satz, der Ursache und Wirkung verbindet.
Die Naturgesetze sind also jene im Vergleich zum Kausalgesetz
besonderen, im Vergleich zu den einzelnen Tatsachen allgemeinen Sätze,
durch die wir den Stoff der Sinnesempfindungen der obersten Forderung
des Kausalgesetzes unterwerfen. Darum setzen wir auch voraus, daß sie
ausnahmslos gelten, und wenn wir Ausnahmen finden, so führen wir sie
entweder auf Durchkreuzung durch andere Naturgesetze zurück, oder wir
überzeugen uns, daß jenes scheinbare Naturgesetz kein solches war.
Was bei Spinoza am Anfang stand, die einheitliche Gesetzlichkeit der
ganzen Welt, die innerlich notwendige Verknüpfung aller Einzelheiten
zu einem Ganzen, das steht für Kant am Ende. Von einer »Welt« dürfen
wir aber im Grunde nur reden, wo alle Einzelheiten zu einem Ganzen
verknüpft sind. Man erkennt so, daß dem Menschen nicht eine fertige
Welt gegeben, sondern daß es seine Aufgabe ist, den gegebenen Stoff
sinnlicher Empfindungen immer vollständiger in die Einheit einer Welt
hineinzubauen -- wir dürfen sagen: Die Welt ist uns nicht gegeben,
sondern aufgegeben.
Es wird nötig sein, den ganzen Gedankengang, den wir an einem Beispiele
durchgegangen sind, nun allgemeiner zu wiederholen. Dabei werden
wir wichtige Bestandteile, die wir der Einfachheit wegen zunächst
absichtlich wegließen, nachholen müssen. Auch wird es zweckmäßig
sein, nunmehr wenigstens einige vielgebrauchte kantische Ausdrücke zu
erklären. Wir können von einer Fragestellung ausgehen, die Kant selbst
zum Zwecke einer leichteren Einführung in seine Lehre benutzt hat.[5]
Kant wollte wissen, warum die Metaphysik bisher immer Schiffbruch
gelitten hatte. Metaphysik beansprucht, sichere und allgemeingültige
Erkenntnisse zu besitzen. Nun gibt es Wissenschaften, die zwar nicht
das Ganze der Welt und sein Verhältnis zur Gottheit zum Gegenstande
haben, dafür aber auf ihrem engeren Gebiete jene Zuverlässigkeit und
Allgemeingültigkeit besitzen, die die Metaphysik vergeblich erstrebt.
Es sind dies die Mathematik und die mathematische Naturwissenschaft.
Wenn wir wissen, wie auf diesen Gebieten Erkenntnis zustande kommt,
dann werden wir auch einsehen lernen, warum es sich auf metaphysischem
Gebiet anders verhält. Es entstehen also zunächst drei Fragen, den
drei Wissenschaften entsprechend. Diese Fragen haben aber nicht alle
dieselbe Form. In Mathematik und Naturwissenschaft gibt es allgemein
anerkannte wissenschaftliche Sätze. Wer Euklids Geometrie oder Newtons
Physik verstanden hat, kann nicht mehr fragen, _ob_ hier Wissenschaft
möglich ist; denn er hat die Wirklichkeit dieser Wissenschaften
erkannt, und was wirklich ist, dessen Möglichkeit ist erwiesen. Hier
kann es also nur darauf ankommen, nachzuweisen, _wie_ diese Möglichkeit
zustande kommt. Anders steht es mit der Metaphysik. In ihren
Streitigkeiten hat es wenigstens bisher keine Entscheidung gegeben,
und viele haben infolgedessen an jeder Möglichkeit metaphysischer
Erkenntnis gezweifelt. Wir müssen also fragen, _ob_ Metaphysik als
Wissenschaft möglich ist. Sollte diese Frage verneint werden, so wäre
damit freilich noch nicht alles erledigt. Denn augenscheinlich liegt
doch tief in unserem Wesen begründet ein Bedürfnis nach Metaphysik;
wäre das nicht der Fall, so hätte die Menschheit längst von den
Bemühungen um eine solche Erkenntnis abgelassen. Kant selbst hat dieses
Bedürfnis im höchsten Grade gefühlt, er sagt einmal, er sei in die
Metaphysik verliebt. Die Tatsache dieses Bedürfnisses verlangt auch
dann und gerade dann eine Erklärung, wenn man eine wissenschaftliche
Metaphysik nicht für möglich hält. Wir verstehen jetzt die vier Fragen,
auf die Kant in der schon erwähnten späteren, leichter verständlichen
Darstellung den Inhalt der Kritik der reinen Vernunft zurückgeführt hat:
I. Wie ist reine Mathematik möglich?
II. Wie ist reine Naturwissenschaft möglich?
III. Ist Metaphysik als Wissenschaft möglich?
IV. Wie ist das Bedürfnis nach Metaphysik als Tatsache möglich?
[Fragestellung]
Zu erklären bleibt dabei nur noch das Wörtchen »rein« in der ersten
und zweiten Frage. Es bedeutet: unabhängig von jeder einzelnen
sinnlichen Erfahrung. Wir haben am Kausalgesetze gesehen, daß die
allgemeine Voraussetzung einer Verbindung von Ursache und Wirkung allen
Erfahrungen zugrunde liegt. Die Erfahrung, wenn wir unter diesem Worte
die Vereinheitlichung unserer verstreuten Empfindungen verstehen, ist
nur unter Voraussetzung des Kausalgesetzes möglich; dieses Gesetz ist
also von jeder besonderen Erfahrung unabhängig, es ist »rein« in dem
eben erklärten Wortsinne. Dagegen kommt jedes einzelne Naturgesetz, z.
B. daß der Magnet Eisen anzieht, erst durch Anwendung des allgemeinen
Kausalgesetzes auf einzelne Erfahrungen zustande. Diese Gesetze sind
also nicht mehr »rein«. Nur um jene reinen Voraussetzungen aller
Naturwissenschaft handelt es sich hier.
Wir gehen nunmehr die einzelnen Fragen durch und erklären Kants
Antworten.
I. Wie ist reine Mathematik möglich?